Das Heide-Mädchen - Michaela Holst - E-Book

Das Heide-Mädchen E-Book

Michaela Holst

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Beschreibung

Michaela wird auf einem großen Landgut in der Lüneburger Heide geboren. Ihr Vater ist nicht begeistert, da er sich einen Stammhalter gewünscht hat. Obwohl „nur“ ein Mädchen, lässt sie sich nicht unterkriegen, macht ihre ersten Erfahrungen mit der Liebe und trifft während des Krieges einen Jungen, der später als Musiker sehr berühmt werden wird. Während sich immer mehr Ausgebombte auf dem Gut versammeln, wächst sie langsam in die Rolle der Chefin hinein. Obwohl Michaela nicht auf Rosen gebettet ist, schafft sie es, sehr glücklich zu werden. Eine wirklich „starke Frau“ die ihren Weg unbeirrbar geht.

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Seitenzahl: 110

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ich wurde in einem großen Herrenhaus in der Lüneburger Heide geboren. Wir schrieben das Jahr 1930. Meine Mutter erzählte mir viele Jahre später, dass sich mein Vater schon seit Beginn der Schwangerschaft sehr auf mich gefreut hätte. Er war der felsenfesten Meinung gewesen, sein Stammhalter sei unterwegs.

Als dann ich dabei herauskam, war er sehr enttäuscht und sprach wochenlang nicht mit meiner Mutter. Ein Arzt hatte ihm eingeredet, eine Frau sei schuld am Geschlecht des Kindes und viele werdende Mütter hätten nichts anderes im Sinn, als ihrem Gatten eins auszuwischen, in dem sie statt eines Jungen, ein Mädchen zur Welt brachten.

Aber nicht nur meine Mutter hatte unter dem Zorn meines Vaters zu leiden gehabt. Nein, unser ganzes Gesinde wurde für mehrere Wochen mit Kraftausdrücken bedacht und sinnlos durch die Gegend gescheucht. Wie mir meine Tante Brigitte später mehrfach berichtete, musste meine Mutter immer wieder eingreifen, trösten und Tränen trocknen, weil mein Vater wie ein Berserker durch Haus und Hof getobt war.

Ich sah immer zu, dass ich Land gewann, wenn er in meiner Nähe auftauchte, da ich schon als Kleinkind bemerkte, wie sehr er mich hasste. Ich rannte in solchen Augenblicken in Windeseile und so schnell mich meine kleinen Beine tragen konnten in eines meiner Verstecke. Je älter ich wurde, desto ausgeklügelter wurden die. Hatte er mich noch anfangs leicht erwischen können, um mir aus fadenscheinigen Gründen eine Ohrfeige zu verpassen, so war ich im Laufe der Jahre zusehends erfinderischer geworden.

Die Zeiten, in denen ich mich einfach hinter einem Wagen verkrochen hatte, waren lange vorbei. Als ich acht oder neun Jahre alt war, fand er mich nicht mehr so einfach. Denn jetzt verkroch ich mich dort, wo er ganz bestimmt nicht nachschaute. Entweder ich rannte in den Kohlenkeller und hockte mich hinter den Kohlenberg oder ich versteckte mich im Pferde- oder Kuhstall. Obwohl Landwirt durch und durch, mochte er Orte, an denen er sich richtig schmutzig machen konnte, nicht so sehr. Er hasste es, wenn sein edler Zwirn Flecken aufwies oder nach Mist oder Pferd oder Kuh stank.

Meine Mutter, und vor allen Dingen unsere Wäscherin, mochte Flecken oder Gerüche dieser Art ebenfalls nicht sonderlich. Allerdings nahm ich die Donnerwetter der Frauen lieber in Kauf, als die Schläge meines Vaters. Ein Mädchen muss sich eben durchbeißen, um zu überleben.

Allerdings war mein Vater der einzige Mensch auf unserem Gutshof, der mich nicht mochte. Sowohl die Mägde, als auch die Knechte und das Hausgesinde traten mir stets freundlich gegenüber. Ob Horst, der Kutscher, oder Maria, die Wäscherin, es war immer jemand da, mit dem ich reden konnte. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich auf dem Schoß des Kutschers durch die Welt gesegelt bin, wenn wir, mit zwei riesigen Pferden bespannt, auf unserer Kutsche durch die Heide fuhren.

Die Arbeit auf den Feldern und auf dem Hof wurde damals noch von einem Heer von Knechten und Mägden erledigt. Ich blieb dann einfach auf dem Kutschbock sitzen und schaute den Arbeiterinnen und Arbeitern beim Grasmähen, Heuwenden, Rübenhacken oder Strohbinden zu.

Wenn Magda, unsere Obermelkerin, ihren Dienst im Kuhstall vollendet hatte, kam sie mittags mit einer leichten Kutsche auf die Felder gefahren, um das Essen zu bringen. Sofort ließen alle ihre Heuharken oder Sensen fallen und stürzten sich auf die Körbe mit den Köstlichkeiten. Obwohl mein Vater streng dagegen war, den Mitarbeitern warmes Essen und Getränke auf die Felder zu bringen, hatte sich meine Mutter durchgesetzt und dafür gesorgt, dass genau das passierte. Er hatte sich mehr oder weniger ihrem Willen gebeugt, da der Hof nicht ihm, sondern ihr gehörte.

Maria und die anderen Frauen im Haus hatten stets eine lustige Posse auf Lager. Im Laufe der Jahre habe ich etliche Lebensgeschichten von diesen lieben Menschen zu hören bekommen. Manchmal habe ich mit ihnen um die Wette geweint, manchmal mich halb totgelacht.

Maria erzählte mir mal, dass sie sehr froh sei, auf unserem Hof gelandet zu sein. Sie hätte zwölf Geschwister und zu Haus die Hölle erleben müssen. Ihr Vater hätte viel Alkohol getrunken, jeden Tag Mutter und Kinder verprügelt und hin und wieder das Lager mit seinen Töchtern geteilt.

Nachdem die Mädchen in die Pubertät gekommen seien, wäre er mit jeder Einzelnen über Land gefahren und hätte sie meistbietend an irgendwelche Bauern verscherbelt. Sie selbst sei von meiner Mutter ausgelöst worden. So nannte man den Mädchenhandel, der aller Orten blühte und auf der einen Seite dafür sorgte, dass abgelegte Töchter aus dem Haus kamen und auf der anderen Seite den Bauern eine willige und billige Arbeitskraft verschaffte, die man, da bereits eingeritten, auch für nebeneheliche Abenteuer benutzen konnte.

Wurde eine solche Magd schwanger, verheiratete man sie kurzerhand mit einem Knecht. Auf diese Art und Weise wurde das Problem kostengünstig aus der Welt geschafft. Natürlich wussten alle Bescheid, aber niemand hätte es gewagt, darüber zu sprechen. So blieb nach außen hin die Weste des Hausherrn blütenweiß und sauber.

Arbeit gab es damals nicht unbedingt, wie Sand am Meer, und so waren diese bedauernswerten Geschöpfe sogar noch froh darüber, wenn sie auf dem Hof bleiben konnten und nicht mit Schimpf und Schande, was ohne weiteres vorkam, von der Scholle gejagt wurden. Das konnte nämlich passieren, wenn für eine schwangere Magd kein passender Knecht gefunden werden konnte. Man bezichtigte das arme Mädchen einfach einer moralischen Verfehlung und setzte sie kurzerhand vor die Tür.

Maria, und auch Magda, erzählten mir mehrere traurige Geschichten dieser Art. Als ich älter geworden war, fragte ich natürlich, was aus diesen jungen Müttern und ihren Kindern geworden war. Maria machte mir, natürlich hinter vorgehaltener Hand, klar, dass die meisten auf dem Großstadtstrich endeten. Manche brachten sogar ihre Kinder um, weil sie nicht in der Lage waren, diese zu ernähren. Einige Mütter und auch ihre Kinder verhungerten einfach. Aus diesem Grund waren unsere Mitarbeiterinnen froh, dass sie, trotz der mehr als widrigen Umstände, bei uns bleiben konnten.

Der Vater meiner Mutter hatte das Gut mit eiserner Hand geführt und meinen Vater eines Tages als Verwalter eingestellt. Da sich der junge Mann gut machte, war er auf die Idee gekommen, ihn mit seiner Tochter, also meiner Mutter, zu verheiraten.

Mein Vater war ein Zweitgeborener, hätte also niemals seinen elterlichen Hof erben können. Diese jungen Männer wurden dann gern ausgelagert. Man suchte eine passende Stelle für sie und schon war sichergestellt, dass nur ein Koch den Brei verdarb.

Wie mir viele Jahre später klarwerden sollte, hatte mein Vater diese, in seinen Augen, Schmach nie überwunden. Ich kannte ihn eigentlich ausschließlich schlecht gelaunt. Ständig hatte er etwas an den, ihm anvertrauten, Menschen auszusetzen. Ständig arbeiteten sie nicht genau oder schnell genug. Auch die Tiere auf unserem Hof bekamen immer wieder seine Zornesausbrüche zu spüren. Mehrmals hatte ich beobachtet, wie der Oberknecht meinem Vater in den Arm fiel, wenn der mal wieder sinnlos auf Mägde, Pferde oder Kühe einprügelte.

„Herr Baron! Halten Sie ein. Denken Sie dran, eine verprügelte Frau kann Ihnen schwerlich zu Diensten sein. Ein lahmes Pferd kann keinen Pflug mehr ziehen.“

Ja, wenn es um Arbeitskraft oder Geld ging, war mein Vater schnell zu bändigen. Sein Ansehen und die Güte seines Hofes, der ihm eigentlich gar nicht gehörte, standen bei ihm an erster Stelle. Im Nachhinein bin ich froh, dass er nicht der wahre Chef auf unserem Gut war. Wer weiß, was sonst noch so alles passiert wäre.

Allerdings brauchte meine Mutter ein paar Jahre, um sich, nach dem Tod ihres Vaters, bei Ehemann und Gesinde Respekt zu verschaffen. Eine Frau als Chefin war damals noch lange nicht an der Tagesordnung und meine Mutter musste meinen Vater mehrmals in seine Schranken weisen, um größeres Unheil zu verhindern. Ich denke, ohne sie hätte er nicht nur einmal jemanden umgebracht oder zum Krüppel geschlagen.

Mein Vater trug stets eine Reitgerte bei sich. Aber nicht nur die wurde gern eingesetzt. Bekam er einen Wutanfall, wurden auch gern Hacken, Äxte oder Besenstiele zweckentfremdet. Leider hatte meine Mutter ständig Angst um ihren guten Ruf. Andernfalls hätte sie ihn bestimmt schon längst vom Hof gejagt.

Als meine Mutter zum fünften Mal in den Wehen lag, nach mir waren drei weitere Mädchen geboren worden, standen wir Kinder ständig vor der Tür des Gebärzimmers. Für uns war eine Niederkunft natürlich eine spannende Sache und wir warteten sehnsüchtig auf den Klapperstorch, der das nächste Kind bestimmt bald bringen würde. Der Aufenthalt direkt im Zimmer war uns natürlich, bei Androhung der Todesstrafe, verboten worden.

„Kinder haben dabei nix zu suchen. Nur Mütter und Hebammen dürfen dabei sein, wenn der Klapperstorch ein Kind bringt. Andernfalls kann es vorkommen, dass sich der Klapperstorch erschrickt und das Kind viel zu früh aus seinem Schnabel fallen lässt. Und dann kann das Kind gelähmt sein oder gar tot und das wollt ihr doch sicherlich nicht oder?“

Während meine doofen Schwestern also weiterhin vor der Tür des Gebärzimmers auf dem Teppich hockten und darauf warteten, hineingerufen zu werden, sobald das erste Quäken des neuen Erdenbürgers zu hören war, seilte ich mich ab. Ich war schließlich mit meinen acht Jahren die Älteste und den anderen dreien weit voraus.

Mehrmals hatte ich beobachtet, dass Mutter im Gebärzimmer in einem Bett lag und sich vor Schmerz hin und wieder die Hand gegen die Stirn drückte. Daraus schloss ich messerscharf, dass sie in solchen Momenten nichts sehen konnte. Also passte ich den nächsten Moment ab, wenn die Hebamme für Minuten das Zimmer verließ, um z. B. Wasser zu holen, erklärte meinen Schwestern, der Klapperstorch sei gerade im Garten gelandet, was dazu führte, dass sie lärmend aufsprangen und in den Garten eilten, und schlüpfte ins Zimmer.

Schnell hatte ich mich am Kopfende des Bettes an meiner Mutter vorbeigedrückt und hinter der bodenlangen Übergardine einen günstigen Beobachtungsposten eingenommen. Sie hatte laut gestöhnt, als ich an ihr vorbeigeschlichen war. Daraus schloss ich, mal wieder messerscharf, dass sie mich nicht gehört haben konnte. Da sie mich nicht aus dem Zimmer scheuchte, schien meine Vermutung zu stimmen.

Ich blieb also, wie angewurzelt, hinter der Gardine stehen und achtete immer wieder darauf, dass ich erstens die Gardine nicht bewegte, zweitens keine sichtbare Beule im Stoff erzeugte und drittens meine Schuhspitzen nicht unter der Gardine hervorschauten. Auch die Atmung hielt ich sehr flach, um ganz und gar unsicht- und hörbar zu bleiben. Allerdings fiel mir das Stillstehen sehr schwer, da ich unglaublich aufgeregt war. Gleich würde also der Klapperstorch kommen und das Kind bringen.

Plötzlich fiel mir mit Schrecken ein, dass der Klapperstorch ja mit Sicherheit durchs Fenster kommen würde. Um Gottes Willen, schoss es mir durch den Kopf, ich stehe direkt davor. Vorausgesetzt, der Klapperstorch hatte gute Augen, dann würde er mich durch die Fensterscheibe sofort erkennen und sich entweder erschrecken und das Kind fallenlassen oder missmutig abdrehen und das Kind woanders abgeben. Na, schönen Dank auch! Jetzt saß ich aber hüfttief in der Tinte.

Allerdings wurde ich in dem Augenblick rasant aus meiner Panik gerissen. Die Hebamme war zurück und sprach leise und beruhigend auf meine Mutter ein, während sie am nun nackten Unterleib meiner Mutter herumtastete. Ehe ich lange über diese Tätigkeiten nachdenken konnte, stürmte plötzlich mein Vater ins Zimmer.

„Wenn du es noch einmal wagst, mir, statt eines strammen Stammhalters, eine Ritzenpisserin unterzujubeln, vergesse ich mich auf der Stelle.“

„Herr Baron! Ihre Frau braucht jetzt Ruhe und bestimmt keine Standpauke. Wenn sich ein Kind kurz vor der Geburt erschreckt, kann das böse Folgen für Mutter und Kind haben.“

„Du Drecksau wagst es, mir Vorschriften zu machen?“

Mein Vater hatte sich vor der Hebamme aufgebaut. Seine Adern an den Schläfen traten deutlich hervor. Die Hebamme wich nicht zurück und hielt mühelos seinem herrischen Blick stand. Mein Vater holte aus, aber ehe er zuschlagen konnte, griff meine Mutter ein.

„Wag es und du fliegst in hohem Bogen raus.“

Sie hatte nicht geschrien. Sie hatte diese Worte langsam und leise von sich gegeben. Mein Vater stockte in der Bewegung und warf meiner Mutter einen hasserfüllten Blick zu.

„Muss ich mir von einer Frau, die in ekligen Unterleibern herummatscht und mit blutigen Händen vor mir steht, in meinem eigenen Haus Vorschriften machen lassen?“

„So lange es sich um die Hebamme handelt, die dein Kind demnächst zur Welt holen wird, ja. Und nun mach, dass du rauskommst. Ich bin leicht gereizt und möchte verhindern, dass ich dich in der Luft zerreißen lasse.“

Er tat belustigt.

„Du willst mich in der Luft zerreißen lassen? Das ich nicht lache!“

Frau Hansen! Würden Sie bitte unserem Verwalter, dem Herrn Jensen, Bescheid geben?“

„Selbstverständlich, Frau Baronin.“

Die Hebamme ging an meinem Vater vorbei und war gerade im Begriff, die Tür zu öffnen, als er sich wutentbrannt umdrehte und aus dem Zimmer rauschte.

„Frau Hansen, teilen Sie Herrn Jensen mit, dass er sich, so lange die Geburt dauert, vor die Tür setzen soll. Er soll niemanden reinlassen, bis ich ihm etwas anderes mitteile.“

Frau Jensen eilte aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Mutter ließ sich erneut in die Kissen fallen und stöhnte leise vor sich hin. Ich konnte mir noch immer keinen Reim auf den gerade erlebten Ablauf machen. Warum hatte meine Mutter die Beine angestellt? Warum rieb sie abwechselnd an ihrem Unterleib und ihren Brüsten herum? Was hatte das alles mit einer Geburt zu tun? Ich stand stocksteif hinter der Gardine und traute mich kaum zu atmen.