Das Herz von Noxford - Anne Pallas - E-Book

Das Herz von Noxford E-Book

Anne Pallas

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Beschreibung

Ein verborgenes Internat an den Klippen. Eine Gabe, die niemand sehen darf. Und ein Junge, dessen Nähe gefährlich vertraut wird. Nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern wird die 16-jährige Juno Elian in das abgelegene Internat Noxford Hall geschickt; ein düsterer Ort an der windgepeitschten Küste. Zwischen strengem Unterricht, nächtlichen Orientierungsläufen durch Nebel und Schwimmen im eiskalten Meer spürt Juno, dass sie nicht wie die anderen ist. Denn sie sieht Emotionen als Licht – flackernd, pulsierend, lebendig. Was als Bürde beginnt, wird zur Gabe. Und zur Gefahr. Als sie Noah Vale begegnet, einem Jungen mit einem eigenen düsteren Geheimnis, beginnt etwas in ihr zu erwachen. Etwas, das heller leuchtet als je zuvor. Doch Vertrauen ist schwierig, vor allem, wenn der, dem dein Herz folgt, ein Teil der Organisation sein könnte, die dich jagt. Gemeinsam mit ihren besten Freundinnen Nika und Liv beginnt Juno, die Wahrheit hinter dem Internat zu entdecken: alte Symbole, vergessene Rituale, eine verborgene Kammer – und ein Herz aus Licht, das mehr weiß als jedes Buch. Zwischen körperlicher Prüfung, innerem Aufruhr, wachsender Freundschaft und dem zarten Gefühl von Nähe, das sich wie Strom durch die Haut zieht, stellt sich Juno einer Entscheidung: sich zu verstecken, oder zu kämpfen. Romantisch, spannend und atmosphärisch – ein fesselnder Fantasy-Roman voller Gefühl, Geheimnis, Freundschaft und der ersten Liebe, die alles verändert.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Anne Pallas

Das Herz von Noxford

Ein Lichtfänger Roman (Band 1)

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

Impressum neobooks

Prolog

„Wenn das Licht dich berührt“

Es begann in einer Nacht, die zu schön war, um still zu bleiben.

Der Wind kam vom Meer – salzig, warm, ruhelos – und strich wie eine flüchtige Hand über die nackten Schultern der Frau, die auf dem Dach des alten Leuchtturms stand.

Sie trug nichts außer einem hellen Shirt, das sich an ihre Haut schmiegte wie feuchtes Papier. Ihre Zehen umklammerten den kalten Stahl des Geländers, während unter ihr die Dunkelheit flackerte – tief, weit, voller Raunen.

Sie hatte die Augen geschlossen.

Denn sie sah auch so.

Nicht mit den Augen. Sondern mit der Haut. Mit dem Herzschlag. Mit einem Teil in ihr, den sie nie benennen durfte.

Ein Licht stieg aus der Tiefe auf. Nicht das eines Schiffes. Auch kein Stern, keine Taschenlampe, kein Feuer.

Es war das Licht, das in Menschen lebt, wenn sie lieben. Oder wenn sie lügen. Oder wenn sie verlieren.

Und dieses Licht – so zart wie Glas, so wild wie Sturm – hatte sie ihr ganzes Leben lang gesehen.

Sie hatte es früher verborgen. Gelernt, den Blick zu senken. Gelernt, nicht zu sprechen, wenn der Schmerz der anderen, wie Glut in ihrer Kehle loderte.

Doch heute war anders.

Heute wusste sie, dass jemand kommen würde, der weitertragen würde, was in ihr leuchtete.

Ein Mädchen.

Ihr Mädchen.

Noch nicht geboren, und doch schon lebendiger als alles, was sie je gesehen hatte.

„Sie wird rennen“, flüsterte sie in den Wind. „Sie wird klettern, springen, lachen, fliegen. Und sie wird sehen. Alles. Was ich je versteckt habe.“

Das Licht vibrierte in ihren Fingerspitzen.

Sie breitete die Arme aus, als könnte sie es umarmen, das Kommende. Die Veränderung. Die Flut.

Ein ferner Ruf. Eine Stimme, kaum mehr als ein Hauch: „Leni! Komm zurück! Es ist zu gefährlich!“

Doch sie drehte sich nicht um.

Sie war nie dafür gemacht worden, stehen zu bleiben.

Unter ihr donnerten die Wellen gegen die Felsen, rhythmisch, wie ein Herzschlag.

In ihr glomm die Vorahnung eines Lebens, das nie leicht sein würde, aber groß. Hell. Wahr.

Und irgendwo, im ersten Atemzug des Morgens, inmitten des Nebels und des Aufruhrs und der Schönheit, begann etwas, das nicht mehr aufzuhalten war.

Eine Geschichte.

Ein Licht.

Ein Mädchen.

1

Der Regen fiel wie gespannte Saiten vom Himmel, lange silberne Fäden, die in den Asphalt zischten und aufplatzten wie Nervenstränge unter der Haut der Straße.

Der Bus ächzte in der Steigung, als hätte er keine Lust, sich den letzten Hügel zur Küste hinaufzuwuchten. Die Scheibenwischer arbeiteten im Rhythmus eines alten Herzschlags, stoisch, trotzig, gegen die Gischt, die der Sturm gegen die Fenster peitschte. In der Ferne zuckte ein Blitz über das tosende Meer, nicht wild, nicht bedrohlich, mehr wie ein aufblitzendes Augenzwinkern in der Düsternis.

Juno Elian saß am Fenster, die Stirn an das kühle Glas gelehnt. Ihre Finger ruhten reglos auf dem Oberschenkel, obwohl es in ihnen zuckte vor Unruhe. Ihre schulterlangen, dunkelbraunen Haare klebten ihr an den Wangen, einzelne Strähnen funkelten kupfern im grauen Licht. Die bernsteinfarbenen Augen, tief und wach, schienen mehr zu sehen als das, was sich vor dem Busfenster abspielte. Ihr Gesicht war schmal, ausdrucksstark, mit hohen Wangenknochen und einem entschlossenen Kinn. Ihre schlanke, drahtige Figur verriet, dass sie nicht für das Sitzen gemacht war, sondern für Bewegung: für das Klettern, das Rennen, das Stürzen und Wiederaufstehen.

Der Geruch von nassem Stoff, kaltem Gummi und altem Diesel lag schwer in der Luft, vermischt mit der elektrischen Spannung eines Anfangs. In wenigen Minuten würde sie aussteigen, in eine Welt, die sie nicht kannte, in ein Leben, das nicht mehr ihr altes war.

Noxford Hall!

Ein Ort, der in keiner Karte verzeichnet war, es sei denn, man wusste, wonach man suchen musste.

Offiziell ein Elite-Internat für körperlich und kreativ besonders begabte Jugendliche.

Inoffiziell ein Ort voller Gerüchte und halber Geschichten: von verborgenen Talenten, von verschwundenen Kindern, von Dingen, die besser im Nebel blieben. Eingebettet in eine zerklüftete Küstenlandschaft, umgeben von alten Seefahrerpfaden, verwachsenen Steinmauern und vergessenen Leuchttürmen.

Ein Ort mit Mauern, die nicht nur das Wetter draußen hielten, sondern auch das Unsagbare darin.

„Noch zehn Minuten!“, rief der Busfahrer nach hinten, als würde jemand zuhören.

Juno hörte nicht zu. Sie war in Gedanken woanders. Weiter oben. Dort, wo sich Klippen ins graue Meer warfen. Wo Möwen im Wind tanzten wie Gedanken im Sturm. Wo etwas auf sie wartete, nicht mit offenen Armen, vielleicht. Aber mit einer Geschichte, die sich nur über sie entfalten konnte.

Sie rieb sich über den Unterarm, verspürte eine kalte Gänsehaut unter dem Stoff ihres Pullovers. Vielleicht war es die Luft. Vielleicht die Erinnerung.

Oder vielleicht war es dieses andere Gefühl!

Nicht in der Brust. Sondern hinter den Augen. Ein warmes, flirrendes Flimmern, das auftauchte, wenn Menschen um sie herum mehr fühlten, als sie zeigten. Manchmal waren es Farben. Manchmal war es nur ein Hauch. Und manchmal war es ein Licht, das alles in ihr zum Vibrieren brachte.

So wie jetzt.

Sie hob den Kopf, und sah in den Rückspiegel des Busses.

Der Junge zwei Reihen hinter ihr starrte sie an!

Er war ihr vorher nicht aufgefallen. Vielleicht, weil er still war wie Nebel. Oder weil sein Licht – wenn sie es denn so nennen wollte – sich wie ein Schleier über seine Haut legte: kühlblau, mit einem flackernden Goldrand, der aussah wie Angst, die sich verkleidet hatte.

Ihre Blicke trafen sich.

Er senkte den Kopf.

Und sie atmete ein, tief, überrascht, als hätte ihr jemand die Luft gestohlen.

Dann stoppte der Bus. Ruckartig. Die Türen zischten. Kälte schlug herein wie ein Faustschlag.

„Noxford Hall. Endstation.“

Der Regen war horizontal.

Juno sprang aus der letzten Stufe, bevor der Busfahrer ihre Tasche gefunden hatte. Ihre Klettertasche hing über einer Schulter, der Trageriemen drückte gegen die Rippen. Ihre Schuhe sanken in den matschigen Kiesweg ein, der zum Internat führte, einem Bauwerk aus dunklem Stein, dass sich wie ein schweigender Riese an die Küste klammerte. Seine Fenster glommen matt wie halbgeöffnete Augen.

Der Wind zerrte an ihren Haaren, als wolle er sie gleich wieder mitnehmen.

„Und du nennst das also Sommer…“, murmelte sie und trat entschlossen nach vorne.

Neben ihr landete eine zweite Tasche im Matsch. Der Junge mit dem flackernden Gold war ihr gefolgt. Sie sah, wie seine Finger die Riemen seines Rucksacks umklammerten. Weiße Knöchel. Nervosität. Sein Blick streifte ihren, kurz, zu schnell. Und wieder dieses Licht. Als hätte jemand einen Funken direkt hinter seiner Stirn angezündet.

Er sagte nichts. Sie auch nicht. Und irgendwie war das genug.

Sie betrat Noxford Hall, und es war, als würde die Zeit den Atem anhalten.

Drinnen roch es nach altem Holz, das Geschichten kannte, nach Meersalz, das sich in Ritzen und Rillen festgesetzt hatte, und nach Papier, das so viele Winter überstanden hatte, dass es selbst zu Staub geworden war. Nicht der sterile Duft eines modernen Gebäudes, sondern ein wilder, dichter Geruch, wie ein Archiv von Seelen, eingekapselt zwischen Wänden, die zuhörten.

Die Eingangshalle war riesig, wie eine alte Kathedrale, mit Decken so hoch, dass man den Kopf in den Nacken legen musste, um das Ende der Dunkelheit zu erahnen. Über dem blankgewetzten Marmorboden, dessen Mosaikmuster wie versteckte Karten wirkten, lagen abgetretene Teppiche, in Rot- und Grautönen, ausgebleicht von Schritten und Zeit. Sie wirkten wie vergessene Spuren eines Lebens, das man nicht mehr nachzeichnen durfte.

Die Wände waren von einem dunklen, fast rußigen Grau, durchzogen von vertikalen Schatten, als hätte das Gebäude selbst versucht, etwas in sich hinaufzuziehen – oder hinunter. Daran hingen Porträts, gewaltige Ölgemälde in schweren Rahmen, deren Farben in der Kühle verblasst waren. Männer und Frauen mit bleichen Gesichtern, steifen Kragen, durchdringenden Blicken. Die Art von Blicken, bei denen man sich nicht sicher war, ob sie einen wirklich sahen, oder ob sie einen durchschauten. Ihre Augen schienen sich zu bewegen, leicht, fast unmerklich, wie Schatten im Wasser.

Juno spürte es. Das Prickeln im Nacken. Das winzige Zittern in den Fingerspitzen.

Und über allem, mitten im Raum, hing er: Der Kronleuchter!

Ein Monstrum aus geschliffenem Glas und Eisen. Zahllose Kristalle, manche angeschlagen, andere blind vor Alter. Er war nicht einfach nur alt, er war eine Drohung. Jeder Windhauch ließ ihn erzittern. Bei jeder Böe von draußen vibrierte er wie ein gespannter Nerv, als könnte er jeden Moment losbrechen, und sich donnernd in die Halle stürzen.

Ein Glaskörper, schwer von Geschichte. Schwer von Schweigen.

Etwas in diesem Raum hielt den Atem an. Und Juno mit ihm.

Eine Frau tauchte aus dem Schatten der Treppe auf, hochgewachsen, schlank, Haare wie aus Silberdraht, streng zum Knoten gewickelt.

„Elian?“, fragte sie, ohne sich vorzustellen.

„Juno Elian, ja.“

„Zimmer 3A. Westflügel. Zweite Etage. Klettertraining morgen früh um sechs Uhr. Nicht zu spät. Wir starten direkt am Turm.“

„Turm?“, hakte Juno erstaunt nach.

Doch die Frau war schon wieder verschwunden.

Juno war wieder allein. Sie musste ihr Zimmer suchen! Keine Stimme begleitete sie. Keine Hände deuteten den Weg. Nur das Echo ihrer Schritte auf dem Steinboden, das in den stillen Fluren wie eine Erinnerung an jemand anderen klang.

Der Weg zum Westflügel war kein einfacher Korridor, sondern ein Labyrinth aus langen Gängen, verschlossenen Türen, abgeschabten Wandvertäfelungen und Treppen, die knarrten wie alte Knochen. Das Haus schien sie zu prüfen, bei jedem Schritt, bei jeder Biegung. Der Wind kroch durch die Ritzen der Fensterläden und ließ die Vorhänge zittern wie Gespensterfinger.

Die erste Treppe war aus dunklem Holz, der Handlauf glatt und kühl unter ihren Fingern. Sie führte in ein Halbdunkel, das von einer einzigen, trüben Wandlampe erleuchtet wurde. Der Lichtkreis flackerte, als würde er sich ihrer Anwesenheit nicht sicher sein.

Dann kam ein zweiter Flur, schmaler, von Bildern gesäumt, auf denen niemand lächelte. Nur ernste Gesichter, auf bröckelnder Leinwand, deren Augen in entgegengesetzte Richtungen blickten, als hätten sie das Vertrauen in den Betrachter längst verloren. Der Boden unter ihren Füßen war uneben, die Dielen gaben bei jedem Schritt widerwillig nach.

Die zweite Treppe war steiler, kälter. Hier roch es nach Rost und kaltem Stein, nach etwas, das sich nicht vertreiben ließ, ein uralter Geruch, den kein Fenster je hinausgelassen hatte.

Juno folgte dem Westflügel-Schild, geschrieben in verblichener Handschrift auf einer schiefen Plakette, die aussah, als wäre sie nur noch aus Gewohnheit an der Wand. Der Gang hinter der Tür war seltsam still. Zu still. Als würde das Haus selbst den Atem anhalten, während sie näherkam.

Dann stand sie vor dem Zimmer 3A.

Die Tür war aus schwerem Holz, vom Salz der Luft aufgeraut. Der Griff war rund, aus kühlem Messing, stumpf poliert von Jahrzehnten.

Sie legte die Hand darauf. Spürte das Metall. Atmete ein. Und drückte.

Das Zimmer war still.

Still auf eine Art, wie es nur Räume sind, in denen lange niemand gesprochen hat. Kein Duft von fremden Menschen, kein Geräusch außer dem sanften Pfeifen des Windes, der durch das gekippte Fenster strich.

Es war ein Einzelzimmer. Und das überraschte sie. Kein anderer Koffer. Kein zweites Bett. Keine Anzeichen von Leben!

Es war klein, ja. Aber nicht eng.

Die Wände waren in verblasstem Blau gestrichen, stellenweise abgewetzt, als hätte jemand mit den Schultern daran gelehnt und die Farbe mitgenommen. Die Luft war kühl, durchzogen vom Geruch alten Leinenstoffs, Lavendel und ganz leichtem Staub.

Das Fenster nahm fast die gesamte Stirnwand ein. Eine breite Fensterbank aus Marmor, kühl und glatt, lud zum Sitzen ein. Dahinter: das Meer.

Nicht einfach nur Wasser. Sondern eine bewegte Fläche aus Stahlgrau, Silber, Rauch und Licht. Wellen, die unaufhörlich kamen und gingen, wie Gedanken. Wind, der den Horizont zerschliss wie einen Schleier.

Unter dem Fenster stand ein einfaches Bett, weiß bezogen, ordentlich, mit einer Wolldecke, deren Kanten exakt gefaltet waren. Daneben ein kleiner Holzschrank, abgeschlagen an den Ecken, als hätte jemand darin gelebt, der nicht stillsitzen konnte.

Gegenüber ein Schreibtisch, massiv, dunkel, mit eingebrannten Mustern. Auf der Kommode daneben stand eine schlichte Tonschale – darin: getrockneter Lavendel, sorgfältig angeordnet, wie eine kleine Geste der Fürsorge inmitten dieser strengen Welt. Daneben lag ein kleiner Zettel mit der aufgeschriebenen WLAN-Verbindung, als wolle jemand sagen: „Wir beobachten dich, aber wir lassen dich atmen.“

An der Wand über dem Bett hing ein Schwarzweißfoto in einem dünnen, rissigen Holzrahmen.

Es zeigte ein Mädchen, kaum älter als Juno, mit einem Seil um die Hüfte. Sie hing in einer Felsspalte, den Blick nicht zur Kamera, sondern nach oben gerichtet, zum Licht. Ihre Haare waren zerzaust vom Wind, das Gesicht voller Konzentration und Sehnsucht.

Nicht Pose. Nicht Stolz. Nur reine, klare Kraft.

Juno trat vorsichtig auf das Bild zu, und betrachtete es lange.

Etwas daran war seltsam vertraut.

Juno warf ihre Tasche aufs Bett und trat ans Fenster. Der Regen hatte aufgehört. Der Horizont glühte in blassem Rosé, wie ein Versprechen.

Sie öffnete das Fenster. Der Wind kam in Böen. Möwen kreischten. Und in der Ferne – hinter einer Nebelbank – ragte der Leuchtturm auf.

Sie wusste nicht warum.

Aber ihr Herz begann schneller zu schlagen!

Die Nacht kam schnell!

Wie eine Decke, die jemand wortlos über das Haus legte. Draußen rauschte das Meer, der Wind schlug in unregelmäßigen Böen gegen das Fensterglas.

Drinnen war es still. Junos Tasche lag noch ungeöffnet am Fußende ihres Bettes.

Sie hatte kein Bedürfnis zu reden, nicht einmal zu denken. Nur ihre Hände wussten, was zu tun war.

Im kleinen Badezimmer auf dem Flur wusch sie sich das Salz aus den Haaren. Das Wasser war eiskalt, der Spiegel beschlagen. Ihre Bewegungen waren automatisch, als gehörten sie jemand anderem.

Zähne putzen. Haare flechten. Schlafshirt an.

Dann saß sie lange auf der Fensterbank, die Stirn an das Glas gelehnt, den Blick hinaus auf das dunkle Meer.

Sie schlief spät ein, aber tief.

Und träumte vom Klettern.

Von Licht, das sie fast berührte.

2

Ein metallisches Klopfen weckte sie. Dumpf, energisch, dreimal.

Dann erklang eine Stimme durch die Tür: „6 Uhr. Westklippe. Sportkleidung. Los!“

Juno zog die Decke weg, barfuß auf den kalten Boden. Die Luft im Zimmer war schneidend klar.

Sie wühlte nach ihrer schwarzen Kletterleggings, dem enganliegenden Shirt, den knöchelhohen Schuhen.; zog alles an, band ihre Haare zu einem hohen Zopf, und schlüpfte in eine Jacke.

Lavendelduft hing noch immer in der Luft. Er wirkte fehl am Platz, fast wie eine Erinnerung an ein anderes Leben.

Mit einem Müsliriegel in der Jackentasche und einer Flasche Wasser in der Hand schlich sie den Flur entlang, die Treppe hinunter, durch einen Hinterausgang, der kaum zu sehen war.

Ein kleiner Kiesweg führte zwischen Brombeersträuchern hindurch, ein schmaler Pfad, der sich wie ein geheimer Gedanke durch das Gelände schlängelte.

Dann öffnete sich die Landschaft.

Der sogenannte Kletterturm war keine Trainingsanlage; keine Halle mit Matten, kein Industriebau.

Er war Natur pur.

Ein mächtiger, bogenförmiger Fels, der direkt aus dem Boden wuchs wie ein Fossil aus einer anderen Zeit. Grau, moosbedeckt, mit dunklen Adern aus Erz. Seine Wände waren durchzogen von Spalten, Griffen, Vorsprüngen, von Wind und Wetter geformt. Hier gab es keine Sicherheit, nur Konzentration, Technik und Instinkt.

Der Weg hinauf war nichts für Anfänger.

Er forderte Balance. Mut. Und Respekt.

Juno sah, wie sich bereits zwei andere Jugendliche am Felsen zu schaffen machten. Ohne Worte. Jeder in seiner Welt.

Sie atmete tief ein. Die salzige Luft brannte in den Lungen, der Wind sang zwischen den Sträuchern.

Ein Lehrer war nirgends zu sehen.

Keine Einführung. Keine Karte. Keine Hilfe.

Das war die Prüfung.

Sie klammerte sich an den Stein, tastete sich langsam hinauf. Jeder Griff war rau, lebendig. Moos unter den Fingern, Sand in den Schuhen. Das Seil flatterte hinter ihr, der Wind drückte gegen ihren Rücken. Und sie spürte: Sie lebte.

Oben angekommen, stand sie still.

Die Sonne brach durch den Nebel, traf auf das Wasser wie auf Metall.

Und dann sah sie ihn.

Den Jungen, den sie das erste Mal im Bus gesehen hatte!

Er stand unten, in sicherem Abstand, und sah zu ihr hoch. Und das Licht in ihm – das sie am Vortag nur geahnt hatte – stieg auf.

Nicht zaghaft. Nicht als Schimmer. Sondern als Flamme. Golden, warm, echt.

Es streifte sie, berührte sie.

Nicht auf der Haut. Sondern dort, wo man nichts sieht, nur fühlt. Ein Teil in ihr, der bisher geschwiegen hatte, begann zu flüstern.

Und sie wusste:

Etwas in ihr war wach geworden!

Der Wind hatte nachgelassen, aber das Meer rauschte unermüdlich gegen die Felsen, als wollte es etwas sagen, das keiner verstand.

Juno saß auf der Mauer unterhalb der Klippe, die Knie angezogen, die Stirn auf die Arme gelegt. Ihre Finger waren aufgeschürft. In den Handflächen brannten kleine Schnitte vom Felsen. Aber sie spürte sie kaum. Nicht jetzt. Nicht nach dem, was sie gesehen hatte.

Das Licht!

Es hatte keine Form, keine Stimme, keinen Namen. Aber es war da gewesen. Echtes Licht. Nicht bloß Farben oder Flackern, wie sie es von den anderen kannte. Sondern etwas Lebendiges. Zielgerichtet. Wie ein Ruf. Wie eine Berührung. Und es kam von ihm.

Der Junge.

Er hatte sie nicht angesprochen, nicht gelächelt. Nur geschaut. Lang und still. Und sie hatte gespürt, dass er sie kannte. Nicht ihren Namen. Sondern etwas in ihr, das sonst niemand wahrnahm. Eine Frequenz, die nur sie sendete. Und nur er empfing.

Juno hatte nicht mehr trainiert an diesem Tag. Hatte die Seile losgemacht, sich wortlos verabschiedet, war durch das Gras zurück zum Internat gelaufen. Ihre Beine waren schwer gewesen, der Puls zu schnell, der Hals trocken. Als wäre sie nicht geklettert, sondern gefallen. Gefallen in etwas, das sie nicht verstand.

Jetzt saß sie hier. Unterhalb der Klippe. Am Rand des Tages.

Der Himmel war offen. In allen Tönen zwischen Bronze, Kupfer und Rauch. Ein Abend, der mehr versprach als die Nacht.

Hinter Juno erklangen knirschte Schritte. Sie drehte sich nicht um, wusste, wer es war.

Er setzte sich neben sie, ohne zu sprechen, ließ den Abstand zwischen ihnen, den man braucht, wenn man nicht weiß, wie nah man sein darf. Oder will.

Er trug ein dunkles Shirt, durchgeschwitzt am Kragen. Seine Haare klebten an der Stirn. Er roch nach Seil, Stein und Wind. Seine Atmung war ruhig. Als wäre alles in ihm in einem Gleichgewicht, das sie selbst gerade verloren hatte.

„Wie heißt du?“, fragte Juno leise.

Er schwieg einen Moment, dann kam die Antwort: „Noah.“

Kein Nachname. Kein Blick. Nur dieses eine Wort, in einer Stimme, die klang wie etwas zwischen Nebel und Klarheit.

„Ich bin Juno.“

Er nickte kaum sichtbar.

Ein Vogel kreischte über ihnen. Der Wind spielte mit einem losen Seil. Die Welt hielt kurz den Atem an.

Dann fragte er: „Was hast du gesehen?“

Sie sah ihn an. Direkt. Ohne Scheu.

„Dich. Anders“, kam ihre knappe Antwort.

Ein Muskel zuckte an seinem Kiefer. Mehr nicht. Doch es war, als hätte sie etwas gesagt, das nicht gesagt werden durfte.

„Ich sehe Dinge. Bei manchen Leuten. Farben. Licht. Meistens ist es wie ein Echo. Aber bei dir war es echt. Nah. Wie eine Flamme.“

Er atmete langsam aus. Schließlich sagte er: „Das hättest du nicht sehen dürfen.“

„Warum nicht?“

Er sah sie an. Endlich. Seine Augen waren blau. Aber nicht dieses postkartenglatte Blau, sondern tief, mit Dunst und Tiefe. Wie die See bei Sturm.

„Weil es dich in etwas hineinzieht, aus dem du nicht mehr rauskommst“, antwortete Noah.

Juno wollte widersprechen. Aber etwas in seinem Blick hielt sie zurück.

Stattdessen fragte sie: „Ist es dir auch schon passiert? Dass du jemanden ... gesehen hast?“

Er nickte. Nur ein einziges Mal.

„Und?“

„Sie ist nicht mehr hier.“

Stille. Eine, die nachhallte.

Die Tage vergingen wie gleichmäßige Atemzüge unter Wasser.

Jeder Tag hatte das Gewicht einer Entscheidung. Jeder Morgen begann wie ein kalter Stoß gegen die Rippen, wie ein Tritt in den Nebel. Der Wecker war überflüssig – Noxford Hall weckte dich mit der Wucht der Realität. Keine sanften Übergänge. Kein Raum für Verschlafenheit. Der Alltag begann im Laufschritt.

Der Unterricht war präzise bis zur Erstarrung.

Die Klassenzimmer waren hoch, kühl, mit schweren Vorhängen, die selbst das Licht zu disziplinieren schienen. Die Lehrkräfte sprachen mit Stimmen, die nicht zögerten. Kein Platz für Nachfragen. Kein freundlicher Blick, der dich auffing, wenn du gestolpert bist. Ihre Worte waren wie gezogene Klingen: klar, kalt, schneidend. Fragen durftest du stellen – aber nur, wenn du gefragt wurdest. Schweigen war Überleben. Träumereien wurden wie eine Krankheit behandelt. Und jeder, der zu oft aus dem Fenster blickte, wurde mit einem neuen, härteren Trainingsplan bestraft.

Der Sport war keine Erholung. Er war Prüfung.

Jeden Tag. Jede Stunde.

Körperlich. Mental.

Die Klettereinheiten fanden im Regen statt, nie bei Sonnenschein. Die nassen Finger rutschten an rauem Stein ab, das Kreischen der Stürze hallte nicht nur durch das Gestein, sondern blieb wie ein Nachbeben in den Knochen. Juno konnte das Zittern ihrer Muskeln noch spüren, lange nachdem sie längst wieder stand.

Die Orientierungsläufe durch den dichten Nebel der Klippen fanden nachts statt, geführt nur von einer Karte, einem Kompass und den eigenen Instinkten. Und vom eigenen Atem, der in der Kehle kratzte, als würde man durch Glasfasern atmen.

Der Nebel schluckte alles: Stimmen, Pfade, Richtung. Manchmal auch den eigenen Mut. Jeder Schritt ein potenzieller Irrtum. Jeder Tritt ein Tanz am Rand des Nichts. Dort draußen, zwischen salzverhangenen Böen und peitschendem Wind, fühlte sich jedes falsche Abbiegen wie ein Verrat am eigenen Überleben an.

Und dann folgte das Schwimmen. Im Meer. Im eiskalten Wasser, das scharf in die Haut schnitt wie tausend Nadeln. Der Körper rebellierte sofort. Die Lunge zog sich zusammen, als würde sie aus Eis bestehen. Und trotzdem: du schwammst weiter. Denn nicht zu schwimmen, bedeutete zu sinken. Und in Noxford lernte man schnell, dass Stillstand der erste Schritt zum Untergang war.

Noxford Hall verlangte alles.

Nicht nur deinen Körper, sondern dein Denken, dein Fühlen, deine Kontrolle über beides. Es testete nicht nur deine Ausdauer, sondern deine Überzeugung.

Es war kein Ort zum Ankommen. Kein Ort für Verschnaufpausen. Keine Gnade. Keine Ausreden.

Es war ein Ort, der formte. Oder brach.

Und Juno?

Sie hatte keine Wahl, als sich zu fügen. Nicht, weil sie es wollte. Sondern weil ihr Körper es verlangte. Weil sie überleben musste.

Bewegung war ihr Element. Der Schmerz wurde ein Rhythmus, das Ziehen in den Muskeln eine Art Erinnerung daran, dass sie lebte.

Aufwachen. Laufen. Springen. Hängen. Greifen. Fallen. Aufstehen.

Immer wieder.

Die Wiederholung war das Ritual. Der Schweiß war das Gebet. Und jedes Mal, wenn sie fiel – stand sie wieder auf.

Nicht für Noxford. Nicht für irgendeine Prüfung.

Sondern für sich selbst.

Für das Leuchten, das nur sie sehen konnte.

Für das Licht in anderen.

Für die Ahnung, dass in all dem Dunkel ein Grund war, warum sie hierhergerufen wurde.

Und immer wieder: Noah.