Das Herz des Sternenbringers - Priska Lo Cascio - E-Book

Das Herz des Sternenbringers E-Book

Priska Lo Cascio

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Beschreibung

Alwynn, eine junge selbstbewusste Angelsächsin, führt während des englischen Thronfolgekrieges den Gutshof und die Ländereien ihres Bruders. Garred, Normanne mit angelsächsischen Wurzeln, wird von Herzog William als Spion nach England geschickt. Als Garred auf Wertlyng auftaucht, hat Alwynn keine Ahnung, wer der junge Normanne wirklich ist, doch er weckt tiefe Gefühle in ihr – sie verliebt sich in den geheimnisvollen Fremden. Auch der Spion kann der jungen Gutsherrin nicht widerstehen. Als Alwynn gegen ihren Willen mit dem arroganten und grausamen Turoc verheiratet wird, bleiben den beiden nur noch heimliche Treffen. Durch ihre verbotene Liebe bringen sich beide in große Gefahr, doch Garred würde alles für Alwynn tun. Was aber, wenn der Tag kommt, an dem er gegen ihresgleichen in die Schlacht ziehen muss, und sie von seinem unverzeihlichen Verrat erfährt? Ein leidenschaftlicher Abenteuer-Schmöker über eine verhängnisvolle Liebe

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Buchinfo

Alwynn, eine junge selbstbewusste Angelsächsin, führt während des englischen Thronfolgekrieges den Gutshof und die Ländereien ihres Bruders.

Garred, Normanne mit angelsächsischen Wurzeln, wird von Herzog William als Spion nach England geschickt.

Als Garred auf Wertlyng auftaucht, hat Alwynn keine Ahnung, wer der junge Normanne wirklich ist, doch er weckt tiefe Gefühle in ihr – sie verliebt sich in den geheimnisvollen Fremden. Auch der Spion kann der jungen Gutsherrin nicht widerstehen. Als Alwynn gegen ihren Willen mit dem arroganten und grausamen Turoc verheiratet wird, bleiben den beiden nur noch heimliche Treffen. Durch ihre verbotene Liebe bringen sich beide in große Gefahr, doch Garred würde alles für Alwynn tun. Was aber, wenn der Tag kommt, an dem er gegen ihresgleichen in die Schlacht ziehen muss, und sie von seinem unverzeihlichen Verrat erfährt?

Ein leidenschaftlicher Abenteuer-Schmöker über eine verhängnisvolle Liebe

Autorenvita

© privat

1972 in Bern geboren und aufgewachsen, war Priska Lo Cascio bereits in frühster Jugend fasziniert von Kulturen und Geschichten aus aller Welt. Nach der Ausbildung zur Reisefachfrau hat es sie mehrere Jahre lang auf die Britischen Inseln, nach Italien und in den Nahen Osten gezogen, bevor sie sesshaft wurde. Seit 1998 Jahren lebt sie mit Ehemann und Sohn in Zürich und arbeitet hauptberuflich für einen Schweizer Reiseveranstalter. Wenn sie nicht gerade schreibt, stöbert sie jedoch oft und gerne durch herrlich verstaubte Geschichtsarchive oder versucht sich im Studium nicht ganz alltäglicher Sprachen.

Prolog

Rouen – Normandie

10. Januar, im Jahre des Herrn 1066

Der Kundschafter wagte keine Bewegung. Fürchtend, dass jedes noch so leise Geräusch, jeder Atemstoß und jedes Stoffrascheln die Stimmung des Herzogs zum Bersten bringen könnte. Er fühlte die Blicke der anwesenden Ritter und Adligen in seinem Rücken, hörte ihre gepressten Atemzüge. Sie spürten es also auch – dieses Knistern in der Luft, wie vor einem gewaltigen Sturm.

Kaum ein Lufthauch drang durch die Ritzen der mit schweren Teppichen verhangenen Fenster, selbst die Fackeln an den Wänden hatten mit einem Mal das Zischen aufgegeben. Dennoch straffte der Kundschafter die Schultern. Schließlich war das Überbringen wichtiger Neuigkeiten eine Aufgabe, auf die er stolz sein konnte, sprach er sich in Gedanken Mut zu. Als sich der Herzog jedoch endlich zu ihm umdrehte, zerfiel auch das letzte Körnchen Mumm wie Staub zu seinen Füßen.

»Wiederhole noch einmal, was du soeben sagtest«, presste William hervor und trat langsam näher. Im Schein der Fackeln wirkten seine Züge noch entschlossener, noch härter. Seine Lippen verzerrten sich zu einem Zähneblecken. »Ich will noch einmal hören, was dieser angelsächsische Hurensohn getan hat.«

Der Kundschafter schluckte und versuchte, Haltung zu bewahren. Herr im Himmel, wenn er doch nur aufhören könnte, mich anzustarren, als wäre ich ein Lamm auf der Schlachtbank. »Harold Godwinson hat sich zum neuen König von England krönen lassen, Sire. Nachdem ihn der sterbende Edward angeblich noch auf dem Totenbett zum Nachfolger ernannt und der Rat der Wahl zugestimmt hat.« Er haspelte die Worte heraus, darauf bedacht, Williams Blick auszuweichen, stattdessen fixierte er einen der eisernen Fackelhalter in der Ecke.

»Ein Godwinson so falsch wie der andere«, meldete sich Odo de Bayeux, des Herzogs Halbbruder, hitzig zu Wort. »Ein Schlangennest von machtgierigen Lügnern sind sie. Ich hatte Euch gewarnt, Sire. Einem Mann wie Harold ist kein Treueeid heilig, und nur Gott allein weiß, mit welchen doppelzüngigen Versprechungen er die Räte auf seine Seite gebracht hat.«

Mit einem Wink brachte William seinen Halbbruder zum Schweigen und wandte sich erneut an den Kundschafter: »Hast du mit eigenen Augen gesehen, dass er gekrönt wurde?«

Er nickte. »Die Feierlichkeit fand in Westminster statt. Am Tag von Edwards Begräbnis.«

Ein entrüstetes Raunen ging durch die Reihen der Ritter, wobei »Leichenfledderer« und »pietätloser Thronräuber« noch zu den schmeichelhaftesten Beschimpfungen gehörten.

»Und das Volk? Wie haben die Angelsachsen ihren neuen König angenommen?«, zischte William durch zusammengebissene Zähne. Sein Kinn bebte, in seinen Augen funkelte ein kalter, erbarmungsloser Jähzorn, der dem Boten einen Schauer über den Rücken jagte.

»Sie ...« Der Kundschafter keuchte, verzweifelt nach den richtigen Worten suchend. Seine Zunge schien am Gaumen festgeklebt. »Sie haben ... gejubelt, Sire.«

Odo schnaubte auf. »Ein Volk von rückständigen Schweinehirten. Es wundert mich nicht, dass sie sogar einen Eidbrecher als König annehmen.«

»Gut.« Der Herzog drehte sich so abrupt um, dass sich sein Mantel wie ein Segel im Wind aufbauschte. Den Kopf hoch erhoben ging er zu dem Holztisch in der Mitte des Raums, auf dem ein Teller mit den Überresten eines Brathähnchens, ein Zinnbecher und ein Weinkrug standen. Mit geballten Fäusten stemmte er sich auf der Tischplatte ab. »Lasst mich allein. Ihr alle. Geht!«

Nichts tat der Kundschafter lieber. Sobald er den Raum verlassen hatte, lehnte er sich gegen die Mauer, schloss die Augen und holte tief Atem. Er versuchte, das Hämmern in seiner Brust zu beruhigen, und fuhr zusammen, als das Wutgebrüll und der ohrenbetäubende Lärm von zerschellendem Geschirr und berstendem Holz durch die Tür drangen.

Eine Gruppe Ritter blieb vor der Tür stehen, Neugier und eine Spur Besorgnis war ihnen in die Gesichter geschrieben. »Gott, steh uns bei, diese Demütigung wird er sich nicht gefallen lassen«, flüsterte der jüngste unter ihnen, ehe sie weitergingen.

Der Kundschafter folgte den Männern – langsam, denn mit einem Mal fühlten sich seine Glieder wie zentnerschwere Bleibrocken an. Trotzdem war ihm die Lust auf Nahrung und einen Platz zum Ausruhen vergangen. Wieder sah er das Gesicht seines Herzogs vor sich. Jene unerbittliche Wut.

Der junge Ritter hatte recht: Kein Normanne ließ den eigenen Stolz mit Füßen treten, und schon gar nicht William. Dafür hatte sich dieser bereits viel zu oft Anerkennung und Respekt erkämpfen müssen und schon als Kind gelernt, dass Blut und Krieg zum Leben eines Herrschers gehörten. Von der eigenen Herkunft und dem Willen zu überleben dazu gezwungen.

Ob Harold Godwinson überhaupt wusste, wen er sich mit seinem Thronraub zum Feind gemacht hatte?

Der Kundschafter erschauderte bei dem Gedanken.

»... In deine Hand gebe ich mein Weib,

meine Krone und mein Reich ...«

Kapitel 1

Wertlyng, an der Südküste desangelsächsischen Englands

20. Januar 1066

Nur Mut, meine Schöne, es wird alles gut gehen«, flüsterte Alwynn und kraulte die Stirn der Kuh, die diese Liebkosung ungerührt kauend über sich ergehen ließ.

»Es ist nicht ihr erstes Kalb, Herrin«, erklärte der alte Mann neben ihr und schmunzelte. Sein Name war Osgar. Solange Alwynn denken konnte, diente er schon als Stallmeister auf dem Gutshof von Wertlyng.

»Ich weiß.« Sie erwiderte das Lächeln. »Aber Bathild ist unsere beste Milchkuh, und ich kann es kaum erwarten, das Kleine zu sehen.«

»Dann habt Ihr Euch bereits einen Namen für das Kalb ausgedacht?« Seine Stimme hatte den üblichen gelassenen Tonfall, doch er kräuselte die Lippen unter dem Bart.

»Ich bin mir noch nicht ganz sicher«, antwortete sie, um eine ernste Miene bemüht. »Was hältst du von Sæwulf für einen Bullen und Somerild, falls es eine Färse wird?«

Die Barthaare an seinen Lippen zuckten noch verräterischer, während er die Arme vor der Brust verschränkte. »Gute Namen, zweifellos. Ich frage mich nur, welchen Grund Ihr habt, das arme Tier zu quälen, noch ehe es geboren ist.«

Alwynn lachte fröhlich auf. Sie nahm ihm den gutmütigen Spott nicht übel, dafür kannte sie ihn viel zu lange. Schon seit sie gerade eben groß genug gewesen war, um den Falkenaugen der Mutter zu entwischen und mit tapsigen Schritten die Welt zu erkunden. Mehr als einmal hatte Osgar sie damals zwischen den Kühen und Pferden im Stroh schlafend gefunden – zu jedermanns großem Entsetzen, weil sich keiner erklären konnte, was die Tochter des Hauses immer wieder in die Stallungen zog.

Seit damals waren viele Jahre vergangen. Sie war längst kein kleines Mädchen mehr, zählte nun schon zwanzig Sommer, doch wurde Alwynn stets warm ums Herz, wenn sie an ihre Kindheit dachte. Sie hatte den Stall mit dem vertrauten Geruch nach Stroh und Heu schon immer geliebt. Das Schnauben der Tiere und die Ruhe, die sie ausstrahlten. Vor allem aber liebte sie den alten Osgar.

Wie wenig er sich seither verändert hatte, stellte Alwynn einmal mehr verwundert fest. Sein Haar und Bart waren zwar etwas schütterer und weißer geworden und die Falten im wettergegerbten Gesicht noch tiefer. In seinen Augen blitzte jedoch noch immer der gutmütige Schalk auf, seine Stimme war so tief und rauchig wie eh und je. Und mindestens ebenso lange trug Osgar schon dieselben, hundertfach geflickten Beinkleider aus grober Wolle, die gleiche knielange Tunika mit dem Rostfleck am Ärmelsaum und den abgeschabten Lederkittel.

Genau wie das Vieh in seiner Obhut besaß auch er eine unerschütterliche Gleichmut und Geduld, weshalb er geflissentlich über Alwynns Angewohnheit hinwegsah, allen Tieren im Stall einen eigenen Namen zu geben. Etwas, das er, wie sie sehr wohl wusste, für Pferde zwar angebracht, für Kühe jedoch als reine Zeitverschwendung betrachtete. Dennoch war es inzwischen zu einer Art Tradition geworden. Ihr kleines, wohlgehütetes Geheimnis, das nie aus den Wänden des Stalls gelangte.

Zärtlich tätschelte Alwynn den gewölbten Leib der Kuh Bathild und folgte Osgar dann auf seinem Rundgang durch sein Reich. Zu seinen Untertanen gehörten zehn Kühe, die jetzt im Winter im geschlossenen Stall gehalten wurden, und fünf Pferde, deren Heim aus einem windgeschützten, trockenen Unterstand und einem kleinen Auslauf bestand.

Alwynn war zufrieden. Die Ställe waren sauber und mit frischem Stroh gefüllt, die Futtervorräte so reichlich, dass sie die Tiere mühelos über den Winter bringen würden. Sehr gut. Eine Sorge weniger also.

Sie keuchte auf, als sie wieder nach draußen in den Hof trat und ihr die Kälte entgegenschlug. Sofort schlang sie sich den Wollumhang enger um die Schultern.

Seit Tagen hielt der Frost das ganze Land in seinen Klauen. An den Reisigdächern der Kornspeicher und Räucherhütten, die sich rund um den rechteckigen Holzbau der Thane-Halle reihten, hatten sich Eiszapfen gebildet. Wie dünne, silberweiße Bärte hingen sie an den überhängenden Dachschrägen. Einige von ihnen so lang, dass manch einer sich den Kopf daran stieß, wenn er nicht aufpasste.

Trotz der Kälte herrschte ein emsiges Treiben auf dem Hof. Es war erst früher Nachmittag, und auf einem Gut wie Wertlyng gab es immer etwas zu tun. Eine Gruppe von Mägden schleppte Eimer voll Wasser vom Brunnen zum Brauhaus: Die Honigernte des letzten Sommers war so ausgiebig gewesen, dass der Großteil davon zum Ansetzen von Met benutzt werden konnte. Ein Leibeigener leerte einen Kübel Abfälle in den Trog für die Schweine, ein anderer hackte Holz für das Feuer, das über Nacht in der Mitte des Hofs angezündet wurde, damit sich die Wachen daran aufwärmen konnten. Krieger standen auf den Palisaden oder nutzten die Zeit, um ihre Waffen zu schleifen. Ein stetiges Hämmern hallte aus der Schmiede, und der Duft von geräuchertem Fisch lag in der Luft.

»Lass mich holen, wenn das Kalb kommt, ich will dabei sein«, wandte sich Alwynn an den Stallmeister und legte ihm die Hand auf den Arm. »Auch wenn es mitten in der Nacht ist, hörst du?«

Osgar nickte, doch das Lächeln hatte einer fast väterlichen Miene Platz gemacht. »Dabei habt Ihr gewiss genug andere Sorgen mit Haus und Hof, statt Euch wegen einer Kuh den Kopf zu zerbrechen.«

Mit einem Schlag war ihre gute Laune dahin. Sie wusste nur zu gut, was er damit meinte. Die Welt außerhalb des Stalls war anders – viel härter und ruheloser. Eine Welt, in der sie nicht mehr nur die junge Frau sein durfte, die den Tieren aberwitzige Namen gab. Nein, hier draußen war sie Alwynn of Wertlyng. Die Schwester des Thane, dem Herrn über das gesamte Gut und die dazugehörigen Dörfer, und während seiner Abwesenheit trug sie allein die Verantwortung für all das.

»Wann habt Ihr Euch zuletzt etwas Ruhe gegönnt und eine ganze Nacht lang geschlafen?« Ein leiser Vorwurf klang in Osgars Stimme mit.

Sie gab keine Antwort, zupfte stattdessen an den Falten des Umhangs. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Ihre Pflichten waren zu vielfältig, als dass sie auch nur die Zeit fand, über ihre Müdigkeit nachzudenken.

Erstaunt entdeckte sie die zwei tiefen Sorgenfalten, die sich auf seiner Stirn eingruben, als er weitersprach: »Der Thane lastet Euch zu viel Verantwortung auf, die er selber tragen sollte.«

Nicht schon wieder, seufzte Alwynn in Gedanken, denn sie hatte genau verstanden, worauf er hinauswollte. Er hatte noch nie einen Hehl aus seinen Ansichten gemacht.

»Mein Bruder trägt bereits genug Verantwortung«, gab sie schärfer als beabsichtigt zurück und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. »Es ist meine Pflicht, ihn dabei zu unterstützen und meinen Teil beizutragen. Außerdem habe ich es Vater auf dem Sterbebett versprochen, das weißt du doch.« Sie stieß den Atem in einer Dampfwolke aus. Warum verstand Osgar nicht, dass es um weit mehr als nur ein paar Entbehrungen und schlaflose Nächte ging?

Seit fünf Jahren stand ihr älterer Bruder Wigstan nun bereits im Dienste Harold Godwinsons, dem Earl of Wessex, und gehörte zu dessen angesehensten Housecarls. Diese Position als Elitekrieger brachte zwar Gefahren und langes Fernbleiben von der Heimat mit sich – zuletzt hatte Alwynn ihn vor mehr als zwei Jahren gesehen. Für Wertlyng jedoch bedeutete sie ein gesichertes Einkommen und Schutz durch einen der mächtigsten Männer im ganzen Königreich. Und nichts war wichtiger als ihrer aller Sicherheit. Außerdem war Wertlyng ihre Heimat. Sie hatte nie ein anderes Leben gewollt.

Der restliche Nachmittag verflog im Nu, der Met für die nächsten zwei, drei Monate musste angesetzt werden. Dafür verbrachte Alwynn die folgenden Stunden in der stickigen, dampfenden Hitze des Brauhauses, wo sie, dem Geheimrezept ihrer Mutter folgend, den Honig aufkochte und mit Wasser, Apfel- und Birnenmost und einem Aufguss aus Rosmarin und getrockneten Waldbeeren vermischte.

Zurück in der Halle scheuchte sie die Mägde auf, die untätig plappernd in einer Ecke saßen, statt die Tische und Bänke zu richten. Mit eingeübter Strenge verteilte sie Anweisungen und Befehle, legte selbst Hand an, wo immer nötig. Schlichtete einen Zank zwischen der Köchin und ihrer Gehilfin und überwachte die Zubereitung der Suppe, damit nicht zu viel Pfeffer aus dem wertvollen Gewürzvorrat vergeudet wurde. Der musste noch bis zum Sommer reichen, wenn die fahrenden Händler wieder vorbeizogen.

Erst als draußen die Nacht einbrach und die Gutsbewohner zum gemeinsamen Essen in die Halle strömten, gönnte sich auch Alwynn einen Moment der Rast.

Dies war ihre liebste Tageszeit im Winter. Wenn die Menschen von Wertlyng nach ihrem Tagwerk hier zusammenkamen und die Talglichter an den Wänden die Halle in ein heimeliges, beschützendes Licht tauchten. Wenn das Gelächter und die Scherze sogar das Heulen des Windes draußen übertönten. Wenn die Kälte vergessen war, verdrängt von der Wärme der vertrauten Gemeinschaft.

Voller Stolz blickte sie über die versammelte Schar. Es waren gute Menschen – ein Teil ihrer Heimat. Und wie so oft überkam sie in solchen Momenten Wehmut. Wenn Vater das nur sehen könnte. Er wäre bestimmt genauso stolz.

Seit Generationen lag das Gut im Besitz ihrer Familie, und mit ein paar Ausnahmen hatten die Thanes von Wertlyng ihre Ländereien mit Umsicht und Stärke durch sämtliche politischen Stürme gelotst und sogar vergrößert. Trotz der exponierten Lage direkt an der Südküste Englands, die jede Wikingerflotte geradewegs zu einer Plünderung einlud. Doch was jeder Ansturm der Nordmänner nicht geschafft hatte, vollbrachte das Lungenfieber. Die schlimmsten Tage ihres Lebens würde Alwynn nie vergessen: Als Vater seinen letzten Kampf verlor und Mutter und die zwei Geschwister ihm nur kurz darauf in den Tod folgten. Dahingerafft wie Blätter im Herbstwind. Das war nun fast genau sechs Jahre her.

»Herrin.«

Sie zuckte, wie aus einem Traum erwacht, zusammen und drehte sich um. Sie hatte den stämmigen Mann schon an seiner leisen Stimme erkannt – Cynric, der Steward des Thane und dessen stellvertretende und die Guts- und Pachteinnahmen verwaltende Hand.

»Um Himmels willen, setz dich!«, rief sie und rückte ein Stück, um ihm auf der Sitzbank Platz zu machen. »Du siehst fürchterlich aus.«

Mit einem dankbaren Brummen ließ er sich nieder. Sein Gesicht war gerötet. Das dunkle, nur mit ein paar wenigen grauen Fäden durchzogene Haar fiel ihm in feuchten Strähnen auf die Schultern. Mit der Hand fuhr er sich über die triefende Nase, die Alwynn immer an den Schnabel eines Habichts erinnerte. Sie fröstelte, als sie die Kälte spürte, die noch immer in seinen Kleidern hing.

Wortlos nahm er den Becher warmen Mets entgegen und leerte ihn in einem Zug. »Ah, das tut gut. Es stimmt, was die Alten sagen. Auf eine grüne Christmess folgt das Eis, und bei meiner Treu, wir können von Glück reden, wenn wir den Brunnen morgen früh nicht freihacken müssen. Es gibt Probleme in Boreham, Herrin.«

Mit einem Wink befahl Alwynn eine Magd herbei, damit sie dem Steward eine Schüssel Suppe brächte, und drehte sich dann zu ihm um. Gute Güte, das waren mehr Worte gewesen, als Cynric normalerweise während eines ganzen Tages sagte. Allein schon diese Tatsache machte sie hellhörig. Was mochte in dem kleinen Weiler, kaum einen Steinwurf von Wertlyng entfernt, bloß vorgefallen sein, dass der Steward auf einmal redete wie ein Wasserfall? »Was für Probleme?«

»Der Salzsieder.«

Herward. Schon wieder. Sie hatte es geahnt. »Was ist mit ihm?« Und lass dir doch nicht immer alles aus der Nase ziehen. Sie verbiss sich die Bemerkung jedoch gerade noch rechtzeitig. Der sonst so wortkarge Cynric würde sich weder durch Bitten, Zetern noch Drängen erweichen lassen, wie Alwynn wusste. Sie hatte es schließlich schon oft genug versucht.

»Die Leute klagen, dass er ihnen das Salz zu einem viel zu teuren Preis verhökert. Außerdem soll die Ware mit Kalk gestreckt sein«, erklärte er endlich, ehe er die dampfende Suppe zu schlürfen begann.

»Und jetzt wollen sie ihn vors Gericht der Hundertschaftsräte zerren.«

Cynric nickte und senkte die Nase erneut in die Schüssel.

Alwynn presste die Lippen zusammen. Es war nicht das erste Mal, dass sich die Leute über den einzigen Salzsieder der Gegend beklagten. Er genoss das alleinige, vom Thane bewilligte Abbaurecht und hätte sich dadurch eigentlich eine goldene Nase verdienen können. Doch alle Welt wusste, dass Herward den größten Teil des Gewinns versoff. Nicht zu reden von seinem ewigen Versäumnis der Pachtzahlung, die er stattdessen als Schulddienst während der Erntezeit ableistete, weil er den Betrag weder in Münzen noch in Naturalien aufbringen konnte.

Und seine Frau und die Kinder lässt er wie Sklaven schuften und in einer wurmstichigen, zugigen Hütte hausen. Wie immer, wenn Alwynn an den Salzsieder dachte, durchfuhr sie ein heißer Zornschauer. Oh, am liebsten wäre sie sofort an die Küste geritten und hätte Herward eigenhändig zum Teufel gejagt, ihm jedoch zuvor noch ein saftiges Wergeld als Entschädigung für die Bewohner Borehams auferlegt.

Aber was würde es nützen?, besann sie sich im gleichen Augenblick. Nichts. Rein gar nichts. Der Salzsieder würde das Wergeld wieder nicht bezahlen können, müsste sich darum zu noch mehr Tagen Schulddienst verdingen, während seine Familie noch mehr litt. Und dann, wenn irgendwann die Schuld abbezahlt und Gras über die Angelegenheit gewachsen war, würde das Spiel wieder von vorne beginnen. Denn nebst der Schafwolle war Salz das ertragreichste Handelsgut Wertlyngs, und keiner wollte darauf verzichten. Ein endloses, unbefriedigendes Geschäft für alle Beteiligten. Auch das Urteil des Ratsgerichts würde daran nichts ändern, sondern die Situation nur noch verschlimmern, und selbst Alwynn oder sogar der Thane wäre dagegen machtlos. Außer ...

»Warum wird der Abbau eigentlich nur einem einzigen Salzsieder bewilligt?«, fragte sie, der plötzlichen Eingebung folgend. »Die Solen an der Küste sind ergiebig genug für mindestens drei davon, und mit mehr Konkurrenz am Hals würde Herward es sich zweimal überlegen, ehe er versucht, die Leute zu übertölpeln.«

Cynric langte nach einem Stück Brot, biss hinein und kaute ungerührt, ohne ein Wort zu sagen. Einen schier endlosen Moment lang. Als ob er ihre Frage überhaupt nicht gehört hätte. »Kein übler Gedanke«, brummte er schließlich und klaubte sich ein paar Brotkrumen von der Brust. »Die Frage ist nur, wer bereit ist, sich mit Herward anzulegen. Er wird zu einem tobenden Teufel werden, der jedem Konkurrenten das Leben schwer macht.«

»Er soll ruhig merken, dass die Zeit seiner Willkür vorbei ist. Schaden wird es ihm gewiss nicht.«

»Ihm nicht, aber seiner Frau und den Kindern.«

Damit hatte Cynric leider recht. Zweifellos würde der Salzsieder seine Wut vor allem an seiner Familie auslassen. Kannst du das verantworten?

Alwynn holte tief Atem. Es musste doch eine Lösung geben? Irgendeine. Aber wie oft hatte sie sich darüber schon den Kopf zermartert und war dennoch zu keinem Ergebnis gekommen! Der Salzsieder war einer der Gründe für ihre schlaflosen Nächte. »Dann werde ich in den nächsten Tagen an die Küste reiten und mit ihm sprechen«, beschloss sie.

»Bevor die Leute aus Boreham mit Beil und Keule auf ihn losgehen.« Die Miene des Stewards war noch unbeteiligter als üblich. Als ob ihm diese Aussicht sogar willkommen wäre.

Nein, es musste einfach einen anderen Weg geben.

Heimlich seufzte Alwynn auf, während die Leute um sie herum scherzten, lachten und sich am Essen gütlich taten. Vater hätte genau gewusst, was zu tun ist.

Der nächste Tag versprach sogar noch kälter und trüber zu werden. Eisregen hatte in der Nacht eingesetzt, das Land unter einem zähen, milchigen Schleier verhüllend.

»Die Sonne hat uns wohl vergessen«, murmelte Alwynn, als sie auf der Eingangstreppe zur Halle stand und die gefrorenen Schlammlöcher im Hof betrachtete. Einen kurzen Moment lang ergab sie sich der Erinnerung an Blumenwiesen, an strahlende Sommertage und laue Nächte.

Den Winter aus ganzem Herzen verwünschend, zog sie sich den Umhang bis zum Hals hoch und stieg vorsichtig, um nicht auszurutschen, die vereisten Stufen hinunter. Ja, sie würde sogar die Mückenplage im Sommer dem hier vorziehen.

Als sie die Vorratshütte erreichte und den Riegel aufschob, war ihr Haar feucht, die Schultern von Abertausend winzigen Eiskristallen bestäubt.

Sofort schlug ihr der würzige Geruch von Zwiebeln, Sellerie und Käse entgegen. Fahles Tageslicht fiel von dem Spalt oben am Dachfirst auf die Stapel von Holzfässern, Körben und Säcken. Entlang den Wänden standen Regale mit in Wachstuch gewickelten Käselaiben neben dickbauchigen Krügen voller Honigfrüchten und getrockneten Pilzen.

Konzentriert zählte Alwynn zuerst die kleinen Mehlsäcke, dann die etwas größeren mit dem Roggen- und Gerstenkorn darin. Sehr gut. Mehl war noch genügend vorhanden; im schlimmsten Fall konnte sie ein paar Säcke Roggen in die Dorfmühle bringen lassen. Der Vorrat an Gerste hingegen war seit Winterbeginn bedenklich geschrumpft, und sie mussten künftig sparsamer damit umgehen. Dennoch ließ sich ein Säckchen davon für die Witwe Wenyld aus dem Dorf erübrigen, dazu noch etwas Pökelfleisch, ein paar Kohlköpfe und Rüben. Nur eine kleine Unterstützung und ein armseliger Trost für den Verlust ihres Mannes, der letzten Sommer nach einem Jagdunfall gestorben war, dessen war sich Alwynn sehr wohl bewusst. Mehr konnte sie jedoch nicht tun, ohne der Witwe auch noch den Stolz zu nehmen.

»Aber Stolz allein macht deine Kinder nicht satt, Wenyld«, murmelte Alwynn und steckte noch einen halben Käselaib mit in den Korb.

»Herrin, Herrin, da kommt ein Reiter«, drang auf einmal eine Kinderstimme von draußen herein. Schon hörte sie Schritte auf der Stiege poltern, ehe der Kopf des kleinen Schmiedesohns im Türrahmen erschien.

»Ein Reiter, Herrin. Scheint’s mächtig eilig zu haben«, keuchte der Junge und zog die Nase hoch.

»Nanu?« Doch sobald sie vor die Tür trat, sah sie den fremden Krieger, der soeben durch das Haupttor hereinpreschte, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her.

Sofort eilte einer der Stallburschen herbei, um die Zügel zu nehmen, aber der Fremde hielt ihn mit einem unwirschen Händewink zurück, während sein Pferd schnaubend zu tänzeln begann.

»Ich suche Alwynn of Wertlyng«, dröhnte seine Stimme über den Hof. »Ich habe eine Nachricht für sie.«

»Ich bin Alwynn of Wertlyng.« Mit erhobenem Haupt trat sie näher. »Und wer seid Ihr?«

Augenblicklich hellte ein Grinsen das Gesicht des Fremden auf. Er musste einen langen Ritt hinter sich haben; verkrustete Schlammspritzer prangten auf seinen Schuhen, sein Kettenhemd unter dem Wollumhang war bereits matt angelaufen.

»Was denn, du erkennst mich nicht mehr? Obwohl, ich gebe zu, es ist schon eine ganze Weile her. Du bist gewachsen seither, mægden – in allen Belangen.« Seine stahlblauen Augen leuchteten unter dem tiefen Nasenschutz des Helms hervor, während er sie von oben bis unten musterte.

Entrüstet hob Alwynn das Kinn. Sie war sich sicher, diesen Rüpel noch nie zuvor gesehen zu haben, obschon sein Gesicht unter Helm und Bart beinahe unkenntlich war. »Wären wir uns je begegnet, könnte ich mich bestimmt an Eure miserablen Manieren erinnern«, entgegnete sie kühl. »Wenn Ihr mir darum Eure Nachricht geben würdet, ich habe keine Zeit für unnützes Geplänkel.«

Er lachte schallend auf. »Wigstans Schwester, kein Zweifel. Er ist übrigens bereits auf dem Weg hierher. Spätestens morgen Nachmittag sollte er eintreffen.«

Alwynns Herz machte einen Freudensprung. Wigstan kam nach Hause. Zum ersten Mal nach so langer Zeit. Herrje, und es gab noch so viel vorzubereiten.

Doch die Nachricht stimmte sie so gnädig, dass sie sich wieder dem Gebot der Gastfreundschaft besann und dem unverschämten Fremden sogar ein Lächeln gewährte. »Habt Dank für die Neuigkeit. Wollt Ihr Euch nicht zumindest am Feuer aufwärmen, bevor Ihr weiterreitet?«

»Beim nächsten Mal gerne, verehrte Herrin«, erwiderte er mit einer übertrieben galanten Verbeugung. »Aber ich bin im Auftrag des Königs unterwegs, und der sieht seine Befehle nicht gern verzögert.«

Alwynn tat ihr Bestes, um ihre Erleichterung zu verbergen. »Es muss ein sehr wichtiger Auftrag sein, wenn Euch König Edward dafür durchs Land hetzt. Nun, dem will ich natürlich nicht entgegenstehen.«

Wieder lachte der Fremde und zerrte sein unruhiges Pferd an den Zügeln herum. »Edward ist tot, der neue König heißt Harold – Harold Godwinson. Endlich der richtige Mann für Englands Thron.« Dann beugte er sich vor und flüsterte ihr augenzwinkernd zu: »Aber sobald ich meinen Auftrag los bin, komme ich zurück. Bis dahin fällt dir bestimmt auch mein Name wieder ein.«

Fassungslos starrte sie ihm nach, als er durch das Tor davongaloppierte.

Kapitel 2

Wertlyng

21. Januar 1066

Harold Godwinson ist der neue König!« – »Der Thane kommt nach Hause!« Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und Alwynn hatte alle Hände voll damit zu tun, die Euphorie der Gutsbewohner wie auch ihre eigene zu bändigen. In aller Eile hieß sie die Mägde, die Halle zu putzen, bis selbst das allerletzte Staubkorn beseitigt war.

»Ich will jeden einzelnen Schild an der Wand so blank poliert sehen, dass ich mich darin spiegeln kann«, befahl sie.

Frisches Stroh wurde auf dem Lehmboden verstreut und die Holztische glänzend geschrubbt.

Mit in die Hüften gestemmten Fäusten stellte sich Alwynn drei Kriegern in den Weg, die nach ihrer Schicht auf den Palisaden ein warmes Plätzchen zum Ausruhen suchten. »Ist das zu fassen? Ihr kommt mir hier nicht herein. Nicht mit diesen verdreckten Schuhen.«

Aus dem Schlafgemach des Thane, einer abgetrennten Kammer im hinteren Teil der Halle, schleppte sie sämtliche Felle und die Strohmatratze der Bettstatt zum Ausklopfen nach draußen. Über die Felle legte sie die neue Decke, die sie eigenhändig für Wigstan gewebt hatte. Allein um diesen warmen Braunton zu erreichen, war ein langwieriges, stetig wiederholtes Aufkochen der Wolle in übel riechendem Walnusssud nötig gewesen. Für das Sticken der in sich verschlungenen Drachen an der Borte hatte Alwynn Monate gebraucht. Dennoch war sie mehr als zufrieden, als sie nun das Ergebnis der Mühe betrachtete.

Wigstan wird sich bestimmt darüber freuen. Lächelnd strich sie die Decke glatt. Er wusste schließlich, dass es kaum etwas gab, das sie mehr verabscheute als Weben.

Würste und Wildschweinschinken wurden aus der Räucherhütte geholt, das fetteste Schwein für einen Braten geschlachtet. Zur Feier des Tages ließ Alwynn sogar ein paar der Weinkrüge bereitstellen, die sie letzten Sommer bei einem fahrenden Händler zu einem Wucherpreis erstanden hatte.

Dann, endlich, kurz nach Mittag des folgenden Tages, ertönte der ersehnte Ruf von den Palisaden: »Fünf Reiter von Norden!«

Ungeachtet der verblüfften Blicke raffte Alwynn den Rock und kletterte die Leiter zur Holzumzäunung hoch, von wo aus sie über das Dorf bis hin zum dichten Waldrand im Norden blicken konnte. Und tatsächlich. Dort, gleich bei der Wegbiegung vor der Mühle. Fünf Reiter, die in gemächlichem Trab den Pfad hoch zum Gutshof einschlugen. Sie erkannte Wigstan sofort. Er trug noch immer den rostroten Umhang, den ihm Vater vor Jahren geschenkt hatte.

»Bitte, Herrin. Tut uns allen den Gefallen und steigt wieder hinunter, bevor Ihr Euch den Hals brecht«, wisperte eine der Wachen neben ihr. Doch Alwynn beachtete ihn nicht. Sie stellte sich sogar noch auf die Zehenspitzen, um besser zu sehen. Wie schneidig Wigstan aussah: groß, breitschultrig und mit einer so stolzen Haltung, als wollte er es mit der ganzen Welt aufnehmen.

Erst als die Reiter nur mehr einen Steinwurf weit vom Tor entfernt waren, schrak sie zusammen. Der Willkommenstrunk. War das zu fassen? Wie hatte sie den nur vergessen können?

So rasch es der Stoffbausch ihres Rocks erlaubte, schlitterte sie die Leiter hinunter und riss sich dabei einen Holzsplitter in die Hand. »Donner, Speck und Bohnenbrei noch mal«, entfuhr es ihr so laut, dass die auf dem Hof versammelten Leute sie mit großen Augen anstarrten.

»Hier, Herrin.« Eine der Mägde eilte herbei und hielt ihr das mit Silberbeschlägen verzierte Trinkhorn hin.

Alwynn flüsterte ihr einen Dank zu, versuchte mit fahrigen Händen den Rock zu glätten, ohne ihn mit Blut zu besudeln. Gerade noch rechtzeitig, ehe Wigstan an der Spitze des Trupps durch das Tor einritt.

Die Begrüßungsrufe verebbten nur allmählich. Erst nachdem der Thane und seine Begleiter abgestiegen waren, unzählige Hände geschüttelt und Schultern geklopft hatten, trat Alwynn vor. »Wilcume, broðor«, sagte sie und reichte ihm das Trinkhorn.

Er nahm den Helm ab, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Ein Grinsen zuckte an seinen Lippen. Jenes verwegene Lausebengelgrinsen, das ihn viel jünger als die sechsundzwanzig Jahre wirken ließ und dem sie, schon seit sie Kinder gewesen waren, nie hatte widerstehen können. Sein schulterlanges Haar von der Farbe reifen Weizens war gewachsen und zerzaust. Doch selbst die langen Stirnfransen vermochten den Glanz seiner Augen nicht zu trüben – dunkel wie Torferde und mit moosgrünen Tupfen, die aufleuchteten, wenn er fröhlich war.

»Hab Dank, sweostor.« Wigstan neigte kurz den Kopf vor ihr, nahm den ersten Schluck und reichte das Horn an seine Begleiter weiter. Dann sah er sie an, das Grinsen wurde zu einem warmen Lächeln. »Aber nun genug formelles Getue.« Er breitete die Arme aus. »Willst du mich nicht endlich richtig begrüßen?«

Mehr Aufforderung bedurfte es nicht. Aufjauchzend warf sich Alwynn ihm entgegen.

»Ah, es tut gut, wieder zu Hause zu sein.« Mit einem zufriedenen Seufzen streckte Wigstan die Beine unter dem Tisch aus.

Der Geruch nach Braten, Met und Rauch erfüllte die zum Bersten volle Halle; sämtliche Gutsbewohner und sogar noch ein paar Leute aus dem Dorf waren gekommen, um den Thane willkommen zu heißen.

Und um sich den Bauch vollzuschlagen. Alwynn schmunzelte. Heute wollte sie nicht an die schwindenden Vorräte denken, sondern nur daran, dass Wigstan neben ihr saß.

Gewaschen und mit zurechtgestutztem Bart sah er beinahe wieder wie der junge Krieger aus, der damals voller Tatendrang ausgezogen war, um dem Earl of Wessex zu dienen. Doch aus dem Jungen ist ein Mann geworden, dachte sie voller Stolz. Sein Kinn war kantiger, die einst so weiche Linie seiner Lippen strenger geworden. Tiefe Furchen hatten sich in seine Stirn gegraben, und erst jetzt fielen Alwynn auch die zwei frischen Narben an seiner Wange und direkt an der Kehle auf. Ein kalter Schauer rieselte über ihren Rücken. Nein, sie durfte sich nicht anmerken lassen, wie sehr sie sich um ihn sorgte, Wigstan hätte sie nur ausgelacht.

Fröhliches Gelächter drang von den unteren Tafeln, dort auf der anderen Seite des Feuers, bis zu dem langen Tisch des Thane herüber.

»Wie habe ich das alles vermisst«, murmelte Wigstan.

Alwynn sah die kleinen, moosgrünen Punkte in seinen Augen aufleuchten. »Du hingegen hast uns kein bisschen gefehlt«, feixte sie, während sie ihm noch eine zweite Scheibe Braten auf den Holzteller lud.

Er lachte leise auf. »Ach? Wahrscheinlich bemutterst du mich deshalb wie eine Glucke ihr Küken.« Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er dann auf das Fleischstück vor sich. »Und mästen willst du mich anscheinend auch. Kennst du denn kein Erbarmen, Schwester?«

»Ha. Das sagt der Kerl, der ohne mit der Wimper zu zucken eine ganze Wildsau alleine verdrücken könnte«, meldete sich der Krieger neben Alwynn zu Wort. Ein Mann mit einem Nacken so breit wie der eines Stiers, doch mit einer Stimme, deren weicher Klang in keiner Weise zum Rest der Erscheinung passte. Er hatte sich ihr als Sibert of Kilsby vorgestellt und war der jüngste der vier Neuankömmlinge – Alwynn schätzte ihn kaum älter als zweiundzwanzig Jahre. Wie Wigstan und seine Begleiter gehörte auch er zur Housecarl-Garde des neuen Königs.

»Macht Euch nichts draus, Alwynn.« Voller Mitgefühl tätschelte er ihren Arm. »Euer Bruder ist nun mal ein undankbarer Rohling. Glücklicherweise gibt es noch solche wie mich, die die Annehmlichkeiten des Lebens zu schätzen wissen.« Schon streckte er seine Pranke nach Wigstans Teller aus.

»Wenn dir deine Finger lieb sind, lass das besser bleiben«, drohte Wigstan mit gespielter Strenge, den Knauf seines Messers direkt über Siberts Hand schwenkend. »Dein Kettenhemd ist dir ohnehin bereits viel zu eng.«

Mit einem süffisanten Lächeln lehnte sich der Hüne zurück, die Arme vor der Brust verschränkt. »Mag sein, doch haben sich die normannischen Hofdamen nicht über meinen Bauchumfang beklagt. Ganz im Gegenteil.«

Alwynn starrte ihn ungläubig an. »Ihr wart tatsächlich am normannischen Hof?«

»Wir alle waren dort«, erklärte Wigstan. Sibert und die drei anderen Housecarls nickten. »Zusammen mit Harold Godwinson. Das ist jetzt wie lange her? Ungefähr anderthalb Jahre vielleicht?«

»Stimmt. Der stürmischste Sommer, den ich je erlebt habe«, sinnierte Sibert. »Gott, und erst die Überfahrt. Die Wellen waren so hoch wie Berge, unsere Boote hingegen nur ein paar dümpelnde Nussschalen mittendrin. Wer nicht gekotzt hat, der hat sich irgendwo festgekrallt, Wasser gespuckt und gebetet. Die ganze Nacht lang.« Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Becher und holte Atem. »Bis es schließlich zu spät für eine Umkehr war und einige unserer Schiffe im Sturm gekentert sind. Zum Glück konnten sich die meisten von uns ans Ufer retten. Ich war noch nie zuvor so froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.«

»Nur leider war’s die falsche Küste«, fuhr Wigstan fort. »Statt in der Normandie sind wir im Ponthieu gelandet, einer kleinen Grafschaft östlich davon. Der dortige Herrscher schimpft sich zwar Vasall des normannischen Herzogs William, verpasst ihm jedoch noch lieber einen Tritt in den Hintern, wenn sich ihm die Möglichkeit dazu ergibt. Darum hat er uns gefangen genommen, um sich bei William ein Lösegeld zu ergaunern.« Seine Zähne blitzten, als er grinste. »Allerdings hat Guy de Ponthieu kaum mit der Sturheit des normannischen Bastards gerechnet. Schon gar nicht damit, dass der ihm mit einem Krieg drohen würde, sollte er uns nicht sofort freilassen.«

Sibert gluckste vor Vergnügen. »Oh ja, ich werde das Gesicht dieses Speichelleckers nie vergessen, als er zusehen musste, wie wir aus seiner schönen Festung marschierten. Er war ganz grün vor lauter unausgespuckter Galle, ich schwör’s.«

Was für eine Geschichte. Alwynn konnte kaum glauben, was die Männer erzählten, ihr drehte sich der Kopf vor lauter fremd klingenden Namen. Zwar hatte sie schon von William, dem Herzog der Normandie, gehört, den sie überall nur »den Bastard« nannten. Sie erinnerte sich auch an Vaters Erzählungen, wonach der alte König Edward dem Land jenseits der Meeresenge sehr zugetan gewesen sei, weil er selber viele Jahre dort im Exil verbracht habe. Einige der höchsten Ämter im Königreich waren darum schon seit Jahrzehnten von Normannen besetzt. Als Kind hatte sie sogar ein oder zwei von ihnen gesehen, wenn eine königliche Jagdgesellschaft in Wertlyng vorbeigeritten war. Vor allem aber erinnerte sie sich, wie sonderbar ihr die Fremden erschienen waren – mit ihren glatt rasierten Gesichtern, dem viel zu kurz geschnittenen Haar und der Sprache, die kein Mensch verstehen konnte.

»Aber warum in aller Welt habt ihr euer Leben für so eine gefährliche Reise riskiert?«, fragte sie kopfschüttelnd.

Wigstans Lachen hallte durch den Raum – eine Spur zu hart und ohne die Wärme von echter Fröhlichkeit darin. »Ich hatte ganz vergessen, wie neugierig du bist, Schwesterherz. Doch du solltest dein hübsches Köpfchen nicht mit Dingen belasten, die du ohnehin nicht verstehst.« Er sagte das so beiläufig und mit einer wegwerfenden Handbewegung, als hielte er das Thema hiermit für beendet. Dann stand er auf, stieß dabei seinen Stuhl heftig rumpelnd zurück, nahm seinen Becher und ging davon. Ohne ein weiteres Wort. Ohne ein einziges Wort der Entschuldigung. Der Teller mit dem Fleisch lag noch immer unberührt auf dem Tisch.

Alwynn starrte ihrem Bruder nach. Sie sah, wie er sich den Weg durch die Menge bahnte, dem einen oder anderen Bediensteten zuprostete. Mit ihnen lachte und scherzte. Und sich dann mit seinem hinreißendsten Lächeln zu einer Gruppe junger Mägde setzte, die sofort erröteten und kichernd die Köpfe zusammensteckten.

Er hat es nicht so gemeint. Nein, ganz bestimmt nicht. Sie kannte Wigstan schließlich gut genug, um es besser zu wissen. Niemals würde er sie absichtlich vor aller Augen beleidigen. Dennoch ... Der Kloß, der mit einem Mal in ihrer Kehle feststeckte, blieb. Unter dem Tisch versteckt, zupften ihre Finger am Stoff des Rocks.

Sie atmete tief ein und straffte die Schultern, um eine unbeteiligte Miene bemüht.

»Es war eine anstrengende Reise. Er ist nur müde, weiter nichts«, hörte sie Siberts sanfte Stimme neben sich.

Alwynn lächelte ihm zu. »Ja, natürlich. Ich weiß.«

Er nahm einen weiteren Schluck Met und deutete mit dem Kinn auf die leeren Plätze neben Alwynn. »Wie es aussieht, sind nur noch wir beide übrig geblieben.« Einer nach dem anderen hatten sich auch die drei restlichen Housecarls unter die Menge gemischt. Erst jetzt fiel ihr ein, dass während des ganzen Essens kaum ein Wort über die Lippen der Männer gekommen war.

»Sie sind nicht sehr gesprächig. Oder habe ich sie etwa auch mit meiner Fragerei verscheucht?«, versuchte es Alwynn mit einem Scherz.

Siberts Gesicht war offen, ehrlich und ohne jeden Anflug von Spott in den Augen. »Große Reden gehören nun einmal nicht zu den bevorzugten Tugenden eines Housecarls. Aber es sind gute Männer und hervorragende Krieger, genau wie Euer Bruder. Ich würde jedem von ihnen mein Leben anvertrauen.«

»Dann scheint Ihr die Ausnahme zu sein. Was das Gesprächigsein betrifft, meine ich.«

Wieder gluckste er und beugte sich dann mit verschwörerischer Miene näher. »Mein Vater wollte sogar, dass ich Priester werde. Er meinte, wenn jemand den ganzen Tag wie eine Singdrossel faselt, käme das fast einer Berufung gleich. Aber wehe, Ihr erzählt es weiter.«

»Mein hoch und heiliges Ehrenwort«, versprach Alwynn, konnte sich jedoch ein Kichern nicht verkneifen. Sie stellte sich den jungen Riesen in einer der weiten Kutten vor, wie sie Bruder Bedwig, der Dorfpriester der kleinen Kapelle von Wertlyng, immer trug. Ein fast tragisch-komisches Bild, wahrhaftig.

Sibert hob den Becher und prostete ihr grinsend zu. »Auf unser kleines Geheimnis. Einen ganz vorzüglichen Met habt ihr hier.« Er nahm einen tiefen Schluck und wischte sich mit dem Ärmel den Schaum vom Bart. »Und es geschah übrigens auf Geheiß König Edwards.«

Alwynn schüttelte verständnislos den Kopf. »Was?«

»Unsere Reise in die Normandie. So zumindest hat man uns gesagt, und ein Housecarl gehorcht, ohne die Befehle zu hinterfragen.« Er zuckte die Schultern. »Ihr wisst, dass unser Edward ein Blutsverwandter von William dem Bastard war, wenn auch um ein paar Ecken?«

Nein, davon hatte Alwynn nichts gewusst, doch das erklärte die enge Beziehung des verstorbenen Königs zu den Normannen umso mehr.

»Da er sich aber lieber seinen Gebeten statt seinem Eheweib zugewandt hat, ist die Ehe kinderlos geblieben. Er hatte also keinen rechtmäßigen Erben, den die Witan, die Königsräte, vielleicht als seinen Nachfolger hätten wählen können. Und wem, denkt Ihr, soll der gute Edward darum schon vor vielen Jahren die Krone Englands versprochen haben?«

Alwynn runzelte die Stirn. »Etwa diesem Normannen? Aber dem hätten die Witan doch niemals zugestimmt?«

»Wer kann das schon sagen«, meinte Sibert. »Aber sicher ist, dass Edward schon den alten Godwin gefürchtet hat wie der Teufel das Weihwasser, und dessen Söhne erst recht. Einen davon, Tostig, hat er aus dem Land verbannt, ein anderer darbt bereits seit Jahren als Geisel unter den Normannen. Zu viel Macht und Reichtum ist selbst dem beseeltesten König ein Dorn im Auge.«

»Dann hat er Harold also auf diese Reise geschickt, um auch ihn loszuwerden?«

»Oder um ihn in die Schranken zu weisen. Ganz dezent natürlich, damit auch ja keiner das Gesicht verliert. Wenn Ihr mir den Teller mit dem Braten herüberschieben würdet. Wäre doch schade um das gute Fleisch.«

Und Sibert schaufelte das Essen gieriger in sich hinein, als ein hungriger Wolf seine Beute verschlang. Alwynn glaubte ihren Augen kaum, als er anschließend einen ganzen Alekrug in einem Zug austrank und sich dann, einen gewaltigen Rülpser ausstoßend, zurücklehnte. Gute Güte, wie schaffte er das nur, ohne dass ihm dabei elend wurde.

»Viel besser. Reden macht hungrig, wisst Ihr.« Als hätte er einen Übungskampf vor sich, schüttelte Sibert die Arme aus und lockerte die Schultern. »Wo waren wir stehen geblieben? Ah ja, richtig, der eigentliche Grund unserer Reise. Nun, Edward hat Harold beauftragt, das Versprechen, das er William gegeben hatte, in seinem Namen zu erneuern. Wer Harold Godwinson kennt, kann sich jedoch vorstellen, wie seine Zähne vor unterdrücktem Zorn geknirscht haben, als er sein Schiff bestiegen hat.«

Gebannt hing Alwynn an den Lippen des jungen Housecarl und merkte dabei nicht einmal mehr, wie die Zeit verging. Er war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Verlieh seiner Stimme einen besonders dramatischen Klang, als er von Williams Feldzug gegen den aufrührerischen Herzog der Bretagne berichtete. Davon, dass Harold und seine Männer sich den Normannen angeschlossen und auf deren Seite gekämpft hatten. Von Harolds Heldentat, als er zwei normannische Soldaten aus dem Treibsand rettete und dafür von William sogar zum Ritter geschlagen wurde.

»Der Godwinson ist ein Teufelskerl«, schwärmte er mit vor Stolz und Ehrfurcht strahlendem Gesicht. »Mutig und kühn, wie sonst keiner. Er scheut keinen Kampf. Selbst im wüstesten Getümmel findet man ihn stets in der ersten Reihe, an der Seite seiner Männer. Manchmal kommt er mir fast wie einer dieser alten Götter vor: gewaltig und unerbittlich gegenüber seinen Gegnern, aber loyal und großzügig zu jenen, die ihm Treue schwören.«

Je länger sie zuhörte, umso mehr wurde ihr bewusst, wie winzig klein ihre eigene Welt doch war. Um ehrlich zu sein, hatte sie sich bisher nie besonders für die ganzen politischen Wirren und Scharmützel der Adligen interessiert. Wozu auch, sie war nie weiter als eine Tagesreise aus Wertlyng herausgekommen, und das auch nur, um Mutters Verwandte in Dover zu besuchen. Das wenige, das sie über den verstorbenen König Edward, über die Godwinsons und über die Normannen wusste, hatte ihr Vater abends am Feuer erzählt.

»So verbrachten wir ganze drei Monate an Williams Hof in Rouen«, fuhr Sibert fort. »Und ich muss gestehen, es war die bequemste und faulste Zeit meines Lebens. Eines muss man den Normannen lassen, sie verstehen es, Feste zu feiern, und William war ein vorzüglicher Gastgeber. Nicht, dass ich mich hier beklagen würde«, fügte er entschuldigend bei. »Aber den normannischen Hof muss man mit eigenen Augen gesehen haben, um zu glauben, dass es so etwas überhaupt gibt. Die Normannen bauen ihre Festungen aus Stein – gewaltige Festungen, so gut wie uneinnehmbar. Kein Vergleich zu unseren aus Holzlatten zusammengezimmerten Hütten.«

Alwynn lachte. »Bei Eurer Schwärmerei möchte man beinahe meinen, die Rückkehr sei Euch nicht leichtgefallen.«

»Ja, das haben die meisten von uns auch gedacht.« Siberts Stimme war mit einem Mal sehr leise geworden. Er blickte auf den Becher vor sich, der so zerbrechlich zwischen seinen riesigen Händen wirkte. »Jedenfalls, bis wir gemerkt haben, dass wir im Grunde nichts weiter als Gefangene sind.«

Verständnislos schüttelte sie den Kopf. »Aber ...«

»Das Versprechen eines alten, kranken Königs hat William nicht genügt. Er wollte den Treueeid des Mannes, der stark und mächtig genug ist, um ihm zum Rivalen zu werden.«

Unzählige, atemlose Momente vergingen, ehe Alwynn begriff. »Dann hat Harold dem Normannen also einen Eid geleistet. Nur deshalb seid ihr freigekommen.«

Er nickte. »Der Herrgott allein weiß, was sonst mit uns geschehen wäre.«

Und langsam, ganz allmählich sickerte auch das letzte Quäntchen des Geschehenen in Alwynns Verstand. »Doch der Godwinson hat die Krone Englands genommen, statt sie William zu überlassen. Er hat den Eid gebrochen«, flüsterte sie.

»Einen erzwungenen Eid.«

»Aber dennoch hat er ihn gebrochen.«

In der Halle war es ruhig geworden, die meisten Tische waren bereits zusammengeklappt und entlang den Wänden aufgestapelt. Die am Boden liegenden Gestalten schnarchten friedlich unter ihren Decken.

»Keiner von uns war dabei, als Edward gestorben ist, nur seine Frau und die Priester. Und natürlich Harold«, erklärte Sibert leise. »›In deine Hände gebe ich mein Weib, meine Krone und mein Reich.‹ Das sollen Edwards letzte Worte an den Godwinson gewesen sein, heißt es.«

»Und Ihr glaubt das auch?«, fragte sie vorsichtig und forschte im Gesicht des jungen Kriegers nach jedem noch so kleinen Zeichen des Zweifels.

Doch der erhob sich von seinem Platz, drückte das Kreuz durch und blieb dann vor ihr stehen. Das Licht der Talgfunzeln malte dunkle Schatten unter seine Augen. Er sprach ruhig, mit dem gewohnten weichen Klang in der Stimme: »Wie ich schon sagte, ein Housecarl befolgt Befehle, stellt jedoch keine Fragen. Unser neuer König heißt Harold Godwinson. Er ist ein guter Mann, was können wir mehr verlangen?« Mit langen Schritten ging er am Tisch vorbei und stieg die Stufen hinunter, die die Tafel des Thane von dem unteren Teil der Halle abgrenzten.

»Ich danke Euch, Sibert of Kilsby. Dafür, dass Ihr mir diese Geschichte erzählt habt«, rief sie ihm nach.

Er blieb stehen, wandte sich zu ihr um und nickte lächelnd. »Gute Nacht, Alwynn of Wertlyng.«

Als sie selber in der ruhigsten Ecke der Halle unter ihrer Felldecke lag, dachte Alwynn noch lange über seine Worte nach.

Ein Housecarl befolgt Befehle und stellt keine Fragen. Bedingungslose Treue mochte das Leben einfacher machen, unter Umständen sogar verlängern. Ließ sie zumindest Wigstans Verhalten ein Stück weit verstehen. Und was Harold Godwinson betraf ...

Du solltest dankbar sein, riet die Stimme der Vernunft in ihr. Dafür, dass er ihren Bruder heil aus der Normandie zurückgebracht hatte. Dafür, dass er ihrer Heimat Sicherheit gab.

Wer bist du, du einfältiges Ding, um über die Ehrbarkeit solch eines Mannes zu urteilen? Was einem Housecarl des Königs nicht zustand, stand erst recht keiner Frau zu, deren Besitz so unbedeutend war wie ein Kieselstein unter einem Pferdehuf.

Es musste weit nach Mitternacht sein, als sie den Schatten aus Wigstans Zimmer schleichen sah. Es war eine der jungen Mägde, mit der er nach dem Essen gescherzt hatte, die Glut der Feuerstelle leuchtete hell genug, damit Alwynn sie erkannte.

Mit einem Aufseufzen schloss sie die Augen und wickelte sich in die Decke. Wartete auf die einlullende Wärme, die den Schlaf bringen würde. Ihre Glieder waren schwer und müde, trotzdem fand sie keine Ruhe in dieser Nacht, noch konnte sie sich erklären, wo dieses leise, beklemmende Gefühl in ihrer Brust auf einmal herkam.

Kapitel 3

Im Süden von Rouen – Normandie

22. Januar 1066

Girard erwachte, als er ein warmes Schnauben an seinem Ohr und ein Ziepen an den Haaren spürte.

Augenblicklich fuhr er hoch, griff nach seinem Schwert und hielt inne, sobald er sich den riesigen Pferdenüstern gegenübersah. Was, in drei Teufels Namen ...?

Mit einem Schlag kehrte die Erinnerung zurück. Richtig, den Gaul hatte er am Vortag von einem Bauernhof gestohlen. Einen altersschwachen, graugefleckten Klepper, der weder für den Pflug noch für das Ziehen von Lasten kaum mehr taugte. Immerhin blieb Girard so das leidige Zufußgehen erspart, obwohl er mit aller Wahrscheinlichkeit zu Fuß sogar noch schneller vorangekommen wäre.

Girard ließ das Schwert wieder sinken und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, befühlte die Bartstoppeln, die juckten, als hätte ihn eine Horde Waldameisen gebissen.

Es musste früher Morgen sein, schwaches Tageslicht drang durch die Löcher im Strohdach der verlassenen Hirtenhütte.

Mit zusammengebissenen Zähnen rappelte er sich auf, versuchte die Kälte in seinen Gliedern zu ignorieren. Er hatte gestern nicht einmal gewagt, ein Feuer anzufachen, aus Angst, der Rauch könnte ihn verraten.

Kein Wunder, dass er sich fast den Hintern abfror, dachte Girard, als er seinen Umhang ausschüttelte. Der Stofffetzen war inzwischen so zerlöchert, dass er kaum noch gegen die Kälte schützte. Ebenso wenig wie der Lederkittel, den schon unzählige Risse zierten.

Er stieß zischend den Atem aus, als ihm die Tatsache einmal mehr bewusst wurde. Ein Landstreicher. Ja, genau das ist aus dir geworden. Du hast alles verloren. Zur Hölle, wann begreifst du’s endlich?

Niemals. So simpel die Antwort, so unmöglich war es, die Wahrheit zu akzeptieren, die sein leerer Bauch ihm mit hartnäckigem Unmut zuknurrte.

Am Boden zu seinen Füßen lag, was von seinem vorherigen Leben geblieben war: ein rostiges Schwert, ein Messer, ein Lederbeutel mit der Silberbrosche seiner Mutter, zwei Deniers und einem Stück steinhartem Brot darin. Alles andere hatten sie ihm genommen – sein Erbe, seinen Stolz und seinen Namen. Girard de Belsac gab es nicht mehr. Nur noch Girard, den Dieb. Girard, den Bettler.

Einen Fluch durch die Lippen pressend nahm er den Beutel auf und kramte nach dem Brotstück.

Noch immer sah er das Gesicht des Mannes vor sich, dem er das zu verdanken hatte. Er hörte die Stimme, die auf ihn niederschlug wie Donner im Sturmgeheul. »Du bist ein Nichts. Eine Halbblut-Missgeburt. Belsac wird dir niemals gehören.«

Die Narben auf Girards Rücken begannen wieder zu jucken.

Bernard Fitzrobert. Der Name seines Onkels hallte in seinem Kopf wider. Wie ein ständiger Begleiter, der ihn daran erinnerte, was es hieß, geprügelt, verjagt und verfolgt zu werden.

Girard schloss die Augen und atmete langsam ein und aus, eisern darum bemüht, die Wut in sich zu besänftigen. Die Atemstöße brachten nach und nach wieder Klarheit in seine Gedanken zurück. Erst jetzt merkte er, dass er das Brotstück in seiner Hand fast zu Krümeln zerquetscht hatte.

Narr. Du bist jung und kräftig, es bleibt dir noch viel Zeit für deine Rache. Doch was nützte jedes noch so tollkühne Sinnen nach Vergeltung, wenn er sich nicht bald aufraffte und um eine Lösung seiner Misere kümmerte?

»Hier. Kaum genug für zwei Bissen, aber immerhin.« Mit einem Aufseufzen hielt Girard dem Schecken die Brotkrumen hin und tätschelte den sehnigen Pferdehals. »Wir geben ein adrettes Paar ab, du und ich. Ein Geächteter und ein alter Gaul.«

Die Scharniere der Holztür kreischten beim Aufstoßen, dass es einem an den Zähnen wehtat. Vorsichtig spähte er hinaus, die Hand um den Schwertknauf gelegt. Die Luft roch nach Kälte und feuchter Erde. Nebelschwaden waberten über die weiten Felder, Raureif bedeckte die Gräser und Tannen des Waldes, an dessen Rand die Hütte stand, als wäre die Landschaft mit Silber bestäubt. Die verblassende Mondsichel hing über den Wipfeln der Tannen, während der grau-rosa schimmernde Himmel im Osten bereits den neuen Tag ankündigte. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Gut.

Am nahe gelegenen Bach wusch sich Girard den letzten Fetzen Schlaf aus den Augen. Das eisige Wasser brannte prickelnd auf seiner Haut, erweckte jedoch gleichzeitig wieder die Lebensgeister in ihm.

Seine wenigen Habseligkeiten waren rasch verpackt, die Wasserflasche gefüllt und am Sattel befestigt. Als der erste zögernde Sonnenstrahl die Tannenspitzen berührte, stieg er auf und lenkte das Pferd in den Wald hinein. Das war sicherer, statt über freies Gelände zu reiten, wo selbst ein Blinder die Hufabdrücke im Raureif erkennen würde. Außerdem ließ sich im dichten Unterholz mit Glück vielleicht sogar etwas Essbares finden.

Seinem Instinkt folgend, hielt er nach Norden, obwohl die Richtung im Grunde keine Rolle spielte. Solange sie ihn nur so weit wie möglich von Belsac fortführte.

Doch er war kaum eine Stunde unterwegs, als er Gebrüll und das Klirren von Schwertern hörte, das durch den Wald hallte.

Sofort zügelte er das Pferd. Lauschte dem immer lauter werdenden Lärm, während seine Hand an den Schwertknauf fuhr. Versteck dich. Sofort. Sein Verstand schrie es ihm entgegen. Insgeheim verfluchte er sich für seine Dummheit, als er abstieg, den Gaul ins dichte Unterholz führte, an einem Strauch anband und den Schreien folgte. Idiot. Es kann genauso gut eine Falle sein. Die Schergen seines Onkels hatten ihm schließlich schon mehr als einmal aufgelauert.

Lautlos pirschte Girard durch das Gebüsch. Auf jedes Rascheln, jedes noch so leise Knacken achtend.

Dort. Auf der Lichtung.

Er duckte sich hinter einen verrotteten Baumstamm, schrammte dabei die Schulter gegen die Rinde. Mist. Schon wieder ein Riss im Lederkittel.

Mit angehaltenem Atem spähte er durch die blätterlosen Zweige eines Holunderstrauchs. Die Lichtung lag direkt vor ihm. Zwölf Männer – nein, fünfzehn, die drei blutend und bewegungslos am Boden Liegenden mit dazugezählt. Sechs Krieger mit Helmen und knielangen Kettenhemden gegen eine Horde Banditen, die nicht mehr als Knüppel und Keulen in den Fäusten hielten. Eine Lappalie für jeden gut ausgebildeten, normannischen Soldatentrupp.

Doch Girard traute seinen Augen kaum. Schon wieder ging einer der Krieger unter einem Knüppelhieb zu Boden. Warum hat er nicht pariert?

Er selber hielt, weiß Gott, schon lange genug ein Schwert in der Faust, um die Fähigkeiten eines Kämpfers auf den ersten Blick zu erkennen. Wer immer die Männer dort jedoch unterrichtet hatte, sollte sich in Grund und Boden schämen. Wie blind fuchtelten sie mit ihren Schwertern vor den Nasen der Angreifer herum und führten die Waffen, als hielten sie Kochlöffel in den Händen – kopflos, ohne die eigenen Kräfte und das Gleichgewicht abzumessen. Noch hörten sie auf die gebrüllten Anweisungen ihres Anführers. Dem Einzigen, der in diesem Getümmel eine ordentliche Gegenwehr zustande brachte.

Girard ballte die Faust. Wenn die Schurken nicht bald die Lust verloren, war es um die Krieger geschehen, so viel stand fest.

Bevor er wusste, was er tat, umschloss Girard den Knauf des Schwerts mit beiden Händen, fühlte die Härte des Eisens in seinem Griff. Die Waffe war alt und schartig, doch sie musste ausreichen.

Er holte tief Atem – eins –, spannte die Finger um den Schwertknauf – zwei –, lauschte dem Pochen seines Herzens – drei – und sprang auf.

Ein dämlicher Esel bist du, schalt er sich im selben Moment. Doch sein eigenes Gebrüll hallte ihm bereits in den Ohren.

Den ersten Banditen streckte er mit einem gezielten Streich in den Rücken nieder. Sich dabei weder um die Regeln eines ehrenvollen Kampfes, noch um den erstaunten Aufschrei des Kerls kümmernd.

Dem zweiten, einem hässlichen, kahlköpfigen Fettwanst, stieß er den Ellenbogen mit aller Wucht ins Gesicht. Sah zu, wie der Dicke das Gleichgewicht verlor, über einen Stein stolperte, mit den Armen rudernd zurückfiel und wie ein gefällter Baum liegen blieb.

Mühelos parierte er die lausig geführten Stockhiebe des dritten – ha, wie voraussehbar die Schläge doch waren. Er sprang beiseite, wich aus. Köderte den Gegner, der keuchend und schwitzend jede Kraft verschwendete. Ein Katz- und Mausspiel, und Girard war der Jäger. Geduldig wartete er auf seine Gelegenheit, er brauchte nur einen winzigen Augenblick der Unachtsamkeit. Und er stieß zu. Die Spitze seines Schwerts drang tief in die Brust des Lumpen.

Ein Brüllen ließ ihn augenblicklich herumfahren. Gerade rechtzeitig, um dem Keulenschlag eines weiteren Angreifers auszuweichen. Er warf sich zur Seite. Das Schwert glitt ihm aus der Hand. Verdammt.

Auf allen vieren kroch Girard über den laubbedeckten Waldboden, nach der Waffe tastend. Wo? Herrgott, wo war das verfluchte Ding? Doch seine Hände fanden nur leere Eichelschalen und tote Blätter. Das Blut hämmerte an seinen Schläfen. Bleib ruhig. Konzentrier dich.

Aus den Augenwinkeln sah er den drohenden Schatten des Gegners näher kommen. Immer näher. Er hörte dessen gepressten Atem, der wie ein Knurren klang, als er zum nächsten Keulenschlag ausholte. Im selben Moment, in dem Girards Finger hartes Eisen berührten. Das Schwert – endlich.

Seine Hand krallte sich um den Knauf, und er sprang beiseite. Laubfetzen wirbelten auf, als die Keule, nur eine Armlänge von ihm entfernt, niederprallte.

Jetzt.

Mit einem wuchtigen Hieb stieß er die Klinge in die ungeschützte Seite des Angreifers, der mit einem Grunzen zusammenbrach.

Schwer atmend blieb Girard über dem leblosen Körper stehen. Erst nach und nach nahm er die Stille wahr, die mit einem Mal auf der Lichtung herrschte.

»Grundgütiger«.

Er sah sich über die Schulter um, als er das Flüstern hörte. Der Anführer des Kriegertrupps stand hinter ihm, Girard erkannte ihn sofort, der Mann war gut einen Kopf größer als seine Gefährten. Er hatte den Helm abgenommen, sein dunkles, kurzes Haar war zerzaust, und eine blutende Scharte zierte sein Kinn.

Mit ungläubiger Miene starrte er auf den Toten am Boden. Dann hob er den Blick. »Der Kerl und seine Kumpane haben uns ordentlich ins Schwitzen gebracht. Wer auch immer du bist, Fremder, du hast mir und meinen Männern soeben das Leben gerettet.«