Das Haus der schwarzen Schwäne - Jelle Behnert - E-Book
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Das Haus der schwarzen Schwäne E-Book

Jelle Behnert

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Beschreibung

Der Aufstand der Spitzenklöpplerinnen. Tøndern 1693, ganz Europa ist verrückt nach Spitze. Doch bei der Herstellung der filigranen Stoffe werden Tausende von Mädchen in Fabriken ausgebeutet und unterdrückt. Falka ist eine von ihnen. Nach dem Tod ihres Vaters hat sie die Heimat verlassen, um in Tøndern ihren Lebensunterhalt durch Klöppeln zu verdienen. Aber anders als ihre Leidensgenossinnen fügen sich Falka und ihre Freundinnen nicht ihrem Schicksal, sondern wagen etwas nie Dagewesenes: Sie lehnen sich gegen die Herrschenden auf. Und während sich auf der Weltbühne der Große Nordische Krieg anbahnt, kämpfen die Frauen ihre eigene Schlacht. Ein sprachgewaltiger historischer Roman über die Blütezeit der Spitzenmanufaktur.

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Seitenzahl: 629

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Über Jelle Behnert

Jelle Behnert wurde 1962 geboren, studierte in Berlin Publizistik und Literaturwissenschaften, schrieb danach u.a. für das Zeit-Magazin sowie Features für den Hörfunk und Drehbücher. »Liebe Steine Scherben« war ihr Debüt.

Informationen zum Buch

Der Aufstand der Spitzenklöpplerinnen

Tøndern 1693, ganz Europa ist verrückt nach Spitze. Doch bei der Herstellung der filigranen Stoffe werden Tausende von Mädchen in Fabriken ausgebeutet und unterdrückt. Falka ist eine von ihnen. Nach dem Tod ihres Vaters hat sie die Heimat verlassen, um in Tøndern ihren Lebensunterhalt durch Klöppeln zu verdienen. Aber anders als ihre Leidensgenossinnen fügen sich Falka und ihre Freundinnen nicht ihrem Schicksal, sondern wagen etwas nie Dagewesenes: Sie lehnen sich gegen die Herrschenden auf. Und während sich auf der Weltbühne der Große Nordische Krieg anbahnt, kämpfen die Frauen ihre eigene Schlacht.

Ein sprachgewaltiger historischer Roman über die Blütezeit der Spitzenmanufaktur

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Jelle Behnert

Das Haus der schwarzen Schwäne

Roman

Inhaltsübersicht

Über Jelle Behnert

Informationen zum Buch

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Kapitel 1 Das Grauen

Kapitel 2 Der Angstmann

Kapitel 3 Das Auge

Kapitel 4 Die Mädchen

Kapitel 5 Der Sonntag

Kapitel 6 Das Brautkleid

Kapitel 7 Die Verschwörung

Kapitel 8 Der Winter

Kapitel 9 Die Tagundnachtgleiche

Kapitel 10 Der Schock

Kapitel 11 Die Sandhochzeit

Kapitel 12 Die Todsünder

Kapitel 13 Der Gauch

Kapitel 14 Die Eiskinder

Kapitel 15 Der Nachtmahr

Kapitel 16 Der Schleier

Kapitel 17 Die Windmühle

Kapitel 18 Die Tollschönen

Kapitel 19 Das Hurenhaus

Kapitel 20 Der Schrei

Kapitel 21 Das Feuer

Kapitel 22 Die Zerrissenen

Kapitel 23 Der Duttenkragen

Kapitel 24 Die Kindheit

Kapitel 25 Der Falke

Kapitel 26 Das Bildnis

Kapitel 27 Die Glutnester

Kapitel 28 Die Mannsnacht

Kapitel 29 Der König

Kapitel 30 Die Heimsuchung

Kapitel 31 Die Reise

Kapitel 32 Der Fischregen

Kapitel 33 Die Weihnächte

Kapitel 34 Die Winterarie

Kapitel 35 Die Inquisition

Kapitel 36 Das Mädchenreich

Kapitel 37 Das Gefängnis

Kapitel 38 Die Feindseligen

Kapitel 39 Der Ruin

Kapitel 40 Der Beistand

Kapitel 41 Die Hundstage

Kapitel 42 Der Altweibersommer

Kapitel 43 Die Festung

Kapitel 44 Die Allerseelennacht

Kapitel 45 Das Autodafé

Kapitel 46 Das Schicksal

Kapitel 47 Die Jahrhundertnacht

Kapitel 48 Das Matriarchat

Kapitel 49 Die Schlacht

Kapitel 50 Der Leviathan

Kapitel 51 Das Vermächtnis

Kapitel 52 Der Krieg

Kapitel 53 Das Ende

Impressum

Ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Was ist schön?

Fragt den Teufel. Er wird euch sagen:

Das Schöne sind zwei Hörner,

vier Pfoten mit Krallen

und ein Schwanz.

Voltaire

Philosophisches Wörterbuch

1 Das Grauen

Ein Mädchen ging in der Finsternis über den Meeresboden.

Wind drosch auf sie ein, Sand schmirgelte an ihrem Kleid. Es hing wie eine Rüstung an ihr, die sie mit jedem Schritt vorwuchtete, rechtes Bein und rechter Arm vor, linkes Bein und linker Arm vor, ein mühseliger, schwankender Gang, aber das Mädchen war an die Kräfte des Windes gewöhnt, es kam voran und stakte eine Grabschaufel in den Schlick. In dieser mondlosen Nacht verriet ihr nur der Wind, wohin sie ging, und nur mit den Füßen spürte sie, dass sie nicht die einzige Kreatur hier war. Die Würmer waren so zahlreich wie die Sterne und gingen nie zur Neige.

Ein bleicher Streifen erschien am Horizont, er war schmal wie eine Gräte. Als das Mädchen ihn sah, stand es still. Es trug eine Haube aus schwarzem Tuch, die den Kopf verhüllte und nur einen Spalt zum Spähen offen ließ. Der Stoff dämpfte das Windgeheul, und der Sand prallte davon ab. Aus der Tiefe seiner Haube schaute das Mädchen auf das Grauen, das zart zum Vorschein kam. Die gewaltige Nacht, die sich darüber türmte, wollte es erdrücken.

Da holte das Mädchen Luft und hauchte: »Aaahhh Falkaaahhh«, und machte das Morgengrauen zu seiner Schöpfung.

Die Gräte am Horizont dehnte sich in die Breite aus und bog sich in die Höhe. Die Finsternis wich immer mehr zurück, es wurde Licht. Eine endlose graue Ebene tat sich auf. Sie war übersät mit Sandschleifen, jede war das Werk eines Wurms.

Falka stieß mit der Grabschaufel zu. Es schmatzte, als sie die Schaufel hievte und den Schlick darin umkippte. Mit scharfen Augen erspähte sie einen Wurm, so fett wie ein Finger. Der Wurm hatte den Drang, wieder ins Dunkel zu kommen. Falka pflückte ihn auf und warf ihn über ihre Schulter in den Korb. Unermüdlich schaufelte sie den bleischweren Schlick und entriss ihm seine Würmer. Als die Morgenröte kam, glänzte das Watt wie eine Perlmuttschale, in die sich Blut ergoss.

Am Mittag waren die Wolken weiß wie Fischbäuche. Falka saß daheim im Hof und schlitzte emsig Würmer auf. Sie hatte eine Holzplanke auf den Schenkeln liegen. Wenn sie die Würmer auf die Planke legte und zusah, wie sie sich wanden und ihre Mäuler dehnten, wunderte sie sich, dass diese Kreaturen ihr Leben lang in einer Höhle lagen und nicht das Geringste tun mussten, denn der Sand sackte ihnen ins offene Maul. Der Meeresboden sorgte für jeden Wurm und fütterte ihn immerfort mit Sand, dafür wälzten alle Würmer zusammen den Meeresboden um. Immer wenn Falka eine neue Handvoll Würmer aus dem Korb holte, liebkoste sie das lebende Gewimmel, das sie töten musste. Die aufgeschlitzten Würmer tauchte sie in den Wassertrog und wedelte den Sand aus ihren Eingeweiden. Dann kamen sie in den Topf.

Später zischten sie im Tranfett. So zerschnippelt und in Kräuter gemengt, sahen sie gar nicht mehr aus wie Würmer. Aber es waren Würmer. Sechs Kinderaugen starrten in die Pfanne. Falka hatte drei jüngere Schwestern. Die kleinen Mädchen hatten Hunger und Hass auf das Zeug, sie schlangen es feindselig herunter. Falkas Mutter steckte sich die Würmer in den Mund, als stopfte sie sie in ein knorriges Astloch. Sie waren so arm, dass sie Würmer essen mussten.

Nach dem Essen brachte Falka den Großteil ihres Fangs zum Hafen. Sie ging vermummt durch schmirgelnden Sandflug. Der Sand bedeckte Äcker und Weiden und verdunkelte die Sonne. Er war bösartiger als jeder Heuschreckenschwarm, denn der flog davon, wenn alles kahl gefressen war, aber Sand flog nur bei Sandflug weiter. Derselbe Wind, der den alten Sand verwehte, brachte neue Verwüstung. Die Ältesten wussten, wie man manches Unheil bannte, sie kannten die letzten Mittel. Aber gegen Sand half kein Mittel.

Am Hafen ging Falka aufs Schiff und schüttete ihren Fang in den Köderbottich. Dann setzte sie sich vor die Hütte der Fischnetze und wartete auf Peder. Müde drehte sie den Kopf von der sandfahlen Sonne weg und dämmerte in ihrer Haube ein.

Als sie aufwachte, saß Peder neben ihr. Falka nahm die Haube ab.

Peder war der Sohn vom Bruder ihrer Mutter, dem Reusenonkel, der in den Prielen fischte. Sie waren zusammen aufgewachsen und waren nun einander versprochen. Mit Gottes Hilfe wollten sie ein Haus haben und Kinder bekommen. Falka wünschte sich ein Leben im Gleichmut der Gezeiten der Insel. Sie wollte immer hier bleiben. Aber Peder wollte seit dem Nebel nicht mehr in den Prielen fischen. Er wollte aufs Meer.

Das Meer hatte zwei Gezeiten, die sich abwechselten. Flut brachte Fische, Ebbe brachte Würmer. Falka mochte das Meer nur, wenn es weg war. Wenn sie seinen Boden plündern konnte.

»Bleib hier«, sagte sie flehend.

»Ich kann hier nicht mehr«, sagte Peder.

Er, als Sohn eines Reusenfischers, fürchtete das Watt.

Es war ein halbes Jahr her, als das geschehen war, was ihn um den Verstand brachte. Peder war bei den Prielen gewesen, um die Reusen zu leeren, die im Ebbstrom schwammen, als der Nebel kam. Er kam aus dem Prielwasser hoch, bauschte sich um die Reusen, die voll mit Fischkraut waren, und ließ sie im Nu verschwinden. Als Peder aufsah, war es weiß um ihn. Weißer, knochenweißer, leichentuchweißer Nebel hüllte ihn ein. Er wusste nicht mehr, wohin es zum Land ging. Nur die Schlittenhunde, mit denen er hinausgefahren war, konnten ihn jetzt noch heimbringen.

Dann geschah das, was ihm niemand glauben wollte. Etwas stieß von unten gegen seine Füße, etwas Lebendiges erhob sich und bebte unter ihm. Ein jähes Aufsieden von Angst. Das war kein Watt mehr, das war ein Wesen, auf dem er stand. Er konnte nur bis zu seinen Knien hinabsehen, aber seine Füße spürten, was seine Augen nicht sehen konnten. Er stand auf einem Wurm von unvorstellbarer Größe. Der Wurm wand sich durch den Priel und nahm Peder im Nebel mit. Peder wagte keinen Schritt, er stand schockstarr und fühlte es unter seinen Füßen rumoren. Da drin waren welche gefangen, im Wurm, in seinen Eingeweiden. Die Verschlungenen stießen gegen die Leibesgruft, in der sie alle zu einer Masse zusammenschmolzen. Und ihn konnte der Höllenwurm auch so verschlingen und zerschmelzen. »Glaub mir.«

Falka konnte nicht so tun, als wenn sie ihm den Wurm glaubte. »Du hast das im Schlaf erlebt.« Insgeheim war sie ihm böse, denn es war gefährlich, wenn man im Watt einschlief und die Flut kam.

»Ich war da, und das war da«, sagte Peder.

»Ein Wurm, der Menschen frisst?«

»Er presst sie, er schmilzt sie.«

»Wie groß soll denn dieser Wurm sein?«

»Wie mit tausend Männern voll.«

»So einen Wurm gibt es nicht«, sagte Falka.

»Doch. Die Hunde haben ihn angebrüllt.«

»Die haben dich wachgebellt.«

»Ich war wach!«

Wie ein dunkler Streif war der Hundeschlitten damals aus dem Nebel geschossen. Peder sprang drauf, und die Hunde hetzten mit ihm davon.

Seitdem stand für ihn fest: Nie mehr wollte er ins Watt hinaus, nie wieder eine Reuse einholen. Doch wegen Falkas Unglauben gab Peder dem alten Pfarrer Bericht, und der wusste sofort, um was es sich handelte. Es war der Leviathan, das biblische Ungeheuer, das sich vom Meeresboden erhebt, wenn das Ende der Welt kommt. Da fasste Peder den Entschluss, die Insel zu verlassen und zur See zu fahren.

»Aber da sind hohe Wellen und Wale«, bangte Falka.

»Lass mich von hier weg.«

»Aber wir wollten doch ein Haus haben. Das kann man nicht auf Wasser bauen.«

Auch nicht auf dem Ende der Welt. Doch davon sagte Peder ihr nichts, er heuerte auf dem Schiff ihres Vaters an, und Falka musste sich fügen.

Der Tag war gekommen, der sie trennte.

Hand in Hand gingen Falka und Peder in die Hütte, wo das Zwielicht durch Fischernetze fiel. Sie legten sich auf einen Netzhaufen. Es war ihre Abschiedsstunde.

»Ich will dir mein Haar schwören«, sagte Falka.

»Tu das nicht«, sagte Peder erschüttert.

»Doch. Ich schwöre dir mein Haar.«

Die Jungfern auf der Insel ließen ihr Haar bis zur Hochzeitsnacht wachsen. Ein Jungfernzopf sollte so lang sein, dass er dreimal den Hals des Bräutigams und der Braut umschlingen konnte. Bis dahin durfte kein Junge sehen, wie lang der Zopf eines Mädchens war. Sie musste ihn wie eine gerollte Schlange in einem Netz verborgen halten.

Falka tat ihr Netz auf.

Ihr Zopf entrollte sich und fiel herab. Wie eine braune Schlange lag er in ihrem Schoß. Ein Mädchen, das sein Haar schwor, schwor seine unendliche Liebe.

Falka hob ihr Haar und legte es um Peders Hals, dann schlang sie den Zopf um ihren Hals, schlang ihn um seinen, schlang ihn um ihren und legte um seinen Hals sein Ende.

2 Der Angstmann

Falka begleitete Peder zum Schiff. Man rief Wilken Wilkensen, dass seine Tochter da war.

Falkas Vater war furchtlos wie einer, der den Tod nicht fürchtet, und gleichmütig wie einer, dem sein Leben gleich war. Obwohl er noch nicht alt war, war sein Haar ergraut und sein Gesicht vom Grübeln gefurcht. Seine Söhne waren gestorben. Sie waren beide hellblond gewesen, ihre Köpfe hatten gestrahlt wie Leuchtturmkuppeln, und er hatte sie auf den Schultern getragen. Vom Anbeginn ihres kurzen Lebens hatten sie Falka überstrahlt. Falka musste in den Schatten treten, als seine Söhne zur Welt kamen. Er hatte Falka nie auf seinen Schultern getragen. Weil sie ein Mädchen war, gebot sich das nicht.

Dann wurden die Söhne krank vom Bauchweh. Sie erloschen jäh. Erst der eine. Dann der andere.

Im Dorf flüsterten sie, dass es an der Ehe lag. Es sollte nicht sein, dass ein Mann und sein Weib so eng verwandt waren, da komme nichts Gutes bei raus, auch wenn die Inzucht auf der Insel gang und gäbe war. Mädchen brachte das nicht um, die wurzelten im Leben wie Giersch. Knaben dagegen waren verderblich, wenn sie aus solcher Saat kamen.

Als seine Söhne tot waren, kaufte Falkas Vater einen Strick. Er hängte den Strick über dem Bett auf, wo Falka mit ihnen geschlafen hatte. So tat man es, wenn man jemanden verdächtigte, aber keinen Beweis hatte. Dann hängte man einen Strick auf, damit die schuldige Person wusste, dass man sie für schuldig hielt. Wenn sie ein Gewissen hatte, nahm sie den Strick vom Nagel, ging damit in den Wald und hängte sich auf.

Falka hatte ein reines Gewissen, sie rührte den Strick nicht an. Er hing weiter an der Wand.

Sie hatte jetzt das Bett für sich allein. Die Brüder waren tot. Nie mehr ihre schnorchelnden Atemzüge, ihre wärmende Schmiegsamkeit. Dafür hörte sie den Vater schnarchen, als ertrinke er, wenn er schlief, im Unglück. Wie unter Wasser hielt er endlos lang die Luft an, bis er mit einem Röcheln der Todesangst auffuhr.

Er sah seine Söhne im Bett liegen, zutraulich an die Schwester geschmiegt, diesen mageren Mädchenstrunk. Hatte sie ihnen, wenn sie schliefen, Gräten in den Bauch gestochen? Es ließ ihm keine Ruhe. Er hätte die Bäuche seiner toten Söhne durchwühlen müssen für die Gewissheit. Seine Gewissheit stand gegen ihr Gewissen. Manches Mal sah er Falka so an, als wollte er ihr den Schädel auseinanderbrechen, um die Wahrheit zu finden.

Vater? Was suchst du? Sag doch!– Ich bin gut.

Seine drei jüngsten Töchter lagen ihm nicht am Herzen. Wenn er sah, wie liebevoll Falka sie hütete, sah er vier robuste Lebensfäden, die so eng verbunden waren, dass der Strick, der daraus gewirkt wurde, stärker war als jener, der für Falka an der Wand hing. An diesem Strick wollte Wilken Wilkensen sich aufhängen. Vier unbrauchbare Töchter wuchsen und gediehen auf dem Humus ihrer begrabenen Brüder.

Ermordete Kinder, so sagte man, suchten nachts ihre Mörder heim. Aber Falka schlief seelenruhig.

Sie kam mit Peder aufs Schiff.

»Vater«, sagte sie fordernd, damit er sich nach ihr umwandte.

Er tat es. Falka, seine älteste Tochter, liebte ihn von ganzer Seele. Ihr unerbittlicher Blick verlangte, dass er sie liebte wie zwei Söhne. Aber er konnte nicht. Er trat hinter sie und stopfte ein Fischnetz in ihren Wurmkorb. »Flick das, bis ich wiederkomm.«

Sie knickste und ging von Bord.

Er fuhr in den Herbststurm zum Fischfang und nahm Peder mit.

Falka ließ das Netz ein paar Tage ruhen. Dann nahm sie es sich vor und warf es im Hof aus.

Was da lag, war kein Netz mehr, gewaltige Löcher klafften darin, die Fäden waren vom Meersalz steinhart überkrustet, und es roch nach Fäulnis. Falka seufzte und kniete sich hin. Sie begann zu flicken und glaubte dabei daran, sich seine Liebe zu verdienen und eines Tages zu besitzen. Sie knotete, knüpfte, zurrte straff. Das Mühen machte ihr nichts, wenn der Lohn der Mühe seine Liebe war. Aber dann kam sie an einen Klaff, der tödlich war.

Ein Fischnetz war ein lebender Bauch. Wenn es prall gefüllt war mit Fischen, war es ein Glücksbauch. Es war rund wie ein voller Mond, den man aus dem Meer zog. Wenn ein solches Netz an Bord gehievt wurde, war das ein glanzvolles Geschehen. Für das Fischnetz war es der Sinn seines Lebens: ein Wasserfall Fische, der sich auf die Planken ergoss.

Ein verwundetes Netz dagegen litt furchtbar, wenn ein praller Fang aus ihm rausquoll wie aus einem aufgeschlitzten Bauch das Gedärm. Solch ein Netz war meist nicht mehr zu retten. Der Klaff war sein Tod. Aber ein Fischnetz war ein geliebtes Wesen, das man nicht so einfach aufgab. Es war oft älter als das älteste Kind, das ein Fischer hatte. Es diente ihm treuer als ein Hund und gehorsamer als ein Weib. Darum flickte man es mit einer Sorgfalt, der kein Schlupfloch entging. Man rettete es mit all seiner Hingabe.

Aber dieses Netz war nicht mehr zu retten.

Warum hatte Vater ihr das gegeben? Was sollte sie mit diesem Netz noch tun? Ein tausendköpfiger Fang würde herausgleiten. Sie gab das Netz auf.

Das Schiff kam nicht zurück. Das kalte Meer behielt es bei sich. Die Gewissheit vom Untergang ging um. Nach sechs Monaten wurden die Fischer für tot erklärt.

Falkas Mutter zog ihr Hochzeitskleid wieder an. Es war schwarz, mit dunkelvioletter Schürze, die innen hellviolett war. Eine Witwe durfte die Schürze nach geraumer Zeit wenden, was allgemein bedeutete, dass sie sich mit dem Tod ihres Mannes abgefunden hatte.

Falka schwärzte ihr Gesicht mit Ruß.

Der Steinmetz schlug die Jahreszahl Anno 1693.

Für Falkas Vater gravierte er schlicht: WWilkensen.

Selig Peder Pederson, 16 ½ Jahr bekam die Inschrift:

Meine Fahrt ist zu Ende.

Mein Hafen ist gut.

Die Freude ist groß.

Es gab kein Schiffswrack, keine Trümmer und keine Toten, die an irgendeinen Strand gespült wurden.

Es war nicht zu begreifen. Nicht zu überwinden.

Falka spürte, dass ihre Seele um Jahre alterte. Unser Haus. Sie hatte gefühlt, wie es aus dem Nichts stieg, als sie Peder ihr Haar schwor. Nun war es für immer niemals. Und Vater, der sie niemals auf seinen Schultern reiten ließ, obwohl das ihr Liebstes gewesen wäre, mehr noch als die Gräte des Morgengrauens.

Ihr Gesicht wurde härter, strenger, das konnte sie ertasten. Sie hatte jetzt Wangenknochen und Augenhöhlen und Ruß auf der Stirn, auf die ihr Vater sie nie geküsst hatte. Nie und Nichts.

Eines Morgens ging Falka zur Schwele, wo das Pech gemacht wurde, mit dem die Schiffe kalfatert wurden. Die Luft in der Schwele war durchtränkt vom Pechdunst. Niemand sah, wie sie das Pech aus einem dampfenden Bottich in einen Topf schöpfte.

Falka trug ihr Pech zum Strand, dort stellte sie den Topf ab. Dann ging sie nach Hause, wo sie den Strick endlich vom Nagel nahm. Sie stopfte ihn zusammen mit dem Fischnetz in ihren Wurmkorb. In der Rumpelecke ihres Vaters durchstöberte sie sein altes Werkzeug. Sie fand Spieße und Haken, ein paar alte Lumpen. Alles kam in den Korb.

Was sie nun vorhatte, war böse, aber es ging nicht anders. Sie wartete, bis es dunkel war, dann machte sie sich auf zur Kirche.

Nicht einen Moment bedachte sie die Folgen ihres Tuns. In der Kirche angekommen, ging sie schnurstracks zum Kerzenständer. Dass sie ihre Fußspuren im Sand hinterließ, kümmerte sie nicht. Der Kerzenständer war ein Monstrum, doppelt so groß wie sie selbst. Zwei rote Kerzen steckten auf seinen Dornen, das Wachs glomm im Schein der Flammen wie Blut. Sie blies das Licht aus und packte den Kerzenständer an. Mit eiserner Entschlossenheit trug Falka ihn aus der Kirche.

Am Strand baute sie einen Angstmann. Über den Kerzenständer warf sie das Fischnetz und tränkte es mit Pech. Die Haken hängte sie an die Kerzenschalen und band sie mit den Lumpen fest. Den Pechtopf stülpte sie über die Eisenkrone. Die Spieße steckte sie zu Hörnern hoch. Der Strick kam als Letztes wie ein Schwanz dran.

Falka kniete vor ihrer Schöpfung nieder. Der Angstmann erhob sich aus dem Sand, er stand vor dem schwarzen Himmel, er stellte sich drohend vor das Meer. Ein Windstoß fuhr in das Fischnetz und blähte es weit. Die Fischhaken klirrten eisig. Mächtig wogend warf der Angstmann sein Netz aus, er hatte sogar den Mond in seinen Fängen. Dann konnte er auch ein Schiff wieder an Land holen. Bring mir die Meinen wieder. Vater! Peder!

Drei Nächte lang ging sie zum Angstmann und hoffte darauf, dass er das Schiff an Land zog. Bittebittebitte, mach, dass sie wiederkommen. Drei Nächte lang hoffte sie darauf, dass das Netz ihren Vater fing. Flick das, bis ich wiederkomm, hatte er sie gemahnt, und sie hatte das zerstörte Netz mit Pech geflickt. Drei Nächte lang wehte der Sand dem Fischnetz in die Fänge und blieb am Pech kleben. Dann kamen sie ihr auf die Spur.

»Was tust du da?«

Falka erschrak. Da stand die Mutter mit dem Reusenonkel. Er packte Falka und riss sie vom Angstmann weg.

»Ich wollt ihn in die Kirche zurückbringen«, beteuerte Falka.

Die Mutter zeigte auf das Gebilde und schrie: »Das hat Hörner! Krallen! Und einen Schwanz!«

Die Ältesten kamen zum Strand und sahen sich den Angstmann an. Sie rissen ihm das Netz ab. Sie stürzten ihn um. Bis zum Morgen saßen sie beisammen und besprachen, was Wilken Wilkensens Tochter getan hatte: Ein Standbild des Teufels erbaut, in Pech getränkt und vors Meer gestellt.

Gleiches zog Gleiches an. Konnte das Teufelswerk Unheil anziehen? Die Ältesten in der Versammlung hatten in ihren Kindertagen die Große Manndränke überlebt. Ganze Inseln waren für immer untergegangen. Das war anno 1634 gewesen, eine Apokalypse.

Was machte man mit dem Mädchen? Früher kam der Fingergucker, wenn eine es mit dem Teufel trieb. Der Fingergucker band die Hexe an ein Seil und zog sie hoch, bis ihre Füße in der Luft paddelten. Dann schnitt er das Büßerhemd auf. Die Hexe hing wie ein nacktes Schwein am Seil, wenn der Fingergucker sie untersuchte.

Daran wollte niemand erinnert werden.

Aber es war solch ein Fall eingetreten. Ein Fall von Teufelsanbetung und Schadenszauber. Die entscheidende Frage war, ob der Angstmann eine Manndränke herbeiholen konnte. Sie ließ sich nicht beantworten, obwohl Pfarrer Michelsen sie alle beschwor, das Schlimmste von jetzt an in Erwartung zu haben.

Als der Morgen graute, kamen sie zum Entschluss. Der Ältestenrat wollte sich nicht zu dem Aberglauben bekennen, dass der Insel von dem Teufelswerk ein Unheil drohte. Man hielt sich an die Straftat. Das Mädchen hatte einen Kerzenständer geraubt und entweiht. Es wurde verbannt.

Falka kroch zu ihrer Mutter und umschlang ihre Füße. »Bittebittebitte, hilf mir.«

»Ich habe kein Wort. Ich kann dir nicht helfen. Du musst fort.«

Falkas Mutter hatte für sich auch einen Umzug beschlossen. Nun, wo Wilken hin war und Peder auch und Falka fortging, waren zwei Häuser zu groß für eine Verwandtschaft. Eine Schwester konnte doch wohl zu ihrem Bruder ziehen, ohne dass die Leute lästerten, sie wolle Kinder mit Froschköpfen kriegen.

»Wo soll ich denn hin?«, fragte Falka.

»Wo sie die Spitzen machen.«

»Aber hier ist mein Zuhause.«

»Du hast dich an der Insel versündigt.«

Falka krümmte sich wie ein Wurm, der in die Muttererde zurückwollte.

»Falka! Das ist Schicksal. Ich kann dir nichts mitgeben, ich hab selber nichts. Du musst dein Schicksal lieben.«

3 Das Auge

Das Königreich Dänemark gierte nach Spitze. Von überall her kam sie ins Land, Brüsseler Spitze, Chantilly Spitze, Mailänder Spitze. Doch es musste erst ein Holländer nach Dänemark kommen, damit die Spitze auch aus Dänemark kam.

Niemand wusste, wie er ursprünglich hieß, nur dass er sein ganzes Vermögen, das er mit Spitzen angehäuft hatte, beim Tulpensturz in Holland verlor. 1637 war eine Handvoll Tulpenzwiebeln hunderttausend Gulden wert, ein Jahr später nichts mehr. Als der Spekulationswert seiner Tulpen wie ein Spuk verschwand, verschwand der Bankrotteur auch und floh vor seinen Gläubigern ins Ausland.

1640 tauchte er in Tondern auf, ein Habenichts mit nicht mal einem Namen. Er nannte sich Tondern Tondernsen. Sogleich machte er eine neue Spitzenfabrik auf. Gedüngt mit dem Humus eines Bankkredits, wuchs die Fabrik wie ein Baum. Von da an rühmte alle Welt die Tondernspitze. Als Tondern Tondernsen 1660 starb, wurde ihm der prächtigste Grabstein gemacht, der je auf dem Friedhof von Tondern stand, über und über verziert mit Worten zu seinem Lobpreis. Wer neu in die Stadt kam, musste glauben, dass Tondern nach Tondern Tondernsen hieß.

In jenen Tagen wurde der Welthandel erfunden. Waren wurden durch ganz Europa bewegt und über die Meere bis in die fernsten Kolonien verschifft. Es war ein merkantiles Wunder, wie aus jedem Zweig des Welthandels ein neuer Trieb spross, der sich um den alten rankte und bald noch üppiger blühte. Mit dem Verschiffen von Tabak aus Virginia nach Europa begann das große Verschiffen von Mohren nach Virginia zur Tabakernte.

Bei der Spitze lief es so ähnlich. Für ihre Herstellung benötigte man Mädchen. Mädchen waren überzählig, und jede Familie war froh, wenn sie eins loswurde. Wollte man ein Mädchen weghaben, brachte man es nach Tondern, in die Stadt der weißen Spitzen, wo es mit tausend Fäden an den Frondienst gebunden wurde wie ein Mohr mit Ketten.

Am Tag der Reise trug Falka ihr Festkleid mit den Bernsteinknöpfen. Der Reusenonkel hatte einen Koffer besorgt für ihre Habe, damit sie nicht mit einem Bündel in die Fabrik kam wie eine Ausgesetzte. Falka nahm ihre Sandmaske mit. Zum Andenken an den Vater wickelte sie sein Fischmesser in ein Tuch und legte es in den Koffer. Ein Wollkleid kam noch hinein und Falkas Leibwäsche. Der Koffer war so leer, dass der Onkel sagte, Falka könne sich auch noch mit hineinlegen.

Ein Fischer brachte Falka und den Reusenonkel mit seinem Kahn ans Festland nach Ribe. Dort bestiegen sie ein Schiff, wo sie inmitten vieler Leute saßen, die sich beim Wellengang aneinander rieben. Die Drangsal war furchtbar, das Schaukeln eine Qual. Vom Hafen, wo sie an Land gingen, nahm sie ein Karren mit nach Tondern.

Falka sah Dinge, die sie nie zuvor gesehen hatte, von denen sie gar nicht wusste, dass es sie gab. Häuser aus Granitstein, Tore mit Säulen, Dächer aus Schiefer und an den Regentraufen Fabelwesen. Eine Frau führte ein Hündchen, das wie ein Federwölkchen dahinhuschte. Ein Mann eilte vorbei, sein Kopf saß auf etwas, das wie ein riesiger gefältelter Teller aussah. Männer mit schwarzen Umhängen und schwarzen Hüten standen düster beisammen wie eine Mörderbande. Ein Affe in Ketten saß auf einem Kasten und machte Kapriolen. Mägde eilten in spitzengesäumten Trachten zu ihren Besorgungen. Die Pferdekutschen hatten die Herrschaft auf den Straßen, und Kutscher in Uniformen saßen darauf wie Obrigkeiten. Es war eine Mischung aus Pracht, Spiel und Zucht, dieses Tondern. Die Zucht war das Einzige, was Falka kannte von zu Hause, der feste Halt in all dem wahnwitzigen Getümmel.

Der Onkel zog sie durch Straßen auf der Suche nach einem Gasthof. Falka ging wankend im bleischweren Kleid, das sie bei jedem Schritt mühsam vorstoßen musste wie einen zurückpendelnden Sack. Das Kleid war nicht gemacht für diese hinhastende Eile, mit der der Onkel sie durchs Gedränge zog. Falka schwitzte in ihrer Wolle. Um ihren Hals saß das Bündchen mit den Bernsteinknöpfen wie ein Hunderiemen. Das Buckelpflaster war hart für ihre Füße, die an Sand und Schlick gewöhnt waren. Schließlich wurde sie in eine Schänke gezogen, wo man ihnen eine Kammer mit Wassertrog gab.

In der Kammer wusch Falka den Saum ihrer Sonntagstracht über dem Trog aus. Der Onkel lag auf dem Bett und sah ihr zu, dann befahl er: »Lass das und wasch dich.« Falka wusste nicht, wie er das meinte. Hier vor dem Onkel? Da ächzte sich der Onkel vom Bett hoch und knöpfte ihr das Kleid auf. Wie ein Schamgespenst stand Falka in ihrer Leibwäsche vor ihm. Wo er schon einmal dabei war, zog er sie gleich bis auf die blanke Haut aus. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich nackt vor ihm zu waschen, und er schaute ihr beim Waschen zu.

Die Fabrik hatte einen Eingangsbogen, der mit Spitzen aus Granitstein verziert war. Bevor sie da hindurchgingen, nahm der Onkel sich Falka noch einmal zur Begutachtung vor. Der Scheitel war in der Mitte. Der Zopf beulte sich in ihrem Nacken, als hätte sie hinten einen Kropf, aber da konnte man nichts machen. Die Bernsteinknöpfe waren ihr einziger Schmuck. In dem schwarzen Wollkleid sah sie aus wie ein schwarzes Schaf.

»Du sagst nichts. Ich spreche.«

Sie gingen durch das Tor und kamen auf einen Fuhrhof, wo Männer Karren mit weißen biegsamen Paketen beluden. Der Onkel fragte einen, wo man ein Mädchen abliefern konnte. Der zeigte auf eine Tür. Sie betraten eine Halle. Dort saß ein Mann hinter einem Kontortisch. Der Onkel stellte Falka vor ihn hin.

»Das Mädchen will ich anbieten.« Er räusperte sich. »Ist vierzehn.«

Für Falka wurde etwas Unklares zu einer Zahl. Sie war vierzehn.

»Kann sie klöppeln?«, fragte der Mann.

»Die kann alles, was man ihr beibringt.«

»Krankheiten?«

»Gibt’s bei der nicht. Gedeiht wie Giersch.«

»Name?«

»Heißt Falka. Nehmen Sie die. Schlicht für Schlicht.«

Der Mann schlug ein Buch auf und schrieb etwas hinein. Dann drehte er das Buch um und gab Falka die Feder.

»Hier soll sie zeichnen.«

Falka wusste nicht, was sie zeichnen sollte, und wagte nicht zu fragen. Sie setzte die Feder aufs Blatt und zeichnete ein Auge.

»Du solltest ein Kreuz zeichnen«, belehrte sie der Onkel, als sie auf dem Hof Abschied nahmen.

»Das wusst ich nicht.«

»Weißt du noch was nicht? Dann frag jetzt.«

»Was ist Schlicht für Schlicht?«

»Du arbeitest. Dafür darfst du da essen und schlafen. Ein Jahr.«

»Dann komm ich wieder heim?«

»Dann kriegst du Geld. Wenn die dich behalten wollen. Streng dich an.«

Falka knickste vor ihm. Sie hatten das Schiff durchgemacht und den Weg durch Tondern. Hier waren sie zum letzten Mal zusammen. Der Onkel legte die Hand auf ihr Zopfnest und zog sie sich an die Brust. Ihr war dabei zumute, als dürfte er ihr aus Erbarmen das Genick brechen.

»Leb wohl.« Der Onkel ging fort.

Falka sah ihm nach, als ginge mit ihm ihr Leben fort.

Der fremde Mann rief sie in die Fabrik.

Sie verharrte in der Halle, bis eine Frau mit einem Stock zu ihr kam. Falka folgte ihr durch einen Gang, um die Ecke, noch ein Gang.

»Warum gehst du so?«, fragte die Frau.

Wie geh ich denn?, dachte Falka.

Als hätte die Frau den Gedanken eingefangen, äffte sie Falka nach und wankte vor ihr her, dann nahm sie wieder ihren normalen Schritt an. Sie stieß eine Tür auf. Nun ging es eine Treppe hinunter, und es wurde grabkalt. Falka war jetzt froh, dass sie dicke Wolle trug, aber sie hatte auch Angst, denn sie war noch nie durch die Grüfte unter einem Haus gegangen. In solchen Tiefen ruhten die Toten. Der Gang hatte eine gewölbte, niederdrückende Decke und Wände, an denen Wasser glitzerte. Die Frau machte eine Tür auf und befahl Falka, indem sie den Stock wie eine Sperre vor sie hielt, auf ihrem Fleck zu bleiben. Dann ging die Frau da hinein und kam mit einem grauen Kleid über dem Arm wieder heraus.

»Dein Kleid. Das hast du gekauft. Du bist jetzt bei uns im Minus.«

Minus?

Die Stockfrau ging weiter und Falka hinter ihr her. Fast am Ende des Ganges stieß sie eine Holztür auf und zeigte mit dem Stock hinein. »Deine Nachtkammer.«

Sie betraten einen Pferch mit vier Bettgestellen. Jedes Gestell hatte drei Liegen übereinander, die mit Strohsäcken gepolstert waren. Die Frau zeigte auf die einzige Liege aus blankem Holz. »Deine.« Sie warf das graue Kleid auf die Liege. Falka stellte ihren Koffer ab.

Wieder ging es hinaus, aber nur ein kurzes Stück. Die Frau öffnete eine Tür am schwarzen Ende des Ganges und ließ Falka reinschauen. Falka sah einen langen doppelseitigen Waschtrog, darunter flitzten Tierchen über den nassen Boden wie lebendige Tränentropfen.

»Morgens um vier: Waschen. Um fünf: Klöppeln.«

Sie machte die Tür zu und ging zur nächsten, machte sie auf. Kübel standen um ein stinkendes Loch im Boden. Die Tür ging rasch wieder zu.

Eine andere Tür wurde aufgetan. Stroh stapelte sich dort. »Für dein Bett.« Die Frau legte Falka so viel Stroh in die Arme, wie Falka tragen konnte. Obendrauf kamen noch ein räudiger Sack und eine Wolldecke.

Sie kehrten zurück in die Kammer mit den zwölf Bettliegen.

»Du machst dein Bett. Ziehst das Kleid an. Gehst rauf. Arbeit beginnt, wenn’s läutet, und endet, wenn’s läutet. Niemand verlässt seinen Platz ohne Läuten.« Die Frau ging weg.

Die feuchten Wände standen um Falka wie ein Verlies.

Eine graue Masse Mädchen versammelte sich in der Halle. Falka stellte sich dazu. Die Mädchen waren alle still, aber Falka hörte sie im Chor atmen. Es läutete! Die graue Masse setzte sich in Bewegung, verengte sich und glitt wie ein Fluss durch die Gänge, Falka mit ihnen. Sie strömten in einen Lichtsaal, wo sich die Mädchen im Nu auf die Tische verteilten. Falka stand allein da.

Eine andere Stockfrau holte sie ab und nahm sie mit. In einer Hinterkammer musste Falka aufsagen, was sie über sich wusste.

»Falka. Vierzehn.«

»Blutest du?«

»Bluten?«

»Du bist zwölf.«

»Mein Onkel sagt, ich bin vierzehn.«

Die Frau seufzte. »Setz dich da hin.«

Falka setzte sich zaghaft. Vor ihr war das, was sie hier tun sollte, die Klöppelspitze. Ein langes, schmales, weißes, löchriges, luftiges Band.

»Daran übst du.«

Wo die Spitze anfing zu wachsen, war ein Nadelwald aus Fischgräten in ein Polster gesteckt. Von den Gräten liefen Fäden breit auseinander zu Holzklöppeln, um die sie sich wickelten. Die vielen Klöppel spreizten sich wie ein Fächer. Für so ein schmales Stück Spitze brauchte man so viele Fäden, so viele Klöppel? Ein großes Wirrsal. Nie würde sie das in den Griff kriegen.

»Was’n Gekröse, was?«, sagte die Frau.

Falka sah sie an.

»Guck da drauf, Kind.«

Sie zeigte Falka, wie es ging. »Vier Klöppel nimmst du, immer in zwei Paar. Den Faden von diesem Paar kreuzt du rüber ins andere Paar. Dann drehst du zwei Fäden vom anderen Paar in dieses Paar. Und wieder kreuzen. Drehen. Kreuzen. Drehen, kreuzen, drehen, kreuzen. Hier kommt die Gräte in den Fixpunkt. Faden rum.«

Falka sollte es jetzt selber machen.

Kreuzen, dachte sie und machte es. Drehen. Kreuzen. Drehen, kreuzen, drehen, kreuzen. Gräte. Und immer so fort. Falka drehte und kreuzte, und die Frau beobachtete, was sie tat. Es war gar nicht so schwer. Man hatte ja nur vier Klöppel in der Hand, nicht die ganze Hundertschaft. Falka sah ihre Spitze wachsen. Die Kirche schlug die Stunde. Sie hielt inne.

»Was hörst du auf?«

Kreuzen, drehen, kreuzen, drehen, kreuzen, drehen…, immerfort, die Kirche schlug die nächste Stunde, kreuzen, drehen, kreuzen, drehen, kreuzen, drehen, kreuzen, drehen, kreuzen, drehen, kreuzen, drehen, kreuzen, drehen, kreuzen, drehen, Gräte, die Kirche schlug abermals die Stunde, kreuzen, drehen, kreuzen, drehen, kreuzen, drehen, und der Stundenschlag der Kirche.

»Ich kann nicht mehr«, flüsterte Falka.

»Du kannst, bis Nacht ist.«

Nach sechs Stunden ertönte das Läuten. Falka durfte aufstehen. Die Mädchen waren eine getriebene und sich treibende Herde, und Falka wurde eingepfercht von der Mädchenmasse, die zur Kloake drängte. Zehn Kübel standen für Hunderte von Mädchen da. Ein Mädchen ums andere hockte sich hin und ließ sein Wasser, derweil es von den anderen, die auch nötig mussten, beäugt und bedrängt wurde. Sie waren alle viel zu erschöpft, um sich voreinander zu schämen.

Danach gab es Essen. Falka konnte den Löffel kaum halten, so sehr zitterte ihr die Hand. Es war eine Suppe, in der etwas dümpelte, was wie Schwimmhäute von Entenfüßen aussah. Falka sah zu den anderen Mädchen hin, ob die das aßen. Alle aßen das. Alle aßen mit totem Blick. Alle vermieden, anzusehen, was sie aßen.

Abends wurden Glaskugeln, wie der Schuster sie hatte, auf die Tische gestellt. Um die Glaskugeln herum zündete man Kerzen an. Das Licht wurde von der Glaskugel zu den Spitzen gestrahlt, die die Mädchen im Kreis um die Schusterlampe herum klöppelten. Falka kam wieder in die Hinterkammer und musste klöppeln bis zum Läuten der Nacht.

4 Die Mädchen

Zwölf Mädchen schliefen zusammengepökelt im salzigen Dunst ihres Schweißes. Sie atmeten wie ein Wesen, das die kalte Nachtkammer mit seiner animalischen Wärme und seinen Ausdünstungen heizte.

Noch vor der Morgendämmerung wurde mit einer Keule gegen die Türen geschlagen. Der Gestank entwich auf den Korridor, als der Strom von Mädchen nackt zu den Kloaken zog. Frierend reihten sie sich an den Waschtrögen auf. Die Silberfischchen flohen, und die Mädchen wuschen sich, auf Gesicht und Hände legten sie alle Sorgfalt. Sie mussten rein aussehen, wenn sie in den Lichtsaal zu den Spitzen kamen. Als die Mädchen fort waren und der Fußboden ein Modertümpel, kam das Ungeziefer wieder in Massen hervor.

In den Nachtkammern zogen sie ihre grauen Kleider an. Jede Kammer hatte eine Älteste, die allen einen Zopf flocht, der so steif sein musste wie ein Henkerstrick. In Falkas Kammer war das Asta. Asta war sechzehn. Sie staunte über Falkas Haar. Es war so lang, wie sie noch nie welches gesehen hatte.

Die Jüngste war Gritt, ein kleines Kind und flink an den Klöppeln.

Die Schönste war Milla, sie hatte Haare wie Goldfäden.

Die Größte war ein Mädchen, das Stele genannt wurde, weil es alle Mädchen überragte wie eine Stele. Niemand wusste, wie sie wirklich hieß. Sie hörte auf Stele, als wäre sie mit dem Namen geboren. Stele machte sich immer krumm, damit sie kleiner wurde. Die übrigen Mädchen in Falkas Kammer blieben vorerst noch graue Gestalten.

Waren die Zöpfe geflochten, traten sie wie ein langer grauer Wurm den Weg nach oben an. Sie mussten sich wieder an die Schusterlampen setzen, denn es war noch stockdunkle Nacht. Diesmal durfte Falka in den Lichtsaal. Sie sollte sich hinter ein Mädchen stellen und ihr über die Schulter sehen. Später sollte sie dasselbe tun, was das Mädchen tat.

Das Mädchen arbeitete an einem Rankenmuster. Es klöppelte in einer rasenden Geschwindigkeit, es gönnte seinen Fingern nicht einen Moment Ruhe oder eine langsame Bewegung, es jagte so schnell, dass Falka kaum folgen konnte. Doch sie verfolgte, wie in der Spitze Löcher entstanden. Mit Spitzen wurde also ein Loch gefangen. Die Fäden kesselten es ein, und die Gräten bewachten die Einkesselung wie ein Spalier Soldaten, während die Klöppel wirbelten, bis sie ein Loch umzingelt hatten. So entstand eine Ärmelmanschette.

Wenn ein Mädchen einen Fehler machte oder müde wurde, kam die Aufseherin mit dem Stock. Das Mädchen musste seinen Zopf wie ein Viehseil nach vorn ziehen, dann bekam es Schläge auf den Nacken. Das Mädchen, dem Falka über die Schulter sah, machte keinen Fehler, aber es ermüdete allmählich und wurde gleichzeitig rastlos. Als der Mittag endlich nahte mit seiner Unterbrechung dieser stundenlangen Gebundenheit an eine Arbeit, die durch ihre Spitzfindigkeit überreizte und durch ihre Eintönigkeit unterjochte, wollte das Mädchen noch einmal alles aus sich rausholen. Es jagte die Klöppel mit letzter Kraft in die Treibjagd, es stach die Gräten wie eine Wespe ihren Stachel ins Kissen hinein, es kreuzte und drehte die Fäden, als ginge es um Leben und Tod.

Die Aufseherin ließ sie die Plätze tauschen. Falka musste sich an das Klöppelkissen setzen. Das Mädchen zeigte ihr, was ein Halbschlag war, ein Ganzschlag, ein Umkehrschlag. Wenn Falka einen Fehler machte, erkannte sie bald selber, was der Fehler war. Da hab ich den nicht geholt. Von da geht der rüber. Die müssen hier rüber. Dann geht der da rüber. Nach einer Weile wussten ihre Finger, welche Klöppel schon darauf warteten, genommen zu werden. Bald kreuzten und drehten sich die Fäden wie von selbst und wuchsen zu einer Spitze um ein Loch, und die Gräten standen an ihren Fixpunkten wie Wachsoldaten, bis das Loch sich schloss. Das monotone Brummen der Klöppel ließ die Zeit zerfließen. Falka hörte gar nicht mehr die Stundenuhr, sie ließ sogar ihre Gedanken ein Stück weit frei. Sie klöppelte ein Loch um Asta, die die Goldhaare von Milla zum Viehstrick kreuzte und drehte. In einem anderen Loch stand Stele, das lange Mädchen, das Kopf und Nacken wie vor dem Scharfrichter nach unten bog. Das Läuten schreckte sie jäh auf von der Arbeit.

Es gab Essen. Falka setzte sich zu dem Mädchen, das die ersten drei Stunden wie ein vom Wolf gehetztes Reh geklöppelt hatte und die letzten drei Stunden wie der Wolf, der das Reh hetzte.

»Ich bin Falka.«

Der Blick, den das Mädchen hochschnellen ließ, war feindselig. »Norla«, sagte sie so böse, als wenn ein Hund knurrte.

Sie hatte stechende Augen, vorspießende Wangenknochen und eine dornenheckige Art, sich breitzumachen. Alle Mädchen aßen mit eng angezogenen Ellbogen. Norla stieß ihre Ellbogen wie Krebsscheren ab. Die Mädchen rechts und links von ihr nahmen sich in Acht, dass sie ihr nicht ins Gehege kamen, und bogen sich wie Weidenschösslinge von ihr weg. Falka war trotzdem entschlossen, Norla zu mögen. Sie hatten dasselbe Schicksal. Sein Schicksal liebte man und auch die, mit denen man es teilte.

Nach dem Essen durften die Mädchen in den Hof. Der Hof lag mitten in der Fabrik wie eine enge, düstere Schlucht. Die Klöpplerinnen gingen dort alle hintereinander im Kreis herum und legten ihre Hände auf die Schultern der Vorgängerin. Falka stand allein in einer Ecke und schaute sich den Mädchenwurm an, da trat ein Mädchen auf sie zu.

»Wir sind in einer Nachtkammer«, sagte es und knickste.

Das Mädchen hatte strohtrockenes Kraushaar und eine durchsichtige Papierhaut, unter der blaue Adern durchschienen. Seine großen runden Kulleraugen waren prall von Neugier.

»Lucie, hihi.« Sie zeigte sich kichernd auf die Brust.

»Falka.«

»Ich hab dich mit Norla gesehen«, sagte Lucie fröhlich. »Norla ist auch in unserer Kammer.«

Falka wurde bang, als sie das vernahm. Es entging Lucie nicht.

»Norla ist immer krrh!« Sie machte einen Krallenhieb durch die Luft.

»Warum?«, fragte Falka.

»Warum ist der Frosch grün?«

Falka schaute zum kreisenden Mädchenstrom. »Warum machen die so?« Sie hob die Hände und berührte damit Lucies Schulter.

»Sie graben das Weh aus.«

Jetzt sah Falka, dass jedes Mädchen seine Finger in die Schultern des Mädchens vor ihm hineingrub, als wollte es Würmer herausziehen, die sich unter die Haut gebohrt hatten. Alle gruben in allen herum.

Ausgraben, dachte sie. Wie daheim.

Sie wurden reingeläutet. Jede nahm an ihrem Klöppelkissen Platz. Norla stellte sich hinter Falka auf, und Falka schlug die Klöppel. Es war gar nicht mehr zu tun, als die Luft zu fangen und um sie herum die Fäden zu schlingen, dann wuchs aus dem Nichts eine Spitze.

Da gab Norla ihr einen Schlag auf den Nacken.

Falka sah den Fehler jetzt auch. Da war eine Lefze in der Spitze, das durfte nicht sein. »Weg!«, scheuchte Norla sie. Falka sprang vom Stuhl. Norla beugte sich über Falkas Geklöppeltes und zog wütend die Gräten raus, löste alles wieder auf. Die Stockfrau kam herbei. Norla holte ihren Zopf nach vorn und zog ihn straff. Der Stock peitschte Norlas Nacken.

Als die Stockfrau so weit weg war, dass sie kein Flüstern mehr hören konnte, fragte Falka: »Warum hat sie dich geschlagen?«

»Weil wir gleich sind«, sagte Norla.

Falka achtete darauf, dass ihr kein Fehler mehr passierte, und es passierte auch kein Fehler mehr. Sie konnte nun mit vielen Klöppeln zugleich wirbeln, aber die Routine hatte etwas Ruinöses. Ihre Hände schmerzten, als würden darin Steine für Brennfunken gerieben, jeder Griff entzündete einen Schmerz. Bald hatte sie einen Krater in der Hand, in dem es brodelte. Falka konnte die Hand nicht schonen, sie musste kreuzen, drehen und Gräten einstecken. Sie merkte, dass es ihr besser erging, wenn sie den Ellbogen hochstellte und die schmerzende Hand leicht hängen ließ. Doch bald wurde der Ellbogen schwer wie Blei, und der ganze Arm fing an zu leiden. Sie ließ den Ellbogen sinken, und sofort explodierte der Schmerz wieder in der Hand. Als sie den Arm in der Schulter rollte, durchzuckte sie ein Blitz, der ein langes böses Grollen hinterließ. Falka wusste jetzt, was das Weh war.

Abends schleppten sich die Mädchen im langsamen Strom durch die Gruft. Falka war sterbensmüde von sechzehn Stunden Arbeit. Der Strom wurde schmaler. Rinnsale von Mädchen versickerten in den Nachtkammern. Als Falka in ihre Kammer geschlichen kam, trat Lucie zu ihr: »Weh?«

»Ja«, sagte Falka.

»Hihi.« Lucie klopfte mit der Hand auf ihr Bett. Ermattet sank Falka dorthin. Lucie packte sie an den Schultern, dann begann ein Gewühl, das Falka aufstöhnen ließ, aber sie ließ Lucie weitermachen, so weh es auch tat, denn Lucie grub tatsächlich den Schmerz aus ihrem Nacken wie einen Wurm.

»Wie lang bist du schon hier?«, fragte Falka.

»Drei Jahr.«

»Warum gehst du nicht heim?«

»Wohin heim?«

»Du kommst doch von wo.«

»Von wo ich komm, hat mich keiner mehr braucht. Hihi.« Ein Laut, wie ihn ein Vogel macht, der gegen eine Wand prallt.

Falka stellte keine Fragen mehr.

***

Eines Tages bemerkte Falka, dass sie über Kreuz ging: linkes Bein und rechter Arm vor, rechtes Bein und linker Arm vor. Sie hatte ihr Wanken verloren. Zuerst dachte sie, das hinge zusammen mit dem Kreuzen und Drehen der Fäden, dass sie jetzt auch so ging, wie sie klöppelte. Dann aber merkte sie, dass es keinen Grund mehr gab, zu wanken. Der Grund waren die bleischweren Inselkleider gewesen, die man trug wie eine Ritterrüstung gegen die Sandpfeile, die der Wind schleuderte. Der graue Arbeitskittel war federleicht im Vergleich zu der Last ihrer Tracht. Sie musste keinen widerspenstigen Stoff mehr mühsam mit der ganzen Wucht ihrer rechten Seite und dann mit der ganzen Wucht ihrer linken Seite vorstoßen. Ein neuer leichter Gang war ihr zu eigen geworden.

Sie kannte jetzt Norla, die Feindselige, und Lucie, die Freundliche. Sie kannte Asta, die Mütterliche, und Gritt, das Kind. Sie kannte Milla, die Schöne, und Stele, die Große. Dann gab es noch vier Mädchen, zu denen man nur »Du« sagte, wenn man etwas von ihnen wollte. Falka dachte sich, dass sie wohl keine Namen brauchten, weil sie mehr Monstren waren als Mädchen. Eine hatte einen Buckel, eine war eine Zwergin, eine war schief gewachsen, und eine hatte ein Feuermal. Die vier »Dus« wurden von den anderen behandelt wie Dienstmädchen, sie mussten die Nachtkammer rein halten und das Ungeziefer töten. Und dann gab es Ragga. Ragga war ein Troll, ein Schrat und eine Wortmächtige. Vom Troll hatte sie die buschigen Augenbrauen. Vom Schrat hatte sie einen Mund wie mit dem Spaten ins Gesicht gestoßen. Aber Ragga konnte als Einzige der zwölf lesen und sprach viel Kluges, auf das man hörte und dem man gehorchte. Sie war die Anführerin.

Eines Tages erzählte Falka von ihrem Versehen mit dem Auge, wo sie eigentlich ein Kreuz hätte machen sollen. Ragga sagte, dass das kein Versehen war, sondern eine Vorsehung. Sie erklärte Falka und den anderen, dass ein Auge mehr bedeuten konnte, als man annahm. Ein Auge konnte eine schlafende Knospe sein, die für lange Zeit nicht trieb, oder das Loch in der Mitte des Mühlsteins oder die Schlinge am Seil. Es konnte auch das Nichts sein, aus dem alles hervorgeht, wie bei den Wirbeln und Stürmen, die aus dem Auge in ihrer Mitte hervorgehen. Ragga und die anderen nannten sie von nun an »Falka Auge«.

Zwölf Mädchen pökelte nicht nur Schweiß zusammen, sondern auch Zeit. Alle hatten mit der Zeit dieselbe Blutung, dasselbe Schicksal und denselben Gott. Ein Mädchen, das insgeheim zu Frau Holle betete und immer zum Vollmond blutete, blutete bald so wie alle anderen zum Neumond und betete zum Nachtkammergott.

Jede Nachtkammer hatte einen anderen Gott, an den die zwölf Mädchen inbrünstig glaubten.

In einer Nachtkammer glaubte man an den Gott der Heirat. Tondern war nicht nur die Stadt der weißen Spitzen, sie war auch das Zentrum des Viehhandels. Massen von jungen Männern verdingten sich als Stallburschen, Pferdeknechte, Schlachter und Gerber. Früher oder später würde jede Klöpplerin hier einen Mann finden. Einen Kutscher zu heiraten war das Höchste, was ein Mädchen für sich erhoffte. Dann würde sie eine angesehene Kutscherfrau sein. Die Mädchen, die zum Gott der Heirat beteten, waren besonders erpicht auf schmückende Habseligkeiten, mit denen sie den Männern zu gefallen trachteten.

Eine Nachtkammer weiter glaubte man an den Gott der Macht. Zu ihm beteten Mädchen, die gerne Macht besaßen so wie die Stockfrau, die im Lichtsaal herrschte und strafte. Sich hochzuklöppeln zu einer Herrscherin, die die Schlechten peitschte und die Guten lobte, war das Herrlichste, was diese Mädchen sich von Gott erhofften.

Woanders betete man zum Gott, der die Meisterinnen machte. Eine Meisterklöpplerin konnte mehr verdienen als ein Kutscher und brauchte keinen Mann mehr. Aber nur die Allerbesten ließ man ihre eigenen Schöpfungen fertigen. Von tausend Mädchen war vielleicht eines dazu auserwählt.

An den Gott der Kirche glaubten die allermeisten.

Und ob ich schon wandre im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich, raunte es in den Nachtkammern.

Das Göttliche hatte viele Gesichter, aber das Elend zerfurchte alle, und das Ende konnte schnell kommen. Wenn sie an der Schusterlampe einschliefen, wenn sie die Spitze beschmutzten, wenn sie die Schwindsucht bekamen, dann mussten sie die Fabrik verlassen. Mit nichts als den Kleidern am Leib, mit denen sie vor zwei, drei, fünf Jahren hergekommen waren, wurden sie vor die Tür gesetzt. Wohin sollten sie gehen? Zu den Eltern, denen sie Schande machten? Zu den Brüdern, die ihnen Gewalt antaten? Dann doch lieber einem Knecht schöne Augen machen. Das hielt ein paar Wochen, dann war es vorbei, und der böse Blick richtete sich endgültig auf einen. Es kamen die letzten Versuche, das Leben zu schaffen. Es ging nicht mehr darum, Glück zu finden. Es ging darum, nicht den Tod zu finden. Bevor man ganz verhungerte, ging man zu den Huren in die Verwunschene Grotte. Und wenn man dort abgewiesen wurde, ging man zugrunde. Es gab Mädchen, die nachts in der Gasse standen wie lebende Tote und morgens tot in der Gosse lagen.

Jede Spitzenklöpplerin musste fürchten, dass es ihr auch so erging bei einem Missgeschick. Doch solange die Klöppel ihnen Stecken und Stab waren, hatten sie Hoffnung.

***

Falka ging im Grau der Mädchen, wie sie früher im Grauen auf dem Meeresboden ging. Wie im Watt Himmel und Erde verschmolzen, verschmolzen beim Klöppeln Hingabe und Erfolg. Falka strengte sich an. Sie war geschickt und achtsam. Als sie ihr erstes eigenes Zierband fertigen durfte, fühlte sie sich stolz und gehoben.

In den Nächten lag sie so genügsam wie ein Wattwurm im stickigen, salzigen Sud der Kammer. Sie ließ den vergangenen Tag noch einmal in sich einrieseln, und wenn sie sich zum Einschlafen umwälzte, war sie ein glücklicher Wurm, der ein göttliches Werk tat. Sie lebte nun in einer Welt aus Spitzen und Mädchen, aus Kreuzen und Drehen. Bis Ragga ihr eine Gräte zu schlucken gab.

»Willst du wissen, was für ein Mädchen vor dir in deinem Bett lag?«

»Ja«, sagte Falka.

»Spätabends ist ihr der Kopf auf die Gräten gefallen.«

Alle Mädchen hatten Angst davor, dass ihnen vor Müdigkeit der Kopf runterfiel, in die Gräten, und sie das Augenlicht verloren.

»Das Unglück nahm sie uns weg«, sagte Ragga, wie man letzte Worte sagt, die schonungslos sind. Eine Gräte ist eine Gräte. Ein Auge ist ein Auge. Eine Gräte im Auge ist eine Gräte im Auge.

5 Der Sonntag

Seit ihrer Ankunft in Tondern war ein Monat vergangen. Zum ersten Mal hatte Falka am Sonntag frei. Die Mädchen, die kein Sonntagskleid für die Kirche hatten, konnten sich eins aushändigen lassen, das Kleid kam dann auf ihr Schuldkonto. Es war aus demselben grauen Stoff wie das Arbeitskleid, aber es hatte einen Spitzenkragen.

Am Morgen striegelten sich die Mädchen ihre Haare. Die, die glanzloses Haar hatten, setzten sich Hauben auf. Die anderen ließen sich von Asta kunstvoll flechten. Milla trug ihr Haar offen.

Sie zogen in langen Reihen aus der Fabrik hinaus. Auch Tondern trug sein Sonntagskleid. Die Kutschen waren gewienert, die Pferde hatten Brokatschabracken. Die Frauen hielten Sonnenschirme aus Spitze, und ihre Kleider bauschten sich wie weiße Wolken.

Jede Stunde Arbeit war mit den Glocken der Kirche verklungen. Nun durfte Falka zum ersten Mal in die Kirche gehen. Sie freute sich. Alles an diesem Sonntag erschien ihr schön. Nur der Nacken des Mädchens, das vor ihr ging, war narbig vom langen Stock.

Sie kamen durch die Hintertür in die Kirche hinein und nahmen auch hinten unter der Empore Platz. Die Bänke waren himmelblau. Vom Altar konnte Falka nur das goldene Gottauge sehen. Lucie stieß den Finger zur Decke. »Schau mal nach oben.« Falka sah dort ein Gerippe, das einen vornehmen Herrn und eine vornehme Dame an den Händen hielt. »Der Tod tanzt mit den Reichen, hihi.«

Die Reichen kamen herein und nahmen vorne in den Nischen Platz, wo ihre Namen auf dem Holz der Schwingtüren standen. Es kamen die Händler und Krämer und Viehleute. Das Gotteshaus füllte sich.

In der Bank vor Falka saß Milla, ihre Haare hingen über die Lehne. Ein einzelnes Haar hatte sich gelöst und war in Falkas Schoß gefallen wie ein goldener Faden. Falka war entzückt davon und schob es unter den Ärmel ihres Kleides.

Mit dem Orgelklang schritt der Pastor ein. Alles, was Falka von ihm sehen konnte, waren sein Kahlkopf und sein Duttenkragen, der so groß war wie ein Mühlstein. Falka konnte sich mittlerweile ausrechnen, wie lange man daran klöppeln musste. Hunderte von Stunden.

Nach dem Gottesdienst stand Pastor Gregor Siemssen am Kirchentor und gab seiner Gemeinde das Geleit nach draußen. Er bestellte Herrn Jakobson einen Gruß an die kranke Gattin. Er beglückwünschte die Andersens zur Geburt ihres Kindes. Er hielt lange die Hand der alten Witwe Toftersen, deren Sohn bei einem Scharmützel sein Leben ließ. Schwarz verschleiert stand sie vor ihm und suchte Trost. Er sprach das Hebräer-Wort: »Wir sind nicht von denen, die verdammt werden, sondern von denen, die die Seele erretten.«

Siemssen glaubte, aber das ließ er niemanden wissen, dass Tondern verdammt gehörte wie Sodom und Gomorrha. Seine Gemeinde ging in ein grausames Zeitalter und benahm sich, als ginge es in ein goldenes. Reichtum, wohin man blickte. Die Damen passten kaum noch in die Kirchenbänke, so breit machten sich ihre Spitzen. Für diese Pracht mussten andere sich plagen.

Früher hatten die Mädchen auf den Höfen ihrer Eltern gearbeitet, bis sie heirateten. Heutzutage wurden sie in die Fabriken getrieben. Nicht einmal Barbaren taten ihren Töchtern das an: schickten sie in solch ein Elend. Sie hausten in Schmutzlöchern wie Ratten. Sie fraßen Dreck wie wilde Hunde. Sie waren Kreaturen ohne Wert und Würde. Sie mussten schuften von morgens bis mitternachts. Zwei bis sechs Jahre konnte man ein Mädchen schinden, dann war es zerschunden. Keiner konnte behaupten, dass er nicht wusste, wie es in den Fabriken zuging. Das Perpetuum mobile, jene sagenhafte Maschine, die sich immerfort antrieb, war entstanden. Für die Armen war es eine Höllenmaschine, aber das war ganz im Sinne der Geldmenschen. Das war die bejubelte neue Weltidee. Man nannte sie Kapitalismus.

Pastor Siemssen sah mit dem Kapitalismus eine Katastrophe über die Welt kommen. Er warf jeden Sonntag etwas Sand in das Perpetuum mobile, er predigte von Demut und Barmherzigkeit und ließ Gottes Mühlen gegen die Höllenmaschine arbeiten. Aber Gott konnte nicht im Sichtbaren wirken wie das Geld. Derzeit tat der Kapitalismus die guten Werke. Die Kirche hatte lange Zeit die schlechten getan.

Der Dreißigjährige Krieg hinterließ ein zerstörtes Europa, das der Kapitalismus wieder aufbaute. Die Tribunale gegen Hexen zeigten, was für ein Schreckensregime die Kirche war, während der Kapitalismus Schönheit erschuf. Die Kirche hatte rundum versagt. Der Kapitalismus triumphierte. Das Einzige, worauf die Kirche noch fest und sicher stand, war die Frömmigkeit, war der Glaube an das Jenseits. Die himmlische Gerechtigkeit war nicht mit Geld zu erkaufen. Wen der Tod an die Hand nahm, der konnte nur hoffen, dass er ein guter Mensch gewesen war, wenn Gott über ihn richtete, und dass die Freude groß war bei seiner Ankunft im Himmel.

Gottes Mühlen mahlten zu langsam, Gott brauchte einen Savonarola. So wie jener Mönchskrieger gegen das sittenlose Florenz wollte Gregor Siemssen in Tondern sein.

Die Armen glaubten ja immer gern, dass der Teufel am Werk war, wenn ein Reicher sich das Geld gefügig machte, so dass es zu ihm strömte. Geld floss durch dunkle, unheimliche Kanäle. Reichtum ging nicht mit rechten Dingen zu. Macht war im Bund mit dem Bösen.

Die Kreise der Menschen, die Geld hatten oder Geld wollten, waren nie so groß gewesen, dass der ganze Weltkreis im Geldrausch lebte. Nun war es so. Ihm war bewusst, dass er in einer Schicksalsstunde der Menschheit lebte. Es ging um alles. Gott rüstete sich für sein Gefecht gegen den Mammon. Auf beiden Seiten formierten sich die Heere. Das Heer der Habgier gegen das Heer des Glaubens. Er war dazu berufen, das Heer des Glaubens zum Sieg zu führen.

Dabei sah Gregor Siemssen gar nicht wie ein Berufener aus. Eigentlich war er rothaarig wie ein Eichhörnchen, aber das wusste hier kein Mensch. Sein Rotschopf hatte anfangs jede Hoffnung vereitelt, die er sich auf eine große Gemeinde machte. Er fing als Dorfpastor an, doch seine Predigten hatten Donnerhall. Er meinte, dass er eine große Gemeinde verdiente, aber die, die über sein Fortkommen das Sagen hatten, sahen nur seine roten Haare. Der Mann sieht aus wie ein Eichhörnchen, dachten sie. Das Eichhörnchen hatte keinen guten Ruf, man glaubte, es stünde mit dem Teufel im Bunde. So blieb ihm ein Aufstieg versagt.

Bis ihm eines Tages die Eingebung kam, sich den Kopf kahl zu scheren. Das brachte die Wende. Mit fünfundzwanzig Jahren wurde Gregor Siemssen Pastor der Kristkirche von Tondern und tat jetzt schon ein Jahr lang im Sodom des Kapitalismus Gottes Werk.

Die noblen Damen in ihren Schaumkronen aus Tondernspitze und die Fabrikmädchen, die der letzte Abschaum waren, mischten sich auf dem Weg ins Freie. Kleine Hände legten sich in seine große Hand. Ein Fabrikmädchen, so klein, dass es kaum älter als acht sein konnte, ließ eine Spuckeblase platzen, als es ihm die Hand gab. Er gab dem Kind seinen Segen. Es sah böse zu ihm auf. Sie verdammt mich, dachte Gregor, und sie verdammt Gott. Sie weiß, dass weder ich noch Gott ihr helfen werden. Ein Fabrikmädchen mit goldblonden Haaren empfing seinen Segen, als schüttete er Asche auf ihr Haupt. Er empfand Scham vor ihrer Schönheit, nichts kann sie retten. Ein Mädchen in Grau, ein Mädchen in Grau, ein Mädchen in Grau. Er segnete die grauen Mägde, den ganzen trostlosen Strom. Zuletzt hielt das Leitmädchen des Rudels vor ihm an, legte die Hand in seine, dass es ihn kalt ergriff, und sagte frech zu der anderen, die bei ihr stand: »Das ist unser Pfaffe, Falka.«

»Geh in Frieden«, wies er sie fort. Ihm war immer unwohl, wenn diese Gestalt auf ihn zukam. Sie hatte Hass auf ihn, Hass auf alle, und ihre Hand war kalt wie ein Dolch.

Nun sah er endlich einmal Liebende kommen: Lily am Arm von Martin Martensen. Gregor bedankte sich im Stillen bei Gott, dass er auf eine Kanzel gekommen war, wo er diesen reichen jungen Menschen wie ein noch viel Hochgestellter gegenüberstand. Wäre Lily nicht die Nichte von Willem Tondernsen, hätte sie sein Wohlwollen gehabt. Aber Willem Tondernsen gehörte die Spitzenfabrik, darum gehörte Lily leider zum Heer der Habgierigen.

Willem Tondernsen war der Sohn des Holländers. Er nannte sich selber den Mann der weißen Spitzen. Lily, die Tochter seiner seligen Schwester, wuchs ihm wie ein eigenes Kind ans Herz und wohnte in seinem Haus.

»Gott segne Sie, Lily«, sagte Gregor gebieterisch.

Ihre Spitzen rauschten über seinen Talar, als sie vorüberging.

»Gott segne Sie, Martin.«

Lily und Martin waren verlobt, in einem Jahr sollte ihre Hochzeit sein.

Martin war der jüngste von den drei Söhnen des alten Martensen, der mit seinem Fuhrunternehmen reich geworden war.

Martin und Lily wuchsen in Geldhäusern mit Säulenportalen auf, aber sie gaben sich einigermaßen volkstümlich. Kein Unfrieden sollte durch Neid entstehen. Tondern war eine reiche Stadt, aber keine große Stadt. Hier konnte jeder jedem beim Spaziergang begegnen, die Ärmsten der Armen den Reichsten der Reichen, und jeder sollte sich seines Lebens sicher fühlen.

Der Platz um die Kristkirche war ein elegantes Oval. Auf der Straße, die ihn wie ein Ring umgab, reihten sich die Kutschen. Kutscher saßen auf den Böcken wie auf Ausschauposten und suchten die vielen Mädchen nach den wenigen ab, die eine Betrachtung lohnten. Die Klöpplerinnen flanierten vorbei wie Früchte zum Greifen und blickten zu ihnen hoch: zum Anbeißen verlockend bis hoffnungslos unappetitlich, es kamen alle Blicke vor, die ein Mädchen einem Mann geben konnte, und nur die wenigsten bekamen einen Blick zurück. Falka sah, wie gleich drei Kutscher nach Milla schauten, doch Milla sah nicht hin. Auch die anderen aus Falkas Nachtkammer hatten kein Auge für die Kutscher, sie standen im Kreis zusammen, Schulter an Schulter, mit den Gesichtern nach innen. Falka wäre gern umhergegangen, aber sie blieb im Kreis ihrer Freundinnen stehen und spähte nur scheu auf das, was sich um sie herum tat.