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Vier übernatürliche Völker, vier gewöhnliche Menschen und ein Krieg, der alles zu zerstören droht. Vier einen perfekten Kreis bildende Steine, doch der Feueropal ist verschwunden – und damit die Einheit der vier Völker Dhaleths gebrochen! Nur vier Auserwählte aus der Menschenwelt sind eventuell in der Lage, Dhaleth vor der Zerstörung zu retten. Für die vier ist es nicht leicht, sich in dieser völlig fremden Welt und zwischen den Dhalethern mit deren übernatürlichen Kräften zurechtzufinden – trotzdem begeben sie sich auf eine Suche voller Hindernisse und Abenteuer. Können sie Dhaleth und damit auch die Welt der Menschen retten?
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Veröffentlichungsjahr: 2014
Vier übernatürliche Völker, vier gewöhnliche Menschen und ein Krieg, der alles zu zerstören droht.
Vier einen perfekten Kreis bildende Steine, doch der Feueropal ist verschwunden – und damit die Einheit der vier Völker Dhaleths gebrochen! Nur vier Auserwählte aus der Menschenwelt sind eventuell in der Lage, Dhaleth vor der Zerstörung zu retten. Für die vier ist es nicht leicht, sich in dieser völlig fremden Welt und zwischen den Dhalethern mit deren übernatürlichen Kräften zurechtzufinden – trotzdem begeben sie sich auf eine Suche voller Hindernisse und Abenteuer. Können sie Dhaleth und damit auch die Welt der Menschen retten?
© privat
1972 in Bern geboren und aufgewachsen, war Priska Lo Cascio bereits in frühster Jugend fasziniert von Kulturen und Geschichten aus aller Welt. Nach der Ausbildung zur Reisefachfrau hat es sie mehrere Jahre lang auf die Britischen Inseln, nach Italien und in den Nahen Osten gezogen, bevor sie sesshaft wurde.
Seit 1998 lebt sie mit Ehemann und Sohn in Zürich und arbeitet hauptberuflich für einen Schweizer Reiseveranstalter. Wenn sie nicht gerade schreibt, stöbert sie oft und gerne durch herrlich verstaubte Geschichtsarchive oder versucht sich im Studium nicht ganz alltäglicher Sprachen.
„... Beben an der Westküste der USA. Seismologen sprechen von ungewöhnlichen Bewegungen des Erdmantels …“
The New York Times
„... Die Sintflut kommt! – Extreme Tidenhochwasser bedrohen die Küste der Niederlande …“
De Telegraaf
„... Der Krakatau wieder erwacht. Heftigster Ausbruch seit Jahrzehnten …“
AsiaNews
„... Die Dürre nimmt kein Ende. Afrika versinkt im Sand …“
The African Herald
***
Zur gleichen Zeit an einem ganz anderen Ort
Reglos stand Kalìp vor der Wand aus weißem Granit im Hauptsaal des Turms des Wissens und starrte auf die Inschrift, die vor Jahrtausenden hier eingemeißelt worden war. Die Gebote von Dhaleth – er kannte sie in- und auswendig. Schon so oft war er vor den Schriftzeichen gestanden und hatte ihre Bedeutung in sich aufgesogen.
Am Anfang war das Feuer.
Dann Erde, Wasser und Luft.
Vier Elemente, vier Länder, vier Völker - eine Welt.
Hüter des Wissens, Beschützer der Menschen.
Bewahrt die Einheit, ihr Völker von Dhaleth.
Nur so kann die Welt bestehen …
Worte der Weisheit, die die vier hauchdünn geschliffenen, einen perfekten Kreis bildenden Scheiben aus Edelstein, in ihrer Mitte umfassten: Ein Kreis aus Feueropal, Aquamarin, Bergkristall und Topas – das Symbol der Union zwischen den vier Völkern Dhaleths. Ein Kreis, der keiner mehr war.
Sonnenstrahlen fielen durch den Säulengang des Saals, tauchten den Granit in gleißende Helligkeit und ließen die Fläche des fehlenden Steinstücks mit einem Mal noch kahler erscheinen. Die Scheibe aus Feueropal. Sie war verschwunden. Spurlos. Nichts als ein nacktes, unvollständiges Gebilde hinterlassend.
Kalìp schloss die Augen. Noch immer konnte er den vertrauten Gesang der Edelsteinscheiben hören. Jede von ihnen hatte einen eigenen Klang, vibrierte in einer eigenen unverwechselbaren Nuance. Nur vereint bildeten sie jenen harmonischen Ton, den Kalìp seit jeher liebte. Heute klang der Gesang jedoch so schrill, dass es in den Ohren schmerzte. So unheimlich wie die Träume, die ihn schon seit Tagen verfolgten.
Er zwang sich zur Ruhe und war beinahe dankbar, als ihn die zornigen Stimmen im Hintergrund aus seinen Gedanken rissen. Vier Stimmen, drei Männer und eine Frau – die Overlords der Völker von Dhaleth:
„Keiner von euch wird mehr die Unterstützung des Feuervolkes bekommen, bis der Stein gefunden ist“, donnerte eine Männerstimme durch den Saal.
„Das dürft ihr nicht tun. Bald kommt der Winter, ohne Feuer werden unsere Leute erfrieren.“
„Ein gerechter Lohn für Diebe.“
„Niemand aus dem Erdvolk wäre so töricht, den Opal zu stehlen. Es gibt genug andere, die euch Feuerleuten eure Macht vergönnen.“
„Was soll das heißen? Wem willst du hier die Schuld zuschieben?“, keifte eine Frau dazwischen.
„Ausgerechnet du fragst das? Ihr Wolkenländer geifert doch schon lange danach.“
„Ich habe euer Gefasel satt! Wer immer den Opal gestohlen hat, riskiert einen Krieg. Den soll er bekommen.“
Zum ersten Mal mischte sich nun eine neue Stimme ein. Ein Mann, und seine Worte klangen so beherrscht, wie es sich für ein Mitglied des Großen Rats ziemte: „Ich bitte Euch, Lord U’Urpar. Die Folgen wären verheerend.“
„Was habt ihr Räte denn bisher getan?“ Lord U‘Urpars Donnern wurde immer lauter. „Leeres Geschwätz und faule Ausreden. Etwas anderes habt ihr nicht zu bieten.“
„Mäßigt Eure Worte.“
Ein verächtliches Schnauben. „Oder was? Willst du mir etwa drohen?“
Kalìp seufzte im Geiste auf. Er hatte befürchtet, dass es soweit kommen könnte. Dass das Verschwinden des Opals zu einem Zerwürfnis zwischen den Völkern führen würde. Er wusste auch, was man sich über U’Urpar, den Overlord des Feuervolkes, erzählte. Über den mächtigsten Herrscher in ganz Dhaleth, der so gefürchtet und unerbittlich war wie all seine Gefolgsleute. Die Krieger aus dem Schwarzen Land trugen nicht umsonst den Namen Narii – „die aus der Glut Geborenen“ –, denn ihr Zorn versengte alles Leben. Und die Gebote von Dhaleth … Sie rückten immer mehr in Vergessenheit.
„Niemand hier droht irgendjemandem. Ein Streit bringt den Stein nicht zurück“, entschied der Ratsmann. „Was wir stattdessen brauchen, ist ein klarer Verstand. Darum haben wir den Gezeitenpriester gerufen. Kalìp, komm her. Erzähl uns von deinen Träumen.“
Er zuckte innerlich zusammen, als er seinen Namen hörte. Wie gerne wäre er jetzt wieder daheim in seiner einsamen Korallenlagune. Allein, nur umgeben von Ruhe und dem Rauschen der Wellen, statt hier im Säulensaal des Turms des Wissens, dem heiligsten Ort von ganz Dhaleth, vor dem versammelten Rat und den wütenden Overlords der Völker zu stehen.
Langsam drehte er sich um. Die Blicke der Anwesenden prickelten auf seiner Haut. Ja, er konnte es deutlich fühlen.
„Ein Gezeitenpriester?“, höhnte U’Urpar. Die Eisenringe seiner Rüstung klirrten, als er die Arme vor der massigen Brust verschränkte. „Ausgerechnet ein Ìthor? Einer aus dem Wasservolk soll den Feueropal finden?“ Seine Oberlippe zuckte, als würde ihn allein schon der Gedanke anekeln.
„Er ist ein Weissager. Was er in seinen Träumen sieht, kann uns womöglich weiterhelfen.“ Die Rätin sprach leise, doch selbst blind hätte man sie am Akzent erkannt. An dieser beinahe säuselnden Betonung der Silben, die wie das Seufzen eines Windhauchs klang und allen Luftleuten eigen war. Sie nannten sich Awyrin – „Die mit den Wolken tanzen“. Ein passender Name für Wesen mit einer Haut wie feinster, nach Myrte riechender Alabaster und silberblonden Locken, die kaum zu bändigen schienen.
Ein tiefes Grollen stieg aus der Brust des Feuerlords, seine Augen funkelten, Augen von der Farbe gesiebten Schwefels. „Dann sag schon, Wasserlurch, was hast du gesehen?“
Kalìp atmete tief ein. Wasserlurch. Natürlich. Mehr war aus dem Mund eines Narii auch nicht zu erwarten gewesen.
Instinktiv richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und begegnete U’Urpars Blick. Wohlwissend, dass er dem Feuermann nur knapp bis zur Nase reichte. „Ich habe den Feueropal gesehen.“
„Wo?“ Die Frage kam von einem der Räte aus dem Erdvolk. Einem kleinen, wortkargen Mann, dessen kluge Augen unter einem Gestrüpp aus nussbraunen Haarzotteln hervorspähten. Er gehörte zu den Ältesten des Volkes der Jardar, wenngleich sich sein wahres Alter unter all den Tätowierungen im Gesicht nur erahnen ließ.
Kalìp schluckte. Er hatte keine Antwort auf die Frage. Nur das eine Bild, das ihm ständig in seinen Träumen erschien. „In einer Lache aus Blut“, erwiderte er so ruhig wie möglich und versuchte dabei, das ungute Gefühl zu ignorieren, das sich immer weiter in seiner Brust ausbreitete.
„Was soll das heißen?“, bellte der Feuerlord und trat näher. So nah, dass Kalìp dessen Atem auf dem Gesicht fühlen konnte. Sofort stach ihm der Geruch von Eisen, Leder und Vulkanstaub in die Nase.
„Das wird er Euch gleich sagen. Sprich weiter, Kalìp.“ Eine säuselnde, männliche Stimme. Ein Awyrin, groß und von feingliedriger Gestalt, wie alle aus dem Luftvolk, weshalb es Kalìp immer schwerfiel, sie auseinanderzuhalten. Zumal sie noch dazu die Fähigkeit hatten, ihre Gestalt nach Belieben zu wechseln. Flüchtige, launische Wesen, wie der Wind, den sie beherrschten. Doch diesen Mann erkannte er an der hellen Narbe, die von seiner Unterlippe bis zum Kinn verlief. Hyllew, richtig, so war sein Name. Auch er gehörte zu den Räten. Sie hatten bei seinem letzten Besuch hier bis in die Nacht über die Bedeutung alter Schriften philosophiert und dazu eine ganze Flasche Honigwein getrunken. Das, obwohl die Awyrin sonst kaum freiwillig mit den anderen, ihrer Meinung nach würdelosen Völkern, verkehrten.
„Ich habe noch mehr gesehen“, antwortete Kalìp. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Was er den Overlords der dhalethischen Reiche jetzt sagen müsste, war ein Frevel. Eine noch nie dagewesene Ungeheuerlichkeit.
Gelobte Mächte des Meeres. Hoffentlich standen sie ihm jetzt bei …
„... Chaos auf der japanischen Insel Hokkaido. Unerwarteter Ausbruch des Asahi-dake stellt Forscher vor Rätsel. Überlebende bezeugen: Es waren die Feuergötter! …“
AsiaNews
Im kleinen Dörfchen Narusawa – am Fuß des Mount Fuji, Japan
So schnell sie konnte, eilte Kukiko dem Sträßchen entlang, während sich ihr der Mundschutz mit jedem Keuchen noch juckender ans Gesicht klebte. Sie war viel zu spät dran, Mutter würde bestimmt schimpfen.
Das mit Papier umwickelte Päckchen noch fester gegen die Brust drückend, rannte sie die Anhöhe hinauf. Bis zu dem kleinen, einstöckigen Häuschen mit dem sorgfältig gepflegten Vorgarten, das sie zusammen mit Mutter und Großmutter bewohnte. Vater arbeitete in einer Chemiefabrik in Tokyo und kam nur am Wochenende nach Hause.
Die Schiebewand glitt mit einem leisen Ächzen zur Seite. Rasch streifte Kukiko die Schuhe ab und trat ein. „Ich bin wieder da!“
Neben dem Blumengesteck im Vorzimmer lag ein Berg von sorgfältig in Seidentüchern eingeschlagenen Stoffbündeln. Eine fast schon unerhörte Unordnung in einem Haus, in dem jedes Ding an seinem ganz bestimmten Platz zu stehen hatte. Perfekte Sauberkeit – perfekte Ordnung. Wie es sich für jede Kimonoschneiderin mit einem Funken Geschäftssinn gehörte, sagte Mutter immer, und wahrscheinlich hatte sie damit sogar recht. Sie und Großmutter gehörten zu den gefragtesten im ganzen Umkreis von Narusawa.
„Kuki-chan, da bist du ja endlich.“ Die Ärmel ihres buttergelben Kimonos blähten sich wie Segel, als Mutter herbeirauschte und sogleich mit vor Entsetzen geweiteten Augen erstarrte. „Wie siehst du denn aus? Warst du etwa wieder im Dōjō?“ Aus ihrer Stimme klang derselbe Vorwurf, der sich in ihrem makellos geschminkten Gesicht widerspiegelte. Das Dōjō, die Übungshalle, und alles, was mit der Kunst des Schwertlanzenfechtens zu tun hatte, passte nicht zu Mutters Vorstellung einer anständigen, jungen Frau. Erst recht nicht zur eigenen Tochter, die in ihren Augen genauso perfekt sein sollte wie die Hauseinrichtung. Ja, Kukiko kannte diesen Ausdruck nur zu gut.
„Ich hab den anderen beim Training zugeschaut und die Zeit vergessen“, gab sie leise zurück, schob den Mundschutz unters Kinn und strich sich möglichst beiläufig eine ungehörige Haarsträhne aus der Stirn. „Hier, die Kordeln für den Braut-Obi.“ Bevor Mutter noch mehr sagen konnte, hielt sie ihr das Päckchen entgegen. „Ich beeile mich mit dem Umziehen, versprochen.“
In ihrem Zimmer schlüpfte sie in Windeseile aus Jeans und T-Shirt und ächzte im Geiste beim Gedanken an die Meter um Meter von Stoff, in die sie sich gleich wickeln musste. Einer Braut beim Anziehen ihres Hochzeitskleids zu helfen, war jedoch eine Ehre für jede Schneiderin, und dazu durfte man nicht in moderner Kleidung erscheinen. So meinte zumindest Mutter.
Kukiko kannte die Handbewegungen im Schlaf: Zuerst das weiße Unterkleid aus Leinen anziehen und die Baumwolltücher um die Hüfte binden, die für eine gerade Linie der Taille sorgten. Dann die Yukata, der wie ein viel zu großer Mantel geschnittene Kimono aus veilchenblauem Stoff mit gelben Schmetterlingen darauf. Ein angemessenes Motiv für eine unverheiratete Zwanzigjährige.
Die rechte Seite nach links um den Körper schlingen, erst dann die linke um die rechte. Den Stoff straff ziehen und mit einem Baumwollstreifen um die Hüfte befestigen. Sich jedoch zuvor vergewissern, dass das Saumende des Kleids präzise über dem Fußrist lag. Den Kragen richten – im Nacken drei Finger breit abstehend. Schließlich den überstehenden Stoff an der Büste glätten, damit keine Falten entstanden und mit einem zweiten Stoffstreifen unter der Brust zusammenbinden. Zum Schluss noch den Obi-Gürtel um die Taille zu einer Schleife binden und die Haare hochstecken. Fertig.
Kukiko trat vor den Spiegel, richtete einen der Haarkämme, um auch die letzte der widerspenstigen, schwarzen Strähnen zu zähmen, und zupfte den Stoff, wo nötig, zurecht.
Sie seufzte leise auf. Alles in allem nicht perfekt, aber annehmbar. Wenigstens kaschierte der Schnitt des Kleids ihre etwas zu breiten Schultern und die langen Arme. Das Muster gab ihrem Gesicht sogar etwas Farbe, und mit dem hochgesteckten Haar kamen die Augen besser zur Geltung. Augen wie dunkler Honig – Großvaters Augen.
Kukiko lächelte. Wenn er sie jetzt nur sehen könnte. Chiisai hana – kleine Blume, würde er sie nennen und ihre Nase mit dem Zeigefinger anstupsen. Ja, das hatte er immer getan, selbst als sie längst kein Kind mehr gewesen war. Verstohlen natürlich, damit Mutter es nicht bemerkte. Sie hätte es weder toleriert noch verstanden. Genauso wenig, wie sie Kukikos Traum von einem Meistertitel im Naginatadō, dem Schwertlanzenfechten, verstand. Großvaters Augen hingegen hatten immer vor Stolz geleuchtet, wenn er sie heimlich zum Training ins Dōjō begleitete. Bis er vor drei Jahren gestorben war.
„Du fehlst mir, Opa“, flüsterte sie und verbiss sich die Tränen. Die nützen ihr ohnehin nicht viel und hätten bloß Flecken auf dem Kimono hinterlassen.
Rasch angelte sie nach dem Täschchen aus demselben Stoff des Kleids, stopfte Fächer und Handy hinein und eilte hinaus.
***
Das Haus der Braut-Familie Shimizu befand sich etwas außerhalb, auf der anderen Seite des Dorfs. Eine Weltreise, wenn man mit schweren Stoffpacken beladen, auf Holzsandalen über löcherige Straßen trippeln musste.
Insgeheim bewunderte Kukiko Mutter und Großmutter, die vor ihr her gingen und scheinbar mühelos das Gleichgewicht hielten. Sie selber war schon zweimal beinahe gestolpert: Beim ersten Mal, weil sie wegen dem Ballast auf den Armen den Stein auf dem Weg erst zu spät gesehen hatte. Das nächste Mal, weil der verflixte Mundschutz, auf den Mutter seit den Nachrichten über den Vulkanausbruch auf Hokkaido strengstens bestand, juckte und sie sich hatte an der Wange kratzen wollen. Wenigstens war Narusawa so klein, dass um diese Tageszeit kaum Autos vorbeifuhren, auf die sie auch noch hätte achten müssen.
„Nun beeil dich doch, Kuki-chan“, rief ihr Mutter über die Schulter hinweg zu. „Deinetwegen sind wir schon viel zu spät dran. Was sollen die Shimizus bloß von uns denken?“
„Dass die Braut halt warten muss, bis wir kommen. Ohne ihr Kleid kann sie schließlich nicht heiraten“, kicherte Großmutter und zwinkerte Kukiko aufmunternd zu.
Sie biss die Zähne zusammen und trippelte tapfer weiter. Wenn doch nur dieses Jucken aufhören würde. Und das alles nur wegen einem Vulkan, der mehr als fünfhundert Kilometer entfernt ausgebrochen war. Die Nachrichtensender im Fernsehen hatten zwar von einer möglichen Wolke aus Aschestaub gesprochen, doch …
Sie wagte einen Blick zum Himmel.
Weit und breit nicht einmal die Spur einer Wolke. Im Gegenteil, die Maisonne war ungewöhnlich warm. So warm, dass selbst oben auf der Spitze des Fuji-san kaum noch Schnee zu sehen war. Kukiko spürte, wie sich der Schweiß langsam in ihrem Nacken sammelte. Oh ja, die Shimizus würden sich bestimmt ihren Teil dabei denken, wenn sie tropfend und schnaufend bei ihnen ankam.
Nur noch um die Kurve, dann ein paar hundert Schritte weiter aus dem Dorf hinaus, über den Hügel und es wäre geschafft. Der Dachgiebel des Hauses schaute bereits zwischen den Bäumen hindurch.
Gute Güte, es war tatsächlich schon beinahe so heiß wie im Sommer. Grillen zirpten im Gras am Wegrand. Ein monotoner und zugleich durchdringender Klang im Takt des Geklappers der Holzsandalen.
Das Zirpen hörte so abrupt auf, dass Kukiko verwundert stehen blieb.
Auf einmal herrschte eine fast ohrenbetäubende Stille. Kein Autobrummen. Kein Windhauch. Nicht einmal das Rauschen der Bäume. Nur noch das regelmäßige Klack-Klack von Mutters und Großmutters Schritten. Als ob die Welt den Atem anhielte. Und warum sträubten sich plötzlich die Härchen auf Kukikos Armen?
Sie schnappte nach Luft, als sie die Gestalt dort unter den Bäumen sah. Ein Mann. Groß, mit schwarzem, am Hinterkopf zu einem Knoten gebundenen Haar und einer Haut wie Bronze. Er starrte sie an. Reglos.
Was für ein seltsamer Kerl. Nicht zu reden von seiner Kleidung. Dunkles Leder, auf dem Metallringe und Nieten im Sonnenlicht aufblinkten. Eine ähnliche Rüstung wie die von Samurais auf alten Farbholzschnitten. Nur trug er keinen Helm und der Brustpanzer war kürzer, knapp bis zu den Knien reichend.
„Kukiko Watanabe, du trödelst schon wieder. Was ist nur los mit dir?“
Sie zuckte zusammen, als Mutters Ruf eine Rabenschar aus den Baumwipfeln aufscheuchte, die in einer laut krächzenden Wolke davonflatterten.
Kukiko sah ihnen nach. Raben waren die Boten der Götter, so hieß es zumindest in den alten Geschichten. Nicht, dass sie daran geglaubt hätte, aber …
Als sie wieder zu den Bäumen blickte, war der Mann verschwunden. Sonderbar. Warum roch die Luft auf einmal nach warmer Asche?
„Ich komme“, beeilte sich Kukiko zu antworten, rückte die Stoffbündel zurecht und hastete den beiden Frauen nach.
Kein Wunder fantasierst du so dummes Zeug. Bei der Hitze.
***
Wie es die Höflichkeit gebot, verlor niemand ein Wort über ihre Verspätung, als sie endlich bei den Shimizus ankamen. Schon bald war Kukiko so beschäftig, dass sie weder das riesige Haus, dessen moderne Einrichtung mit Klimaanlage bewundern, noch an den sonderbaren Mann denken konnte.
Mit geübten Fingern half sie, die Braut in das Leinenunterkleid zu schnüren und ihr Haar unter ein Haarnetz zu stecken. Gemeinsam mit Mutter schminkte sie ihr Gesicht, Hals, Nacken und Unterarme mit Reispuder. Falsche Wimpern, die Brauen mit Kohlestift nachgezogen und ein Hauch von karminroter Farbe auf den Lippen - mehr Schminke wäre für eine traditionelle Hochzeit unpassend gewesen.
„Menschenskind, mir ist jetzt schon heiß“, stöhnte die Braut völlig untraditionell und verdrehte die Augen, als sie ihr die hoch aufgebundene mit goldenen und weißen Schleifen verzierte Perücke aufsetzten. „Gebt mir etwas zu trinken, ich verdurste.“
„Nur mit Strohhalm. Damit auch ja nichts verschmiert, hörst du?“, erwiderte die Brautmutter Shimizu-san mit strenger Miene. Sie war bereits angezogen und trug den typischen Kurotomesode: Ein eleganter, aber schlicht geschnittener Kimono aus schwarzer Seide mit einem goldenen Obi und dem herrlichen Muster eines fliegenden Kranichs auf dem unter Teil des Kleids.
Schicht um Schicht folgte nun das Brautgewand: zwei dünne Leinenleibchen, darüber ein Unterkimono und der Obi, aus dem die Rückenschleife gebunden wurde.
„Fürchterlich, was auf Hokkaido geschehen ist, nicht wahr?“, plapperte Mutter indes munter drauflos.
„Schrecklich. All die Toten und die Verwüstung. Kein Wunder sind die Leute dort völlig verstört.“ Shimizu-san schüttelte den Kopf. „Erst gestern haben sie in den Nachrichten von einer Frau berichtet, die einen seltsamen Fremden gesehen haben will. Er sei aus dem Nichts aufgetaucht und dann wieder verschwunden. Kurz bevor das Unglück geschehen ist.“
Mutter tat, worin sie Meisterin war, und seufzte tief und theatralisch auf. „Ein Glück, dass unser Fuji-san ständig überwacht wird. Es geht eben nichts über ein gut funktionierendes Frühwarnsystem.“
„Du meine Güte, jetzt fangt bitte nicht wieder damit an. Ich heirate heute, habt ihr das vergessen?“, rief die Braut, fächelte sich mit der Hand Luft zu, während Kukiko den Knoten des Obi am Rücken anzog und mitten in der Bewegung innehielt.
Ein seltsamer Fremder, der aus dem Nichts auftaucht und wieder verschwindet.
„Wach auf, Kindchen, und reich mir die Kordeln.“ Großmutters schmunzelndes Gesicht erschien über der Schulter der Braut und riss sie aus ihrer Starre.
„Oh. Entschuldige.“ Rasch langte sie nach dem Päckchen mit den aus kostbaren Seidenfäden geflochtenen Kordeln und reichte sie der Älteren, froh, dass niemand sonst und schon gar nicht Mutter ihr Zögern bemerkt hatte. Reiß dich zusammen. Was du gesehen hast, war eine alberne Fantasie, die die Hitze dir vorgegaukelt hat, nichts weiter.
Zu zweit halfen sie der Braut schließlich beim Überziehen des weiten Mantels aus weißer Seide. Ein herrliches Stück. Alle drei – Mutter, Großmutter und Kukiko selbst -, hatten wochenlang an den Stickereien gearbeitet: Blumenornamente und fünf Kraniche mit roten Kopfplatten, die Glück symbolisieren sollten. Dann noch ein paar frische Blumen in den Haarschmuck gesteckt und den kronenförmigen Hut darumgelegt.
„Hach, sieht sie nicht einfach hinreißend aus?“ Begeistert klatschte Shimizu-san in die Hände. „Vater wird Augen machen. Und dein Zukünftiger erst.“
Tatsächlich, die Braut sah wirklich wunderschön aus, fand Kukiko. Ein ebenmäßiges Gesicht und eine zierliche Gestalt. Wie aus dem Bilderbuch.
Das pure Gegenteil von dir.
Blödsinn. Sie hatte nun mal Vaters Statur geerbt, und daran konnte weder sie noch Mutter etwas ändern.
Der Brautvater und ein paar Verwandte warteten bereits vor dem mit farbigen Bändern geschmückten Hauseingang. Bis zum Schrein, wo die Trauung stattfand, war es nicht weit, und die Gesellschaft würde zu Fuß gehen. Natürlich begleitet von Mutter, damit sie der Braut, falls nötig, das Kleid nochmals richten konnte. Kukiko und Großmutter sollten derweil zurückbleiben, um die zwei weiteren Kleider bereitzulegen, in die die Braut nach der Zeremonie wechseln würde.
„Fein, fein.“ Großmutter zwinkerte Kukiko zufrieden zu und stieß sie mit dem Ellenbogen an. „Wenn wir uns beeilen, können wir uns noch in Ruhe unter die Gäste mischen, bevor die Gesellschaft zurückkommt. Hast du den riesigen Festpavillon im Garten gesehen?“ Die Falten um ihre Augen wurden noch tiefer, als sie verschmitzt lächelte. „Da gibt es bestimmt hervorragendes Essen.“
„Aber das dürfen wir doch nicht einfach so?“
„Warum denn nicht?“ Gelassen rückte sich die Ältere den Obi zurecht. „Wozu, denkst du, habe ich meinen besten Kimono angezogen?“
Die Kleider waren rasch ausgepackt und auf Stangen gehängt, damit sie keine Falten bekamen.
Gerade als Kukiko den zweiten Kimono aufhängen wollte, spürte sie das Zittern. Ein Vibrieren, das von den Füßen aus durch den Körper hochkroch – ganz kurz nur, kaum mehr als ein Atemzug lang.
„Hast du das eben auch gespürt?“
„Was denn?“ Großmutter schüttelte den Kopf.
„Na, das Beben. Ein ganz kleines.“
„Ach wo.“ Die alte Frau zuckte die Schultern und kicherte. „Das wird wohl mein knurrender Magen gewesen sein.“
Bloß gut, dass die Gäste am Empfang allesamt von außerhalb Narusawas kamen und keiner sie erkannte, als Großmutter Kukiko wenig später zielstrebig durch die Menschenmenge zerrte.
Es mussten mindestens zweihundert Leute sein, die sich rund um den Pavillon versammelt hatten oder im mit Lampions verzierten Garten spazierten: Frauen in herrlich gemusterten Kimonos, Männer entweder in Smokings oder in gestreiften Hakama-Beinkleidern und dunklen Haori-Jacken. Kellner in Livree wieselten mit Tabletts voller Sektgläser und Häppchen zwischen den Gästen umher.
„Die Shimizus wissen, wie man Feste feiert, soviel steht fest“, bemerkte Großmutter, während sie genüsslich an einem Yakitori-Spießchen knabberte.
Kukiko hingegen klammerte sich an ihrem Wasserglas fest, nach Kräften darum bemüht, ja nicht aufzufallen. Heimlich ließ sie den Blick über die Anwesenden wandern. Das Glas fiel ihr fast aus der Hand, als sie den Fremden dort unter dem Kirschbaum erkannte.
Sie blinzelte. Sah wieder hin. Kein Zweifel. Der gleiche Mann, den sie auf dem Hinweg gesehen hatte. Dieselbe großgewachsene Gestalt in der eigenartigen Rüstung.
Einen schier endlosen Moment lang starrte der Fremde sie an. Dann nickte er – es war nicht mehr als ein knappes Senken des Kopfs -, und der Boden begann zu beben.
Zuerst nur zaghaft. Wie die Erschütterung, die man spürte, wenn ein Lastwagen an einem vorbeifuhr. Doch dann begannen die aufgehängten Lampions zu schaukeln, der Turm aus Gläsern auf einem der Tische fing an zu klirren. Ein paar Frauen schrien auf, während ein Meisenschwarm aus der Krone des Kirschbaums in die Luft floh.
„Huch.“ Großmutter ließ vor Schreck das Spießchen fallen und hielt sich an Kukikos Arm fest.
Der Fremde stand noch immer unbewegt dort unter dem Baum. Seine Augen schienen auf einmal heller. Leuchteten wie Katzenaugen im Dunkeln. Lähmend, erschreckend und sonderbar beruhigend zugleich.
Kukiko schnappte nach Luft. Woher kam dieser ätzende Geruch nach Schwefel?
Dann ertönte das Grollen. Dumpf und drohend. Wuchs zu einem Donnern an.
Das Rütteln wurde immer stärker. Ein paar Lampions fielen zu Boden, während die erste Stange des Pavillons umkippte.
„Da. Seht doch“, rief ein Mann und zeigte mit vor Entsetzen geweiteten Augen in die Höhe, auf die Bergkuppe des Fuji-san. An dessen Flanke, direkt unterhalb des Gipfels, klaffte ein Rauch speiendes Geschwür.
Die Wucht des nächsten Erdstoßes riss den Pavillon um und warf Kukiko und Großmutter zu Boden.
Schreiende Menschen. Das Aufkreischen von zerbrechendem Holz und klirrendem Glas. Ein Donner, der alles übertönte, als der Gipfel des Fuji in sich zusammenbrach. Einfach zusammenbrach, wie ein loser Sandhaufen, während die Ostflanke des Bergs ins Rutschen kam und eine Explosion Fontänen aus Asche emporschleuderte.
Keuchend rappelte sich Kukiko auf, zerrte an Großmutters Hand. Weg. Sie mussten weg hier. Sofort.
Ein Blick über die Schulter, und sie sah die riesige Woge. Eine Lawine aus dicker, wabernder Masse aus Feuer, die den Hang heruntertoste. Schell. Viel zu schnell.
Irgendwo heulte eine Sirene auf.
Die Luft zitterte, roch beißend nach Aschestaub und Hitze.
Keine Zeit mehr - kein Atem mehr. Zu spät.
Mutter – Mama, hilf mir.
Kukiko sank neben Großmutter auf die Knie, hielt sie in den Armen. Eine letzte, sinnlose Suche nach Halt, während das Donnern immer gewaltiger wurde.
Sie fühlte die Berührung an ihrer Schulter, sah auf, begegnete dem Blick des Fremden.
Seine Augen leuchteten, er beugte sich lächelnd über sie.
Dann spürte sie den glühenden Sog, als die Feuerwalze sie überrollte.
Neugierig geworden?
E-Book- und Printausgabe dieses Buches erscheinen am 13.08.2014 (ISBN E-Book: 978-3-522-62115-1, ISBN Printausgabe: 978-3-522-20200-8).
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Lo Cascio, Priska:
Die Herrscher von Dhaleth – Der Feueropal (Leseprobe)
ISBN 978 3 522 68012 7
Umschlaggestaltung und -illustration: Isabelle Hirtz, Inkcraft unter Verwendung einer Illustration von Melanie Miklitza, Inkcraft (Landschaft)
E-Book Konvertierung: KCS GmbH, Stelle/Hamburg
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© 2014 Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart.
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Priska Lo Cascio
Das Herz des Sternenbringers
ab 14 Jahren
ISBN 978 3 522 62103 8
Thienemann Verlag
Alwynn, eine junge selbstbewusste Angelsächsin, führt während des englischen Thronfolgekrieges den Gutshof und die Ländereien ihres Bruders.
Garred, Normanne mit angelsächsischen Wurzeln, wird von Herzog William als Spion nach England geschickt.
Als Garred auf Wertlyng auftaucht, hat Alwynn keine Ahnung, wer der junge Normanne wirklich ist, doch er weckt tiefe Gefühle in ihr – sie verliebt sich in den geheimnisvollen Fremden. Auch der Spion kann der jungen Gutsherrin nicht widerstehen. Als Alwynn gegen ihren Willen mit dem arroganten und grausamen Turoc verheiratet wird, bleiben den beiden nur noch heimliche Treffen. Durch ihre verbotene Liebe bringen sich beide in große Gefahr, doch Garred würde alles für Alwynn tun. Was aber, wenn der Tag kommt, an dem er gegen ihresgleichen in die Schlacht ziehen muss, und sie von seinem unverzeihlichen Verrat erfährt?
Ein leidenschaftlicher Abenteuer-Schmöker über eine verhängnisvolle Liebe
Eine Leseprobe und weitere Infos zum Buch gibt es auf www.thienemann.de
Víctor Conde
Boten des Lichts
ab 13 Jahren
ISBN 978 3 522 62105 2
Thienemann Verlag
Tanya, Erik und Mauro sind die Auserwählten – in ihren Adern fließt das Blut echter Erzengel und nur sie haben die Macht, den Kampf Himmel gegen Hölle, Engel gegen Dämonen, zum Guten zu wenden. Doch es fällt den drei Jugendlichen nicht leicht, ihr Erbe zu akzeptieren, schließlich ist es verdammt schwierig, ein Engel zu sein! Wenn sie sich nicht zusammenraufen, übernehmen die Dämonen die Herrschaft über die Erde und die Menschen sind verloren! Die Zeit drängt: im Himmel ist die Hölle los!
Actionreiche Fantasy vom spanischen Fantasy-Experten
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