Das Herz der Greakar - Christian Dornreich - E-Book

Das Herz der Greakar E-Book

Christian Dornreich

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Beschreibung

Diebe dringen in der Nacht in das Feldlager einer greakarischen Sippe ein und stehlen ein heiliges Artefakt. Ein Kriegstrupp unter der Führung des erfahrenen Kämpfers Rohar nimmt die Verfolgung auf. Doch der Auftrag des Trupps steht unter keinem guten Stern: Der Anführer Rohar hat eine Ehrenschuld auf sich geladen - und dies ist die letzte Möglichkeit diese zu tilgen. Schon bald ist bei der Verfolgung der Diebe quer durch das wilde Land nicht mehr klar, wer Jäger und Gejagter ist... "Das Herz der Greakar" ist Christian Dornreichs Romandebüt. Schnell, blutig und actionreich entfaltet sich ein Heroic/Military-Fantasyroman um Ehre, Freundschaft und Vergeltung.

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Christian Dornreich

Das Herz der Greakar

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Herz der Greakar

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Epilog

Impressum neobooks

Das Herz der Greakar

Christian Dornreich

eBook

1.Auflage 2013

© 2013 Christian Dornreich

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Christian Dornreich

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren, Vervielfältigung und/oder Weitergabe ist nur zu privaten Zwecken erlaubt. Der Weiterverkauf dieses eBooks ist ausdrücklich untersagt.

Christian Dornreich im Internet:

http://www.dornreich.de

http://www.facebook.com/ChristianDornreich

http://www.twitter.com/Dornreich

Prolog

Der flackernde Schein weniger Fackeln durchbrach die Dunkelheit in dem kleinen Lager der Greakar in der weiten Ebene des wilden Landes. Stille hatte sich über die Zelte gelegt und die am Tage herrschende Betriebsamkeit verschluckt.

Am Eingang eines großen Zeltes sprachen zwei Bewaffnete in leisem Ton miteinander. Die Kälte der Nacht kroch bereits in ihre Pelzmäntel, während ihr Atem kleine Wolken in der Luft bildete.

Im Inneren des Zeltes stand ein älterer Mann vor einem kleinen Altar. Opfergaben aus Früchten, Federn und Knochenstücken lagen in scheinbarer Willkür auf dem Altar verstreut. Die Finger des Alten strichen über eine etwas mehr als faustgroße, verzierte Schatulle. Seine schwieligen Hände betasteten merkwürdige Einkerbungen aus Strichen und Kreuzen.

Graue Strähnen klebten dem Mann an der Stirn und hingen über halb geschlossenen Augen, während seine Lippen wie in Trance unablässig lautlose Worte formten.

»Ich sehe dich!« Rastlos strichen die Finger des Mannes vor und zurück. »Ich sehe dich!«

Lautlos bewegten sich Schatten in den Schatten. So wachsam die wenigen Nachtwachen der Greakar auch sein mochten - sie sahen den Tod nicht kommen. Zeitgleich griff er in Form zweier schwarzer Gestalten nach den Genicken der beiden Wächter vor dem Zelt des Ältesten. Einen Lidschlag später sanken die leblosen Körper der Wachen leise zu Boden. Währenddessen starb die Feuerwache der Greakar durch den Dolch einer dritten dunklen Gestalt. Scheinbar mühelos glitt die Klinge durch Haut und Knorpel des Mannes. Dann grinste er tonlos und blutig unterhalb des Kinns.

Die finsteren Gestalten kauerten – verborgen in den Schatten – bereit, jeden lautlos und heimlich zu töten, der sich ihrem Vorhaben in den Weg stellen würde. Sie warteten auf den Todbringer, den Anführer ihres Kommandos. Als er schließlich erschien, bekundeten die elfischen Angreifer ihrem Kommandanten ihren Respekt durch ein wortloses Nicken. Das tiefe Schwarz seiner Rüstung schien das schwache Mondlicht verschlingen zu wollen und machte den Todbringer fast unsichtbar – ganz im Gegensatz zu seinen weißen Haaren, die offen auf seine Schultern fielen. Die große, unheimliche Klinge des Schattenelfen ruhte, scheinbar friedlich, in ihrer Scheide auf seinem Rücken.

Mit schwarz behandschuhten Händen griff er nach der Zeltplane und schlug sie zurück. Die Wärme und das flackernde Licht des Feuers fielen auf Morcans Gesicht, als dieser die Behausung des Ältesten betrat. Im Inneren des Zeltes blickte ihn der Alte unter grauen Strähnen müde, aber festen Blickes, an. Der Geistseher der Greakar wusste, was kommen würde. Er hatte es bereits gesehen.

Morcan schritt an dem Alten vorbei und blickte auf den Altar. Den beiden Todesklingen, die ihn begleiteten, ergriffen den Geistseher an seinen faltigen, vom Alter ausgemergelten Armen. Morcans Augen fanden, was sie suchten, als sein Blick auf die kleine Schatulle fiel. Das Ziel dieser Unternehmung. Beinah zärtlich strichen seine Finger über das verzierte Holz, während ein verächtliches Lächeln um seine Lippen spielte.

»Ich habe dich gesehen!« Die Stimme des Alten bebte. Doch als Morcan sich zu ihm umwandte, hielt der Blick des Geistsehers, dem des Schattenelfen stand.

»Ich habe dich gesehen«, wiederholte der Älteste wieder und wieder.

Morcan nickte einer der Todesklingen zu und deutete dann mit dem Kinn auf die Schatulle. Der Elf erwiderte das Nicken knapp und ließ den Arm des Alten los, dann griff er nach der Schatulle. Gemessenen Schrittes ging Morcan auf den Alten zu. Er zog sein Schwert, das, anders als die geschwärzten Klingen der Schattengestalten, mit einem fahlen Glimmen leuchtete. Morcan drückte die Spitze seiner Klinge leicht gegen die papierne Haut des Alten an dessen Halsausschnitt. Eine Spur aus feinen Bluttropfen folgte der Schwertspitze, als Morcan diese über die faltige Haut des Geistsehers zog. Das Glimmen der Klinge wurde stärker und ein leises Flüstern unzähliger, ferner Stimmen schien die Luft zu erfüllen. Das verächtliche Lächeln Morcans gefror und die Gesichtszüge des Todbringers verdunkelten sich. Offensichtlich wollte ihm nicht gefallen, was er gefunden hatte.

»Ich habe dich gesehen«, sagte der Alte erneut, wieder und wieder.

Morcan führte das Schwert zurück in die Scheide. Dann blickte er dem Alten in die Augen.

»Ich habe dich gesehen«, wiederholte der Alte seine Worte und keuchte.

Mit einem lauten Knall schlug Morcan dem Alten ins Gesicht.

»Spar dir deinen Atem, alter Mann!«, presste Morcan zwischen seinen Zähnen hervor.

Die Plane des Zeltes wurde erneut zurückgeschlagen.

»Todbringer?« Eine weitere Todesklinge hatte das Zelt betreten. »Todbringer Morcan? Sollten wir nicht allmählich hier verschwinden? Wie lauten eure Befehle, Herr?«

Morcan wandte sich halb zu dem anderen Elfen um. »Wir gehen. Zündet dieses Zelt an!«

Der Angesprochene deutete knapp eine Verbeugung an, drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Zelt. Morcan wandte sich an die andere Todesklinge, die immer noch den dürren Arm des Alten hielt.

»Lass ihn bluten. Es soll ... ein wenig dauern.« Ein vor Kälte klirrendes Lächeln, das seine Augen nicht berührte, glitt über die bleichen Züge des Schattenelfen. Dann wandte Morcan sich ab, um das Zelt des Alten zu verlassen.

»Ich habe dich gesehen!«, rief der Geistseher der Greakar dem Todbringer nach.

Morcan hörte noch, wie die Todesklinge einen Dolch zog. Der Alte gurgelte und röchelte. Dann glitt sein Körper zu Boden.

Der Widerschein der Flammen ließ den Himmel über dem Lager der Greakar in einem gespenstischen Licht leuchten. Das Zelt des Ältesten brannte lichterloh. Schreie, Chaos und wüste Verwünschungen zerrissen das nächtliche Tuch der Stille, das über dem Lager der Greakar gelegen hatte.

Mit unbewegter Miene betrachteten die Todesklingen die Früchte ihrer Arbeit. Morcan nickte ihnen zu und stieg auf sein Reittier. Die Klingen kannten ihre Befehle. Das Spiel hatte gerade erst begonnen.

*

Eins

Gehetztes Getrappel von Pferdehufen erfüllte die Luft, als das Licht der Morgendämmerung trübe durch den Nebel über dem wilden Land brach. Das, der kalten Luft zum Trotz, schweißglänzende Tier schäumte unter seinem Reiter. Dennoch trieb Rohar es unnachgiebig weiter an. Er hatte keine andere Wahl. Seit Stunden waren der Truppführer der Greakar und seine Krieger nun bereits auf der Jagd. Selbst bei diesem halsbrecherischen Tempo konnte er die feine Spur der feigen Diebe klar erkennen. Die Sinne der Greakar waren gut. Sie mussten es sein, um den Überlebenskampf in der Wildnis zu überstehen. Dennoch war es den Dieben gelungen - im Schutz der Dunkelheit - in das Lager der Greakar einzudringen. Sie hatten den Ältesten der Geistseher getötet und das Heiligste gestohlen. Verdammtes Pack! Er würde sie einholen. Er würde sie kriegen. Und das Heiligste – ein Artefakt der Geistseher - zurückholen. Er musste. Er hatte keine andere Wahl. Irgendwie hatte er die niemals.

Rohar wandte sich zur Seite - und fand Tjagars Blick auf sich ruhen.

»Wir kriegen sie!« Tief dröhnte die Bassstimme des - selbst für einen Greakar - großen Mannes durch die Morgenluft. Als hätte Tjagar Rohars Gedanken gelesen. Wahrscheinlich konnte er auch nur die Verbissenheit im Gesicht seines Truppführers sehen. So lange waren sie bereits Seite an Seite in Schlachten und Kämpfe geritten. Grimmig bleckte Rohar die Zähne und trieb sein Pferd härter an.

Wir kriegen sie…Verdammtes Pack!

Rohar wischte sich mit der Hand eine nasse Strähne aus dem Gesicht und schnaubte. Der Atem des Truppführers hing wie Dampf in der Luft. Angestrengt starrte er den Vorhang aus Regen und Nebel an.

»Verdammtes Mistwetter! Ich kann meine Hand kaum vor den Augen sehen.«

Mit dem ersten Licht des Morgens war der Regen gekommen. Der Trupp war stetig langsamer geworden. Zum einen war es nun schwieriger, die Spuren der Diebe nicht zu verlieren. Zum anderen hatte das Wetter den Untergrund in schweren, schwarzen Schlamm verwandelt. Ständig bestand die Gefahr, dass die Pferde ausglitten. Die einzige Genugtuung für Rohar war, dass es den Gegnern seines Trupps ähnlich ergehen musste. Auch die Diebe konnten nicht schneller vorwärtskommen, als das Wetter erlaubte. Zumindest hoffte er das. Und tatsächlich - immer noch konnte er die Spuren der Feinde im Morast erkennen.

Rohar wandte sich an seine Untertruppführerin Xalany.

»Nachricht von den Spähern?« Er musste brüllen, um Wind und Regen zu übertönen.

»Nein. Gar nichts.« Xalany sah sich um. »Vielleicht sollten wir irgendwo Unterschlupf suchen. Bei dem Scheißwetter laufen wir möglicherweise in eine Falle. Und die Pferde brauchen auch eine Pause.«

Rohar warf Xalany einen harten Blick zu. »Wir dürfen die Spur nicht verlieren!«

»Wenn die Pferde unter uns zusammenbrechen, werden wir aber die Spur verlieren!«, setzte Xalany nach.

Rohar entfuhr ein Brummen. Wir haben keine Zeit. Die Pisser haben Vorsprung. »Verdammt! Lagern wir dort!« Er zeigte auf einen kaum erkennbaren Felsvorsprung auf der linken Seite. »Doppelte Wachen und ich will verdammt noch mal wissen, wo die Späher sind!«

Der Felsvorsprung entpuppte sich als kleine Höhle, sodass die Krieger auch die erschöpften Pferde dort unterbringen konnten. Die jüngeren Kämpfer, die weiter unten in der Hackordnung standen, beschäftigten sich damit, die Tiere notdürftig trocken zu reiben und zu versorgen. Einen Ausfall der Reittiere durften die Greakar nicht riskieren.

Rohar lief gegen eine Wand aus feuchter Luft, die ihn unwillkürlich husten ließ. Er blinzelte mehrfach und versuchte, sich an die Dunkelheit in der Höhle zu gewöhnen, um etwas erkennen zu können. Seine Stimme hallte dumpf nach.

»Zündet eine Fackel an und schaut da hinten nach!« Rohar wies mit dem Daumen in den hinteren Teil der Höhle, der im Dunkel lag. »Nicht, dass da ein Bär pennt, oder so.«

Rohar ließ sich mit einem leisen Seufzer auf den Stein sinken. Der Greakar fühlte den rauen Fels in seinem Rücken und ließ den Blick über seine Leute wandern. Vierundzwanzig Kämpfer. Eine gemischte Truppe aus Männern und Frauen - wie üblich bei den Greakar. Weniger das Geschlecht war wichtig, als vielmehr das kriegerische Können.

Rohars Trupp war eine kleine, aber bekannte Einheit. Oder vielmehr eine berüchtigte. Rohar war über die Grenzen seines Trupps und seiner Sippe beim Volk der Greakar bekannt. Ein großartiger Kämpfer, ein Raubein als Truppführer. Er wäre ein hervorragender Kriegsherr geworden. Ein Führer im Krieg und im Frieden. Einer, der die Sippen eint. Wenn, ja wenn nicht…

Rohar hatte Ehrenschuld auf sich geladen. Er hatte keine Wahl. Niemals. Er musste diese Mission erfüllen oder er würde sich das Leben nehmen müssen.

Jeder in Rohars Trupp wusste das. Die Kämpfer in Rohars Trupp waren ebenso berüchtigt. Rohars Trupp bestand vor allem aus jenen Greakar, die sich etwas hatten zuschulden kommen lassen. Der Kodex der Greakar war streng. Die Schuld konnte getilgt werden, in dem man sich selbst, seiner Sippe und seinen Ahnen Ehre machte. Diese Ehre ließ sich in einem Kriegstrupp, wie dem, den Rohar führte, erlangen. Selbst wenn dieser Trupp ein Straftrupp war.

In Rohars Trupp war man einfach. Manche waren dabei, weil sie wollten, andere, weil sie mussten. Aber man redete nicht darüber. Man sprach nicht von Schuld, Sühne oder Wiedergutmachung. Was ein jeder getan hatte, war allein seine Sache. Man war hier.

»Machen wir Feuer?« Elramar, einer der jüngeren Krieger hatte gefragt.

Rohar hob den Kopf. Aus seinen Gedanken gerissen, murrte der Truppführer unwillig.»Wir können auch gleich eine Fahne vor die Höhle stellen… Was hältst du davon, Elramar?« Der Truppführer hob die Stimme an. »Das ist kein verdammter Ausritt, Leute. Wir sind in einem Kampfeinsatz!«

»Also… kein Feuer?«

Rohar schnaubte. Über die tätowierten Gesichtszüge des Truppführers lief ein Zucken. Dann sah er auf und blickte in ein unverkennbares Gesicht.

Crows grinste breit und in seinem Mund blitzten scharfe, angefeilte Zähne, was Crows ein gefährliches Aussehen verleihen sollte. Bisweilen sah er in Rohars Augen eher wie eine merkwürdige Eidechse aus. Ob dieses Anfeilen der Zähne eine spezielle Tradition der Halblinge war oder einfach nur eine Macke von Crows, wer konnte das sagen? Crows war der einzige Halbling, dem Rohar je begegnet war. Vor Jahren hatte er ihn aus einem Kerker befreit.

»Halt´s Maul, Zwerg!« Zymas Stimme fauchte durch die Höhle. «Es ist weder Platz noch Zeit für deine merkwürdigen Scherze!«

Zyma - oder auch einfach Hackfresse - die vielleicht hässlichste Greakar, die man sich vorstellen konnte. Sie trug ihr Haar kurzgeschoren über dem - wie üblich - tätowierten Gesicht. Die Greakar trugen rituelle Tätowierungen im Gesicht, die verrieten, wer man war und woher man kam. Rohar musterte das ihm vertraute Gesicht Zymas. An die Tätowierungen konnte man sich gewöhnen. Die Greakar kannten es nicht anders. Aber an Zymas Narbe konnte man sich weniger gut gewöhnen. Beginnend mitten auf der Stirn, in einem Bogen abwärts durch die Augenbraue - das Auge nur knapp verfehlt - lief die breite, rote und fleischige Narbe weiter über die Wange, über den linken Mundwinkel und verlor sich am Kinn. Hackfresse. Und so was wie die gute Seele des Trupps. Rau, kernig, fähig und vorlaut. Rohar konnte sich jederzeit auf Zyma verlassen. Und auf das, was sie mit den beiden Spaltbeilen zu tun imstande war, die sie am Gürtel trug.

Crows machte den Mund auf - und schloss ihn gleich wieder. Tjagar, der riesenhafte Greakar, hatte dem Halbling einen leichten Klaps verpasst, der Crows fast nach vorn umkippen ließ.

»Wo sie recht hat…« Tjagars Stimme dröhnte tief und durchdringend. Rohar fuhr sich mit der Hand über das feuchte Gesicht.

»Haltet die Klappe! Alle! Hört auf euch zu streiten und ruht euch lieber aus.« Der Truppführer schüttelte entnervt den Kopf. »Hat jemand Xalany gesehen?«

Rohar fand Xalany etwas abseits der anderen in eine Diskussion mit Ilasar vertieft. Die beiden hörten auf zu reden, als sie die Anwesenheit des Truppführers bemerkten.

»Xalany!« Mit einer knappen Geste rief Rohar die Untertruppführerin heran. Sie erhob sich in einer fließenden Bewegung und war mit einem Satz bei ihrem Anführer angelangt. Rohar fand, dass Xalany eine der besten Untertruppführerinnen war, die er je kennengelernt hatte. Außerdem gab es kaum jemanden im Trupp, der in einer besseren körperlichen Verfassung gewesen wäre, als die schlanke Soldatin. Trotzdem waren sie und Rohar oft nicht einer Meinung.

»Was will der Stinkstiefel wieder?« Rohar wies mit einer kurzen Kopfbewegung in die Richtung des noch am Boden hockenden Ilasars. Dessen kleine, auf den Truppführer stets ein wenig missgünstig wirkende Augen beobachteten die beiden Anführer des Kriegstrupps.

Xalany zuckte mit den Schultern. »Das Gleiche wie immer… stänkern. Du machst wie immer alles falsch…«

Rohars Augen blitzten. »So… mache ich das?«

Xalany wich dem Blick des Truppführers aus. »Die Pferde sind versorgt. Wir können bald weiter.«

Rohars Augen verengten sich kurz zu schmalen Schlitzen und seine Kiefermuskeln zuckten. Dann räusperte er sich.

»Wie schön.«

*

Zwei

Die dritte Klinge verharrte bewegungslos zwischen Felsen und verdorrten Sträuchern und starrte in den Nebel. Ruhig und fokussiert ruhte ihr Blick auf dem Späher der Greakar, der sein Pferd langsam zwischen den Felsen hindurch manövrierte. Die Läufe des Tieres und die lederne Rüstung des Reiters waren völlig verdreckt und mit Schlamm verkrustet. Darin stand ihm die schwarze Rüstung der elfischen Todesklinge allerdings in nichts nach.

Ansonsten waren die Rüstungen vollkommen unterschiedlich, wie die Klinge bemerkte. Die Rüstung des Greakar bestand aus Flickwerk. Verschiedenste Teile aus verschiedenen Materialien, Formen und Farben. Nichts schien richtig zusammen zu passen. Wie wenig sorgsam die Greakar mit ihrem Handwerkszeug umgingen. Immerhin waren sie ein Kriegervolk. Dennoch trugen die meisten von ihnen lediglich gekochtes und gehärtetes Leder. Natürlich war man dadurch beweglich. Nicht so wie die Menschen in ihren schweren Ketten- und Plattenrüstungen. Einige wenige der Greakar trugen zwar auch einzelne Teile von Schuppenrüstungen, die sie vermutlich ihren toten Gegnern abgenommen hatten. Nicht zu vergleichen mit dem, was der Elf trug. Er strich über den stabilen Umhang, der zwar leicht zu tragen war, aber durchaus auch Schutz bot. Und das nicht nur vor dem Wetter.

Die Klinge sah nach oben. Noch so eine Sache, die er im wilden Land - so hieß dieses Gebiet bei den meisten Völkern - nicht verstand. Für einen Moment der Versuchung ausgesetzt, zu seufzen, besann sich der Elf eines besseren.

Der Regen hatte nachgelassen. Dennoch dämpfte er noch fast jedes Geräusch.

Der Greakar war vorsichtig. Bewegte sich und sein Tier langsam und bedächtig. Natürlich sah er, dass die Elfen hier durchgekommen waren. Überall war das kärgliche Strauchwerk von Pferdehufen niedergetreten worden. Überall waren die Spuren auf den schlamm- und moosüberzogenen Felsen zu sehen. Der Greakar musste sie einfach sehen, dachte der Elf. Und - natürlich - musste er an einem Ort wie diesem - ein schmaler, verwinkelter Pfad zwischen hohen Felsen - mit einem Hinterhalt rechnen. Die Greakar waren nicht eben bekannt für schlechte Späher. Eigentlich waren sie gar nicht bekannt. Aber der Elf wusste, dass die Greakar ein erfahrenes Kriegervolk waren. Der Greakar spähte in alle Richtungen. Nur nach oben sah er nicht.

Nie sehen sie nach oben.

Unwillkürlich verzog der Elf die Lippen zu einem kalten Lächeln und zeigte dunkelrot gefärbte Zähne. Kriegsbemalung einer Todesklinge der Schattenelfen. Weiße Zähne, die in der Dunkelheit leuchteten, konnten einen Attentäter verraten. Blutrote Zähne sah man im Dunkeln weniger. Und, nicht zu verachten, sie jagten dem Feind einen Schreck ein. Die Schrecksekunde, die es dem Elfen schon so oft ermöglicht hatte, die eigene Waffe in den Körper des Feindes zu versenken und dessen Blut zu vergießen.

Das Pferd des Greakar war nun direkt unterhalb der Position der dritten Klinge. Leise zog der Elf einen Dolch, mühelos schwang er sich über den Felsen, hinter dem er gesessen hatte, und sprang ...

Schreckerfüllt wieherte das Pferd des Greakar, als der Elf auf seinem Rücken landete. Noch ehe der Greakar reagieren konnte, fuhr ihm der Dolch des Elfen hinter das rechte Schlüsselbein. Die dritte Klinge fletschte die Zähne ob dieses Missgeschicks. Er war beim Absprung vom nassen Fels abgerutscht und hatte die Waffe verrissen.

Der Greakar brüllte vor Pein. Dennoch fuhr der Krieger blitzschnell herum und schlug dem Elfen den Ellbogen ins Gesicht. Knochen schmetterte auf Knochen. Schmerz explodierte im Gesicht des Schattenelfen. Zurückgeworfen durch den wuchtigen Aufprall, konnte sich die dritte Klinge nicht auf dem Pferd seines vermeintlichen Opfers halten. Noch im Fallen zog der Elf zwei geschwärzte Schwerter. Leicht gebogene, elegante Klingen. Echte elfische Todeskunst. Erneut grinste der Schattenelf.

Der Greakar glitt ebenfalls vom Pferd, zog den Dolch aus seiner Schulter und stürmte mit erhobener Axt auf die Todesklinge ein.

In einer einzigen fließenden Bewegung wich der Elf der Axt seines Gegners aus und stieß seinerseits die Klinge in das Bein des Greakar. Sofort schoss Blut aus der klaffenden Wunde. Brüllend knickte der Greakar ein und starrte mit aufgerissenen Augen in das saturnrote Grinsen der Todesklinge. Langsam, bedächtig, wie ein Raubtier vor dem entscheidenden Sprung, wissend, dass die Beute chancenlos war und nicht mehr fliehen konnte, bewegte sich der Elf.

Das Verlangen zu töten, ließ die Versuchung groß werden. Doch dann siegte das Pflichtgefühl und er trat dem Greakar mit seinem matschverdreckten Stiefel ins Gesicht. Stöhnend sank der verwundete Greakar nach hinten und fiel schwer atmend auf den Rücken. Für den Bruchteil einer Sekunde ließ die dritte Klinge noch den Blick auf dem Gegner ruhen, wandte sich dann ab und verschwand im Nebel zwischen den Felsen.

Der Kriegstrupp der Greakar kam nur langsam voran. Rohar und die anderen rückten vorsichtig in Richtung des alten Steinbruchs vor.

Dieser Ort im wilden Land war ein Platz der alten Geschichten und Legenden. Geschichten von Geistern und grausamen Ritualen am Ufer eines kleinen Sees im hinteren Teil des Steinbruchs. So manche greakarische Sippe hatte den Ort für spirituelle Zwecke genutzt, als die ursprünglichen Besetzer - Eindringlinge ins wilde Land - den Steinbruch verlassen hatten. Nicht lange war hier Stein abgebaut worden. Denn soweit bekannt gewesen war, hatten die Greakar nie mit Stein gebaut - und auch niemand sonst so tief im wilden Land. Rohar hatte - unwillig - den Trupp absitzen lassen. Die Soldaten führten die Pferde am Halfter. Zum einen, weil die Verschnaufpause zu kurz gewesen war und die Tiere immer noch erschöpft waren. Und Rohar konnte - bei aller Eile und Not - nicht riskieren, dass die Pferde schlappmachten. Das würde das Ende der Mission sein. Zum anderen bestand jederzeit die Gefahr eines Sturzes auf dem nun steinigeren Boden, der von dem anhaltenden Regen nass und mit glitschigem Schlamm überzogen war.

Ein schmaler, unübersichtlicher Pfad führte mitten durch den Bruch. Schmale Gassen führten links und rechts weg, tiefer hinein, in Höhlen oder enge Passagen. Nebelverhangen und schlecht einzusehen.

An Rohars Hand, die den Strick hielt, traten die Knöchel weiß durch die sonst graue, zähe Haut des Truppführers. Jahrzehnte des Kampfes und der Übung hatten die typischen Schwielen eines Schwertkämpfers in seinen Handflächen hinterlassen. Sein Blick wanderte ruhelos umher. Ein Ort, wie der nahende Steinbruch wäre ein guter Platz für einen Hinterhalt, falls die Feinde sich ihrer Verfolger entledigen wollten. Außerdem war der Späher noch nicht zurückgekehrt. Ungewöhnlich, denn Bulrar war für gewöhnlich zuverlässig. Er hätte längst wieder da sein sollen. Die verabredete Zeit musste längst verstrichen sein. Zumindest fühlte es sich für Rohar so an. Zwar konnte er die Sonne hinter dem tristen, stahlgrauen Wolkenhimmel nicht ausmachen, aber auf sein Zeitgefühl konnte der Truppführer sich üblicherweise verlassen.

Während er noch darüber nachsann, ob ihn möglicherweise eben jenes Gefühl einmal im Stich lassen würde, erschien eine wankende Gestalt auf einem Pferd im langsamen Trab zwischen den Nebelfetzen am Eingang des Steinbruchs. Selbst bei der schlechten Sicht war erkennbar, dass der Reiter sich kaum noch auf dem Pferd halten konnte.

Ohne ein weiteres Wort schwang sich Rohar auf sein Pferd - der Trupp tat es ihm gleich - und ritt dem Kundschafter im gestreckten Galopp entgegen. Die Entfernung war rasch zurückgelegt und alle Vorsicht vergessen.

Als Rohar Bulrar erreichte, erkannte der Truppführer, dass sein Späher aus einer Wunde an der rechten Schulter und am linken Bein heftig blutete. Dazu kam, dass das Gesicht des Kriegers deutlich geschwollen erschien. So als habe er einen Schlag oder einen Tritt kassiert. Bulrars Gesicht war blutunterlaufen. Sofort sprang Rohar von seinem Gaul und dem Kundschafter entgegen, der bereits im Begriff war, von seinem Pferd zu rutschen oder eher zu fallen.

Rohar fing Bulrar auf und legte ihn auf den nassen und felsigen Boden. Der Truppführer sah, dass der Krieger kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren. Rohar griff mit einer Hand nach dem Halsausschnitt der zerfleddert aussehenden, mehrfach geflickten Lederrüstung des Spähers.

»Heh, wach bleiben Soldat!« Rohars Stimme klang rau und belegt. »Was ist passiert, Bulrar?«

Der Angesprochene öffnete die Augen. Sein flackernder Blick suchte und fand schließlich den seines Truppführers. »Elf…«, stammelte Bulrar, »…hat mich erwischt.«

»Haben sie«, brummte Rohar bestätigend, »aber du lebst noch. Du wirst durchkommen!« Rohar packte fester zu, damit Bulrar das Bewusstsein nicht verlor. »Erzähl mir alles!«, verlangte Rohar.

Bulrar berichtete stockend und in abgehackten Worten, wie er von dem Elfen überrascht und angegriffen wurde.

»Ich… hab… nicht aufgepasst… Rohar!« Entsetzen spielte in Bulrars Augen. Selbst nahe der Ohnmacht sorgte sich der Späher um seine greakarische Ehre als Soldat.

Der Truppführer murmelte etwas. Dann sah er dem Späher erneut in die Augen. »Schon gut, Mann. Alles wird gut.«

Rohar wandte sich von dem Verwundeten ab und an Aldrar, einen der ältesten und erfahrensten Krieger des Trupps. Zugleich war Aldrar der Soldat, der sich um die Wunden der Krieger zu kümmern pflegte.

»Aldrar, versorg’ seine verdammten Wunden!«, herrschte Rohar den Krieger an. Rohars Stimme klang schroff. Er war nahe daran, die Beherrschung zu verlieren. Wut brannte in seinem Magen. Aldrar war schon lange ein Wegbegleiter Rohars. Der alte Krieger kannte den Truppführer gut genug, um zu wissen, woran er war.

Sogleich machte Aldrar sich daran, Bulrars Wunden freizulegen. Er bestrich sie mit einer übel riechenden Tinktur, wickelte grob gewebtes, sauberes Leinen darum und zog alles mit mehreren Streifen abgeschnittenen Leders fest, um den Verband zu schützen. Währenddessen sprach er in leisen Tönen mit Bulrar, um den Späher wach zu halten.

Als Aldrar fertig war, winkte Rohar zwei junge Krieger heran.

»Bindet ihn auf sein Pferd. Aber richtig fest! Wir nehmen ihn mit.« Dann sprach der Truppführer den ganzen Trupp an. »Wir müssen weiter! Durch den Steinbruch!«

Rohar wollte gerade auf sein Pferd steigen, als Untertruppführerin Xalany an ihn herantrat. Sie räusperte sich vernehmlich. Rohars undeutbarer Blick fand ihren.

»Rohar, das ist nicht gut. Bulrar hat nur mit Mühe überlebt.«

Rohar warf Xalany einen flackernden Blick zu.

»Wir gehen durch den Steinbruch, Soldat. Möchtest du meine Befehle infrage stellen?« Rohars Stimme war gefährlich leise geworden.

Die Angesprochene senkte rasch den Blick.

»Liegt mir fern, Truppführer.«

»Aufsitzen!« Rohars Stimme hallte von den nahen Felsen wieder.

*

Drei

Im Schatten der Felsen stand die Luft. Rohar hatte das Gefühl gegen eine unsichtbare Mauer zu laufen. Hier fiel der nachlassende Regen fast lotrecht. Der Geruch von feuchter Erde, Stein und etwas… Scharfem stieg dem Truppführer in die Nase. Nur das Huftrappeln der Pferde, gelegentliches Schnauben und das Prasseln des Regens füllten die Stille aus und hallten leise von den schroffen Felsen wieder.

Der Trupp schien den Atem anzuhalten, als Rohar ihn in die enge Schlucht führte. In der Rechten hielt der Truppführer sein schartiges Hauschwert. Weiß traten die Knöchel unter der sonst grauen Haut hervor. Mit der Linken strich er sich immer wieder die an seiner Stirn klebenden Strähnen zurück.

Krrrr…