Das Haus Okamoto - Carina Strasser - E-Book

Das Haus Okamoto E-Book

Carina Strasser

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Beschreibung

Die Glocken des Gion-Tempels erklingen mit der Warnung, dass alle Legenden wahr werden können und nichts für immer vergeht... Eigentlich sucht die junge Uni-Absolventin Hannah nur nach einem Job – schwer genug, mit einem so exotischen Studium wie Japanologie. Doch dann trifft sie zufällig auf Shota und wird verwickelt in das uralte Geheimnis seiner Familie, der Okamoto. Und plötzlich ist die Suche nach einer Stelle ihr geringstes Problem: Denn jetzt bekommt sie es mit Geistern längst verstorbener Krieger zu tun und die wollen nur eines: Rache. Irgendwann stehen auch die einst Mächtigen wieder auf und alle sind wie Staub vor ihren Füßen...

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Carina Strasser

Das Haus Okamoto

Kämpfer und Wächter

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Widmung

Vorspann

Kapitel 1: Zufallsbegegnung im Zug

Kapitel 2: Strafpredigt und Notfallmaßnahmen

Kapitel 3: Bewerbungsverhör und Flucht aus der Bibliothek

Kapitel 4: Die Glocken des Gion-Tempels

Kapitel 5: Absage

Kapitel 6: Rokuhara-Jungs

Kapitel 7: Die Okamoto

Kapitel 8: Umzug statt Date

Kapitel 9: Familienbande

Kapitel 10: Ausbildung à la Okamoto und noch mehr Familiendrama

Kapitel 11: Ruhe vor dem Sturm

Kapitel 12: Hannah-Kamon, Vertiefung ins Heike und das Tabu

Kapitel 13: Diebstahl aus The Shard

Kapitel 14: Ryus Bootcamp

Kapitel 15: Heiratsvermittlung und ein ungebetener Gast

Kapitel 16: Aufforderung zum Ausgehen und alte Telefonbücher

Kapitel 17: Die Witwe

Kapitel 18: Das geheime Leben des HJM

Kapitel 19: Eine arrangierte Ehe?!

Kapitel 20: Tagebuch des Unbekannten

Kapitel 21: Aus Sicht der Okamoto

Kapitel 22: Enthüllt

Kapitel 23: Eine lange Nacht

Zufällige Begegnungen und meine Buchfamilie

Stammbaum der Okamoto (Nebenhaus)

Hannahs Handbuch der Okamoto

Thorstens kleines Japan-Lexikon

Ryus Waffenarsenal

Kaedes Erklärung zur Aussprache von japanischen Namen

Azusa-sans und Carinas Leitfaden für Anredeformen

Impressum

© 2020 Carina Strasser. Alle Rechte vorbehalten.

Autorin:

Carina Strasser

Rosenheimer Str. 224

81669 München

E-Mail: strasser.carina(at)mail.de

Lektorat/Korrektorat:

Katharina Heyna

Umschlaggestaltung:

Coverdesign by https://www.agency-of-authors.de/ 

Die in diesem Buch dargestellten Figuren und Ereignisse sind fiktiv. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten realen Personen ist zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt.

Kein Teil dieses Buches darf ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Herausgebers reproduziert oder in einem Abrufsystem gespeichert oder in irgendeiner Form oder auf irgendeine Weise elektronisch, mechanisch, fotokopiert, aufgezeichnet oder auf andere Weise übertragen werden.

Widmung

Für meine Familie – ohne euch würde es das Buch nicht geben.

Und meine Buchfamilie – ohne euch würde es niemand lesen.

Arigatou - Danke

Vorspann

Die Heike – einst waren sie die wohl mächtigste Familie Japans und hochmütig in dem, was sie geschaffen hatten.

Doch sie waren nicht die einzigen, die nach Macht griffen und ihren Einfluss ausweiteten. Wo jemand Macht besitzt, gibt es andere, die sie an sich reißen wollen. Die Widersacher der Heike waren die Minamoto.

Die Schlacht war unausweichlich.

Die Heike gingen unter, ihre einstige Macht gebrochen. Doch ihre Geschichte war nicht vergessen. Von ihnen wurde noch Jahrhunderte später gesungen. In leisen Stimmen, um die Toten nicht zu wecken, sondern die Geister zu beruhigen.

Ihre Geschichte erzählt von ihrem Aufstieg und ihrem Untergang.

Mit der Warnung, dass alles, und sei es noch so großartig, irgendwann vergeht. Hochmut bleibt nicht für immer. Die Mächtigen fallen.

Doch es gibt eine Familie, die nicht vor dem Untergang und der Vergänglichkeit warnt, sondern davor, dass die Geister der Heike irgendwann wiederkehren und Rache nehmen.

Dies ist die Geschichte der Familie Okamoto.

Kapitel 1: Zufallsbegegnung im Zug

Die Glocken des Gion-Tempels erklingen mit der Warnung, dass alle Legenden wahr werden können und nichts für immer vergeht. Die Blüten der Sala-Bäume lehren uns durch ihre Farben, dass, was einst blühte, wiederkommen kann. Die Gefallenen sind nicht für immer fort, sie können zurückkehren wie ein Traum in einer Winternacht. Irgendwann stehen auch die einst Mächtigen wieder auf und wir alle sind wie Staub vor ihren Füßen.

Okamoto Jiro, Warnung zum Heike Monogatari, 1976

--- Hannah ---

Hoffentlich war das nicht wieder eine Schneiderfahrt, schoss es mir durch den Kopf, als ich nach einem viel zu langen Tag in den ICE stieg und mich auf einen der unreservierten Plätze am Fenster setzte.

Ich war zu zwei Bewerbungsgesprächen nach Düsseldorf gekommen. Nicht, dass ich die Stadt mochte oder die Stellen, auf die ich mich beworben hatte. Aber ich würde nehmen, was ich bekommen konnte. Wählerisch zu sein, konnte ich mir nicht leisten.

Dazu hatte ich schon zu viele Bewerbungsgespräche und zu viele Absagen bekommen. Keine Ahnung, wie viele es inzwischen waren ... okay, nein, ich wusste es ganz genau, weigerte mich aber darüber nachzudenken.

Ja, ich bin eine Perfektionistin und nein, mit Niederlagen kann ich nicht gut umgehen. Denn als was sonst soll man es bezeichnen, eine Absage nach der anderen zu bekommen und immer wieder den gleichen Satz in unterschiedlichen Formulierungen zu lesen, von wegen, die Entscheidung sei keine Beurteilung der eigenen Qualifikation und man werde sicher schnell anderswo eine passende Stelle finden...

Unter dem Strich bleibt es ein Versagen, egal mit welch netten Worten es beschönigt wird. Nicht gut genug dargestellt, nicht genug Erfahrung aufzuweisen, nicht überzeugt oder auch überqualifiziert – es war alles dabei gewesen.

Besser nicht darüber nachdenken.

Der Zug fuhr an und ich lehnte mich in dem blauen Sitz zurück und versuchte es mir so gut wie möglich, trotz Bluse und Kostüm, bequem zu machen. Aus den kaum getragenen Absatzschuhen war ich geschlüpft, sobald ich saß. Gegen meine schwer zähmbaren braunen Locken, die inzwischen längst aus der Haarspange herausgerutscht waren und wenig ordentlich in mein Gesicht hingen, konnte ich vorerst nichts machen.

Ding, meldete sich mein Smartphone mit einer WhatsApp zu Wort. Gähnend kramte ich es aus der Tasche, wo es ganz nach unten gerutscht war, vorbei an der Bewerbungsmappe, meinem Geldbeutel, Taschentüchern, Hustenbonbons (? Hatte gar nicht gewusst, dass ich solche bei mir hatte) und diversen Kugelschreibern.

Na Zwerg, wie ist es gelaufen?

Thorsten. Mein unglaublich charmanter Mitbewohner, der nach einem Semester Japanologie zur Besinnung gekommen war und stattdessen Englisch und Deutsch auf Lehramt studierte. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, waren wir gute Freunde geworden. Er verstand, wovon ich redete, wenn ich mich über diverse Dozenten beschwerte oder frustriert war, wenn ich längst gelernte Kanji-Schriftzeichen wieder vergessen hatte.

Frag nicht. Wurde wegen meiner Gehaltsforderung ausgelacht, schrieb ich zurück.

:-D Ernsthaft?! Zu viel verlangt oder wie?

Zu wenig ...

Ja, das konnte auch nur mir passieren. Dabei hatte ich die Headhunterin vorher extra gefragt, was für die Stelle angemessen wäre. Es war ein Job als Expat-Managerin, also glorifiziertes Kindermädchen für japanische Mitarbeiter. Wer hätte gedacht, dass man damit überhaupt Geld verdienen konnte?

:-D oh Hannah ... :-D

Thorsten lachte wahrscheinlich Tränen. Wie lange würde ich mir das anhören müssen?

:-P Am Ende meiner nicht vorhandenen Schlagfertigkeit angekommen, streckte ich ihm zumindest die digitale Smiley-Zunge heraus.

:-) Mach dir keinen Kopf, Kleine. Wann kommst du an?

00:27

Ich hol dich vom Bahnhof.

Jeglicher Protest, von wegen ich bin ein großes Mädchen und finde meinen Weg nach Hause, war sinnlos, deswegen schickte ich ihm ein Dankeschön!

Aber Thorsten hatte es geschafft, dass ich ein müdes Lächeln auf dem Gesicht hatte, als der Zug in Köln Hauptbahnhof einfuhr.

Unter viel Gedränge stiegen Leute ein und aus, bugsierten ihr Gepäck durch den engen Gang auf der Suche nach ihren reservierten Plätzen oder einer anderen Sitzmöglichkeit. Ich war froh, nicht direkt am Gang zu sitzen und von diversen Ellbogen, Handtaschen und überfüllten Reisekoffern angerempelt zu werden. Nach dem Motto: Ach, da sitzt jemand?

Wer hätte gedacht, dass der ICE Richtung München an einem Montag Abend so voll sein würde?

„Ist der Platz frei?“, riss mich eine höfliche Frage aus meinen Gedanken.

„Ja, sicher.“

Ich lächelte meinen Sitznachbarn flüchtig zu. Es war ein junger Mann asiatischer Herkunft, vielleicht ein paar Jahre älter als ich. Doch ich bekam nur diesen kurzen ersten Eindruck, bevor mein Blick auf den Anhänger fiel, den er an einem schwarzen Lederband um den Hals hängen hatte.

Es war ein japanisches Familienwappen, ein Kamon. Etwas ungewöhnlich war vielleicht die legere Form als Kettenanhänger. Wenn Kamon getragen wurden, dann eher als Muster auf ganz formalen Kimonos.

Aber noch auffälliger war, was auf dem Kamon abgebildet war. Es war – wie heißen diese kleinen Teile, mit denen man zum Beispiel Gitarre spielt? – ein Plektrum einer Biwa-Laute, größer als das von einer Gitarre und aus Holz. Das Wappen zeigte ein solches Plektrum, eingefasst in einem runden Kreis. Sicher, Alltagsgegenstände von verschiedenen Berufsgruppen oder Waffen, Fächer, Pfeile oder auch Teile von Musikinstrumenten, all das wurde für Kamon ebenso gebraucht wie Symbole, Pflanzen oder Tiere.

Aber ganz speziell das Plektrum einer Biwa-Laute?

Das hatte ich bislang nur einmal gesehen. In einem verstaubten Buch in der Bibliothek war es abgebildet gewesen. Dort war es aber nicht als seltenes oder fast vergessenes Abzeichen einer absolut unbekannten japanischen Familie bezeichnet worden, sondern als geheimes Familienwappen.

Auf der gleichen Seite waren kaum glaubwürdige Sachen gestanden über das Heike Monogatari, einem Kriegerepos über den Aufstieg und Fall der Heike-Familie.

Die realistischste Variante bezeichnete die Familie als Nachfahren von Schülern Kakuichis, einem jener blinden Mönche, die das Heike-Monogatari begleitet von einer Biwa-Laute vortrugen.

Der Name dieser Familie war – „Okamoto!“, entfuhr es mir leise, als ich mich auf den Namen entsann.

Der junge Mann warf mir einen kurzen, neugierigen Blick zu, verstaute dann jedoch seine Jacke in der Ablage über den Sitzen, bevor er neben mir Platz nahm. Wahrscheinlich war er ein chinesischer Tourist, der sich inzwischen fragte, ob es eine gute Idee war, sich neben die seltsame, Selbstgespräche führende Deutsche mit den wilden Haaren gesetzt zu haben.

Das war eine vernünftige Erklärung.

Aber der Gedanke hatte sich in meinem Gehirn festgesetzt und ich versuchte mich zu erinnern, was ich in diesem obskuren Buch noch gelesen hatte.

Es war eine Abhandlung zu Familienabzeichen gewesen.

Neben den bekanntesten Zeichen von berühmten Familien, wie dem japanischen Kaiserhaus, den Fujiwara oder den Tokugawa, war auch auf Geheimzeichen, wie das der Okomoto, verwiesen worden.

Ein Teil des Hauses Okamoto benutzte geheime Kamon-Wappen, die das Plektrum einer Biwa beinhalteten.

Sie stand als Symbol für die Biwa-Spieler aus dem Mittelalter, die Teile der Geschichte der Heike spielten, um so die Geister der Gefallenen zu besänftigen. Damals glaubte man, dass das gesprochene Wort über solche Macht verfügte.

Auch das ist belegbar.

In dem Buch allerdings wurde die Sache weitergesponnen, nämlich, dass Schüler von Kakuichi, die Okamoto, über Jahrhunderte hinweg und bis heute diese Tradition pflegten – nicht nur, weil sie Geister besänftigen oder Leute unterhalten wollten, sondern vor allem, um zu verhindern, dass eben jene unbefriedigten Seelen zurückkamen und Rache nahmen.

Und wenn sie die Lebenden doch heimsuchten, dann war es die Pflicht der Okamoto, sie zu bändigen.

Abgesehen davon, dass das wie eine haarsträubende Geschichte klang, die sich nicht mal mehr mit mittelalterlichem Aberglauben rechtfertigen ließ, fand ich nirgendwo sonst den geringsten Hinweis auf diese Familie Okamoto, das geheime Kamon mit dem Plektrum oder ihre angebliche Aufgabe.

Entsprechend hatte ich das Buch mit einem Kopfschütteln beiseite gelegt und mich gefragt, was es in der Bibliothek zu suchen hatte.

Und jetzt? Ich interpretierte wahrscheinlich zu viel in eine simple Halskette.

Wenn sie überhaupt etwas mit japanischen Familienwappen zu tun hatte und mein chinesischer Tourist sie nicht irgendwo in Vietnam, Thailand oder Australien gekauft hatte.

Doch bevor ich mich noch länger in fantasievollen Theorien verheddern konnte, klingelte mein Handy.

Es war die Headhunterin, die mir die beiden Vorstellungsgespräche vermittelt hatte.

„Moshimoshi, Hannah desu“, meldete ich mich auf Japanisch.

Frau Kinoshita entschuldigte sich erneut, dass sie bei den Gesprächen nicht hatte dabei sein können. (Mir war nicht einmal klar gewesen, dass Headhunter überhaupt zum Vorstellungsgespräch mitkommen durften, hatte das aber unkommentiert gelassen, um nicht einen völlig ahnungslosen Eindruck zu machen.)

Ich versicherte, dass das absolut nicht der Rede wert sei und erkundigte mich stattdessen, ob es ihrer kleinen Tochter wieder besser gehe.

„Ja, sicher, das Fieber ist wieder weg. Okagesama de. Vielen Dank nochmal. Und wie lief das zweite Vorstellungsgespräch?“

Ehrlich gesagt, suboptimal.

Ich hatte mich mit meiner Gehaltsvorstellung völlig blamiert, aber das konnte ich wohl schlecht sagen, stattdessen betonte ich noch einmal, dass ich mir die Aufgaben definitiv zutraute – auch wenn ich noch kaum Erfahrung hatte.

„Sono kaisha ha dou deshita ka. Was hältst du von der Firma?“

Die Personalerin war eine Zimtzicke und der deutsche Abteilungsleiter unfähig einen Satz herauszubringen, der nicht gespickt war mit „ähm“, „äh“, „tja“, „Sie wissen schon“ oder „Was soll ich sagen?“ und der letztlich jeglicher Aussage entbehrte.

Aber auch das verkniff ich mir anzusprechen. Zugegeben, ich hätte mich gar nicht getraut so etwas zu sagen.

Lieber betonte ich, wie nett der Abteilungsleiter zu sein schien und wie interessant die Aufgaben klangen und welch spannende Herausforderungen ich haben würde.

„Interessante Aufgaben“ – sprich, versuche die offensichtliche Kluft zwischen japanischen und deutschen Mitarbeitern zu navigieren – und „spannende Herausforderungen“: Versuche zu interpretieren, was dein Vorgesetzter zwischen seinen Füllwörtern tatsächlich sagen möchte.

Oh ja, mein Sarkasmus lässt grüßen, aber was sollte ich machen? Ich brauchte eine Stelle.

Abschließend versicherte mir Frau Kinoshita, dass sie meine Begeisterung für die Stelle weitergeben würde und sie sich melden würde, sobald sie etwas Neues erfuhr.

„Arigatou gozaimasu“, bedankte ich mich und verabschiedete mich dann.

Seufzend steckte ich mein Handy in die Tasche und lehnte mich wieder zurück.

Mein Sitznachbar lachte leise und fragte unvermittelt: „Sag mal, wie viel davon hast du eigentlich ernst gemeint?“

Oh je, anscheinend kam mein chinesischer Tourist doch aus Japan, wenn er das alles verstanden hatte.

Ich schaute ihn unschuldig an und erklärte: „Es hat schon gestimmt. Ich habe nur ein paar notwendige Auslassungen gemacht!“

Einen Moment sah er mich verblüfft an, dann lachte er, bis ihm die Tränen kamen. Er wischte sie unter seiner eckigen Hornbrille weg und wandte sich mir ganz zu: „Es war notwendig auszulassen, dass du einen miserablen Eindruck bekommen hast und du dich von vornherein nicht für die Stelle interessiert hast?!“, vergewisserte er sich, plötzlich wieder ernst und mit einer erstaunlich treffenden Beobachtung. Er hatte einen verwirrten Ausdruck auf dem Gesicht.

Ich zuckte entmutigt mit den Schultern. Ich musste einen Job finden und eine Wohnung. Denn sobald ich keine eingeschriebene Studentin mehr war, musste ich auch aus der Zweier-WG des Studentenwerks ausziehen.

„Was machst du, wenn du die Stelle bekommst?“

„Nach Düsseldorf ziehen“, gab ich zurück. Ablehnen kam nicht in Frage.

Er nickte und wechselte das Thema: „Wo hast du dermaßen gut Japanisch gelernt?“

Es war die Standardfrage von Japanern, die sie ungeachtet des tatsächlichen Sprachniveaus stellten. Genauso wie Deutsche grundsätzlich immer fragten: „Wie kommt man denn darauf, so etwas zu studieren?“ Aber diesmal ich war froh, nicht mehr über die Frustration der Jobsuche reden zu müssen.

„In München. Ich hab’ Japanologie an der LMU studiert. Und nein, ich war noch nie in Japan.“

„Ernsthaft? Noch nie?“

„Leider noch nicht“, bestätigte ich und lachte über seinen komikhaft sprachlosen Gesichtsausdruck.

Langsam fing er an zu grinsen: „Hah, das muss ich meinem Cousin erzählen. Yasu-kun lernt in Japan Deutsch und bringt dauernd die Ausrede, dass er das erst in Deutschland lernen kann. Vor allem, wenn er wieder mal nur so 40 von 100 Punkten in einem Test erreicht.“

„Mir macht Japanisch Spaß, aber nicht jeder lernt gern Sprachen“, wehrte ich ab, in dem Versuch, dem unbekannten Cousin Ärger zu ersparen.

Mein Sitznachbar lachte nur: „Keine Chance, das werde ich ihm auf jeden Fall unter die Nase reiben! Oder vielleicht gleich seinen Eltern sagen ...“

„Soviel zum Thema: Wie mache ich mich bei Leuten unbeliebt, die ich noch nie getroffen habe ...“, kommentierte ich trocken.

„Der braucht das! Hast du noch mehr Munition für mich? Was macht man im Japanologie-Studium so? Dann kann ich das für meine andere Cousine auch verwenden, die ist erst nach Deutschland gekommen.“ Er sah mich erwartungsvoll an und rieb sich demonstrativ die Hände.

So ein Spaßvogel. Seine Familie hatte sicher alle Hände voll zu tun mit ihm.

„Viel Sprachunterricht am Anfang – auch wenn das ein bisschen unter den Teppich gekehrt wird; mit der Betonung, dass Japanologie keine Sprachwissenschaft, sondern eine Kulturwissenschaft ist. Und das schließt dann von Wirtschaft und Politik bis hin zu Literatur und Religion alles ein. Ich habe mich auf Geschichte spezialisiert und auch klassisches Japanisch und Chinesisch gelernt.“

„Das muss ich diesen beiden bücherverachtenden Frevlern erzählen!“

Ich lachte. Es war das Letzte, was ich auf dieser Rückfahrt nach München erwartet hatte. Ungefähr genauso wenig, wie ich damit gerechnet hätte, ein Familienwappen aus einem völlig unwissenschaftlichen Buch zu sehen. Aber jetzt, wo sich mir der junge Mann ganz zugedreht hatte, fiel es mir schwer, den Blick davon zu lassen.

Konnte ich ihn einfach darauf ansprechen?

Allein bei dem Gedanken fing mein Herz an zu klopfen.

„Die Kette sieht gut aus. Woher hast du die?“, versuchte ich beiläufig zu kommentieren.

Sein belustigter Gesichtsausdruck verschwand mit einem Schlag: „Hannah, wir wissen beide, dass das hier ein Kamon ist. Tu mir den Gefallen und spiel nicht ahnungslos.“

Ich merkte, wie ich rot wurde im Gesicht. „Entschuldigung“, murmelte ich, während ich etwas verzögert realisierte, dass er meinen Namen aus dem Telefongespräch mit Frau Kinoshita herausgehört haben musste.

„Schon okay“, er machte eine wegwerfende Handbewegung, „aber woher wusstest du das?“

„Ein Buch in der Bibliothek“, antwortete ich.

„Ein Buch?!“ Er sah mich argwöhnisch an.

„Ja, eine fragwürdige Abhandlung, die wahrscheinlich ewig keiner angeschaut hat.“

Er fluchte leise, aber vehement und ich schrak zurück. Ewiger Angsthase, Hannah.

„Nicht deine Schuld, Hannah-chan“, versicherte er mir und legte mir beruhigend eine Hand auf den Arm.

„Ich bin Okamoto Shota“, stellte er sich vor.

„Hannah ... Berg“, stammelte ich, während meine Gedanken anfingen zu rasen.

Es gab sie also wirklich, die Okamoto! Das Kamon und der richtige Name dazu. Was stimmte noch von dem, was in dem Buch stand?

Ohne zu überlegen, ob es klug war, noch weiter zu fragen, brach es aus mir heraus: „Genau der Name stand auch in dem Buch! Ist das Kamon wirklich geheim? Und das Plektrum, heißt das, ihr seid tatsächlich die Nachfahren von Kakuichis Schülern? Spielt ihr immer noch die Biwa-Laute? Und ...“ Ich unterbrach mich. Shota war leichenblass geworden.

„Alles in Ordnung?“

Er schüttelte den Kopf. „Verdammt, Hannah-chan, du dürftest das alles nicht wissen!“

„Keine Sorge, ich werde es niemandem weitererzählen“, versuchte ich ihn zu beruhigen, aber er schien immer noch aufgewühlt.

Mir fiel nichts Besseres ein, als Schokolade aus den Untiefen meiner Handtasche zu kramen und sie ihm in die Hand zu drücken. „Iss.“

Er schaute die Schokolade an, schaute mich an und hatte seine Verwirrung förmlich auf die Stirn geschrieben. „Für die Nerven!“, erklärte ich. „Sorry, Schnaps oder Melissengeist habe ich keinen dabei.“

Er lachte und nahm von der Schokolade.

Danach hielt ich es für besser, meine Neugierde hintanzustellen und das Thema zu wechseln: „Du hast vorher einen Cousin und eine Cousine erwähnt – hast du eine große Familie?“

Er ging auf das neue, sichere Thema ein und die Schokolade tat ihr Übriges, um seine natürliche Gesichtsfarbe wiederherzustellen.

„Mir kommt sie ziemlich groß vor, aber ich sehe die Leute auch jeden Tag in der Arbeit – abgesehen von denen, die wie Yasu-kun in Japan sind.“ Er zog sein Smartphone aus der Tasche und zeigte nach ein bisschen Tippen ein Foto. Vier junge Leute grinsten verschwitzt mit Marathon-Startnummern auf ihren T-Shirts und den lebkuchenherzförmigen Medaillen des München-Marathons in die Kamera.

„Ryu-niisan, mein Bruder.“ Er deutete auf den ersten von links, der es schaffte, trotz des Grinsens einen ernsten Ausdruck zu behalten. Waren es seine Augen, die nicht mitlachten?

„Daneben sind Yumi-chan, die Cousine, die erst nach Deutschland gekommen ist, Kenji, ihr Bruder, und ich.“

„Cool. Macht ihr oft Sachen zusammen?“

„Ja, wir wohnen im gleichen Haus, trainieren zusammen, arbeiten teilweise zusammen und gehen uns gegenseitig auf die Nerven.“ Er grinste und ich konnte mir vorstellen, dass er seinen Beitrag im Auf-die-Nerven-Gehen leistete.

„Das klingt toll. Meine Familie ist nicht so groß – oder sagen wir, ich sehe meine Verwandten nur zu den üblichen Familienfeiern, bei denen dann unvermeidliches Familiendrama vorprogrammiert ist ...“

Er lachte: „Das kenne ich auch, aber das sind eher die Verwandten in Japan ...“

„Die zum Glück weit weg sind?“, fragte ich schmunzelnd.

„Oh ja!“

„Praktisch.“

Ich sah noch einmal auf das Foto. Neben den Medaillen trugen alle vier die gleiche Halskette wie Shota.

Shota bemerkte meinen Blick. „Schätze, wir sollten die nicht mehr offen tragen“, kommentierte er und ließ seinen Anhänger unter dem Pullover verschwinden.

Ich zuckte mit den Schultern: „Ernsthaft? Ich bezweifle, dass irgendwer das Buch in den letzten 10 Jahren angeschaut hat – abgesehen von mir.“

Er brummte zustimmend, schien aber abgelenkt und wechselte das Thema: „Sag mal, Bücherwurm, auf was für Stellen hast du dich beworben?“

Oh, wie ich diese Frage hasste!

„Auf alles, was mit Japanisch zu tun hat: Assistenzstellen, Expat-Management, Manga-Übersetzerin, Locator für Videospiele, Japanisch-Lehrkraft, Dolmetscherin und was du dir sonst so vorstellen kannst.“

„Bibliothekarin?“, schlug er vor.

„War auch dabei. Da kann ich frühestens in einem halben Jahr mit einer Antwort rechnen.“

Er reagierte nicht darauf, zog stattdessen eine leicht zerknitterte Visitenkarte aus seinem Geldbeutel und gab sie mir. „Elisabeth Okamoto“, stand darauf, gefolgt von einer Telefonnummer.

„Wenn du eh schon zu viel weißt, kannst du auch für uns arbeiten“, erklärte er, scheinbar nebenbei. „Das ist meine Mutter. Sie sucht nach Unterstützung in der Bibliothek.“

„Okay ...“ Ich nahm die Karte und steckte sie in meine Tasche.

Kapitel 2: Strafpredigt und Notfallmaßnahmen

„Ryu ist verschlossen, aber für seinen kleinen Bruder würde er alles tun.“

Okamoto Elisabeth über ihren Sohn, 27. August 2015

--- Shota ---

„Du hast was gemacht?“, fuhr Okamoto Isamu seinen Neffen an.

Shota vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

„Ich habe die Frau – Hannah – gehen lassen, ohne herauszufinden, was oder wie viel sie von uns weiß, wo sie wohnt oder wie ich sie erreichen kann“, gab er kleinlaut zu. Er sah auf und blickte seinen Onkel über den Schreibtisch hinweg an.

Okamoto Isamu war ein drahtiger Mann von 58 Jahren mit stahlgrauem Haar und einer schwarzen Hornbrille, die ihn noch strenger wirken ließ.

„Ist dir klar, was das bedeutet? In welcher Gefahr diese Frau schwebt, wenn sie tatsächlich von uns weiß?“, fuhr er seinen Neffen jetzt an.

Shota nickte kläglich, hatte aber keine Antwort. „Ich glaube, erst die Begegnung mit mir hat ihr klar gemacht, was sie weiß.“

Isamu fluchte: „Dann werden sie hinter ihr genauso her sein, wie hinter uns. Aber sie ist eine Frau und allein und sie rechnet nicht einmal damit, dass sie überhaupt in Gefahr sein könnte!“ Isamu stand auf und stapfte im Büro auf und ab.

„Ich weiß“, flüsterte Shota.

Auf dem Weg vom Bahnhof zur Universität war ihm das volle Ausmaß der Situation erst bewusst geworden, aber da hatte er sich längst von Hannah verabschiedet und sie mit einem Freund weggehen sehen.

Statt zu Bett zu gehen, hatte er seinen Bruder Ryu und seinen Onkel Isamu geweckt.

„Aber du hast ihr die Handynummer von Okaasan gegeben?“, vergewisserte sich Ryu, wohl in dem Versuch, nach einer Lösung zu suchen.

„Ja, ich hab’ ihr gesagt, wir hätten eine offene Bibliothekarsstelle.“

„Es kann also sein, dass sie sich morgen oder übermorgen meldet.“

„Vielleicht.“

„Wenn ihr diese angeblich zufällig offene Stelle für ihren, wie du sagst, Traumjob, nicht doch zu gut vorkommt, um wahr zu sein“, warf Isamu sarkastisch ein.

Ryu ließ sich davon in seiner Zusammenfassung nicht beirren: „Sie heißt Hannah Berg, hat Japanologie an der LMU studiert, Abschlussjahrgang 2018.“ Er las die Fakten von seinem Notizblock ab.

Shota nickte und versuchte sich zu erinnern, ob er noch etwas erfahren hatte.

„Wir können versuchen, sie auf Facebook zu suchen oder über die Uni ihre Kontaktdaten zu bekommen.“

Isamu schnaubte. „Hast du das neue Datenschutzgesetz schon vergessen?“, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen, aber er hatte sich genug beruhigt, dass er sich wieder auf den Platz hinter seinem Schreibtisch setzte.

„Wir haben Februar. Das tritt erst Ende Mai in Kraft“, gab Ryu zurück.

„Okay, sie ist auf Jobsuche. Ich werde Kaede bitten, eine Stelle an der Sprachschule auszuschreiben, vielleicht meldet sie sich darauf, wenn sie dem Angebot für die angebliche Bibliothekarsstelle nicht traut.“ Isamu machte sich eine Notiz.

Shota wagte aufzuatmen. Wenn sein Onkel Lösungen suchte, war sein Wutausbruch wieder vorbei. Doch er freute sich zu früh.

„Und was weißt du über dieses Buch, in dem Hannah angeblich von uns gelesen hat?“, fragte Isamu gefährlich ruhig.

„Es steht in der Bibliothek vom Japan-Zentrum“, flüsterte Shota, wohl wissend, dass das nicht genügte.

Isamu schlug mit der offenen Hand auf die Tischplatte und stand wieder auf. Er trat zum Fenster, versuchte offenbar seine Wut zu unterdrücken.

„Himmel, Shota. Du bist Bibliothekar! Wie willst du das Buch so finden?!“, fragte er und fuhr wieder herum. „Was, wenn es noch jemand liest?“

Shota rang mit seinen Händen, hatte aber keine Antwort.

„Wir können nach Kamon, der Geschichte der Heike, Kakuichi und Okamoto suchen.“ Ryu dachte wie immer pragmatisch.

„Weißt du in welcher Sprache dieses Buch ist?“, wollte Isamu weiter wissen.

Shota schüttelte beschämt den Kopf.

„Verdammt Shota, weißt du denn überhaupt irgendwas?“, herrschte ihn sein Onkel an.

Ryu ignorierte den erneuten Wutausbruch, der Shota noch kleiner werden ließ und erklärte ruhig: „Deutsch, Englisch, Japanisch und Französisch – mit den Sprachen sollten wir anfangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Hannah auch Chinesisch oder Russisch auf ausreichendem Niveau spricht, ist gering. Falls es überhaupt Bücher in den Sprachen im Japan-Zentrum gibt. Ich halte Deutsch für am wahrscheinlichsten. Bücher in anderen Sprachen wären bei Routinesuchen von Japan aus längst aufgefallen.“

Isamu kommentierte das nur mit einem Brummen und wandte sich wieder an Shota: „Sobald du dein Hirn wiedergefunden hast, hilfst du bei der Recherche.“ Sein Ton war schneidend. „Und um dein Hirn wieder zu finden und Hannah zu schützen, vertiefst du dich ins Heike – den Rest der Nacht und jeden Tag, bis wir sie gefunden haben. Frag Minoru, welche Ausschnitte am sinnvollsten sind. Ich werde mich inzwischen um die Suche nach Hannah kümmern.“

Shota fuhr es eiskalt den Rücken hinunter. Eine Vertiefung ins Heike war mehr als nur bloßes Lesen, mehr noch als Vortragen, Aufführen, Singen, Spielen oder Rezitieren. Es verlangte wesentlich mehr von einem: körperlich wie psychisch. Aber das war es nicht, was ihm Angst machte. Nein, Shota hatte Angst, weil er genau wusste, dass es nur ein Zufall oder pures Glück war, wenn sie Hannah damit schützen konnten, ein sprichwörtlicher Griff nach Strohhalmen.

Denn die Wahrheit war: Zwischen Hannah und den Geistern der Heike stand nichts. Sie war absolut schutzlos. Eine Vertiefung ins Heike würde vielleicht ein paar Geister ablenken und davon abhalten, sie heimzusuchen, aber es gab so viele Geister. Sie konnten unmöglich alle davon ablenken und von Hannah fernhalten. Es wäre pures Glück und nichts sonst, wenn sie die richtigen erwischten.

Kurz darauf war fast die ganze Familie auf den Beinen, obwohl es inzwischen nach zwei Uhr morgens war.

Shotas Vater und Cousin durchsuchten den Onlinekatalog und das Internet nach dem Buch, während Onkel Isamu, Ryu und seine Cousine Yumi nach Hannah suchten.

Yumi versuchte sogar, ein Phantombild von Hannah auf Shotas Beschreibung zu zeichnen. Sie war leider wenig erfolgreich.

Kaede, die Cousine, die ihre eigene Sprachschule leitete, bereitete mürrisch zwei Stellenanzeigen für eine Japanischlehrkraft und einen Übersetzer vor.

Shota selbst war indessen mit seinem Cousin Minoru in einem der Büros. Minoru war so ziemlich der Einzige, der sich die Mühe machte, Statistiken über die Heike zu führen. Etwas, das selbst in ihrer Familie mehr als nur eine hochgezogene Augenbraue hervorgerufen hatte. Aber letztlich ließen sie ihn mit dem Kommentar „Jemand muss ja über die Heike Buch führen, warum also nicht ein Buchhalter?“ in Ruhe.

Als Shota ihn aus dem Bett geklingelt hatte, hatte Minoru gegrummelt, dass er zwar Excel-Listen darüber angelegt hatte, wann sich die Heike zeigten, er aber keine Analysen durchführte oder Prognosen stellen konnte.

„Ich weiß auch nicht, was als Nächstes passieren könnte!“, hatte er sich beschwert, war aber sofort aufgestanden, hatte sich ein paar Klamotten übergeworfen und seinen Computer hochgefahren.

Jetzt saß er mit gerunzelter Stirn vor dem Bildschirm, schob von Zeit zu Zeit seine Brille nach oben und machte sich Notizen auf einem Block.

Shota vergrub sich in der Zwischenzeit in den Onlinekatalog der Bibliothek und suchte sämtliche Titel heraus, die im Entferntesten mit seiner Familie zu tun haben könnten. Er schreckte erst auf, als Minoru mit einem lauten Klappern seinen Kugelschreiber auf die Tischplatte fallen ließ.

Er war kreidebleich geworden.

„Minoru-san? Alles in Ordnung?“

Nervös schob Minoru seine Brille zurecht und griff nach dem Kugelschreiber, als wäre er ein Rettungsanker.

„Wenn ich richtig liege“, fing er stockend an, „also dann ... dann müssten die Erscheinungen der Heike neu anfangen. Von Beginn an.“

„Verdammt“, entfuhr es Shota, „und bei jeder Wiederholung werden die Geister stärker und die Geschichte schlimmer und verdrehter ...“

Minoru nickte beklommen.

„Dann sollte ich also auch von Anfang anfangen“, folgerte Shota.

Minoru fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und nickte zögernd.

„Was?“

„Shota, der Anfang des Heike Monogatari ist eine der bekanntesten Passagen japanischer Literatur. Bis heute lernen Schüler diese Zeilen auswendig, sagen sie auf, lesen und wiederholen sie unzählige Male.“

„Ja ...“ Das war nichts, was Shota nicht auch wusste.

Minoru seufzte: „Wenn du dich darin vertiefst, kann es gut sein, dass du nicht wieder rauskommst. Dieser Teil der Geschichte ist mächtig – unglaublich mächtig. Die Vertiefung in irgendeine andere Stelle ist ein Kinderspiel im Vergleich dazu.“

Was Minoru nicht extra sagte, war, dass jede Vertiefung in das Heike, wie die Okamoto es machten, viel Kraft kostete und immer die Gefahr barg, den Willen, die Psyche, zu brechen wie morsches Holz. Shota erinnerte sich an seinen Großonkel Sanjiro und schauderte. Sanjiro hatte sich in eine der Schlachtszenen vertieft und danach war sein ehemals schwarzes Haar schlohweiß geworden und er war nicht einmal ein Jahr später verstorben.

„Es ist keine Schlachtszene“, erklärte er fest.

„Nein, es ist aber die Szene, in der es um Vergänglichkeit an sich geht. Das ist gefährlicher als jede Schlacht!“, klang es von der Tür her. Es war Jiro-ojiichan, Shotas Großvater.

„Ojiichan.“

„Du solltest dir das gut überlegen, Shota!“

„Du sagst immer, das Heike wird mit jeder Wiederholung schlimmer“, wiederholte Shota. Sein Großvater brummte zustimmend.

„Wenn man sich dann genau in den Anfang versenkt, wäre es dann nicht möglich, dem entgegenzuwirken? Die ganze Wiederholung weniger schlimm werden zu lassen?“

Sein Großvater runzelte die Stirn. „Vielleicht. Ich kann mich nicht erinnern, ob es überhaupt schon einmal jemand versucht hat. Es ist Wahnsinn. Eine Versenkung in den Anfang des Heike Monogatari!“

Shota stand langsam auf. Er hatte seinen Entschluss gefasst.

„Fang kein wagemutiges Heldentum an“, warnte Minoru, als gleichzeitig Ryus Stimme hinter Jiro-ojiichan erklang: „Du machst das nicht allein!“

Shota lachte: „Genau das war mein Gedanke: Was, wenn sich zwei Leute gleichzeitig in die gleiche Stelle versenken? Genau überwacht werden, um sie, wenn nötig, rechtzeitig herauszuholen?“

Normalerweise wurde das nur gemacht, wenn einer von ihnen lernen sollte, wie man sich in eine Szene des Heike Monogataris vertiefte. Es war ein zweischneidiges Schwert: Die Geister konnten damit besser besänftigt werden. Wenn es aber immer so gemacht wurde, konnte ein Einzelner irgendwann mit einer Vertiefung nichts mehr ausrichten.

Ojiichan strich sich nachdenklich über seinen Bart und meinte schließlich: „Das könnte funktionieren. Die Auswirkung auf den Einzelnen sollte dadurch weniger schlimm werden. Aber wir sollten die Vertiefung von vornherein beschränken. Bis Sonnenaufgang und keine Sekunde länger.“

Kurz darauf trafen sie sich in dem einzigen Raum, der im japanischen Stil gehalten war, mit Tatami-Matten aus Reisstroh auf dem Boden und Shoji-Schiebetüren, die zum Neujahr mit weißem Papier bespannt worden waren. Ein Blumengesteck in der Wandnische, darüber eine Kalligraphie, ansonsten war der Raum leer.

Ryu und Shota hatten beide ihre Biwa-Lauten vor sich, das Plektrum jeweils daneben liegen.

Ihnen gegenüber saßen Ojiichan, Minoru und ihr Vater, Okamoto Hayate.

Vor Großvater stand ein Gong. Das Heike Monogatari begann und endete mit dem Schlag einer Glocke.

„Deha, hajimemasho – fangen wir an“, erklärte Jiro-ojiichan. Ryu und Shota verbeugten sich und nahmen ihre Lauten auf. Eine gespannte Stille, tief wie das Luftholen vor dem Sprechen, der Stille zwischen Blitz und Donner, breitete sich im Raum aus.

Shotas Finger verkrampften sich um das Plektrum. Er befeuchtete seine Lippen, atmete tief ein.

Dooong, durchschnitt das Hallen des Gongs die Stille.

Alle Mitglieder des Hauses Okamoto – egal wo sie gerade waren und was sie machten – hielten inne, ließen ihre Aufgaben kurz liegen und versammelten sich auf dem Gang zu dem kleinen japanischen Zimmer.

Als wären sie eine Person, schlugen Ryu und Shota gleichzeitig die Saiten der Laute an. Die harten Klänge der Biwa-Laute erfüllten das Haus, gefolgt von dem Sprechgesang der beiden Brüder.

Mit Klängen, die über Jahrhunderte von einer Generation an die nächste weitergegeben worden waren, warnten sie vor der Vergänglichkeit.

Die Glocken des Gion-Tempels erklingen mit dem Hall der Vergänglichkeit. Die weißen Blüten der Sala-Bäume lehren uns durch ihre Schattierung, dass alles, was blüht, vergeht.

Gesang und Musik wechselten sich ab, vermischten sich, wurden eins und die Bilder des längst zerfallenen Klosters, das Hallen seiner Glocken, wurden in dieser Nacht, Jahrhunderte später, tausende von Kilometern entfernt, wieder zum Leben erweckt.

Die Stolzen herrschen nicht lange, sondern schwinden wie ein Traum in einer Frühlingsnacht. Letztlich unterliegen auch die Mächtigen; alle sind wie Staub vor dem Wind.

Die Warnung vor dem Hochmut der Taira, dem Haus Heike, und vor allem ihrem Oberhaupt, Taira no Kiyomori, wurde von neuem gegeben. Die Geschichte der Heike wurde für einen Moment wieder lebendig und die Geister der Gefallenen einer längst vergangenen Schlacht atmeten auf. Sie waren nicht vergessen.

Immer und immer wieder wiederholten Ryu und Shota den Anfang des Epos, bis ihre Finger das Plektrum kaum mehr halten konnten, ihre Stimmen die Töne kaum mehr trugen und schließlich die Sonne im Osten über den Häusern Münchens aufging.

Erneut klang der Gong durch das Haus und Shotas Versenkung kam zu einem abrupten Ende. Er registrierte kaum, dass ihm jemand die Laute abnahm und sanft seine verkrampften Finger von dem hölzernen Plektrum löste.

Sein Vater half ihm auf die Beine, die sofort wieder unter seinem Gewicht einzuklappen drohten. Hayate trug ihn halb bis zu seinem Zimmer, wo er ihm auf sein Bett half und ihn zudeckte.

Doch davon bekam Shota nichts mehr mit. Er war eingeschlafen, sobald sein Kopf das Kissen berührte.

--- Okamoto Hayate ---

Sorgenfalten waren auf Hayates Stirn, als er Shotas Zimmer verließ und nach Ryu sah. Dieser war von seinem Onkel ähnlich wie Shota halb getragen und halb zu seinem Bett geschleift worden und konnte seine Augen nur mit Mühe offenhalten.

„Shota?“, fragte er.

„Schläft schon. Das solltest du auch tun. Vor dem Mittagessen will ich dich heute nicht sehen“, antwortete Hayate.

Erleichterung stand in Ryus Gesicht. Die Sorge um Shota war wohl das Einzige, das ihn noch wachgehalten hatte, denn jetzt fiel er förmlich in sein Kissen und war sofort eingeschlafen.

Kapitel 3: Bewerbungsverhör und Flucht aus der Bibliothek

„Ich liebe Bibliotheken. Die ruhige Atmosphäre, die Geduld von Büchern und das geballte Wissen in den Regalen – ich könnte mich ewig dort aufhalten.“

Hannah Berg über ihren Wunsch, Bibliothekarin zu werden, 2018

--- Hannah ---

Am nächsten Morgen stand ich später auf als geplant, warf mir meinen gepunkteten Bademantel über und tappte in die Küche. Thorsten war schon auf und eine Schale mit Obst und Müsli wartete neben einer Tasse Tee auf meinem Platz.

Thorsten selbst saß auf der Ikea-Bank gegenüber, lehnte an der Wand und hatte die Beine ausgestreckt. Lange war er aber auch noch nicht auf, den schlafzerzausten braunen Haaren und seinem unrasierten Zustand nach zu urteilen.

„Morgen. Und Dankeschön! Womit hab ich das verdient?“ Ich setzte mich an meinen Platz und zog die Müslischale zu mir heran, wie um zu sagen: „Meins, meins, alles meins!“

Thorsten schmunzelte. „Als Bezahlung musst du mir alles erzählen!“

Hm, ein kleiner Preis für den Frühstückservice, fand ich und holte aus, um von den beiden Vorstellungsgesprächen zu berichten. Thorsten sah mich nur schief an und kommentierte: „Ernsthaft, Hannah? Du erzählst von miesen Vorstellungsgesprächen für Jobs, die du nicht haben willst, obwohl du genau weißt, dass ich den süßen Japaner am Bahnsteig gestern gesehen habe?“

Oh oh. Kein Wunder, dass er mich mit Frühstück bestechen wollte.

„Du hast einen süßen Japaner gesehen? Erzähl!“, versuchte ich unschuldig zu tun, trug damit aber nur zu Thorstens Belustigung bei.

„Keine Chance, Hannah, ich habe gesehen, wie er sich von dir verabschiedet hat.“

„Er saß im Zug neben mir“, sagte ich schulterzuckend, während ich fieberhaft überlegte, wie viel ich erzählen konnte, ohne irgendwelche mysteriösen Familiengeheimnisse auszuplaudern.

„Und wann siehst du ihn wieder?“, wollte Thorsten mit hochgezogener Augenbraue wissen.

„Keine Ahnung, ob ich ihn wiedersehe.“

„Er hat dir seine Handynummer gegeben, oder?“, vergewisserte sich Thorsten, der mir immer in den Ohren damit lag, dass ich öfter auf Dates gehen sollte.

„Äh ... nein ...“ Ich biss auf meine Unterlippe, um mir ein Lächeln zu verkneifen, als ich Thorstens enttäuschten Gesichtsausdruck sah und erklärte dann triumphierend: „Aber ich habe die Telefonnummer von seiner Mutter!“

Thorsten verschluckte sich fast an seinem Kaffee, schaute mich völlig entgeistert an und fragte schließlich: „Bitte was?“

Ich lachte, bis mir mein Zwerchfell weh tat und ich Tränen in den Augen hatte. Thorsten dagegen sah mich die ganze Zeit an, als wäre er nicht sicher, ob er lachen oder weinen sollte.

„Ich soll mich bei ihr wegen einer Stelle in einer Bibliothek melden!“, erklärte ich schließlich mit breitem Grinsen.

„Hannah, das wäre phantastisch!“, Thorsten sprang auf und umarmte mich.

„Besser als ein Date?“, zog ich ihn auf.

„Haha. Ich kann trotzdem nicht verstehen, warum er dir die Nummer seiner Mutter und nicht seine eigene gegeben hat ... Vielleicht hätte ich ja bessere Chancen bei ihm!“

„Wer weiß?“ Den Eindruck hatte ich zwar nicht gehabt, aber ich wollte Thorstens Hoffnungen nicht gleich zunichte machen.

„Und warum hast du noch nicht angerufen?“, wechselte Thorsten das Thema.

„Thorsten, es ist 8 Uhr morgens und ich habe eine Handynummer, die auch privat sein könnte. Außerdem sollte ich vielleicht ein bisschen warten, damit Shota Gelegenheit hat, seine Mutter vorzuwarnen.“

Den letzten Satz hätte ich besser nicht sagen sollen.

„Uhrzeit, okay, aber das letzte ist eine Ausrede, Hannah. Warum zögerst du wirklich?“

Zu spät, um mich noch herauszureden. Wie konnte ich das jetzt erklären?

„Es scheint mehr so eine Art Familienunternehmen oder eine private Bibliothek in Familienbesitz zu sein. Und Shotas Familie ist richtig alt ... Ich hab’ sogar in einem Buch in der Bib etwas über sie gelesen.“ Hoffentlich würde Thorsten nicht nachfragen, was genau ich gelesen hatte, aber sein Interesse an Geschichte hielt sich in der Regel in Grenzen.

„Familienunternehmen? Eine alte Familie?“, vergewisserte er sich stirnrunzelnd.

Ich nickte.

„Die haben aber nichts mit der wie-heißt-sie-nochmal japanischen Mafia zu tun?“

„Mit der Yakuza?! Nein. Definitiv nicht.“

„Wo ist dann das Problem?“

„Ähm ...“

Thorsten sah mich nur mit einer hochgezogenen Augenbraue an.

„Eigentlich gibt es keins“, gab ich zu.

Und genau genommen stimmte das ja auch – wo war das Problem, wenn ich ein Buch gelesen hatte, in dem sie erwähnt wurden? Zugegebenermaßen waren sie da mit einer recht phantasievollen Geschichte in Verbindung gebracht. Aber ich hatte das Buch ja nicht geschrieben. Und wenn es tatsächlich ein Familiengeheimnis gab – was konnte ich dafür, wenn darüber ein Buch veröffentlicht worden war?! (Und wie geheim konnte das Geheimnis dann eigentlich noch sein?)

Aber wenn mir dieses zufällige Halbwissen eine Chance auf einen Job brachte – warum lange zögern?

Den Entschluss gefasst, wartete ich noch bis 09:30 Uhr – eine Zeit, die ich für angemessen hielt für einen Anruf an einem ganz normalen Dienstag Vormittag.

Bis dahin hatte ich sämtliche Unterlagen auf meinem Schreibtisch ausgebreitet, einen ersten Entwurf für ein Anschreiben aufgesetzt und mir verschiedene Szenarien ausgemalt, wie das Gespräch verlaufen könnte, und mir auch passende Reaktionen und Antworten zurechtgelegt.

Kurz: Ich war so gut vorbereitet wie nur irgend möglich.

Trotzdem tippte ich mit nervös fahrigen Fingern die Handynummer ein und prüfte zweimal, ob ich mich auch wirklich nicht verwählt hatte, bevor ich auf den grünen Hörer tippte.

Es läutete ein paar Mal, bevor sich eine freundliche Stimme mit einem „Hallo?“ meldete.

„Guten Morgen, hier ist Hannah Berg. Spreche ich mit Frau Okamoto?“, vergewisserte ich mich und hoffte inständig, dass Shota Gelegenheit gehabt hatte, seine Mutter vorzuwarnen.

„Ah, Frau Berg. Shota sagte, dass Sie sich melden würden.“

Und mir fiel ein Felsbrocken vom Herzen.

„Ich hatte fast die Befürchtung zu früh anzurufen, aber Shota erwähnte eine Stelle als Bibliothekarin, da konnte ich nicht länger warten.“

Ein gutmütiges Lachen kam durch die Leitung. „Natürlich nicht“, stimmte mir Frau Okamoto zu und fragte dann: „Wann hätten Sie denn Zeit für ein Vorstellungsgespräch?“

Wow, das fragte sie einfach so? Ohne irgendwelche Unterlagen von mir gesehen zu haben oder längere Überredung?

„Ich kann mich gerne Ihrem Terminplan anpassen. Wann wäre denn für Sie gut?“ Haha, das klang doch viel besser als „Ich habe keine anderen Termine“!

„Sagen wir morgen um 14:00 Uhr?“

„Das passt wunderbar. Vielen Dank!“

Frau Okamoto gab mir eine Adresse in der Nähe der Universität und ich fragte, ob ich ihr vielleicht vorab Lebenslauf und Zeugnisse schicken dürfe.

Sie gab lachend zu, dass sie ganz vergessen hatte, danach zu fragen, so selten wie sie mit Bewerbungen zu tun hatte. Dann gab sie mir eine E-Mail-Adresse, die sich eher privat als geschäftlich anhörte.

Kaum hatten wir uns verabschiedet, schickte ich die Bewerbung los und freute mich, das Anschreiben endlich einmal mit dem Standardsatz aus jedem Bewerberhandbuch beginnen zu können: Vielen Dank für das Telefonat gerade eben.

Nein, es ist nicht der einfallsreichste Anfang, aber ich bewarb mich ja auch als Bibliothekarin und nicht als Werbetexterin. Das redete ich mir zumindest ein.

Und dann tat ich das, womit ich viel mehr Übung hatte: Ich recherchierte.

Als Allererstes die Bibliothek, die ich erstaunlich leicht fand. Warum war ich vorher nie darüber gestolpert? Vor allem als ich meine Masterarbeit geschrieben hatte und gefühlsmäßig so gut wie jede Bibliothek in München von innen gesehen hatte. Sogar die im Museum 5 Kontinente, bei der man bis vor ein paar Jahren vorher anrufen musste, um sicherzugehen, dass sie tatsächlich offen hatte.

Im Gegensatz dazu hatte die Bibliothek der Okamoto eine ganz ansprechende Internetseite, auf der neben Anfahrtsbeschreibung und Öffnungszeiten auch der Bestand beschrieben wurde. Der Schwerpunkt lag auf Geschichte und Literatur – sowohl Japans als auch Chinas und Koreas.

Neben den eher wissenschaftlichen Werken hatten sie auch moderne Romane, auf Japanisch und in Übersetzung, Zeitschriften, Zeitungen und Filme im Sortiment. Alles in allem wesentlich mehr, als ich erwartet hatte. Sie war auch größer, als von einer Privatbibliothek zu erwarten war, aber das war sie anscheinend gar nicht, dem Hinweis über staatliche Bezuschussungen nach zu urteilen.

Aber das Klientel war vermutlich fast ausschließlich japanisch – die Internetseite hatte nur eine sehr knappe deutsche Version, die japanische war wesentlich ausführlicher.

Der nächste Schritt meiner Recherche führte mich zurück zum Japan-Zentrum und in die Bibliothek.

Es war der Teil, auf den ich schon ungeduldig gewartet hatte, nachdem ich mich nicht mehr genau an den tatsächlichen Inhalt des Buchs erinnern konnte. Das Mittagessen vorher und der Kampf mit meinen störrischen Haaren, den ich nur gewann, indem ich sie hochsteckte und einen Schal darum wand, kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Auch der Weg durch den Englischen Garten, vorbei am chinesischen Turm, um den trotz der Februarkälte die grünen Bierbänke aufgestellt waren, wurde zur Geduldsprobe.

Im Japan-Zentrum, genau wie in den anderen Instituten, die in dem länglichen Bau untergebracht sind, war nichts los. Die vorlesungsfreie Zeit oder die kalten Temperaturen hatten die meisten Studenten dazu bewegt, zu Hause zu bleiben. Vielleicht war es auch noch nicht nah genug an diversen Prüfungen für Last-Minute-Lernen und das schlechte Gewissen für Hausarbeiten war auch noch nicht groß genug.

Trotzdem ging ich gewohnheitsgemäß zu der Garderobe im Untergeschoss. Ungeduldig befreite ich mich aus Wintermantel, Schal, Mütze und Handschuhen und sperrte alles in eines der weißen Schließfächer. Ich verzweifelte fast, als ich einen Moment glaubte, weder ein Ein-Euro-Stück noch ein Zwei-Euro-Stück bei mir zu haben, bis ich ganz unten im Rucksack doch noch fündig wurde.

Schließlich ging ich ausgerüstet mit Block, Stiften und Kopierkarte in das Sanctum Sanctorum.

Die Bibliothek in der Öttingenstraße ist etwas verwinkelt. Zuerst kommt man in einen Vorraum, wo eine Bibliothekarin oder einer der Hiwis immer ein Auge darauf haben, was man mit hinein nimmt und noch vielmehr, was man bei sich hat, wenn man wieder geht.

Heute war die Bibliothekarin da, eine ältere Dame mit einem typischen Kurzhaarschnitt und goldgerahmter Lesebrille. Über die sah sie mich auf mein „Guten Morgen!“ so streng an, dass ich beinahe das Bedürfnis verspürte, verteidigend zu erklären, dass ich offiziell noch bis Semesterende eingeschriebene Studentin war.

Da sie aber gar nicht wissen konnte, dass ich zwischenzeitlich meinen Abschluss gemacht hatte, gab es keinen Grund für lange Erklärungen. Stattdessen flüchtete ich mich durch die nächste Tür in den Gang, über den man zum Treppenhaus und dann zur eigentlichen Bibliothek gelangte.

Ein Stockwerk nach oben und ich war zu Hause.

Links gab es zwei Computerarbeitsplätze mit antiquierten Monitoren, dahinter eine Sitzgruppe und noch weiter hinten mehrere Reihen mit Tischen. Eine Regalwand mit Zeitschriften trennte die Arbeitsplätze von dem Gang vor mir ab. Alles, von der Decke über die Regale und die weißen Tische bis hin zu dem hellgrauen Teppichboden, war sehr hell und wirkte modern – trotz des offensichtlichen Alters der Computer.

Ich ging geradewegs zu dem rechts abzweigenden Gang, der zu den Räumen mit den Büchern führte.

Die Geschichtsbücher standen im zweiten Raum links. Ohne Probleme fand ich das Buch mit dem vormals blauen Einband, der über die Jahre zu einem mausgrau verblasst war. Das Schild, das den Standort des Buches beschrieb, war vergilbt und die handgeschriebenen Zahlen und Buchstaben so hell, dass sie nicht mehr zu lesen waren.

Selbst bei der Vergabe der Strichcodes war dieses Buch offensichtlich übersehen worden, zumindest fehlte der Aufkleber auf der ersten Seite und ich fragte mich, ob es überhaupt in OPAC aufgenommen worden war.

Schulterzuckend suchte ich noch ein paar weitere Bücher zu ähnlichen Themen und setzte mich an einen der Arbeitsplätze draußen.

Inzwischen hatten sich zwar doch ein paar einzelne Studenten in die Bibliothek verlaufen, aber an meinem üblichen Platz ganz hinten am Fenster war ich ungestört.

Ungeduldig schlug ich das Buch auf und fand die Stelle auf Anhieb wieder.

„Als Himon werden sogenannte Geheimwappen bezeichnet. Sie kamen um 1700 auf und wurden gerne an Papierlaternen angebracht, um so auf dem Weg zum Besuch von unreputablen Etablissements unerkannt zu bleiben. Diese Tarn-Laternen wurden auch als Shinobijôchin bezeichnet.

Diese Verwendung von Himon war weit verbreitet, wohingegen das der Familie Okamoto eine Besonderheit darstellt: Im Gegensatz zu anderen sogenannten Wechselwappen oder Geheimwappen, die sich oft an Wappen anderer Familien bedienten, ist das Himon der Okamoto in keiner offiziellen Sammlung von japanischen Kamon zu finden.

Dargestellt ist das fast fächerförmige Plektrum einer Biwa-Laute umgeben von einem Kreis.

Die Geschichte dieses Kamons geht zurück in das 14. Jahrhundert, als Kakuichi, der berühmte Biwa-Spieler das bis dahin ausschließlich mündlich tradierte Heike Monogatari in schriftliche Form brachte, um, wie er selbst diktierte, Debatten über den korrekten Inhalt von vornherein auszuschließen.

Das Haus Okamoto hat seine Ursprünge in eben jenen Schülern Kakuichis, für die diese Niederschrift gedacht war. Von Interesse ist jedoch auch die Frage, warum Kakuichi so unbedingt an einer korrekten Niederschrift gelegen war.

Dem wohlinformierten Leser wird bekannt sein, dass Rezitationen des Heike Monogatari im Mittelalter neben Unterhaltung für das einfache Volk auch dazu dienten, die Geister der besiegten Heike zu besänftigen.

Die Okamoto gingen jedoch noch einen Schritt weiter: Für sie diente und dient die Rezitation des Heike Monogatari nicht nur zur Besänftigung der Geister, sondern auch um zu verhindern, dass sich die Protagonisten des Heike in unserer Welt manifestieren, real werden und Rache nehmen an ihren Widersachern – oder wen sie auch dafür halten.

Hier sei beispielsweise Jomyo Meishu erwähnt, der mit den Mönchen des Miidera-Tempels gegen die Heike kämpfte und sie daran hinderte, die Brücke über den Fluss Uji zu überqueren. Berichte von einer Manifestation von ihm im 18. Jahrhundert wurden von dem Volkskundler Kouta Yanagitani erforscht. Ihm zufolge hinderte die Manifestation von Jomyo Reisende auf der Tokaido-Handelsstraße daran, die Nihon-Bashi-Brücke zu passieren. Erst durch Eingreifen der Okamoto war es den Reisenden möglich, nach Edo zu gelangen. Die Beschreibung von Jomyo aus diesen Berichten stimmt exakt mit der Beschreibung aus dem Heike Monogatari überein: Er hatte einen Bogen und einen Köcher mit 24 Pfeilen, sobald er diese verschossen hatte, kämpfte er mit seinem Naginata weiter. Seine Kleidung war wie aus dem 12. Jahrhundert und stimmte auch hier in allen Details mit den Heike Monogatari überein: dunkles Indigo unter einer schwarzen Rüstung, ein Helm mit Halsteil aus fünf Platten, Fellstiefel.

Später wurde das Vorkommnis, ebenfalls durch Mitglieder der Okamoto-Familie als eine „tragisch missglückte Darstellung“ der Szene aus dem Heike Monogatari bezeichnet. Für die Rolle des Jomyo wurde der Name eines völlig unbekannten Kabuki-Schauspielers angegeben, der sich dadurch einen Namen machte.

Wie dieses Beispiel zeigt, ist es nicht nur Aufgabe der Okamoto, die Geister der Heike zu besänftigen, sondern auch gegen Manifestationen dieser Geister vorzugehen. Beide Aufgaben nehmen die Okamoto bis heute wahr.

Wozu genau das Himon-Geheimzeichen der Okamoto gebraucht wurde und gebraucht wird, lässt sich nur spekulieren. Vielleicht dient es als Erkennungszeichen zwischen entfernt verwandten Familienmitgliedern.

Doch hierzu konnte der Autor genauso wenig Auskunft bekommen, wie zu dem offiziellen Kamon, das von eben diesem Haus Okamoto gebraucht wird. Der geneigte Leser wird vielleicht wissen, dass es fünf repräsentative Familienwappen gibt, die mit dem Namen Okamoto in Verbindung gebracht werden. Weitere Informationen zu den offiziellen Familienwappen der verschiedenen Familien mit Namen Okamoto finden sich bei ...“

Und mehr stand in dem Buch auch nicht. Was heißt mehr – es klang auch so nach einem Übermaß an purer Fantasie. Andererseits – Shota hatte das geheime Kamon getragen, hieß Okamoto und bestätigte sogar die Verbindung zu dem berühmten Biwa-Spieler Kakuichi. Und dass er und seine Familie ein Geheimnis hatten, war offensichtlich.

Warum also nicht das? Vielleicht gehörten sie einer Art japanischen Neureligion an und glaubten an Geister und Gestalten, die dem Heike Monogatari entschlüpften? Damit ließe sich jedenfalls einiges erklären.

Ich sah auch die anderen Bücher durch, fand jedoch keine weitere Erwähnung der Familie.

Nicht sicher, ob ich mir alle Details würde merken können, nahm ich Buch und Kopierkarte und verschwand hinten in dem kleinen Kopierraum. Um die Blätter nicht zu verlieren, steckte ich sie gewohnheitsgemäß in meinen Schreibblock und brachte die Bücher zurück an ihren Platz.

Die Bibliothek war voller geworden, aber es waren lauter unbekannte Gesichter. Der Einzige, der mir auffiel, war ein junger Mann, der mir im Treppenhaus entgegenkam. Vermutlich ein Japaner, der aber etwas zu alt wirkte für einen Austauschstudenten. Einen Moment lang musterte er mich von Kopf bis Fuß, aber nicht so, als fände er mich attraktiv, sondern eher analytisch, als wollte er sich sämtliche Merkmale einprägen. Ein unangenehmer Blick und ich sah zu, dass ich an ihm vorbei und aus der Bibliothek kam. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, diesen Mann zu kennen. Erst später, nachdem ich mich wieder in Mantel, Schal, Mütze und Handschuhe verpackt, meine Sachen in den Rucksack gestopft hatte und mich in die eisige Februarkälte hinauswagte, fiel es mir wieder ein: das Foto, das mir Shota gezeigt hatte. Der Mann darauf mit den kurzgeschorenen Haaren und Augen, die von seinem breiten Grinsen unberührt blieben. Wer hatte Shota gesagt, war das? Sein Bruder?

Was wollte der in der Bibliothek? Er suchte doch nicht etwa nach dem Buch?

Seltsam, aber ich tat es mit einem Schulterzucken ab und eilte durch den eiseskalten Englischen Garten. Es kam mir fast so vor, als wäre die Temperatur noch weiter gesunken.

Je mehr ich darüber nachdachte, umso seltsamer kam mir die Situation vor: Shotas schockierte Reaktion auf meine Fragen, der bizarre Zufall, dass sie ausgerechnet auf der Suche nach einer Bibliothekarin waren und dann der junge Mann im Japan-Zentrum, der Shotas Bruder sein musste.

Aber für Zweifel hatte ich keine Zeit mehr. Es war Mittwoch, 12:30 Uhr und ich stand völlig ratlos vor meinem Kleiderschrank, unschlüssig, was ich zu dem anstehenden Bewerbungsgespräch anziehen sollte. Meine beiden Bewerbungsoutfits waren in der Wäsche und selbst wenn ich sie in die Waschmaschine stecken könnte – ganz abgesehen von dem „Außer Betrieb“-Schild, das der Hausmeister draufgeklebt hatte, wären die Sachen nie rechtzeitig trocken geworden.

„Im Zweifelsfall: Zieh dich an als hättest du den Job schon!“, sagte ich mir und zog eine cremefarbene Bluse, einen dunklen Rock und eine weinrote Weste aus meinem Schrank.

Meine Haare band ich zu einem strengen Dutt zusammen. Es fehlte nur noch eine goldene Kette an meiner Brille und ich wäre das absolute Klischee einer Bibliothekarin. Aber meine goldgerahmte Brille saß auch ohne Sicherheitskette fest auf der Nase.

Thorsten lachte, als ich so aus meinem Zimmer kam.

„Die Stelle bekommst du!“, erklärte er grinsend.

Er stand vom Esszimmertisch auf, den er wieder einmal mit Laptop und Büchern für eine Hausarbeit belagerte.

„Ich weiß nicht einmal, was für Anforderungen die haben“, gab ich, plötzlich unsicher, zu. Was war, wenn sie mich nach Transkriptionssystemen fragten? Oder Archivierung? Dem Umgang mit alten Büchern?

„Hey“, riss mich Thorstens Stimme wieder aus meinen Gedanken. Er legte mir beruhigend eine Hand auf den Arm. „Denk daran, beim Vorstellungsgespräch geht es weniger um Qualifikation und mehr um Sympathie und Eindruck.

---ENDE DER LESEPROBE---