Das Heer der Jungfrauen - Philip Griffin - E-Book

Das Heer der Jungfrauen E-Book

Philip Griffin

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Beschreibung

Eine Frau rettet Köln vor den Eroberern. Britannia, 5. Jahrhundert: Niemand ist mehr sicher. Immer mehr Dörfer werden von Barbaren überfallen und gebrandschatzt. Alle kämpfenden Männer sind in Germanien, um das Römische Reich zu verteidigen. Prinzessin Ursula stellt eine Armee von Frauen auf, um die Soldaten zurückzuholen. Als sie nach Köln kommen, wird die Stadt von Hunnen angegriffen …

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Seitenzahl: 523

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Philip Griffin

Das Heer der Jungfrauen

Aus dem Englischen von Karin Meddekis

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Eine Frau rettet Köln vor den Eroberern.

 

Britannia, 5. Jahrhundert: Niemand ist mehr sicher. Immer mehr Dörfer werden von Barbaren überfallen und gebrandschatzt. Alle kämpfenden Männer sind in Germanien, um das Römische Reich zu verteidigen. Prinzessin Ursula stellt eine Armee von Frauen auf, um die Soldaten zurückzuholen. Als sie nach Köln kommen, wird die Stadt von Hunnen angegriffen …

Über Philip Griffin

Philip Griffin ist Autor und Lehrer. Er hat mehrere Jahre in Hongkong, Japan und Deutschland gearbeitet. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau in Kent in Großbritannien.

Inhaltsübersicht

Cordulas GeschichteIIIIIIErster Teil BritannienKapitel 1 Die Männer ziehen ins FeldKapitel 2 Wehrlos?Kapitel 3 Der AufrufKapitel 4 Der SturmZweiter Teil Der KontinentKapitel 5 ColoniaKapitel 6 MundzukKapitel 7 Das BlütenfeldEpilogHistorische AnmerkungenDie wichtigsten römischen ...

Cordulas Geschichte

I

«Aaah!», schrie das kleine Mädchen. Es spähte durch einen Spalt in dem Vorhang, hinter dem es sich versteckt hatte, und erblickte einen abgeschlagenen Frauenkopf mit rotem Haar. Von dem Schrei aufgeschreckt, ließ der Besucher das Tuch aus Sackleinen los, in dem das grässliche Ding während der ganzen Reise von Colonia gesteckt hatte, sodass das Gesicht der Toten enthüllt wurde. Die dunklen, blinden Höhlen, die einst strahlende Augen bargen, starrten das Mädchen an.

«Aaah!», schrie es erneut und klammerte sich Schutz suchend an seinen älteren Bruder.

«Komm sofort hierher, Fräulein!», rief Cordula, die Mutter der Kleinen, die neben dem Fremden stand, verärgert. «Seit wann versteckst du dich da? Und du kommst auch hierher, junger Mann! Ich weiß, dass du da bist.» Sie spähte in die Dunkelheit hinter dem Vorhang. «Habt ihr uns etwa belauscht? Was habt ihr alles gehört?»

Das schluchzende Mädchen sprang hinter dem Vorhang hervor und suchte in den Armen seiner Mutter Trost. Ihr älterer Bruder folgte zögernd. Seine Augen waren auf das abscheuliche Ding auf dem Tisch gerichtet.

«Und wer sind diese beiden Kinder?», fragte der Besucher leise, als das Schluchzen des Mädchens verstummt war. Seine vornehme Stimme hatte einen starken Akzent, klang aber sanft und freundlich.

«Oh, verzeiht, Euer Gnaden.» Cordula schob die Kinder vor sich, um sie dem Besucher vorzustellen. Dabei versetzte sie ihnen einen leichten Klaps auf den Hinterkopf, damit sie ihre Augen von dem Haupt abwandten. «Kinder, das ist Bischof Clematius von Colonia. Euer Gnaden, das ist …»

«Ein ganz außergewöhnlicher junger Mann», unterbrach Clematius sie. «Einer der letzten lebenden britannischen Zeitzeugen des Martyriums, das die Besten der Provinz erleiden mussten. Obwohl er damals noch ein Säugling war.»

Der Junge verbeugte sich höflich.

Der Bischof erwiderte die Geste ehrerbietig und umfasste die Schultern des Jungen. «Ich bin neugierig, junger Mann.» Er schaute ihm in die Augen. «Sag mir, hast du noch Erinnerungen an jenen Tag?»

Der Junge drehte sich unsicher zu seiner Mutter um.

Cordulas wachsamer Blick wanderte vom Bischof zu ihrem Sohn. Ihr Gesicht, das Spuren des Alters und der Mutterschaft aufwies, hatte sich dennoch einen jugendlichen Schimmer bewahrt. Und ihre Augen blickten noch immer hellwach und voller Neugier in die Welt. Ihr braunes Haar war von grauen Strähnen durchzogen. Sie hatte es zu schicklichen Zöpfen geflochten, damit der Wind es nicht zerzauste, wie er es vor langer Zeit getan hatte.

Cordula fügte sich dem Unausweichlichen und erteilte ihrem Sohn durch ein leichtes Nicken die Erlaubnis zu antworten.

«Ja … ich habe noch Erinnerungen daran, Euer Gnaden», sagte der Junge schüchtern. «Ich erinnere mich an etwas schönes Weißes, das langsam von etwas Schwarzem, Hässlichem eingehüllt wurde. Als hätte … als hätte das Schwarze das Weiße aufgegessen. Vor allem erinnere ich mich …»

Er stockte und sah seine Mutter erneut fragend an. Auch der Bischof wandte sich ihr zu. Beide bemerkten das Leid in ihren Augen.

«Fahr fort», ermunterte ihn Clematius freundlich.

Die liebenswürdige Art des Bischofs flößte dem Jungen Vertrauen ein, und seine Stimme wurde fester. «Am deutlichsten, Euer Gnaden, erinnere ich mich an die Geräusche. An das Wehklagen der Menschen ringsumher. Und an die Schreie meiner Mutter. Am allerdeutlichsten aber erinnere ich mich an das Kreischen eines Vogels. Ich glaube, es war ein Falke, der unmittelbar über meinem Kopf kreiste.»

«Unglaublich!» Der Bischof hob den Blick gen Himmel. «Gott sei gelobt für dieses Geschenk!» Dann bedachte er den Jungen mit einem milden Lächeln. «Gott verlieh deinem kindlichen Geist diese Kraft, mein Sohn. Darum kannst du dich so gut an das erinnern, was niemals in Vergessenheit geraten darf.»

Nun wandte der Bischof sich mit strahlender Miene der Schwester des Jungen zu. «Und du musst die reizende Brittola sein, die den Namen einer der am meisten verehrten Märtyrerinnen trägt.»

Brittola ließ sich nicht länger bitten. Sie löste sich von ihrer Mutter, trat mutig auf den Bischof zu und reichte ihm die Hand.

Clematius beugte sich schmunzelnd hinab und küsste ihre Hand feierlich. «Es tut mir Leid, wenn der … wenn unser kleiner … Rechtsgegenstand dich erschreckt hat. Er sieht gewiss Furcht erregend aus. Und vor langer Zeit hat er in der Tat gelebt. Doch nun ist alles Leben entwichen, glaube mir. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten.»

«Das Leben hält schlimmere Anblicke für uns bereit, Euer Gnaden», sagte Cordula. «Sie werden sich früher oder später daran gewöhnen müssen.»

Sie legte die Hände auf die Schultern ihrer Kinder und drehte sie zu sich um. «Ich dachte, ihr beide würdet den ganzen Nachmittag draußen spielen. Da ihr aber nun einmal hier seid, könnt ihr auch bleiben. Der Bischof hat nicht viel Zeit, und wir haben allerlei zu besprechen. Seid schön brav.»

«Ja, Mutter», antworteten die Kinder im Chor. Der Junge nahm seine Schwester an die Hand und führte sie artig auf die andere Seite des Tisches.

Cordula und Clematius traten mit feierlichen Mienen näher und musterten das Haupt schweigend. Den Kindern erschien die Stille wie eine Ewigkeit. Der Bischof starrte ungerührt auf das Objekt, doch Cordula war alles andere als ungerührt. Ihre Handflächen wurden feucht. Viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Und wenn sie es ist? Oh, ich hoffe es … Und wiederum hoffe ich es nicht!Ich kann sie hier nicht gebrauchen. Nicht jetzt. Nicht vor den Kindern … Aber wenn sie es ist, findet sie vielleicht endlich Frieden nach all den Jahren, und … vielleicht finde auch ich Frieden.

Cordula sah den Bischof fragend an.

Er nickte aufmunternd.

Sie blickte zu ihren Kindern hinüber und rang sich ein Lächeln ab.

Oh, welch krumme Pfade hältst du grausames Schicksal für uns bereit! Welch Rätsel gibst du mir auf! Hier treffen sich das Leben … und der Tod. Meine wundervollen Kinder und dieses … Ding. Gemeinsam sehen sie mir ins Gesicht, dabei sollten sie einander so fern sein.

Seufzend wandte sich Cordula wieder dem grässlichen Kopf zu.

Als sie die Arme ausstreckte, um ihn zu berühren, stöhnte Brittola voller Abscheu auf. Ein kurzer Seitenblick ihrer Mutter ließ sie verstummen.

Cordula schloss die Augen. Und wenn sie es wirklich ist? Oder schlimmer noch – wenn das Haar gefärbt ist? Wenn der Ansatz dieses roten Haares weiß ist? Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken, als längst vergessen geglaubte Albträume an die Oberfläche drängten: marschierende Heere und ganze Völkerscharen auf der Flucht, Geplänkel und Schlachten, rasende Reiter, lange, lange Märsche, brausende Stürme, dröhnende Trommeln und dann der größte aller Schrecken: die Hunnen!

Das Rascheln von Brittolas Gewand holte die Mutter in die Gegenwart zurück. Sie räusperte sich und warf erneut einen Blick auf den Kopf. Dann fasste sie ihn behutsam mit beiden Händen unterhalb der Ohren an. Schließlich hob sie ihn mit festem Griff in Augenhöhe.

Die nachlässig balsamierte graue Haut war runzelig und verschrumpelt wie eine vertrocknete Frucht. An den Stellen, an denen sie sich vom Knochen gelöst hatte, sah sie gelblich aus. Den in Teer getauchten Hals hatte man wie eine Trophäe auf eine dunkle Holzplatte gestellt. Dies konnte erst kürzlich geschehen sein, denn der Teer war noch nicht vollständig ausgehärtet und fühlte sich weich an. Im Gegensatz dazu war der Kopf hart und an einigen Stellen spröde. Als Cordula ihn zwischen den Händen bewegte, spürte sie, dass die alte, lose Haut bald zu Staub zerfallen würde.

Besonders auffällig war das Haar, das als Einziges darauf schließen ließ, dass der Kopf einst gelebt hatte. Über der Stirn und den Ohren war es zu britannischen Zöpfen geflochten. Als der dazugehörige Mensch noch lebte und atmete, hatte es eine leuchtend rote Farbe gehabt, was der Ansatz bewies. Jetzt aber sah es stumpf und leblos aus.

«Sie könnte es sein», murmelte Cordula und drehte den Kopf, um ihn von hinten zu betrachten. «Die Gesichtsform stimmt, außerdem hat sie das Haar an jenem Tag so getragen.» Sie berührte die Zöpfe über dem rechten Ohr. «Andererseits trugen viele Frauen damals ihr Haar auf diese Weise, und es könnte auch nach dem Tode so frisiert worden sein.»

«Ich muss zugeben», sagte Clematius, der sich vorbeugte, um die Augenhöhlen genauer betrachten zu können, «dass die Behauptung des Besitzers, ihr würde die Ausstrahlung eines Offiziers anhaften, nicht von der Hand zu weisen ist.»

«Es gibt nur einen Weg, es herauszufinden.» Cordula umfasste den Hinterkopf mit der linken Hand und schob den Zeigefinger der rechten Hand durch die leicht geöffneten Lippen.

Die Kinder hielten den Atem an. Selbst Clematius war schockiert. Alle drei verfolgten gespannt das Geschehen.

Cordula schloss die Augen und tastete den Mund der Toten von innen ab. Der Kopf machte schaurige Geräusche, wie ein knisterndes Feuer in der Kälte. Nach einer Weile öffnete sie die Augen wieder, zog den Finger aus dem Mund und wischte ihn an ihrer Tunika ab. Vorsichtig legte sie den Kopf zurück auf das zerknitterte Tuch.

«Es ist nicht Pinnosa», sagte sie mit fester Stimme.

«Wo … woher wisst Ihr das?», stammelte Clematius. «Warum seid Ihr so sicher?»

Cordula schritt lächelnd zum Fenster und schaute auf den Küchenhof. «Diese Frau hat noch alle Zähne. Pinnosa fehlte aber einer.»

«Welcher?», stieß Clematius unwillkürlich hervor.

«Das behalte ich besser für mich, Euer Gnaden. Für den Fall, dass noch mehr dieser …» – sie wies auf den Kopf – «… dieser armen Frauen ihre wohlverdiente Ruhe suchen. Würdet Ihr bitte dafür sorgen, Euer Gnaden, dass sie ein ehrenvolles Begräbnis bei den Ihren erhält?»

Bischof Clematius räusperte sich und sagte in dem ihm eigenen ruhigen, aber bestimmten Ton: «Selbstverständlich. Ihr könnt sicher sein, dass sie mit der ihr gebührenden Ehre bestattet wird. Darf ich fragen, woher Ihr wisst, welcher von Pinnosas Zähnen fehlte? Mit dieser Frage will ich nicht etwa andeuten … Ihr versteht schon, aber ich bin in dieser Angelegenheit anderen gegenüber Rechenschaft schuldig und …»

«Die Frage braucht Euch nicht unangenehm zu sein, Euer Gnaden. Es ist mir eine Freude, sie zu beantworten.» Cordula blickte zu den Kindern hinüber. Ihre Mienen verrieten, wie sehr sie darauf brannten, die Erklärung ihrer Mutter zu hören. Sie sollten in ihre Kammer gehen. Sie sind zu jung. Der Zeitpunkt ist für sie noch nicht gekommen, diese Dinge zu hören. Und ihr Vater ist nicht da.

«Dies war einst ihr Zuhause», sagte Cordula abwesend. «Pinnosa hat hier gelebt.» Sie wandte sich um und schaute wieder aus dem Fenster, ungeachtet der Überraschungsrufe ihrer Kinder. «Ihr Vater hat das Haus für seine Familie gebaut. Es wurde Villa Flavius genannt … aber das ist sehr lange her.» Sie spähte einen Moment auf die geheimnisvollen Umrisse der Dinge, die versteckt unter der glitzernden Schneedecke lagen. Dann sprach sie leise weiter, fast als führte sie ein Selbstgespräch. «Kann es denn wirklich schon so lange her sein? Ich erinnere mich lebhaft an den Tag, als Pinnosa den Zahn verlor … Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen. Wir – das heißt Ursula, Pinnosa und ich. Martha und Saula waren nicht da. Vermutlich waren sie wie gewöhnlich mit ein paar jungen Offizieren unterwegs –, wir waren soeben von unserer allerersten Jagd nach Glevum zurückgekehrt. Brittola, die damals noch zu jung war, um mit auf die Jagd zu gehen, kam uns am Tor entgegen. Ich war erst siebzehn Jahre alt. Ursula und Pinnosa müssen also achtzehn gewesen sein. Und Brittola fünfzehn. Wir waren so übermütig, als wir Arm in Arm um das Forum stolzierten! Pinnosa hatte ihr Haar mit zwei Hirschschwänzen und einer Hasenpfote geschmückt. In Ursulas Haar steckten ein Hirschschwanz und ein Fuchsschwanz und in meinem zwei Hasenpfoten. Brittola schwang Pinnosas Bogen durch die Luft, und wir sangen alle aus voller Kehle: Auf, auf zur fröhlichen Jagd.»

Cordula verstummte und sah über den Küchenhof auf eine Tür im gegenüberliegenden Westflügel. Clematius kam es fast so vor, als würde sie jemandem, der dort im Türrahmen stand und das Gespräch belauschte, unmerklich zunicken, nachdem die Person sie ermuntert hatte, ihre Schilderung fortzusetzen.

«Wir lachten gerade über eine schrullige alte Frau, der ein Ohr fehlte und die uns von ihrem Stand mit Glaswaren verscheucht hatte. Ich glaube, sie lebt immer noch. Und plötzlich schrie Pinnosa: ‹Verdammt!›, schlug eine Hand vor den Mund und jammerte vor Schmerzen. ‹Was ist los?›, fragte ich. Sie sagte: ‹Wartet hier. Ich bin gleich wieder da.› Dann rannte sie zu einem der Bader, der seine Instrumente in einem Wasserbottich reinigte, und sprach mit ihm. Er griff ins Wasser und zog eine Zange heraus. Pinnosa half ihm, sie richtig anzusetzen. Anschließend kniete sie vor ihm nieder. Sie umklammerten beide den Griff und fingen an zu ziehen, mit aller Kraft! Es war ein wahrer Kampf, bei dem Pinnosa den größten Teil der Anstrengung aufzubringen schien. Als Nächstes sehe ich den Bader vor mir, wie er ein weiteres silbernes Instrument poliert. Und Pinnosa spritzt sich Wasser ins Gesicht.» Cordula lachte. «Das sah Pinnosa ähnlich! Als sie zu uns zurückkehrte, versuchte sie, mit uns zu singen, als wäre nichts geschehen! Ursula bedrängte sie jedoch so lange, bis sie den Mund weit öffnete und uns die blutende Stelle zeigte.»

«Unglaublich!», rief Clematius. «Sie hat sich den Zahn selbst gezogen! Die meisten Männer wären dazu nicht in der Lage.»

«Euer Gnaden, ich bitte Euch! Es ist unsere Aufgabe, Märchen zu zerstreuen, und nicht, sie zu verbreiten. Ich habe nur gesagt, es schien so. Wir waren ziemlich weit vom Geschehen entfernt, und die Menge versperrte mir den Blick. Wie Ihr wohl wisst, war Pinnosa andererseits – Gott hab sie selig – zahlreicher Dinge fähig, die die meisten von uns nicht tun könnten, auch nicht die Männer.»

«Sie hatte wahrhaftig das Herz und den Geist eines Mannes. Und doch …» Clematius trat zu Cordula ans Fenster. «Obwohl sie eine große, kräftige Frau war, haftete ihr nichts Männliches an. Mitunter fand ich sie sogar überraschend weiblich. Ich erinnere mich lebhaft an den Tag, als sie ihr Keuschheitsgelübde ablegte. Sie beugte ihren Kopf, um meinen Segen zu empfangen. Ihr Haar, das sie zu diesem Anlass offen trug, fiel ihr ins Gesicht. Einen kurzen Augenblick sah ich vor mir ein Bild reiner Weiblichkeit in ihrer schönsten Form. Sie schaute auf den Kelch, und in ihren Augen, die schon so viel gesehen hatten, spiegelte sich solch eine Unschuld, solch eine Reinheit …»

Ein Gedanke, der ihm gerade gekommen war, schien ihn zu verwirren. «Hm», sagte er zögernd und sah Cordula an. «Ihr sagtet, Martha und Saula seien ‹wie gewöhnlich mit den Offizieren unterwegs gewesen›. Sie waren … hm – waren sie nicht? Oh, wie in Gottes Namen kann ich ein so heikles Thema ansprechen? Sie machten …»

«… ihrem Gelübde alle Ehre?» Cordula lachte freudlos auf. «Euer Gnaden, Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen. Gerade weil Martha und Saula männliche Gesellschaft so sehr schätzten, hielten sie noch entschiedener an ihrer Keuschheit fest als alle anderen!» Mit einem traurigen Lächeln kehrte sie an den Tisch zurück. Als sie den Kopf wieder in das Tuch hüllte und es zuband, wurde ihr Gesicht ernst. «Glaubt mir, Euer Gnaden, ich kann mich für die Reinheit all meiner Mitoffiziere und der meisten Frauen in den anderen Rängen verbürgen.» Ihre Augen füllten sich mit Tränen. «Ihr wisst, dass dies der Grund ist, warum ich nicht bei ihnen im Himmel bin.»

«Verzeiht mir! Damit wollte ich nicht andeuten …»

«Es gibt nichts zu verzeihen, Euer Gnaden», sagte Cordula mit leiser, zitternder Stimme. Sie atmete tief ein, um sich zu beruhigen. Dann schaute sie Bischof Clematius in die Augen und fügte hinzu: «Es gibt nichts mehr zu verzeihen.»

Die Kinder beobachteten sie gebannt. «Es ist eine große Ehre und Freude, Euch zu sehen, Euer Gnaden, aber es ist viel Schnee gefallen, und die Sonne geht unter.»

II

«Warum ist er nicht hier geblieben, Mutter?», beklagte sich Brittola, als sie die Türen und Fenster bei Einbruch der Dunkelheit verschlossen. «Er ist nett. Ich mag ihn.»

«Dein Vater ist nicht hier. Es wäre nicht schicklich.» Cordula wich dem Blick ihrer Tochter aus und begann das Feuer zu schüren. «Außerdem hatte es der Bischof eilig, nach Londinium und anschließend nach Colonia zurückzukehren, wo er dringend gebraucht wird.»

«Sind alle batavischen Pferde so groß wie das von dem Bischof, Mutter?», fragte ihr Sohn.

«Nicht alle, aber in der Regel sind sie sehr stattlich.» Cordula stellte die mit Wasser gefüllte Fischpfanne aufs Feuer, zupfte ein paar Kräuter von den Bunden, die in der Nähe hingen, und warf sie in die Brühe. «Euer Vater hat mir erzählt, dass euer Großvater ein paar batavische Stuten in seinem Bestand hatte, jedoch keine Hengste. Die hatten seines Erachtens eine zu kräftige Schulterpartie, und ihm ging es bei der Zucht um Schnelligkeit.» Sie betrachtete den aufsteigenden Rauch und lächelte. «Schnelligkeit ist wichtiger als ein fester Sitz, wenn Gefahr droht›, pflegte er zu sagen.»

«Ich mag es, wenn du von früher erzählst, Mutter. Bitte, mach weiter», bat Brittola. «Erzähl uns von …»

«Erzähl uns von Tante Ursula!», unterbrach ihr Bruder sie. «Du sprichst nie über sie.»

Brittola staunte über die kühne Bitte ihres Bruders. Aber anstatt mit ihm zu schimpfen, weil er das verbotene Thema angeschnitten hatte, erwiderte die Mutter:

«Tante Ursula? Nun, da muss ich überlegen. Was kann ich euch über Tante Ursula erzählen?» Den Kindern stand das Staunen ins Gesicht geschrieben. Cordulas unverhoffte Bereitschaft, über das Thema zu sprechen, über das am wenigsten gesprochen wurde und über das es am meisten zu sagen gab, verblüffte sie.

«Tante Ursula war … autsch!» Cordulas Hand zuckte von dem Fisch weg, als hätte er sie gebissen. Eine Gräte hatte die Kuppe ihres Mittelfingers eingeritzt. Sie hielt den verwundeten Finger über die Fischpfanne und drückte das Blut heraus, sodass es in die Brühe tropfte. Während Cordula darauf wartete, dass die Blutung aufhörte, betrachtete sie ihre Kinder und überlegte, ob sie wohl bereit waren. Ihr Vater sollte ihnen diese Fragen beantworten. Der Gedanke an ihren Gatten beruhigte sie ein wenig. Oh, warum ist er nicht hier? Diese brennende Neugier kann nicht so leicht gestillt werden.

«Tante Ursula war meine Cousine», begann sie, wobei sie sich um einen nüchternen Ton bemühte. «So wie die Kinder von Docilina eure Cousinen und Vettern sind.»

«Ja, Mutter, aber wie war sie?», beharrte ihr Sohn.

«Sag es uns, Mutter. Bitte!», flehte Brittola.

«Wie sie war? Hm, für mich …» Cordulas Stimme nahm einen Ton an, den die Kinder an ihr nicht kannten. Das war nicht mehr der schroffe Ton einer geschäftigen Mutter, die ein großes Haus bewirtschaften muss. Und das war auch nicht der ruhige Ton einer Frau, die in ihrer Jugend viel gesehen und erlebt hat und die voller Weisheit über jedes Thema spricht. Stattdessen haftete ihrer Stimme ein leichter, beschwingter Klang an, der sich kaum von dem ihrer Tochter unterschied. Eine Stimme voller Leidenschaft und Verwunderung. Beim Sprechen schweifte ihr Blick in die Ferne. «Für mich war sie das Leben. In gewisser Weise hat sie mir mein Leben geschenkt, ebenso wie ich euch eures geschenkt habe. Doch sie hat viel mehr als nur das getan. Sie hat mein Leben geformt und ihm Sinn verliehen. Und das gilt nicht nur für mein Leben, sondern auch für das vieler anderer, Tausender, denen es ähnlich erging. Und dann …»

«Du meinst, sie war für dich so etwas wie eine große Schwester?», unterbrach sie Brittola, die es genau verstehen wollte.

Einen Moment lang wirkte Cordula ein wenig benommen, als wäre sie aus einem Traum erwacht. Doch die Neugier in den Augen ihrer Kinder brachte sie gleich darauf zum Lachen, und mit dem Lachen ging ein überwältigendes Gefühl der Erleichterung einher. Beim Anblick ihrer erheiterten Mutter mussten die Kinder ebenfalls lachen. Cordula beugte sich hinunter, nahm ihre Tochter in die Arme. «Ja, mein kleiner Liebling, wie eine große Schwester. Habe ich dir je gesagt, dass sie die gleichen Augenbrauen hatte wie wir?»

«Nein.»

«Hatte sie aber! Und genau wie du und ich hob sie sie, wenn sie sich konzentrierte.»

«Dann war sie manchmal auch lustig und nicht immer nur so ernst, wie sie in der Schule gewesen sein soll?» Brittola hatte so viele Fragen, dass sie ihrer Mutter gar nicht die Zeit ließ, sie alle zu beantworten. «Und was ist mit Tante Martha und Tante Saula? Waren sie auch lustig?»

«Oh, sie waren am lustigsten! Über die beiden könnte ich euch tausend Geschichten erzählen.»

«O ja, Mutter, erzähl uns mehr!» Ihr Sohn hüpfte erwartungsvoll auf und nieder.

«Einverstanden, ihr zwei. Ich erzähle euch die Geschichte …»

«Hurra!» Die Kinder klatschten in die Hände und begannen zu tanzen.

«Aber nicht sofort.» Cordula hob die Hände. «Nach dem Essen. Zuerst müssen wir kochen, essen und sauber machen. Anschließend legen wir uns ins Bett. Und wenn ihr dann noch nicht zu müde seid, beginne ich mit der Geschichte von Ursula und Pinnosa und …»

«… und Tante Martha und Tante Saula?», fragte Brittola.

«Und der Ersten Athene?», bat ihr Bruder.

«Und Tante Brittola?», rief Brittola aufgeregt.

«Und dem großen Feldzug?», fügte ihr Bruder hinzu, der an Cordulas Ärmel zupfte.

«Jetzt ist es aber genug.» Cordula klatschte in die Hände. «Während ich koche, kannst du das Gemüse zubereiten, mein Fräulein. Und du, junger Mann, deckst derweil den Tisch und holst den Wein.»

«Ja, Mutter», erwiderten sie im Chor. Cordula staunte über den ungewohnten Eifer, den die Kinder an den Tag legten. Sie beobachtete die beiden eine Weile, ehe sie sich der Zubereitung des Mahls widmete.

Während sie den Fisch salzte, hörte sie die Kinder eine einfache Weise summen. Es war ein altes Lied, das die Menschen oft bei der Arbeit sangen. Auf Cordulas Befehl war es jedoch in ihrem Haus verboten. Niemand – und das schloss auch ihren Gatten mit ein – durfte es singen. Ihr Lächeln gefror. Wütend kniff sie die Lippen zusammen und wirbelte herum. «Was summt ihr da?»

Der scharfe Verweis schüchterte Brittola ein. «Gelobt sei der Herr, Mutter.»

«Das weiß ich! Wo habt ihr es gelernt?»

«In der Schule.»

Die Lippen des armen Kindes bebten. Cordula begriff, dass sie es nicht böse gemeint hatte. Jetzt kommt alles hoch. Wehre dich nicht dagegen. Cordulas Wut verrauchte schnell. «Es ist ein schönes Lied», sagte sie einlenkend. «Kennst du den Text?»

«Ja, Mutter.»

«Dann sing bitte richtig, und hör auf zu summen.»

Brittola sang verzagt die ersten Zeilen. Ihr Bruder stimmte mit ein, und bald erfüllten ihre vollen Stimmen den Raum.

Als Cordula sich wieder dem Fisch zuwenden wollte, fesselte eine Bewegung vor dem Fenster ihre Aufmerksamkeit. Sie schaute hinaus auf den Küchenhof und sah die tänzelnden Schneeflocken. Dicke graue Wolken zogen über den Himmel und raubten das letzte Tageslicht. Man hätte fast meinen können, blauweiße Schatten hetzten über den Hof. Ihre Formen veränderten sich ständig: Sie liefen, sprangen, verschwanden, tauchten wieder auf. Obwohl sie keine bestimmte Gestalt annahmen, erkannte Cordula sie deutlich.

In diesem Augenblick sangen die Kinder ihre Lieblingsstrophe. Die Musik vertreibt die alten Dämonen und ersetzt sie durch einen Geist, der lange verleugnet wurde.

Das Schneegestöber verhüllte die fernen Berge. So weit das Auge reichte, war alles grau in grau. Doch Cordula fand den Anblick nicht so bedrückend, wie manch anderer ihn vielleicht gefunden hätte. Vor ihrem geistigen Auge sah sie ein unendliches Meer aus wundersamem Silberlicht, dessen Kraft – einst Furcht einflößend und stark – allmählich schwand. Die Kinder begannen eine neue Strophe.

Cordulas innere Stimme meldete sich zu Wort. In weniger als zehn Jahren sind sie so alt, wie wir damals waren, als wir hierher kamen. Und vier Jahre später werden sie uns überlebt haben.

«Ich sollte ihnen die Geschichte nicht erzählen», sagte sie laut. «Sie sind noch nicht in dem Alter, in dem sie die volle Bedeutung verstehen können.»

Oh, darum solltest du dich nicht scheren, sagte die innere Stimme mit einem Lachen, dem die Unschuld vergangener Jahre anhaftete. Das waren wir auch nicht, als alles begann.

Plötzlich erkannte sie in dem blauweißen Schneegestöber deutlich das vor Angst verzerrte Gesicht von Pinnosa. Und sie hörte ihren gellenden Schrei, der durch die Ewigkeit hallte: «URSULA!»

Das Gesicht stieg durch den fallenden Schnee zum Himmel empor, der sich langsam aufhellte. Der Schrei wurde schwächer und schwächer, bis der Gesang der Kinder ihn übertönte. Sie begannen eine neue Strophe der fröhlichen Weise. Cordula fing an zu weinen.

Gelobt sei der Herr,

Gelobt sei der Herr,

Gelobt sei der Herr.

Christus, unser Herr,

Lehre uns,

Lehre uns, recht zu tun.

Christus, unser Herr,

Führe uns,

Führe uns ins Licht.

Cordula unterdrückte ihre Tränen und kehrte an die Arbeit zurück. Die Zubereitung des Mahls nahm sie erneut gefangen. Als sie gerade den Fisch servieren wollte, ertappte sie sich dabei, wie sie das Lied der Kinder mitsummte. Sie stöhnte auf und ließ beinahe die Bronzeplatte fallen. Nicht dieses Lied! Nicht jetzt! Sie drückte die Platte an ihre Brust, als wollte sie sich auf diese Weise schützen. Wovor? Der fröhliche, rhythmische Gesang und die unvergesslichen Verse tauchten aus der Tiefe ihres Herzens auf.

Jesus,

Führe uns,

Nähre uns,

Zeige uns den rechten Pfad.

O Herr.

Sie sträubte sich, doch die Melodie riss sie mit. Schließlich stimmte Cordula in den Gesang der Kinder ein.

Du kamst,

Du sahst,

Du wusstest,

Du verstandest.

O Herr.

Du liebst,

Gibst uns Kraft

Wie kein anderer.

O Herr.

Unser Herr.

Gelobt sei der Herr,

Gelobt sei der Herr,

Gelobt sei der Herr.

Der Gesang war wie eine Befreiung für sie, und es kam alles mit Macht zurück: Träume, Gedanken, Hoffnungen, Pläne, Ängste, Tränen, Schrecken und Qualen. Alles erstand vor ihrem inneren Auge wieder auf. Und mit den Erinnerungen kamen die Worte, die sie ihren Kindern sagen würde.

III

«Lange vor eurer Geburt, als ich nur wenige Jahre älter war, als ihr heute seid, gab es eine Zeit, da schien das ganze Reich in Aufruhr zu sein. Riesige Horden der gefürchteten Goten verwüsteten das Land und bedrohten sogar Rom. Sie zwangen Kaiser Honorius, in seiner Festung in Ravenna Schutz zu suchen. Dort schmiedete er zusammen mit dem Feldherrn Stilicho Pläne, wie er seine zahlreichen Feinde besiegen könnte.

Zur selben Zeit wüteten jenseits der Alpen und weit außerhalb der Grenzen des Reichs Stammeskämpfe unter den barbarischen Nachbarn Roms. Ganze Völkerscharen wurden aus ihrer Heimat vertrieben und mussten woanders ihr Glück suchen. Viele von ihnen strebten nach der Sicherheit und dem Wohlstand des römischen Territoriums. Die Heere, die an zahlreichen Fronten kämpfen mussten, waren nicht mehr in der Lage, sie abzuwehren.

Und in dieser Zeit – ich muss damals achtzehn gewesen sein – gelang es einer Legion germanischer Stämme, besonders Sueben und Burgunden, die verlassenen Grenzen an den Flüssen Rhenus und Danubius zu überqueren. Sie verwüsteten die Provinzen im Norden und Westen, vor allem die Städte und Güter des glorreichen Gallien. Seiner Soldaten beraubt und buchstäblich ohne Verteidigung, war Gallien für die Invasoren eine verlockende, unwiderstehliche Beute.

In Britannien war es auch nicht mehr sicher. Damals landeten die ersten Sachsen an unseren Küsten, was neben der Bedrohung durch die Hiberner und die Räuberbanden der Pikten eine neue Gefahr für uns bedeutete. Die Verteidigung des Landes wurde zu einer wahren Herausforderung. In dieser Zeit schrecklicher Not wurden unsere Krieger zudem anderswo gebraucht. Sie mussten entlang der Grenzen kriegswütige Stämme in Schach halten und in den südlichen Provinzen gegen Völkerschaften kämpfen, die das Land verwüsteten. Da die Männer abwesend waren, fühlten sich die Zurückgebliebenen schutzlos ausgeliefert.

Und schließlich machte sich ein neuer Feind auf den Weg, dessen schauderhaften Namen wir glücklicherweise erst ein paar Jahre später zum ersten Mal hörten. Aus fernen Landen tief im Osten kam ein grimmiger, kriegerischer Stamm, der eine schreckliche Bedrohung darstellte: die Hunnen.»

Brittola stieß einen Schrei aus, als sie den gefürchteten Namen hörte. Beide Kinder saßen neben Cordula im Bett und blickten sie ängstlich an. Sie lächelte und legte die Arme um sie.

«Hier», sagte sie tröstend, «gibt es keine Hunnen. In ganz Britannien nicht. Ihr braucht keine Angst zu haben. Hier seid ihr sicher.»

«Und was ist mit Ursula?», fragte ihr Sohn, der sich unter ihrem Ärmel versteckte.

«Ja, Mama, was ist mit Tante Ursula?» Brittolas Gesicht spähte zwischen den Decken hervor, in die sie sich eingewickelt hatte. «Wann beginnt ihre Geschichte?»

Der Anblick ihrer Tochter brachte Cordula zum Lachen. Dadurch löste sich die Anspannung der Kinder, der kurze Moment der Angst war schon vergessen.

«Wann Ursulas Geschichte beginnt? Das ist eine gute Frage. Hm, lasst mich überlegen.» Die Kinder spürten, dass jetzt die richtige Geschichte anfing, und machten es sich bequem. Brittola schmiegte sich unter den Arm ihrer Mutter. Ihr Bruder legte sich hin und stützte den Kopf mit seiner linken Hand. «Ich glaube, es begann an einem heißen Tag im Mai in Corinium …»

Erster Teil Britannien

Kapitel 1 Die Männer ziehen ins Feld

I

Das laute Dröhnen der Stiefel hallte durch die Stadt, als die Soldaten am Palast vorbeimarschierten. Die kleinen Statuen der Hausgeister oder Laren, die in einem Schrein in der Ecke des Frauengemachs im ersten Stock standen, wackelten. Eine von ihnen kippte sogar um. Die donnernden Stiefel, die schrillen Hörner, die schmetternden Trompeten, das Schlagen der Trommeln und das Tosen der Menge zwangen die Jungfrauen in dem Gemach zu schreien, um sich Gehör zu verschaffen.

Martha und Saula, die rechts neben dem Balkon standen, mussten einander sogar regelrecht in die Ohren brüllen. Sie bemühten sich hinauszusehen, ohne von der Menge unten erblickt zu werden. Mit ihren schlanken, geschmeidigen Körpern und dem langen, offenen Haar sahen sie aus wie zwei Schwäne, die aus dem Schilf herausspähten.

Cordula, die ihre langen braunen Locken zu einem bis zur Taille reichenden Pferdeschwanz gebunden hatte, stand allein auf der anderen Seite des Fensters. Sie wusste, dass sie den Höhepunkt der Parade – den Vorbeimarsch der Heerführer – nicht als Erste erblicken würde. Dafür hatte sie eine gute Sicht auf die Londinium-Straße, die sich über die kleine Anhöhe vor den Toren der Stadt schlängelte. Auf diese Weise würde sie als Erste ihren geliebten Morgan auf seinem schwarzen Pferd Hermes sehen, wenn er dort oben auftauchte.

Die Diener, die eifrig mit den Vorbereitungen für das große Fest beschäftigt waren, mit dem die heimkehrenden Heerführer begrüßt werden sollten, liefen geschäftig hin und her. Einige kümmerten sich um die Tischtücher und den Schmuck für die Festtagstafeln. Andere gaben wichtige Befehle ihrer Herrin an die Küche weiter. Ursula, die am anderen Ende des Gemachs saß, wählte ihr Festgewand für den Abend aus. Ihr Rücken war dem Fenster zugewandt, während sie in der großen Eichentruhe mit den Gewändern und Togen stöberte. Gleichzeitig bürstete Oleander das hellblonde Haar ihrer Herrin. Die alte Dienerin bauschte die einzelnen Strähnen auf wie einen Federbusch, bevor die Festtagsfrisur ihre endgültige Form erhielt.

Brittola schlich um Ursula herum. Sie wollte unbedingt an den Vorbereitungen teilhaben, dabei aber niemandem im Weg stehen. Große Spangen über den Ohren bändigten ihr welliges schwarzes Haar und entblößten ihr kindliches Gesicht, sodass man ihre leuchtenden braungrünen Augen sehen konnte, die in der Regel hinter ihren Locken verborgen waren. «Weißt du schon, wie du dein Haar heute Abend tragen wirst, Ursula?»

«Das habe ich noch nicht entschieden, aber ich glaube …» Sie verstummte und musterte das junge Mädchen aus den Augenwinkeln.

«Ja?» Brittola beugte sich eifrig vor.

«Ich glaube, ich werde es zur Seite frisieren.»

Brittola strahlte.

Ursulas tiefblaue Augen blitzten fröhlich. «Dann brauche ich meine goldenen Haarnadeln nicht. Soll ich sie dir borgen, Brittola?»

«Das würdest du tun?» Brittola klatschte aufgeregt in die Hände und hielt dann mitten in der Bewegung inne. «Und wenn eine der anderen sie tragen möchte?»

Ursula umfasste Brittolas Hände. Das sechzehnjährige Mädchen war drei Jahre jünger als sie selbst und Pinnosa und damit die Jüngste der Gruppe. Ursula ließ sich von der Aufregung ihrer Freundin über die Rückkehr des Heeres anstecken und warf ihr einen verschwörerischen Blick zu. «Das glaube ich nicht. Außerdem kommen sie in deinen schwarzen Locken viel besser zur Geltung als in ihren Pferdeschwänzen.» Sie nahm die Haarnadeln aus ihrem Schmuckkästchen und reichte sie Brittola. Die freute sich über die Leihgabe, als wäre es ein Geschenk.

«Wo bleiben die Vorhut und die Offiziere?», rief Saula, als die Menge draußen einen Moment verstummte. «Wo ist Konstantin? Warum lässt er das Heer zuerst passieren? Warum führt er die Parade nicht an wie andere römische Feldherren?»

«Die Soldaten sind sein ganzer Stolz, und darum dürfen sie seinen Ruhm teilen», erklärte ihr Ursula, die sich über ein edles Gewand beugte, ohne den Blick zu heben. «Er sagt immer: ‹Diejenigen, die am härtesten kämpfen, dürfen sich zuerst ausruhen.› Deshalb marschieren seine Soldaten stets an der Spitze. Er führt sie nur an, wenn sie in die Schlacht ziehen. Und außerdem …», jetzt drehte sie sich zu Saula um, «… ist er ein britannischer römischer Feldherr.»

«Es geht ihr gar nicht darum, Konstantin zu sehen, Ursula!», rief Martha. «Sie wartet auf die Vorhut. Und einen gewissen jungen Offizier namens …»

«Martha!», schrie Saula und zerrte an deren Ärmel, damit sie den Mund hielt.

Martha rächte sich, indem sie Saulas strohblondes Haar zerzauste. Daraufhin ergriff Saula einen Wandbehang und tat so, als wollte sie ihre beste Freundin ersticken. Das ausgelassene Spiel der beiden geriet schnell außer Kontrolle, sodass Ursula sie mit einem strengen Blick bedachte. Allmählich beruhigten sie sich und wandten sich mit schmollenden Gesichtern wieder dem Tumult draußen zu.

Nach einer Weile sagte Martha zu Saula: «Ich liebe es, die Soldaten beim Marschieren zu beobachten. Schau, wie stattlich sie sind. Kann es im ganzen Reich einen schöneren Anblick geben?»

«Und die meisten sind unverheiratet und höchst begehrenswert!», fügte Saula hinzu, wobei sie Martha leicht in die Rippen stupste. «Ich bin nicht die Einzige, die einen ganz bestimmten Offizier erwartet.»

Sie kicherten. Martha warf Ursula einen verstohlenen Blick zu. Als sie sah, dass die in ein Gespräch mit Oleander vertieft war, flüsterte sie Saula ins Ohr: «Heute Nacht wäre ich gerne eine Sklavin im Badehaus.» Die Freundinnen brachen in schallendes Gelächter aus.

«Bitte!», schimpfte Cordula.

Martha und Saula streckten ihr die Zunge heraus und schauten wieder auf die Straße.

«Seht nur!», rief Saula. «Die Standarten der Befehlshaber!»

Ursula legte das Gewand aus den Händen und sprang auf. «Ist Constans …»

Cordula sah die Angst in den Augen ihrer Cousine. Sie wusste genau, was Ursula fragen wollte: «… dabei?» Doch Ursula beherrschte sich und fügte hinzu: «… der Erste?»

Brittola lief an Ursula vorbei und stellte sich ans Fenster, sodass man sie von unten sehen konnte. «Ja, ist es Constans oder Konstantin oder ein anderer, der den Ehrenplatz innehat?»

Martha und Saula hatten die beste Sicht auf die Mauern des Palastes. Sie reckten die Hälse. Martha erblickte sie zuerst. «Ich kann den Kopf des ersten Pferdes sehen … Es ist … es ist …»

«Gerontius», brummten sie alle, als der riesige, korpulente Mann auftauchte.

«Dieser hässliche, fette Bulle!», zischte Saula.

«Wartet mal! Zwei reiten nebeneinander!», schrie Brittola. «Nein, drei! Alle drei führen den Marsch an. Und der in der Mitte ist … Constans! Constans hat den größten Ruhm geerntet!»

Ursula schloss die Augen. Ein Schauer der Erleichterung lief ihr über den Rücken. Auch die Menge unten konnte die Befehlshaber nun erkennen und brach in lauten Jubel aus.

«So, so», murmelte Cordula. Sie stellte sich hinter Brittola und rief ihr ins Ohr: «Constans ist ein beliebter Mann!»

«Weil er so stattlich ist!», schrie Brittola über die Schulter zurück.

«Fürwahr. Ursula muss sich in Acht nehmen!» Sie lachten. «Und Konstantin ist alt geworden. Zum Glück hat sich sein Sohn gut entwickelt. Er wird sehr stark sein müssen, wenn er das Werk seines Vaters vollenden will.»

«Welches Werk?»

«Er muss ein neues Heer aufstellen. Du bist zu jung, um dich an die Zeiten zu erinnern, als wir wehrlos waren und …»

«O Ursula, komm her und schau!», rief Brittola aufgeregt. «Constans und Konstantin reiten Seite an Seite! Vater und Sohn, die beiden großen Helden, wie Philipp und Alexander! Und dein Constans hat den Ehrenplatz in der Mitte! Schau nur, Ursula, bitte! Du kannst stolz sein!»

«Ursula!» Eine klare, kräftige Stimme drang von unten herauf. Es war die vertraute und ersehnte Stimme ihres großen Beschützers Konstantin. «Kommt auf den Balkon, Prinzessin, und begrüßt Euer Volk! Und die anderen hübschen jungen Damen auch! Ich weiß, dass Ihr da oben seid und Euch versteckt! Übertriebene Schicklichkeit ist heute fehl am Platze! Kommt heraus und begrüßt uns mit Eurer Majestät! Erlaubt Constans einen Blick auf seine geliebte Braut! Die Männer sollen sich davon überzeugen können, dass sie wirklich zu Hause angekommen sind!»

Martha und Saula ließen sich nicht länger bitten. Sie schoben die Wandbehänge zur Seite, hinter denen sie sich versteckt hatten, und führten Cordula und Brittola auf den Balkon. Die Menge jauchzte entzückt. Die Legionäre brachen in lauten Jubel aus, als sie die vier edlen jungen Frauen erblickten.

Brittola wand sich verlegen.

Der Jubel verstummte, und alle starrten erwartungsvoll auf den Balkon.

Langsam trat Ursula aus dem Schatten hervor und stellte sich ans Fenster. Die Prinzessin, die ihre Freundinnen ein kleines Stück überragte, war mit ihrer hellblonden Haarpracht eine beeindruckende Erscheinung. Seitdem das Heer vor fast einem Jahr in die Schlacht gezogen war, hatte sich ihre Weiblichkeit zu voller Blüte entwickelt. In ihren gebieterischen, tiefblauen Augen spiegelten sich die Würde und Autorität ihrer geliebten Mutter, der verstorbenen Königin Rabacie. Die Jubelschreie der Menge wurden lauter.

Ursula lächelte und ließ den Blick über die Menschen zu ihren Füßen schweifen. Als sie Constans entdeckte, konnte sie die Augen nicht mehr von ihm abwenden. Seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er zum Manne gereift. Nichts erinnerte mehr an den Jüngling, dem sie vor einem Jahr Lebewohl gesagt hatte. Er umklammerte die Zügel des Pferdes mit festem Griff. Sein erster Bartflaum war einem dichten Bart gewichen, wie ihn auch sein Vater trug. Die von Wind und Wetter gegerbte Haut hatte ihren zarten Schimmer verloren und verlieh ihm das Aussehen eines reifen Kriegers. Ein wissendes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

Die Menschenmenge bemerkte den liebenden Blick, den der stattliche, junge Held und die hübsche Prinzessin wechselten.

Konstantin hob den rechten Arm, zog seinen Helm vom Kopf und verneigte sich.

Constans tat es ihm gleich. Gerontius folgte dem Beispiel ebenfalls nach kurzem Zögern, doch mit kaum verhüllter Ungeduld. In seinen Augen schien die Geste wohl eher eine leichtsinnige Zeitverschwendung zu sein.

«Es lebe das gute Volk von Corinium! Es lebe das ganze britannische Volk!» Konstantin ergriff den Arm seines Sohnes und riss ihn in die Höhe. «Es lebe eure Zukunft! Es lebe Constans und Ursula!»

«Constans und Ursula! Constans und Ursula! Constans und Ursula! …» Immer und immer wieder rief die Menge ihre Namen, bis sie die ganze Stadt zu erfüllen schienen. Auf dem Höhepunkt des Jubels verneigten sich die Befehlshaber abermals und setzten ihre Helme wieder auf. Dann trieben sie ihre Pferde an, und die Parade wurde fortgesetzt.

Als die Standarten der Offiziere aus ihrem Blickfeld verschwanden, fasste Cordula Ursula am Arm. «Schau!» Sie zeigte auf den Hügel hinter den Stadtmauern. «Pinnosa!»

Sogar aus dieser Entfernung konnte man Pinnosa zweifelsfrei erkennen. Sie ritt ihre kräftige schwarze Stute Artemis und trug wie üblich ihre Jagdkleider. Ihr leuchtend rotes Haar war hochgesteckt, sodass es sie nicht behinderte. Über ihrer rechten Schulter hing ein aufgerolltes Seil. Auf Artemis’ Hinterteil lag ein Reh. Den Bogen hatte Pinnosa auf ihren Rücken geschnürt, und in der linken Hand hielt sie den langen Jagdspeer. Auf einmal riss sie die Zügel herum und ritt in entgegengesetzter Richtung davon.

«Sie muss den Lärm der Parade gehört haben», sagte Brittola enttäuscht. «Warum ist sie nicht zu uns gekommen?»

«Wahrscheinlich war sie zu sehr mit dem Reh beschäftigt», sagte Martha. «Du weißt doch, dass sie nicht mehr zu halten ist, sobald die Jagdsaison begonnen hat.»

«Du hast Recht, Martha, aber ich wünschte, sie würde sich ändern», erwiderte Ursula seufzend. «Vor allem jetzt, da sie offiziell Verantwortung trägt und hier sein müsste, um wie wir ihre Aufgaben zu erfüllen. Mitunter macht sie es sich zu leicht mit dem, was sie die ‹Kultur der Wildnis› nennt. Und der ‹Wildnis der Städte› bringt sie zu viel Verachtung entgegen. O Pinnosa …», fügte sie leise mit Blick auf den verlassenen Hügel hinzu. «Warum ziehst du die Natur allem anderen vor? Und warum ist es dir eine so große Freude, den Männern aus dem Weg zu gehen?»

«In Wahrheit beneidet sie die Männer um ihre Welt», sagte Saula scherzend zu Martha, als sich die Gruppe anschickte, den Balkon zu verlassen. «Sie ist wie ein Wolf, der dem Falken seine Schwingen neidet.»

Diese Bemerkung erheiterte die Mädchen. Selbst Ursula kehrte schmunzelnd zu den Vorbereitungen des rauschenden Festes zurück.

II

Ursula drehte sich zu Brittola um, die neben ihr am ersten Damentisch saß. «Wo die Männer nur bleiben?»

Das große Fest hatte wegen der Ankunft einiger wichtiger römischer Abgesandter aus Londinium bereits begonnen, obwohl die meisten Männer noch fehlten. Die Abgesandten saßen am ersten Herrentisch bei König Deonotus, dem Kurier Morgan, Bischof Patroclus und drei Adeligen aus der Stadt. Die sechs freien Plätze waren für Konstantin, Constans, Gerontius, Brittolas Vater Conanus und zwei andere große Befehlshaber reserviert. Im Gegensatz zu den Männern waren die Frauen größtenteils schon erschienen. Die Gattinnen der Abgesandten saßen bei Ursula, Brittola, Cordula, Martha und Saula am ersten Damentisch. Die hinteren Tische, an denen eine fröhliche Gesellschaft aus Männern und Frauen Platz nehmen sollte, waren erst zur Hälfte besetzt, und zwar von den Gattinnen, Müttern und Schwestern der jüngeren Heeresoffiziere. Die einzige wichtige Frau, die fehlte, war Pinnosa.

Es wurde ein üppiges Mahl serviert, das verführerisch duftete. An Bratspießen hingen ganze Kälber und Schweine, dazu gab es riesige Mengen an gebratenem Wild, Schalentieren und Früchten auf großen Silberplatten. Der aromatische Wein regte den Appetit an. Bischof Patroclus, der das Brot gebrochen und das Festmahl gesegnet hatte, ließ es sich schmecken. Der große Haufen abgenagter Knochen auf seinem Teller bezeugte den unbändigen Hunger des beleibten Kirchenmannes.

Inzwischen hatte man mit der Unterhaltung der Gäste begonnen. Ein Feuerschlucker, der in ein enges schwarzweiß gestreiftes Fell gehüllt war, zog die Damen mit seinen Kunststücken in den Bann. Kaum jemand vermisste die Befehlshaber.

Ursula nutzte die allgemeine Ablenkung, um zu ihrem Vater zu gehen. «Wo können sie nur stecken?», flüsterte sie ihm ins Ohr. «Sie müssten schon längst hier sein.»

«Mach dir keine Sorgen, mein Liebling. Wir haben den Männern viel zu verdanken, und jetzt sind wir ihnen ein wenig Geduld schuldig.»

«Aber Vater! Sie hätten lange vor Sonnenuntergang mit ihrem Bad fertig sein müssen. Was tun sie nur? Sie müssen doch hungrig und durstig sein.» Ihr schoss ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf.

Der besorgte Blick ihres Vaters bestätigte ihren Verdacht. «Mach dir keine Sorgen, mein Liebling. Dein Werk ist vollbracht. Das Fest ist herrlich. Hab Geduld, sie werden nicht mehr lange auf sich warten lassen.»

«Sie sind beim Altar, nicht wahr?», zischte sie. Ihr Blick ließ das väterliche Lächeln gefrieren.

«Pst!» König Deonotus befürchtete, der Bischof könnte etwas aufschnappen, doch seine Angst erwies sich als unbegründet. Der Geistliche war damit beschäftigt, ein saftiges Stück Rebhuhn zu verspeisen. «Es ist nicht einfach für gute Heerführer, ihre Soldaten zu verlassen. Sie haben ein ehernes Pflichtbewusstsein. Lass sie ihr Werk in Ruhe vollbringen.»

«Ich werde sie zwingen, ihr Werk zu beenden und hierher zu kommen.»

«Nein! Das darfst du nicht. Das ist Männersache. Damit hast du nichts zu schaffen.»

«Alles, was Männer betrifft, betrifft uns Frauen ebenso, Vater. Das weißt du doch.»

Er lächelte. «Du bist genauso energisch wie deine Mutter. Ich kann dich nicht aufhalten, wenn dein Gemüt erhitzt ist.» Sie wechselten einen letzten Blick, woraufhin Ursula das Fest verließ.

Der Feuerschlucker zeigte soeben ein neues Kunststück. Von einem Blitz und einem Knall begleitet, tauchte eine Taube aus einem brennenden Ring auf und flog über die Versammlung hinweg. Einige Frauen hielten den Atem an. Cordula schrie erstaunt auf. Sogar Bischof Patroclus legte sein Rebhuhn aus der Hand und applaudierte mit den anderen.

Kaum jemandem fiel auf, dass die Prinzessin sich davonschlich. Nur Brittola entging es nicht. Sie hatte das Tuschein zwischen ihrer Freundin und dem König verfolgt. Als Ursula hinter den Wandschirmen verschwand, nahm Brittola ihren Umhang und folgte ihr leise. Oleander huschte ins Vorzimmer; seitdem Ursula laufen konnte, ließ die Dienerin ihre Herrin niemals aus den Augen.

Nachdem Brittola den Damentisch verlassen hatte, machte Cordula es sich bequem. Sie streckte die Beine aus, nahm ein paar tiefblaue Trauben in die Hand und verspeiste sie genüsslich.

III

An diesem Abend wehte eine für die Jahreszeit ungewöhnlich kühle Brise. Die Tiere in den eingezäunten Küchengärten und auf den Höfen waren unruhig: Gänse schnatterten und schrien, Schweine grunzten und scharrten im Sand, einige Hunde bellten oder jaulten. Außer diesen tierischen Lauten war nur das Klacken von den Sandalen der beiden Frauen auf der gepflasterten Straße zu hören. Die Vögel schliefen schon, obwohl die Sonne gerade erst unterging und einen warmen roten Schimmer in die dunklen Gassen warf.

«Warte auf mich!», rief Brittola atemlos hinter Ursula her, die festen Schrittes über die verlassene Hauptstraße auf das Haus der Offiziere zulief.

«Brittola?» Ursula blieb stehen und drehte sich um. «Was machst du hier? Geh zurück zu den anderen. Ich bleibe nicht lange fort, ich hole nur Constans und seinen Vater. Wahrscheinlich wurden sie aufgehalten und haben die Zeit vergessen.»

«Und ich hole meinen Vater. Wahrscheinlich wurde er ebenfalls aufgehalten.»

«Ich sorge dafür, dass er mitkommt. Bitte, geh jetzt zurück.»

«Nein, ich komme mit dir. Sie führen etwas im Schilde, nicht wahr?»

«Wenn sie das im Schilde führen, was ich vermute, musst du zurückbleiben. Dein Vater wird nicht wollen, dass du es siehst. Es ist nicht für die Augen junger Mädchen bestimmt.»

«Ursula! Wie kannst du so etwas sagen? Wir sind beide Einzelkinder. Als unsere Mütter starben, warst du so alt, wie ich heute bin. Hast du dich als Sechzehnjährige vor der Verantwortung für deinen Vater gedrückt? Warst du nicht genauso entschlossen wie ich, nach ihm zu sehen und ihn zurechtzuweisen, wenn es notwendig wurde?»

Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne blendeten die beiden Mädchen. «Du hast Recht», gab Ursula zu. «Als meine Mutter starb, war mein Vater mein ganzes Leben, obwohl ich meinen geliebten Constans hatte.»

«Und ich habe nicht einmal einen Mann, den ich liebe. Vater ist alles, was ich habe.»

«Gut, dann komm mit», sagte Ursula. «Aber mach dich auf einiges gefasst. Es …»

Brittola wusste, was ihre Freundin sagen wollte, denn das sagten sie immer, wenn sie eine schwierige oder unerfreuliche Aufgabe zu bewältigen hatten. Gemeinsam beendeten sie den Satz: «… wird nicht einfach werden!»

Sie lachten, umarmten sich und liefen weiter.

IV

Die Vorderseite des Hauses der Offiziere lag abgewandt von der Stadtmitte, daher näherten sich Ursula und Brittola von der Rückseite. Als sie das große Gebäude erreichten, drang lauter Männergesang an ihre Ohren. Sie blieben stehen und lauschten. Der anschwellende Gesang, der aus der Gasse zu kommen schien, die zur Vorderseite führte, endete in einem heiseren Brüllen.

«Beeil dich!», rief Brittola ungeduldig. «Wir werden sie ertappen.»

«Brittola! Komm zurück! Komm zurück!», schrie Ursula, doch ihre Freundin war schon in die Gasse eingebogen. Mit einem verzweifelten «O Brittola!» lief sie hinterher.

Die Gasse führte auf einen Hof, dessen eine Seite von den langen, dicken Mauern des Hauses der Offiziere begrenzt wurde. Es gab keinen Eingang, nur ein kleines Fenster in unerreichbarer Höhe. In der Nähe des Fensters stand eine riesige alte Linde mit dicken Ästen, die das Haus überragte. Ursula und Brittola kannten den Baum gut, denn als Kinder waren sie oft hinaufgeklettert. Die Bewohner von Corinium hingen dem Aberglauben an, das kleine Fenster gebe den Blick auf einen Raum frei, in dem die Schatten toter Soldaten lebten. Für die Kinder der Stadt stellte es eine große Herausforderung dar, auf die knarrenden Äste zu steigen und zu überprüfen, ob die Schatten sich bewegten.

Ursula holte Brittola am Eingang des Hofes ein. Die Männer hatten wieder zu singen begonnen. Ihr Gesang hallte durch das kleine Fenster auf den Hof. Die dicken Wände dämpften den Klang indes, sodass man die Worte nicht verstehen konnte.

«Komm her! Wir sehen nach, was sie im Schilde führen!», flüsterte Brittola. Ehe Ursula antworten konnte, rannte sie zu dem Baum und kletterte hinauf.

«Wir sind keine Kinder mehr», murmelte Ursula. Widerwillig folgte sie der jüngeren Freundin auf den Baum und suchte nach Halt für ihre Hände und Füße, so wie sie es als Kind getan hatte.

Während Ursula zu dem langen Ast hinaufkletterte, der einen guten Blick durchs Fenster gewährte, verwandelte sich der Gesang wieder in lautes Gebrüll. «Brittola! Komm da runter!», befahl sie. «Es ist gefährlich!»

Doch es war zu spät. Brittola erspähte bereits genau das, was Ursula befürchtet hatte.

Schließlich erreichte Ursula ihre Freundin. Diese war wie gelähmt und klammerte sich verzweifelt an einen Zweig über ihrem Kopf. Mit der anderen Hand hielt sie ihr großes Silberkreuz in die Höhe, um den teuflischen Anblick zu vertreiben. Ursula kauerte sich neben sie und blickte in den Raum. Sie sah eine Gestalt mit einer Kapuze auf dem Kopf, die in ein schwarzes Gewand gehüllt war und ein rot-goldenes Stirnband trug. Die Gestalt beugte sich vor und hantierte mit etwas. Zahlreiche Gestalten umringten sie. Vor der Gestalt mit der Kapuze stand Gerontius, dessen Gesicht glatt rasiert und dessen Oberkörper entblößt war. Die beiden jungen Frauen beobachteten, wie die verhüllte Gestalt sich reckte und einen mit Juwelen verzierten, goldenen Becher in die Luft warf. Eine rote Flüssigkeit spritzte heraus und befleckte Gerontius’ nackten Körper. Er fing den Becher auf und hielt ihn einen Moment in die Luft, während die Versammelten laut brüllten. Als der Lärm verstummte, führte der stämmige Heerführer den Becher an seine Lippen und trank einen tüchtigen Schluck. Ein Teil der roten Flüssigkeit rann ihm aus den Mundwinkeln und tropfte vom Kinn auf den Boden. Nach der Zeremonie stellte Gerontius den Becher auf den Altar und trat aus dem Blickfeld der beiden jungen Frauen. Gleichzeitig setzte der Gesang der Männer wieder ein. Die Gestalt mit der Kapuze hob einen frisch abgeschlagenen Kalbskopf an den Ohren hoch und füllte den Becher erneut mit dem Blut des Tieres.

Brittola schnappte nach Luft. Ursula hielt ihre Freundin fest, weil sie befürchtete, sie könne in Ohnmacht sinken. Nun trat Conanus, Brittolas Vater, dessen Gesicht ebenfalls sauber rasiert und dessen Brust nackt war, vor den Altar.

«Komm mit. Wir haben genug gesehen. Lass uns hinunterklettern», drängte Ursula die Freundin und setzte alles daran, ihr die Sicht auf die furchtbare Szene zu versperren.

«O mein lieber Gott!», rief Brittola. «Was tut er da? Er trägt nicht einmal sein Kreuz! O mein Gott!»

«Pst, Brittola!» Ursula bemühte sich, sie zu beruhigen. «Lass uns wieder hinunterklettern. Wir sollten das nicht tun.»

Doch Brittola warf den Kopf zurück und schrie aus voller Kehle: «Mein Gott! Sie sollen aufhören! Sie sollen aufhören! Bitte!»

Ursula schlang einen Arm um Brittolas Taille und redete ihr gut zu, während sie mit ihr den Baum hinunterstieg. Zuvor erhaschte sie noch einen letzten Blick in den Raum. Alle Männer starrten zum Fenster hinauf. Die Gestalt in dem Gewand riss sich die Kapuze vom Kopf. Das strenge Gesicht von Konstantin wurde sichtbar. Als Nächster wäre Constans an der Reihe gewesen, das feierliche Ritual zu vollziehen. Er war ebenfalls rasiert und seine Brust nackt.

V

Kurz darauf tauchten die Männer, die nun alle ihre Togen trugen und Fackeln in den Händen hielten, in der Gasse auf. Sie liefen auf den Hof und umringten fluchend die alte Linde.

«Komm runter, du kleines hysterisches Luder! Ich mach dir Beine!», schrie Gerontius.

«Haltet den Mund, Gerontius!» Konstantin drängte sich durch die Reihen der Männer. «Habt Ihr Prinzessin Ursula denn nicht gesehen?»

Ursula half Brittola, auf den niedrigsten Ast der Linde zu klettern. Constans reichte ihr die Hand und hob sie herunter. Als er sie losließ, sank das Mädchen weinend zu Boden.

«Die Herren mögen unsere Störung verzeihen», bat Ursula die Offiziere, während sie auf die Erde sprang. «Wir sind nur gekommen, um Euch an das große Fest zu erinnern, das zu Euren Ehren im Palast gegeben wird. Ihr werdet erwartet», fügte die Prinzessin mit Blick auf Konstantin und Constans hinzu. Dann beugte sie sich neben die schluchzende Brittola und wiegte sie in den Armen. «Hör auf zu weinen. Es ist vorbei.»

Die Umstehenden raunten: «Es ist die kleine Brittola.» Ihr Vater Conanus bahnte sich den Weg zu ihr und blieb neben Konstantin stehen. Conanus war der ranghöchste Staatsmann, der mit in die Schlacht zog, und er war auch älter als die anderen Heerführer. Ohne Waffenrock sah er sogar noch bedeutend älter aus. «Liebling, reiß dich zusammen. Du hast heute Abend genug Theater gemacht. Auf uns wartet ein wunderschönes Fest.» Er trat einen Schritt vor, lächelte Ursula freundlich an und ergriff den Arm seiner Tochter.

«Lass mich los!», schrie Brittola. Sie fuchtelte mit den Armen, sprang wütend hoch und warf ihr Haar zurück. «Lass mich los!» Ihre funkelnden Augen starrten ihren Vater feindselig an. «Wie konntest du nur, Vater? Ich habe gesehen, dass du dein Kreuz abgenommen hast. Warum hast du das getan? Glaubst du, du kannst deine Schmach vor Gott verbergen?»

Conanus war fassungslos. Erneut versuchte er, seine Tochter zu ergreifen, aber sie wich ihm aus.

«Ich verstehe schon nicht, warum sie so etwas tun!» Brittola zeigte auf die anderen Männer. «Aber warum du so etwas tust, ist mir vollkommen unbegreiflich. Du musst nur Gott und sonst niemandem etwas beweisen. Gerade du! Hast du vergessen, dass du als Säugling von Konstantin dem Großen gesegnet wurdest? Wie konntest du etwas so Schreckliches tun, Vater? Wo ist dein Glaube geblieben?»

«Es gibt bessere Gelegenheiten und Orte für ein solches Gespräch, mein Liebling.» Als Conanus seine Tochter wegführen wollte, wehrte sie sich heftig.

«Nein! Ich will wissen, warum du und diese anderen Christen nicht dem wahren Gott die Treue haltet!»

«Es steht uns frei zu entscheiden, welchem Gott oder welchen Göttern wir die Treue halten, mein Fräulein!» Konstantin trat vor und umklammerte Brittolas Arm mit festem Griff, um ihrem armen Vater weitere Peinlichkeiten zu ersparen. «Das ist eine der Freiheiten, für die wir kämpfen, und Teil des wahren Ruhmes Roms. Nur Rom ist mächtig genug, um sich mehr als einer Religion und mehr als einem Gott zu verschreiben. Alle Götter fügen sich Roms höchster Macht.»

Sein Blick glitt über die Zuschauer. «Brittola, dein Vater hat vollkommen Recht. Es gibt bessere Gelegenheiten und Orte für ein solches Gespräch, und ich will dir auch erklären, warum. Die Freiheit, derer du dich erfreust, ist ein Geschenk. Und es ist nicht selbstverständlich, Gespräche darüber führen zu können, ob wir von Gott oder den Göttern regiert werden, ob der Glaube oder das Schicksal schwerer in der Waagschale wiegen …» Sein Ton war ein wenig spöttisch, und die Männer kicherten. «Diese Freiheit haben wir uns hart erkämpft, und sie muss beständig gegen unzählige feindliche Kräfte verteidigt werden. Daher merke dir dies: Vor Gott, vor dem Glauben oder dem Schicksal, sogar vor der Freiheit kommt die Pflicht! Es ist die Pflicht eines jeden unversehrten Römers, Rom und alles, wofür es eintritt, zu verteidigen.» Er spähte zu Ursula und Constans hinüber. «Und erst wenn er seine Pflicht erfolgreich erfüllt hat, kann er zu seiner Familie und seinen Freunden zurückkehren, sich in Frieden niederlassen und sich an seiner hart erkämpften Freiheit sowie an wunderschönen Festen erfreuen und an guten Gesprächen über …»

Konstantin lockerte seinen Griff, und sofort befreite sich Brittola aus der Umklammerung. Sie ergriff das Silberkreuz mit beiden Händen und warf es in die Luft. «Nein!», schrie sie. «Das ist nicht recht! Ihr müsst doch wissen, dass Eure einzige wahre Pflicht des Herzens und des Geistes Gott ist. Der eine Gott! Der wahre Gott! Warum wollt Ihr Euch damit begnügen, in einer freien Welt zu leben? Was ist das für eine hart erkämpfte Freiheit, die Euch das Recht gibt, das Blut dieser Tiere zu trinken? Versucht auch Ihr, in einer guten Welt zu leben! Aber das könnt Ihr nur, wenn Ihr Euch Gottes Willen unterwerft. Um das zu tun, müsst Ihr zuerst die falschen Götter ablehnen und aufhören, Euch wie … wie Tiere zu benehmen!»

Konstantin wurde zornig. Seine Soldaten würden es niemals wagen, ihn zu unterbrechen, und diese Göre hatte es nun schon zweimal getan.

«Wie dein Vater ganz richtig gesagt hat …», Ursula stellte sich vor Brittola und wandte Konstantin den Rücken zu, «… ist jetzt nicht der rechte Zeitpunkt für dieses Gespräch.» Sie drehte sich zu Conanus um. «Der Festschmaus erwartet uns. Mischt Euch nun mit Eurer Tochter unter die Gäste. Eine gesellige Runde eignet sich besser für derartige Unterhaltungen.»

«Liebling, lass uns ein wenig durch die Gassen wandeln.» Der alte Mann legte behutsam einen Arm um Brittolas Schulter.

Sie senkte den Kopf und ging mit ihm davon. Es sah fast so aus, als hätte sie sich beruhigt. Doch als sie die Gasse erreichten, befreite sie sich und wirbelte herum. «Zuallererst seid Ihr Gott und nicht Rom verpflichtet!», rief sie. «Ihr seid in erster Linie ein Christenheer und erst in zweiter Linie ein römisches Heer.»

Die Männer rissen die Augen auf. Niemand sagte ein Wort; niemand regte sich. Brittola hielt den bösen Blicken stand. Offenbar hätte sie das Wortgefecht liebend gern fortgesetzt, doch Ursulas missbilligende Miene brachte sie schließlich zur Raison. Sie biss sich auf die Zunge und folgte ihrem Vater. Nachdem sie aus dem Blickfeld der Männer verschwunden war, hallte ihr Schluchzen noch immer aus der dunklen Gasse zu ihnen herüber.

Konstantin warf seinen Soldaten einen herrischen Blick zu. Sie gehorchten dem stummen Befehl und entfernten sich. Constans und Ursula blieben mit Konstantin allein auf dem Hof zurück.

Ursula brach die Stille. «Ich verstehe, wie schwer es für Euch sein muss, ein Heer zu befehligen, das zugleich römisch und christlich ist. Allerdings verstehe ich nicht, wie Ihr eine Schlacht schlagen oder zu einem Feldzug aufbrechen könnt, wenn Ihr nicht genau wisst, wofür Ihr kämpft.»

«Es ist häufig am schwierigsten, eine Antwort auf die Frage zu finden, wogegen man kämpft», entgegnete Konstantin in dem sanften Ton, den Ursula seit ihrer Kindheit kannte und liebte. Der Feldherr fuhr fort: «Ursula, Ihr tragt eine hohe Verantwortung, seitdem Ihr den Platz Eurer verstorbenen Mutter eingenommen habt. Ihr müsstet inzwischen gelernt haben, dass es viele verschiedene Gründe für unsere Pflichten gibt. In der Regel mehr Gründe, als wir ahnen. Wenn wir sie alle berücksichtigen wollten, würden wir verrückt werden. Letztlich erfüllen wir zahlreiche unserer Pflichten einfach nur, weil gewisse Dinge getan werden müssen, und nicht, weil wir wissen, warum wir sie tun.»

«Und Eure persönlichen Gründe? Wir sind doch auch uns selbst gegenüber Rechenschaft schuldig», erwiderte Ursula herausfordernd. «Ihr zum Beispiel. Es würde mich interessieren, wofür Ihr persönlich kämpft, wenn Ihr in die Schlacht zieht.»

Sie musterten sich schweigend. Je länger der Blickkontakt dauerte, desto unbehaglicher fühlte sich Constans.

«Ich danke Gott, dass Ihr eine Frau seid», sagte Konstantin schließlich. «Darum werdet Ihr niemals in die Schlacht ziehen müssen. Obwohl ich ein Krieger bin und sowohl Gott als auch die Götter in ihrem Wirken gesehen habe, kann ich Eure Frage nicht beantworten. Nur so viel kann ich sagen: Wenn wir in die Schlacht ziehen und Gott bei uns ist, schenken wir ihm unser Vertrauen. Wenn die Götter bei uns sind, lenken sie unser Geschick. Beide sind ausgezeichnete Waffen und ausgezeichnete Schilde.»

Konstantin klopfte seinem Sohn auf die Schulter. «Wir sollten uns anderen Dingen als dieser unerquicklichen Wortklauberei widmen. Würdest du deine Prinzessin bitte zurück zu dem großen Fest im Palast begleiten? Ich komme gleich nach.»

Constans nahm Ursula an die Hand und führte sie aus dem Hof hinaus. Konstantin legte seine Fackel auf einen der Zweige der alten Linde, faltete die Hände im Rücken und hob den Blick zu dem dunklen Fenster.

«Ursula!», rief er, nachdem das junge Paar ein paar Meter gegangen war. Die beiden drehten sich um. «Wenn ich mich je zwischen Gott und den Göttern – dem Glauben und dem Schicksal – entscheide, werde ich es Euch wissen lassen.»

VI