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Als Annie mit sechzehn Jahren das Guesthouse an der Atlantikküste verließ, schwor sie sich, nie wieder zurückzukehren. Nichts sollte je wieder an das Unglück erinnern, das damals geschah. Doch fünfzehn Jahre später stirbt Pete, der Besitzer des Guesthouses, und Annie beschließt, ein letztes Mal nach Portugal zu reisen. Im Haus auf der Düne begegnet Annie ihren alten Freunden Jason, Maureen und Greg, die alle auf ihre eigene Art mit den Erinnerungen zu kämpfen haben. Als Annie einem gut gehüteten Familiengeheimnis auf die Spur kommt, ahnt sie nicht, dass sie erneut auf eine Katastrophe zusteuern, aber auch auf die Chance, das Glück zu finden. Dann kommt die Flut, und Annie muss sich entscheiden...
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Seitenzahl: 446
Veröffentlichungsjahr: 2023
Linn Marie Flow
Das Haus hinter den Wellen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
TAG 1 - Lissabon
Tag 1 - Maureen
Tag 1 - Greg
Tag 1 - Annie
Tag 1 - Jason
Tag 1 – Maureen's Geschichte
Tag 1 – Jasons Rückkehr
Tag 1 – Annies Begegnung
Tag 1 – Gregs Rückkehr
Tag 1 – Annie: Gittes Hütte
Tag 1 – Gregs große Liebe
Tag 1 – Jasons Glückswachs
Tag 1 – Maureens Freundin
Tag 1 – Annie und die Surfer
Tag 2 - Annie: die Beerdigung
Tag 2 – Jason: In all den Jahren
Tag 2 – Annie: das Testament
Tag 2 – Gregs Geschichte
Tag 2 – Annies Freunde
Tag 3 - Jason: Solange der Wind
Tag 3 – Maureens Guesthouse
Tag 3 – Annie: Petes Garten
Tag 4 - Gregs Erbe
Tag 4 – Annie: Petes Haus
Tag 4 – Jasons Herz
Tag 4 – Maureens Fieber
Tag 4 - Greg und Grace
Tag 4 – Annie: Frauenfreundschaften
Tag 5 - Maureens Traum
Tag 5 – Annie und das Meer
Tag 5 – Greg's Guesthouse
Tag 5 – Maureens Entscheidung
Tag 6 - Annie: Petes Dachboden
Tag 6 - Gregs Flucht
Tag 6 – Jasons Glück
Tag 6 – Annie: Alte Fotos
Tag 6 – Greg: Zeit für etwas Neues
Tag 6 – Annie: Gittes Lächeln
Tag 6 - Jason: Das Picknick
Tag 6 – Annie: Das Siegerlächeln
Tag 6 – Gregs Bus
Tag 7 - Jasons Schmerz
Tag 7 – Greg und der Sturm
Tag 7 – Jasons Ozean
Tag 7 – Annie: Die Wahrheit
Gitte
Tag 7 – Annie: die Entscheidung
Tag 7 – Gregs Erwachen
FRÜHLING
Die Narbe
Linn Marie Flow
Impressum neobooks
Die Wellen schlugen unnachgiebig über ihr ein. Ein grüner Tunnel aus Gischt und Treibholz. Es gab kein Erkennen, wo oben noch unten war. Ihre Lunge schien zu zerbersten. Panisch riss sie die Augen auf. Wo sie auch hinblickte, graublaues Wasser, das ihr den Zugang zur rettenden Luft versperrte. Sie machte mit ihren kräftigen Armen hektische Züge durch die Fluten in einem letzten verzweifelten Kampf ums Überleben.
Seltsam, dachte sie, wo es doch das war, worauf du all die Jahre gewartet hast. Unnachgiebig mit sich selbst auch im Augenblick des Todes.
Und dann sah sie sie. Sie schwamm ganz ruhig, als sei sie ein Teil des Meeres und blickte ihr tief in die Augen. Eine tiefe Ruhe überkam sie. In dem Augenblick wusste sie, dass es richtig gewesen war, sich für das Meer zu entscheiden. Alles Warten hatte sich gelohnt. Sie war endlich angekommen. Zwei Hände streckten sich ihr entgegen und sie ergriff sie. Sie hörte auf zu atmen und wurde eins mit dem Meer.
Als sie durch die Flugzeugtür ins Freie trat, schlug ihr die Hitze wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Sie fühlte sich, als sei sie mitten in einem Film gelandet, den sie vor langer Zeit in ihrer Kindheit gesehen hatte. Wie eine schwache Erinnerung, fern ihrer Realität, aus einer Zeit, die nichts mehr mit ihrem jetzigen Leben zu tun hatte. Bei den anderen Reisenden mochten die hohen Temperaturen, die blendende Sonne, die feuchte Luft Glücksgefühle auslösen; das sichere Gefühl, dass sie im langersehnten Urlaub angekommen waren. Doch für Annie fühlte es sich an, als würde die schwüle Hitze sie in eine drückende Umklammerung nehmen, die ihr die Luft zum Atmen nahm. Es war, als entführe die salzige Luft sie auf einen Schlag in längst vergangene Zeiten. Zurück in eine Kindheit, die sie längst vergessen zu haben gehofft hatte. Seit dem Vorfall hatte sie nie wieder portugiesischen Boden betreten. Und sie war sich auch sicher gewesen, es nie wieder zu tun. Bis gestern.
Annie beschloss, auf das Eintreffen des Busses in der Kühle des Flughafengebäudes zu warten. Die Luft war wärmer als erhofft, dennoch hatte sie das Gefühl, hier wieder atmen zu können. Sie setzte sich auf einen Sessel aus Kunstleder und klappte ihren Laptop auf. Die unbearbeiteten Dateien leuchteten ihr entgegen. Sie hatte sich ausreichend Arbeit für die nächsten Tage mitgenommen. Ihr Leben sollte so weitergehen wie bisher. Daran würden auch zwei, drei Tage in Portugal nichts ändern. Doch die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Vielleicht sollte sie später weiterarbeiten. Sie ließ ihren Blick durch die Flughafenhalle schweifen. Es herrschte reges Treiben. Braungebrannte, erschöpfte Touristen mit dicken Rucksäcken betraten die Halle, ihr Blick voller Wehmut, dass sie zurück in ihr Leben am Schreibtisch mussten. Pärchen fielen sich in die Arme, bei ihnen spielte das Wetter keine Rolle, sie spürten nur sich. Annie wandte den Blick ab. Vor einem Bildschirm hatte sich eine Menschentraube versammelt. Es lief ein englischsprachiger Nachrichtensender. Gerade wurde eine Nahaufnahme von einem Herrn um die Fünfzig mit einem Gewinnerlächeln ausgestrahlt. Der Name sagte Annie nichts, aber er schien wohl bekannt zu sein. Denn die Zuschauer wirkten interessiert. Als Nächstes folgten einige Aufnahmen von den winkenden Royals. Anscheinend lief gerade eine Promisendung. Gelangweilt wandte sich Annie wieder ab und schaute auf ihr Handydisplay. Sie seufzte, es würde noch eine gute halbe Stunde dauern, bis ihr Bus kam.
Weshalb war sie nur in diesen Flieger gestiegen? Solche spontanen Entscheidungen passten nicht zu ihr. Sie brauchte Ordnung in ihrem Leben. Sie hatte seit Jahren alles im Griff.
Aber dann hatte sie den Anruf erhalten. Zunächst hatte sie nicht abheben wollen. Wie immer, wenn sie Maureens oder Petes Stimme auf dem Anrufbeantworter hörte. Es erschien ihr jedes Mal wie ein brutales Eindringen in ihre Privatsphäre. Hatten sie immer noch nicht begriffen, dass sie nun ein eigenes Leben hatte? Fern von dem Chaos, das bei ihnen an der Westalgarve herrschte. Sie hatte gerade auf ihrer grauen Couch im Wohnzimmer gesessen, eine Tasse mit heißem Roiboostee hatte auf dem Glastisch vor sich hin gedampft und darauf gewartet, soweit abzukühlen, um trinkbereit zu sein. Auf ihrem Schoß hatte Annie die Süddeutsche Zeitung ausgebreitet. Diesen Luxus gönnte sie sich gerne nach einem Zehn-Stunden-Tag am Computer. Es war ein kalter Augusttag in München gewesen. Gerade einmal 14°C hatte das Thermometer auf ihrem kleinen Balkon gemessen. Annie hatte das nicht gestört. Im Gegenteil, sie liebte es, sich an solchen Abenden in eine weiche Decke zu kuscheln und zu lesen.
Sie genoss die stillen Minuten, die nur ihr gehörten. Es war so anders als früher. Und genau so hatte sie es sich bewusst ausgesucht.
Als Maureens Stimme auf dem Anrufbeantworter erklungen war, hatte Annie sofort aufstehen wollen, um den Ton abzuschalten. Sie wollte nicht, dass die Erinnerung, wenn auch nur akustisch, Einzug in ihre Wohnung erhielt. Annie hatte sich etwas zu schnell aufgerichtet, dabei war die Wolldecke auf den grauen Resopalboden gerutscht und hatte die Zeitung mit hinuntergezogen. Das knisternde Papier hatte Maureens Stimme übertönt, als Annie auf die kalten Fliesen im Flur getreten war. Erst als sie direkt vor der weißen Kommode gestanden hatte, auf der sich die Telefonanlage befand, hatte sie es wahrgenommen:
Maureens Stimme war kaum hörbar gewesen. Sie war leise und verzweifelt, das hatte Annie über die ganze Entfernung spüren können. Sie klang zum ersten Mal wie damals.In den vergangenen fünfzehn Jahren hatte Maureen immer versucht, fröhlich und unbeschwert am Telefon zu klingen. Anfangs, als Maureen und Pete noch versucht hatten, sie zur Rückkehr zu bewegen, und auch später bei den jährlichen Anrufen zu Weihnachten und zum Geburtstag. Mehr hatte es an Kontakt nicht mehr gegeben. Annie wollte es so. Das war das Maximum, das sie zulassen konnte. Jeder Schritt mehr, den sie auf sie zugegangen wäre, hätte sie zu sehr in die Vergangenheit zurückgezogen.
Annie hatte nur eine halbe Sekunde gezögert, dann hatte sie zum Telefon gegriffen und auf die grüne Taste gedrückt. Genau in diesem Augenblick hatte Maureen es ausgesprochen. Pete war tot. Eine Gruppe junger Männer trat in die Flughafenhalle. Sie trugen alle die gleichen orangenfarbenen T-Shirts mit einem obszönen Logo drauf, das Annie nicht ganz einordnen konnte. Ihr war nur klar, dass sie keinen größeren Wert auf die Gesellschaft dieser Herren legte. Hatten sie sich nicht im Flughafen geirrt? Wäre Faro an der Südalgarve nicht das passendere Ziel für einen Party-Urlaub gewesen? Hoffentlich hatten sie einen Grund, hier in Lissabon zu bleiben und stiegen nicht gleich mit ihr in den Bus Richtung Süden. Entsetzt stellte sie fest, dass die deutlich angetrunkenen Männer sich ihren Weg durch die Menge bahnten, mit gezieltem Blick in Richtung Sitzgelegenheiten. Schnell zog sie ihren Rucksack zu sich und sprang auf. Sie hatte lange genug gesessen, und mit etwas Glück war ihr Bus bereits eingetroffen. Sie schulterte ihr Gepäck und lief zur Bushaltestelle. Tatsächlich, obwohl die Abfahrtszeit erst in zwanzig Minuten angesetzt war, stand der Bus schon da. Sie packte ihren Rucksack durch die offene Klappe in den Gepäckraum und machte sich auf die Suche nach einem freien Platz in dem bereits gutbesetzen Bus. Natürlich, es war Hochsaison. Trotzdem atmete sie erleichtert auf, als sich die Türen des klimatisierten Busses schlossen.
Nie wieder kehre ich nach Portugal zurück, hatte sie sich damals geschworen. Geschweige denn nach Zambujeira do Mar. Und sie hatte sich daran gehalten. All die Jahre. Es war das einzig Richtige. Bis der Anruf kam.
Ihr war, als hätte sich ihr Leben innerhalb von Sekunden auf den Kopf gedreht. Von einem Augenblick zum nächsten hatte sich ihre Wohnung plötzlich so kalt angefühlt, mit ihren kühlen Farben und klaren Linien. Der Druck an der Wand war ihr nicht mehr dezent schön erschienen, sondern nichtssagend und leer. Plötzlich hatte sich nichts mehr richtig angefühlt.
Wütend hatte Annie das Telefon in die Ecke geworfen, so dass das graue Plastikgehäuse zerbrach und der Akku herausfiel. Sie hatte sich gebückt, um die Kunststoffteile wieder zusammenzufügen. Doch es waren zu viele Splitter, die sich bis in die Küche unter die anthrazitfarbenen Schränke verteilt hatten. Annie hatte es nicht geschafft, das Gerät wieder zusammenzusetzen. Als sie den Handstaubsauger aus seiner Verankerung hinter der Küchentür herausziehen wollte, war sie gegen die Kiste mit den Wasserflaschen gestoßen. Krachend waren diese zu Boden gefallen und hatten sich in tausend Scherben auf dem blankgeputzten Boden ergossen. Annie war auf die Knie gefallen und hatte begonnen zu zittern. Ein tiefer Schmerz hatte sie überfallen. Sie hatte nicht einmal gespürt, dass sich die Splitter durch ihre beige Chinohose in ihre Knie bohrten. Ihr war nur eines bewusst gewesen. Sie würde noch einmal zurückkehren. Nur dieses eine Mal. Sie konnte sich nicht erklären warum. Sie wusste nur, dass sie es tun musste.
Jesus lächelte und streckte ihr die Arme entgegen, als sei er über alle irdischen Probleme erhaben. Du hast ja keine Ahnung, dachte Annie. Sie hörte Klickgeräusche, als ihre Mitfahrer ihre Kameras und Handys zückten, um die große steinerne Figur zu fotografieren.
Sie erinnerte sich noch genau, wie sie das erste Mal über den Fluß Tejo auf den steinernen Jesus zugefahren war. Damals saß sie nicht in einem klimatisierten Reisebus, sondern in einem alten, klapprigen VW-Bus. Sie war acht Jahre alt gewesen und völlig verdutzt aufgewacht. Hatte sie so lange geschlafen? Gerade waren sie doch noch in Nordportugal gewesen. Wie kamen sie so plötzlich nach Südamerika? Sie kannte die Figur aus ihrem bunten Weltatlas, in dem neben den großen Städten die wichtigsten Sehenswürdigkeiten dargestellt wurden. Der steinerne Jesus mit Blick auf den Zuckerhut in Rio hatte sie immer fasziniert. Was für eine große Statue! Eines Tages würde sie auch nach Rio de Janeiro fahren. Sie hatte sich den Berg immer wie einen Zuckerkegel vorgestellt, wie die Erwachsenen sie für ihre Feuerzangenbowle benutzten. Sie schaute sich um. Hier war aber gar kein Berg zu sehen, geschweige denn einer, der aussah wie der Zuckerhut. Sie hatte sich an Gitte gewandt, die vorne am Steuer saß und den steinernen Jesus gar nicht zu bemerken schien. „Wie sind wir so plötzlich nach Brasilien gekommen? Und wo ist der Zuckerhut?“ Aufgeregt und verwirrt hatte sie auf ihrer Sitzbank herumgezappelt, dass das bunte Badetuch unter ihr verrutscht war und ihre verschwitzten Beine auf dem Kunststoffsitz klebten und ziepten, sobald sie sich bewegte. Durch den Rückspiegel hatte sie gesehen, wie Gitte irritiert aufgeschaut hatte, als wäre sie überrascht, plötzlich eine Stimme zu hören. Sie hatte eine blonde Strähne aus ihrem Gesicht geblasen und weiter auf die Straße geblickt, die über die lange Brücke führte. „Diese Jesus-Figur gibt es zweimal. Einmal in Rio de Janeiro und einmal gegenüber von Lissabon. Wir sind natürlich immer noch in Portugal. Die Statue in Brasilien ist nur berühmter.“
So war es immer. Gitte konnte jede ihrer Fragen beantworten. Gitte war einfach unglaublich klug. Und schön. Und stark war sie auch. Sie konnte Gitte alles fragen und bekam immer klare und präzise Antworten. Gittes Sätze begannen niemals mit „man sagt“ oder „es heißt“. Bei Gitte gab es nur Fakten.
Greg hatte ihr später einmal erzählt, dass die Positionen der beiden Figuren bewusst so gewählt worden waren, dass der Jesus aus Lissabon und jener aus Rio sich angeblich über den Atlantik hinweg in die Augen schauen würden. Annie hatte das niemals überprüft. Eigenartig, dass ihr das erst jetzt nach all den Jahren wieder einfiel. Auch Greg hatte sie alles fragen können. Und obwohl auch er jede ihrer Fragen beantworten konnte, fielen seine Antworten immer ganz anders aus als die von Gitte. Aber Greg erzählte auch sonst Vieles einfach von sich aus. Man musste ihm keine Fragen stellen. Und wenn Annie mit ihm im Auto saß, zwinkerte er ihr oft durch den Rückspiegel zu, sobald er etwas besonders Lustiges erzählte oder sie ihn nicht ganz so ernst zu nehmen brauchte.
Wahrscheinlich hatte ihr Gitte deshalb die Geschichte von den zwei Jesusstatuen, die sich in die Augen schauten, nie erzählt. Denn Annie hatte Gittes Blick im Rückspiegel immer vergeblich gesucht. Auch sonst konnte sich Annie nicht erinnern, dass ihre Mutter ihr jemals in die Augen geschaut hätte.
Am Straßenrand waren mittlerweile weniger Gebäude zu sehen. Nur noch vereinzelt leuchteten ein paar Häuser in der gelbgrünen Landschaft hervor. Der Reisebus fuhr schmale Landstraßen entlang, die sich durch dichte Korkeichenhaine schlängelten, immer wieder unterbrochen von langen Passagen mit hohen Eukalyptusbäumen, deren Rinde wie lange Papierstreifen von den rostroten Stämmen herabhing. Annie stieg ihr intensiver Duft in die Nase. Trotz der Klimaanlage schien er durch die kleinsten Ritzen des Busses zu steigen. Oder trog sie nur ihre Wahrnehmung? Alles fühlte sich auf einmal so surreal an. Vielleicht war die Anlage auch defekt, denn Annie begann plötzlich zu schwitzen. Sie zog ihre beige Mohairjacke aus und wischte sich den Schweiß mit einem Papiertaschentuch aus dem Gesicht, das sie sich weiterhin vor die Nase hielt, um den Eukalyptusduft zu verdrängen. Immer wieder musste sie sich ihre verschwitzen Handflächen an ihrer Jeans trocken reiben. Die Passagiere um sie herum schienen von der defekten Klimaanlage nichts zu bemerken.
Vor Annie saßen zwei portugiesische Damen in schwarzen Strickjacken, die sich lautstark über die schulischen Leistungen ihrer Enkel unterhielten und dabei ständig versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen.
In der Sitzreihe links neben ihr saß ein etwa dreizehnjähriger Junge in blauem Kapuzenpulli und Boardshorts, der auf seinem Smartphone ein spannendes Spiel zu spielen schien. Eine Reihe vor ihm döste eine Frau in graublauem Blazer, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand. Sie hatte eine modische Kurzhaarfrisur und ihre Haare wehten jedes Mal, wenn ihr Kopf zur Seite fiel, wie Ähren auf einem Feld im Wind. Dann hob sie ihren Kopf an, um ihn kurz darauf wieder zur Seite kippen zu lassen. Annie beobachtete das Schauspiel einige Minuten, um sich von ihren Gedanken abzulenken. Sie zählte die Sekunden, bis das Ährenfeld wieder zur Seite fiel, und schloss innerlich mit sich selber Wetten ab.
Der Rhythmus variierte zwischen dreißig und zweiundsechzig Sekunden. Als der Bus abrupt bremsen musste, fiel das Buch der Frau mit einem lauten Knall auf den Boden.
Annie stützte sich in ihrem Sitz auf, um sich vorzubeugen und das Buch aufzuheben. Plötzlich beugte sich vor ihr ein junger Mann nach unten, der anscheindend den gleichen Einfall gehabt hatte. Sein dunkelblonder Pferdeschwanz hatte sich leicht aus seinem Haargummi gelöst. Auch er schien gedöst zu haben. Er reichte der Frau, die gerade erwacht war, das Buch, so dass Annie seinen typischen braungebrannten, durchtrainierten Surferarm sehen konnte. Für den Bruchteil einer Sekunde durchzuckte sie das Gefühl eines warmen Erkennens. War das denn möglich? War Greg auch in diesem Bus auf dem Weg in die Vergangenheit?
Dann schaltete sich Annies Verstand wieder ein. Es waren fünfzehn Jahre vergangen. Selbst wenn er sich auch nach Zambujeira begeben sollte, die Zeit wäre nicht spurlos an ihm vorüber gezogen. Er wäre jetzt nicht mehr der junge Mann von damals. Sie hatten sich alle verändert. Auch sie selber. Sie trieb schon lange keinen Extremsport mehr. Es reichte ihr, fünfmal die Woche nach der Arbeit eine Stunde ins Fitnessstudio oder laufen zu gehen. Ihr langer blonder Flechtezopf war einem praktischen Stufenschnitt gewichen. Und sie trug nur noch dezente Farben. Die hatte sie als Kind schon besser gefunden, nur hatte sie damals nicht die freie Wahl gehabt. Meist hatte sie damals ausgefranste Jeans und bunte Surfklamotten getragen. Manchmal wollte Maureen ihr eine Freude bereiten und kaufte ihr ein farbenfrohes Kleid, welches Annie nur angezogen hatte, um wiederum ihr eine Freude zu bereiten. Dabei hatte sie damals schon gewusst: Dezente Farben, wie Grau, Beige und Eierschalenweiß passten am besten zu ihr und ihrem farblosen Aussehen. Durch die Sonnencreme, die sie wegen der Medikamente nehmen musste, war ihre Haut immer bleich gewesen, und sie fand ihre Haare stumpf und farblos. Bunte Kleidung machte nur unnötig auf sie aufmerksam und dadurch auch auf ihre Defizite. Lieber unauffällig bleiben. Neben Gitte war sie ohnehin stets unsichtbar gewesen.
Zwischen den Bäumen tauchten wieder häufiger Häuser auf. Mit ihren bunten Anstrichen leuchteten sie grell im Mittagslicht der Augustsonne. Früher hatte sich Annie immer gerne vorgestellt, wie sie von innen aussahen. Ein Wohnzimmer mit aufeinander abgestimmten Möbeln. Eine richtige, eigene Küche, in der nur die Familie kochte. Ein Vater, der, wenn er von der Arbeit heimkam, seine Aktentasche fallen ließ, um die Kinder in die Arme zu schließen. Eine Mutter, die den Kindern abends vorlas. Sonntags Grillnachmittage mit anderen Familien. Sie hatte immer gedacht, wenn sie nur lang genug wartete, würde sich auch ihr Leben, wie durch ein Wunder, in ein solches Familienidyll verwandeln. Was für ein Schwachsinn, dachte sie nun und schloss die Augen.
Als sie erwachte, hatte sich die Umgebung wieder verändert. Sie fuhren durch weiße Dörfer. Oft waren die Außenwände der Häuser mit buntbemalten Kacheln geschmückt. Die Türen und Fenster waren gelb oder blau umrahmt. Die Farben Portugals, dachte Annie. Das ockerfarbene Gelb des erbarmungslos trockenen Landes und das tiefe Blau des erbarmungslosen Ozeans. Kein Wunder, dass sie Deutschland zu ihrer Heimat gemacht hatte. Die Farben dort brachten niemals die Intensität des Südens. Ebenso wenig das Leben dort. Sie gehörte einfach nicht hierher.
Und dann sah sie das Meer. Zum ersten Mal seit damals. Der Atlantik leuchtete blauer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Die Sonne spiegelte sich in seiner Oberfläche, so dass es aussah, als würden kleine Lichtblitze auf ihm tanzen. Annie kniff die Augen zusammen. Die Angst war noch immer da.
Maureen Shephard blickte aus dem Fenster, ihre rote Teetasse mit den vielen Sprüngen in der Hand. Diese englische Sitte hatte sie sich auch nach all den Jahren in Portugal nicht abgewöhnt. Einen Liter Schwarzen Tee trank sie mindestens pro Tag. Selbst wenn das Thermometer die 40°C-Marke überschritt. Es war, als könne sein Aroma sie beruhigen. Er war in ihrem Leben die einzige Konstante gewesen und das gab ihr Sicherheit. Ebenso wie die alte Tasse. Diese stammte noch aus ihrer Studienzeit. Besser gesagt, von ihrem letzten Tag an der Uni. „Best Mum“ stand in dicken, weißen Lettern darauf geschrieben. Es hatte ein Scherz sein sollen. Ihre beste Freundin Philomena hatte sie ihr geschenkt, als sie erfuhr, dass Maureen unerwartet schwanger geworden war. Was sie auch nicht erwartet hatte, war, dass Maureen den Text von nun an zu ihrem Lebensmotto machen und von einem Tag auf den anderen ihr Studium abbrechen würde.
Sie nahm einen weiteren Schluck Tee, während ihr Blick sich im kühlen Meer verlor. Die Flut setzte gerade ein, und hinter den Wellen saßen regungslos die Surfer auf ihren Boards, einem Entenschwarm gleich, im Wasser und warteten auf die richtige Welle. Das Meer war voll von ihnen. Verrückt, dachte Maureen, vor zwanzig Jahren hatten nur vereinzelt Menschen in den Wellen gesurft. Wie es wohl vor fünfzig Jahren in Portugal gewesen sein mochte? In Cornwall hatte es sie damals schon gegeben, die Surfer. Und selbst in Indien hatte es diesen einen verrückten Surfer gegeben. Durchtrainiert, braungebrannt und mit einem unwiderstehlichen kalifornischen Akzent. John war damals vierundzwanzig Jahre alt gewesen, weltgewandt, hatte sein Studium im Ingenieurwesen für Schiffsbau gerade beendet und war nach Indien gekommen, um in der Reederei seines Großvaters zu arbeiten. Maureen war zwanzig, steckte mitten in ihrem Studium der Sozialpädagogik und machte mit ihrer Freundin Philomena ein zweimonatiges Praktikum in einem Kinderheim in Varkala. Die beiden hatten vor, nach Abschluss ihres Studiums endgültig nach Indien zurückzukehren und ein weiteres Kinderheim zu verwirklichen. Das war der Plan gewesen.
Doch als sie am Meer John kennenlernte, war sie vom ersten Augenblick an verloren.
Sie und Philomena lagen an ihrem ersten freien Tag am Strand und versuchten gerade, ihrer hellen, sommersprossigen Haut, etwas Farbe zu verleihen, als er aus den Wellen tauchte, wie ein Adonis aus dem Meer. Er trug das Surfbrett unter dem Arm und schüttelte seine Haare, so dass die Strahlen der untergehenden Sonne, welche sich in den kleinen Wassertropfen brachen, aussahen, als umrahmten ihn tausende winziger Sternchen. Er kam auf die beiden jungen Frauen zu und lächelte sie an. Von da an war es um Maureen geschehen. Sie verbrachten jede freie Minute miteinander. John war in jede einzelne von Maureens Sommersprossen auf ihrer hellen Haut verschossen, und Maureen fühlte sich unheimlich geborgen in seinen starken Armen.
Als sie sich sechs Wochen später am Flughafen verabschiedeten, war klar, dass Maureen sofort nach Beendigung ihres Studiums zurückkehren würde. Sie würde mit Philomena das Waisenhaus gründen, während John weiter in der Reederei arbeiten würde. Gemeinsam würden sie in das große Haus ziehen, das John von seinem Großvater erben sollte, der schon lange wieder in Großbritannien lebte. Das war der neue Plan gewesen.
Doch zurück in Exeter erkannte Maureen, dass sie schwanger war. Johns Großvater gab seinem Enkel, als er von der Schwangerschaft erfuhr, eine schallende Ohrfeige, dass kurz das Rauschen der cornischen Wellen übertönt wurde, entzog ihm die Stellung in seiner Firma und enterbte ihn. John fand eine kleine Bürostelle in einem Schiffskontor in Bristol, wo er eine enge Zweizimmerwohnung mit Maureen bezog. Maureen konnte schwanger nicht weiter studieren und auch kein Geld für die Erfüllung ihrer Träume verdienen. Und so kam es, dass ihr gemeinsamer Aufenthalt in Indien ihrer beider Träume verschüttete.
Im grauen Licht der regenreichen britischen Tage waren Maureens Sommersprossen trist und farblos, ebenso wie Johns Bürojob. So verblasste auch seine Liebe zu ihr. Das Einzige, was die beiden nach drei Jahren noch verband, war das gemeinsame Kind.
John bekam schließlich doch noch ein Angebot, in einer großen Reederei zu arbeiten und entschied, dass seine bürgerliche Familie ihn dabei nur bremsen würde. Er konnte den gleichen Fehler einfach nicht zweimal begehen. Er kehrte tatsächlich alleine nach Indien zurück, bevor er sich schließlich in Kalifornien niederließ. John hatte seine Träume wiedergefunden.
Maureens Träume hingegen waren in Indien geblieben. Dafür hatte Maureen drei andere Leidenschaften aus Indien mitgebracht. Ihre Leidenschaft für Surfer, ihre Liebe zum Yoga und natürlich ihre großartige Tochter.
Maureen griff nach ihrer Tasse, um sich Tee nachzuschenken. „Best Mum“, ja, das war sie geworden. Für ihre Tochter zunächst und später für die Surfer und all die anderen gestrandeten Gestalten, die bei ihr im Guesthouse landeteten.
Es war mittlerweile halb elf und Maureen machte, wie jeden Morgen um diese Zeit, den Abwasch für ihre Gäste. Sie hatte ihre Spüle und die Arbeitsfläche damals extra so einbauen lassen, dass sie mit Blick auf das Meer arbeiten konnte. Sie genoss die Ruhe, wenn das Haus nur ihr gehörte, ihre Gäste unterwegs zu den Stränden waren oder sich noch einmal hingelegt hatten, um Kräfte zu sammeln, bevor sie sich in die Fluten stürzten, um das Gefühl von Freiheit zu genießen, das die Wellen ihnen für einen Augenblick verhießen. Abends kehrten sie dann erschöpft, aber glücklich zurück, mit zerzausten Haaren und Salz auf der Haut, das sie wirken ließ, als hätten sie ihren braunen Teint heller pudern wollen und ihnen allen eine gewisse Ähnlichkeit verlieh. Dann erzählten sie sich gegenseitig von ihren Abenteuern in Afrika und Australien, von den warmen Wellen in Indonesien und den legendären auf Hawaii. Sie übertrumpften sich mit ihren Geschichten, während sie sich mit einer zuckersüßen Cola das Salz von den Lippen spülten oder mit einem Bier den Rausch der Wellen zu verlängern suchten.
Es löste jeden Abend aufs neue ein Glücksgefühl in Maureen aus, ihre Gäste so losgelöst und glücklich zu sehen. Es war als spränge diese Stimmung auf sie über. Besonders, wenn alle Gäste wohlbehalten zurückgekehrt waren.
Denn der Atlantik war tückisch. Auch wenn er, wie heute, fast ruhig wirkte und türkis im Sonnenlicht erstrahlte, mit kleinen Wellen, die gleichmäßig dem Strand entgegen rollten. Doch selbst an Tagen wie diesem gab es Unterströmungen. Schnell und unsichtbar zogen sie die Menschen auf das Meer, um sie nicht wieder freizugeben. Jeden Sommer verloren einige Urlauber ihr Leben, weil sie das Meer falsch einschätzten. Am schlimmsten war es mit den guten Schwimmern, die auch ins Wasser gingen, wenn die Gefahr offensichtlich war.
Bald würde der Herbst kommen und mit ihm die Supertubos. So nannten sie die Riesenwellen, die sich auf ihrem langen Weg über den Ozean aufbauschten und mit ihrer Wucht ganze Landschaften und Klippenzüge verändern konnten.
Einige Surfer nutzten diese Wellen für gnadenlose Wettbewerbe, und auch Maureen konnte sich der faszinierenden Schönheit und Kraft nicht entziehen, wenn ein plötzlich so unglaublich klein wirkender Mensch dieses Ungetüm elegant mit seinem Surfbrett ritt und bewältigte. Der Surfer zähmte die Welle nicht. Wie sollte er? Und doch wurden sie eins, im perfekten Zusammenspiel, bis die Welle sich endgültig brach und der Surfer den richtigen Moment abpassen musste, um das Spiel zu beenden, bevor es zu einem tödlichen Spiel wurde.
Maureen selbst hatte nie gesurft. Sie konnte nicht einmal schwimmen. Vielleicht gründete ihre Faszination für die Surfer auch darin. Sie hatte nie am eigenen Leib gespürt, wie man ab- und wieder auftauchen konnte. Aber sie hatte schon als Kind, bereits vor ihrer Begegnung mit John, fasziniert den Surfern in den kalten Wellen vor der Küste Cornwalls zugeschaut. Und sie konnte auch jetzt nicht ihren Blick abwenden, wenn sie sah, wie diese Menschen sich völlig verrückt und irrational in unbequeme, hautenge Neoprenanzüge quetschten, in das eisige Wasser stiegen und sich von den Wellen hin und her werfen ließen. Bis sie endlich die eine, richtige Welle erwischten und abends mit einem Glücksgefühl aus dem Wasser stiegen, das sie innerlich leuchten ließ.
Darum hatte Maureen sie schon als junges Mädchen immer beneidet, aber auch bewundert. Sie selber hatte sich das nie zugetraut. Und mit den Jahren erst recht nicht. Sie hatte zu viele Menschen gekannt, die ihr Leben im Meer verloren hatten.
Eigentlich war es an der Zeit, dem Meer den Rücken zu kehren, dachte sie kurz, während sie den letzten Schluck Tee aus der Kanne in ihre Tasse goß. Gleichzeitig war ihr bewusst, wie absurd dieser Gedanke war. Ihre Gäste brauchten sie, das Guesthouse brauchte sie. Für viele war es die letzte Zuflucht geworden, wenn sie in ihrem Leben nicht mehr weiter wussten. Denn es waren nicht nur die Surfer, die kamen. Es war, als würde dieser Ort verlorene Seelen magisch anziehen, um ihnen Kraft zu geben. Die meisten gingen wieder fort, wenn sie sich wieder stark genug für die Welt da draußen fühlten. Andere blieben, für Monate, für Jahre, für Jahrzehnte. Wie sie selber. Bei wieder anderen waren die Wunden zu groß, dass auch das beste Klima und die stärksten Bemühungen sie nicht heilen konnten und sie zerbrachen. So war es vor fünfzehn Jahren gewesen, und Maureen hatte sich damals geschworen, dass keinen ihrer Schützlinge jemals wieder ein solches Schicksal ereilen sollte.
Mit Hilfe von Petes Stärke hatte Maureen dieses Ziel seither immer erreicht. Aber nun war alles anders. Pete war fort. Er war für immer gegangen und hatte sie alleine gelassen.
Ihre Tasse fiel ihr aus der Hand und Maureen bückte sich, um sie aufzuheben. Sie hatte wieder einen Sprung bekommen. Er war größer als die anderen. Die Tasse würde wohl bald endgültig den Geist aufgeben. Zitternd setzte sie sich. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Endlich ließ Maureen es zu.
Sie hatte noch das Poltern gehört und ihr Herz hatte für einen Moment ausgesetzt. Aber dann hatte sie versucht, sich zu beruhigen. Pete hatte einen seiner Abende für sich alleine gebraucht. Es gab sie nicht oft, diese Abende. Vielleicht zwei, dreimal im Jahr. Vorgestern war es wieder soweit gewesen. Er trank dann alleine mehrere Flaschen Wein und haderte mit dem Schicksal und dem Leben. Da konnten auch manchmal Bücher durch das Haus fliegen oder ein Stuhl zu Bruch gehen. Am nächsten Tag schlief er seinen Rausch aus und das Haus blieb still. Und dann war Pete wieder für mehrere Monate der stärkste, friedlichste, aufgeräumteste und liebevollste Mann, den Maureen jemals in dieser Welt getroffen hatte. Doch diesmal war es anders gewesen. Als Maureen Pete am nächsten Tag eine Tomatensuppe vorbeibringen wollte, fand sie ihn leblos auf dem Boden. Sie würde das Bild nie vergessen. Pete lag auf dem steinernen Boden, als würde er schlafen. Daneben eine dunkelrote Lache. Sie hatte die Schüssel mit der Suppe fallen lassen. Ein roter Fluß aus Blut und Scherben schlängelte sich über den Boden. Genauso würde sich ihr Leben von nun an für immer anfühlen, dachte sie. Ihr Leben war ein Scherbenhaufen. Warum war sie nur nicht sofort hinüber geeilt, als sie das Poltern gehört hatte?
Es nützte nichts, dass der Arzt ihr später sagte, dass Pete sofort tot gewesen war. Er war wohl beim Versuch, die steile Treppe vom Dachboden hinabzusteigen, unglücklich aufgetreten und gestürzt. Sein Genick war gebrochen. Die rote Flüssigkeit auf dem Boden war Rotwein gewesen, von dem er anscheinend eine Flasche in der Hand gehabt hatte.
Wütend blickte Maureen auf das kleine weiße Häuschen, das auf der gegenüberliegenden Seite der Düne stand. Früher hatte der Anblick von Petes gemütlicher, rebenverhangener Terrasse mit Blick auf das Meer ihr Herz mit Glück erfüllt. Nun zerbrach er es.
Maureen trocknete den letzten Teller ab und betrachtete traurig die Tasse, aus der der Tee sickerte. Sie goß den Rest in die Spüle. Heute würde es im Guesthouse keine Yogaklasse geben. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren.
Er fuhr bereits seit achtzehn Stunden, seine Augen brannten und er musste immer wieder zwinkern, um klar sehen zu können. Greg konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so lange am Steuer gesessen hatte. Vermutlich vor fünfzehn Jahren, als er so plötzlich die Flucht ergriffen hatte, nachdem sich sein Leben von einem Moment auf den anderen verändert hatte und seine Welt komplett zusammengebrochen war.
Damals war er in den alten, klapprigen T1 VW-Bus gestiegen und einfach losgefahren. Die ersten Tage hatte ihn Vanilla begleitet. Doch sie hatten, die ganze Fahrt über, kaum ein Wort gesprochen und schnell gemerkt, dass ihre gegenseitige Anwesenheit ihnen Kraft raubte, weil sie die Erinnerung an die Geschehnisse wach hielt. Vanilla hatte entschieden, dass sie nach Deutschland fahren würde. In den Süden. Möglichst weit weg vom Meer. Er hatte sie am Flughafen Bilbao in den Flieger gesetzt und sie nicht wieder gesehen. Greg würde das Bild nie vergessen: Ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, mit dünnen Beinen und gebeugten Schultern. Wäre sein Herz nicht bereits gebrochen gewesen, dieser Anblick hätte es getan. Doch er hatte keine Kraft gehabt, sie aufzuhalten. Und auch sie hatte sich nicht umgedreht.
Greg selbst blieb am Meer. Immer an der Küste, nahe bei den Wellen. An die erste Zeit konnte er sich kaum erinnern. Er war gefahren, hatte geweint, die Wellen geritten, hatte gegen den Wind angeschrien. Und nach einem kurzen Verweilen war er weitergefahren.
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass sein Leben sich seit damals nicht wesentlich verändert hatte. Nur waren die Phasen des Weinens kürzer und seltener geworden. Die Phasen des Verweilens länger. Als sein Bus damals den Geist aufgab, ließ er ihn einfach stehen und hatte den nächsten Flieger nach Indonesien genommen. Dann folgten Australien und Neuseeland. Über Hawaii und Kalifornien war er zurück nach Europa gekehrt. Einmal um die Welt, bis er all sein Erspartes aufgebraucht hatte. Seit fünf Jahren waren es wieder die Küsten Westeuropas, an denen er das Wellenreiten lehrte. Oft wurde er um dieses Leben beneidet. Arbeiten, wo es ihn hinzog, an keinen Ort und keinen Menschen gebunden. Er lebte den Inbegriff der Freiheit. Nur wenn er die Geschichte vom stehengelassenen T1 erzählte, merkten die anderen, dass Greg das Leben wohl etwas zu anders betrachtete, als es normal war. Ein so alter VW-Bus, auch mit einem kaputten Motor, war mittlerweile ein Vermögen wert. So etwas ließ kein Mensch einfach stehen. Was für ein unrealistischer Träumer.
Doch das hatte Greg nicht interessiert. Er nahm aus dem ursprünglichen Inventar des Busses nur einen türkisen Schal mit und ein altes, damals schon verblichenes Foto, auf dem eine große, blonde, braungebrannte Frau auf einem Longboard durch die Wellen ritt. All die Postkarten, die an die Holzschränke im Bus gepinnt waren, und von Reisen durch die spannendsten Länder und Orte zeugten, ließ er hängen. Dänemark, Norwegen, Schottland, Cornwall, Bretagne, Italien, Spanien und zuletzt Portugal. Während er jetzt an der Küstenstraße von Cascais die Villen an sich vorbeiziehen ließ, in denen reiche Lissaboner ihre Wochenenden verbrachten, fielen ihm die Karten wieder ein. Sie zeugten von Stärke, Willenskraft und Reiselust, hatte er damals gedacht. Nun, nachdem er selbst all diese Orte bereist hatte und noch viele mehr, bereute er, dass er die Karten nicht für Vanilla aufgehoben hatte. Sie hätte ein Recht darauf. Auf gewisse Weise hatte er sie dadurch, dass er sie ihr vorenthalten hatte, ihrer Vergangenheit beraubt. Vielleicht hatte er ihr deshalb jedes Jahr zu Weihnachten eine Karte geschickt, aus aller Welt, je nachdem, wo er sich gerade befunden hatte. Wie hatte er nur denken können, dass er sie dadurch entschädigen konnte.
Während er weiter Richtung Süden fuhr, fragte er sich, wie es ihr wohl ging. Er dachte an alle, die damals Teil seines Lebens gewesen waren. Vanilla, Maureen, die O'Reillys, den alten Keith… Ob er wohl immer noch im Pinienwald lebte? Wie oft sie abends auf der Terasse des Guesthouses Karten miteinander gespielt hatten. Er dachte an so vieles. Nur nicht an das Wesentliche. Nicht an Pete, der ihn in all den Jahren regelmäßig zu seinem Geburtstag besucht hatte. Egal, wo auf der Erdkugel er sich gerade befunden hatte. Pete hatte immer gesagt, wenigstens einmal im Jahr will ich wissen, wie es dir wirklich geht. Zuletzt hatten sie sich im Februar in Frankreich gesehen. Greg hatte bereits die zweite Saison in Hossegor gearbeitet. Das war Rekord. Vielleicht wirst du doch eines Tages sesshaft, hatte Pete gescherzt. Sie hatten gemeinsam ein paar wirklich schöne Tage verbracht. Vieles hatten sie geklärt, doch es war auch vieles unausgesprochen geblieben. Wäre es anders verlaufen, wenn sie gewusst hätten, dass es ihr letztes Wiedersehen war?
Verdammt. Greg trat hart in die Bremse, als Tränen seine Augen verschleierten und ihm die Sicht auf die Straße komplett entzogen. Nun hatte er doch an ihn gedacht.
Durch seinen Tränenschleier erblickte er das Schild „Zambujeira“. Kein Wunder, dass er nie wieder zurückgekehrt war. Der ganze Ort war für ihn mit Schmerz verbunden. Nun noch viel stärker.
Kurz war er versucht, zu wenden und zurückzufahren. Möglichst weit weg von diesem Ort. Da entdeckte er eine Gestalt am Straßenrand. Eine blonde Frau in Jeans und weißem T-Shirt, die Haare zu einem schlichten Pferdeschwanz zusammengebunden, auf dem Rücken einen olivfarbenen Rucksack. Ein paar Haarsträhnen hatten sich gelöst, sie wehten wild im Küstenwind. Etwas an ihrer Haltung war ihm absolut vertraut. Längst vergangene Erinnerungen bahnten sich ihren Weg zurück. Greg hatte es den Atem verschlagen. Gitte!, dachte er. Gleichzeitig wusste er, dass das unmöglich wahr sein konnte.
Zambujeira do Mar hatte sich kaum verändert. Die weißgetünchten Häuser unter dem tiefblauen Himmel erstrahlten hell im Sonnenlicht, so dass Annie schnell ihre Sonnenbrille aufsetzte, um nicht geblendet zu werden. Der Marktplatz war belebt, als sie aus dem Reisebus stieg. Wieder schlug ihr die schwüle Hitze entgegen. Doch diesmal wurde sie von einer kühlen Brise begleitet, die den salzigen Geruch des Meeres mit sich trug.
An den Marktständen boten Hippies mit langen Dreadlocks bunt gestrickte Taschen und Gürtel an. Touristen in kurzen buntbedruckten Boardshorts und mit dünnen Hängekleidchen flanierten zwischen den Ständen und probierten Honig, Käse und Brot, während sie im Schatten, den die bunten Dächer der Marktstände warfen, Abkühlung suchten. Es roch nach Wein und portugiesischen Köstlichkeiten.
Der Blick auf das Meer war durch die vielen Touristen versperrt. Doch Annie wusste, dass es da war. Sie müsste nur wenige Meter laufen, bis sie an das Ende der Straße gelangte. Dort würde das Meer sich endlos vor ihr ausbreiten.
Sie musste der kleinen Dorfstraße direkt an den Klippen nach links folgen, hinunter Richtung Strand, an dem sich die unersättlichen Sonnenanbeter sogar in der Mittagshitze bräunten. Ein Badetuch neben dem anderen, weil die Bucht, die zwischen den Klippen eingezwängt war, so wenig Platz bot. Sie würde dem Weg weiter folgen, wieder bergauf, um kurz darauf den Blick auf die nächste Bucht zu erhaschen. Dort hatten, seit sie denken konnte, VW-Busse und zu Wohnmobilen umgebaute LKWs gestanden, zwischen denen Kleinwagen einen Schattenplatz zu ergattern suchten. Viele Surfer parkten dort über Nacht, um am nächsten Morgen gleich vor Ort zu sein, wenn der Offshore-Wind für richtig gute Wellen sorgte. Aber auch die Hundebesitzer und Nacktbader nutzten die Gelegenheit, in der Bucht zu baden, an der kein Bademeister für Ruhe und Ordnung sorgte. Dort roch es schon eher nach Freiheit. Dort begann die Luft zu atmen. So hatte sie es früher immer empfunden. Kurz empfing sie ein Hauch von Glück, eine Ahnung von Heimat. Doch das Gefühl wurde gleich wieder in ein Korsett aus Angst gezwängt.
Annie zögerte. Sie hatte sich fünfzehn Jahre geweigert, sich wieder dem Meer zu nähern. Gleich würde sie ihren Schwur brechen. Eine junge, braungebrannte Touristin stieß mit ihr zusammen. Ihr FlipFlop verhakte sich in Annies Turnschuh. „Hey, was soll das?“, motzte das Mädchen auf Deutsch, deren Gesichtsausdruck so gar nicht zu ihrem sommerlich-lockeren Outfit passen wollte. Annie erschrak. „Sorry“, murmelte sie. Die junge Frau schaute sie abschätzig an, als würde sie eine Außerirdische betrachten. „Schon okay“, sagte sie dann, bevor sie hinter ihren Freunden von der Menge verschluckt wurde. Annie schaute an sich herunter. Sie fühlte sich plötzlich völlig deplatziert mit ihren festen Schuhen, der viel zu warmen Jeans und Schweißflecken auf ihrem T-Shirt.
Es war nicht richtig gewesen, zurückzukehren. Alles, was sie alle die Jahre erfolgreich verdrängt hatte, bohrte sich hier wieder einen Weg in ihr Bewusstsein. Sie brauchte das nicht. Sie hatte ein gutes Leben in München. Ihre schöne, klare, kleine Wohnung, den sicheren Job als Übersetzerin, ein gutes Verhältnis zu ihren Kollegen. Hin und wieder ging sie sogar mit ihnen auf ein Radler aus. Sie hatte ihre Bücher, ihr indisches Patenkind, ihre Ruhe.
Das hier fühlte sich nicht richtig an. Annie gehörte nicht hierher. Es würde niemanden stören, wenn sie sich umentschied. Noch wusste niemand, dass sie hier war. Keiner hatte sie gesehen. Sie konnte es noch ungeschehen machen. Sie musste nicht zum Meer.
Annie würde den nächsten Bus zurück nach Lissabon nehmen. Vielleicht hatte sie Glück und erwischte sogar heute noch einen Flug zurück nach Deutschland. Spätestens morgen Abend würde sie wieder in ihrem großen Doppelbett mit den kühlen Laken liegen. Und das alles hier wäre nur ein Traum gewesen, nur das Aufflackern einer Erinnerung. Nicht wahr, nicht echt. Entschlossen drehte sie sich wieder Richtung Bushaltestelle um. Die Menschenmassen, die Gerüche, all das war nicht echt, es war nicht ihre Realität.Annie versuchte, sich auf den Fahrplan zu konzentrieren. Der nächste Bus nach Lissabon fuhr erst in ein paar Stunden. Kurz spürte sie Panik in sich aufsteigen. Sie würde es hier niemals so lange aushalten. Keine Panik. Atme, atme. Annie schloss die Augen. Zehn tiefe Atemzüge, rückwärts gezählt. Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins. Annie öffnete die Augen. Die Straße führte nicht nur zum Meer. Sie konnte auch in die andere Richtung gehen, die, aus der sie gekommen war. Ein Spaziergang würde ihr gut tun. Sie konnte sich im Hauptort Zambujeira, ohne „Mar“, weiter im Landesinneren, in ein Café an der Hauptstraße setzen und ein paar Aufträge an ihrem Laptop bearbeiten. Nichts hielt sie hier.
Der Weg über die Hauptstraße nach Zambujeira war länger, als sie ihn in Erinnerung hatte. Aber was war schon Erinnerung? Es lag in ihrer Hand, worüber sie nachdachte. Der Weg zwischen den trockenen Feldern verschwamm vor ihren Augen. Sie war in München. Ein Schritt nach dem anderen. Eins, zwei, eins, zwei. Sie stellte sich ihre kühle Wohnung vor. Der Schweiß lief ihr den Nacken hinab und sie band die Haare zusammen. Der erfrischende Windhauch, der ihr am nassen Hals entlangstrich, tat gut. Sie trank einen Schluck aus ihrer Wasserflasche, es schmeckte warm und abgestanden.
Und dann sah sie tatsächlich das Ortsschild. Sie blieb stehen. Sie musste sich orientieren, einen Schluck Wasser trinken, ein Café suchen und in die Realität zurückkommen, bevor sie heute Nachmittag – sie warf einen Blick auf die Uhr ihres Handys - in vier Stunden den Rückweg zur Bushaltestelle antreten würde.
Ein Auto gab weiter hinten auf der Straße Gas. Es musste ein VW-Bus sein, dieses Motorgeräusch würde sie immer erkennen. Sie drehte sich kurz um. Ein blauer T3, der seine besten Tage offensichtlich schon hinter sich hatte. Die abgeblätterte orangene Farbe erinnerte sie an Gittes Bus. Schnell drehte sie sich weg.
Doch plötzlich hielt der Wagen mit quietschenden Reifen neben ihr. Was zum Teufel… Der Fahrer beugte sich zum offenen Beifahrerfenster und starrte sie an.
Er hatte sich tatsächlich nicht verändert. Die Haare kürzer, der Bart länger. Aber sie hätte sein Gesicht unter tausenden erkannt. „Greg...“ Sie merkte, wie sich der Druck in ihrer Brust löste.
„Hallo Kleines, brauchst du einen Lift?“ Das hatte er damals auch immer gesagt, wenn er sie mit Gittes Bus auf einem ihrer Streifzüge aufgegabelt hatte. Sie wäre ihm am liebsten in die Arme gefallen. Stattdessen sagte sie: „Du sagtest doch, du würdest nie wieder zurückkehren.“
Er lächelte, ein bitteres Lächeln. Jetzt sah sie die Falten um seine Augen, um den Mund, das Grau in seinen Haaren. „Du doch auch… Ich glaube, wir machen dieses eine Mal eine Ausnahme. Maureen erwartet uns.“
Annie warf ihren Rucksack durch die seitliche Schiebetür in den Innenraum des Busses und wollte sich, wie früher, auf die Rückbank setzen. Greg drehte sich zur ihr um: „Komm setz dich nach vorne. Das ziehen wir jetzt gemeinsam durch, Vanilla.“
Jason O'Reilly blickte auf den Bildschirm seines Smartphones. Er zögerte nur kurz, dann drückte er auf „Löschen“. Sofort leuchtete ein Schriftzug auf: Kontakt Julia gelöscht. Er atmete auf. Das wäre dann auch erledigt.
Früher hatte er Telefonnummern ewig gespeichert, selbst, wenn er seit Jahren keinen Kontakt mehr zu der betreffenden Person hatte. Doch die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass es besser war, einen klaren Schlussstrich zu ziehen.
Auf diese Weise wurde man nicht mehr zufällig über das eigene Telefon an jemanden erinnert, den man aus seinem Leben hatte verschwinden lassen wollen. Man lief nicht mehr Gefahr, beim Scrollen durch die Kontaktliste, bescheuerte, reumütige Nachrichten zu schicken, nur weil man einen über den Durst getrunken hatte oder mal wieder an Weihnachten einsam in einer viel zu großen Wohnung saß. Oder auch beides gleichzeitig.
Das hätte er damals auch mit Jennas Nummer machen sollen. Sofort nachdem alles geklärt, die Besitztümer aufgeteilt waren. Zwar hatten sie bei Ihrer Hochzeit einen Ehevertrag abgeschlossen, trotzdem hatten sich genügend Dinge in ihrem gemeinsamen Londoner Haus angehäuft, von denen man später nicht sagen konnte, wem sie korrekterweise zustanden. Es hatte ein hässliches Ende gegeben. Hatte Jenna die signierte Platte bei ihrem Modeljob damals in Los Angeles zum Thema „70ies“ erhalten oder Jason bei seinem Werbefilm, der auf einem Hippiefestival gedreht wurde?
Eigentlich war es bei allen Dingen nur um das Prinzip gegangen. Wer hatte Recht gehabt, in einer Beziehung, in der jeder dem anderen fremdgegangen war? Und das nicht nur einmal. Wer hatte angefangen? Und spielte das überhaupt eine Rolle? Sie hatten sich miteinander gelangweilt. Das wussten beide. Aber das hinderte sie nicht daran, sich in ihrem Stolz verletzt zu fühlen, als sie erfuhren, dass der jeweils andere sie betrogen hatte.
Was Jason letzten Endes wirklich getroffen hatte, war die Geschichte mit Sherlock. Es hatte einen erbitterten Kampf um ihren gemeinsamen Hund gegeben. Jason war überzeugt gewesen, dass er ihn mitnehmen dürfe, weil die Anschaffung eines Hundes sein Wunsch gewesen war und er Jenna erst mühsam hatte überzeugen müssen.
„Was sagst du da?“ So rasend hatte er sie noch nie gesehen. Ihr schönes Gesicht hatte völlig entstellt gewirkt, als sie geschrien hatte: „Du hast gesagt, dass du Windhunde peinlich findest!“ Das war ein schlagendes Argument. Er hätte tatsächlich lieber einen Labrador oder einen English Setter gehabt, aber diese Rassen waren ihr wiederum nicht außergewöhnlich genug erschienen. „Wenn schon ein Tier, dann wenigstens eines, mit dem man sich sehen lassen kann“, hatte sie gesagt. Sie waren schließlich auch etwas Besonderes.Und dann bei der Trennung hatte sie alles so verdreht, dass ihm das Recht auf seinen geliebten Sherlock verwehrt bleiben sollte. Jenna hatte schließlich gewonnen und Sherlock, als Jason auf einem Job in Berlin war, einfach mitgenommen.
Jason hatte Sherlock furchtbar vermisst.
Morgens und abends fehlten ihm die gemeinsamen Gassigänge. Und wenn er abends auf der großen schokobraunen Couch lag, die fast ein Sechstel ihrer Loftähnlichen Wohnung einnahm, und nichtssagende Actionfilme anschaute, fehlte ihm Sherlocks warmes Fell unter seiner Hand und die kühle Nase, die ihn bei Szenen, in denen ein Schusswechsel stattfand, anstupste, als wolle er ihn fragen: muss ich mir Sorgen machen?
An einem dieser einsamen Abende hatte Jason sein Smartphone gezückt und Jennas Telefonnummer gewählt.
Sie war zufällig in London und sofort zu ihm gekommen. All der Groll war plötzlich vergessen und sie hatten eine leidenschaftliche Nacht verbracht.
Es war, als hätten sie plötzlich wieder Gefühle füreinander entdeckt, die während ihrer Ehe verloren gegangen waren. Es fühlte sich alles nach Versöhnung an. Und Jason war so glücklich, ihre Nummer an jenem Abend gewählt zu haben.
Als sie sich zu einem neuen Treffen verabredeten, schlug Jason vor, dass sie Sherlock mitbringen könnte. Sie hatte gelacht.
„Ich bitte dich. Hast du im Ernst gedacht, dass ich Sherlock behalten kann? Ich jette um die Welt, Jason. Und das nicht nur einmal im Monat, wie du. Ich bin fast nie zu Hause. Wie zum Teufel soll ich mich da um einen Hund kümmern?“
Im ersten Augenblick hatte Jason gedacht, sie hätte sich einen Scherz erlaubt. Zugegeben: einen ziemlich schlechten Scherz. Doch sie schaute ihn wirklich überrascht an.
Er hatte gestottert, wie seit seiner Kindheit nicht mehr.
„Aber… ich... ich hatte zu dir gesagt, bring ihn vorbei, wenn du keine Zeit hast. Ich bin da. Ich hatte extra wegen Sherlock nur noch Reisen angetreten, wo ich ihn mitnehmen konnte. Das weißt du doch verdammt nochmal!“
Jenna hatte den Kopf geschüttelt und ihn angeschaut, als wäre er nicht ganz dicht.
„Wegen eines Tieres seine Karriere aufs Spiel setzen. Wie verrückt bist du eigentlich, Jason?“
In dem Augenblick hatte Jason gewusst, dass es ein Fehler gewesen war, sie noch einmal anzurufen. Ein bescheuerter Anflug von Melancholie, der dafür sorgte, dass man wider besseren Wissens die gleiche Dummheit noch einmal beging. Es hatte seine Gründe, wenn man sich trennte, und die änderten sich auch nicht durch eine leidenschaftliche, gemeinsame Nacht.
Seither löschte er jede Nummer, sobald eine Affäre beendet war. Es gab kein Zurück. Niemals.
Und trotzdem hatte er weiterhin nur Beziehungen mit Frauen, die Jennas Zwillingsschwestern hätten sein können. Nun, ein wenig brachte das auch sein Job in der Werbebranche mit sich. Seine Eroberungen waren immer wunderschöne Frauen, langbeinige Models mit einer Haut wie Milch und Honig und langen, weichen, glänzenden Haaren. Seine Freunde nannten ihn schon scherzhaft „Leonardo“, wegen seiner Vorliebe für blonde Models, die er mit dem berühmten Schauspieler teilte.
Aber auch er sah gut aus mit seinen dunklen Locken, dem verschmitzten jungenhaften Lächeln, den grünbraunen Augen, und den Sommersprossen, die im Kontrast zu seinem fiten, braungebrannten Körper standen. Er sah sogar verdammt gut aus, das behaupteten jedenfalls Kollegen, die Boulevardpresse und sein Freundeskreis. Er hatte mehrmals Anfragen erhalten, selber vor die Kamera zu treten, aber Jasons Traum war es immer gewesen, Fotograf zu werden. Und diesen hatte er sich auf seine Art auch erfüllt.
Zwar hatte er während seines Aufbaustudiums an dem Royal College of Art davon geträumt, als Fotojournalist die Welt zu erobern. Doch dann hatte ihn Shioban, seine mittlere Schwester, die modelte, gebeten, Bilder für ihre Setkarte zu schießen. Und seine Fotos waren unglaublich geworden. Er hatte ihre schneewittchenhafte Schönheit betont, und dennoch zeigten die Bilder ihre Wandelbarkeit. Sie hatte sich danach kaum vor Jobs retten können. Und Jason hatte sich ungewollt einen Namen im Modebusiness gemacht. Die Modemagazine rissen sich um ihn, die größten Namen aus der Kosmetikindustrie wollten nur ihn. Mit seinem abgeschlossenen Wirtschaftsstudium war es nur logisch, dass er seine eigene Agentur gründete, und ehe er sich‘s versah, war er in der Glamourwelt gelandet. Zwischen all den schönen Menschen, mit denen man sich wirklich sehen lassen konnte, wie Jenna gesagt hatte. Und die so unglaublich langweilig waren, dass Jason sich manchmal fragte, worin sie sich unterschieden außer in Augen- und Haarfarbe. Und dennoch war er solange in dieser Welt geblieben, in der er sich so unwohl fühlte. Er kannte es nicht anders. Die Kindheit in den prunkvollen Häusern mit der schönen Mutter, dem stattlichen Vater und den schönen, dunkelhaarigen Schwestern. Alles war immer glatt und perfekt gewesen. Er kannte es nicht anders. Das war seine Welt. Und doch…
Vielleicht war das der Grund, weshalb er gleich zugeschlagen hatte, als die Mieter der Villa seiner Eltern an der Westalgarve kündigten.„Dad, ich möchte Dir die Vila do Sol abkaufen.“ Der Gedanke, dass sein altes Zuhause endgültig in fremde Hände gelangen sollte, hatte ihn verrückt gemacht. Die Jahre, die er als Kind mit seiner Mutter und den fünf Schwestern in dem hellen Haus am Meer gewohnt hatte, waren glücklich gewesen. Und auch später hatte er einen Teil seiner Semesterferien dort verbracht, bis die ganze Familie nach Irland zurückkehrte und die Villa vermietet wurde.
„Was willst du denn damit?“ hatte sein Vater stirnrunzelnd gefragt. Er hatte die Villa nur solange gehalten, weil sein Mieter der Ehemann der Nichte seines langjährigen Geschäftspartners war.
Jason hatte geantwortet: „Ich möchte mal wieder surfen gehen.“
Liam O'Reilly hatte laut aufgelacht. „Junge, Du surfst auf der ganzen Welt: Bahamas, Hawaii, Kalifornien. Den Bildern von dir an den schönsten Stränden kann selbst ich nicht entkommen, wenn deine Nichten zu Besuch sind und ihre Hochglanzmagazine auf dem Tisch im Wohnzimmer liegen lassen. Was zum Teufel willst du da im kalten Atlantik vor Portugal?“
„Dort habe ich es gelernt, Dad. Dort hat alles angefangen.“
Er war am Vorabend erst spät mit seinem Mietwagen angekommen. Die Sonne war schon lange untergegangen, von der Umgebung hatte er nichts erkennen können. Und nun stand er hier im Wohnzimmer an der großen offenen Glasfront mit Blick auf den himmelblauen Atlantik und atmete schwer. Er hatte nicht geahnt, dass ihn die Gefühle hier wieder einholen würden. Es war so lange her. Und doch fühlte es sich an, als sei es gestern gewesen.
Er war wieder der kleine, unsichere Junge, der schüchtern auf einem großen Stein saß und die Surfer beobachtete.
Sie war jeden Tag direkt an ihm vorbei gelaufen. Das Mädchen mit den dünnen Beinen. Sie war mit ihrem riesigen Surfbrett ins Meer gewatet, hochkonzentriert. Ihn hatte sie nie beachtet. Während er voller Bewunderung beobachtete, wie sie jeden Tag besser wurde und in den großen Wellen auf dem Brett tanzte, als wäre sie im Wasser geboren.
Eines Tages verschwand sie mit ihrem Surfboard in einer Welle. Während der Wasserberg sich Richtung Strand bewegte, konnte Jason das Mädchen nur erahnen. Sein Herz raste. Dann, kurz bevor die Welle am Strand brach, sprang sie elegant vom Brett, schüttelte ihre nassen Haare im Sonnenlicht und fischte ihr Brett aus dem Wasser. Sie war eine Meerjungfrau. Das konnte nicht anders sein. Auf jeden Fall war sie nicht von dieser Welt.
Und dann war sie an ihm vorbei gelaufen, während das Wasser von ihr und ihrem Brett tropfte und hatte ihn angelächelt. Ein strahlendes Lächeln, auch das nicht von dieser Welt.
Er war nach Hause gerannt. Atemlos war er in die Küche gestürzt: „Mom, ich brauche ein Surfbrett!“
Seine Mutter stand in einer weißen Schürze in der Küche. „Kommt gar nicht in Frage.“
Doch Jason hatte nicht locker gelassen.
Als sein Vater am Wochenende aus Lissabon nach Hause kam, versuchte er es bei ihm.
Abends lauschte er nervös an der Wohnzimmertür. Seine älteste Schwester wollte wie immer an ihm vorbei stürmen und die Tür aufschieben, doch er schob sie beiseite und hielt den Finger vor die Lippen.
Er hörte die Stimme seiner Mutter: „Nein, Liam. Der Junge ist erst Zehn, und das hier ist der Atlantik.“
„Entschuldige Emma, aber wir leben in Portugal. Hier surft jeder. Und sagst Du nicht immer, dass Du wünschtest, er würde sich mehr bewegen und mehr Zeit an der frischen Luft verbringen?“
Damit war es besiegelt. Er spürte auch jetzt noch das Glücksgefühl, das ihn damals erfüllt hatte. Damit hatte alles angefangen.
