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Der packende Generationenroman der englischen Star-Autorin Harriet Evans! Als Juliet den Schlüssel zu dem alten herrschaftlichen Anwesen ihrer Familie zugesandt bekommt, öffnet sich ihr die Tür in eine vergessen geglaubte Welt. Nightingale House hat viele Geheimnisse und Juliet ist entschlossen, jedes einzelne davon zu lüften. Warum verbrannte Juliets Urgroßvater, der Anfang des 20. Jahrhunderts ein gefeierter Maler war, sein berühmtestes Gemälde? Was ist aus seinen beiden Kindern geworden, die auf diesem Gemälde abgebildet waren? Bald schon muss Juliet erkennen, dass die Antworten auf ihre Fragen über die Vergangenheit einen hohen Preis fordern. Denn etwas hat einst dieses Paradies zerstört. Und es hat die Kraft, das noch einmal zu tun … Harriet Evans hat in ihrer Heimat England einen Stammplatz auf den Bestseller-Listen. Nach ihren erfolgreichen Romanen "Der Garten der verbotenen Träume", "Das Jahr der Schmetterlinge" und "Die Zeit der Wildblumen" beweist sie mit "Das Haus der wilden Rosen" erneut, dass sie die Meisterin der Familiengeheimnis-Romane ist. Gekonnt verwebt sie die verschiedenen Zeitebenen miteinander und erschafft einen mystischen Ort, der einen sofort in den Bann zieht. Ein Roman so traumhaft schön wie ein Gemälde – prächtig, fesselnd und geheimnisvoll. "Eine faszinierende Geschichte von Verlust, Mut und Kunst – und nicht zuletzt der Liebe zum Gärtnern." – Independent
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Seitenzahl: 829
Veröffentlichungsjahr: 2021
Harriet Evans
Roman
Aus dem Englischen von Doris Styron
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Als Juliet den Schlüssel zum alten herrschaftlichen Anwesen ihrer Familie bekommt, öffnet sich ihr die Tür in eine vergessen geglaubte Welt. Nightingale House hat viele Geheimnisse, und Juliet ist entschlossen, jedes einzelne davon zu lüften. Warum verbrannte ihr Urgroßvater, ein gefeierter Maler, sein berühmtestes Gemälde? Was ist aus seinen beiden Kindern geworden, die darauf abgebildet waren? Bald schon muss Juliet erkennen, dass die Antworten auf ihre Fragen einen hohen Preis fordern. Denn etwas hat einst dieses Paradies zerstört. Und es hat die Kraft, das noch einmal zu tun …
Der neue packende Roman der englischen Star-Autorin!
Widmung
Motto
Die Kinder
Prolog
I
II
III
Teil eins
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
Kapitel zwölf
Teil zwei
Kapitel dreizehn
Kapitel vierzehn
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Kapitel zweiundzwanzig
Kapitel dreiundzwanzig
Kapitel vierundzwanzig
Teil drei
Kapitel fünfundzwanzig
Kapitel sechsundzwanzig
Kapitel siebenundzwanzig
Kapitel achtundzwanzig
Kapitel neunundzwanzig
Kapitel dreißig
Kapitel einunddreißig
Kapitel zweiunddreißig
Kapitel dreiunddreißig
Teil vier
Kapitel vierunddreißig
Kapitel fünfunddreißig
Kapitel sechsunddreißig
Kapitel siebenunddreißig
Kapitel achtunddreißig
Kapitel neununddreißig
Kapitel vierzig
Kapitel einundvierzig
Epilog
Canthia Asquiths Tagebuch
Danksagung
Für meine Martha
»Die Zukunft ist noch nicht niedergeschrieben, die Vergangenheit ist in Flammen aufgegangen und verloren.«
Inschrift auf dem Schildchen an The Garden of Lost and Foundvon Sir Edward Horner, 1873–1919
Helena und Charlotte Myrtle
Helenas Tochter Lydia Dysart Horner
Ihre Kinder Eliza, John und Stella Horner
Stellas Sohn Michael Horner
Seine Tochter Juliet Horner
Ihre Kinder Beatrice, Isla und Sandro Taylor
Nachdem es passiert war, sollte sie sich ihr ganzes Leben lang fragen, ob sie es hätte verhindern können. Wenn sie früher nach Ned geschaut hätte – er war seit ihrer Rückkehr aus London so seltsam gewesen –, wenn sie begriffen hätte, was ihr Mann wirklich plante, als er all ihre Rücklagen für The Garden of Lost and Found hinblätterte, wenn sie nicht an ihrem Schreibtisch gesessen und in die Luft gestarrt hätte, in Erinnerungen verloren, wenn sie mehr wahrgenommen hätte, hätte sie es dann verhindern können? Aber bis Lydia Dysart Horner ins Atelier ihres Mannes trat, war es zu spät, um das berühmteste, das sicherlich geliebteste Gemälde der Welt den Flammen zu entreißen.
Es war im Juni. Liddy war im Salon, wo die Terrassentüren zum Garten, der jetzt mit dem zarten Duft von Jasmin, Rosen und Lavendel am schönsten war, weit geöffnet waren. Während sie lustlos den endlosen Stoß von Rechnungen durchging, sog sie ab und zu tief die Luft ein und versuchte neben dem dumpfen Geruch der Bücher, Teppiche und Gaslampen und dem Aroma aus der Küche, wo Zipporah eine Hammelkeule mit Rosmarin zubereitete, den Blumenduft zu erhaschen. Liddy hatte den Rosmarinzweig morgens abgeschnitten und auch die neuen Kartoffeln, glatte goldgelbe Knollen, selbst aus der schwarzen Erde ausgegraben. Sie hatte die Blumen für den Tisch gepflückt, schwere Rosen, Flieder, Nelkenwurz in Schattierungen von Violett, Altrosa, Dunkelrot – alle aus ihrem Garten.
Sie hatten dieses Haus vor vierundzwanzig Jahren bezogen, an einem hellen, hoffnungsfrohen Juninachmittag, als die Weide über dem Flüsschen ihre Zweige ins Wasser hängen ließ und trauerte und die hochschießende junge Eiche, die jetzt das Haus überragte, noch ein kleiner Baum war. Die Natur stand in voller Pracht, und sie waren erschöpft und des Reisens überdrüssig. Ned hatte seiner jungen Frau – sie waren ja beide so jung,eigentlich fast noch Kinder – aus dem Wagen geholfen und sie dannden Weg hinuntergetragen. Noch in ihrem alten Cottage, dem geliebten Pförtnerhaus – wie lange hatte sie schon nicht mehr daran gedacht! –, hatte sie sich den Knöchel verstaucht, der danach nie wieder ganz heil wurde, selbst jetzt noch nicht. Liddy erinnerte sich noch, dass der Impuls, ihr Haar zu richten, sie verunsicherte, als Ned sie zur Haustür trug; der große Knoten war nach der holprigen Fahrt im Wagen auf der unebenen Straße auf ihre Schultern hinabgerutscht. Aber er hielt sie mit beiden Händen fest, und sein Gesicht glänzte vor Anstrengung und der leidenschaftlichen Gewissheit, die ihn in allen Dingen antrieb und durch die er letztendlich umkam.
»Liddy, horch! In den Bäumen sind Nachtigallen, ich habe sie nachts gehört. Ich habe ihren Gesang gehört.«
Das große, fremde Haus, das einen willkommen hieß, sich aber nie wirklich in Besitz nehmen, sondern nur bewohnen ließ, bestand aus gelbem Kalkstein aus den Cotswolds, mit Flechten betupft, der im Sommer kühlte und im Winter die Sonne einfing. Die Südseite war von wildem Wein überwuchert, hellgrün im Frühjahr und im Herbst himbeerrot; weiße Hortensien blühten wie zarte Spitze unter den Fenstern von Arbeitszimmer und Esszimmer. Um die Tür herum gab es Eulen, darüber Eichhörnchen, und stolz saßen ganz oben auf dem Dach vier steinerne Zierspitzen in der Form von Nachtigallen.
Auch auf ihrem Puppenhaus saßen sie, und daran erkannte sie, wohin er sie gebracht hatte.
Die Erinnerungen, verstehen Sie. Sie ließen ihren Atem stocken, diesmal und bei all jenen anderen Gelegenheiten.
Johns erste Schritte, unsicher, zielstrebig, so klein, die Welt zerstörend, die gewundene Treppe hinunter in die Wildnis, um seine Schwester zu suchen, die ihm oft ihr eigens für ihn abgeändertes Lied aus der Mother-Goose-Sammlung vorsang.
»John, John, the painter’s son, Stole a cake and away he run.«
Der reifbedeckte Morgen an Weihnachten, als Eliza ganz früh mit von der Kälte gerötetem Gesicht hinausschlich, zurückkam und Efeuranken und steife, stachelige Stechpalmenzweige mitbrachte.
Der Tag, als Mary zum ersten Mal zu Besuch kam, ihr liebes Gesicht an der Tür, Tränen in den Augen, und ihre sanfte tiefe Stimme: »Ich spüre Mama hier, Liddy. Sie ist hier, nicht wahr?« Aber das war jetzt achtzehn Jahre her, und sie wusste nicht einmal, ob Mary noch am Leben oder tot war.
Die Zeit, in der das Bild entstand, der goldene Sommer, als sie ihm stundenlang saß. Die Kinder – Märchenwesen, die beim schwindenden Licht im Garten tanzten und ihre Vogelschwingen trugen, während Ned wie verrückt versuchte, die Erinnerungen und die Liebe einzufangen und auf die Leinwand zu bannen …
Das Heranrollen des Fahrrads an jenem eiskalten Morgen, mit dem das Telegramm gebracht wurde. Die Vögel saßen erfroren auf den Zweigen. Alle tot. Sie gab dem Jungen, der das Telegramm abgab, ein Trinkgeld. Dabei war sie ganz ruhig geblieben.
Liddy hatte Träume, in denen eine andere Frau am Schreibtisch saß, an diesem Schreibtisch. Ihr Haar war hochgesteckt wie Liddys Haar, und sie schaute auf den Garten hinaus. Diese Frau war nicht sie, aber ihr Gesicht konnte sie nie sehen.
An diesem Nachmittag fiel es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Das Frühjahr war furchtbar kalt gewesen, und die unvermittelte Pracht des Sommers an diesem Nachmittag war besonders willkommen. Während sie eine Metzgerrechnung aus der Hand gleiten ließ, saß sie beinah vollkommen zufrieden und lauschte schläfrig den Nachtigallen, und das Brummen einer Hummel an der Glasscheibe verstärkte ihren ermatteten Zustand noch.
Dann nahm sie den Geruch wahr. Zuerst nur schwach, süßlich und würzig, den Geruch des Winters.
Aber im Haus wurde auf ihre Anweisung hin nach Pfingsten nie Feuer gemacht. Darling, der Gärtner, wusste genau, dass das nicht ging, jetzt, wo die Vögel vielleicht ihre Nester bauten. Und irgendein Instinkt, eine unwillkürliche Rückerinnerung an Unheil ließ sie aufstehen und am Schreibtisch vorbei zur Terrasse laufen, wo der Rosenduft sich jetzt stärker mit dem anderen Geruch vermischte.
Es war der Geruch nach etwas Brennendem. Ein Feuer.
Liddy rannte auf den alten Gartenpavillon am Rand des Grundstücks zu, in dem sich Neds Atelier befand. Schon hörte sie das Knacken und Zischen von brennendem Holz, dann ein Geräusch von etwas, das splitterte, und einen unheimlichen, fast unmenschlichen Schrei. Sie lief schneller, die Absätze ihrer kleinen Seidenschuhe sanken in die weiche Erde ein, der schwere altrosa Seidenstoff ihres Kleides haftete glatt wie Wasser an ihren Beinen, und als sie das kleine Gebäude erreichte und unter der Tür stehen blieb, schrie sie auf und hob die Hände über den Kopf.
Ned stand vor einem lodernden, gefräßigen orangeroten Feuer. Weiße Funken flogen aus den Flammen, und er griff nach ihnen, packte sie, schwenkte die Hände und stampfte auf den Boden.
»Weg!«, rief er, während er kopflos mit den Fingern nach den gleißenden Feuerblitzen haschte. »Fort! Weg! Weg damit!« Seine Stimme klang wie das schrille Kreischen eines Vogels. »Fort!«
»Ned!«, schrie Liddy, damit er sie über das Lodern des Feuers hören konnte. »Liebling! Ned!« Als sie ihn erreichte, packte sie ihn an den Schultern, um ihn von den Flammen wegzudrehen, aber er stieß sie mit der Kraft eines Wahnsinnigen grob zur Seite.
»Ich tu’s«, sagte er und schaute sie nicht einmal an, sondern durch sie durch, als wäre sie gar nicht da. Seine apfelroten Backen glänzten. »Ich lass es verschwinden. Mit einem Zaubertrick! Es wird uns nicht mehr verfolgen, Liddy! Es kann uns nichts mehr anhaben!«
Das Gesicht tat ihr weh, aber sie starrte ihn mit offenem Mund an. Sie wusste schon, was sie zu sehen bekommen würde, bevor sie hinschaute.
The Garden of Lost and Found hatte auf einer Staffelei in seinem Atelier gestanden, seit er es acht Monate zuvor zurückgekauft hatte. Es war in braunes Papier eingeschlagen und mit einem Bindfaden verschnürt gewesen. Jetzt war es ausgewickelt, das sah sie, das Siegel war aufgebrochen, und es war nachlässig wieder in das Papier gehüllt. Sie sah auch die Ecken des Goldrahmens herausragen. Und während sie hinschaute, nahm Ned den Packen und schleuderte das Bild ins Feuer.
Liddy schrie auf, als hätte sie Schmerzen, und der Rahmen stand sofort in Flammen. Sie versuchte, sich auf das Feuer zu stürzen, den Blick starr auf das Papier gerichtet. Schon schmolz der Goldrahmen, verzog sich und verschwand vor ihren Augen, aber er stieß sie zurück.
Ihre lieben Kinder, die mit gekrümmten Rücken saßen, die vollkommene Konzentration, die Flügel im goldenen Licht des Sonnenuntergangs glühend, er hatte sie eingefangen, hatte sie vollendet getroffen – und jetzt verbrannten sie. Sie konnte keine Spur von ihnen sehen, nur das Schildchen »The Garden of Lost and Found: Sir Edward Horner, R. A. 1900« und darunter die Inschrift, an der die gierigen, schrecklichen Flammen leckten.
Und das Geräusch! Wie hätte sie wissen können, dass ein Feuer so brüllen und toben konnte?
Sie zerrte an ihm. »Ned«, schluchzte sie. »Lieber, wie konntest du nur?« Sie vermochte ihn ein paar Schritte wegzuziehen und legte ihm die Hand auf die Stirn. Er war eiskalt, die Augen glasig. »Ach, lieber Gott, warum nur?«
»Er wird nicht zurückkommen. Ich habe ihn verbrannt. Er ist fort. Sie ist fort. Die Vögelchen sind alle fort«, war alles, was er dazu sagte.
Liddy zog seinen bebenden Körper zu sich heran. Er zitterte, war schweißgebadet und sich wohl kaum dessen bewusst, wo er war. Angst fuhr ihr wie ein Stoß in den Magen, saß ihr in der Kehle.
»Liebster, komm ins Haus«, bat sie. »Dir ist nicht gut.«
Aber er stieß sie zurück. »Mir geht’s gut. Mir geht’s gut.« Er ergriff ihre Hände, da reizte ein dicker, breit aufsteigender Rauchschwaden sie zum Husten, und ihre Augen tränten. »Jetzt brauchen wir sie nie wieder anzuschauen«, sagte er ganz deutlich, während die eine Gesichtshälfte im Schatten lag und die andere orangerot im Licht des Feuers leuchtete. »Das Feuer hat uns geläutert. Und jetzt, Liddy, das hier auch.«
Er stieß sie zur Seite und griff nach der kleinen Ölskizze von The Garden of Lost and Found, die immer im Atelier in der Ecke hing. Liddy entriss sie ihm mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, drehte sich um und schob ihn in den Garten hinaus, wo sie die Skizze ablegte und sich dann wieder dem Feuer zuwandte. Sie raffte alle Kleider und Lappen zusammen, die sie finden konnte, wobei ihr aber mit zunehmender Panik bewusst wurde, dass das Terpentin, mit dem sie getränkt waren, das Atelier in Sekunden in Flammen aufgehen lassen würde. Auch alles andere wäre verloren. Auf dem Boden lag ein zusammengerollter Teppich. Sie zerrte ihn hoch über die Flammen, aber das Gewicht zog ihre Hände auf das Feuer hinunter, und sie spürte den sengenden, weiß glühenden Schmerz von verkohlter Haut. Sie roch ihr eigenes verbranntes Fleisch, schaute überrascht nach unten und sah, dass ihre Hände brannten. Mit mehr Geistesgegenwart, als ihr je zu eigen gewesen war, vollbrachte Lydia einen Akt der Selbsterhaltung für eine Zukunft, die sie nicht absehen konnte, indem sie mit einer Hand ihren Seidenrock hochriss, ein Bein hob und heftig, so fest sie konnte, auf den Teppich und das Feuer stampfte.
Oben im Haus hatte man bemerkt, was da los war. Sie hörte die Rufe, die bis zu ihnen herunterhallten. »Es brennt im Pavillon! Wasser! Holt Wasser!«
Mit tränenden Augen taumelte sie aus dem kleinen Gartenhaus hinaus. Blinzelnd schaute sie auf ihre Hände, die rot und wund waren, aber sie fühlte keinen Schmerz. Zipporah und die kleine Nora kamen aus der Küche herbeigerannt. Noras Schürze flatterte in der vom Feuer aufgeheizten Luft, während Zipporah eine Schüssel Wasser auf die am Rand des Teppichs züngelnden Flammen schüttete. Darling tauchte aus dem wuchernden Garten mit einer Schubkarre auf, auf der eine eiserne, randvoll mit Wasser gefüllte Badewanne stand. Mit seinem o-beinigen, uralten Körper hielt er die Schubkarre auf Kurs.
»Mrs. Horner! Madam!« Nora zeigte bestürzt auf den Boden hinter Liddy. Ned war zu Boden gestürzt und kreideweiß. Er hatte die Augen halb geöffnet, und jetzt sprach wieder die Besinnung aus seinem Blick.
Er winkte sie zu sich heran, sie kauerte sich neben ihn hin, und er sagte leise mit seiner vertrauten Stimme: »Liddy, ich fühl mich nicht gut, mein Täubchen. Ich fühl mich nicht gut.«
Er war am Tag davor erst im Atelier gewesen, dann den größten Teil des Nachmittags auf einem langen Spaziergang unterwegs; erst am Abend war er zurückgekehrt, als sie mit Lord und Lady Coote dinierten. Dabei hatte er kaum ein Wort gesprochen, und auch später nicht. Er war zerstreut und sprunghaft gewesen. Letzte Nacht war er in ihr Bett gekommen und hatte mit ihr geschlafen. Das erste Mal seit vielen Monaten, dass er etwas von ihr wollte, obwohl sie den Eindruck hatte, dass er kaum wusste, wer sie war. Am Morgen, als sie über die Leidenschaftlichkeit seines späten Besuchs bei ihr nachdachte, wie er geweint hatte, als er den Höhepunkt der Krise erreichte, brach es ihr fast das Herz, selbst jetzt, wo nach all diesen Jahren so viel geschehen war, das sie trennte. Sie wusste, dass er am absoluten Tiefpunkt angelangt war, seit sie John verloren hatten.
Er war John nicht so nah gewesen wie Liddy, aber es schien ihn mehr mitzunehmen als sie. In den letzten Monaten war er äußerst geschwächt gewesen. Sir Edward Horner war aus der Mode gekommen; es war Jahre her, dass die Royal Academy Wachpersonal beschäftigt und Absperrseile aufgestellt hatte, um seine Gemälde vor den Massen zu schützen. Beliebt war er schon, aber er war würdevoll geworden und schuf patriotische Werke für das Empire. Er war nicht mehr derselbe Ned Horner, der vor nunmehr fast dreißig Jahren die Welt der Kunst angefeuert hatte. Und diese Sache, dass er das Gemälde zurückgekauft hatte …
Sie wusste, dass er das zu hassen gelernt hatte, wofür The Garden of Lost and Found inzwischen stand. Von so vielen wurde es als Symbol spätviktorianischer Sentimentalität verspottet. Es hatte sogar eine Karikatur in der Satirezeitschrift Punch gegeben: »Edna! Edna! Ich bestehe darauf, bleib jetzt von dem Bild weg. Wir können es uns nicht leisten, so endlos viele Taschentücher zu waschen, hörst du?« Es machte ihm das Herz schwer. Bei Liddy war es nicht so. Liddy konnte man nicht mehr kränken.
Jetzt legte sie seinen Kopf auf ihren Schoß. Er murmelte etwas.
»Jetzt ist er fort«, sagte er. »Es war doch richtig, oder?«
»Was?«
Aber sein Blick war starr, wie blind.
»Ich wünschte, du würdest es mir sagen«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Ich liebe dich. Ich werde dich immer lieben. Lass mich hier nicht allein. Sag mir, warum du es getan hast.«
Doch sie sollte es nie erfahren. Ned kam nicht wieder zu Bewusstsein. Eine Woche später schwand er dahin als einer der Millionen Toten durch die Grippe, die im Land, auf dem Kontinent und der Welt mit verheerenden Folgen wütete. Mehr Menschen kamen durch sie um als durch den Ersten Weltkrieg. Im Dorf brachte sie zehn Bewohner um, die liebe Zipporah, Farmer Tolley, ihren Nachbarn auf der Walbrook Farm, Lady Coote und Lady Charlotte Coote, sodass Lord Coote allein zurückblieb, da seine beiden Söhne im Krieg gefallen waren. Sie tötete Nurse Bryant, wie sie herausfand, und so war Liddy endlich frei. Aber sie war ganz allein.
Am Tag nach Neds Tod fegte Liddy mit ihren verbrannten Händen, die sie fest mit Gaze verbunden hatte, den Steinboden des Pavillons. Das Feuer hatte einen dunklen grauroten Fleck auf den goldgrauen Steinplatten hinterlassen. Tatsächlich überlegte sie, ob sie die Asche als eine Art Andenken aufheben sollte, aber dann fegte sie sie auf ein Tuch und, da sie auf den Stufen zur Wildnis stand, schüttelte sie im Garten aus. Sie rieselte wie schwarzer und grauer Schnee im Juni überall auf das abschüssige, wirre Durcheinander der Farben, und Liddy stand da, sah zu und drehte das Messingschildchen in ihrer verbundenen Hand.
Wie durch ein Wunder war es erhalten geblieben. Das war alles, was von dem berühmtesten Gemälde seiner Zeit übrig war. Nachdem es bei der Sommerausstellung der Royal Academy stürmisch gefeiert worden war, wurde es im nächsten Jahr in einer Wanderausstellung in Paris, St. Petersburg, Adelaide und Philadelphia gezeigt. Millionen in aller Welt standen Schlange, um dann sehnlichst diesen wunderschönen ländlichen englischen Garten im späten Nachmittagslicht zu betrachten, die beiden Kinder, eines mit jenen merkwürdigen Vogelschwingen; sie saßen zusammengekauert auf den obersten Stufen der mit Flechten und Gänseblümchen überzogenen Treppe und schauten ins Haus, wo ihre Mutter saß und schrieb.
Schon lange gab es die Kinder nicht mehr. Der Maler war nicht mehr da und auch das Gemälde nicht. Nur die Skizze war übrig und Lydia selbst – und dieses Nightingale House, das in eine Mulde des alten englischen Heidelands geschmiegt stand, von Bäumen umgeben, in denen den ganzen Tag lang Vögel sangen und nachts die Eulen riefen.
Als Kind hatte sie sich immer gefürchtet, hatte von einem eigenen Zuhause geträumt, das irgendwo versteckt sein sollte, wo niemand sie finden konnte. Wo sie sicher sein konnte. Dann hatte Ned sie hierhergebracht, und ein paar Jahre lang war alles vollkommen schön gewesen. Vollkommen. Als der Sommer sich über den Garten senkte und dann wieder verschwand und das seidige goldene Septemberlicht herbstlichem Dunst und der Feuchtigkeit und der Dunkelheit wich, da kam die Frage, die Liddy verfolgt hatte, immer wieder zu ihr zurück. Musste man auf diese Weise für das Glück bezahlen? Vielleicht, ja, vielleicht war das so.
Ham, Richmond, Juni 1893
Dalbeattie, mein lieber Freund,
kommst Du, um Dir zusammen mit mir das Nightingale House anzuschauen? Ich habe das perfekte Heim für uns gefunden, ein Pfarrhaus, etwa um 1800 erbaut und von Liddys Mutter in ihrer Kindheit bewohnt, tatsächlich – jetzt schrecklich verfallen, keine Treppen, keine Fenster, keine Schränke und Türen, nur eine Hülle. Aber es ist ein schönes Haus mit großen Räumen, voller Licht. Im Garten ist ein Pavillon, ein Überrest des alten, ursprünglichen Herrenhauses, das in der Elisabethanischen Zeit erbaut wurde. Man pflegte dort Eis und Konfekt zu sich zu nehmen nach einem Spaziergang über den Rasen (der Rasen ist jetzt eine Wildnis) – so ein sonderbares Gebilde, aber ich werde es als mein Atelier nutzen. Wirst Du den Rest des Hauses nach Deinen Vorstellungen umbauen und renovieren und es zu einem Zuhause für uns machen? Denn Du verstehst, was wir brauchen …
Ein Ort, an dem ich in Ruhe arbeiten könnte, ungestört und ohne den Lärm der Stadt – ohne das Gequassel, die Agenten und die Kritiker.
Ein Heim für unser Kind und die Kinder, die noch kommen werden, ein Ort mit sauberer, frischer Luft, damit der Husten unserer kleinen Liza heilt.
Ein Ort für meine liebe Schwägerin. Wir müssen für die süße Mary sorgen, die Situation in Paris ist inzwischen unerträglich; sie kann nicht weiter mit Pertwee leben … Unser alter Freund ist verloren, für sich selbst und andere. Der Alkohol hat ihn zu fest in seiner Gewalt, mein lieber Freund … Mary soll willkommen sein, bei uns zu leben, solange sie will.
»Baue dir ein Haus zu Jerusalem und wohne daselbst und gehe von da nicht heraus, weder hierher noch daher.«
Mein lieber verstorbener Vater war, wie Du weißt, nicht sehr erpicht auf die Heilige Schrift, aber er mochte Sinnsprüche, genau wie Du, und dieser passt. Denn es muss ein Ort sein, wo meine Liddy frei sein kann, sie muss London entkommen, muss die Gespenster hinter sich lassen! Sie verfolgen sie immer noch auf das Grausamste. Was diese drei Kinder in der Gewalt derer gelitten haben, die vor allem für sie hätten sorgen sollen! Tag für Tag versuche ich die schreckliche Erinnerung an das auszulöschen, was sie getan haben, obwohl ich nun zu begreifen beginne, dass es mir nie vollständig gelingen wird. Mein geliebtes, armes Täubchen. Sie liebte ihre Mutter – hierherzukommen würde ihr so guttun. Endlich …
Ein Heim für unsere Familie, das Bestand hat, bis die letzte Nachtigall aus den Bäumen hinter dem Haus verschwunden ist. Oh, es ist ein wunderschöner Ort, sonderbar, mystisch, könnte man sagen – mitten in der verwunschenen, einsamen Natur. Ich weiß noch nicht einmal, ob es in Oxfordshire oder Gloucestershire oder Worcestershire oder einer anderen ganz neuen Grafschaft ist! Es liegt hier etwas in der Luft und in den Bäumen, eine Abgeschiedenheit, ein Zauber … Aber ich gerate ins Schwärmen. Komm bald, Dalbeattie, wir müssen Dich sehen, wir alle, und bau uns das Haus, sei ein guter Freund – lass uns mit einer neuen herrlichen Geschichte beginnen!
Mit unserem alten Notruf in chestnuts and chicken – Dein
Horner
Verschollenes Meisterwerk wiedergefunden: Skizze des »beliebtesten Gemäldes der Welt« steht zum Verkauf.
Eine äußerst wertvolle Skizze von The Garden of Lost and Found, des Meisterwerks, das von seinem Schöpfer, dem Maler Edward Horner aus der Zeit Edwards VII., zerstört wurde, soll heute versteigert werden. Das Stück ist eine Vorarbeit in Öl, die die beiden Kinder das Künstlers, Eliza und John, im Garten der Familie am Haus in …shire abbildet. Es stellt den Blick ins Haus dar, wo eine geheimnisvolle Gestalt an einem Tisch sitzt und schreibt. Allgemein wird angenommen, dass es sich um die Frau des Malers, Lydia Dysart Horner, handelt.
Es gibt keine weiteren Fassungen des Werks außer einer Handvoll zeitgenössischer Fotografien, alle von schlechter Qualität. Durch das Schicksal der Kinder des Malers und des Bildes selbst hatte The Garden of Lost and Found eine fast mythische Bedeutung angenommen. Zur Zeit der Enthüllung war es damals eine Sensation, ein Kunstwerk, über das der große Kunstkritiker Thaddeus La Touche sagte, dass es die »vielleicht berührendste Darstellung von Kindheit und verlorener Unschuld, die jemals auf eine Leinwand gebannt wurde«, sei. Es wurde im Commonwealth und Nord- und Südamerika gezeigt, und am Ende wurde berichtet, es sei von acht Millionen Menschen gesehen worden.
Später verlor es diese Popularität, wie auch seine folgenden mehr patriotischen Werke wie zum Beispiel The Lilac Hours und We Built Ninive, und Horner, der einst anscheinend nichts falsch machen konnte, wurde von Kritikern und dem allgemeinen Publikum abgelehnt. Horner selbst wurde berühmt dafür, dass er einen Abscheu für sein bekanntestes Bild entwickelte, es für 5000 Guineen vom Kunsthändler Galveston zurückkaufte und sich damit finanziell ruinierte. Kurz danach starb er während der ersten epidemischen Welle der Spanischen Grippe.
Als der Maler nur Tage vor seinem Tod das Bild zerstörte, hatte sich der Ruf des Werks einigermaßen erholt, und im Lauf der Jahre hat sich das Geheimnis um The Garden of Lost and Found verdichtet, bis es nun als eines der großen verlorenen Kunstwerke gesehen wird. Die Skizze zu dem Bild ist in Öl, auf handelsüblicher grundierter Leinwand und zeigt unter der Farbe Anzeichen von Bleistift und Tinte. Sie wurde schnell ausgeführt mit vielen beigefügten Einzelheiten und Notizen, die für das endgültige Bild vorgesehen waren, und ist umwerfend mit seiner sicheren Technik und dem impressionistischen Stil neben der Sprache des klassischen Bildaufbaus, die Horner so viel Bewunderung einbrachte. Ein hinzugefügter goldener Streifen, den man als Sternschnuppe auffasste, den aber weder die Fotos des ursprünglichen Bildes noch die der Skizze zeigen, ist ein unerklärtes Detail in der oberen linken Bildecke. Experten haben keine Erklärung dafür. Allerdings hat Jan de Hooerts, der ehemalige Leiter der Tate Britain, die geplante Auktion mit Hohn und Spott überschüttet und geäußert, offensichtlich sei an der Skizze herumgepfuscht worden. »Horner hat keine Goldstreifen verwendet. Das ist keine Ergänzung, die von ihm stammt. Die Skizze ist geändert worden, und damit werden die Umstände der ganzen Veräußerung zweifelhaft.«
Das Werk, das nur 32 cm × 25 cm misst, wird von einem anonymen Sammler verkauft, der es von der verstorbenen Tochter des Malers, Stella Horner (geboren nach dem Tod ihres Vaters), erwarb. Man schätzt, dass es heute bei Dawnay’s zwischen £ 400,000 und £ 500,000 einbringen wird. Juliet Horner, die Urenkelin des Künstlers, die auch bei Dawnay’s Sachverständige für viktorianische und edwardianische Malerei ist, sagte: »Jahrelang war The Garden of Lost and Found das berühmteste Gemälde der Welt. Millionen standen Schlange, um es zu sehen, wo immer es gezeigt wurde. Sein Verlust ist eine Tragödie, und bis heute haben wir keine Ahnung, warum Horner sein größtes Werk zerstörte. Dass diese erstaunliche Vorstudie entdeckt wurde, ist also eine wunderbare Überraschung für uns alle.«
The Guardian, 10. Mai 2014
Der Mai war Mums liebste Jahreszeit! Weil – so sagte sie – der Garten noch nicht in voller Pracht stehe, sondern noch alles vor sich habe. Das nannte sie den Luxus der Vorfreude. Bei solchen Dingen war sie wunderbar. Sie ist im Mai gestorben, Juliet, wusstest du das? Und auf ihrem Grabstein ließ ich die Inschrift anbringen: »Der Mai ist der schönste Monat, weil dann die Nachtigallen singen«. Das hat sie immer zu mir gesagt. Sie fliegen übern Winter nach Afrika – erinnerst du dich, dass ich dir das alles erzählt habe? Vor dem Krieg war ich einmal in Marokko und sah ganz viele auf Minaretten und Flachdächern sitzen und singen. So zeitfremd für mich, im Februar, dort unter den Palmen, wo die goldene Wüste in der Ferne schimmerte. Sie sind ja solch unscheinbare Vögel, wäre da nicht ihr Gesang.
Im Mai kehren sie nach England zurück. Nur die Männchen singen jedoch. Das Weibchen wählt sich seinen Partner aufgrund der Schönheit des Gesangs, wusstest du das?
Anfang Mai solltest du auch die letzten Zwiebeln und Knollen für den Sommer einpflanzen. Pflanze Dahlien, Hunderte! Die Schwertlilien werden jetzt schon fast sprießen, bitte gib ihnen Dünger. Bereite den Boden vor. Nimm alle alten abgestorbenen Blätter und Ästchen weg. Wenn der Mai kommt, bin ich von morgens früh bis abends im Garten. Alles tut mir weh, ich werde die Erde unter den Fingernägeln gar nicht mehr los. Aber ich fühle mich lebendiger als zu jeder anderen Zeit des Jahres.
Und noch eins, Juliet: In diesem Monat blühen die Glockenblumen im Wald unterhalb des Bachs. Freu dich daran, aber tritt nie in einen Kreis von Glockenblumen, solltest du einen sehen. Es bringt Unglück. Eine böse Fee würde dich besuchen und dich mit einem Fluch belegen. Mum sagte, das sei mit der Kleinen passiert.
Vergiss nicht: Der Mai ist der schönste Monat.
»Ich will kein Müsli, ich will Toast.«
»Es ist kein Toast da, Isla, Schätzchen. Iss doch Müsli. O Sch… ach, du grüne Neune, es ist schon fast acht! Beeilt euch.«
»Aber Mum, ich hasse Müsli. Das ausgetrocknete Obst! Bei Müsli muss ich fast kotzen. Du kannst mich nicht dazu zwingen. Ich werd kotzen.«
»Okay, dann iss Weetabix. Sandy, Schatz, hör auf. Wirf das nicht auf den Boden. Matt, kannst du dafür sorgen, dass er es nicht auf den … Oh!«
»Ich hasse Weetabix. Weetabix sind zum …«
»Dann iss ’ne Banane. Bea, iss doch bitte etwas.«
»Mum, Miss Roberts sagt, wir sollten nicht gleich als Erstes Obst essen, es ist schlecht für unseren Magen.«
»Da irrt sich Miss Roberts. Matt! Lass ihn doch bitte nicht sein Frühstück auf den Boden schmeißen!«
»Herrgott noch mal, Juliet, ich hab’s gehört. Schrei mich nicht an.«
Juliet merkte, dass sie die Schultern bis fast zum Kinn hochgezogen hatte. Sie atmete tief ein und trat vom Tisch zurück. »Ich schreie nicht.« Ihr Fuß landete auf einem kleinen Spielzeugbus. Bevor er als Rollschuh davonsausen konnte, gelang es ihr, auszuweichen, geschickt abzudrehen und sich mit beiden Händen an der Lehne des Stuhls festzuklammern, auf dem ihre älteste Tochter saß. »Oje!«, rief sie. »Das wär fast ins Auge gegangen! Habt ihr das gesehen?«
Niemand antwortete ihr, nur Isla, ihre mittlere Tochter, schaute sie klagend an und hielt ihr ihre leere Plastikschale von IKEA entgegen. »Bitte, Mama, bitte, ich hasse Müsli, und ich hasse Weetabix, bitte zwing mich nicht.«
»Himmel noch mal, dann gib ihr doch Toast«, sagte Matt gereizt. Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und schaltete den Sender um. »Ich hasse Radio 4 gleich morgens. Oder, Kids? Es ist, als würde man schreckliche alte Leute mit Mundgeruch einladen, sich direkt neben einen zu setzen und einen beim Frühstück anzuschreien.«
Die Kinder kicherten, selbst Bea. Juliet holte tief Luft. »Wir haben keinen Toast.«
Matt schaute von seinem Smartphone auf. »Warum nicht?«
»Er ist ausgegangen.«
»Wir sollten heute welchen holen.« Er schüttelte einen leeren Tetra Pak in ihre Richtung. »Und auch Orangensaft.«
Wir sollten einen Sommerurlaub buchen. Wir sollten uns mit Olivia zum Spielen verabreden. Wir sollten deine Mutter in Rom anrufen. Wir sollten nicht mit anderen Partnern schlafen. All diese Dinge sollten wir tun.
»Du könntest doch beim Laden vorbeigehen, Matt. Man verkauft tatsächlich Lebensmittel dort, habe ich gehört.«
»Ich hab dir schon zehnmal gesagt, dass ich einen Teamentwicklungstag habe. Danke, dass du dran gedacht hast.«
»Okay, ich geh in meiner Mittagspause einkaufen, wenn nach der Auktion noch Zeit ist.« Juliet stellte wieder auf den alten Sender zurück.
»Und nun ist es Zeit für das Wort zum Tag mit Reverend …«
Matt blickte zu ihr hoch, und sie sah an seinem Gesicht, wie der Ärger in ihm aufflammte. »Herrgott noch mal, Juliet.«
Sie hatte sich früher immer vor diesem Gesichtsausdruck gefürchtet, es hatte sich wie ein schmerzhafter Stich der Angst in den Eingeweiden angefühlt. Aber in letzter Zeit hatte sie sich daran gewöhnt.
»Saaaft! Will Saft«, sagte Sandy etwas lauter als vorher.
»Ich will es nur anlassen, falls sie die Auktion ankündigen. Henry hat gesagt, er würde vor acht zu hören sein.« Juliet beugte sich hinüber und versuchte Sandy davon abzuhalten, Frühstücksflocken auf Bea zu schleudern, die immer noch zusammengesunken am Tischende saß. »Bea, Schätzchen, iss doch Frühstücksflocken.«
Bea hob ihren Kopf mit den glänzenden Haaren und starrte ihre Mutter an. Unter ihren dunklen Augen lagen Schatten wie lila Fingerabdrücke.
»Ich hab keinen Hunger, danke«, sagte sie schlicht und schaute wieder auf ihr Handy hinunter, während ihre dünnen Finger auf dem in der düsteren Küche hell leuchtenden Display herumtippten.
Juliet hasste dieses Handy. Sie konnte sich noch an dieses Wesen mit den glänzenden Haaren erinnern, das die Beine baumeln und gegen die Stühle stoßen ließ, über die Küken schwatzte, die sie in der Schule ausbrüteten, darüber, was sie in der AG Werken gemacht hatten, oder das Neueste von Mollys neuem kleinem Hund. »Oh What a Beautiful Morning!«, sang sie jeden Morgen, jeden Abend. »Oh what a beautiful Mummy! I’ve got a beautiful Daddy! I’ve got a beautiful sister! Everything’s going my way!«
Früher einmal hatte sie allein den Schlüssel besessen, der den Zugang zu Gedanken, Herz und Mund ihres ältesten Kindes gewährte. Jetzt war sie nicht einmal mehr sicher, dass es einen solchen Schlüssel gab. Man ist nur so glücklich wie sein am wenigsten glückliches Kind. Bea war betrübt, und deshalb war Juliet das auch.
»Da, iss doch ein bisschen was, mein Liebes.« Sie strich über das schwarze, glänzende Haar ihrer Tochter und spürte ihre Anspannung bei der Berührung durch ihre Mutter. »Nur damit du was im Magen hast, Bea. Du hast doch heute Sport, denk dran, und …« Sie warf einen Blick nach unten. »Mein Gott, wer ist denn Fin? Warum schickt er dir ein Bild von einem Mädchen im BH?«
»Ach, halt doch die Klappe, Mum. Lass mich doch verdammt noch mal in Ruhe.« Bea stand plötzlich auf, schubste ihren Stuhl zurück, stieß mit der Holzlehne an Juliet und stakste aus der Küche, schaute aber noch verlegen zu ihrer Mutter hin, als wollte sie sich vergewissern, dass sie ihr nicht wirklich wehgetan hatte. Dieser Blick war das, was Juliet eigentlich verletzte.
Isla sah auf ihre Schale hinunter und begann ihr Müsli zu löffeln.
»Na ja, jemand ist da ziemlich mies drauf«, sagte sie halblaut, schaute aber traurig zur Tür, und es war komisch, wie ihre Mundwinkel nach unten zeigten. Sandy knallte seine Tasse lautstark auf den Tisch.
»Will Saft.«
»Du solltest sie dir nicht so vorknöpfen«, meinte Matt und blickte dabei immer noch auf sein Handy.
»Aber sie ist … Etwas stimmt doch nicht.«
»Problem mit ’nem Jungen. Das steckt immer bei ihr dahinter.« Matt nippte an seinem Cappuccino.
»Oh«, sagte Juliet und kam sich noch blöder vor. »Wirklich?«
»Jemand, der Fin heißt. Ich hab gesehen, wie sie ihm gesimst hat.«
»Wann?«
Er stand auf. »Ich muss los. Ach ja, heute Abend wird’s später …« Juliet legte ihm eine Hand auf den Arm. »Hör zu, fang nicht wieder damit an. Es geht um die Sache mit der Teamentwicklung, oder? Ich wünschte …«
»Nein. Schsch, einen Moment. Da ist es.«
»Heute kommt in London eine Skizze zum Verkauf«, begann John Humphrys mit seiner schönsten Netter-Onkel-Stimme, in der mitklang, dass dies eine unernste Meldung und etwas war, das eigentlich unter seiner Würde sei. »Eine Skizze, die nicht größer ist als ein Laptop, wird heute Mittag versteigert. Und es wird erwartet, dass sie für eine Viertelmillion Pfund weggehen wird. Ja, Sie haben sich nicht verhört, eine Skizze.«
»Sag nicht immer ›Skizze‹«, murmelte Matt, und Juliet legte eindringlich einen Finger an die Lippen. Sie stand regungslos da und hatte eine Hand auf die Brust gelegt. Sie wünschte nur, sie wüsste, warum sie sich jedes Mal fühlte wie auf der Achterbahn, wenn die Sprache darauf kam. Es war albern.
»Diese Skizze ist jedoch schon etwas Besonderes. Sie gehört zu einem Bild, das einst das wahrscheinlich berühmteste Gemälde der Welt war. Bei mir ist nun Henry Cudlip vom Auktionshaus Dawnay’s, die den Verkauf abwickeln.«
»Das den Verkauf abwickelt«, murmelte Juliet automatisch.
»Ist das dein Chef? Der piekfeine Schnösel?«, fragte Matt, für einen Moment interessiert. Er lupfte Sandy aus seinem Stuhl und gab ihm einen Kuss. »Hallo, kleiner Mann«, sagte er und verstrubbelte sein flaumiges goldglänzendes Haar, während Henry Cudlips Stentorstimme weiterdröhnte, begleitet von einem knisternden Rauschen, als würden die Schallwellen nicht ausreichen, um ihn aufzunehmen.
»Saft!«, fing Sandy an zu plärren. »Saft, Mama, Saft, Saft!«
»… Niemand weiß, warum er The Garden of Lost and Found zerstört hat. Er war nicht bei vollem Verstand, auf jeden Fall. Er war krank. Komischer Kauz.«
»Aber warum war das Bild so berühmt?«
»Das entzieht sich meiner Kenntnis.«
»Experten«, sagte Matt. »Bewahre uns vor den Experten.«
Juliet lächelte. Sie stand mit verschränkten Armen so nah wie möglich neben dem Radio.
»… zweifellos traf es einen Nerv beim britischen Publikum, als es entstand. Man fand, es sei das ergreifendste Bild der Welt, das war sein Alleinstellungsmerkmal. Erwachsene Männer standen weinend davor. Die Kinder des Malers, in einem Augenblick der Unschuld in seinem Garten, eingefangen wie zwei Zauberwesen. Wie Sie wohl wissen, sind beide …«
»Mum, was passiert, wenn man sich eine Murmel in den Hintern steckt?«, krakeelte Isla direkt ihr gegenüber.
»Das ist super, mein Schatz. Schsch, sei einen Moment still …«
»… Jahre später gestorben«, sagte Henry Cudlip. »Es ist eigentlich eine Betrachtung über die Kindheit …«
»Wer ist gestorben?«, fragte Isla sofort. »Sei still, Sandy!«
»Niemand. Es ist schon lange her. Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen«, sagte Juliet automatisch und griff nach hinten, um Sandy zu tätscheln, der auf dem Boden lag, »Saft!« schrie und mit seiner IKEA-Tasse auf den Fußboden schlug.
»Warum sind sie gestorben?«
»Wie schrecklich. Und ich nehme an, was alle erfahren wollen, ist …«
»Weil sie alt und müde waren und ein gutes, langes Leben gehabt hatten. Iss auf, beeil dich, Schatz.«
»… gibt es noch weitere Skizzen oder Abbildungen vom Original?«
»Leider, nein!« Henry Cudlip klang fast erfreut. »Wir haben nichts anderes, deshalb ist die Entdeckung dieses Stücks so wichtig.«
»Hier bei uns ist nun auch Sam Hamilton. Gerade letzte Woche durften wir erfahren, dass er der neue Direktor des Fentiman Museums in Oxford ist. Das Museum besitzt eine der bedeutendsten Sammlungen viktorianischer und edwardianischer Kunst unseres Landes. Sam Hamilton, ich danke Ihnen …«
»Oh, das geht aber gar nicht«, zischte Juliet. »Guter Gott! Sam Hamilton? Genau der Richtige, der hereinspaziert kommt und dann … Autsch! Scheiße! Scheiße!« Ihre Finger hatten die glühend heiße Teekanne berührt. Sie fluchte, fuhr zusammen und steckte sie in den Mund, rührte sich aber nicht von ihrem Platz neben dem Radioapparat.
»Wird das Fentiman also heute ein Gebot dafür abgeben?«
»Hi, John. Danke für die Einladung. Nein, das liegt etwas außerhalb unserer Preisklasse. Leider. Aber wir würden es sehr gern vom Käufer ausleihen, wer immer das sein wird. Es ist …«
»Warum kannst du den Mann nicht leiden?«
»Wir waren im Studium zusammen an der Uni«, sagte Juliet und vergaß, sich zusammenzunehmen. »Ein Kanadier. Mein Gott, dieser Typ. Komischer Kerl. Er war so ein Aufsteiger, der immer alles wusste. Hat immer nur zwei T-Shirts getragen, eins mit Justine Frischmann und eins mit Pulp, und Socken mit Birkenstock-Sandalen. Und er hat meine Freundin hängen lassen.«
»Ich versteh nicht, was das alles heißt, Mum.«
»Macht nichts. Er war einfach herablassend und zog sich an wie ein … Na ja, jedenfalls … Es ist nicht nett, so fies zu sein, oder? Ich bin sicher, dass er jetzt sehr nett ist …«
»Was ist hängen lassen? Wie das, was Adam mit Darcy in Hollyoaks gemacht hat?«
»Wieso siehst du Hollyoaks?«
»Ich hab nie mitbekommen, dass du mal über ihn gesprochen hättest«, sagte Matt.
»Ich hab ihn seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Er ist … Na ja, ist klar, dass er Direktor eines Museums sein und mit Henry Cudlip wetteifern würde, auf Radio 4 zu sein. Er ist …« Sie schüttelte den Kopf. »Sam Hamilton. Typisch.«
»Jeder Liebhaber viktorianischer Kunst würde sie haben wollen. Ned Horner ist heutzutage sehr unterschätzt wegen des Erfolgs und dann des Verlusts von The Garden of Lost and Found und der Vorwürfe, dass er sich in späteren Jahren verkauft hätte. Er war sehr enttäuscht und seine Witwe auch, Liddy Horner, die Frau des Malers. Sie waren ein außergewöhnliches Paar. Sie lernten sich in sehr jungem Alter kennen, unter besonderen Umständen …«
Henry Cudlip unterbrach ihn. »Tatsächlich ist eine Urenkelin von ihm Mitarbeiterin bei …«
»Mum!«, rief Bea von oben.
»Einen Augenblick, nur einen Moment. Oh, Sandy, sei doch still, Kleiner.«
»Juliet Horner, sie ist eine unserer Expertinnen für viktorianische Kunst.«
»Jemand aus seiner Familie arbeitet für Sie?«
»Zurzeit, ja. Wir haben immer bei ihr nachgefragt, ob sie noch andere Bilder auf dem Boden habe, die sie hervorholen könne, haha.«
»Das bin jetzt ich!«, erklärte Juliet und bemühte sich, aufgeregt zu klingen, aber Sandy spielte mit einer halben Zwiebel, die irgendwie auf dem Fußboden gelandet war, und Matt hörte augenscheinlich nicht zu. Nur Isla hob den Blick.
»Na klar, Mummy!«, sagte sie ganz lieb.
»Aber nein, diese Skizze war eine vollkommene Überraschung für sie – für uns alle, als sie von unserem anonymen Verkäufer gebracht wurde.«
»Faszinierend. Also, viel Glück damit heute, Henry Cudlip vom Auktionshaus Dawnay’s, die diese Skizze anbieten … Nun, es ist zwei Minuten vor acht, Dienstag, der 17. Mai, und ich gebe ab an …«
»Was meinte er damit, dass du zurzeit dort arbeitest?«, fragte Matt.
»Was?« Juliet fing an, den Frühstückstisch abzuräumen. Die braunen Überreste der Frühstücksflocken klebten schon an den Schalen fest.
»Der Typ, dein Chef. Es klang, als würdest du nicht mehr dort arbeiten.«
Juliet schüttelte den Kopf. »Ich glaube, nicht.« Aber ihr Herz pochte so laut, dass sie dachte, sie müssten es wohl alle hören. »Kannst du Sandy die Schuhe anziehen und dafür sorgen, dass Isla sich die Zähne putzt …« Sie entfernte sich rückwärts aus der unaufgeräumten Küche und ging auf die Treppe zu.
»Ich muss gehen, Juliet, das weißt du doch.«
Nur dieses eine Mal! Könntest du nur dieses Mal dafür sorgen, dass Isla sich die Zähne putzt, du fauler …
Oben an der schmalen Treppe angekommen, holte Juliet noch einmal tief Luft – sie fühlte sich ziemlich schwindelig – und klopfte an die Tür von Beas Zimmer.
»Schatz, du hast gerufen? Leider ist es Zeit, zur Schule zu gehen.«
Bea saß auf dem Boden neben dem Puppenhaus, lutschte am Daumen und war zusammengekrümmt wie ein Komma. Sie hatte sich mit einer dicken Wolldecke zugedeckt. Im Nightingale House hatte diese Decke auf dem Sofa gelegen. Es war dieselbe, in die Juliet sich eingewickelt hatte, wenn sie müde oder traurig war.
»Ich will nicht gehen.«
»Ich weiß, dass du keine Lust hast, aber es ist der vorletzte Tag vor den Trimesterferien. Dann machen wir lauter spaßige Sachen.«
»Spaßige Sachen. Ach, Mist.«
»Fluch nicht.« Sie strich ihrer Tochter über die weiche, glatte Stirn, die flaumigen Haare an den Schläfen, bevor Bea ihre Hand wegstieß. »Bea, Liebes, kannst du mir vielleicht nur ein bisschen was von dem erzählen, was nicht stimmt, und dann kann ich …«
»Alles gut. Alles okay.« Bea setzte sich auf und öffnete die Tür des Puppenhauses, und diese schwang an dem massiven Scharnier auf, das am großen Kamin befestigt war. Mit ihren geschickten kleinen Fingern sammelte sie die Figuren im Inneren auf. Sorgfältig stellte sie sie einzeln in der Diele hin: zwei Kinder, deren glatte Holzglieder nach hundert Jahren noch biegsam waren, eins in einem kleinen gesmokten Kleid und mit Flügeln, verschlissener silbriger Stoff war um rostigen Draht gewickelt, das andere in einem weiten Leinenhemd und brauner Kniebundhose, in denen sein winziger Körper versank.
Das Puppenhaus war ein Geschenk für Juliets Urgroßmutter, Lydia Horners Mutter Helena, gewesen. Ein Handwerker aus der Gegend war beauftragt worden, es für die Kinder des Pfarrers zu bauen, nachdem sie in das neue Pfarrhaus gezogen waren, so wurde es in der Familie erzählt. Es war also mindestens hundertfünfundsiebzig Jahre alt, und Grandi hatte Juliet nie ermahnen müssen, beim Spielen vorsichtig damit umzugehen, Juliet begriff es auch so. Es hatte noch andere Puppen gegeben, Erwachsene vielleicht. Sie erinnerte sich aus ihrer Kindheit daran, aber zusammen mit Lieblingsteddybären, Mützen und Büchern waren sie verloren gegangen.
Bei Grandi hatte das Puppenhaus im Pavillon gestanden, wo sie nur selten hinging. Als Kind hatte sie nie gern damit gespielt, sagte sie. Juliet und ihr bester Freund Ev waren es, die Stunden damit verbrachten, es aufs Gras herauszogen, Welten darum herum aufbauten, ihre Figuren ungewöhnliche Ereignisse überleben ließen: die Pest, Feuer, Bankrott, Verrat – Larifari aus’m Groschenroman, so nannte Grandi das, wenn sie die Einzelteile aufräumte, das große Scharnier am Kamin schloss und sie aus dem Pavillon scheuchte, damit sie sich die Hände wuschen, zum Abendessen kamen oder zu dem, was auch immer die Erwachsenen an lästigen, in regelmäßigen Abständen zu erfüllenden Pflichten vorschrieben. Geistesabwesend strich Juliet über die Biberschwanzziegel. Sie war auf das Dach des echten Nightingale House gestiegen, als ihre Großmutter noch lebte. Wann? Die korallenroten Dachziegel aus Terrakotta mussten in bestimmten Abständen erneuert werden. Und wenn das geschah, wurden zwei spezialisierte Dachdecker aus Tewkesbury damit beauftragt. In der ersten Phase stellten sie über mehrere Tage ein Gerüst auf. Es war eine heikle Angelegenheit, erschreckend klapprig. Einer der Dachdecker, Laurence, machte diese Arbeit schon, seit er sechzehn war. Sein Vater hatte als Junge noch die Männer gekannt, die das Dach nach Dalbeatties eigener Originalvorlage gedeckt hatten; sie schichteten die glasierten Ziegel so, dass sie in der Sonne zu schimmern schienen. »War kein Dach mehr übrig, der ganze Schuppen nur noch ’ne Hülse. Er hat sie’s richten lassen und noch mal richten lassen, bis es gestimmt hat.«
Einmal waren sie vom Mittagessen im Pub zurückgekommen und hatten Juliet gefragt, ob sie mit ihnen aufs Dach gehen wolle. Damals hatte sie vor gar nichts Angst. Es war das beste Haus der Welt, warum sollte sie nicht Lust haben, sich das Dach anzuschauen?
Sie erinnerte sich, wie sie auf das schwankende Gerüst gestiegen war, wie es sich anfühlte, auf den Stangen hochzuklettern. Dann, als sie auf dem First stand, schaute sie auf das ganze Haus und seine Umgebung hinunter – die beiden langen Beete, die man die Wildnis nannte, in Wirklichkeit waren es zwei geschickt mit einer bunten Blumenmischung bepflanzte Flächen mit einem schmalen Pfad dazwischen, der zu den Quitten-, Apfel- und Maulbeerbäumen hinunterführte und von dort zu dem kleinen Bach, der die Grenze ihres Grundstücks bildete. Zur Linken stand der Pavillon mit dem Glasdach, das Ned selbst eingebaut hatte und das von dem weitverzweigten Feigenbaum beschattet wurde. Und das Dach des Hauses selbst, das sich unter ihr ausbreitete und zu bewegen schien wie ein Lebewesen, ein Salamander mit breitem Rücken. Darunter und zur Rechten hin arbeitete ihre Großmutter im Gemüsegarten, deren Rücken im blauen Overall wie ein Reifen gekrümmt war. Mum und Dad saßen rechts von der Wildnis weiter weg auf dem Rasen auf den rostigen, gestreiften Liegestühlen und lasen. Aus den Bäumen hinter ihr, die zwischen Haus und Kirche standen, kam das Gurren einer Ringeltaube. In welchem Sommer war das? Und da fiel es ihr ein. 1981, der Sommer der Hochzeit von Diana und Charles. Dies war am Tag davor gewesen. Sie hatte zusammen mit Ev die Hochzeitszeremonie angeschaut.
Und als die Tür zur Erinnerung erst einmal aufgetan war, führten die Pfade sie weiter, und Juliet schauderte plötzlich. Der alte Mann, der gekommen war, das Geschrei … Juliet erinnerte sich, dass sie ihm dort im Pavillon das Puppenhaus gezeigt hatte.
Schon seit Jahren hatte sie nicht mehr daran gedacht. Die königliche Hochzeit, die aus jedem Fernseher und jedem Radio im Haus dröhnte. Grandi war total wütend und befahl dem alten Mann zu gehen. Sie schrie Mum und Dad an. Sie und Ev versteckten sich wie kleine Vögel im Garten. Am Tag danach änderte sich alles. Sie und ihre Eltern verließen Nightingale House frühmorgens, gleich nach dem Frühstück. Juliet weinte auf dem ganzen Nachhauseweg. Zum ersten Mal hatte sie damals gedacht, sie hätte eigentlich bei Grandi wohnen sollen, nicht bei Mum und Dad, weil sie zu ihr gehörte, nicht zu ihnen. Sie entsann sich, dass sie die Fensterscheibe anhauchte, »Nightingales« darauf schrieb und dabei weinte, während der Plastiksitz des klapprigen Renaults an ihren Oberschenkeln klebte. Im Trimester davor hatten sie im Religionsunterricht über das Paradies gesprochen, und Juliet stellte sich frevelhafterweise immer vor, das Paradies müsse wie der Garten des Nightingale House sein.
Aber ihre Kinder hatten es nie gesehen, und sie war seit Grandis Tod nicht mehr dort gewesen. Was für ein seltsamer Tag heute. Juliet blinzelte und nahm dabei wahr, dass Bea immer noch die Figuren im Haus planmäßig hin und her bewegte. Sie legte ihre Hand auf die ihrer Tochter und holte sich selbst in die Gegenwart zurück.
»Geht es wieder um Amy? Soll ich mit jemandem sprechen?«
»Nein. Nein, bitte nicht. Sag nichts.« Bea schloss mit einem Knall die Tür zum Puppenhaus, und man hörte, wie die Figuren im Inneren klappernd umfielen. Sie presste die Handballen auf die Augen. »Lass, Mum, bitte lass.«
»Schon gut, Schatz. In Ordnung. Aber wenn jemand hässlich zu dir ist …«
»Ist sie nicht. Ich meine, manchmal …« Sie schluckte wieder. »Verprich’s mir.«
»Was ist mit dem Jungen, Fin? Daddy hat gesagt, Fin sei auch dein Freund …«
In einer der SMS-Nachrichten, die sie neulich hatte lesen können, bevor Bea sie erwischte, stand: »Erzähl ihnen von Fin, du Baby, oder ich tu’s selbst. Sag ihnen, was du mit Fin gemacht hast! Lool.«
»Nein, o Gott. Ach bitte, Mum. Ich weiß, dass du mir helfen willst, aber bitte lass mich einfach in Ruhe. Bitte. Ich kann’s schon selbst regeln. Ich brauch dich nicht.« Bea stand auf und stakste aus dem Zimmer.
Juliet fühlte sich elend. Sie machte das Bett ihrer Tochter, faltete ihren Schlafanzug zusammen und legte ihn unters Kissen; sorgfältig setzte sie Beas geliebten alten Kater Mog mitten auf die Steppdecke. Sie küsste das abgenutzte alte Katzentier, dessen Fell grau und voller Knötchen war. Etwas von der Liebe, die sie dem Spielzeug eingab, so hoffte sie, werde wie durch Magie weitergegeben. Ich hab dich so lieb. Und ich weiß nicht, wie ich alles besser machen kann. Obwohl sie spät dran war, konnte sie nicht widerstehen, öffnete das Puppenhaus noch einmal und richtete die Figuren auf, damit sie an die Regale gelehnt standen. Dann schloss sie die Tür, stützte sich mit der Hand auf die stabilen Kaminaufsätze, richtete sich auf und folgte ihrer Tochter nach unten.
Matt sagte – und machte dabei einiges Aufhebens davon –, dass er Sandy zur Krippe bringen könne, er komme sowieso vorbei. Bea bestand inzwischen darauf, ihren Schulweg allein zu bewältigen, also setzte Juliet nur Isla an der Grundschule ab. Da Isla nur ein bisschen in den Hundehaufen trat, der immer frisch vor ihrer Tür abgesetzt war, und da es Juliet gelang, die Hände in die Manteltaschen zu stecken, bevor sie das vertraute Brummen des gestohlenen Mopeds hörte, das den Jungen mit einer Reihe Pickel genau am Kinn ankündigte, der sich bereit machte, einem das Handy aus der Hand zu schlagen, und da sie nicht wie gewöhnlich als Allerletzte vorfuhren, wertete sie den Morgen als einen Wahnsinnserfolg.
»Vielleicht lernen wir heute etwas über die Ägypter«, sagte Isla hoffnungsfroh, als sie zur Cheddar-Gruppe gingen. »Wo hat Kleopatra die Schlange hingetan, die sie gebissen hat? Wo hat sie sie eigentlich hingetan?«
»Ich hab heute früh deinen Namen im Radio gehört, Juliet!«, rief Katty, eine nette, noch ziemlich neue Mum ihr draußen vor dem Klassenzimmer zu; Juliet stufte sie gedanklich als Boden-Gruppe ein. »Wie aufregend, heute ist der große Tag, oder?«
»Was ist heute?«, fragte eine andere Mutter, die flink eine Haarsträhne unter ihr Kopftuch schob. »Ach ja, natürlich, deine Auktion. Ich hoffe, sie bringt Millionen ein. Denk dran, ich war immer eine gute Freundin von dir. Immer. Selbst als du die Latzhosenphase durchgemacht hast.«
»Was bringt Millionen?«, fragte Isla und sprang zu ihrer Mutter hin. »Hab ich einen Apfel in meiner Schultasche?«
»Meine Auktion, die heute früh im Radio war. Nein, ich kriege nichts davon, und, Zeina, das weißt du doch genau, es ist also ganz egal, ob es für fünf Pfund oder fünf Millionen weggeht.«
»Es wird nicht für fünf Millionen weggehen, das kann ich Ihnen garantieren«, sagte einer der Väter, ein stämmiger Mann, der im Bankenviertel arbeitete.
»Aha«, sagte Juliet.
Zeina schüttelte mit gespielter Entrüstung den Kopf. »Ich stehe zur Verfügung, wenn du eine Anwältin brauchst, weil du als alleinige Verwandte Anspruch auf eine Beteiligung am Erlös anmelden willst. Wer immer es verkauft und zu Geld macht. Gerechtigkeit für Juliet!«
Die anderen Mütter lachten. Der Banker-Dad ging kopfschüttelnd weg, als wären sie alle eine schnatternde Schar alberner Frauen, nicht jeweils Anwältin, Expertin für viktorianische Kunst, Ärztin. Juliet sah, wie seine Gattin, eine kleine, dunkeläugige Frau namens Tess, sich hinunterbeugte und ihrer Tochter zum Abschied einen Kuss gab, und sie bekam auch den Blick mit, den sie ihm zuwarf, und wie sie hinter dem Rücken ihres sich entfernenden Mannes mit den Augen rollte.
Juliet küsste Isla auf die Wange. »Tschüs, mein Schätzchen.«
Isla blieb in der Tür des Klassenzimmers stehen und drehte sich um. Ihre Augen glänzten vor Entrüstung, die Wangen waren gerötet, und sie sagte vorwurfsvoll: »Das mit meinem Apfel ist ja egal, oder dass du vergessen hast, mir zu antworten, so ist es ja immer, und du hörst mir nicht zu, sondern nur Bea. Ich bin aber auch wer. Tschüs.«
»Ach, Schätzchen, es ist doch nur, weil Bea …«, sagte Juliet und ging auf sie zu.
Aber Andrea, die Praktikantin, sagte bestimmt: »Danke! Machen Sie sich keine Sorgen.«
»Was ist heute so schrecklich, Juliet?«, fragte Tess mit ihrer tiefen, klaren Stimme.
»Ach, nichts«, antwortete Juliet nervös. »Die Auktion wurde heute früh im Radio erwähnt, und es ist – na ja, einfach einer von diesen Tagen.«
Ehrlich gesagt war tagtäglich einer von diesen Tagen.
Tess strich sich das Haar zurück. »Robert meint, es ist ein Schwindel, die ganze Auktion. Er sagt, die Skizze ist nicht echt.«
Juliet war unsicher, wie sie kontern sollte – dein Mann trägt aus freien Stücken Nadelstreifen mit fünf Zentimeter Abstand und hat mir mal gesagt, er halte die Candy Brothers, diese Immobilienhaie, für recht anständige Leute, wenn man sie näher kennenlernt. Stattdessen setzte sie das Gesicht auf, das sie für Rentner in roten Hosen bereithielt, die bei Dawnay’s nach ausgiebigen Recherchen mit einem düsteren Landschaftsbild auftauchten, felsenfest überzeugt, dass es ein Constable sei – also ein ernstes Nicken und ein unverbindliches: »Hm. Schön. Hm.«
»Es ist so romantisch, nicht wahr?«, meinte Katty und lächelte Juliet zu. »Ich hab davon in der Zeitung gelesen. Erinnerst du dich daran?«
»Nein. Er hat es verbrannt …«
»Ich meine die Skizze. Deine Großmutter wohnte doch in dem Haus, oder? Erinnerst du dich an das Haus? War sie eins der Kinder auf dem Bild? Oh, es ist wie Manderley oder so was!«
Katty hatte vor lauter Aufregung schon Glupschaugen, und Juliet fragte sich, ob sie sie falsch eingeordnet hatte, und ob sie sie statt dem Stamm der Bodenträgerinnen lieber dem der insgeheim Geistesgestörten zuschlagen sollte, deren Anzahl mit erschreckendem Tempo zunahm.
»Ich kann mich sehr gut an das Haus erinnern, ja. Die Skizze hing in meiner Kindheit in ihrem Arbeitszimmer. Ich weiß nicht, was damit geschehen ist, man achtet auf so etwas nicht, wenn man noch klein ist, oder? Es muss verkauft worden sein, als sie starb.«
»Oh! Ach so! Hast du heute was vor?«
Juliet runzelte die Stirn. »Mein Chef will, dass ich zusammen mit der Skizze für die Presse fotografiert werde. Wegen der Verbindung zur Familie. Doch ich habe abgelehnt.«
»Aber warum denn, Süße?«, rief Dana (ohne Job aus freiem Willen, Anhängerin des Yoga-Stamms). »Ach, das ist ja so traurig, wenn du’s nicht machst.«
»Ich weiß nicht.« Juliet zuckte mit den Schultern. Sie hörte Henry Cudlips Stimme im Kopf.
»Jemand aus seiner Familie arbeitet für Sie?«
»Zurzeit, ja.«
»Ich habe in Bezug darauf ein komisches Gefühl.« Sie sagte nicht, dass ihr Büro im Erdgeschoss war und dass sie jeden Tag mehrmals fast gegen ihren Willen hinausschlich, um das Bild in der opulenten Eingangshalle von Dawnay’s anzuschauen und es so sehnsüchtig anzustarren, dass sich ihre Augen danach trocken wie Pergament anfühlten. Sie versuchte die Einzelheiten zu erfassen, die an dem goldenen Haus, am gewölbten Dach, auf das sie selbst ihre Füße gesetzt hatte, an den Kindern …
Das kleine Mädchen, Eliza hieß sie, mit den silbrigen, in der Sonne glänzenden Flügeln. Wie sie sich dem Betrachter zuwandte, als wüsste sie, dass sie beobachtet wurde. Wusste sie, was geschehen würde? War das ihr Gesichtsausdruck auf dem letzten Bild? Und der Blick ins Haus. Das achteckige Arbeitszimmer mit den Büchern an den Wänden, die Frau, die dort saß und schrieb. Ihr Gesicht lag im Schatten, das offene Haar fiel auf ihren Rücken hinab. War das Liddy selbst? Das Papier auf dem Boden, die umgefallene Kerze, was hatte das zu bedeuten, oder war es nur die Brise von den bodentiefen offenen Fenstern? Und der goldene Pfeil, der oben am Himmel vorüberschoss, wie ein Stern, der Funken auf den Boden neben dem Haus streute – kein Foto zeigte, dass das auf dem fertigen Bild war. Warum hatte er ihn nicht hineingemalt? War es ein Komet, der Unglück brachte? War es einfach ein Zufall, Farbe, die auf die Skizze gekleckst und geschickt getarnt war? Sie wusste, er hatte so etwas schon zuvor gemacht, mit The First Year, als Eliza, damals noch ein Baby, das gerade zu krabbeln anfing, ihr mit Chromgelb beschmiertes Händchen auf die Ecke des fast vollendeten Bildes geklatscht hatte. »Es hat durch ihren Beitrag sehr gewonnen. Ich glaube, sie wird später Malerin werden«, hatte er an Dalbeattie geschrieben.
»Wer wohnt jetzt dort?«, fragte Gemma (Anwältin, zum Stamm der Jogerinnen gehörig).
Juliet blinzelte. Alle Mütter schauten sie aufmerksam an.
»Ach, ein altes Ehepaar hat es gekauft, nachdem Grandi gestorben war. Ich bin seit Jahren nicht mehr dort gewesen.« Vierzehn Jahre. Bea war damals noch ein Baby gewesen. Juliet rieb sich wieder die Augen, schaute sich im Kreis der neugierigen Mütter um und warf dann einen Blick auf ihre Uhr. »Also, ich muss gehen.«
Sie, Zeina, Katty, Dana und ein paar andere grüßten murmelnd zum Abschied und lächelten. Zeina klopfte Juliet auf den Arm und warf ihr einen seltsamen Blick zu.
»Ich hoffe, es läuft heute alles gut. Ruf mich später an, ja?«
Juliet schaute ihrer eilig sich entfernenden Freundin hinterher. Mit einer vertrauten, schwungvollen Bewegung schlenkerte sie ihre Ledertasche, zugleich Aktenkoffer, über die Schulter zurück. Dann drehte sie sich um und ging die mit Abgasen verpestete Straße entlang, wo an der Straßenecke am Hampstead Heath der Geruch von frisch gemähtem Frühlingsrasen und der ständige Gestank aus der Kanalisation eine unangenehme Mischung ergaben.
Als sie auf die U-Bahn zuging, ließ sie müde den bisherigen Vormittag an sich vorbeiziehen: Henry im Radio; die Tatsache, dass heute der letzte Tag sein würde, an dem sie schnell mal rausgehen und die kleine Skizze betrachten konnte, wann immer sie Lust dazu hatte; Beas Gesicht, als sie sie gefragt hatte, ob Amy sie immer noch mobbe; die Erinnerung an den Moment, als sie die Füße auf das Dach gesetzt hatte; an die königliche Hochzeit; Islas herzzerreißendes Lächeln und ihr kühles, festes Händchen in ihrer Hand; Matts üble Geringschätzung ihr gegenüber, die von ihm ausging wie ein Gestank nach Fäkalien, wie die Kanalisation, genauso war es; die verlässliche Wärme von Zeinas Freundschaft, die ihr manchmal das Gefühl gab, sie habe nur noch den Wunsch, den Kopf an ihre Schulter zu lehnen, zu weinen und sich nicht mehr zu rühren. Aber das tat man nicht, konnte man nicht tun. Lächerlich, so etwas überhaupt zu denken. Wie Grandi immer gesagt hatte, machte man einfach weiter.
Juliet mochte Auktionen sehr, schon immer. Grandi hatte eine große Vorliebe für Nippes und ungewöhnliche Dinge gehabt. Einmal ließ sie Juliet, die erst neun war, eine große Glasvitrine mit zwei ausgestopften Frettchen zum Nightingale House tragen, während sie ihren besten Freund Frederic zwang, sich in der glühenden Hitze mit einem riesigen Persianermantel abzumühen, der angeblich einem Offizier der Kaiserlich Russischen Armee gehört hatte. Dieser Mantel hatte Flöhe, und danach weigerte sich Frederic (der selbst im Dorf mit Antiquitäten handelte), jemals wieder mit ihr zu einer Auktion zu gehen.
Als Juliet die Tür zum Auktionsraum aufstieß, erblickte sie Henry Cudlip, der mit Emma, seiner verängstigten Assistentin, sprach; sie hüpfte von einem Bein aufs andere wie eine Gazelle, die aufs Klo muss. Todschicke, perfekt gestylte Mädchen, die alle gleich aussahen, umschwirrten sie, stellten mit sorgfältiger Geübtheit Stühle zurecht und richteten Tassen und Krüge mit Wasser auf dem Bord neben dem Podium für den Auktionator, Bieterkarten und die Kataloge. Auf der anderen Seite des Raums war die Reihe von Stühlen, Telefonen und Kopfhörern für diejenigen, die per Telefon boten, die hochwichtigen Käufer aus Übersee; dort saß heutzutage das Geld.
Hinter dem Auktionspodium war eine riesige Leinwand, auf der die gebeamte Ankündigung zu lesen war:
DAWNAY’S
17. MAI 2014
VERSTEIGERUNG VIKTORIANISCHER, PRÄRAFFAELITISCHER UND EDWARDIANISCHER KUNST
Das war ein vergeblicher Versuch, vorzutäuschen, dass es auch nur im Geringsten auf die anderen Gemälde ankam, die gerade verhüllt von gut aufgelegten Helfern hereingerollt und aufgehängt wurden. Alle wussten, dass heute eigentlich nur ein Bild zum Verkauf stand. Dort vorn im großen Saal, vom hellen Licht der Frühlingssonne aus der Glaskuppel hoch oben beschienen, hing so winzig, so unpassend für ihren kunstvollen Goldrahmen die Skizze von The Garden of Lost and Found
