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Dr. Amira Carter ist eine brillante Chirurgin – und unter ihrer makellosen Fassade verbirgt sich Lieutenant Colonel Luna Reynolds, Elitesoldatin einer geheimen Einheit. Ihre Mission: Leben retten – oder beenden. Als sie dem neuen Chefarzt Eli Collins begegnet, gerät ihr Leben zwischen Skalpell und Waffenfeuer ins Wanken. Vertrauen, Leidenschaft, Verrat – und ein Geheimnis, das alles zerstören könnte. Als eine Katastrophe New York bedroht, muss Luna wählen: Pflicht oder Herz. Wahrheit oder Tarnung. Leben oder Liebe.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Simone Forster
Das Herz unter Tarnung
Simone Forster
Das Herz unter Tarnung
Liebesroman
Texte: © 2025 Copyright by Simone Forster
Umschlaggestaltung: © 2025 Copyright by Simone Forster
Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
New York City. Anfang November
Die Stadt pulsierte, noch bevor die Sonne ihre ersten Strahlen über die Dächer der Wolkenkratzer streckte. In der Ferne heulten Sirenen, ein gelber Bus quietschte durch eine verstopfte Kreuzung. Vor dem St. John’s Medical Center balancierte ein junger Mann Kaffeebecher und Aktentaschen zwischen hupenden Taxis und eilenden Passanten – der tägliche Tanz im Großstadtdschungel.
Drinnen im OP-Trakt, herrschte eine andere Art von Lärm: steril, rhythmisch, kontrolliert. Monitore piepten im Takt, das Beatmungsgerät zischte wie ein gedämpftes Metronom. Das Team kommunizierte mit Blicken, knappen Befehlen – eine perfekt geölte Maschinerie. Im Zentrum: Doktor Amira Carter. Dreißig. Chirurgin. Präzise.
„Was haben wir?“, fragte sie und zog die OP-Haube über. Der Assistenzarzt, schmal, nervös, zögerte.
„Milzruptur nach Verkehrsunfall, Blutdruck fällt. Team ist bereit.“
Amira nickte knapp. Dann begann ihr Ritual: Handschuhe, Desinfektion, Instrumente prüfen – jeder Handgriff saß. Sie war nicht Teil des OPs. Sie war sein Mittelpunkt. Geschmiedet aus Disziplin, Klarheit, Kälte. Zumindest nach außen.
„Doktor Carter?“ Die Stimme der OP-Schwester riss sie zurück.
Amira trat an den Tisch. Der Patient lag sediert, der Bauch antiseptisch glänzend. Das Piepen des Monitors beschleunigte sich.
„Subkostalschnitt links.“
Ein Schnitt. Ein tiefer Atemzug. Blut trat aus – viel Blut. Die Milz zerrissen. Für andere ein Albtraum. Für sie Routine.
Eine Stunde später: Blutung gestoppt, Patient stabil. Amira trat vom Tisch zurück, warf einen flüchtigen Blick in die OP-Lampe. Eine Reflektion. Ein Hauch Müdigkeit. Der dritte Eingriff diese Nacht.
In der Umkleide roch es nach Seife und Stahl. Sie war allein. Sie zog den Kittel aus, wusch sich langsam die Hände. Der Spiegel beschlug. Sie fuhr mit dem Handrücken darüber, blickte nicht mehr Doktor Amira Carter an – sondern sich selbst.
Doktor Luna Reynolds.
Nicht nur Chirurgin. Sondern auch Elitesoldatin. Mehrsprachig. Taktisch geschult. Nicht hier, um zu heilen – sondern um zu verhindern. Einen Anschlag. Einen Krieg.
In ihrer Tasche steckte ein gefaltetes Blatt – handgeschrieben, chiffriert, nur für Eingeweihte lesbar. Sie legte es neben das Waschbecken, zog ein zweites Handy hervor. Nicht das, was sie als Amira Carter nutzte. Nicht das, was ihr als Luna Reynolds gehörte. Sondern das, was für das Militär bestimmt war. Ihre Finger tippten:
Zielperson heute 13:45 in Midtown gesichtet. Zugriff nur bei Bestätigung durch visuellen Kontakt.
Senden.
Das Handy verschwand im Spind. Sie schloss ihn zu, atmete tief durch und band ihr Haar neu zusammen.
Als sie den Raum verließ, war sie wieder Doktor Amira Carter. Der Stille Flur roch nach Desinfektionsmittel. Neonlicht flackerte. Niemand wusste, wer sie wirklich war. Niemand bemerkte, wie ihr Puls anstieg – nicht aus Angst, sondern wegen der Klarheit, die sie erfasste, wenn es ernst wurde.
Sie war bereit, Leben zu retten. Und wenn nötig – Leben zu beenden.
Manhattan wirkte ungewöhnlich ruhig an diesem Morgen. Oder vielleicht erschien es Amira nur so, weil ihre Gedanken meilenweit entfernt waren. Die Novemberluft war kühl und klar. Über der Stadt spannte sich ein blassgrauer Himmel – jeder Ton, der nur kurz vor Tagesbeginn sichtbar ist, bevor New York ihn mit Lärm, Abgasen und gleißendem Licht übertönte.
Amira joggte. Ruhiger Atem, gleichmäßige Schritte. Die Wirbelsäule gerade, der Blick nach vorn gerichtet – doch sah sie nichts von dem, was vor ihr Lag. Die Laufrunde war Ritual. Tarnung. Ein scheinbar gesunder Start in den Tag für eine disziplinierte Ärztin. Für sie bedeutete es mehr: eine Methode, das Chaos zu sortieren, die Bilder zu ordnen, die sie nachts aufschrecken ließen. Ein mentaler Reset, bevor der nächste Befehl kam.
Die letzten zwei Tage hatten sich wie ein Drahtseil angefühlt: Ihre Einheit hatte eine Spur bestätigt: ein möglicher Attentäter in Manhattan. Sie war ihm näher als je zuvor. Und das bedeutete: Der Countdown lief. Aber jetzt, Sonntagmorgen, halb sieben, war sie einfach nur eine Joggerin. In Leggins, Laufjacke, flachen Schuhen. Kein Funkgerät, keine Waffe. Kein Einsatz. Nur sie. Und die Stadt. Bis sie nicht mehr allein war.
Die Kurve kam zu scharf. Ein Reflex des Militärs – immer die Innenseite nutzen – doch diesmal war der Weg blockiert. Ein Körper. Ein Aufprall, hart, direkt. Amira wurde zurückgeschleudert, stolperte zwei Schritte, fing sich im dritten. Ihr Gegenüber schwankte ebenfalls, hielt sich aber aufrecht. Ein Pappbecher flog durch die Luft, der Deckel löste sich, dunkler Kaffee spritzte über das Pflaster.
„Verdammt!“
Die Stimme war tief. Männlich. Nicht wütend – eher überrascht. Amira blinzelte, schob eine Haarsträhne unter die Mütze zurück und sah in zum ersten Mal richtig an.
Ein Mann, vielleicht vierzig. Groß, sportlich gebaut, doch unaufdringlich. Dunkles Haar, Dreitagebart. Seine Augen: grau. Wach. Ein prüfender Blick misstrauisch, aber ohne Aggression. Amiras Körper reagierte automatisch. Jeder Muskel unter Spannung, jede Atmung kontrolliert. Und doch war da ein Moment. Ein winziger Aussetzer im Takt.
„Ich bin okay“, sagte sie. Ihre Stimme klang rauer als sonst – das passierte, wenn sie zu lange nichts gesagt hatte, was kein Befehl war.
„Tut mir leid. Ich habe nicht aufgepasst.“
„Ich glaube, ich war schneller. Oder unaufmerksamer.“ Sein Blick glitt zu dem braunen Fleck auf dem Asphalt.
„Und offenbar war mein Frühstück das einzige echte Opfer.“ Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Nur ein kleines. Aber es kam von innen. Und er bemerkte es.
„Vielleicht war es Schicksal. Kaffeeentzug als göttliche Intervention.“ Er lachte leise, unaufgesetzt.
Amira mochte, wie er lachte – als würde er selten, aber dann ehrlich lachen. Zwischen ihnen entstand ein Moment. Einer jener seltenen Augenblicke, in denen die Welt für Sekunden stillzustehen schien.
„Ich heiße Eli. Eli Collins.“ Sie zögerte. Nur einen Wimpernschlag lang.
„Amira Carter.“ Nicht ihren richtigen Namen. Keine Wahrheit. Doch als er ihre Hand ergriff, fühlte es sich echt an. Warm. Fest. Kein Dominanzspiel.
„Ich schulde Ihnen einen Kaffee“, sagte er. Sie hob eine Augenbraue.
„Ich war die, die in Sie hineingerannt ist.“
„Genau. Und das war meine letzte Ausrede, das Gespräch zu beenden. Wenn ich jetzt weiterlaufe, wirkt es wie Feigheit.“
Diesmal lachte sie offen. Nicht laut. Aber echt. Sie schwieg einen Moment. Ihr Plan war gewesen, in zehn Minuten wieder zu Hause zu sein: duschen, verschlüsselte Nachrichten abrufen, mögliche Zielorte überprüften. Doch da stand er – lebendig, warm, menschlich. Vielleicht war eine halbe Stunde Ablenkung erlaubt.
„Na gut. Aber ich bezahle.“
„Unorthodox. Ich mag es.“ Er grinste, hob die Hände in gespielter Kapitulation.
Sie setzten sich in Bewegung. Seite an Seite. Ohne ein weiteres Wort, fanden ihre Schritte fast automatisch denselben Rhythmus.
Zwei Fremde. Zwei Leben auf Kollisionskurs. Zwei Geschichten, die noch keine Ahnung hatten, wie eng sie sich bald verweben würden.
New York schlief nie. Aber es gab Straßen, in denen selbst die Nacht innehielt – als würde die Stadt für einen Atemzug stillstehen.
Amira und Eli liefen stundenlang durch die Straßen. Ziellos, planlos. Nur das Geräusch ihrer Schritte, das Fließen der Worte. Sie lachten. Über Kaffeesucht. Über miserable Fitnessstudio-Versuche. Über Elis peinliches Geständnis, in einem Yogakurs fast eingeschlafen zu sein.
„Da vorne ist meine Wohnung“, sagte Eli schließlich und deutete auf ein Backsteinhaus mit grünen Fensterrahmen.
Er wartete. Sie hätte einfach „Gute Nacht“ Sagen und weitergehen können. Aber sie blieb. Ein Blick verharrte zu lange, um beiläufig zu sein. Der Wind spielte mit einer Haarsträhne in ihrem Gesicht.
„Willst du hochkommen?“, fragte er.
Sie nickte. Ohne Zögern. Doch in ihr flackerte ein Erzittern – kein Zweifel an ihm, sondern an sich selbst.
Die Wohnung war warm, gedämpft, persönlich. Bücherregale, eine Gitarre, eine halbvolle Whiskeyflasche am Fenster. Leben, nicht inszeniert.
Amira trat ein, drehte sich nicht um. Eli schloss die Tür- Stille. Nur das ferne Brummen der Stadt. Er kam näher. Sie wandte sich ihm zu. Einen Augenblick geschah nichts – keine Worte, keine Bewegung. Nur zwei Blicke, die sich hielten, als könnten sie alles sagen. Dann trat er einen Schritt vor. Langsam hob er die Hand, strich eine Strähne von ihrer Wange. Zärtlich. Nicht fordernd. Wie jemand, der nicht zu viel wollte – aber zu viel fühlte.
„Wenn du nein sagst, höre ich auf“; flüsterte er. Kein Spiel. Keine Provokation. Nur Respekt.
Amira sah ihn an, ruhig, direkt. Dann trat sie einen halben Schritt vor, hob das Kinn – und küsste ihn. Zögerlich zuerst, dann mit wachsendem Hunger. Ihre Finger gruben sich in seine Schultern. Seine Hände fanden ihre Taille. Die Luft flackerte. Sie fielen auf die Couch – nicht vorsichtig, sondern drängend. Sie zogen sich nicht aus. Sie legten Schicht um Schicht ab – nicht Kleidung, sondern Zurückhaltung. Kontrolle. Distanz. Eli war achtsam, jede Berührung eine Frage. Amira war Feuer – nicht um ihn zu überzeugen, sondern um sich selbst zu vergessen. Sie küsste ihn, als wolle sie verschwinden. Er hielt sie, als könnte er sie festhalten.
Ihre Körper fanden sich. Zwischen Küssen, Atemzügen, kurzen Pausen. Zwischen Momenten, in denen sie innehielten – nur um dann noch näher aneinanderzurücken. Als würde sie testen, wie weit Nähe ging, bevor sie zerbrach. Die Nacht zog sich hin. Still. Nicht still wie eine Operation. Nicht befehlsstill. Sondern die Ruhe nach einem Sturm.
Eli schlief. Sein Arm schwer auf ihrer Taille. Sein Atem ruhig. Amira lag wach. Starrte zur Decke, ihre Finger ruhten auf seiner Brust. Ein fremder Ort – und doch: zu war, zu weich, zu nah. Ihr Herz raste. Nicht wegen ihm. Wegen dem, was sie fühlte. Sie wollte bleiben. Und genau das machte ihr Angst.
Als der Morgen graute, stand sie leise auf. Zog sich an. Keine Notiz, kein Geräusch. Die Tür schloss sie mit der Sorgfalt einer Chirurgin – oder einer Soldatin. Jemand, der keine Spuren hinterließ.
Draußen war es kalt. Der Geruch von nassem Beton lag in der Luft. Zwischen den Gebäuden schob sich zaghaft die Sonne hervor. Amira ging nicht. Sie floh. Nicht vor ihm. Vor sich selbst.
Der Abend begann wie der vorherige geendet hatte: Mit einem Kuss, der keine Fragen stellte. Mit einer Hand an der Türklinke, mit einem Blick über die Schulter – und stillem Einverständnis.
Amira stand vor seiner Tür. Ohne Plan. Nur der Moment. Er hatte nicht damit gerechnet, und doch gewartet. Wie jemand, der wusste, dass der Blitz denselben Ort nicht zufällig traf. Sie klopfte nicht. Er öffnete, bevor sie es konnte, und sah sie an, als hätte er etwas wiedergefunden, das er fast verloren hätte.
„Ich bin nicht zum Reden hier“, sagte sie. Leise. Fest.
Er antwortete nicht. Zog sie hinein. Die Tür fiel ins Schloss wie ein Versprechen. Kein Gestern. Kein Morgen. Nur jetzt. Sie küssten sich an der Wand, wild, wortlos. Seine Hände fanden ihre Hüften, ihre Finger sein Hemd. Kleidung wurde nebensächlich. Sie legten sie ab wie lügen, die nicht mehr hielten. Schnell. Ungeduldig. Dann wieder dieses Fallen – ohne Zögern, ohne Spiel. Sie kannten die Melodie. Und sie wollten nur tanzen.
Die Nacht war schwer, dunkel, still. Durchbrochen vom Klang ihrer Atemzüge, von Lauten, die mehr waren als Lust. Erleichterung. Freisetzung. Amira verlor sich – in ihm, in sich selbst. Es war der Moment, in dem sie freiwillig die Kontrolle abgab. Nicht aus Schwäche, sondern aus Hunger. Nach etwas, das nicht befehlen ließ.
Am Morgen ging sie leise. Wieder kein Abschied. Kein Zettel. Nur ein Blick zurück, als müsste sie sich selbst überzeugen, dass Gehen richtig war. Eli stand nicht auf. Doch er war wach. Er hörte die Tür. Und in ihm dieses Wissen: Sie kommt zurück. Und sie kam. Am dritten Abend. Am fünften. Es schlich sich ein – ein heimlicher Rhythmus unter dem Lärm der Stadt.
Amira blieb manchmal über Nacht. Ging, wenn er noch schlief. Kam zurück, wenn sie es ertrug. Tagsüber: professionell, fokussiert. Nachts: weich. Leise. Manchmal zerbrechlich. Doch immer fremd. Zu vertraut, um unbekannt zu sein.
Eli wusste nicht, was sie zurückhielt. Aber er spürte, dass sie etwas verbarg. Er fragte nicht – nicht, weil es ihm egal war, sondern weil er sie behalten wollte. In welcher Form auch immer. Sie sprachen viel. Über Filme. Musik. Schmerz. Über Gott und die Welt. Nie über Vergangenheit. Nie über Zukunft.
Zwei Monate vergingen. Immer dasselbe Spiel: Begehren, Hitze, Flucht. Dieses stille Einverständnis: kein Risiko, keine Wahrheit. Und doch spürte Amira, wie das Gehen schwerer wurde. Nicht wegen der Lust. Sondern wegen der Dinge, die nichts mit Sex zu tun hatten: Wie er Kaffee machte, ohne zu fragen. Wie er ihre Stirn küsste, obwohl es kein „wir“ gab. Wie sein Blick weich wurde, wenn er glaubte, sie bemerke es nicht. Es ist nur Sex, redete sie sich ein. Doch sie wusste, dass es gelogen war. Und Eli? Er stellte keine Fragen, obwohl er tausend hatte. Er sah ihre Hände, ihre Augen. Wusste: Sie trug etwas Schweres. Aber er schwieg – aus Angst, sie zu verlieren. Also liebte er sie nur mit seinem Körper. Noch.
Sie kannten keine Lebensgeschichten. Aber sie kannten die Narben auf ihrem Rücken. Die Linien seiner Schulterblätter. Den Moment, in dem sie fast kam – und dann innehielt, weil sie Kontrolle hasste. Die Gänsehaut, wenn er ihren Nacken küsste. Den Laut den er machte, wenn ihre Nägel seine Haut fanden. Fremde, die sich den Atem teilten. Aber keine Unbekannten mehr.
„Ich weiß nicht mal, wer du bist“; flüsterte er eines Nachts.
„Das ist besser so.“
Ihr Kuss war die Antwort – langsam, wie ein Siegel über all das, was sie nicht sagen wollte. Nicht sagen konnte.
Die Cafeteria des St. John’s Medical Centers war an diesem Januarmorgen gefüllt mit angestrengtem Schweigen und dem nervösen Klirren von Kaffeetassen.
Amira stand an der Kaffeemaschine, füllte ihren Becher. Schlaf hatte sie kaum gefunden – nicht wegen eines Einsatzes, nicht wegen Albträume. Sondern wegen ihm. Wegen der Nacht davor. Wegen des Blicks, mit dem er sie verabschiedet hatte, als sie wortlos durch seine Tür verschwunden war. Wegen des stillen Schmerzes – des Schmerzes eines Mannes, der mehr fühlte, als er sollte. Heute musste sie es vergessen. Nicht ihn – nur das Gefühl. Zumindest bis Feierabend. Denn heute wurde der neue Chefarzt der chirurgischen Abteilung vorgestellt. Ein Mann mit angeblich beeindruckender Erfahrung, Visionen und einem weitreichenden Netzwerk. Wochenlang hatte das Team auf diesen Moment gewartet. Man sprach von einem, der führen und motivieren sollte. Amira interessierte das nicht. Für sie war Autorität kein Versprechen – sondern ein Test.
Mit einem Seufzen und dem Becher Kaffee in der Hand ging sie den Flur entlang. Der Konferenzraum war schon halb gefüllt. Bekannte Gesichter, flüchtige Grüße. Der neue Chefarzt war noch nicht da. Amira setzte sich in die dritte Reihe – nicht vorn, nicht hinten. Mittendrin. Unsichtbar und doch mit einem Blick auf alles.
Die Tür öffnete sich. Die Chefärztin der Inneren trat ein, ihr Lächeln ein wenig zu breit.
„Danke, dass Sie alle so zahlreich erschienen sind. Ich freue mich, Ihnen heute unseren neuen Leiter der Chirurgie vorzustellen. Er bringt nicht nur exzellente fachliche Kompetenz mit, sondern auch eine große Leidenschaft für moderne Medizin, Teamführung und interdisziplinäre Arbeit.“ Sie drehte sich zur Tür.
„Begrüßen Sie bitte: Doktor Eli Collins.“
Amiras Hand erstarrte um den Becher. Die Luft wurde dick. Ein Tropfen Kaffee schwappte über. Ihr Herz schneller – nicht vor Schreck, sondern wegen dem, was danach kam.
Eli trat ein. Dunkler Anzug, weißes Hemd, Krawatte. Seriös. Kontrolliert. Für einen Wimpernschlag genauso überrascht wie sie. Sein Blick glitt durch den Raum – und blieb an ihr hängen. Zwei Herzschläge lang. Dann nickte er, professionell, ging nach vorne, schüttelte Hände.
„Guten Morgen. Danke für das Vertrauen. Ich freue mich darauf, mit einem so erfahrenen Team zu arbeiten und gemeinsam neue Wege zu gehen. Mein Ziel ist es nicht, die Welt neu zu erfinden, sondern sie zusammen besser zu machen.“ Sein Lächeln: charismatisch, kontrolliert.
Amira hörte kaum ein Wort. Sie sah nur den Mann, dessen Kopf letzte Nacht noch in ihrem Nacken gelegen hatte. Dessen Hände sie gehalten hatten. Jetzt: kühl. Geschäftlich fremd.
Als das Meeting endete, verließ sie den Raum zügig. Nicht hastig – zielstrebig. Hinter ihr Stimme, Lachen. Eli blieb, beantwortete Fragen, spielte die Rolle. Erst als der letzte Kollege gegangen war, stand er still. Hände in den Taschen, den Blick zur Tür – dorthin, wo sie eben noch gewesen war.
Der Rest des Tages zog wie durch Nebel vorbei. Amira operierte zwei Patienten, präzise wie immer. Niemand merkte etwas. Nur sie spürte das Gewicht jeder Bewegung, jede Sekunde, in der ihre Gedanken zu ihm zurückkehrten – zu seiner Stimme, zu seinem Lachen in der Nacht davor. Am Nachmittag kreuzten sich ihre Wege im Flur. Kurz. Ein Blick. Wie ein Ruf. Wie ein Versprechen: Ich sehe dich. Und doch sagte keiner von beiden ein Wort. Denn sie wussten: In einem Krankenhaus voller Augen kann selbst ein Flüstern zur Explosion werden. Und Amira spürte:
Das hier hatte gerade erst begonnen.
Amira, alias Luna saß auf der Kante ihres Sessels. Kein Licht. Kein Ton. Nur der fahle Schimmer des beginnenden Tages, der sich durch die halbgeöffneten Jalousien auf den Holzboden legte. Der Kaffee in ihrer Hand war längst kalt. Doch sie hielt den Becher fest – wie ein Anker. Oder wie eine Ausrede, nicht aufstehen zu müssen.
Seit zwei Tagen war Eli Teil ihrer Routine. Teil des Krankenhauses. Aber nicht mehr Teil ihres Rückzugs. Dieser Gedanke brannte. Nicht, weil sie es nicht wollte – sondern weil sie wusste: So kann es nicht bleiben. Eli war höflich. Professionell. Unantastbar. Kein Lächeln zu viel, keine Berührung zu nah. Und doch – wenn ihre Blicke sich zufällig trafen, geschah etwas. Ein Atemzug zu tief. Ein Blick eine Sekunde zu lang. Sie spürte: Er kämpft denselben Kampf. Gegen Nähe. Im falschen Moment. Gegen Gefühle in der falschen Welt.
Seit dieser Vorstellung im Konferenzraum lag etwas in der Luft. Unsichtbar. Unausgesprochen. Und doch da. Also zog sie sich zurück. Nicht auffällig. Aber spürbar. Sie kam später in die Cafeteria. Verließ den Pausenraum, wenn er eintrat. Schickte keine Nachrichten mehr. Schweigen, das mehr verletzte, als sie schützte. Dann der Anruf. Ihr Bruder Aaron. Seine Stimme kurz, präzise.
„Die heiße Phase beginnt, Luna.“
„Ich bin bereit“, sagte sie. Das Handy am Ohr, die Stadt tief unter ihr.
„Sei wachsam, Schwesterherz. Es wird bald ernst.“
Nach dem Gespräch duschte sie kalt. Zog den Kittel an. Und als sie die Klinik betrat, war sie wieder Doktor Amira Carter – die Frau, die man in New York kannte.
Am Nachmittag begegnete sie Eli im Fahrstuhl. Allein. Der Raum war still. Und doch geladen. Er sah sie an.
„Geht es dir gut?“, fragte er leise, als könnte jedes weitere Wort den Raum zerreißen.
„Natürlich.“
„Wirklich?“
Ein Flackern in ihren Augen. Ein kurzes Zögern. Dann richtete sie den Blick auf die Anzeige über der Tür.
„Ich habe viel zu tun.“
„Ich auch.“ Seine Stimme blieb ruhig.
„Trotzdem denke ich die ganze Zeit an dich.“ Ihre Augen trafen sich. Länger als sie sollten.
Die Tür öffnete sich. Amira trat hinaus. Ohne sich umzudrehen. Sie hätte etwas sagen können. Doch sie schwieg. Denn jedes Wort hätte die Wahrheit fast bestätigt. Und das durfte nicht geschehen. Aber als sie die Station betrat, dachte sie an seine Hände. Seine Stimme. Den Blick, mit dem er sie ansah, als wäre sie der einzige Mensch im Raum. Und sie fragte sich: Wie sehr kann man jemanden lieben – ohne ihn einzuweihen?
Es war nicht vorbei. Nur still geworden. Und dieses Schweigen war nichts anderes als der Anfang eines Sturms.
Es war einer dieser Abende, an denen die Stadt fast den Atem anhielt, als würde sie warten, bis etwas Zerbrechliches zerbrach. Der Himmel war bleiern; kein Sonnenuntergang, nur ein kaltes Glühen wie eine Mahnung.
Amira hatte Spätdienst: zwei OPs, drei Visiten. Zwei Stunden, in denen sie nicht auf ihr Handy blickte, nicht an ihn dachte – bis Stimmen sie auffingen, vor dem Pausenraum. Zwei Pfleger, flüsternd. Normalerweise ging sie vorbei. Heute blieb sie stehen. Nur für einen Atemzug.
„… hast du den Ring an ihrer Hand gesehen?“
„Sah teuer aus.“
„Und hübsch. Passt perfekt zu ihm.“
„Zu wem?“
„Na, Doktor Collins. Seine Verlobte. Die war heute kurz da. Hat ihn abgeholt.“ Lachen.
„Unfair. Attraktiv und vergeben.“
Die Kälte kroch in Amira. Langsam. Wie Eis, das sich in jede Ritze fraß. Sie ging. Im Treppenhaus blieb sie stehen. Neonlicht. Betonwände. Drei Stockwerke über dem Boden. Verlobt. Die Silbe schmeckte bitter, auch unausgesprochen. Enttäuschung. Nicht wegen eines Einsatzes. Nicht wegen eines Fehlers. Sondern wegen Vertrauen. Wegen ihm. Sie verließ das Krankenhaus, fuhr zu seiner Wohnung. Nicht zum ersten Mal – aber nie so. Ein Klopfen. Er öffnete. Barfuß, Jogginghose, Zerzaustes Haar. Ein Abend wie viele. Nur nicht dieser.
„Amira.“ Sein Blick offen. Seine Stimme: warm. Sein Herz: ahnungslos. Sie trat ein, wortlos. Er schloss die Tür, drehte sich zu ihr. Sie stand in der Mitte des Raumes.
„Du bist verlobt.“ Kein Vorwurf. Keine Wut. Nur Fakt. Eli erstarrte.
„Woher …“
„Das spielt keine Rolle.“ Ihre Stimme: flach. Kalt. Gefährlich still.
„Wie lange?“
„Ein Jahr“, sagte er leise. Sie lachte. Hart Schneidend.
„Ein Jahr. Und seit zwei Monaten schläfst du mit mir. Kein Wort.“
„Es ist … kompliziert.“
„Nein. Es ist einfach.“ Er machte einen Schritt.
