Das Spiel der Königsmacher - Priska Lo Cascio - E-Book
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Priska Lo Cascio

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Beschreibung

Der erste Roman über Heinrich I und seinen Aufstieg zum König der Deutschen - Priska Lo Cascio lässt das Spiel der Königsmacher beginnen. Frankfurt im Jahr 911: Als Ludwig IV. im Sterben liegt, ruft er die Adeligen und Stammesfürsten des Ostfränkischen Reiches zu sich. Unter den vielen Reisenden zur Königswahl sind auch der sächsische Krieger Liuthar und Sarhild, eine fränkische Adelige, deren Familie beim König in Ungnade gefallen ist. Unversehens werden die beiden zum Spielball der Fürsten. Denn die Großen des Reichs wählen den Franken Konrad zum neuen König und übergehen damit Liuthars Landesherrn Heinrich, künftiger Herzog der Sachsen, der auf Rache sinnt. Zugleich erfährt Sarhild, dass der kranke König keines natürlichen Todes stirbt. In einer Welt, in der jeder jeden hintergeht, bleibt Sarhild und Liuthar nur eines: Den Aufstieg Heinrichs voranzutreiben … Liebe und Intrigen am Hof von König Heinrich I. - eines der spannendsten Kapitel in der Geschichte des Mittelalters. »Ein historischer Roman auf hohem Niveau!« denglers-buchkritik.de

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Seitenzahl: 688

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Priska Lo Cascio

Das Spiel der Königsmacher

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Der spannende Mittelalter-Roman von Priska Lo Cascio um den Aufstieg Heinrichs I. zum König der Deutschen - das Spiel der Königsmacher beginnt.

 

Frankfurt im Jahr 911: Als Ludwig IV. im Sterben liegt, ruft er die Adeligen und Stammesfürsten des Ostfänkischen Reiches zu sich. Unter den vielen Reisenden zur Königswahl sind auch der sächsische Krieger Liuthar und Sarhild, eine fränkische Adelige, deren Familie beim König in Ungnade gefallen ist. Unversehens werden die beiden zum Spielball der Fürsten. Denn die Großen des Reichs wählen den Franken Konrad zum neuen König und übergehen damit Liuthars Landesherrn Heinrich, künftiger Herzog der Sachsen, der auf Rache sinnt. Zugleich erfährt Sarhild, dass der kranke König keines natürlichen Todes stirbt. In einer Welt, in der jeder jeden hintergeht, bleibt Sarhild und Liuthar nur eines: Den Aufstieg Heinrichs voranzutreiben.

Inhaltsübersicht

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Teil 2

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Teil 3

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Teil 4

Kapitel 46

Anhang

Personenverzeichnis

Ortsbezeichnungen damals & heute

Begriffserklärungen

Literaturhinweise

Anmerkungen der Autorin

Die Herrschaft Konrads I. (911–919)

Teil 1

Könige, Herzöge & Brüder

Kapitel 1

Ende August des Jahres 911 – südöstlich des Harzgebirges – Sachsenland, Ostfränkisches Reich

Die Sonnenstrahlen fielen durch die Tannenäste und sprenkelten das niedergetrampelte Gras der Lichtung, wo noch immer Rauchfäden aus dem verkohlten Gerippe der Hütte aufstiegen. Das Summen der Scharen von Fliegen übertönte sogar das Knarzen der Äste im Wind. Die Luft roch nach Asche, Moos und Blut.

Liuthars Augen brannten. Vom Schweiß und vor Zorn.

Seine Finger umklammerten den Schwertknauf – ein bisschen fester mit jedem Schritt, den er sich den halbverbrannten Leichen bei der nahe gelegenen Umzäunung näherte.

Vier Leichen. Gefiederte Pfeile ragten aus ihren Körpern.

Er biss die Zähne zusammen. Vor nicht einmal einem Monat hatte er hier bei der Familie des Köhlers Unterschlupf vor einem Gewittersturm gefunden. Die Frau hatte ihm eine Pilzsuppe gekocht. Der älteste der beiden Söhne war ein geschickter Schnitzer gewesen, der jüngere noch kaum mehr als ein Knabe, mit Schalk in den Augen und Sommersprossen auf der Nase. Die von der Sommerhitze aufgeblähten Körper dort hatten nichts mehr mit ihnen gemein.

»Die Tochter. Der Köhler hatte noch eine Tochter!«, rief Liuthar seinen Männern zu. Richtig, jenes schüchterne Mädchen mit Haaren so blond wie reifes Sommerkorn. In ein, zwei Jahren wäre sie zu einer hübschen jungen Frau erwacht.

Sie fanden sie ein paar Schritte von der Lichtung entfernt neben einem Holunderbusch. Das zerrissene Kleid entblößte die Abdrücke gieriger Hände auf den Schwellungen ihrer Brüste. Blut klebte zwischen ihren Schenkeln und an der Kehle, die sie ihr durchgeschnitten hatten. Sie musste sich zu wehren versucht haben, in der Faust hielt sie ein Büschel schwarzen Haares. Der Ausdruck des Entsetzens lag noch immer in den weit aufgerissenen Augen.

»Diese verfluchten Hunde«, brummte einer der Männer hinter Liuthar, doch er antwortete nicht. Es gab nichts darauf zu erwidern.

Stattdessen kniete er neben der Leiche der Köhlertochter nieder, scheuchte die Fliegen fort und zog die Fetzen des Rocks über die Tote, um ihre Blöße zu bedecken. Mehr konnte er nicht für sie tun. Weder für sie noch für ihre Familie. Der Gedanke schmeckte wie heiße, bittere Galle. Sie waren zu spät gekommen.

Zu spät, um sie zu retten. Einmal mehr.

Einen Moment lang fühlte er jene gefährliche Wut in sich aufbrodeln, die er sonst eisern im Zaum hielt.

Rauch, Blut und Tod. Dasselbe Bild, das sich ihnen bereits seit einer Woche bot. So lange verfolgten sie das ungarische Barbarengesindel schon, das plündernd und brandschatzend über alle Siedlungen und Gehöfte herfiel, die auf ihrem Weg lagen.

Sie nannten sich selbst magyarok, Männer der Erde; für alle anderen waren sie die Magyaren, Ungarnhunde oder die Teufel. Eine Plage, die das Ostfränkische Reich bereits seit drei Jahren heimsuchte – immer von Frühling bis spät in den Herbst hinein. In Horden von jeweils etwa zwanzig Reitern überquerten sie die Grenze, schlugen zu – schnell, brutal und gnadenlos –, um danach wieder zu verschwinden wie Geister im Wind. Heiden, die das Blut ihrer Gefallenen tranken, damit deren Stärke und Mut weiterlebte, hieß es. Wilde Krieger, deren Pfeile, sogar vom galoppierenden Pferd aus abgeschossen, das Ziel trafen und die Harnische der Gegner durchstießen, als bestünden diese aus Wachs.

Was die Schießkünste der Magyaren betraf, so hatte Liuthar sie während seiner Gefolgschaft unter dem sächsischen Herzogssohn Heinrich schon bei unzähligen Angriffen mit eigenen Augen gesehen. Ein Anblick, der jedem guten Christenmenschen den Glauben nehmen konnte. Denn welcher barmherzige Gott konnte zulassen, dass niemand diese Tiere aufzuhalten vermochte, weder die Sachsen noch die Baiern oder die Alemannen, geschweige denn die Feiglinge aus Franken.

Zähneknirschend stand er auf. »Begrabt sie.«

»Und was ist mit den Ungarn?«, rief einer der Männer.

»Ja, wir sollten ihrer Spur folgen, ehe sie über alle Berge …«, wandte ein anderer Krieger ein, verschluckte jedoch das letzte Wort, als Liuthar mit zwei riesigen Schritten vor ihm stand und ihn am Nacken packte.

Er ließ die Worte tief in der Brust grollen und deutete mit dem Schwert auf die Toten. »Sieh dir die Leichen an. Sie sind von der Hitze aufgedunsen, also liegen sie schon mindestens einen halben Tag lang da. Und was, meinst du, hat das zu bedeuten, he?«

»Dass die Ungarn mindestens einen ebenso langen Vorsprung haben«, winselte der Krieger und zog mit schmerzerfüllter Miene die Schultern hoch.

Liuthar grub die Finger noch tiefer in den Nacken des Mannes. Er konnte die angespannten Muskelstränge fühlen. Der Schmerz musste höllisch sein, er wusste es. »Einen Vorsprung, den wir ohnehin nicht mehr einholen können, ohne die Gäule zu Tode zu schinden. Wenn ich also sage, dass die Toten begraben werden sollen, dann hast du zu gehorchen.«

Damit stieß er den Mann von sich, während sein Blick über jeden Einzelnen seiner Krieger wanderte. »Das gilt für euch alle.« Ein Befehl und eine Warnung zugleich. Die Anweisungen eines Anführers waren Gesetz und duldeten keinen Widerspruch.

»Du«, hieß er den nächstbesten Krieger, einen jungen Burschen namens Wido, »reite nach Scenderslebe, Heinrich und sein Gefolge warten dort auf uns. Berichte ihm, was hier vorgefallen ist und dass wir in der Gegend bleiben, um sicherzugehen, dass die Ungarn nicht zurückkommen. Verstanden?«

»Wort für Wort.« Der Junge nickte eifrig, schwang sich auf sein Pferd und war schon im nächsten Moment hinter Tannen und Büschen verschwunden.

Ohne ein weiteres Wort nahm Liuthar sein Beil vom Gurt und begann, den Boden für das erste Grab aufzuhacken.

Einer nach dem anderen folgten die anderen seinem Beispiel. Schweigend und ohne weiteres Murren.

Es waren gute Männer. Allesamt hervorragende Krieger und dem Sachsenherzog treu ergeben. Liuthar würde jedem von ihnen sein Leben anvertrauen, doch die letzten Tage hatten an ihren Kräften gezehrt. Er sah es in den verdreckten Gesichtern, an den Schatten unter den Augen, die immer dunkler wurden, und an den zusammengepressten Lippen. Es war zermürbend, einen Gegner zu verfolgen, der einem, wie durch Zauberei, stets zehn Schritte voraus zu sein schien.

Sie verfolgten die Spur der Horde weiter in Richtung Osten, bis die Sonne hinter den Graten des Harzes versank. Erst dann gab Liuthar den Befehl, das Nachtlager in den Ruinen einer alten, verlassenen Hügelfestung aufzuschlagen.

Bald schon brutzelten die vier Hasen, die sie unterwegs erlegt hatten, an einem Ast über dem Feuer und verströmten einen würzigen Duft, der allen das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Das Flackern der Flammen malte tanzende Schatten auf den eingefallenen Steinhaufen, der einst Teil der Wallanlage gewesen sein musste.

Mit einem unterdrückten Seufzen lockerte Liuthar den Gurt mit dem Schwertgehänge und der Schlaufe, an der die langstielige Kriegsaxt hing, und setzte sich auf einen Felsbrocken. Heimlich drückte er den Rücken durch. Welch Wohltat. Doch er stöhnte, als der Schmerz durch seine verspannten Schultern schoss.

Einer der Männer legte ein paar Hand voll frische Hasel- und Wacholderzweige ins Feuer. Sofort begannen die Flammen, daran zu lecken, und der herbe Geruch stieg mit dem Rauch empor. Er vertrieb die Mücken, die in Schwärmen vom nahe gelegenen Moor herbeisirrten. Beinahe noch blutrünstiger als die Ungarn.

Der Gedanke ließ erneut Bilder in Liuthars Erinnerung aufleben: Die Familie des Köhlers. Dessen Tochter. Ihr Haar hatte beinahe dieselbe Farbe gehabt wie das von …

Instinktiv ballte er die Hand zur Faust, schloss die Augen und versuchte, seinen Atem zu beruhigen. Eigentlich hätte er längst an solche Anblicke gewöhnt sein sollen. An Tod, Blut und Zerstörung. Jeder Krieger musste damit leben, doch an gewisse Dinge gewöhnte man sich nie, noch konnte man sie je vergessen. Und genau das machte das Bedürfnis nach Rache noch viel unbezähmbarer. Er musste es wissen, er lebte schließlich schon lang damit. Seit drei Jahren, elf Mondläufen und fünf Tagen.

Mit den Fingern berührte er das Stoffband, das unter der Lederschiene an seinem rechten Unterarm hervorlugte. Ein gewebtes Saumband mit einem Rautenmuster aus blauer und roter Wolle.

Ewara. Sie hatte das Band an ihrem Hochzeitskleid getragen. An jenem Frühlingstag, als die Sonne vom Himmel gestrahlt und sich in ihren Augen verfangen hatte.

Sachte strich er über den ausgefransten Webrand. Seine Hände wirkten so grob dagegen, dunkel vom Dreck und mit rauher Hornhaut an den Fingerknöcheln, am Daumen und an den Handballen. Zurechtgeschliffen von den Jahren des Kämpfens mit Schwert, Beil und Speer. Dabei zählte er gerade erst sechsundzwanzig Winter. Alt genug, um schon Witwer zu sein.

Erneut fühlte er, wie der Hass tief in seinem Innern zu sieden begann.

Die Ungarn. Diese Höllengeburten zu töten, einen nach dem anderen, so viele er nur konnte. Seine Rache, seine Genugtuung, sein Ziel. Das einzige Mittel, das die Rastlosigkeit in ihm wenigstens vorübergehend zu mildern vermochte.

»Zu viel Grübeln schlägt auf den Magen. Habe ich dir das etwa nicht beigebracht?«

Die rauchige Stimme ließ Liuthar abrupt den Kopf heben. Sofort stopfte er das Stoffband zurück unter die Lederschiene. Verflucht, ertappt.

Mit einem leisen Grunzen setzte sich der Krieger neben ihn, streckte ihm einen Trinkschlauch entgegen. Das mit Wasser vermischte Gerstenbier schmeckte schal, doch wenigstens löschte es den Durst.

»Es ist eine Plackerei, diesen Ungarnhunden beizukommen. Ich kann meinen Arsch kaum noch spüren«, brummte der Mann, während er sich mit dem Zeigefinger über den Nasenrücken fuhr.

Dreimal verflucht. Liuthar ahnte, was die Geste bedeutete, er kannte den alten Alfhard lang genug, um das Vorzeichen zu erkennen: Im besten Fall würde nun eine Schimpftirade folgen, im schlimmsten Fall jedoch ein schier endloser Redeschwall, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, wie es sich der Krieger offenbar zu seiner ganz persönlichen Mission gemacht hatte.

»Du bist nicht mehr der Jüngste, daran wird’s liegen«, meinte Liuthar mit einem absichtlich tiefen Knurren. Insgeheim jedoch wohl wissend, dass das nicht den geringsten Eindruck auf den Alten machen würde.

Prompt schnaubte Alfhard, rieb sich wieder mit dem Finger über die Nase und blähte die Wangen auf, so dass sein Bart erzitterte. »Ha, da hör sich doch einer diesen Grünschnabel an. Du redest schon wie Heinrich. Wen wundert’s, ihr habt mich beide mit eurer Dreistigkeit bereits früher fast zum Wahnsinn getrieben, du und der Herzogssohn.« Das schelmische Funkeln in seinen Augen strafte den Vorwurf in den Worten des Alten Lügen. »Dabei habt ihr jungen Kerle keine Ahnung vom wahren Kriegerleben. Nicht die geringste.«

Ohne dass er es wollte, zuckte ein Schmunzeln über Liuthars Lippen. Kaum zu glauben, Alfhard hatte es wieder einmal geschafft. Wie machte er das nur?

Dabei hatte das Verhältnis zwischen ihnen wahrlich nicht immer zum Besten gestanden. Im Gegenteil, Liuthar erinnerte sich noch lebhaft an die Zeit, als sein Vater ihn als Knaben zum Gefolge des Sachsenherzogs geschickt hatte, damit er das Kriegerhandwerk erlernte. Eine große Ehre, und für den jüngsten, erblosen Sohn eines Gaugrafen die einzige Möglichkeit, etwas im Leben zu erreichen.

Alfhard war sein Ausbilder gewesen. Sein schlimmster Alptraum während all der Stunden des Waffenunterrichts bei Regen, Schnee und Kälte im Winter und brütender Hitze im Sommer. Sein Vorbild, sobald er gelernt hatte, die Strenge des Alten von dessen Weisheit zu unterscheiden.

Inzwischen waren Jahre vergangen, er war längst nicht mehr der vorwitzige Bengel von damals, sondern gehörte zu den angesehensten Anführern der Reiterei im Dienste des Herzogssohns Heinrich und zu dessen engsten Vertrauten. Nicht umsonst nannten sie ihn »den Falken«. Weil er und seine Männer zu den schnellsten und am meisten gefürchteten Reitern des ganzen Sachsenlandes gehörten, denen nur selten eine Beute entkam. Wohl gerade deshalb gehörte Alfhard zu den wenigen, die den Mut aufbrachten, Liuthars Nähe zu suchen, wenn er in dieser trübseligen Stimmung war. Allein dafür gebührte ihm Respekt.

»Lass dir eines gesagt sein, Falke«, wetterte der Krieger unbeirrt weiter. »Als ich in deinem Alter war, habe ich wochenlang im Sattel gesessen, ohne auch nur ein Mal abzusteigen. Gegessen und geschlafen habe ich zu Pferd, jawohl, und es hat mich keinen müden Furz weit gestört.« Herausfordernd knuffte er Liuthar den Ellbogen in die Seite.

»Als du in meinem Alter warst?«, gab Liuthar bemüht ernst zurück. »Ich staune, dass du dich überhaupt noch daran erinnern kannst. Das muss doch schon über hundert Jahre her sein.«

»So?« Alfhard reckte das Kinn vor. Fältchen gruben sich jedoch in die Haut an seinen Augenwinkeln. »Und woher willst ausgerechnet du das wissen, he?« Er quittierte die Worte mit einem grandiosen Rülpser, ehe er sich vorbeugte und flüsterte: »In meinen Knochen fühlt es sich an, als wär’s sogar zweihundert Jahre her. Aber wehe dir, du verrätst es einem der anderen.«

Liuthars Grinsen wurde breiter. Er spürte, wie sich der Knoten in seiner Brust langsam löste – wenigstens ein bisschen –, und er brachte sogar ein leises Auflachen zustande. Er schätzte diesen alten Gesellen, dessen bärtiges, von Sonne, Wind und Wetter zerfurchtes Gesicht eine Ruhe ausstrahlte, die von Erlebtem zeugte und keinen Hochmut nötig hatte.

Eine Weile lang saßen sie nebeneinander, teilten sich das verdünnte Gerstenbier und ein Stück Brot mit Käse aus Liuthars Proviantsack, nagten schweigend ein jeder an seinem Anteil des Hasenbratens. Den Gesprächen der Männer am Feuer lauschend, die sich Geschichten erzählten. Von Helden und Schlachten aus vergangenen Zeiten oder von ihren Familien daheim. Die Art von Geschichten eben, die sich Krieger erzählten, um neuen Mut zu fassen und einen Moment lang zu vergessen.

»Du solltest dich ausruhen, Junge. Wenigstens heute Nacht.« Alfhards Stimme war auf einmal leise geworden, mit einem beinahe väterlich klingenden Unterton darin. »Deine Unrast bringt sie nicht wieder ins Leben zurück.«

Liuthar nahm einen letzten Schluck aus dem Trinkschlauch, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Da war es wieder – das Gefühl, das sich um seine Brust legte wie ein dickes, kaltes Eisenband. »Einen halben Tag«, presste er hervor. »Hätten wir die Lichtung nur einen halben Tag früher erreicht, wäre die Köhlerfamilie …«

»Du weißt, von wem ich rede.«

Ja, verdammt. Doch er wollte nicht darüber sprechen. Mit niemandem. Nicht einmal mit Alfhard.

Ein anderer Gesprächsstoff. Schnell. »Die Mücken sind heute Nacht besonders gierig. Muss am Vollmond liegen«, sagte Liuthar, während er eines der Quälgeister auf seinem Handrücken totschlug und aufstand. »Ich muss mich um die Einteilung der Wachschichten kümmern.« Das freie Atmen gelang ihm erst wieder, nachdem er dem wissenden Blick des Alten entflohen war.

 

Am nächsten Tag erreichten sie die Grenze des Sachsenreichs am Ufer der Saale, als die Sonne schon fast im Zenit stand.

Es war ein Leichtes gewesen, der Ungarnhorde zu folgen. Als ob sie sie verhöhnen würden, hatten sich die Teufel nicht einmal die Mühe gemacht, ihre Spuren zu verwischen.

Die Augen gegen die Sonne zusammengekniffen, suchte Liuthar die Umgebung ab. Nichts zu sehen. Nur ein paar Sträucher und Erlen, die den Fluss säumten, und die sanften Hügel aus Weideland am gegenüberliegenden Ufer, wo bereits das Land der Mähren lag.

»Haben sich aus dem Staub gemacht, die feigen Hunde«, fluchte einer der Männer.

So sah es aus. Trotzdem stieg Liuthar vom Pferd, trat ans Ufer und ging in die Hocke.

Das Gras entlang der diesseitigen Böschung war niedergetrampelt, die Abdrücke von Pferdehufen im Uferschlamm hätte selbst ein Blinder gesehen.

Zu einfach. Zu offensichtlich.

Vorsichtig berührte er eines der Huflöcher am Boden.

Der Abdruck war frisch, nicht einmal einen halben Tag alt, und der Schlamm noch immer feucht.

Er hob den Blick zum anderen Ufer und verharrte. Angestrengt auf die Grasbüschel dort drüben starrend, die so nahe an den Fluss reichten, dass die Spitzen der ungebrochenen Halme im Wasser schwammen. Dicht, in der Strömung wallend und von keinem einzigen Huf berührt.

Ein tiefes Knurren drang aus seiner Kehle. »Diese Mistkerle haben uns an der Nase herumgeführt.«

»Da! Seht doch den Rauch!« Bei Alfhards Ruf blickten sich alle um.

Mit zwei Riesenschritten war Liuthar wieder bei seinem Pferd angelangt, sprang in den Sattel, trieb dem Tier die Fersen in die Seiten und preschte los. Nach Süden, den dunklen Rauchsäulen entgegen. Dorthin, wo Scenderslebe lag. Dort, wo Heinrich auf sie hatte warten wollen.

Kapitel 2

Scenderslebe – im Südosten des Sachsenlandes

An der Spitze der Schar jagte Liuthar über die Hügel. Durch ein Buchenwäldchen. Hinab in die Talsenke. Bis zu dem kleinen Fluss, an dessen Mäander die Ortschaft Scenderslebe lag.

Der Lärm war bereits von weitem zu hören – Schreie, das Brüllen von Männern und das klägliche Wiehern von Pferden. Schon konnte er den beißenden Qualm riechen.

Rauch, Blut und Tod.

Sein eigenes Keuchen hallte ihm in den Ohren wider. Er löste die Streitaxt vom Gurt. Der Durst nach Rache. Er schwoll wieder an. Niederträchtig und erbarmungslos.

Das Flusswasser spritzte schäumend auf, als Liuthar über die Furt ans andere Ufer preschte, wo die ersten brennenden Hütten standen.

Neben einem vertäuten Fischerboot am Steg sah er die Leiche eines Mannes im Wasser treiben. Ein Pfeil ragte ihm aus dem Rücken.

»Fünf Männer mit mir, der Rest schwärmt aus! Kesselt sie ein! Sie dürfen nicht entkommen«, brüllte er seinen Kriegern zu, während er das Pferd unerbittlich vorwärtstrieb. Auf die Ansammlung von Wohnhütten, Getreidespeichern und Ställen zu, die rund um den großen Platz vor der Herrenhalle lagen.

Flammen züngelten aus den Strohdächern, die Rauchschwaden machten das Atmen schwer, ließen die Augen tränen.

Irgendwo hörte Liuthar das Kreischen von Frauen und Kindern.

Er klammerte die Finger noch fester um den Schaft der Axt. Immer weiter, und nicht auf die Leichen achten, die überall am Boden lagen.

Heinrich. Bestimmt hatte er sich mit seinen Männern bei der Herrenhalle verschanzt.

Der Pfeilregen schien aus dem Nichts zu kommen, prasselte wie ein Schwarm wütender, sirrender Wespen auf ihn herab. Wiehernd stieg Liuthars Pferd auf die Hinterbeine. Im letzten Moment krallte er die Finger in dessen Mähne, riss die Zügel herum. »Deckung!«

Mit einem dumpfen Röcheln brach der Krieger neben ihm im Sattel zusammen. Der Pfeilschaft in seiner Kehle zitterte vom Aufprall.

Liuthar sah sie inmitten der Rauchschwaden: heulende Schatten. Dämonen, deren Unterkörper mit ihren Pferden verwachsen schienen – halb Tier, halb Mensch. Mit langem, wehendem Haar und spitzen, fellumrandeten Helmen. Mit sonderbar geformten Bögen in den Händen, von denen jeder Reiter innerhalb kürzester Zeit unzählige Pfeile abschießen konnte. Kein Wunder, dass die Leute sie für die leibhaftigen Ausgeburten der Hölle hielten.

Er biss die Zähne zusammen, fühlte das Prickeln auf der Haut, das Hämmern in der Brust.

Näher heran. Sie mussten näher an sie herangelangen. Denn die Ungarn scheuten den Nahkampf, in dem ihre Bögen nutzlos waren.

Er sog zischend den Atem ein. Sein Blick fuhr zu seinen Männern. Vier waren noch übrig. Sie mussten genügen.

Ein letztes Nicken zu den Kriegern neben ihm. Dann holte er mit der Axt aus.

»Hêli sahse-rik!« Heil dem Sachsenreich! Der Ruf gellte aus seiner Kehle, als er vorstieß.

Den ersten Gegner erledigte er mit einem gezielten Streich am Hals, ohne sich um das Blut zu kümmern, das ihm dabei ins Gesicht spritzte. Den zweiten stieß er mit einem Faustschlag vom Pferd, bevor er ihm die Axtklinge tief in die nur mit einem Lederwams geschützte Brust rammte.

Das Beil niederschlagen, die mickrigen Ungarnsäbel aus den Händen hacken und weiter vordringen. Dabei möglichst den Pfeilen der zurückfallenden Reiter ausweichen und nicht an die Gefahr denken. Die Rache. Sie schmeckte süß und köstlich, und Liuthar trank sie aus vollen Zügen.

Der beißende Rauch aus den Hütten drang ihm mit jedem Atemzug tiefer in die Brust. Sei’s drum. Der Platz mit der Herrenhalle lag nur noch einen Steinwurf entfernt vor ihnen.

Überall wieherten Pferde, klirrten Waffen und gellten Schreie der Verwundeten.

Aus dem Augenwinkel sah Liuthar eine Bewegung an der Hüttenwand zu seiner Rechten. Den blauen Stoffzipfel eines Kleids. Langes, hellbraunes Haar und das vor Entsetzen erstarrte Gesicht eines kleinen Mädchens.

Instinktiv riss er das Pferd herum.

Fast gleichzeitig spürte er den Ruck, der das Tier durchfuhr, als zwei Pfeile dessen Hals und die Flanke trafen. Nur eine Handbreit von Liuthars Knie entfernt.

Mit einem Schrei bäumte sich das Ross auf, verlor das Gleichgewicht, fiel auf die Seite.

Gerade noch rechtzeitig sprang Liuthar aus dem Sattel. Eine Welle aus glühendem Schmerz durchfuhr seine Schulter, als er gegen den Eckpfeiler der Hütte prallte. Stöhnend rappelte er sich auf. Wo war seine Axt?

Die zähnefletschende Fratze des Ungarnkriegers tauchte so plötzlich vor ihm auf, dass er zurückwich und nach seinem Schwert griff.

Zu langsam. Mit einem ohrenbetäubenden Schrei stürzte sich der Kerl auf ihn, warf ihn zu Boden. Der Aufprall presste Liuthar die Luft aus der Brust. Bleierne Schwärze betäubte einen Moment lang seine Sinne, doch der Geschmack von Blut in seinem Mund brachte das Bewusstsein zurück. Der ranzige Gestank von eingefettetem Leder und Zwiebeln. Das Gewicht eines Körpers über ihm und die Hände, die ihn würgten.

Er riss die Augen auf.

Der Ungar hatte den Helm beim Sturz verloren. Schwarze, an den Schläfen geflochtene Haarzotteln fielen ihm ins Gesicht. Eine Lederschnur mit Silberamuletten und Perlen aus Bernstein baumelte an seinem Hals. Er war noch jung – jung, zäh und kräftig. Und seine Finger drückten auf Liuthars Kehle.

Rote Flecken tanzten Liuthar vor den Augen.

Wehr dich. Kämpfe. Tu etwas. Irgendetwas.

Der Dolch.

Mit aller Kraft spannte Liuthar die Muskeln an, riss einen Arm hoch und presste die Hand gegen das Kinn des Gegners, während die andere nach dem Horngriff des Messers am Gürtel suchte und nur abgewetztes Leder ertastete.

Nein, er würde nicht so sterben.

Doch sein Arm zitterte schon vor Anstrengung.

Er knirschte mit den Zähnen, als seine Finger den Dolchgriff endlich fanden. Ein letztes Anspannen der Muskeln. Ein letztes Sammeln der verbliebenen Kraft.

Der junge Ungar zuckte zusammen, erstarrte mit ungläubig geweiteten Augen. Sofort lockerte sich der Griff seiner Hände. Ein dünner Blutfaden rann ihm von den Lippen, bevor er lautlos über Liuthar zusammensackte.

Nach Atem hechelnd, blieb Liuthar liegen. Blinzelte, bis sich sein Blick klärte und er die breitschultrige Gestalt mit dem Schwert in der Hand erkannte. Das von Staub und Rußschlieren verdreckte Gesicht, das stolz vorgereckte Kinn und die Augen von der Farbe glattpolierten Zinns.

»Du und deine Männer habt euch ordentlich Zeit gelassen, mein Freund«, hörte Liuthar die Stimme, in der trotz des Keuchens jene vertraute, spöttische Note mitschwang, wie sie nur dem Herzogssohn Heinrich in solchen Momenten gelang.

Ächzend befreite sich Liuthar von dem toten Gegner und kam auf die Beine.

Erst jetzt bemerkte er die Ruhe, die auf einmal rundum herrschte. Die atemlose Stille nach einem Gefecht. Wenn der Sturm vorbei war, der Kampfesrausch alle Kräfte aufgezehrt hatte und die Erkenntnis, überlebt zu haben, einem erst wieder bewusst werden musste.

Wo, zur Hölle, war seine Axt?

Da lag sie. Unter der Flanke seines toten Pferdes. Er hob die Waffe auf und trat vor seinen Befehlshaber, wischte die Klinge am Ärmel sauber, ehe er sie zurücksteckte. »Wir waren vielleicht spät dran, aber mit Verlaub, du ziehst den Ärger an wie ein Misthaufen die Fliegen.« Worte, die die meisten anderen den Kopf gekostet hätten und die nur Liuthar sich erlauben durfte, das wusste er.

Tatsächlich hatte er sich schon unzählige Male gefragt, wie es zu dieser schnörkellosen Freundschaft gekommen war. Zwischen ihm und Heinrich lagen, durch Rang und Name bedingt, Welten. Doch die Jahre des Kampfes Seite an Seite hatten jenes unerklärliche Band der Brüderlichkeit geschmiedet, und es gab kaum einen Menschen, dem er mehr vertraute – außer Alfhard vielleicht.

Ein Grinsen machte sich auf dem Gesicht des Herzogssohns breit, ließ ihn einen Moment lang viel jünger erscheinen als die fünfunddreißig Jahre, die er zählte. »Ärger, sagst du?« Ein kurzes Lachen drang aus seiner Kehle, als er Liuthars Arm zum Gruß ergriff. »Wahrscheinlich muss ich deinen Arsch deshalb immer wieder aus dem Dreck ziehen.« Mit einem Ruck riss er Liuthar an sich, schlug ihm auf die Schulter. »Es tut verdammt gut, dich zu sehen.«

Nur wenig später folgte er dem Herzogssohn durch die Ruinen. Seine Schulter tat noch immer weh, und seine Kehle schmerzte beim Schlucken, doch das war nicht weiter der Rede wert.

Zwölf Tote und zehn Verletzte – drei von ihnen würden die Nacht nicht überleben –, dazu rund die Hälfte der Wohnhütten nahezu vollständig zerstört. Das traurige Ergebnis des Angriffs in Scenderslebe.

Wer von den Dorfbewohnern und Kriegern überlebt hatte, kümmerte sich um die Verletzten auf dem Platz vor der Herrenhalle oder half, die Leichen auf Karren zu laden, damit sie auf das Feld neben der kleinen Kapelle vor dem Dorf gebracht werden konnten. Wenigstens die war heil geblieben. Der Priester würde dieser Tage jedoch kaum zur Ruhe kommen, denn bei der Hitze mussten die Toten so schnell wie möglich beerdigt werden. Das Ausbrechen einer Seuche wäre das Letzte, was Scenderslebe noch fehlte.

Mit langen Schritten marschierte Heinrich zum nächsten Karren, auf den man die toten Ungarn gehäuft hatte. Sie hingegen würden verbrannt werden – ohne Segen, wie es Heiden nicht anders verdienten.

»Wie viele sind entkommen?« Heinrichs Stimme klang ruhig und gefasst. Einzig der harte Zug um seine Lippen und die zwei senkrechten Wutfurchen zwischen den Augenbrauen verrieten, wie sehr er um Beherrschung kämpfte.

»Neun Mann«, antwortete Liuthar. »Ein paar meiner Reiter sind ihren Spuren gefolgt. Sie sind nach Süden geflohen. Über die Grenze in Richtung Erfesvurt.«

»Gut.« Ein winziger Funke der Genugtuung leuchtete in den Augen des Herzogssohns auf.

»Wir sollten ihnen dennoch nachsetzen. Wer weiß, ob sie uns nicht schon wieder hinters Licht führen.«

»Nein.« Heinrichs Antwort klang strenger als sonst. Er fuhr auf dem Absatz herum. »Sollen sich zur Abwechslung die Franken um sie kümmern.«

Die Franken, ausgerechnet. Der Himmel möge ihnen allen beistehen.

»Seit wann kümmern die sich um irgendetwas anderes als um großspurige Reden und ihren Dünkel?« Liuthar schnaubte. Was konnte man von Feiglingen erwarten, die ein Kind als König auf den Thron des Ostfrankenreichs setzten? Einen schwächlichen Jungen namens Ludwig, der, glaubte man den Geschichten, der einzige legitime – und vor allem noch lebende – Spross des karolingischen Herrschergeschlechts sein sollte. Dabei war jedem mit einer Spur gesundem Menschenverstand klar, dass Ludwigs Königserhebung lediglich dem Schmarotzergesindel der Bischöfe und fränkischen Adelsfamilien zugutekam, die das Reich an seiner Stelle regierten.

»Auf die Franken zu zählen, das ist, als ob man eine Schar Karnickel in ein Wolfsrudel verwandeln wollte. Eine verlorene Sache, und das weißt du.«

Liuthar versuchte es noch einmal. »Lass mich mit meinen Männern den Ungarn folgen. Nur zur Sicherheit.«

»Ich sagte nein.« Die Schärfe der Worte untermauerte den Befehl mit Unerbittlichkeit.

Liuthar presste die Lippen zusammen, blieb stramm und mit gestrafften Schultern vor seinem Anführer stehen. Trotz der Freundschaft kannte er seine Grenzen. Und Heinrichs Sturheit.

»Um die Sicherung der Grenze werde ich mich selbst kümmern«, erklärte der Herzogssohn, mit einem Mal wieder völlig ruhig. »Für dich habe ich eine andere Aufgabe, Falke.«

Sofort horchte Liuthar auf, sagte jedoch nichts. Die Haare sträubten sich ihm im Nacken.

»König Ludwig ist schwer erkrankt. Es heißt, er werde den Herbst kaum überleben.« Heinrich sprach leise.

Das Kribbeln in Liuthars Nacken wurde heftiger.

»Die Herzöge und Adligen des Reichs sind darum nach Franconovurt gerufen worden. So auch mein Vater. Und ich will, dass du und dein Tross ihn begleitet. Du bist der Einzige, dem ich sein Leben mit gutem Gewissen anvertrauen kann.« Damit drehte er sich um und ließ Liuthar einfach stehen.

Nach Franconovurt. Er fluchte im Stillen. Ins Land der Schmarotzer und Feiglinge. Kreuz und Krätze. Ausgerechnet er.

Kapitel 3

Zur selben Zeit in der Festung von Raezunnes – Churrätien, Alemannien

Sarhild spürte das Trommeln ihres Herzens in der Brust, als sie vor dem Eingang zum Hauptsaal stand. Ein letztes Mal den Rock glattgestrichen, eine vorwitzige Haarlocke hinters Ohr geklemmt und tief Atem geholt. Dann stieß sie das Tor auf.

Ein Schwall dicker, warmer Luft wehte ihr entgegen.

Gute Güte, was für eine Hitze.

Das Grollen eines Donners schien in den Festungsmauern nachzuhallen, bevor das Heulen des Windes wieder lauter wurde. Nirgendwo sonst hatte Sarhild jemals solch gewaltige Gewitterstürme erlebt wie hier im Bergland Churrätiens. Sie hatte sich auch während der letzten fünf Jahre noch nicht daran gewöhnt. Ein Schauder rann ihr über den Nacken.

Die Fensteröffnungen der Halle waren mit Holzläden verschlossen, Fackeln brannten an den hohen Säulen und Wänden, und in der eckigen Feuerstelle mitten im Raum loderten Flammen.

Langsam, Schritt für Schritt, umrundete Sarhild das Feuer, folgte dem Säulengang bis zu den Holzstufen, die zum Podest hochführten. Vorbei an den glänzend polierten Schilden und gehörnten Tierschädeln an den Wänden. Den Kopf hocherhoben und den Schweiß ignorierend, der ihr über den Rücken rann.

Schon von weitem erkannte sie die Frau, die dort auf dem mit Fell überzogenen Sessel neben dem Holztisch saß: Regilinde. Die Ehefrau ihres Vetters und somit ihre angeheiratete Base, die während der Abwesenheit von Vetter Burchard der Festung und dem Gesinde vorstand. Tochter eines reichen, alemannischen Gaugrafen und der allerletzte Mensch auf Erden, der Sarhild für gewöhnlich Aufmerksamkeit schenkte.

Wie immer hielt sich Regilinde kerzengerade, das dunkle Haar an den Schläfen zu Zöpfchen geflochten, die die feinen Linien ihres Gesichts umschmeichelten. Eigentlich ein einnehmendes Gesicht, wenn man von den stets zusammengekniffenen Lippen absah und den etwas zu großen Augen, deren Farbe je nach Licht von Schlammbraun zu Pechschwarz wechselte. Kalte Augen.

Wer konnte es Vetter Burchard übelnehmen, dass er sich anscheinend lieber irgendwo in seinen Ländereien aufhielt als hier auf seiner Stammburg. Das letzte Mal hatte Sarhild ihn vor mehr als drei Monaten gesehen.

Über dem weißen Untergewand trug Regilinde einen Überrock aus feinstem tannengrünem Leinen mit prächtigen Stickereien an Ausschnitt und Saum, und um ihre Hüfte lag ein Gürtel aus geflochtenen Hirschlederbändern.

Dagegen wirkte Sarhilds Aufmachung wie die einer Bäuerin.

Sogleich hob Sarhild das Kinn noch etwas höher, begegnete dem Blick ihrer Gastgeberin mit betonter Distanz. In ihren Adern floss ebenso adliges Blut, ihre Familie stammte von einem der ältesten Geschlechter des Frankenlandes ab. Sie war Sarhild von Babenberch, und ja, man mochte sie aus der Heimat vertrieben, ihr Rang, Namen und Zukunft gestohlen haben, den Stolz hingegen, den konnte ihr niemand nehmen. Auch wenn ihre Herkunft seit Vaters Hinrichtung nicht den geringsten Wert mehr hatte.

Bei der ersten Stufe angelangt, blieb sie stehen. »Ihr habt nach mir gerufen?« Dabei nickte sie zur Begrüßung – ganz kurz nur. Gerade genug, um den nötigen Respekt zu zeigen.

»Du hast lang auf dich warten lassen.« Mit dem Zeigefinger klopfte Regilinde auf den Knauf der Armlehne, während sie Sarhild vom Scheitel bis zur Sohle musterte.

Sarhild antwortete nicht. Wozu auch? Was immer sie sagte, es wäre für das hochnäsige Weib ohnehin einerlei.

»Wie dem auch sei.« Regilinde winkte ungeduldig ab. »Ich habe dich rufen lassen, weil …«

Im selben Moment bemerkte Sarhild den Mann, der aus der dunklen Ecke hinter dem Tisch trat. Groß, breitschultrig und mit jenem so vertrauten spitzbübischen Grinsen.

»Bürk!« Sofort eilte sie die Stufen hinauf und warf sich ihrem Vetter in die Arme. »Seit wann bist du denn wieder da?«

»Eben erst angekommen«, sagte er lachend, nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und küsste sie auf die Stirn. »Wie geht es dir, Base?« Er trat einen Schritt zurück, betrachtete sie mit einem Augenzwinkern und strich ihr eine blonde Haarsträhne von der Wange. »Du bist in den letzten Monaten noch hübscher geworden. Die Bergluft Rätiens scheint dir zu bekommen.«

Er sah müde aus, bemerkte Sarhild. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen, das schulterlange schwarze Haar klebte ihm in nassen Strähnen im Gesicht, während Umhang, Hemd und Beinkleider dampften und vor Schlammspritzern strotzten. Trotzdem war das Funkeln in seinen Augen noch immer wie damals, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Vor fünfzehn Jahren, als er im Gefolge seines Vaters, dem mächtigen Markgrafen Rätiens, ins Frankenland gekommen war, um seine Tante, Sarhilds Mutter, zu besuchen. Ein vorwitziger Bengel mit Sommersprossen auf der Nase war er gewesen, nur ein paar Jahre älter als sie selbst, und er hatte sie immer wegen ihres fränkischen Akzents aufgezogen, in dem Burchard wie »Bürkhart« klang.

Aus dem Jungen war inzwischen zwar ein stattlicher Mann mit Pflichten und Privilegien geworden, der Name Bürk jedoch war all die Jahre hindurch geblieben. Er passte zu ihm und erinnerte Sarhild an die Streiche, die sie zusammen ausgeheckt hatten. An eine andere Zeit. An ein anderes Leben. Inzwischen zählte sie einundzwanzig Sommer, und nichts war mehr so wie früher.

»In der Tat, die Luft hier scheint ihr so gut zu bekommen, dass sie sogar jeden Anstand vergisst«, ertönte Regilindes Stimme hinter ihr.

Sogleich trat Sarhild zurück, neigte pflichtschuldigst den Kopf. »Verzeiht meinen Übermut, aber ich freue mich, meinen Vetter nach all den Wochen wiederzusehen«, entgegnete sie ruhig, vermied es jedoch mit Absicht, Regilinde mit »Herrin« anzusprechen. Sollte diese deshalb vor Ärger Galle spucken, sei’s drum.

»Ich hoffe, dein Vater ist wohlauf?«, fragte sie und wandte sich erneut an Bürk. Obwohl die Frage eigentlich nur der Höflichkeit halber gestellt war. Denn je weiter entfernt ihr Oheim sich aufhielt, desto lieber war es Sarhild. Das mochte undankbar klingen – zugegeben, schließlich hatte sie nur dank ihm hier im Land der Alemannen eine Zuflucht gefunden. Damals, als sie zusammen mit ihrer treuen Dienerin aus dem Frankenland hatte fliehen müssen. Von Vaters Feinden gejagt und auf ewig als Tochter eines Königsabtrünnigen gebrandmarkt.

Dennoch … mit seinem wild wuchernden Bart und dem Wolfsfell auf den Schultern sah der ältere Burchard aus wie ein unheimlicher Waldtroll. Er redete nicht, sondern bellte Befehle und das in einer so fürchterlichen Mundart, dass sie meist kaum ein Wort verstand.

»Dem alten Schurken geht es gut.« Bürk lächelte noch immer, während er sich an den Tisch setzte und Wein in einen Zinnbecher einschenkte. »Launisch und streitsüchtig wie eh und je ist er und treibt damit die Grafen der umliegenden Gaue schier zur Weißglut.« Er leerte den Becher in einem Zug, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und füllte den Becher von neuem. »Ah, das tut gut. Komm, setz dich zu mir, Base, ich habe mit dir zu reden«, sagte er und deutete auf den Stuhl neben seinem.

Sarhild zögerte, sah kurz zu Regilinde, die auf ihrem Sessel saß. Stocksteif und mit einer Miene, so eisig wie ein gefrorener See.

Sie rückte den ihr zugewiesenen Stuhl ein Stück vom Tisch weg, ehe sie sich hinsetzte. Dabei spürte sie Regilindes Blick so deutlich, als würden Giftpfeile gegen ihre Schulter geschleudert.

Auch den zweiten Becher leerte Bürk in großen Schlucken. Das Poltern hallte im Raum wider, als er ihn auf den Holztisch niederfahren ließ. »Es gibt Neuigkeiten aus dem Frankenland.« Mit einem Mal war der Schalk aus seinen Augen verschwunden, seine Stimme klang tiefer. Ernster. »Es heißt, König Ludwig läge im Sterben.«

Stille. Eine zähe Stille, in der nur das Knistern des Feuers zu hören war.

Der König lag im Sterben. Jener Junge mit den blutunterlaufenen Augen und dem Gesicht so bleich wie der Tod selbst. Das Kind, das den Befehl für Vaters Hinrichtung gegeben hatte.

Nur mit Mühe lockerte Sarhild die zu Fäusten geballten Hände. Ihre Handflächen brannten an den Stellen, wo sich die Fingernägel in dunkelroten Halbmonden ins Fleisch gegraben hatten. Nach und nach begriff sie die Endgültigkeit dieser Tatsache. »Das sind …« Sie holte tief Luft und bemühte sich um einen neutralen Tonfall. »Das sind tatsächlich unerwartete Nachrichten.«

Dennoch vermochte sie das Schlingern ihrer Stimme kaum zu beherrschen und presste die Hand auf den Mund. Wenn da doch nicht dieses Brodeln in der Brust wäre, das jeden Moment in einem lauten Gelächter aus ihr herauszubrechen drohte.

Gott, vergib mir.

»Wie kannst du es wagen?«, gellte Regilinde sogleich von ihrem Sessel her und sprang auf die Beine. »Unser König steht bald vor dem Schöpfer, und was tust du? Du lachst?«

Sarhild wandte den Kopf und sah sie an. Das Lachen war mit einem Schlag versiegt, machte stattdessen einer kühlen Klarheit Platz. »Er ist einer der Mörder meines Vaters. Ihr werdet verstehen, wenn ich über sein Ableben keine Träne vergieße.«

»Dein Vater war ein Aufrührer und Verräter. Er hat seine gerechte Strafe erhalten.« Regilindes Nasenflügel bebten.

»Er hat um den rechtmäßigen Besitz der Familie gekämpft. Um das Land, das der König und dessen Speichellecker uns gestohlen haben.«

»Jetzt nennst du Ludwig etwa auch noch einen Dieb?«

»Es reicht!«, donnerte Bürk. »Seid still, alle beide!« Er stieß den Atem aus und schüttelte den Kopf. »Vater hat recht: Zwei Weiber in einem Raum sind schlimmer als eine Horde Ungarn. Dabei habe ich weiß Gott Wichtigeres zu tun, als eure Zänkereien mitanzuhören.«

Sofort presste Sarhild die Lippen zusammen.

Dumme Gans, man biss nicht in die Hand, die einen fütterte. Wohin sollte sie denn gehen, wenn Regilinde ihr das Gastrecht entzog? Etwa zu den Sachsen? Zu diesem Otto, dem Ehemann ihrer verstorbenen Tante? Niemals. Zwar hatte sie den Sachsenherzog nie persönlich getroffen. Wozu auch? Er hatte Vater damals im Stich gelassen und trotz der Verwandtschaftsbeziehungen nicht eingegriffen, als die Babenbercher alles verloren. Mehr brauchte sie über ihn nicht zu wissen, und eher würde sie sich als Magd verdingen, bevor sie ihn um Hilfe bat.

Dennoch konnte sie das leise Gefühl von Genugtuung nicht verdrängen, als Bürks Frau sich beleidigt, und ihrem Ehemann einen vorwurfsvollen Blick zuwerfend, wieder auf dem Sessel niederließ.

»Immerhin … euer Weiberkrieg macht mir meinen Entschluss leichter«, fuhr Bürk in einem etwas milderen Tonfall fort.

Welcher Entschluss?

Er faltete die Hände auf dem Tisch. »Die Großen des Reichs sind nach Franconovurt gerufen worden.«

Die Großen, so wurden die Herzöge und einflussreichsten Adligen genannt. In Alemannien gab es nur eine Handvoll von ihnen, wie Sarhild wusste. Dazu gehörte auch Oheim Burchard.

Bürks Oberlippe zuckte, und er fuhr in einem leisen, verächtlichen Tonfall fort: »Erchanger vom Tuiel und sein verkommener Bruder Berchtold können es wahrscheinlich kaum noch erwarten, Königstreue zu heucheln, und werden sich so schnell wie möglich auf den Weg machen. Die Stimmung in Rätien ist jedoch zurzeit zu angespannt, als dass mein Vater seine Pflicht wahrnehmen könnte. Deshalb werde ich an seiner Stelle reisen.«

Das klang einleuchtend. Aber warum erzählte er ihr das alles?

»Und du wirst mich begleiten.«

Sarhild erstarrte. Hatte sie eben tatsächlich richtig gehört?

Zurück ins Frankenland. Nach Hause. Dorthin, wo der Name ihrer Familie zu einem Unwort geworden war, wo Vaters Mörder noch immer lauerten und geifernd die Klauen wetzten.

Sofort schwappten die Erinnerungen an die Monate der Flucht hoch: die Kälte und die Angst und der Dreck. Von der Heimat war ihr nur noch ihre Magd geblieben – Wilrun, jene treue alte Seele. Alles andere war im Feuer und unter den Hufen der Häscher zerstört worden, als hätte Sarhild nie existiert.

»Ich verstehe dich nicht.« Regilindes Worte klangen schrill. »Sie ist ein verwöhntes Ding ohne Anstand, und du willst sie dafür auch noch belohnen?«

»Sie hat jedes Recht der Welt, ihre Heimat wiederzusehen«, erwiderte Bürk mit tiefer, grollender Stimme. »Dir dürfte ihre Abwesenheit außerdem sehr gelegen kommen. Oder willst etwa du mich begleiten, wo dir die Unbequemlichkeiten langer Reisen doch ein Greuel sind?«

Regilinde schnappte empört nach Luft, klappte jedoch den Mund sogleich wieder zu und lehnte sich mit störrisch erhobenem Kinn gegen die Rückenlehne.

An Sarhild gewandt, fuhr Bürk fort: »Sei unbesorgt, mittlerweile sind Jahre vergangen. Wer soll sich an dich erinnern, du warst damals doch noch fast ein Kind? Aber um ganz sicherzugehen, wird keiner meiner Männer den Namen deiner Familie erwähnen, und ich stelle dich Fremden gegenüber lediglich als eine entfernte Verwandte vor. Solange du dich unauffällig verhältst, dürfte für dich also kaum Gefahr bestehen.«

Sarhild spürte, wie sich der Knoten in ihrem Magen löste und einer vorsichtigen, hoffnungsvollen Freude Platz machte.

Bürk hatte recht. Wer sollte sie nach all den Jahren erkennen? Welcher von Vaters Feinden würde außerdem eine Babenbercherin im Gefolge eines alemannischen Gaugrafensohns vermuten?

»Du wirst gar nicht bemerken, dass ich da bin«, versprach sie eifrig nickend, beugte sich vor und drückte Bürk einen Kuss auf die Wange – Regilindes Aufkeuchen zum Trotz. »Danke, Vetter. Hab tausendmal Dank.« Damit dreht sie sich um, rannte durch die Halle zurück nach draußen.

»Wilrun«, rief sie, noch ehe sie die Tür zu der kleinen Kammer erreichte, die sie mit ihrer Magd teilte.

»Bei Gottes gütiger Gnade, was ist geschehen?« Die Ältere fuhr erschrocken vom Schemel auf.

Lachend fasste Sarhild nach ihren Schultern, umarmte sie. »Stell dir vor, Wilrun, wir gehen zurück nach Hause. Zurück ins Frankenland.«

Kapitel 4

September 911 – auf dem Weg nach Franconovurt – Frankenland

Bereits seit Tagesanbruch waren sie nach Franconovurt unterwegs: Liuthar zusammen mit dem alten Alfhard und dreißig berittenen Kriegern zum Schutz Herzog Ottos, einer Schar Dienern, drei Köchen, einem Priester sowie einem mit Proviant beladenen Ochsengespann, das, flankiert von drei Männern, dem Zug hinterherruckelte. Der langsamste Tross, den die Welt je gesehen hatte.

Einmal mehr stöhnte Liuthar innerlich auf. Wenn das so weiterging, dauerte allein die Hinreise eine Ewigkeit. Außerdem würde das Wetter bald wechseln – der Wind war kühl geworden und roch nach totem Laub und Regen. Der Herbst kam früh in diesem Jahr.

Von Burg Grona aus zogen sie in Richtung Süden bis zur Werra, deren Flusslauf die Grenze zwischen dem Sachsen- und dem Frankenreich bildete. Dann weiter das Tal der Fulda entlang, vorbei an Chassalla.

Was für ein unaussprechlicher Ortsname. Ein fränkischer Name, kein Wunder. Obwohl Liuthar insgeheim zugeben musste, dass die Festung mit dem imposanten Palisadenwall am Westufer des Flusses es durchaus mit einem sächsischen Wehrbau aufnehmen konnte. Eher biss er sich jedoch die Zunge ab, bevor er das laut aussprach.

Es war am Nachmittag des vierten Tages, als der Zug schließlich, dem alten Handelsweg folgend, den Fuß des Hügels passierte, auf dessen Anhöhe die Mauern von Friedeslar schon von weitem zu sehen waren. Genauso wie die Köpfe der Wachen hinter den Brüstungen. Liuthar zählte deren zwanzig allein entlang der Westflanke.

Instinktiv spannte er die Schultermuskeln an, seine Hand legte sich um den Schwertknauf. Vergebens versuchte er, das ungute Gefühl zu verdrängen, das ihn schon seit Beginn der Reise nicht loslassen wollte. Zwar trug der Krieger hinter ihm die Holzstange mit dem Zeichen Ottos, einem Adler auf grünem Grund, zusammen mit dem Banner des Königs als Beweis ihrer friedlichen Absichten. Trotzdem. Bei diesen Franken konnte man nie vorsichtig genug sein.

»Kaum zu glauben, dass aus dem einstigen Bethaus eine so ansehnliche Königspfalz geworden ist, nicht wahr?« Die Stimme seines Herzogs riss ihn aus den Gedanken.

Erstaunt wandte Liuthar den Kopf und begegnete Ottos Blick. »Herr?«

Belustigung blitzte in den Augen Ottos auf, eine der dichten, fast schon weißen Brauen fuhr in die Höhe, während ein Lächeln sein vom Leben und unzähligen Schlachten gegerbtes Gesicht erhellte.

»Die Wachen stehen dort oben, um die Reisenden auf der Handelsstraße zu beschützen, nicht, um uns anzugreifen. Außer ein grimmig dreinschauender Sachsenkrieger mit der Hand am Schwert erregt ihr Misstrauen«, fuhr der Herzog in unbeschwertem Tonfall fort.

Sofort zog Liuthar die Hand zurück, stieß den Atem aus und brummte: »Euer Sohn hat mir den Auftrag gegeben, Euch zu beschützen …«

»Ich weiß, ich weiß«, unterbrach Otto ihn und hob begütigend die Hand. »Ich erlaube mir nur einen kleinen Scherz mit dir. Vorsicht kann nicht schaden, da hast du recht, und ich weiß deine Bereitschaft zu schätzen. Dennoch …« Der Blick des Herzogs wanderte hinauf zu den Mauern auf dem Hügel, wo die Strahlen der Herbstsonne die Helme und Speerspitzen der Wachkrieger aufblitzten ließen. »Ich glaube, die Franken haben zurzeit genug andere Sorgen, als sich um einen bedeutungslosen Trupp Sachsen zu kümmern.«

Liuthar horchte auf. Hatte da ein nachdenklicher Unterton in der Stimme des Älteren mitgeschwungen?

»Ihr meint wegen König Ludwig?« Er zuckte die Schultern. »Falls er stirbt, verlieren sie lediglich eine Puppe in ihren Händen. Ich kann nicht behaupten, dass mich das besonders schmerzen würde.« Und solange man sie während der Reise in Ruhe ließ, sollte es ihm nur recht sein.

Verstohlen beobachtete Liuthar Ottos Profil: die etwas zu wulstige Nase, das kantige Kinn, dessen Linie der weiße Spitzbart noch unterstrich. Obwohl der Herzog die siebzig Winter schon längst überschritten hatte, bestand er darauf, zu Pferd zu reiten. Alle Bemühungen, ihn dazu zu überreden, im eigens mitgeführten Karren zu reisen, hatte er lediglich mit einem abfälligen Zungenschnalzen quittiert. Ein echter, stolzer Sachse eben.

Einen Augenblick lang verzogen sich Ottos Lippen zu einem Schmunzeln, ehe ein Schatten seine Züge verdunkelte, und er nickte. »Wie du denken viele, und das nicht nur auf sächsischer Seite. Unruhen und Unzufriedenheit machen sich schon lang überall im Reich bemerkbar.« Er legte den Kopf in den Nacken und sah zum Himmel hoch, wo eine Schar Wildgänse in Keilformation in Richtung Süden flog.

»Unter den alemannischen und fränkischen Adelssippen herrschen Intrigen und Machtkämpfe – angespornt durch hohe Kirchenmänner, die damit nur ihren eigenen Einfluss auf den Kindskönig vergrößern. Die Baiern nutzen jeden Anlass, um Unruhe zu stiften. Und die Lotharinger …« Der Herzog atmete tief ein und senkte den Kopf. »Jeder weiß, dass sie nur auf eine Gelegenheit warten, um sich den Westfranken anzuschließen.« Seine Stimme klang leise, als er weitersprach. »Es ist diese Uneinigkeit, die das Reich schwächt. Die es vergiftet wie ein gärendes Eitergeschwür. Und das Geschwür wird endgültig aufreißen, sobald der König stirbt.« Worte mit jener drohenden Schwere einer Prophezeiung, die den Atem stocken ließ.

Entgeistert starrte Liuthar den Alten an, vergaß dabei einen Moment lang, wie respektlos das war, und wandte rasch den Blick ab, konzentrierte sich stattdessen auf die drei Fliegen, die um die Ohren seines Rappens schwirrten, damit Otto nichts bemerkte. So resigniert hatte er seinen Herzog noch nie reden hören.

Natürlich wusste auch er um die politischen Ränkespiele der Herzöge und Adelsfamilien. Neid und blutige Fehden um die Vormacht gehörten unter den Großen zum täglichen Brot, ebenso wie das Buhlen der Kleriker um immer mehr Ansehen und Besitz.

Liuthar erinnerte sich noch gut an die Kämpfe vor ein paar Jahren zwischen dem alten Frankenherzog Konrad und dessen Rivalen, den drei Brüdern aus der Sippe von Babenberch. Die Ereignisse hatten damals das gesamte Ostfrankenreich monatelang in Atem gehalten und schließlich sowohl Konrad als auch die drei Babenbercher das Leben gekostet. Seither hatte Konrads gleichnamiger Sohn die Herzogswürde im Frankenland inne und nannte sämtlichen Besitz der Babenbercher sein Eigen. Der Gewinner war stets derjenige mit der schlagkräftigeren Kriegermacht, dem größten Einfluss oder den treueren Verbündeten. So war es schon immer gewesen. Warum also auf einmal diese Schwarzseherei des Herzogs?

»Es gibt doch gewiss einen geeigneten Nachfolger für Ludwig, der den Windeln entwachsen ist und das Reich eigenhändig regieren kann?«, wandte Liuthar beiläufig ein, obwohl es im Grunde nichts Sinnvolles dazu zu sagen gab.

Mit einem leisen Seufzen duckte sich der Herzog, um einem tief hängenden Ast auszuweichen. »Eine erstrebenswerte Vorstellung, aber nichtsdestotrotz nur Wunschdenken, fürchte ich.« Mit einem Handwedeln scheuchte er eine der Fliegen fort. »Ludwig hat keine Nachkommen. Sein einziger noch lebender Blutsverwandter ist der König des Westfrankenreichs.«

Wie war noch gleich dessen Name gewesen? Richtig, Karl. Böse Zungen nannten ihn auch »den Einfältigen«, weil er weder auf dem Schlachtfeld noch durch politische Weitsicht glänzte. Und hatte er nicht sogar einem dahergelaufenen Wikinger-Halunken den nördlichen Teil seines Herrschaftsgebiets abgetreten? Himmel, dieser Karl als Ludwigs Nachfolger wäre tatsächlich ein Gang vom Regen in die Traufe.

»Und es gibt keinen anderen Anwärter?«, hob Liuthar an.

Doch ohne ein weiteres Wort gab Otto seinem Pferd einen sanften Flankenhieb und trabte voraus.

Kopfschüttelnd sah Liuthar dem Herzog nach, bevor er sich beeilte, ihm zu folgen.

Otto wurde alt und wunderlich.

 

Der Rest der Reise verlief weiterhin ereignislos – sehr zu Liuthars Zufriedenheit, bis sie am zehnten Tag die Flussenge erreichten, an deren Nordufer sich der Hügel mit der Pfalzfestung von Franconovurt erhob.

Was für ein Anblick. Noch nie zuvor hatte Liuthar eine solch gewaltige Wehranlage gesehen: Auf halber Höhe verlief ein mit Holzpalisaden verstärkter Wall, direkt unterhalb des Hügelplateaus umrundete eine Ringmauer den Palas mit der Königshalle sowie der Basilika, deren Türme wie zwei streng erhobene Finger in den Himmel ragten.

Eine ansehnliche Siedlung, bestehend aus schmucken, mit Stroh gedeckten Holzhütten und stolzen, mehrstöckigen Fachwerkbauten, drängte sich zwischen Fluss und Hügelfuß. Das mussten die Behausungen der Händler, Fischer und Handwerker sein. Dank der Königspfalz und der Lage direkt am Fluss Main war Franconovurt zu einem regen Handelsort und Güterumschlagplatz geworden. So vermögend, dass hier auch in mageren Jahren niemand Hunger leiden musste. Unten an den Flussstegen lagen Reihen von langen, schmalen Booten und Flößen, die Waren von Moguntia, Manneheim oder noch viel weiter entfernten Orten hierher beförderten, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Wer nicht auf dem Flussweg anreiste, kam auf einer der breiten, von Abertausenden von Füßen und Karrenrädern ausgetretenen Handelswegen.

»Wir sind nicht die ersten Ankömmlinge, wie es scheint«, meinte Herzog Otto und deutete auf das Feld an der östlichen Seite des Pfalzhügels. Wie ein Gebirge aus unzähligen weißen, spitz zulaufenden Gipfeln reihten sich dort die Zelte um Karren und kleine Pferche für die Pferde und Ziehochsen. Eine Pfalz diente nur als Unterkunft für den Herrscher oder als Ort für Reichsversammlungen, für etwaige Besucher mitsamt Gefolge war oben im Palas jedoch kein Platz.

Krieger standen vor den Unterkünften ihrer Anführer Wache oder saßen an den Feuern. Der Geruch von Hammelbraten erfüllte die Luft, der Tumult aus Gelächter, Zurufen und Hundegebell musste sogar oben in der Königshalle zu hören sein.

Während sie näher ritten, erkannte Liuthar ein paar der Wimpel, die an den langen Holzstangen vor den jeweils größten Zelten im Wind flatterten: Da war das gelbe Kreuz mit Schwert, das Zeichen des Erzbischofs von Moguntia. Der einflussreichste Betknecht des Reichs durfte hier natürlich auf keinen Fall fehlen. Und dort, ganz am Rand des Zeltlagers, sah er den schwarzen Eberkopf auf blutrotem Grund – das Stammessymbol der Baiern. Kaum zu glauben, dass diese dem Versammlungsaufruf überhaupt gefolgt waren. Liuthar hatte den bairischen Herzog Arnulf zum ersten Mal vor zwei Jahren während eines Reichstags gesehen. Einen jungen, kämpferischen Draufgänger, der sich mit Vorliebe gegen Kirche und König stellte, jedoch – wahrscheinlich gerade deshalb – von seinen Kriegern und Vasallen zugleich verehrt und gefürchtet wurde.

»Sieh einer an, wer sich da unters Volk mischt«, ertönte Herzog Ottos amüsiert klingende Stimme, und Liuthar folgte dessen Blick zu dem groß gewachsenen Mann, der an der Spitze eines Kriegertrupps zwischen den Zelten hindurchmarschierte. Ein Franke, unverkennbar. Nur die trugen diese lächerlichen Oberlippenbärte und schnitten das Haar so kurz, das es knapp den Hinterkopf bedeckte.

Sobald sie näher kamen, blieb der Franke stehen, sah mit gelassener Miene zu ihnen hoch und nickte. Dunkles, an den Schläfen ergrautes Haar und Augen von der Farbe getrockneten Torfs.

Täuschte sich Liuthar, oder hatten sich die Lippen des Kerls angeekelt verzogen, ehe er zu sprechen anfing? »Willkommen im Frankenland. Ein denkwürdiger Tag, wenn selbst Otto, der Sachse, den beschwerlichen Weg hierher auf sich nimmt.«

Der Herzog erwiderte den Gruß, die Zügel lässig in der Hand. »Ich danke für den Empfang, Konrad. Doch so beschwerlich ist der Weg hierher nicht. Wenn ihr Frankenfürsten euch dazu herablassen würdet, das Land der Sachsen wenigstens ein Mal zu besuchen, wüsstest du das«, antwortete er und rollte dabei jedes Wort in der breitesten Mundart.

Konrads Schnurrbart erzitterte, als seine Mundwinkel zuckten – ein kurzes, beinahe spöttisches Zucken. »Sei vorsichtig, Sachse, ich könnte dich beim Wort nehmen.« Damit drehte er sich auf dem Absatz um, stieß den vordersten seiner Krieger zur Seite und ging mit wehendem Mantel davon.

Das war er also gewesen – Konrad, der Jüngere, der Herzog der Franken. Und er gefiel Liuthar ganz und gar nicht.

 

Es folgten schier endlose Tage des Wartens, ohne dass auch nur die winzigste Nachricht vom Palas ins Lager gelangte, geschweige denn, dass irgendeiner außer Herzog Konrad und den hohen Geistlichen zum König gerufen wurde. Ein Umstand, der die ohnehin bereits angespannte Stimmung unter den Wartenden noch mehr anheizte.

»Man lässt uns hier warten wie eine Horde blökender Schafe. Wozu hat man uns eigentlich hergerufen?«, ereiferten sich besonders übellaunige Gesellen aus den Zelten der Baiern.

»Vielleicht ist Ludwig schon längst tot, und man hält uns zum Narren«, wetterten die Alemannen. Die Stimmen wurden mit jedem Tag lauter, der Gestank nach Abfall, Kot und Schlamm unerträglicher, und der Wille, die bei Versammlungen übliche Waffenruhe einzuhalten, immer geringer. So genügte schon ein falsches, bierschweres Wort eines jungen Baiernkriegers gegenüber einem Franken, um die Messerklingen aufblitzen zu lassen.

Dagegen halfen auch die Segensprozessionen, die jeweils bei Morgengrauen und vor Sonnenuntergang durch das Lager zogen und die Zelte in eine Wolke aus Weihrauch hüllten, nicht das Geringste. Im Gegenteil, die Priester taten Liuthar beinahe leid, denn sie brauchten ihren ganzen Mut, um sich den Frotzeleien zu stellen und den Schlammbrocken auszuweichen, mit denen die Männer sie beim Vorübergehen bewarfen.

Liuthar konnte den Unmut nur zu gut verstehen: Die Stammesvertreter des Reichs erst hierherzubefehlen und dann ohne ein Wort warten zu lassen, kam einer Beleidigung gleich, und ginge es nach ihm, hätte er die Zelte längst wieder auf die Karren verladen und wäre abgereist – sterbender König hin oder her.

Wie gelang es Herzog Otto wohl, so gelassen zu bleiben?

Nie kam auch nur ein ungeduldiges Wort über dessen Lippen. Summend hockte er auf einem Holzstrunk und schärfte sein Schwert, trank Gerstenbier und nickte lächelnd jedem Vorübergehenden zu, wenn er nicht gerade mit halb geschlossenen Augen vor sich hin döste.

Als ob dieses Nichtstun nicht schon nervenaufreibend genug wäre.

Zähneknirschend stocherte Liuthar gegen Abend des vierten Tages mit einem Zweig im Feuer herum.

Das Feuerholz war noch immer feucht vom Regen der letzten Nacht. Der kalte Wind trieb ihm den Rauch in die Augen, bis sie tränten, doch immerhin brachten die Flämmchen ein wenig Wärme.

Zwischen den nassen Haarsträhnen hindurch beobachtete er seine Krieger, die jeder auf seine Weise versuchten, die Zeit totzuschlagen: Holzspäne fielen in Alfhards Schoß, während er Pfeile schnitzte. Dort drüben würfelten ein paar Männer um die Wette. Fünf weitere standen rund um die Zelte Wache. Der Rest schlief, kümmerte sich um die Rüstungen und Pferde oder witzelte über Ottos Priester, an dessen Kinn eine riesige Warze mit der Form eines toten Mistkäfers prangte.

Mit einem Ruck stand Liuthar auf und warf den Zweig ins Feuer. »Ich werde mich im Lager umsehen. Vielleicht hat jemand Neuigkeiten vom Palas«, brummte er Alfhard zu und stapfte davon. Ohne ein bestimmtes Ziel. Hauptsache, er konnte sich die Beine vertreten und saß nicht mehr untätig herum.

Nach einer Weile blieb er stehen, als er bemerkte, dass das Lager inzwischen hinter ihm lag. Vor ihm erhob sich schon der Pfalzhügel mit der Siedlung an dessen Fuß.

Schrilles Gelächter ertönte. Er sah die Frauen, die vor einem Zelt mit gelben Stoffbändern standen, sogleich die Röcke hoben und aufreizend die Hüfte schwenkten. Im selben Moment traten drei Männer aus der Unterkunft, jeder von ihnen mit einer weiteren Frau im Arm.

Die Einzigen, denen diese Warterei nutzte, waren die Huren.

»Komm nur näher, Bursche, wir beißen nicht. Und wenn doch, dann wird’s dir bestimmt gefallen«, rief die älteste der Weiber. Ihr Lachen klang wie das Keckern einer Elster. Sie zog den Saum des Ausschnitts nach unten und entblößte eine ihrer welken Brüste.

Schon wollte sich Liuthar abwenden, als eine weitere Frau aus dem Zelt trat. Sie hielt den Kopf stolz erhoben, so als wäre sie sich ihrer Erscheinung sehr wohl bewusst: jung, mit olivfarbener Haut und pechschwarzem Haar, feinen Gesichtszügen und einladend vollen Lippen. Eine Zigeunerin aus dem Süden wahrscheinlich, und sie schien sogar um einiges sauberer als die anderen.

Augenblicklich fühlte Liuthar, wie sein Körper reagierte. Verdammt, er hätte sich einfach umdrehen und gehen sollen. Stattdessen stand er wie angewurzelt da und starrte das Weibsbild an, als wäre er ein Jüngelchen mit knallroten Ohren und sie der Apfel der Versuchung.

Du hast schon seit Monaten keine Frau mehr gehabt. Deshalb.

Und sie wäre schließlich nicht die erste Hure, die er nahm.

Herzog Otto schlief, und im Lager herrschte Ruhe. Keiner brauchte ihn, noch würde ihn zurzeit irgendjemand vermissen. In einem warmen Schoß versinken und die Rastlosigkeit vergessen. Ruhe finden. Wenigstens für kurze Zeit. Zum Teufel mit Skrupel und Gewissen.

Er trat vor die Frau, ohne die anderen Weiber auch nur eines Blickes zu würdigen.

Sie war jünger, als er vermutet hatte – vielleicht siebzehn, achtzehn Jahre alt, und sie lächelte ihn unverwandt kess an. »Ah, ein Sachsenkrieger, nicht wahr?«, sagte sie. Ein Glucksen drang aus ihrer Kehle, als sie die Hand ausstreckte und sachte Liuthars Arm berührte.

Einen Moment lang zögerte Liuthar. Diese Augen – feurig und sanft zugleich. Jene unerwartete Mischung aus Stolz und Verführung. Sie wusste genau, wie sie auf Männer wirkte. Wie sie auf ihn wirkte.

Er nickte und fragte: »Wie viel verlangst du?«, während er sie vor sich her ins Zelt schob. Die Frage war nur der Form halber gestellt, der Preis war ihm längst gleichgültig.

Sie führte ihn zu einem Bettlager aus aufgehäuften Decken in einer von einem Vorhang abgetrennten Ecke. Löste mit geschickten Fingern den Umhang von seinen Schultern, den Gurt an seiner Taille, während er an der Schlaufe ihres Oberkleids nestelte. Hastig und atemlos.

Der Stoff sank bis zu ihren Hüften, entblößte zarte Haut und Brüste mit verführerisch dunkelrot geschminkten Brustwarzen, die nach Kirschensaft schmeckten. Und Liuthar kostete eine nach der anderen, genoss den Duft – diese feine Mischung aus Sandelholz und Schweiß –, während die Hure ihn mit sich auf den Deckenhaufen zog.

Mit fahrigen Händen schob er ihren Rock hoch. Sie schrie auf, als er in sie stieß – hungrig, gierig, das Vergessen suchend.

Er hörte ihr Stöhnen, fühlte die warme Feuchte ihres Schoßes, während sie ihm die Hüften entgegendrängte.

Bald. Nur noch ein paar Stöße.

Sein eigenes Keuchen brannte in der Brust. Liuthar stemmte sich mit der Hand auf den Decken ab, ein Zipfel des Saumbands rutschte unter der Lederschiene hervor.

Ewara.

Er schloss die Augen und stieß weiter. Immer weiter. Der Erlösung entgegen.

Bald. Da war er schon – dieser wachsende Druck in den Lenden.

Doch verdammt, er hätte um ein Haar aufgeheult, als auf einmal Alfhards amüsierte Stimme vom Zelteingang her dröhnte: »Wenn du da drin bist, pack ein, was du einzupacken hast, Falke. Die Großen sind zum König gerufen worden, und Otto will, dass du ihn begleitest.«

Kapitel 5

Zur selben Zeit anderswo im Lager

Bürk schnaubte, als er sich dem Zelt des bairischen Herzogs näherte, vor dessen Eingang zwei bullige Krieger mit Schild und Speer in den Händen standen. Eine lange Holzstange war direkt neben der Unterkunft in den Boden gerammt worden, auf deren Spitze thronte ein Eberschädel mit vergoldeten Hauern.

Ein Eber mit breiter Stirnplatte und langen, gefährlichen Hauern als Stammeszeichen – wie passend für einen Mann wie Arnulf, dessen Dickköpfigkeit im ganzen Reich bekannt war. Wahrscheinlich verstanden er und Bürks Vater sich deshalb so blendend. Nur mit dem Unterschied, dass Arnulf um einiges jünger – er mochte gerade mal um die sechsundzwanzig Winter zählen, wenn Bürk sich recht erinnerte –, rebellischer und vor allem mächtiger war. Nicht umsonst nannte man ihn auch »den Bösen«. Kein anderer Fürst im Ostfrankenreich war so vermessen und annektierte Kirchengüter, um diese unter den eigenen Vasallen zu verteilen und sich so deren Unterstützung zu sichern.

Wie auf Kommando trat der links stehende Wachkrieger vor, versperrte Bürk den Weg. »Halt. Hier gibt es kein Durchkommen«, röhrte der Kerl mit der kaum verständlichen Aussprache der Baiern.