Inhalt
Impressum 2
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Epilog 188
32 189
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-565-3
ISBN e-book: 978-3-99107-566-0
Lektorat: Mag. Eva Zahnt
Umschlagfotos: Andreiuc88, Falcon47, Matej Halouska | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
1
Lauf!Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, wurde in die Tat umgesetzt. Ich riss die Tür auf und rannte los. Aus einem Laufen wurde ein Rennen, ich wollte einfach weg, weg von allem.
Mein Name ist Sophie Times.
Was ich jedoch noch nicht wusste war, dass dieser Name keinerlei Bedeutung hatte.
Seit gut fünfzehn Jahren fühlte ich mich fehl am Platz. Es war nicht nur die Tatsache, dass ich in der Schule gehänselt wurde, und es war auch nicht so, dass ich keine Freunde hatte, nein, es war einfach das Gefühl, nicht hierher zu gehören.
Nach meinem Gefühl war ich jetzt erst gute fünf Minuten unterwegs, war aber schon völlig außer Atem, was wieder einmal bezeugte, was meine Sportlehrerin sagte, ich war eine furchtbare Läuferin. Ich blieb stehen und fand mich in einem kleinen Wald in der Nähe unseres Hauses wieder. Ruhig atmete ich die kühle Waldluft ein und lauschte. Im Wald war es so still, nur die Vögel waren zu hören und das Rauschen des Windes in den Bäumen.Herrlich!
Ich sah mich um und merkte, dass die Sonne langsam unterging und es zu dämmern anfing. Weil ich nicht mehr nach Hause wollte, drehte ich mich um, um zu meiner Freundin zu gehen, als plötzlich ein Reh zwischen den Bäumen hervorkam, und mich verwundert anschaute. Das Reh hatte wunderschönes hellbraunes Fell und türkis-grüne Augen, welche mich aufmerksam musterten.
Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus als würde es auf mich zu laufen. Doch dann drehte es sich plötzlich um und rannte zwischen zwei Bäumen, die wie Torbögen ineinander verschlungen waren, hindurch und verschwand spurlos.
Obwohl ich sah, dass die Sonne längst untergegangen war, folgte ich dem Reh zu den zwei Bäumen. Kurz davor blieb ich stehen und atmete tief durch. Zwar glaubte ich mich zu täuschen und doch konnte ich ein leichtes Flimmern in der Luft ausmachen. Auch wenn ich es nicht glauben konnte, hatte ich eine Vermutung von dem, was gleich passieren würde.
Ich ging hindurch und hatte Recht, ich fand mich in einer anderen Welt wieder. Die Sonne stand hoch am Himmel und die Bäume waren dicker, knorriger, und die Blätter waren saftig grün. Eine leichte Brise fuhr mir durch die Haare und ließ mich den sanften Geruch von frischem Heu wahrnehmen.
Auf den ersten Blick schien der Wald leblos, doch dann erblickte ich Bewegungen in den Schatten. Von überall her schienen mich unsichtbare Augen zu mustern.
Langsam ließ meine Neugier jedoch wieder nach und ich wollte weiter zu meiner Freundin. Ich ging wieder durch die beiden Bäume, aber nichts veränderte sich. Immer wieder lief ich durch dasBaumtor,doch ich konnte nicht wieder zurück.
Plötzlich wurde mir in den Oberschenkel gepikst und als ich mich umwandte erblickte ich ein kleines hässliches Männlein. Es war keinen halben Meter groß, hatte warzige, gelblich-grüne Haut und eine dicke Kolbennase mitten im Gesicht.
Die Ohren des Wesens waren spitz und ein zerschlissenes Hemd war seine gesamte Körperbedeckung. In der Klaue des Männleins befand sich ein kleiner Speer, der aussah als wäre er aus einem einzigen Knochen geschnitzt. Und ich vermutete, dass es mir damit in den Oberschenkel gepikst hatte.
Als es den Mund öffnete erschrak ich, denn die Zähne des Wesens erinnerten mich an die eines Hais. „Gutes Fleisch!“, kreischte es und ehe ich mich versah huschten geschätzt zwei Dutzend dieser hässlichen Viecher aus dem Gebüsch und umzingelten mich. Eines nach dem anderen stach mir in die Beine, bis ein zustimmendes Gemurmel ausbrach.
„Bringen wir es zum Chef!“, brüllte eines der Wesen und erntete Beifall.
Bevor ich realisieren konnte was gerade passierte, flitzte einer von ihnen zwischen meinen Beinen hindurch und schlang ein Seil um sie herum.
Das andere Ende des Seils warf es einem Kumpan zu und mit einem Ruck zogen sie so fest daran, dass ich das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte.
Ich begann zu strampeln und versuchte mich zu befreien, als die kleinen Wichte anfingen meine Arme am Rücken zusammenzubinden. „Aua, lasst das!“, fauchte ich, doch sie ignorierten mich.
Da spürte ich wie sie ihre kleinen Krallen unter mich schoben und versuchten mich anzuheben.
„Ho Ruck!“, riefen sie und mit einem Mal wurde ich vom Boden gerissen und über ihre Köpfe transportiert.
Als sie mit mir im Gepäck losliefen bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich versuchte mich herumzuwerfen, doch mit jeder Bewegung drückten sie ihre Krallen fester in meine Haut.
Ich schrie und versuchte mich verzweifelt loszumachen, doch ich kämpfte vergeblich.
Eifrig liefen die kleinen Wichte durchs Gebüsch, wobei sie jedoch nicht darauf achteten mich vor den Dornen zu schützen. Das Einzige, was sie taten, war mir hungrige und gierige Blicke zuzuwerfen. Als sich plötzlich ein dunkler Schatten über uns senkte.
Die kleinen Wesen erstarrten und ich versuchte so gut es ging den Kopf zu heben, um den Verursacher des Schattens auszumachen.
Ein tiefes Knurren ertönte und wie auf Kommando ließen sie mich einfach fallen. Unsanft landete ich auf dem Boden und sah wie sich die hässlichen Männlein aus dem Staub machten.
Gefesselt ließen sie mich liegen und lieferten mich dem nächsten Wesen aus.
So gut es ging schielte ich nach oben und blickte in die Augen eines riesigen Wolfes. Dieser fletschte die Zähne und beugte sich über mich.
Ich schloss die Augen und unterdrückte einen Schrei.
Plötzlich jedoch hörte ich den Wolf aufheulen und leise knurren. Hinter mir ertönte eine tiefe Stimme: „Lass sie!“
Darauf folgten ein bedrohliches Knurren und ein leises Rascheln, was mir verriet, dass sich der Wolf ins Gebüsch zurückzog.
Immer noch hatte ich die Augen geschlossen, denn ich hatte Angst davor, was als nächstes passieren würde.
„Du sitzt ja mächtig in der Patsche“, ertönte es hinter mir. Ich spürte wie sich jemand leise lachend über mich beugte und mich von meinen Fesseln befreite.
Als ich die Augen aufschlug erblickte ich einen jungen Mann, der mir eine Hand entgegenstreckte. Zögernd ergriff ich sie und wurde von dem Jungen auf die Beine gezogen.
„Danke“, sagte ich und musterte meinen Gegenüber.
Aschebraunes Haar hing ihm wirr in die Stirn und wunderschöne bernsteinfarbene Augen blickten mir entgegen. Er war um einiges größer als ich und aus seinem Haar blitzten spitze Ohren hervor.
Was mich jedoch wachsam werden ließ war, dass hinter dem Mantel des Jungen ein langes scharfes Schwert hervor lugte.
Im Großen und Ganzen sah er aus als wäre er einem Fantasy-Film entsprungen.
„Mit wem habe ich die Ehre?“, fragte er und musterte mich.
„Sophie, ich heiße Sophie“, erwiderte ich.
„Es ist mir eine Freude dich kennenzulernen“, sagte er und wandte sich zum Gehen.
Er war noch nicht weit gekommen als er sich noch einmal umdrehte. „Was ist? Kommst du?“
Als ich ihn fragend … wohl eher verwirrt anstarrte erwiderte er: „Wenn du schon nicht weißt, wie man Zwergkobolden entkommt, dann bezweifle ich, dass du über Nacht hierbleiben willst.“
Obwohl mir mein gesunder Menschenverstand riet, es nicht zu tun, folgte ich ihm, vor allem da ich sowieso nicht wusste, was ich tun sollte.
„Warte hier“, sagte der Fremde. „Ich werde Feuerholz sammeln.“
Mit diesen Worten ließ er mich in der Dunkelheit zurück. Um mich zu beruhigen setzte ich mich und lehnte mich mit dem Rücken an den Stamm einer riesigen Eiche.
Hier alleine zu sitzen war wie in der Hölle zu schmoren. Um mich herum war es stockfinster und es schien als würde hinter jedem Strauch eine Kreatur auf mich warten.
Außerdem gingen mir unendlich viele Gedanken durch den Kopf.Ich habe keine Ahnung wo ich bin, ein gutaussehender Junge, den ich nicht kenne, rettet mir einfach das Leben vor einem Monsterwolf, welcher mich in gewisser Weiße vor Zwergkobolden gerettet hatte.
„Ach ja … ich heiße Jonas“, erklang die Stimme des Jungen hinter mir, riss mich aus meinen Gedanken und erschreckte mich fast zu Tode.
Er legte einen Stapel Holz auf den Boden und schaffte es irgendwie ihn zu entzünden. Sofort wurde die Dunkelheit erhellt und die Flammen warfen tanzende Schatten im Wald wieder.
Weil mir nichts einfiel, was ich sagen konnte um das Schweigen zu brechen, sagte ich: „Danke. Danke, dass du mich vor dem Wolf gerettet hast.“
Der Fremde … ähm … Jonas erwiderte nichts darauf und sah ins Feuer, und es wurde wieder still zwischen uns. Eine unerträgliche Stille und sie schien mich zu erdrücken.
„Du kommst nicht von hier, habe ich Recht?“, Jonas sah mich mit einem Mal fragend an.
„Ja …“, antwortete ich zögernd.
„Du bist auch keine von uns, oder?“
„Wie meinst du das?“
„Naja, du … ich glaube, du bist ein Mensch“, erwiderte er.
„Ja, du doch auch …“, und nach einer kurzen Pause, „oder?“
Nichts, keine Antwort. Ich glaubte schon, keine Antwort mehr zu bekommen, als Jonas sagte: „Nicht ganz. Ich bin eher wie ein Elf.“
Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte und es wurde wieder still.
Rund um uns wurde es finster, nur noch das Feuer spendete Licht unter der Eiche. Nach kurzer Zeit stand Jonas auf und begann auf die Eiche zu klettern.
„Komm. Ich will dir etwas zeigen.“
Langsam stand ich auf und ging zu ihm hinüber. Ich hatte keine Ahnung, warum ich das machte, aber ich kletterte hinter ihm die Eiche hinauf. Leichter gesagt als getan, im Dunkeln auf einen Baum zu klettern war nicht einfach.
Als ich endlich bei Jonas oben angekommen war, bog er die Äste auseinander und gab den Blick zum Himmel frei. Zuerst war er nur schwarz, doch als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, wurden die Sterne sichtbar.
Sie waren wunderschön!!! Mir war als könnte ich sie berühren, es war unglaublich … es war der Wahnsinn!
„Sie sind wunderschön“, sagte er und suchte sich einen Ast, um sich drauf zu setzen.
Ich kletterte zu ihm und nahm neben ihm Platz. Ich war wie verzaubert von den Sternen, ich fühlte mich frei.
„Ja, das sind sie“, stimmte ich ihm zu. „Ich habe noch nie so viele so hell gesehen.“
Gebannt starrte ich zu den Sternen hinauf. Ich war immer noch überwältigt und konnte es nicht glauben, als ich auf einmal bemerkte, dass Jonas mich ansah. Unsere Blicke trafen sich und Jonas sah verlegen wieder zu den Sternen. Ich war froh über die Dunkelheit, weil ich nicht wollte, dass er sah, wie rot ich geworden war.
Was ich jedoch nicht bemerkte war der kleine Vogel, der unweit neben mir saß und mich mit seinen türkis-grünen Augen musterte.
„Wie hast du es in unsere Welt geschafft?“, fragte Jonas nach langer Zeit.
„Du willst die Geschichte von Anfang an hören?“
Er nickte, also begann ich zu erzählen. Jonas hörte zu und unterbrach mich kein einziges Mal.
Als ich fertig war saßen wir einfach nur da, ohne zu reden, und schauten zum Himmel.
Dieses Mal bekam ich nicht mit wie Jonas mich ansah, bis er sagte: „Die Sterne spiegeln sich wunderschön in deinen Augen.“
„Danke“, ich konnte mir ein Grinsen einfach nicht verkneifen.
„Nein, wirklich. Es sieht so echt aus“, brachte er heraus.
Er konnte den Blick einfach nicht von mir nehmen, bis mein Kopf auf seine Schulter fiel und ich einschlief.
2
Nachdem das Mädchen an meiner Schulter eingeschlafen war, konnte ich endlich wieder klar denken.
Vorsichtig hob ich sie hoch und kletterte vom Baum, wo ich sie behutsam neben das Feuer legte und sie betrachtete.
Irgendetwas an ihr war eigenartig und das war nicht nur die Tatsache, dass sie ein Mensch war. Es kam zwar hin und wieder vor, dass sich ein Mensch in unsere Welt verirrte und dieser anschließend von irgendwelchen Wesen gefressen wurde.
Doch dass ein Wolf auftauchte, ein Matrix-Wolf, war höchst ungewöhnlich, vor allem da es so aussah als hätte er ihren Weg nicht zufällig gekreuzt.
So beschloss ich Vater zu fragen, ich war gespannt was er dazu sagen würde, denn es war niemals Zufall, wenn Matrix die Finger im Spiel hatte.
3
Als ich am nächsten Tag wieder aufwachte wusste ich zuerst nicht, wo ich war. Doch dann fiel mir alles auf einen Schlag wieder ein. Ich blickte mich um und bemerkte, dass ich neben der Feuerstelle lag.Jonas muss mich nach unten getragen haben,dachte ich.
Und als hätte ich ihn gerufen kam Jonas plötzlich hinter der Eiche hervor.
„Komm!“, sagte er. „Wir haben noch einen langen Weg vor uns.“
Bevor ich auch nur irgendetwas erwidern konnte, war er schon wieder zwischen den Bäumen verschwunden. Kurz dachte ich darüber nach, ob ich einfach hierbleiben sollte, doch dann sprang ich auf und rannte ihm nach.
Als ich ihn endlich eingeholt hatte fragte ich: „Wohin gehen wir eigentlich?“
„Zum Palast“, erwiderte er ohne sich umzudrehen.
„Was bitte soll ich dort?! … Ich will nach Hause!“
Jetzt drehte sich Jonas so ruckartig um, dass ich direkt in ihn hineinlief. „Wir müssen den König um Rat fragen, wie du wieder nach Hause kommst.“
„Und wie weit ist es zum Palast?“, fragte ich.
„So ausgedrückt wie bei euch Menschen ca. dreizehn Meilen.“
Mir klappte der Mund auf, ich konnte nicht glauben, was er gerade gesagt hatte! Dreizehn Meilen und das zu Fuß?!
„Ich gehe sicher nicht so langezu Fuß!“
Jonas seufzte und sagte: „Ihr Menschen seid auch immer so voreilig. Ich habe nichts von gehen gesagt.“
Dann grinste er, nahm die Finger in den Mund und stieß einen lauten Pfiff aus.
Der Pfiff hallte zwischen den Bäumen wider, als plötzlich ein lautes Wiehern zu hören war und zwei wunderschöne stattliche Pferde auf uns zu galoppiert kamen. Eines der beiden war so braun wie Ebenholz und das andere schneeweiß. Es waren unglaublich anmutige Tiere!
Jetzt wurde Jonas’ Grinsen nur noch breiter, vor allem als er meinen Blick sah. Ohne abzuwarten hielt er sich am Rücken des braunen Pferdes fest und schwang sich geschickt hinauf.
Ungeduldig stand das weiße Pferd vor mir und wartete darauf, dass ich ebenfalls aufstieg.
Ich war bisher noch nie auf ein Pferd aufgestiegen, geschweige denn darauf geritten. Also probierte ich es wie Jonas, ich hielt mich am Rücken des Pferdes und versuchte mich hinauf zu hieven. Doch ich schaffte es nicht und rutschte ab.
Mit einem lautem Plumps landete ich am Boden. Jonas, der natürlich alles genauestens beobachtet hatte, fing lauthals an zu lachen und fiel dabei selbst fast vom Pferd. Wütend auf ihn, weil er lachte, stand ich auf und rieb mir den Hintern.
Jonas stieg von seinem Pferd ab und kam zu mir.
Dann legte er seine Hände an meine Hüfte und hob mich auf das weiße Pferd.
Gemeinsam ritten wir aus dem Wald heraus. Und mit dem Wind, der in meinen Haaren wehte, verflog auch mein Ärger.
Es war einfach zu reiten, weil das Pferd immer dem von Jonas nachlief und ich nichts tun musste.
„Wie heißen sie?“, fragte ich.
„Deines heißt Wolkenbruch und meines heißt Sturmflut. Es sind die zwei schnellsten und stärksten Pferde im Magischen Reich“, Jonas klang stolz als er das sagte und als er dem Pferd auf die Schulter klopfte schnaubte es zufrieden.
Wir ritten über Felder, Wiesen und durchquerten sämtliche Bäche und Wälder. Das Reich war wunderschön und jetzt bei Tageslicht wirkte es nur mehr halb so gruselig. Überall blühten Blumen in allen Farben und es duftete nach Frühling.
Als wir nach einer Stunde an der Kuppe eines Hügels ankamen, erblickten wir bereits den Palast.
Er war noch größer als ich ihn mir vorgestellt hatte. Vier große Türme ragten in den Himmel, an den Spitzen wehten bunte Fahnen mit goldenen Mustern.
Beim Hinunterreiten wieherten die Pferde laut und Wachen, die vor dem Tor standen, öffneten die schweren Tore. Im Vorbeireiten musterten mich die Wachen gründlich, doch als sie Jonas sahen blickten sie schnell wieder in die Ferne. Auf Sturmflut und Wolkenbruch ritten wir durch das Tor. Und als wir zum Stehen gekommen waren eilten Knechte herbei, halfen uns beim Absteigen, nahmen die Pferde und führten sie fort.
„Folge mir“, sagte Jonas und öffnete eine Tür zu einem langen Flur, an dessen Ende eine weitere schwere Holztüre mit zwei Wachen war.
Im Vorbeigehen hielten sie mich zwar nicht auf, doch sie sahen mich höchst misstrauisch an.
Jonas öffnete die Tür und ging hinein. Als ich ihm folgte staunte ich nicht schlecht, ich erblickte unzählige Feenwesen im Raum, die standen oder besser gesagt flogen. Es waren kleine Feen, Trolle und andere Wesen, die Jonas und mir augenblicklich aus dem Weg traten und uns tuschelnd nachsahen.
Mitten im Saal befand sich ein gigantischer Thron, der wunderschön von Pflanzen umschlungen war. Und darauf, davon ging ich jedenfalls aus, saß der König.
Er hatte die Fingerspitzen aneinandergelegt und ließ seinen Blick ziellos durch die Menge gleiten. Alleine seine Haltung strahlte unglaubliche Macht aus und es schien als könnte sie die Wände zum Einsturz bringen.
Wie die meisten Elfen war er groß und schlank, doch auffällig war sein langes aschebraunes Haar, das ihm bis zur Hüfte reichte und dieselben leuchtenden goldenen Augen wie Jonas.
Noch bevor ich eins und eins zusammenzählen konnte hatte er uns entdeckt. Als er Jonas erblickte richtete er sich auf und sprach mit einer tiefen Stimme, die alle anderen im Saal übertönte und sie zum Schweigen brachte: „Jonas, du bist zurück! Aber warum unterbrichst du die Jagd?“
„Vater …“, setzte Jonas an.
Ohne nachzudenken unterbrach ich ihn: „Vater?!“
Jetzt richtete der König, der angeblich Jonas’ Vater war, den Blick auf mich: „Und Ihr seid …?“
Ich wollte gerade antworten, als Jonas das an meiner Stelle tat. „Sophie. Das ist Sophie. Sie kommt nicht von hier, sie ist ein Mensch.“
Schlagartig verstummte das Gemurmel um uns herum und der König befahl allen, mit nur einem Blick, den Saal zu verlassen. Dann musterte er mich misstrauisch. „Warum seid Ihr hier,Sophie?“
Diesmal war ich schneller als Jonas und sagte. „Ich habe mich im Wald verlaufen und bin unabsichtlich in Euer Reich gekommen. Jonas hat mich vor einem Wolf gerettet und dann hierher gebracht.“
„So, so. Er hat Euch vor einem Wolf gerettet“, jetzt blickte er Jonas an und dann mich. „Ja, eine wahre Heldentat meines Sohns“, er machte eine kurze Pause. „Sophie, Euch ist es erlaubt im Schloss zu bleiben, bis wir eine Lösung finden, wie wir Euch nach Hause bringen.“
Das war’s. Mehr sagte er nicht mehr, er stand einfach auf und ging.
4
Eine der Zofen, eine Ziege mit menschlichem Oberkörper, brachte mich in ein Zimmer.
Es war ein riesiger Raum, mit einem großen Himmelbett in der Mitte. Einem eigenen Badezimmer, mit einer Badewanne und einem Spiegel.
Ich hatte vergessen, dass ich hier sozusagen im Mittelalter war und es noch keine Wasserleitungen gab. An der Decke waren ins Holz kleine Sterne eingeritzt. Es war ein Zimmer wie es im Märchen beschrieben wurde.
Yara, die Zofe, legte mir ein Nachthemd aufs Bett und verließ mit wenigen Worten den Raum. „Gute Nacht.“
Doch ich konnte noch lange nicht schlafen. Ich öffnete eine große Glastür zum Balkon und setzte mich auf den Stuhl, der dort stand.
Ich sah in den Himmel, wo die Sterne um die Wette strahlten. Es war magisch. Ich vermisste meine Eltern sehr, ich war hier allein, sie mussten sich unglaubliche Sorgen machen. Ich saß noch eine Weile so da, bis ich einschlief und von den Sternen träumte.
Sie liegt auf einer Wiese unter dem Sternenhimmel und beobachtet die Sterne. Als die Sterne auf einmal nacheinander verschwinden und es finster wird. Sie steht auf und sieht Jonas bei ihren Eltern stehen. Sie läuft auf die drei zu, kann sie aber nicht erreichen. Als sie schreit „Mama, Papa, es tut mir leid!!“, half es nichts. Jonas und ihre Eltern können sie nicht hören. Sie bleibt stehen und wird gewaltsam von der Dunkelheit verschluckt.
Ich schreckte aus meinem Traum hoch und sah, dass ich in meinem Bett lag, obwohl ich doch draußen eingeschlafen war. Grübelnd über das, was gestern passiert war, lag ich im Bett, als plötzlich Yara und andere Zofen hereinkamen und mit Eimern heißes Wasser in die Badewanne füllten.
Yara selbst blieb vor meinem Bett stehen und sagte: „Guten Morgen, Sophie. Der König wünscht mit Euch zu frühstücken. Bitte, steigt in die Wanne.“
Langsam richtete ich mich auf und ging zum Badezimmer. Ich zog mich aus und stieg in die Wanne. Die Zofen halfen mir mit den Haaren und beim Abtrocknen. Obwohl ich sie bat zu gehen und ihnen sagte, dass ich das schon alleine konnte, antworteten sie schlicht mit der Begründung, dass dies ihre Aufgabe war und es sich für eine Dame gehörte, sich von ihren Zofen helfen zu lassen.
Als ich fertig war ging ich mit Yara zum Kleiderschrank, er war überfüllt von langen und kurzen Kleidern, Tüll und zu jedem Kleid ein dazu passendes Paar Schuhe.
Yara reichte mir ein knielanges grünes Kleid und ein Paar Schuhe. Vorsichtig zog ich es an, es passte perfekt! Es schillerte, wenn ich mich drehte, und hatte am Rock eine feine goldene Spitze. Es war wunderschön.
Gerade als Yara dabei war mir einen Zopf zu flechten öffnete sich die Türe und Jonas kam herein.
„Wow!“, sagte er als er mich sah und kratzte sich verlegen am Kopf.
Sofort wurde ich rot und musste meinen Blick abwenden.
Am Weg nach draußen sagte ich: „Ich habe da ein paar Fragen an dich.“
„Okay, schieß los.“
„Warum hast du nicht gesagt, dass du der Prinz bist?“, ich sah ihn fragend an.
„Du hast nicht gefragt“, Jonas grinste und ging weiter.
„Nächste Frage: Hast du mich ins Bett getragen?“
„Nein …“, antwortete er, verriet sich aber durch das Grinsen, das jetzt nur noch breiter wurde. „Okay. Ja, ich habe dich ins Bett getragen. Aber nur weil ich nach dir gesehen habe. Als ich dich nicht in deinem Zimmer fand, sah ich am Balkon nach. Dort habe ich dich auch gefunden. Ich bin zu dir gegangen und habe gemerkt, dass du gezittert und geweint hast und deshalb habe ich dich hochgenommen und ins Bett getragen. Aber ich verstehe nicht warum du geweint hast?“
Ich überlegte kurz, ob ich ihm meinen Traum erzählen sollte, entschied mich aber dafür, dass ich ihn nicht darin erwähnte. „Ich hatte einen Albtraum … über meine Eltern.“
Irgendwie machte es mich glücklich, dass Jonasnach mir gesehenhatte.
Endlich erreichten wir eine Tür, die uns nach draußen führte.
Als wir hindurch waren sah ich eine große Trauerweide auf einem Hügel im Freien. Unter dem Baum stand ein reich gedeckter Tisch, rundherum blühten Blumen, Bienen und Schmetterlinge schwirrten durch die Luft. Ich folgte Jonas zum Tisch. Er schob einen Stuhl zurück und deutete mir mich zu setzen. Dann ging er zur gegenüberliegenden Seite und setzte sich.
Gerade als ich etwas sagen wollte, öffnete sich die Tür und der König kam heraus. Weil Jonas aufstand, tat ich es ihm gleich und erhob mich.
Nachdem der König sich gesetzt hatte, setzten auch wir uns wieder.
„Ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen“, sagte der König und sah mich an.
Ich nickte und versuchte zu lächeln.
Dann sagte er: ,,Ich habe mich über das Tor zu Eurer Welt informiert und herausgefunden, dass es immer wieder verschwindet, aber mit der Zeit wieder an derselben Stelle auftaucht. Ihr könnt bleiben, bis das Tor wieder erscheint. Währenddessen wird sich mein Sohn um Euch kümmern, und nur das Ihr es wisst, er hat es selbst entschieden.“
Ich sah zu ihm hinüber und lächelte. Es machte mich glücklich und mir wurde warm als ich darüber nachdachte.
„Ach ja. Bevor ich es vergesse, heute Abend findet der Frühlingsball statt, Ihr seid herzlich eingeladen. Ich hoffe, Ihr kommt, es würde mich freuen.“
Ich dankte dem König für alles. Vor allem dafür, dass er mich zum Ball eingeladen hatte! Ich war noch nie auf einem gewesen. Es ging alles furchtbar schnell, jedes andere Mädchen hätte nach Hause gewollt, doch nicht ich. Zuhause, in meiner Welt, war ich fehl am Platz, hier aber konnte ich mein eigenes Märchen schreiben.
Nach dem Essen begleitete Jonas mich inmeinZimmer. Als ich drinnen war entdeckte ich auf dem Bett eine Rolle Papier, die mit einem samtigen roten Band zusammengebunden war, und eine rote Rose. Langsam und vor allem gespannt nahm ich sie in die Hand und rollte sie aus:
Liebe Sophie,
Würdest du mir die Ehre erweisen
und mich zum Frühlingsball
begleiten?
In Liebe, Jonas
Mein Herz machte einen Sprung als ich das las. Jonas lud mich zum Ball ein!! Ich konnte es kaum glauben!
Doch plötzlich fiel mir ein, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte wie es auf einem Ball aussah, was ich anziehen sollte und … ich konnte nicht tanzen.
Also bat ich Yara um Hilfe, da sie die oberste Zofe war. Als ich ihr die Einladung zeigte war sie begeistert.
„Jonas hat noch nie ein Mädchen zu einem Ball eingeladen. Alle schwärmen für ihn, aber er ließ sie alle links liegen.“
„Wir haben ein Problem, ich kann nicht tanzen“, sagte ich und sah verlegen zu Boden.
„Na gut … Ich kann es dir beibringen, aber zuerst müssen wir ein passendes Kleid aussuchen und es herrichten lassen.“
Yara lief zum Kleiderschrank und zog eines nach dem anderen heraus. „Ich weiß nicht, welche Farbe!“
Ich hielt immer noch die Rolle und die Rose in der Hand, als ich plötzlich die Idee hatte. „Wie wäre es mit einem roten Kleid? Er hat mir eine rote Rose geschenkt, das wäre doch passend, oder nicht?“
„Du hast Recht … aber hier ist kein passendes rotes Kleid.“ Sie überlegte. „Warte!“, Yara kniete sich nieder und holte eine versteckte Kiste hinter den Schuhen hervor, die aussah wie ein alter verstaubter Schuhkarton.
Vorsichtig, fast zärtlich, wischte Yara darüber und stellte die Box auf einen kleinen Tisch.
„Was ist da drinnen?“, fragte ich und betrachtete die Kiste.
„Das Kleid der Königin. Der König schenkte es ihr, als er so alt war wie Jonas jetzt, er schenkte es ihr zum Frühlingsball. Danach aber zog sie es nie mehr an, weil es zu klein wurde und ihr nicht mehr passte.“
„Ich weiß nicht. Glaubst du es ist okay, wenn ich es trage? Ich meine, vielleicht ist es unpassend oder der König will es nicht.“
Yara nahm meine Hände. „Sophie, der König hat es extra aufgehoben für diesen Moment, er wollte, dass Jonas’ erste Ballbegleitung es anzieht, genauso wie es bei ihm war. Und wenn du noch nicht überzeugt genug bist, dann bist du es jetzt …“
Langsam öffnete sie die Kiste und zog das Kleid heraus. Es war wunderschön! Es war ein langes weinrotes Kleid. Rund um den Rock war lila-blaue Spitze angenäht. Um die Taille war ein Band in derselben Farbe wie die Spitze herum und mit einer Schleife festgebunden. Die Träger waren dünn, aber auch mit Spitze verziert. Es war perfekt!
„Wow!! Na gut, ich trage es.“
„So, das hätten wir. Jetzt lass uns tanzen.“
Yara war die perfekte Tanzlehrerin, ich lernte schnell, also hatte ich bis Mittag alle Schritte im Kopf und konnte tanzen!
5
Endlich war es so weit, die Sonne ging unter und die Gäste strömten ins Schloss. Ich war furchtbar aufgeregt und nervös, aber ich freute mich.
„Halt still.“ Yara machte mir gerade das Kleid zu. „Du musst nicht so aufgeregt sein, du kannst das. Komm, ich schminke dich und mache dir eine Frisur.“
Wir gingen ins Bad und ich setzte mich vor den Spiegel. Mit Kohle verdunkelte Yara meine Wimpern und mit einer Erdbeere meine Lippen. Dann holte sie etwas Rosenwasser als Parfüm. Meine Haare flocht sie zu zwei Zöpfen und band sie zu einer lockeren Steckfrisur zusammen. Als ich mich im Spiegel sah erkannte ich mich kaum wieder. Ich sah so verändert aus, das Kleid passte perfekt und meine Haare waren der Hammer.
„Danke, Yara!“, ich fiel ihr um den Hals. „Danke, danke, danke!“
„Schon gut. Aber eines fehlt noch“, sie drehte sich um und holte die Rose. Yara steckte sie in meine Frisur hinein. „So, perfekt.“
Ich trat einen Schritt zurück und drehte mich. Als es plötzlich klopfte und Jonas hereinkam.
Er hatte ein weißes Hemd und einen Mantel, der zu meinem Kleid passte, an. Seine Haare hingen ihm wirr vom Kopf und seine Augen strahlten. Ich musste mich zurückhalten, um nicht zu ihm zu laufen und ihm das Haar aus der Stirn zu streichen.
Langsam kam er auf mich zu. Es schien als sei die Zeit stehen geblieben, niemand sagte etwas. Als er endlich bei mir war nahm er meine Hände.
Mein Herz schien zu explodieren, es raste mit meinen Gedanken um die Wette.
„Du siehst …“, Jonas überlegte kurz, was er sagen sollte, „ … unglaublich aus.“
Ich lächelte, etwas anderes hätte ich in diesem Moment nicht zu Stande gebracht. Mir wurde warm und meine Wangen brannten.
„Ist das das Kleid meiner Mutter?“, fragend sah er mich an.
„Ja, Yara hat es mir gegeben. Wenn du willst, ziehe ich mich um.“ Ich wollte mich schon umdrehen und Yara sagen, dass sie mir ein anderes Kleid suchen sollte, als mich Jonas an den Schultern nahm und mich zu sich drehte. Ich hielt die Luft an. Ich hatte Angst etwas falsch gemacht zu haben. Doch er sah mir nur in die Augen. Meine Anspannung ließ nach und ich verlor mich in seinem Blick.
Nach wenigen Sekunden, die mir wie die Unendlichkeit vorkamen, sagte er: „Du siehst wunderschön aus. Ich möchte, dass du es trägst und meiner Mutter diese Ehre erweist.“
Plötzlich ertönten Trompeten und Jonas zuckte zusammen. „Komm, schnell!“
Hand in Hand rannten wir zum Ballsaal. Vor dem Tor blieben wir stehen und lauschten. Durch die Tür hörte man eine laute Stimme rufen. „Seine Majestät König Helios, und seine Begleitung Melia von Vultan!“ Darauf folgte tosender Applaus.
Jetzt wurde mir klar, dass ich da auch gleich raus musste. „Ich kann das nicht, Jonas. Ich habe keine Ahnung was ich tun muss.“
„Keine Sorge. Tu einfach das, was ich tu. Und häng dich bei mir unter.“
Ich hatte gerade noch Zeit mich an Jonas zu klammern, als das Tor aufgestoßen wurde und wir ins Licht traten. „Seine Majestät Prinz Jonas …“ Alle setzten zum Applaus an, wurden aber unterbrochen, „und seine Begleitung Sophie!“
Alle wurden leise und starrten mich an. Unsicher hielt ich mich an Jonas fest, der langsam die Treppe hinunterstieg und königlich lächelte.