Das Haus am Rande unserer Welt - John Gordon - E-Book

Das Haus am Rande unserer Welt E-Book

John Gordon

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Beschreibung

Als der 16-jährige Dick Dodds eines Nachts durch ein Moor läuft, überquert er einen Pfad im schwarzen Schlamm. Aus irgendeinem Grund spürt er den eiskalten Schauder der »sich öffnenden Gräber«. Das Rätsel vertieft sich, als Dick das Mädchen Helen trifft. Sie hat etwas gesehen, das wie ein mit Seilen umwickelter Mann ohne Arme und Beine aussah, der über die Landschaft glitt … Nun werden die beiden von der schattenhaften Legende von König Johanns Schatz heimgesucht, der einst in den Sümpfen verloren ging. John Gordons schauriger Roman hat sich einen Ruf als Klassiker der Geistergeschichte im Stil von M. R. James erworben. Das Böse aus der Vergangenheit, das man besser in Ruhe lässt. Die Grenze zwischen Realität und Fantasie wird brüchig und beunruhigend für die Leser.  Rosemary Pardoe: »Die zwei besten Romane in der Tradition von M. R. James sind Our Lady of Darkness von Fritz Leiber und The House on the Brink von John Gordon.« The Times: »Beschwört eine Welt voller geheimnisvoller Bedrohung herauf.«

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Aus dem Englischen von Martin Ruf

Impressum

Die englische Originalausgabe The House on the Brink

erschien 1970 im Verlag Hutchinson.

Copyright © 1970 by John Gordon

Copyright © 1953 by Elliott Chaze

Copyright © dieser Ausgabe 2025 by Festa Verlag GmbH

Justus-von-Liebig-Straße 10

04451 Borsdorf

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

[email protected]

Lektorat: Felix F. Frey

Titelbild: Verena Tapper

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-98676-242-1

www.Festa-Verlag.de

1

Das Marschland war so flach wie das Meer. Die Frau, die die niedrige Uferböschung entlangging, drehte sich um und schaute zurück. Eine Reihe von Bäumen in der Ferne glich dem Schatten unter der Krone einer Welle, die vom Horizont heranrollt. Es gab nichts, was sie aufhalten konnte.

Es war ein heißer Tag, doch die Frau schauderte.

Sie wurde begleitet von einem Mann, der ein kleines Stück vorausging. Er hob die Arme und atmete tief ein. »Herrlich!«, sagte er.

Sie drehte sich um und sah in die andere Richtung. Das flache Land reichte bis zum Meer, wo es erst zu glitschigem Schlamm wurde, bevor sich weit draußen die See darüberlegte wie Glas.

»Herrlich!«, wiederholte der Mann.

Wo sie gingen, war das Gras grobfaserig, doch jenseits des Ufers bildete es üppige grüne Büschel, die glatt und schlaff waren, nachdem sich die Flut zurückgezogen hatte. Und jenseits davon wölbte sich der Schlamm sanft wie die Rücken von Seehunden. Nur an einer Stelle nicht. Irgendetwas ragte hervor, rundlich, aber unauffällig.

»Was ist das?«, fragte sie.

Er blickte in die Richtung, in die sie deutete. »Ich weiß es nicht. Ein Baumstumpf oder so etwas.«

»Tom!« Sie schrie fast, sodass er den Kopf zu ihr herumriss. »Das ist eine Leiche!«

Er lachte und fasste nach ihrer Hand. »Dazu ist es nicht groß genug.«

»Doch! Siehst du das nicht?«

»Nein, nein, nein«, wollte er sie besänftigen, doch sie ließ sich nicht davon abbringen. »In Ordnung. Ich werde es dir beweisen«, sagte er und zog die Schuhe aus.

»Du kannst da nicht rausgehen, Tom. Das ist gefährlich. Bitte, lass es.«

Aber er war schon barfuß und glitt die Uferböschung hinab. Der braune Schlamm quoll zwischen seinen Zehen nach oben und umschloss seine weißen Füße.

»Es ist tief«, sagte er, beugte sich vor und rollte die Hosenbeine hoch.

Die Frau auf der Böschung biss sich in die Knöchel ihrer geballten Faust, sagte jedoch nichts.

Er richtete sich auf und ging los. Der Schlamm war kalt und drückte sich fest gegen seine Füße, als wollte er verhindern, dass der Mann vorankam. Die Stelle wurde immer tiefer, und der Mann hätte am liebsten kehrtgemacht, doch sein Stolz trieb ihn weiter.

Der Stumpf war fast schwarz. Er ragte schräg nach oben und erhob sich nur zum Teil aus dem Schlamm; dunkler Tang klebte an ihm wie spärliches Haar. Wie Haar. Aber er war immer noch zu klein für eine Leiche.

Der Schlamm reichte dem Mann bis an die Knie, und er schwankte hin und her. Die letzten Meter würden schwierig werden.

»Nicht anfassen!« Ihre Stimme hinter ihm war so dünn, als striche Wind durchs Gras.

Ohne sich umzudrehen, winkte er ihr, um sie zu beruhigen.

Plötzlich verkrampfte sich seine erhobene Hand, als ob er darum kämpfte, das Gleichgewicht zu bewahren. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen. Sein Mund hatte sich zu einem Knurren verzogen, seine Augen starrten mit weißen Rändern. Denn der Stumpf bewegte sich, drehte sich und deutete wie ein schwarzer Finger auf ihn. Langsam, ganz langsam, und seine Füße hingen fest.

»Aaaaaah!« Der Laut aus seiner Kehle war zu schwach, um sie zu erreichen, doch sie konnte den Stumpf sehen. Sein abgeflachtes Ende schien den Mann eine weitere Sekunde lang zu suchen und ließ dann plötzlich von ihm ab. Ein leichtes Zittern durchlief den Stumpf, und schließlich senkte er sich sanft. Der Mann betrachtete ihn schwer atmend. Ein Baumstumpf, der im Schlamm feststeckte. Seit der letzten Flut fehlte nicht viel, dass er niedersackte. Jetzt hatte der Mann den Schlamm aufgewirbelt, und so war der Stumpf zur Ruhe gekommen.

»Komm zurück!«, rief sie in beschwörendem Ton.

Zuvor war seine Haut kalt gewesen. Jetzt schwitzte er. Er lachte über sich selbst und hob mühsam einen seiner Füße aus dem Schlamm, um zu ihr zurückzugehen.

»Nur ein Stück Holz«, rief er. »Genau wie ich es dir gesagt habe.«

Als er die Uferböschung hinaufkletterte, scherzte er: »Ein Stück Mooreiche ist keine Leiche.«

Aber sie war bleich. »Gehen wir zurück. Es ist mir egal, was es ist. Es ist böse.«

Er lachte, während er mehrere Hände voll Gras ausriss, um sich den Schlamm von den Füßen zu wischen. »Deine Fantasie!«, sagte er. »Manchmal setzt sie sogar mir zu.«

2

Im großen Zimmer wanderte die Sonne über den Teppich.

Eigentlich waren die Mitglieder des Abendkurses zu einer Party am Ende des Unterrichtsjahres in Mrs. Knowles’ Haus am Fluss zusammengekommen, doch alle verhielten sich noch immer wie im Unterricht zuvor und sprachen noch genauso über Literatur.

Mrs. Knowles versuchte, sich dem zu entziehen. Sie wollte etwas anderes hören. »Ich muss die Dinge wörtlich verstehen«, sagte sie. »Es nützt nichts, wenn man mir mit Theorien kommt.«

»Aber ich habe überhaupt nicht theoretisiert«, widersprach Miss West, die ein langes, kluges Gesicht hatte. »Ich habe nur versucht, ein wenig Intelligenz ins Spiel zu bringen.«

»Gefühle«, sagte Mrs. Knowles. »Empfindungen. Man muss ein Gedicht fühlen. Man kann es nicht analysieren.«

»Oh, ich bitte Sie«, erwiderte Miss West. Sie hielt sich sehr gerade auf ihrem Stuhl. Alles, was sie dem guten Aussehen und dem Reichtum von Mrs. Knowles entgegenzusetzen hatte, war ihre Klugheit. Sie benutzte sie wie ein Schwert. »Wenn man seine Intelligenz nicht einsetzt, ist das Ergebnis pure Rührseligkeit.«

Die Worte der beiden Frauen verrieten eine persönliche Betroffenheit, welche die anderen verstummen ließ. Rob Dawson, der Lehrer, rieb ein Streichholz mit gerade so wenig Kraft an der Reibfläche der Schachtel, dass es nicht zu brennen anfing.

»Vielleicht haben Sie ja recht.« Mrs. Knowles lächelte. Es war immerhin eine Party. Sie wollte nicht, dass alles verdorben wurde. Sie lehnte sich so weit nach vorn, bis die Sonne ihren Kopf beschien. Sogar in diesem hellen Licht verriet ihr Gesicht nur wenige Zeichen des mittleren Alters. »Wie denkt ein Mensch von 16 Jahren darüber, Mr. Dodds?«

Dick Dodds war auf diese Frage nicht vorbereitet. Doch die Sonne strahlte ihn direkt an, und er vermochte in das Licht zu blinzeln und so seine Miene zu verbergen. »Ich stimme Ihnen beiden zu«, sagte er. Die Bemerkung war verzweifelt und schwach, aber aufrichtig.

Rob Dawson lachte: »Sie werden jemanden von Dodds’ Charakter nicht aus der Ruhe bringen, Mrs. Knowles.«

Sie verstand ihn nicht und lehnte sich entmutigt auf ihrem Stuhl zurück.

»Coolness ist alles, nicht wahr, Dodds?« Der Lehrer riss sein Streichholz an, beugte seine Hakennase über die hakenförmige Pfeife und ließ aus beiden Rauch strömen.

»Oh, ich weiß nicht«, erwiderte Dick.

Rob Dawson war liebenswürdig und besser als die meisten, doch er wusste nicht so viel über seine Schüler, wie er dachte.

»Aber das, was Sie schreiben, Mr. Dodds«, meldete Mrs. Knowles sich wieder zu Wort. »Ihre brillanten Essays sind voller Gefühl. Sie müssen wissen, was ich meine.«

Der Abendkurs, der jetzt geendet hatte, war ein Erfolg für Dick Dodds. Rob Dawson hatte ihn dazu gebracht, teilzunehmen. (»Ältere Leute, Dodds. Es dürfte zwar ein wenig anstrengend für Sie werden, aber es kann Ihnen auf keinen Fall schaden.«) Zwei Mal hatte er etwas vorgelesen, das Dick geschrieben hatte.

Eine andere Teilnehmerin, es war Miss West, stimmte Mrs. Knowles’ Ansicht über die Essays zu, und wieder war er froh, dass die Sonne ihm ins Gesicht schien und er blinzeln und so seine Miene verbergen konnte.

Plötzlich wandte sich Mrs. Knowles direkt an ihn. »Mr. Dodds, der Fluss da draußen, ist er gut oder schlecht?«

»Schlecht.« Die Strudel in dem schlammigen Wasser waren wie dicke Seile, während der Fluss vor dem großen Haus vorbeiströmte. Kein Mensch hatte für ihn eine Bedeutung.

»Sehen Sie!« Mrs. Knowles hatte kleine, regelmäßige Zähne, die weiß aufblitzten, als sie lächelte. »Für einen Dichter wie Mr. Dodds haben sogar die Dinge selbst Gefühle. Und der Fluss ist schlecht. Ich wusste, dass er schlecht ist.«

Miss West seufzte. Sie würde sich nicht auf ein Streitgespräch darüber einlassen, ob bloße Gegenstände Gefühle hatten.

Doch Mrs. Knowles war nicht zu bremsen. »Mein Haus«, sagte sie, »hat eine gute Seite und eine schlechte. Der Fluss ist auf der dunklen Seite. Alles darin ist verdorben. Kürzlich habe ich gesehen, wie etwas an Land gespült wurde. Nur ein Stück Holz, doch der Fluss hat es böse gemacht.«

Ihre Wangen wurden ganz rot. Das alles war sogar ihr selbst peinlich, doch sie musste weitermachen.

»Und draußen, hinter meinem Haus«, ihre Finger deuteten auf das große, helle Fenster, »gibt es irgendwo in der Ferne etwas, das mir jedes Mal, wenn es erscheint, Hoffnung macht. Ich weiß nicht, was es ist, und nicht einmal, wo genau es sich befindet, aber manchmal ist da etwas, das im Mondlicht silbern aufleuchtet. In der Ferne. Ich nenne es die Silberfelder.« Sie verstummte.

Niemand hatte etwas zu sagen. Der Lehrer war gefordert. »Mir gefällt Ihre bildliche Vorstellung«, sagte er. »Dodds hier könnte etwas darüber schreiben. Es hört sich ganz nach ihm an.«

Es war spät, als sie aufbrachen. Die Sonne war hinter dem Haus versunken, und der Vollmond ging wie ein Gegengewicht auf der anderen Seite auf, sodass die Dächer der kleinen Stadt schwarze Umrisse vor dem fahlen Horizont bildeten. Der Fluss, der den Ort teilte, strömte in einem weiten Bogen fast direkt am Fuß des großen Hauses vorbei, doch das Wasser verbarg sich im tiefen Schatten zwischen seinen Ufern. Die Luft war immer noch heiß.

Dick und Mr. Dawson gingen zusammen bis zur Brücke.

»Ich habe das genossen, Dodds. Es gibt nichts Besseres, als die Sommerferien mit einer kleinen Party zu beginnen.«

»Ja.« Schüchternheit war der Grund dafür, dass Dicks Antworten so kurz ausfielen.

Mr. Dawsons Pfeife glühte rot auf neben seinem Kinn. Seine Gedanken galten dem Haus, aus dem sie gerade gekommen waren. »Heute Nacht habe ich gesehen, wie die andere Hälfte lebt«, sagte er. »Mit meinem Lehrergehalt werde ich nie so weit kommen.«

Dick lachte mit ihm.

»Aber, Dodds, sind die Reichen nicht verdammt neurotisch? Oder wenigstens reiche Witwen?«

»Nicht mehr als Lehrer.« Dick war selbst von seiner Bemerkung überrascht. Das letzte Wort kam kaum hörbar aus seinem Mund, als würde ihm der Atem dabei versagen.

Aber Rob Dawson lachte. »Touché«, sagte er. »Mrs. Knowles’ Sherry hat bei Ihnen offensichtlich gewirkt, Dodds.«

Dick murmelte etwas, doch seine Worte blieben ihm vor Verlegenheit fast im Hals stecken.

Mr. Dawson nahm seine Pfeife aus dem Mund und wischte Dicks Bitte um Entschuldigung beiseite. »Wenigstens mussten Sie sich nie anhören, wie ein alter, umnachteter Schulmeister von schwarzen Flüssen und silbernen Feldern faselt. Ich hatte erwartet, dass etwas wirklich Interessantes herauskommt, als sie auf dieses Thema eingeschwenkt ist, aber plötzlich sagte sie kein Wort mehr dazu.«

»Ja.« Antworten, die nur aus einem einzigen Wort bestanden, waren am sichersten.

Sie erreichten die Brücke, einen einzelnen Betonbogen, der beide Hälften der Stadt verband wie die fadendünne Stelle im Unterleib einer Wespe.

Der Lehrer blieb stehen. Offensichtlich wollte er eine andere Route einschlagen als Dick.

»Trotzdem«, sagte er, »sollten Sie nie vergessen, dass dieses Marschland etwas ganz Besonderes an sich hat. Es hat viel damit zu tun, wie die Leute sich verhalten.«

»Vermutlich«, antwortete Dick, als müsste er sich verteidigen. Leute, die aus anderen Orten kamen, fanden die Marschen seltsam und erwarteten, dass die Menschen genauso seltsam waren.

»Aber ich habe die Gegend hier schätzen gelernt«, sagte der Lehrer. »Im Sommer jedenfalls.« Er sog an seiner Pfeife. »Ich mag sogar das Bier.«

Genau an das dachte er gerade. Auf der anderen Straßenseite stand die Tür des Falcon von gelbem Licht erfüllt offen.

»Zeit für ein paar Gläser«, sagte er. »Genießen Sie Ihre Ferien.«

»Ja«, erwiderte Dick. »Gute Nacht.«

3

Dick stand allein auf der Brücke. Es war, als beendete er ein Buch oder käme aus dem Kino und hätte niemanden, um darüber zu sprechen. Man blieb mit einem Kopf voller Leidenschaften in einer stumpfen Welt zurück, die nicht darauf einging. Inzwischen war es zu spät für das Parktor; niemand wäre mehr dort. Aber die Nacht forderte noch etwas von ihm.

An jedem Ende der Brücke bildete die Betonbalustrade eine kleine Nische mit jeweils zwei Lampen. Acht Lampen leuchteten fahl – und er war der einzige Schauspieler auf der Bühne. Er lehnte sich an den Beton und sah darüber hinaus. Der Fluss strömte in einem schmalen und tiefen Kanal durch die Stadt; er schwoll an und leerte sich mit den Gezeiten der fernen See. Jetzt war er voll. Die Flut hatte das Wasser steigen lassen, sodass es nur bis wenige Meter unter die Höhe der Straße reichte, die daran entlangführte. Der Fluss selbst schien wie eine Straße, doch die Lampen auf der Brücke und an seinem Rand beschienen ihn. Nicht böse. Glamourös. Wie ein Kanal in Venedig. Wasserstraßen mussten wie Straßen nach dem Regen aussehen.

»Regengesichtiges Venedig«, sagte er. Mrs. Knowles hätte der Ausdruck gefallen, selbst wenn ihr dunkler Fluss die Inspiration dazu war. Doch der Ausdruck stand für sich allein. Er führte zu nichts.

Dick seufzte, fuhr sich mit der Hand ins Haar, ließ es sich in die Stirn fallen und spähte hindurch und hinauf zum Mond. Die Geste eines Menschen, der allein und unbeobachtet ist.

Er verließ die Brücke und ging flussabwärts. Die Gebäude drängten sich so dicht an die Straße, dass der Gehweg über den Fluss ragte, doch als die Innenstadt hinter ihm lag, erweiterte sich die Straße zu einem breiten Kai. Der Kai war auf einer hohen Böschung errichtet worden, die auf der flussabgewandten Seite steil zu einer Reihe kleiner Häuser hinabführte. Von ihren Schlafzimmerfenstern aus konnte man gerade noch über die Böschung hinwegschauen. Boote trieben fast auf der Höhe der Dachspitzen.

Von der Stadt her begann die Uhr im Turm der Institute Hall die Stunde zu schlagen. Zehn Uhr, eine gerade Zahl. Er warf einen Blick zurück auf das gelbe Mondgesicht des Ziffernblattes unter der Turmspitze und wartete. Es entstand eine Pause, und dann setzten die Glocken wieder ein und stimmten stolpernd eine kirchliche Melodie an. Sie taten das jede zweite Stunde, Tag und Nacht. Ein klarer Klang, der mechanisch erzeugt wurde und so unbeachtet blieb wie eine Glockenboje auf dem einsamen Meer.

»Ozeansuchende Musik«, murmelte er. Er ließ seine Gedanken den Fluss entlang und hinaus ins Marschland schweifen, während er zuhörte.

Schwarze Boote, die in der Nähe festgemacht waren, ruhten bewegungslos auf der Wasseroberfläche. Und die Mutprobe fiel ihm ein.

Plötzlich atmete er schwer. Die Mutprobe beschleunigte seinen Herzschlag, und dann kamen die Skrupel eines Feiglings.

Ein Boot stehlen. Nein, nein.

Aber auf dem Kai ist niemand. Eine Einladung. Ein Boot losbinden. Und dann bis zur ersten Biegung und wieder zurück, um sich zu beweisen.

Nein, geh zurück. Die Stadt ist sicher.

Sicher für Feiglinge. Eine ewige Quälerei.

Na gut. Eine Abmachung. Ich gehe 50 Schritte. Wenn dort ein Boot ist, das ich verwenden kann, werde ich es tun. Wenn nicht, bin ich frei.

Einverstanden.

Dick ging weiter und zählte dabei seine Schritte. Er kam an zwei Jollenkreuzern vorbei. Beide zu groß. Etwas entfernt lag noch einer. Dann viele Meter weit nichts. Er erreichte den dritten Jollenkreuzer, und sein Atem fand mühsam zu einem leichteren Rhythmus. Aber es gab kein Entkommen. Halb von ihr verborgen, lag ein kleines Ruderboot neben der Jolle und wartete auf ihn.

Tu’s jetzt.

Rasch sah er sich auf dem Kai um. Noch immer allein. Er trat an den Rand. Der Jollenkreuzer hatte die Fender zu Wasser gelassen und befand sich wegen einiger Balken, die im Wasser schwammen, sogar noch weiter vom Kai entfernt. Mehrere Meter weit. Aber an der Überdachung der Plicht befanden sich Haltegriffe, und es gab einen Sims für seine Füße. Er sprang, die Hände nach den Griffen ausgestreckt. Seine Füße landeten dumpf auf dem Deck.

Ein kleines Schiff ist eine schwimmende Trommel. Der Aufschlag hallte darin wider, und in diesem Augenblick schien es ihm, als wären Menschen an Bord. Er hielt sich fest, und die Angst entblößte ihn von allem, als streifte man sämtliches Fleisch von einem Skelett. Bei jeder Mutprobe gab es einen Punkt, an dem so etwas geschah.

Noch immer hielt er sich fest. Nichts rührte sich. Die Jolle war verlassen. Mit steifen Armen und Beinen schob er sich die Überdachung entlang und sah hinab ins Boot. Obwohl er flach atmete, hielt er nicht inne. Er glitt ins Boot und kauerte sich zusammen. Das Boot schaukelte, und die gerippten Seitenwände klatschten auf das Wasser und erzeugten kleine Wellen, die jedoch schnell wieder verschwanden. Er verharrte regungslos, und sein Atem wurde zum zweiten Mal ruhiger.

Der Triumph erfüllte ihn mit einem wärmenden Gefühl. Die Hälfte seiner Prüfung lag hinter ihm. Und jetzt zur Flussbiegung und wieder zurück.

Die Fangleine des Boots war an einer Klampe des Jollenkreuzers befestigt, und er musste sich nach oben recken, um sie abzustreifen, und danach das Tau am Heck lösen. Nun beeilte er sich. Er stieß sich ab, griff nach einem Ruder und hob das Ruderblatt auf das Dollbord. Er tastete nach dem anderen Ruder, doch da war nichts außer dem Schatten an der Innenseite des Boots. Es gab nur ein Ruder im Boot.

Mit einem Murmeln unterdrückte er seine Panik. Ein Ruder war genug. Er hatte gesehen, wie Männer ein einzelnes Ruder einsetzten: Am Heck gab es eine Halterung. Er schob das Ruder hinein, richtete sich auf und senkte das Ruderblatt ins Wasser.

Das Boot setzte sich in Bewegung. Er drehte das Ruderblatt, während er es hin und her durch das Wasser zog, und brachte das Boot unter seine Kontrolle. Er hatte ein Talent entdeckt.

Jetzt, da er ruhiger geworden war, konnte er seine Fahrt planen. Der Jollenkreuzer lag schon etwas zurück und war trotz des Mondlichts nur schwer auszumachen. Er brauchte eine Markierung für seine Rückkehr und merkte sich die Position der Jolle im Verhältnis zu den schwarzen Dächern dahinter. Direkt unter der Ruderhalterung konnte er am Heck seines Boots einige eingravierte Buchstaben erkennen, und er beugte sich hinab, um sie zu lesen. »Fender der Sea Mist.« Der Name der Jolle. Das konnte hilfreich sein.

Er sah auf. Ein Getreidesilo an der gegenüberliegenden Seite des Flusses war ein Stück weit stromaufwärts gerückt. Die Ebbe hatte eingesetzt. Rechts und links von ihm bildeten sich kleine Strudel; der Fluss wurde aufgewühlt, doch noch strömte er nicht mit aller Macht zurück durch den Kanal dem Meer zu.

Dick senkte das Ruder energisch ins Wasser. Die Häuser blieben hinter ihm zurück. Zu seiner Linken erhob sich eine grasbewachsene Böschung und ließ die flachen Felder dahinter verschwinden, doch der Kai zu seiner Rechten erstreckte sich noch ein Stück weiter.

Er trieb an einem Holzlager vorbei; weiß schimmerten die Bretter im Mondlicht. Etwas voraus befanden sich die Tanks des Öllagers. Ein Tanker ankerte an der Mole. Noch weiter voraus reichte das Gras auf beiden Seiten bis direkt an das Flussufer.

Das Rudern ermüdete ihn. Er hielt inne. Er befand sich mitten auf dem offenen Wasser. Verletzlich. Bis zum Tanker wäre weit genug.

Jetzt, da er das Rudern gemeistert hatte, fiel es ihm leichter. Das Zifferblatt der Uhr in der Stadt war klein und unlesbar. Dann wurde es vom Holzlager verdeckt. Der Mond war dick und golden, der Fluss stand hoch und voll. Die venezianische Wasserstraße verlockte ihn weiterzureisen. Doch der Tanker ragte vor ihm auf, und er senkte das Ruder, um mit dem Boot darauf zuzusteuern.

Er überquerte den Fluss in einem weiten Bogen und kam dabei schneller voran, als er erwartet hatte, und plötzlich bestand die Gefahr, dass er das Schiff seitlich rammen würde. Er versuchte zwei Dinge auf einmal, steuerte mit dem Ruder in der einen Hand und schob die andere Hand vor, um den Bug wegzulenken. Doch er musste sich zu weit strecken und stand mit gespreizten Armen und Beinen mitten im Boot, als sein Bug gegen die kalten Stahlplatten krachte.

Der Aufprall brachte Dick aus dem Gleichgewicht, und als er stürzte, umschloss der Fluss das Ruderblatt und riss ihm das Ruder aus der Hand. Er lag auf dem Rücken und sah, wie der Schaft vor dem Himmel vorbeiglitt.

Er streckte die Hand danach aus, doch es war sinnlos: Er hörte das Platschen, bevor es ihm gelang, sich aufzurichten. Dann beugte er sich über die Planken, die sich hart in seine Rippen drückten. Aber das Ruder war nicht mehr da; es war, in kleine Wellen gebettet, verschwunden. Und viele Meter Wasser lagen zwischen ihm und dem Schiff.

An Deck gab es einige Lichter, und die Bullaugen der Besatzungsquartiere schimmerten gelb. Er sah, wie sich in einer Kabine ein Kopf bewegte. Die Schiffsgeneratoren hämmerten, und man hörte das schwache Pfeifen und Brummen der Motoren. Er packte die Seite des Boots, und eine Woge der Angst rollte über ihn hinweg.

Und plötzlich war die Angst verschwunden. Er war nicht in Gefahr. Es war ein Witz.

Dick schob seinen Jackenärmel so weit hoch wie möglich und senkte die Hand ins Wasser. Kräftig und rasch paddelnd bewegte er sich auf das Schiff zu. Er glaubte ein Seil zu erkennen, an dem er sich festhalten könnte. Rasch wechselte er die Seite, um seinen Bug auf Kurs zu halten, doch er konnte das Schaukeln nicht ausgleichen, und der aufgeblähte Bauch des Flusses wölbte sich auf eine hinterhältige Weise, die das Schiff endgültig für ihn unerreichbar machte. Die geriffelte Oberfläche des Flusses pulsierte, als das Wasser in Richtung Meer zu drängen begann.

Keuchend lehnte er sich zurück. Um Hilfe rufen?

Er war nicht in Gefahr. Es gab schlimmere Dinge, vor denen man Angst haben musste.

Er sprach laut: »Bootstehler, Ruderdieb, du hast keine Freunde!«

Er rechnete. Noch strömte der Fluss nicht besonders schnell dahin. Wahrscheinlich würde er an der Biegung näher an die Uferböschung gedrückt werden. Ein verzweifeltes Paddeln könnte vielleicht ausreichen. Bis es so weit war, wollte er sich schonen. Also lehnte er sich zurück und wartete, während das Boot flussabwärts mäanderte.

An der Biegung entwickelten sich die Dinge in seinem Sinne. Das Boot, sein Freund, glitt von der Mitte des Flusses auf die Uferböschung zu, und sogar der Bug richtete sich aus, um ihm zu helfen. Auf den Planken kniend paddelte er mit aller Kraft, und das Gras kam in Reichweite. Er stürzte sich mit ausgestreckter Hand nach vorn. Ihm wurde warm vor Erleichterung. Er streckte sich noch weiter.

Unter ihm fand die Strömung ein Riff aus Schlamm, wirbelte darüber hinweg und riss ihn vom Ufer fort.

Schluchzend rang er nach Atem. Er war nicht sicher, ob er weinte, als das Wasser ihn sanft flussabwärts trieb.

Die Biegung lag hinter ihm. Die Stadt war ein Lichtbogen am Himmel, und kein Laut erreichte ihn. Jetzt, in dieser Einsamkeit, laut zu rufen, würde ihn nur selbst mit Schrecken erfüllen. Er kauerte sich zusammen und umschloss eine Ruderbank mit Armen und Beinen. Sein Mund drückte sich gegen das Holz, und Speichel tropfte heraus wie bei einem Baby. Es war ein Trost. Verabscheuungswürdig. Er setzte sich auf.

Der Mond schien ihm direkt ins Gesicht. Verschluckte ihn. Er ließ die Entfernungen verschwinden, als bräuchte Dick nur die Arme auszustrecken und könnte beide Uferböschungen mit den Händen packen.

Morgen würde Jim lachend sagen: »Du wirst dich eines Tages noch umbringen, Doddsy.«

»Aber nicht heute Nacht, Jimmy, mein Kumpel.«

Dick warf einen Blick über die Seite des Boots. Der Fluss, der bei Tag braun von aufgewirbeltem Schlamm war, besaß nachts einen schwarzen Glanz, in dem überall kleine Strudel auftauchten, als seine Geschwindigkeit zunahm. Er würde nicht versuchen, ans Ufer zu schwimmen. Der Fluss hatte schon zu viele Menschen geholt.

Er trieb hinaus auf die Marschen zu. Manchmal konnte er das flache Land jenseits der niedrigen Uferböschung sehen. Der Fluss strömte geradeaus. Dick wusste, dass es kaum eine Biegung während der sieben Meilen bis zu den Marschen und dem sanften Klatschen der Meereswellen geben würde.

Das Boot begann sich langsam zu drehen, und als er einen Blick zurück zur Stadt warf, sah er die Scheinwerfer eines Autos. Eine Chance. Die Lichter verließen die Stadt und näherten sich von der Seite her dem Fluss, als suchten sie nach ihm. An dieser Stelle reichte die Straße fast direkt bis ans Wasser. Die Lichter waren groß und mächtig.

Er stand auf und winkte mit den Armen. Sogar im Mondlicht zog das Scheinwerferlicht eine scharfe Linie über den Fluss und beleuchtete die gegenüberliegende Uferböschung. Doch nur weit über seinem Kopf. Es berührte nicht einmal seine Fingerspitzen.

Und fast wäre er gefallen. Rasch setzte er sich. Ihm wurde übel.

Das Boot drehte sich.

Irgendwo in der Ferne beschleunigte ein Motorrad. Dann wurde die Maschine gedrosselt und gleich danach wieder auf Touren gebracht, und schließlich änderte sich das Geräusch über eine lange, gerade Strecke hinweg nicht mehr, bis der Motor verklungen war. Wenn er in einer Sommernacht im Bett lag, hatte er oft auf den fernen Verkehr gelauscht, auf nächtliche Reisende, die in wenigen Minuten viele Meilen hinter sich brachten. Jetzt war es so weit, dass er sich ihnen anschloss.

Und am nächsten Morgen …

4

… stand er am Parktor.

»Gott sei Dank scheint die Sonne«, sagte er.

Jim Peters lachte. »Ich glaube, du bist ein Lügner.«

»Nein. Den ganzen Weg bis zum Meer«, sagte Dick. »Aber es war vollkommen ruhig. Und dann wechselten die Gezeiten, und ich wurde an Land gedrückt.«

»Aber hast du nicht gerufen?«

»Ich habe die ganze Nacht lang gerufen, als ich hinaus aufs Meer getragen wurde. Aber niemand hat mich gehört.«

Jim war kräftig gebaut, doch wenn er lachte, klang seine Stimme unerwartet hoch. »Du wirst dich eines Tages noch umbringen, Doddsy.«

Das Parktor war ein niedriges Feldtor aus Eisen. Pat, die neben Jim darauf saß, versetzte ihm einen Klaps. »Halt die Klappe, Jim!«, sagte sie.

Jim genoss die Situation. »Du bist bleich, Doddsy. Glaubst du, dass sie inzwischen hinter dir her sind? Was wirst du der Polizei sagen?«

Dick gähnte. Er war besorgt.

»Ich kann einfach nicht aufhören zu gähnen. Ich habe nicht viel Schlaf bekommen. Es ist ein langer Weg von der Küste.«

»Wann bist du zurückgekommen?« Jim hatte eine Art an sich, seine Stirn in Falten zu legen, dass seine grauen Augen sogar dann besorgt wirkten, wenn er lachte.

»Gegen fünf.«

»Armer Junge. Aber du hast Glück, dass die Polizei dich nicht geschnappt hat.«

Dick versuchte, seine alte Form wiederzufinden. »Jedes Mal wenn ein Auto gekommen ist, habe ich mich im Graben versteckt.« Er gähnte. »Gott sei Dank scheint die Sonne«, wiederholte er.

»Du hast Glück, dass du sie sehen darfst«, sagte Jim.

Pat schauderte. »Dieser Fluss«, sagte sie. »Er macht, dass ich mich schrecklich fühle.«

»Fass ihren Arm an«, sagte Jim. »Die reinste Gänsehaut.«

»Behalte deine Hände bei dir.« Sie war klein, hatte langes blondes Haar und war es gewohnt, Jim zu schikanieren. Sie glitt vom Tor und schüttelte ihre Hüften, damit ihr Rock wieder glatt wurde. »Kaffee«, sagte sie. »Kommt mit.«

»Vergiss nicht, wir müssen los und nach dem Boot suchen«, sagte Jim.

»Ich habe Durst.«

Die beiden wandten sich Dick zu. Er machte keine Anstalten, mit ihnen zu kommen.

»Du hast Ringe unter den Augen«, sagte Pat. »Du siehst fürchterlich aus.«

»Und ich habe immer gedacht, sie findet dich attraktiv«, sagte Jim.

Dick schaffte es, zu lächeln. Rasch warf er den beiden einen Blick zu und sah dann in Richtung Park. Der Park bestand aus einem breiten, flachen Feld, das von Bäumen umringt war. Ein Stück freies Land, das die Stadt eingekreist, aber noch nicht verschlungen hatte. Keine Sträucher, keine Blumenrabatten. Es musste die Erschöpfung sein, die alles so winzig aussehen ließ; Miniaturmenschen auf smaragdfarbenem Gras, brüchige Bäume, die glitzerten. Er biss die Zähne zusammen, bis sein Kiefer schmerzte.

Pat sah, wie sich seine Wangenmuskeln abzeichneten. »Was ist?«, fragte sie.

Dick schaute immer noch in Richtung Park. »Ich habe das Boot ein gutes Stück weit das Ufer hinaufgewuchtet, bevor ich es festgemacht habe. Es sollte immer noch dort sein.«

»Das hast du schon gesagt«, erwiderte Jim.

»Dann musste ich mich durch den Schlamm durchpflügen.« Auch das hatte er ihnen schon erzählt, aber sie hörten ihm zu. »Ich ging ungefähr in Richtung des alten Leuchtturms. Schlamm bis zu den Knien. Doch es gab auch einige Streifen Gras, und an die hielt ich mich, so gut ich konnte. Aber dann kam ich an eine große, breite Schlammfläche.«

Die Sonne überzog das Gras im Park mit ihrem Glanz. Der Mond hatte den Schlamm silbern schimmern lassen.

»Aber sie war nicht allzu tief. Nur bis knapp über meine Schuhe. Ich überquerte sie ohne Weiteres.«

Er wandte sich den beiden zu. Sein Gesicht war bleich, aber glatt. Sein Blick hielt beide fest.

»Auf halber Strecke war etwas, das ich nicht verstehen konnte. Eine kleine Aushöhlung, von der eine Spur wegführte. Etwas war herausgekommen und über den Schlamm geglitten.«

Pat und Jim standen dicht beieinander. Ihre halb vom Rock verborgene Hand tastete nach Jims Fingern und umklammerte sie.

»Ich konnte es nicht verstehen; ich verstehe es immer noch nicht«, sagte Dick.

»Könnte ein Aal gewesen sein«, sagte Jim.

»So dick wie ein Mensch?«

Pat stand völlig reglos da. Jim grinste verlegen. Doddsy, dachte er, du siehst viel zu unschuldig aus, wenn du deine Augenbrauen so hebst wie jetzt. In dir steckt irgendetwas Verrücktes, und ich werde mich nicht darauf einlassen. Er grinste noch breiter als zuvor, und es schien zu wirken.

Dick hielt seinem Blick noch einen kurzen Moment lang stand und sah dann zu Boden. »In Ordnung. Kaffee«, sagte er.

»Einen Augenblick noch!« Pat rührte sich nicht von der Stelle. »Was ist dann passiert?«

»Das werde ich euch sagen.« Rasch wandte sich Dick wieder den beiden zu. »Ich bin auf die Spur getreten.«

Er musste nach Worten suchen.

»Friedhöfe«, sagte er. »Als öffneten sich Friedhöfe. Ich war mitten unter den Toten.«

Jim sah den Verrückten an. Dodds war dünn und etwas mehr als mittelgroß, doch jetzt beugte er sich vor, als zwänge ihn jeder Nerv in ihm, sich zu krümmen.

»Ich verstehe dich nicht, Doddsy.«

»Ich bin auf diese Spur getreten, und sie schien den Mond auszulöschen. Alles wurde dunkel. Mir wurde kalt und ich erstarrte, und dann bin ich gestürzt. Ich muss gestürzt sein. Ich lag auf Händen und Knien nicht weit von der Spur entfernt und konnte den Mond auf meinem Rücken spüren.«

Pat wollte nur noch weg. Ihr Ton war höhnisch. »Du hast den Mond gespürt?«, fragte sie. »Mondlicht ist nicht warm.«

»Nein. Aber ich bin aufgestanden und habe ihn lange Zeit angesehen. Ich habe sozusagen mondgebadet.«

Die schlammbedeckten Hände seitlich ausgestreckt, hatte er dagestanden und gleichsam von Angesicht zu Angesicht die gewaltige Scheibe angestarrt, die sich gesenkt hatte, sodass sie auf einer Höhe mit ihm war und ihr Rand den Horizont berührte.

»Und dann bin ich wieder auf die Spur getreten.«

»Ich weiß nicht, was mit dir los ist, Doddsy«, sagte Jim.

»Ich musste es ausprobieren. Es kam wieder. Wie ein Albtraum.«

Und dann hatte Dick genug.

Er streckte sich und fuhr sich mit den Händen durch das Haar.

»Was ist dann passiert?«, fragte Jim, aber Pat griff ein.

»Ihr seid morbid! Alle beide!«

Sie wäre weggegangen, doch Jim hielt sie fest bei der Hand.