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Die Sünde, der Tod – und eine Liebe, die alles besiegt England im 17. Jahrhundert: Die junge Dorcas wächst in einem so frommen wie strengen Elternhaus auf. Als sie heimlich ein Bad im Fluss nimmt, wird sie von dem jungen Adeligen Toby Lazen überrascht. Doch auch ihr missgünstiger Bruder Ebenezer hat alles mitverfolgt. Als Dorcas daraufhin mit einem ältlichen Glaubensbruder verheiratet werden soll, sucht sie ihr Heil in der Flucht. Im Studierzimmer des Vaters hat sie zuvor ein seltsames Amulett gefunden. Und einen Brief: Das Schmuckstück sei Schlüssel zu ihrer Vergangenheit. Als sie Toby wieder trifft, brennt ihr Herz bald lichterloh für ihn. So lichterloh wie die Scheiterhaufen vor dem Tower in London …
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Seitenzahl: 742
Veröffentlichungsjahr: 2009
Susannah Kells
Das Hexen-Amulett
Historischer Roman
Deutsch von Michael Windgassen
Gesegnet sei durch der Apostel Vier
das Bett, auf dem ich liege hier,
drum herum vier Engel stehen,
am Kopf bis runter zu den Zehen,
einer wacht und einer betet dort,
die anderen tragen meine Seele fort.
Thomas Ady
Für Michael, Todd und Jill
1633
Krachend traf das Schiff auf einen Wellenberg. Wind heulte in den Spanten, schaufelte Gischt über das rutschige Deck und trieb die bebende Kogge auf die nächste Wasserwalze zu.
«Käpt’n, Ihr legt’s drauf an, dass die verfluchten Masten brechen!»
Der Kapitän ignorierte seinen Steuermann.
«Ihr seid wahnsinnig, Käpt’n!»
Natürlich war er wahnsinnig! Er war stolz darauf. Er lachte. Seine Männer schüttelten die Köpfe. Manche bekreuzigten sich, andere, Protestanten, beteten nur. Früher, bevor all die Schwierigkeiten begonnen hatten, war er Dichter gewesen. Und waren nicht alle Dichter verrückt?
Eine Stunde später ließ er die Segel reffen und beidrehen. Von Wellen geschüttelt, schlingerte das Schiff durch die aufgewühlte See. Er hatte sich zur Heckreling begeben und starrte lange durch Regen und Gischt auf die flache, schwarze Landzunge. Von der Mannschaft war kein Wort zu hören. Alle kannten die tückische Passage vor der Küste. Ihre Augen waren auf den Kapitän gerichtet.
Schließlich kehrte er zu seinem Steuermann zurück. Seine Miene wirkte jetzt ruhiger, trauriger. «Kurs halten und abwettern.»
«Aye, aye, Käpt’n.»
Sie kamen der Küste so nahe, dass der eiserne Korb auf dem Mast der Bake zu erkennen war. The Lizard. Für viele war es der letzte Blick auf England, für allzu viele gar die letzte Landsichtung, bevor sie im großen Atlantik verschollen gingen.
Der Kapitän nahm Abschied. Er schaute auf das Leuchtfeuer, bis es vom Sturm verschluckt wurde, starrte noch lange in die Richtung, als hoffe er, es könnte noch einmal aufleuchten. Es war ein Abschied.
Er ließ eine kleine Tochter zurück, die er nie gesehen hatte.
Er hinterließ ihr ein Vermögen, in dessen Genuss sie womöglich niemals kommen würde.
Er ließ sie zurück, so wie alle Eltern ihre Kinder irgendwann zurücklassen müssen. Doch von ihr hatte er sich schon vor ihrer Geburt getrennt, und der ganze Reichtum, mit dem er sie ausgestattet hatte, konnte seine Schuld nicht schmälern. Er hatte sie im Stich gelassen, wie er nun all die anderen im Stich ließ, an denen er sich schuldig gemacht hatte. Er segelte einem unbekannten Ziel entgegen in der Hoffnung, vergessen und neu anfangen zu können. Nur eines führte er mit sich, das ihn an seine Schande erinnerte: eine goldene Halskette, die er unter der Wetterjacke trug.
Einem König war er Feind, einem anderen Freund gewesen. Man hatte ihn als den stattlichsten Mann Europas bezeichnet, und trotz Gefängnis, trotz mancher Kriege war er immer noch eine beeindruckende Erscheinung.
Ein letztes Mal richtete er den Blick zurück. Von England war nichts mehr zu sehen. Seine Tochter blieb ihrem Schicksal überlassen.
Erster Teil
An einem Tag, der wie ein Vorgeschmack auf das Paradies schien, begegnete sie Toby Lazender zum ersten Mal. England schlummerte in der Sommerhitze. Der Duft nach wildem Basilikum und Majoran hing schwer in der Luft. Sie saß am Ufer eines Baches, in einem Bett aus blühendem Blutweiderich.
Sie glaubte, allein zu sein, und schaute sich um wie ein scheues Tier, nervös und auf der Hut, denn sie war dabei, eine Sünde zu begehen.
Bestimmt war keine Menschenseele in der Nähe. Sie blickte nach links, wo der Pfad zum Haus durch die Hecke von Top Meadow führte. Es war niemand zu sehen. Sie schaute auf die Hügel jenseits des Baches, aber auch da, zwischen den Stämmen der hohen Buchen oder in den Auen unterhalb, rührte sich nichts. Das Land gehörte ihr.
Vor drei Jahren – sie war damals siebzehn und ihre Mutter seit einem Jahr tot – hatte sie sich zum ersten Mal dieser Sünde hingegeben, obwohl sie ihr geradezu ungeheuerlich vorgekommen war. Sie fürchtete damals, ein unvorstellbares Vergehen wider den Heiligen Geist begangen zu haben, etwas so Schreckliches, dass die Bibel dafür keine Worte hatte, wohl aber damit drohte, dass dem, der dieser Sünde verfalle, nicht vergeben werde. Und trotzdem hatte sie sie begangen. Jetzt, drei Sommer später, nachdem sie den Fehltritt häufig wiederholt hatte, war die Furcht geringer geworden. Dennoch bestand kein Zweifel, dass sie sündigte.
Sie nahm die Haube vom Kopf und legte sie vorsichtig in den breiten Korb, in dem sie die Binsen nach Hause tragen wollte. Ihr Vater, ein wohlhabender Mann, verlangte von ihr, dass sie dem Müßiggang widerstand. Der heilige Apostel Paulus, so pflegte er zu sagen, sei ein Zeltmacher gewesen, und nach seinem Vorbild müssten alle Christen einem Gewerbe nachgehen. Schon mit acht Jahren hatte sie in der Molkerei gearbeitet, es dann aber vorgezogen, Binsen zu sammeln, die als Bodenstreu verwendet und für die Binsenlichter gebraucht wurden. Es gab einen besonderen Grund für diese Wahl. Hier, wo sich der Bach zu einem tiefen Teich staute, konnte sie allein sein.
Sie löste die Klammern aus ihren Haaren und legte sie ebenfalls in den Korb, wo sie nicht verloren gehen konnten. Noch einmal schaute sie sich um, ohne etwas zu entdecken, was sie hätte stören können. Sie fühlte sich so allein, als wäre der sechste Tag der Schöpfung angebrochen. Die Haare, so hell wie hellstes Gold, fielen ihr ins Gesicht.
Sie wusste um den Engel hoch über ihr, der das große Buch des Lebens führte, auch genannt das Buch des Lammes. Schon als sie sechs Jahre alt gewesen war, hatte ihr der Vater von diesem Engel mit dem Buch erzählt. Damals hatte sie den Namen seltsam gefunden, doch jetzt wusste sie, dass mit dem Lamm Jesus gemeint und das Buch des Lebens in Wirklichkeit das Buch des Todes war. Sie stellte es sich als einen riesigen Folianten mit Messingbeschlägen vor, mit dicken Lederwülsten auf dem Rücken und mit Seiten, die groß genug waren, um alle Sünden eines jeden Menschen auf Gottes Erde darauf festzuhalten. Der Engel suchte jetzt bestimmt nach ihrem Namen, fuhr mit dem Finger das Register entlang und hielt dabei seine in Tinte getauchte Feder schreibbereit.
Am Tag des Jüngsten Gerichts, so sagte der Vater, werde das Buch des Lebens dem Herrgott vorgelegt werden. Dann müsse jeder Mensch einzeln vor seinen Thron treten, und eine mächtige Stimme würde alle in diesem Buch eingetragenen Sünden laut vorlesen. Sie fürchtete diesen Tag. Sie fürchtete sich davor, auf dem kristallenen Boden unter dem aus Smaragd und Jaspis geschliffenen Thron zu stehen. Doch trotz dieser Furcht und trotz aller Gebete mochte sie nicht von der Sünde ablassen.
Ein Windhauch fuhr ihr durchs Haar und ließ das gekräuselte Wasser des Baches silbrig aufblitzen. Dann herrschte wieder Stille. Es war heiß. Der Leinenkragen schnürte ihr den Hals zu. Das enge Mieder klebte auf der Haut, und das schwarze Kleid hing schwer an ihr herab. Die Luft war wie aus Blei.
Sie fuhr mit den Händen unter den Saum ihre Rockes und öffnete ihre Strumpfbänder. Eine Erregung befiel sie, die sie trotz der Stille ringsum noch einmal ängstlich aufmerken ließ.
Ihr Vater stattete gerade seinem Advokaten in Dorchester einen Besuch ab und wurde erst am Abend zurückerwartet, ihr Bruder war beim Pfarrer im Dorf, und von den Dienstboten kam nie jemand an den Fluss. Sie zog die dicken Strümpfe aus und stopfte sie in ihre Lederschuhe.
Goodwife Baggerlie, die Haushälterin ihres Vaters, hatte sie ermahnt, nicht zu lange am Bach zu verweilen, weil die Soldaten kommen könnten. Aber die waren noch nie in der Nähe gesehen worden.
Der Krieg hatte zwölf Monate zuvor, im Jahre 1642, begonnen und war von ihrem Vater, den man eigentlich als zurückhaltenden Mann kannte, mit Begeisterung begrüßt worden. Er hatte mit Hand angelegt, als ein römisch-katholischer Priester in dem alten Amphitheater von Dorchester aufgeknüpft wurde, was Matthew Slythe als ein göttliches Zeichen dafür deutete, dass fortan den Regeln der Heiligen entsprochen werde. Matthew Slythe war Puritaner, wie sein Hausstand und das gesamte Dorf. Allabendlich erflehte er in seinen Gebeten den Sturz des Königs und den Sieg des Parlaments. Aber der Krieg war nur wie ein fernes Wetterleuchten, er hatte Werlatton Hall und das Dorf, nach dem das Anwesen benannt war, noch nicht erreicht.
Sie schaute sich um. Ein Wachtelkönig flatterte von der Wiese jenseits des Baches auf, aus Mohn, Mädesüß und Rauten. Da, wo der Bach in den Teich mündete, wuchsen die Binsen am höchsten. Sie löste die gestärkte weiße Schürze und legte sie, sorgsam gefaltet, zuoberst in den Korb. Auf dem Weg hierher hatte sie an der Hecke von Top Meadow ein paar rote Lichtnelken gepflückt, die sie jetzt vorsichtig an den Korbrand bettete, wo die zarten fünfblättrigen Blüten von den anderen Sachen nicht zerdrückt werden konnten.
Dann rückte sie näher ans Wasser heran, blieb reglos stehen und lauschte dem Gurgeln des Baches und dem Summen der Bienen im Klee. Andere Laute waren in der heißen, schweren Luft nicht zu hören. Es war ein perfekter Sommertag, gewidmet der Reife von Weizen, Gerste und Roggen. Schon hingen die Zweige der Obstbäume, von schwellenden Früchten beschwert, tief herab. Unter der Hitze verströmte das Land süße Düfte. Sie kauerte sich an den Rand des Teiches, wo die Grasnarbe abbrach. Im stillen, klaren Wasser blinkten Kieselsteine. Hier, von ihrem Versteck aus, vermochte sie nur noch die Binsen zu sehen und die Wipfel der hohen Buchen auf den fernen Hügelhängen.
Im Bach sprang ein Fisch. Sie erschrak, horchte, doch schon war es wieder still geworden. Trotzdem lauschte sie noch eine Weile mit klopfendem Herzen. Dann lupfte sie das schwere, schwarze Kleid und den Unterrock und zog beides mit flinker Hand über den Kopf. Nackt und weiß stand sie im Sonnenlicht.
Schon im nächsten Moment stieg sie ins Wasser. Sie schnappte unwillkürlich nach Luft, weil es so kalt war. Wie sie diesen Moment des Schauderns liebte. Sie watete tiefer in den Teich hinein und tauchte unter, ließ sich vom Wasser tragen und genoss das erfrischende Bad mit all ihren Sinnen. Sie schloss die Augen, spürte die Sonne warm und hellrot auf den Lidern. Wie im Himmel fühlte sie sich. Dann suchte sie mit den Füßen Halt auf dem Kieselgrund, beugte die Knie, sodass nur der Kopf aus dem Wasser ragte, und schlug die Augen auf, um zu sehen, ob nicht doch jemand nahte. Hier zu baden war eine heimliche, verruchte Lust. Eine Sünde.
Sie hatte irgendwann gelernt zu schwimmen und konnte sich, etwas unbeholfen mit den Armen paddelnd, vorwärtsbewegen, quer durch den Teich und bis zur Mündung des Baches, von dessen Strömung sie sich dann zurücktreiben ließ. Das war ihre Sünde, Lust und Schande. Oben im Himmel kratzte die Schreibfeder über eine Seite des großen Buches.
Noch vor drei Jahren war ihr dieses geheime Vergnügen wie ein unbeschreiblicher Frevel vorgekommen, wie kindlich mutwillige Gotteslästerung. So erschien es ihr auch heute noch. Sie konnte sich nichts vorstellen – jedenfalls nichts, was als Gedanke zu ertragen gewesen wäre–, das ihren Vater mehr entsetzt hätte als ihre Blöße. Und darum verstand sie ihr Bad im Teich nicht zuletzt auch als eine Geste der Auflehnung gegen Matthew Slythe, obwohl ihr klar war, dass es nur eine ohnmächtige Geste war, dass sie sich dem gestrengen Vater letztlich würde fügen müssen.
Sie war jetzt zwanzig und würde in knapp drei Monaten einundzwanzig Jahre alt sein. Ihr Vater machte sich, wie sie wusste, Gedanken über ihre Zukunft. Er betrachtete sie in letzter Zeit mit einer grüblerischen Mischung aus Verärgerung und Widerwillen. Schon bald würde sie nicht mehr wie ein geschmeidiger, bleicher Otter ins Wasser gleiten können. Ihre Tage am Teich waren gezählt. Eigentlich hätte sie schon längst, seit drei oder vier Jahren, verheiratet sein sollen. Matthew Slythe sorgte sich darum, was aus ihr werden sollte. Und sie fürchtete ihren Vater. Sie versuchte, ihn zu lieben, aber leicht machte er es ihr nicht.
Sie stand jetzt im flachen Wasser. Die Tropfen perlten an ihr ab, und die Haare klebten kalt und feucht auf ihrem Rücken. Mit den Händen streifte sie die Nässe von den Brüsten, von den Hüften. Sie spürte die Sonne auf ihrem Leib brennen und streckte beide Arme aus, sie genoss das erregende Gefühl von Freiheit, die Wärme auf der Haut und das Wasser, das ihre Beine umspülte. Wieder sprang ein Fisch.
Und noch einmal. Als es ein drittes Mal platschte, wusste sie, dass es kein Fisch sein konnte. Diese Sprünge waren zu regelmäßig. Sie bekam es mit der Angst zu tun, eilte ans Ufer und riss Unterrock und Kleid aus dem Korb. Sie zog sich die Sachen über den feuchten Kopf, zerrte, in Panik geraten, den steifen Stoff über Hüften und Beine.
Erneut spritzte Wasser auf, ganz in ihrer Nähe. Sie hatte ihre Blöße inzwischen bedeckt, sah aber noch sehr zerzaust aus. Schnell zog sie die feuchten Haare unter dem Kragen hervor und setzte sich auf den Boden, um die Strümpfe anzuziehen.
«Dryade, Hamadryade oder Nymphe?» Die Stimme, die vom Wasser heraufdrang, unterdrückte offenbar nur mit Mühe ein Lachen.
Sie sagte nichts. Sie zitterte vor Angst. Die feuchten Haare verdeckten ihr die Sicht.
«Ihr müsst eine Nymphe sein, der Geist dieses Baches.»
Mit einer schnellen Bewegung wischte sie sich die Haare aus der Stirn. Ihr Blick fiel auf einen lächelnden jungen Mann mit dunkelroten Locken, die anscheinend kaum zu bändigen waren. Er stand in merkwürdig gebückter Haltung im Bach und hatte die Arme bis zu den Ellbogen eingetaucht. Sein weißes Hemd war aufgeknöpft und steckte im Bund einer schwarzen, durchnässten Kniehose. Schwarz und Weiß, die Farben, mit denen sich die Puritaner kleideten. Der junge Mann aber schien kein Puritaner zu sein. Dazu passten weder das feine Leinenhemd noch die schwarze Seide, auf die die dekorativen Falten seiner Hose den Blick freigaben. Und auch nicht sein Gesicht. Vor allem das Gesicht ließ sie vermuten, dass er kein Puritaner sein konnte. Es war ein markantes, hübsches Gesicht mit fröhlichen Zügen. Sie hätte sich eigentlich fürchten müssen, empfand aber stattdessen ein amüsiertes Interesse an diesem Mann, der da in gebückter Haltung und tropfnass vor ihr stand. Gleichgültigkeit mimend, fragte sie den Eindringling abweisend: «Was treibt Er hier?»
«Ich vergreife mich an Slythes Fischen. Und Ihr?»
Sein unverblümtes Geständnis entlockte ihr ein Lächeln. Auf seinem Gesicht spielten die Sonnenstrahlen, die das kräuselnde Wasser zurückwarf. Es gefiel ihr. Sie bemerkte, dass er weder eine Rute noch ein Netz bei sich hatte. «Auf Fische scheint Ihr mir nicht aus zu sein.»
«Ihr unterstellt mir, dass ich lüge!» Er schmunzelte. «Wir Lazenders lügen nie. Jedenfalls nicht oft.»
Ein Lazender! Das schien durchaus passend zu diesem verborgenen Ort, an dem sie ihrem Vater trotzte. Sir George Lazender war Mitglied des Parlaments und vertrat den Nordteil der Grafschaft. Er besaß große Ländereien und stand im Rang eines Ritters, aber ihr Vater hielt nur wenig von ihm. Zwar ergriff Sir George Lazender Partei für das Parlament und gegen den König, doch Matthew Slythe zweifelte nicht daran, dass die Unterstützung nur halbherzig war. Der Edelmann, so meinte er, sei viel zu vorsichtig für diesen großen Kampf. Schwerer wog der von Gerüchten genährte Verdacht, Sir George sei gegen die Abschaffung der Bischöfe und gedenke, das Book of Common Prayers für den Gottesdienst beizubehalten. Matthew Slythe glaubte diesen Gerüchten und witterte in beiden Vorhaben Werke des papistischen Teufels.
Der junge Rotschopf machte eine ungeschickte Verbeugung. «Darf ich mich vorstellen, Nymphe? Toby Lazender, Erbe von Lazen Castle und Wilddieb.»
«Ihr wildert nicht, jedenfalls fangt Ihr keine Fische.» Sie hatte die Arme um ihre Knie geschlungen.
«Doch, das tue ich.» Zum Beweis nahm er einen Beutel vom Rücken und zeigte ihr ein halbes Dutzend Forellen.
Sie lächelte. «Wie stellt Ihr das an?»
Er watete ans Ufer, legte sich, kaum einen Schritt von ihr entfernt, ins Gras und erklärte, wie man mit bloßen Händen Fische fangen könne. Es sei, sagte er, ein langwieriges Unternehmen. Man müsse Hände und Unterarme so lange im Wasser eingetaucht halten, bis sie auf die Temperatur des Baches abgekühlt seien. Dann pirsche man, die Hände immer noch unter Wasser, langsam flussaufwärts. Forellen, sagte er, seien träge Fische, die zwischen den Pflanzen am Grund verharrten und nur gerade genug täten, um der Strömung standzuhalten. Auch sie könne, wenn sie sich denn so langsam wie Distelwolle bewege, mit gespreizten Fingern das Wasser durchkämmen und mit etwas Glück einen Fisch erhaschen. Er grinste. «Den Fisch selbst kann man kaum erfühlen, jedenfalls nicht sofort, wohl aber einen gewissen Druck.»
«Einen Druck?»
Er nickte. «Ich kann’s nicht besser erklären. Er ist einfach da. Das Wasser scheint dicker zu sein.»
«Und dann?»
«Dann streichelt man den Fisch.» Er beschrieb eine sachte Auf-und-ab-Bewegung mit den Fingern, die sich um diesen seltsamen Druck zu schließen hätten, bis sie den Leib des Fisches erspürten. Weil sich die Hände, die so kalt wie das Wasser seien, nur ganz langsam bewegten, schöpfe der Fisch keinen Verdacht. Der Fisch müsse, so erklärte er, äußerst behutsam gestreichelt werden, immer von vorn nach hinten, dass er sich wie von Wasserpflanzen umschmeichelt fühle. Plötzlich langte er in pantomimischer Geste zu, tat, als ergreife er blitzschnell einen Fisch und schleudere ihn ans Ufer. «Und dann versetzt Ihr ihm einen Schlag auf den Kopf.» Er grinste.
Sie lachte. «Wirklich?»
Er nickte. «Ehrenwort. Wart Ihr schwimmen?»
Sie schüttelte den Kopf und log: «Nein.»
Er hatte die nassen Hosenbeine hochgekrempelt. «Wenn Ihr euch weiter anziehen wollt – ich schaue in die andere Richtung», sagte er.
Ein ungutes Gefühl veranlasste sie zu der Bemerkung: «Ihr dürftet gar nicht hier sein.»
«Erzählt es nicht weiter. Ich tu’s auch nicht.»
Sie blickte sich um, doch außer ihnen war nach wie vor niemand zu sehen. Sie streifte die Strümpfe über, stieg in die Schuhe, band sich die Schürze um und richtete ihr Kleid.
Toby machte ihr keine Angst. Er brachte sie vielmehr zum Lachen. Noch nie hatte sie jemanden kennengelernt, mit dem sich so unbeschwert reden ließ. Da ihr Vater fort war, konnte sie sich Zeit lassen, und so plauderten die beiden den ganzen Nachmittag miteinander. Toby lag auf dem Bauch und erklärte, dass er den Krieg schrecklich finde und lieber für den König kämpfen würde als an der Seite seines Vaters. Als er das sagte, ging ihr ein kalter Schauer durch und durch. Doch er lächelte und fragte neckend: «Ihr würdet den König wohl eher nicht unterstützen, oder?»
Sie sah ihn an. Ihr Herz klopfte laut. Sie lächelte scheu zurück. «Vielleicht.»
Insgeheim dachte sie: Für Euch würde ich womöglich die Gefolgschaft aufgeben, zu der ich erzogen worden bin.
Sie war ein puritanisches, von der Welt abgeschirmtes Mädchen und hatte sich noch nie weiter als vier Meilen von ihrem Elternhaus entfernt. Sie war geprägt von der harschen Moral und der zornigen Religion ihres Vaters, der zwar darauf bestanden hatte, dass sie lesen lernte, aber auch nur, damit sie in der Heiligen Schrift ihren Heilsweg fände. Davon abgesehen war sie ungebildet, das heißt, sie wurde in Unwissenheit gehalten, denn die Puritaner fürchteten das Wissen um die Welt und deren verführerische Kräfte. Doch nicht einmal Matthew Slythe vermochte der Phantasie seiner Tochter Zügel anzulegen. Er konnte für sie beten, sie schlagen und bestrafen, nicht aber in ihre Träume eingreifen, sosehr er auch danach trachtete.
Zwischen ihr und Toby, das würde sie später sagen, war es Liebe auf den ersten Blick.
Und das war es wohl auch, zumindest in dem Sinne, dass sie plötzlich ein starkes Bedürfnis empfand, Toby Lazender näher kennenzulernen und mehr Zeit mit diesem jungen Mann zu verbringen, der sie zum Lachen brachte und ihr das Gefühl gab, etwas Besonderes zu sein. Sie hatte bisher ein sehr zurückgezogenes und farbloses Leben geführt und sich deshalb die Welt jenseits des väterlichen Landsitzes überaus bunt und fröhlich vorgestellt. Jetzt war plötzlich ein Gesandter dieser Welt zu ihr vorgedrungen, der ihr ein großes Glücksgefühl vermittelte. Sie verliebte sich noch am Ufer des Baches in ihn, er war, von diesem Augenblick an, der Mittelpunkt aller ihrer Träume.
Er wiederum sah ein Mädchen, das so schön war wie kein anderes. Ihre Haut war hell und klar, sie hatte blaue Augen, eine gerade Nase und volle Lippen. Als ihre Haare getrocknet waren, fielen sie ihr wie gesponnenes Gold über die Schultern. Er spürte eine Kraft in ihr, die so durchdringend schien wie fein geschmiedeter Stahl, doch als er sie fragte, ob er wiederkommen könne, schüttelte sie den Kopf. «Mein Vater würde es nicht erlauben.»
«Brauche ich denn seine Erlaubnis?»
Sie lächelte. «Ihr vergreift Euch an seinen Fischen.»
Er sah verwundert auf. «Ihr seid Slythes Tochter?»
Sie nickte.
Toby lachte. «Gütiger Himmel! Eure Mutter muss ein Engel gewesen sein.»
Sie lachte. Martha Slythe war eine dicke, rachsüchtige und verbitterte Frau gewesen. «Nein.»
«Wie heißt Ihr?»
Unvermittelt wurde ihre Miene ernst, und sie sah ihn mit traurigen Augen an. Der eigene Name war ihr verhasst; sie mochte ihn nicht preisgeben aus Sorge, er könnte wegen des hässlichen Namens weniger von ihr halten. Plötzlich wurde ihr schmerzlich bewusst, dass sie ihn nie wiedersehen durfte. Ihr Name ging ihn nichts an.
Er war hartnäckig. «Verratet ihn mir.»
Sie zuckte mit den Achseln. «Es kann Euch doch gleichgültig sein, wie ich heiße.»
«Das ist es aber nicht!», rief er. «Gleichgültig sind mir der Himmel, die Sterne und mein Abendbrot, aber nicht Euer Name. Verratet ihn mir.»
Sie lachte über seinen Überschwang. «Ihr wollt ihn gar nicht wissen.»
«Und ob! Sonst müsste ich mir einen Namen für Euch ausdenken.»
Lächelnd schaute sie über den Bach hinweg. Sie war verlegen. Ein von ihm ausgedachter Name wäre womöglich noch weniger schön als ihr wirklicher Name. Ohne ihn anzusehen, sagte sie: «Ich heiße Dorcas.»
Sie hatte damit gerechnet, dass er laut auflachte, doch es blieb still. Sie wandte sich ihm mit trotziger Miene zu. «Dorcas Slythe.»
Er schüttelte den Kopf, bedächtig und ernst. «Ich denke, wir sollten Euch einen neuen Namen geben.»
Sie hatte gewusst, dass er ihren Namen schrecklich finden würde.
Toby warf einen Blick in den Binsenkorb, nahm eine der rosaroten Lichtnelken in die Hand und drehte die Blüte vor seinen Augen hin und her. «Ich nenne Euch Campion.»
Der Name gefiel ihr sofort. Es schien, als habe sie ihr ganzes Leben darauf gewartet, dass ihr jemand sagte, wer sie war. Campion. Lichtnelke. Im Geiste sprach sie den Namen ein ums andere Mal aus – Campion Campion Campion. Sie ließ ihn sich auf der Zunge zergehen, schmeckte ihn und wusste zugleich, dass sie einen hoffnungslosen Traum träumte. «Mein Name ist Dorcas Slythe.»
Er schüttelte den Kopf, mit Nachdruck. «Ihr seid Campion. Und dabei bleibt es.» Er betrachtete die Blüte aus nächster Nähe und führte sie an die Lippen. Dann hielt er ihr die Blume hin. «Wer seid Ihr?»
Sie griff danach. Ihr Herz pochte so heftig wie zuvor, als sie die Kleider ablegt hatte, um ins Wasser zu steigen. Mit zitternden Fingern nahm sie die Blume entgegen. Die Blütenblätter vibrierten. «Campion», antwortete sie kaum hörbar.
In diesem Moment war ihr, als existierten nur sie, Toby und die zarte, wunderschöne Blume.
Er schaute sie an und flüsterte: «Morgen Nachmittag werde ich wieder hier sein.»
Ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit löste den magischen Augenblick auf. «Ich nicht», entgegnete sie. «Ich kann nicht.» Die Binsen wurden nur einmal in der Woche geschnitten, und es gab keinen anderen Vorwand, zum Bach zu gehen. Der Gedanke erinnerte sie daran, dass es höchste Zeit war, nach Hause zurückzukehren.
Toby ließ sie nicht aus den Augen. «Wann werdet Ihr wieder hier sein?»
«Nächste Woche.»
Toby seufzte. «Dann bin ich in London.»
«In London?»
Er nickte. «Mein Vater will es so. Ich soll mich mit dem Recht vertraut machen, zumindest so weit, dass ich auf Advokaten verzichten kann.» Er schaute zum Himmel empor, um einzuschätzen, wie spät es war. «Viel lieber würde ich kämpfen.» Er war vierundzwanzig Jahre alt, und es gab sehr viel jüngere Männer, die in den Kampf zogen.
«Ist das Euer Ernst?»
Er richtete sich auf. «Wenn die Puritaner an die Macht gelangen, werden wir nichts mehr zu lachen haben.»
Sie nickte. Sie wusste Bescheid. Über ihr Leben bestimmten die Puritaner schon längst. Sie steckte sich die Haare hoch. «Ich werde am Sonntag in der Kirche sein.»
Er sah sie an. «Ich gebe mich dann als Puritaner», sagte er und setzte eine finstere Miene auf. Sie lachte.
Auch für ihn war es an der Zeit aufzubrechen. Er hatte im Nachbardorf ein Pferd gekauft, das noch beschlagen werden sollte, jetzt aber abgeholt werden konnte. Er sagte, er habe noch einen langen Rückweg nach Lazen Castle, werde aber wie im Flug reiten und dabei von dem Mädchen träumen, dem er am Bach begegnet sei.
«Bis Sonntag, Campion.»
Sie nickte. Schon mit ihm zu sprechen, war eine Sünde, jedenfalls in den Augen ihres Vaters. Doch sie wollte ihn unbedingt wiedersehen. Sie hatte sich in ihn verliebt, hoffnungslos, romantisch – und hilflos, denn diese Liebe hatte keine Aussicht auf Erfüllung. Sie war die Tochter ihres Vaters und unterstand seinem Befehl. Sie war Dorcas Slythe.
Nun aber sehnte sie sich danach, Campion zu sein.
Toby schnitt noch mit leichter Hand für sie die Binsen, er hatte sichtlich seinen Spaß daran. Dann nahm er Abschied. Sie schaute ihm nach, als er sich, dem Bachlauf folgend, in Richtung Norden entfernte. Sie wünschte sich, Werlatton den Rücken kehren und mit ihm gehen zu können.
Sie versteckte die Lichtnelken in ihrer Schürze und trug die Binsen nach Hause.
Ihr Bruder Ebenezer, der sie, hinter einer der großen Buchen versteckt, den ganzen Nachmittag über beobachtet hatte, hinkte auf der Straße nach Dorchester dem Vater entgegen.
Sie war Dorcas und wünschte sich, Campion zu sein.
Der Ledergurt klatschte auf ihren Rücken.
Matthew Slythe warf einen monströsen Schatten auf die Schlafzimmerwand. Er hatte zwei Kerzen auf das Nachttischchen gestellt und seinen Gürtel abgeschnallt. Sein massiges Gesicht spiegelte den Zorn Gottes.
«Dirne!» Wieder schnellte sein Arm herab, wieder traf sie das Leder. Goodwife Baggerlie hielt Campion, die auf dem Bett lag, bei den Haaren gepackt und lieferte sie den Peitschenhieben aus.
«Hure!» Er war ein Hüne von Mann, größer als jeder einzelne seiner Knechte, und er raste vor Wut. Seine Tochter, unverhüllt in einem Bach! Nackt! Und das im Beisein eines jungen Mannes! «Wer war er?»
«Ich weiß es nicht», schluchzte sie.
«Wer war er?»
«Ich weiß es nicht.»
«Lügnerin!» Er schlug wieder mit dem Gürtel zu. Sie schrie vor Schmerzen, was aber seinen Jähzorn nur zu schüren schien. Er drosch auf sie ein und bezichtigte sie lauthals der Sünde. Blind vor Wut, schwang er den Gürtel und sah nicht, wohin er schlug. Ihre Schreie verstummten. Zu hören war nur noch hilfloses Wimmern. Sie lag eingerollt auf dem Kissen am Kopfende des Bettes. Von der Schnalle getroffen, blutete das Handgelenk. Die Haushälterin hielt sie immer noch bei den Haaren gefasst. Sie blickte zu ihrem Herrn auf. «Geht’s weiter, Sir?»
Matthew Slythe schnappte nach Luft. Die Haare standen ihm zu Berge, sein Gesicht war rot angelaufen und verzerrt. Seine Wut hatte sich immer noch nicht gelegt. «Dirne! Hure! Schamlose!»
Campion weinte. Sie litt schreckliche Schmerzen. Ihr Rücken war geschunden und blutete an etlichen Stellen, so auch die Beine, der Bauch und die Arme, die getroffen worden waren, als sie versucht hatte sich wegzuducken. Sie sagte nichts, konnte ihren Vater kaum hören.
Dass sie nicht antwortete, brachte ihn nur noch mehr in Rage. Wieder sauste der Gürtel herab und knallte auf ihre Hüfte. Sie schrie auf. Das schwarze Kleid nahm den Schlägen nichts von ihrer Wucht.
Matthew Slythe keuchte heiser. Er war jetzt vierundfünfzig Jahre alt, aber immer noch ungemein kräftig. «Nackt! Das Weib brachte die Sünde in die Welt. Seine Nacktheit gereicht ihm zur Schande. Dies ist ein christliches Haus!» Er bellte die letzten Worte und schlug ein weiteres Mal zu. «Ein christliches Haus!»
Draußen schrie eine Eule. Der Nachtwind bauschte die Vorhänge. Die Kerzen flackerten und ließen den großen Schatten an der Wand beben.
Matthew Slythe zitterte. Seine Wut klang ab. Er schnallte sich den Gürtel um den Hosenbund und achtete nicht darauf, dass er sich selbst an der Hand verletzt hatte. Mit Blick auf Goodwife Baggerlie sagte er: «Bring sie runter, wenn sie sich zurechtgemacht hat.»
«Ja, Sir.»
Es war nicht das erste Mal, dass sie von ihm geschlagen wurde. Schon oft hatte er die Hand gegen sie erhoben. Sie schluchzte, betäubt von Schmerzen. Die Haushälterin schlug ihr ins Gesicht. «Steh auf!»
Elizabeth Baggerlie, der Matthew Slythe nach dem Tod seiner Frau den Titel Goodwife verliehen hatte, war eine gedrungene Frau mit breiten Hüften, einem groben, zänkischen Gesicht und kleinen, stets geröteten Augen. Sie herrschte über die Dienerschaft von Werlatton Hall, sorgte für Sauberkeit und Ordnung und widmete sich diesem Amt mit der gleichen Entschlossenheit, die auch ihr Herr an den Tag legte, wenn es darum ging, Lasterhaftigkeit und Sünde von Werlatton fernzuhalten. Mit ihrer schrillen Stimme scheuchte sie die Dienstboten umher und hielt, von Matthew Slythe dazu angehalten, ein wachsames Auge auf dessen Tochter.
Sie warf Campion die Haube zu. «Du solltest dich schämen, Mädchen! In Grund und Boden. In dir steckt ein Teufel! Wenn deine liebe Mutter wüsste… Los, beeil dich.»
Campion setzte mit tauben Fingern die Haube auf. Sie schluchzte und rang nach Luft.
«Beeilung!»
Es war bedrückend still im Haus. Die Dienstboten wussten genau, was geschehen war. Sie hatten die Schläge gehört, die Schreie und das fürchterliche Gebrüll ihres Herrn. Aber sie ließen sich nichts anmerken. Auch ihnen drohten jederzeit Prügel.
«Steh auf!»
Campion zitterte vor Schmerzen. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie die nächsten drei oder vier Nächte nicht auf dem Rücken schlafen können würde. Sie wusste auch, was ihr nun bevorstand, und erhob sich wie von Fäden gezogen. Der Gewalt ihres Vaters war nicht zu entrinnen.
«Runter mit dir, Mädchen!»
Ebenezer, der um ein Jahr jüngere Bruder, saß im großen Wohnzimmer vor seiner Bibel. Das Parkett glänzte. Die Möbel glänzten. Seine Augen, so schwarz wie die Kleider der Puritaner, waren auf die Schwester gerichtet und ließen keinerlei Mitgefühl erkennen. Sein von Geburt an verkrüppeltes linkes Bein stand seitlich etwas ab. Er hatte seinem Vater mitgeteilt, was ihm zu Gesicht gekommen war, und mit stiller Genugtuung dem Klatschen des Ledergürtels gelauscht. Ebenezer selbst wurde nie geschlagen. Gehorsam und unermüdlich im Gebet und im Studium der Bibel, stand er in der Gunst seines Vaters.
Campion weinte immer noch, als sie die Treppe herunterkam. Tränen rannen über ihr schönes Gesicht. Die Augen waren gerötet, die Lippen aufeinandergepresst.
Ebenezer, dessen schwarze Haare nach dem Brauch geschnitten waren, der den Puritanern den Spitznamen «Rundköpfe» eingebracht hatte, beobachtete jeden ihrer Schritte. Zum Zeichen ihrer Anerkennung nickte Goodwife Baggerlie ihm zu, was er mit einer angedeuteten Verbeugung quittierte. Obwohl erst neunzehn Jahre alt, machte er einen sehr viel älteren Eindruck. Er war verbittert wie sein Vater und voller Neid auf seine Schwester.
Campion ging auf das Arbeitszimmer ihres Vaters zu. Vor der Tür legte ihr Goodwife Baggerlie die Hand auf die Schulter und zwang sie in die Knie, wie immer bei solchen Anlässen. Dann klopfte sie an.
«Herein!»
Der Ablauf folgte stets demselben Ritual. Nach der Strafe kam Vergebung, nach dem Schmerz das Gebet. Wie vom Vater befohlen, kroch sie auf Händen und Knien ins Zimmer. Goodwife Baggerlie schloss die Tür hinter ihr.
«Komm her, Dorcas.»
Sie kroch auf seinen Stuhl zu. Sie fügte sich ihrem Vater, obwohl sie voller Hass auf ihn war, ihr blieb keine andere Wahl.
Er legte ihr seine großen Hände auf die enge Haube. Sie erschauderte.
«Himmlischer Vater! Allmächtiger Gott!» Er hielt weiter ihren Kopf fest. Seine Stimme schwoll an, als er Gott darum bat, dass er ihm seine Tochter verzeihen möge, dass er sie läutere und von ihren Sünden befreie. Mit jedem Wort drückte er mit den Fingern fester zu. Er schüttelte ihren Kopf und versuchte mit krampfhaftem Eifer Gott davon zu überzeugen, dass Dorcas seiner Gnade bedürfe. Als er sein Gebet gesprochen hatte, lehnte er sich erschöpft zurück und hieß sie aufstehen.
Er hatte ein kräftiges, knochiges Gesicht, das voller Ingrimm und Abscheu war. «Du bist eine große Enttäuschung für mich, Tochter», knurrte er mit tiefer Stimme.
«Ja, Vater.» Sie stand auf und senkte den Kopf. Sie hasste ihn. Weder er noch ihre Mutter hatten sie jemals in den Arm genommen, geschweige denn liebkost. Sie hatten sie geschlagen und um sie gebetet, von elterlicher Zuneigung aber nichts erkennen lassen.
Matthew Slythe legte seine rechte Hand auf die Bibel. Er atmete schwer. «Durch die Frau ist die Sünde in die Welt gekommen, Dorcas, und an dieser Schuld hat sie zu tragen. Die Blöße einer Frau ist ihre Schande und ein Ärgernis Gottes.»
«Ja, Vater.»
«Sieh mich an!»
Sie hob den Blick. Sein Gesicht war von Abscheu entstellt.
«Wie konntest du nur?»
Sie fürchtete, wieder geschlagen zu werden, hielt aber still.
Er öffnete die Bibel und schlug die Sprüche Salomos auf. «‹Denn um einer Hure willen kommt ein Mann herunter bis auf einen Laib Brot.›» Er blätterte um. «‹Ihr Haus ist der Weg in die Hölle, da man hinunterfährt in des Todes Kammern.›» Er sah sie an.
«Ja, Vater.»
Er grollte. Sooft er sie auch geschlagen hatte, es war ihm nicht gelungen, sie zu bändigen, und das wusste er. Er sah den Widerstand in ihrer Seele und ahnte, dass er ihn nicht würde brechen können. Aber er gab nicht auf. «Du wirst bis morgen Abend Kapitel sechs und sieben der Sprüche auswendig lernen.»
«Ja, Vater.» Sie konnte beide Kapitel bereits auswendig aufsagen.
«Und du wirst um Verzeihung bitten, um Gnade und um Erleuchtung.»
«Ja, Vater.»
«Geh jetzt.»
Ebenezer saß immer noch im Wohnzimmer. Er sah sie an und grinste. «Hat’s wehgetan?»
Sie blieb vor ihm stehen. «Ja.»
Seine Hand lag auf der aufgeschlagenen Bibel. Er grinste immer noch und sagte: «Er weiß es von mir.»
Sie nickte. «Das habe ich mir gedacht.» Sie hatte ihren Bruder immer zu lieben und ihm die Zuneigung entgegenzubringen versucht, die ihr selbst vorenthalten geblieben war. Doch während sie ihn, den kleinen, schwachen, verkrüppelten Bruder, stets in Schutz genommen hatte, war sie von ihm immer abgelehnt worden.
«Du widerst mich an, Dorcas», sagte er. «Du gehörst nicht in dieses Haus.»
«Gute Nacht, Ebenezer.» Langsam schleppte sie sich die Treppe hinauf. Ihr Rücken schmerzte, aber fast noch schlimmer waren für sie der Schrecken und die Trostlosigkeit, die von Werlatton Hall ausgingen.
Als Matthew Slythe wieder allein war, betete er, er betete in einer so aufgebrachten, verkrampften Weise, als fürchtete er, Gott könne eine ruhig vorgetragene Bitte nicht hören.
Er empfand Dorcas als Fluch. Durch sie war ihm zwar ein unermessliches Vermögen zugefallen, aber sie erwies sich als das, was er schon befürchtet hatte, als ihm der Reichtum angeboten worden war: als ein Kind der Sünde.
Dass sie nicht wirklich schlecht war, das sah Matthew Slythe nicht. Er sah nur ihre Sündhaftigkeit, die darin bestand, dass sie stark und fröhlich war und keine Furcht vor dem schrecklichen, rachsüchtigen Gott zu haben schien, dem Matthew Slythe diente. Und so litt er darunter, dass es ihm nicht gelungen war, ihren Stolz zu brechen und aus dem Kind der Sünde ein Kind Gottes zu machen. Seine Tochter bekannte sich zwar zu ihrem Glauben an Gott und sprach ihre Gebete, ließ aber immer wieder einen Freiheitsdrang, eine Unabhängigkeit erkennen, die Matthew Slythe mit Schrecken erfüllten. Er fürchtete, dass sie nach weltlichen Freuden trachten könnte, und er fürchtete auch, dass sie dann hinter sein Geheimnis käme.
Es gab ein Juwel, ein Siegel aus Gold, es war versteckt und er verbarg es seit sechzehn Jahren sogar vor sich selbst. Wenn Dorcas erfahren sollte, was es damit auf sich hatte, würde sie womöglich mit Hilfe dieses Siegels den Bund aufdecken. Matthew Slythe stöhnte. Das Vermögen, das dem Bund zugute kam, gehörte Dorcas, was sie nicht wusste. Es galt, dieses Vermögen testamentarisch zu sichern, und Matthew Slythe hoffte, dies erreichen zu können, indem er Dorcas nach seinem Willen verheiratete. Seine gefährlich schöne Tochter durfte nie erfahren, dass sie reich war. Das sündhaft erworbene Geld musste Gott überschrieben werden, dem Gott von Matthew Slythe. In seinem Kopf hallten noch die Gebete nach, als er sich ein Blatt Papier zurechtlegte und einen Brief aufsetzte. Das Problem sollte ein für alle Mal geregelt werden. Er würde Dorcas seinen Willen aufzwingen, er würde sie brechen.
Oben im Schlafzimmer, das sie sich mit einer der Dienstmägde teilte, saß Campion auf der breiten Fensterbank und starrte hinaus in die Nacht.
Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie wunderschön Werlatton Hall einst gewesen war mit seinen von Efeu überwucherten alten Mauern und den hohen, Schatten spendenden Ulmen und Eichen. Nach dem Erwerb des Anwesens hatte Matthew Slythe den Efeu abschneiden, die Bäume fällen und eine weite Rasenfläche anlegen lassen, für deren Pflege zwei Arbeitskräfte nötig waren. Eine inzwischen hochgewachsene Hecke umschloss die streng geordnete Welt von Werlatton und schirmte sie von der fremden Außenwelt ab, in der Lachen keine Sünde war.
Campion schaute ins Dunkel jenseits der Hecke.
Zwischen den Buchenwipfeln jagte eine Eule, ihr Ruf tönte hohl durchs Tal. Fledermäuse schwirrten durch die Luft. Vom Kerzenschein angelockt, flatterte eine Motte ins Zimmer. Charity, die Dienstmagd, schrie auf. «Macht bitte das Fenster zu, Miss Dorcas!»
Campion drehte sich um. Charity hatte ihre Pritsche unter Campions Bett hervorgezogen. Sie hockte am Boden und blickte mit bleichem, verängstigtem Gesicht zu ihr auf. «Hat’s wehgetan, Miss?»
«Das tut es immer, Charity.»
«Warum habt Ihr das getan, Miss?»
«Ich weiß es nicht.»
Campion schaute wieder zum Fenster hinaus. Wie an jedem Abend betete sie zu Gott, er möge ihr zur Besserung verhelfen, aber sie würde den Vater nie günstig stimmen können. Sie wusste, dass es eine Sünde war, im Bach zu baden, verstand aber nicht, warum. Nirgendwo in der Bibel stand geschrieben: ‹Du sollst nicht baden›. Dass sich die Nacktheit nicht geziemte, war ihr klar, aber sie konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen. Jetzt würde es ihr wohl nie mehr erlaubt sein, an den Bach zu gehen.
Sie dachte an Toby. Bevor sie von ihrem Vater geschlagen worden war, hatte er entschieden, dass sie einen Monat lang nicht außer Haus gehen dürfe. Selbst der Kirchbesuch am Sonntag war ihr verwehrt. Sie überlegte, ob sie sich davonschleichen könnte, ahnte aber, dass ihr das nicht möglich sein würde. Wenn sie Hausarrest hatte, ließ der Vater sie durch einen seiner Diener auf Schritt und Tritt überwachen.
Liebe. Das Wort verfolgte sie. Gott war Liebe, obwohl ihr Vater lehrte, dass Gott vor allem Zorn, Strafe, Rache und Allmacht sei. In der Bibel hatte Campion die Beschreibung von Liebe gefunden. «Lasst ihn mich küssen mit dem Kusse seines Mundes, denn deine Liebe ist lieblicher als Wein.» «Seine Linke liegt unter meinem Haupte, mit seiner Rechten umarmt er mich.» «Und die Liebe ist sein Banner über mir.» «Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt.» Ihr Vater sagte, Salomos Hohelied sei nur ein Ausdruck der Liebe Gottes zu seiner Kirche, was sie aber nicht glauben mochte.
Sie schaute über das dunkle Tal und dachte an ihren Vater. Sie fürchtete sich vor ihm, doch die Furcht erreichte nicht ihr Innerstes, denn sie hatte ein Geheimnis, an dem sie unablässig festhielt. Es war wie ein Traum, der sie auch tagsüber begleitete, und in diesem Traum sah sie sich als eine körperlose Seele, die ihr Dasein auf Werlatton von außen betrachtete. Sie lächelte bei dem Gedanken, dass diese körperlose Seele den Namen Campion trug und Dorcas dabei zusah, wie sie versuchte, gehorsam zu sein. Sie ahnte, dass sie nicht hierhergehörte. Erklären konnte sie dieses Gefühl ebenso wenig wie Toby Lazender zu erklären vermochte, warum die kalten Finger die Druckwellen eines Fisches im Wasser spüren konnten. Dennoch, die Ahnung von ihrer Andersartigkeit verlieh ihr die Kraft, der grimmigen Herrschaft Matthew Slythes zu widerstehen. Sie schöpfte Hoffnung aus ihrem Glauben an die Liebe und glaubte fest daran, dass es jenseits der hohen, dunklen Eibenhecke Freundlichkeit und Herzensgüte geben musste. Eines Tages, so wusste sie, würde sie in die Welt hinausgehen, deren Treiben ihr Vater so sehr fürchtete.
«Miss?» Charity duckte sich, um der flatternden Motte auszuweichen.
«Ich weiß, Charity. Du ekelst dich vor Motten.» Campion lächelte. Ihr Rücken schmerzte, als sie sich nach vorn beugte und ihre hohlen Hände um die Motte schloss. Sie spürte ihre Flügel auf der Haut kitzeln, trat ans Fenster und entließ das Insekt in die Freiheit der Nacht, durch die Eule und die Fledermäuse jagten.
Sie schloss das Fenster und ging neben ihrem Bett auf die Knie. Pflichtschuldig betete sie für ihren Vater, für Ebenezer, für Goodwife Baggerlie, die Dienstboten und – mit einem Lächeln im Gesicht – für Toby. Er hatte ihre Träume befeuert. So widersinnig und hoffnungslos es auch sein mochte – sie war verliebt.
Drei Wochen später, als das Getreide die Farbe von Campions Haaren annahm und die Ernte so gut zu werden versprach wie schon seit Jahren nicht mehr, kam ein Gast nach Werlatton Hall.
Gäste gab es nur wenige. Manchmal wurde einem reisenden Prediger, der mit Hass über den König sprach und allen Bischöfen den Tod wünschte, Obdach geboten, doch Matthew Slythe war kein geselliger Mann.
Der Gast hieß Samuel Scammell, Bruder Samuel Scammell, ein Puritaner aus London. Charity war ganz außer sich vor Freude über den Besuch. Sie kam zu Dorcas ins Schlafzimmer, als die Sonne über dem Tal unterging, und sagte erregt: «Goodwife Baggerlie will, dass Ihr Euer bestes Sonntagskleid tragt, Miss. Und, stellt Euch vor, im Wohnraum sind die Teppiche ausgerollt worden.»
Charitys Erregung amüsierte Campion. «Die Teppiche?»
«Ja, Miss, und Euer Vater lässt drei Hühner schlachten. Tobias hat sie schon aus dem Stall geholt. Es wird Fleischpasteten geben.» Charity half Campion beim Anziehen und richtete ihr den weißen Leinenkragen. «Ihr seht phantastisch aus, Miss.»
«Wirklich?»
«Diesen Kragen hat schon Eure Mutter getragen. Und doch ist er immer noch wie neu.» Charity zupfte an den Spitzen. «An Euch sieht er viel größer aus.»
Martha Slythe war eine große, beleibte Frau gewesen, deren laute Stimme mit der von Goodwife Baggerlie um die Vorherrschaft über den Schmutz von Werlatton Hall gewetteifert hatte. Campion lüftete den Rand des Kragens. «Wäre es nicht schön, nur ein einziges Mal etwas Hübsches zu tragen? Erinnerst du dich an die Frau vor zwei Jahren in der Kirche, die von Pfarrer Hervey ausgeschimpft wurde, weil sie sich angeblich wie eine Dirne kleidete?» Die Frau hatte einen feinen, zarten Spitzenkragen getragen.
Charity runzelte die Stirn. «Miss! Das ist ein unanständiger Wunsch.»
Campion seufzte im Stillen. «Tut mir leid, Charity. Ich habe gesprochen, ohne nachzudenken.»
«Gott wird Euch verzeihen, Miss.»
«Darum bete ich», log Campion. Sie hatte gelernt, dass dem Zorn Gottes am besten durch Lippenbekenntnisse auszuweichen war. Wenn Charity Goodwife Baggerlie von Campions Wunsch nach einem Spitzenkragen berichten würde, hätte Campion eine empfindliche Strafe von ihrem Vater zu erwarten. Um solchen Strafen vorzubeugen, hatte sie zu lügen gelernt. «Ich wäre jetzt so weit.»
Matthew Slythe, seine beiden Kinder und der Gast saßen im hinteren Teil des großen Wohnraums zu Tisch. Die Läden vor den hohen Fenstern waren geöffnet. Es dämmerte, und die weite Rasenfläche lag bereits im Schatten.
Campion schätzte Samuel Scammell auf Mitte dreißig. Seine rundliche Gestalt ließ darauf schließen, dass er gern und maßlos aß. Sein Gesicht wirkte zwar ebenso groß und schwer wie das ihres Vaters, war aber sehr viel weniger markant, und es schien, dass sogar seine Knochen weich und formbar waren. Er hatte volle, feuchte Lippen, über die er häufig mit der Zunge fuhr. Die Nasenlöcher waren zwei große, dunkle Höhlen, aus denen schwarze Haare wucherten. Die Hässlichkeit dieses Mannes wurde durch das kurz geschorene, dunkle Haupthaar noch betont.
Offenbar war er darauf aus, zu gefallen. Er hörte dem Gastgeber aufmerksam zu, der sich in seiner unwirschen Art über das Wetter ausließ und die Erträge der Ernte einzuschätzen versuchte. Campion sagte nichts. Ebenezer, auf dessen Wangen sogar dann, wenn er sich frisch rasiert hatte, ein dunkler Schatten lag, erkundigte sich bei Bruder Scammell nach dessen Geschäften.
«Ich baue Schiffe. Natürlich nicht mit eigener Hand, sondern mit Hilfe der Männer, die bei mir angestellt sind.»
«Hochseetaugliche Schiffe?», fragte Ebenezer, der es immer ganz genau wissen wollte.
«Nein, das nun wirklich nicht.» Scammell lachte wie über einen gelungenen Witz. Auf seinen Lippen klebten Krümel der Fleischpastete, so auch auf den Revers seines schwarzen Überrocks. Auf dem weißen Kragen mit den zwei Quasten hatten sich Fettflecke gebildet. «Ich baue Kähne für Flussschiffer.»
Campion sagte immer noch nichts. Ebenezer warf ihr einen ungehaltenen Blick zu und beugte sich dann vor. «Kähne für Flussschiffer?»
Scammell legte eine Hand auf seinen Bauch, riss seine kleinen Augen auf und versuchte – vergeblich – ein Aufstoßen zu unterdrücken. «Jawohl. Für uns in London ist die Themse der Hauptverkehrsweg.» Er richtete sein Wort an Campion. «Die Flussschiffer befördern Frachten und Passagiere, und wir bauen ihnen die Boote. Zu unseren Kunden zählen allerdings auch die großen Häuser.» Er lächelte Matthew Slythe zu. «So haben wir zum Beispiel für den Herzog von Essex ein Schiff gebaut.»
Matthew Slythe grunzte. Dass Samuel Scammell Geschäfte mit dem General der Parlamentstruppen unterhielt, schien ihn nicht sonderlich zu beeindrucken.
Es wurde still, und für eine Weile war nur das Klappern von Scammells Besteck zu hören. Campion schob das zähe Hühnerfleisch an den Tellerrand und versteckte es unter einem Teil der trockenen Pastetenkruste. Um nicht unhöflich zu sein, beteiligte sie sich am Gespräch. «Habt Ihr auch ein eigenes Boot, MrScammell?»
«Aber ja, durchaus.» Ihre Frage schien ihn zu amüsieren. Er lachte und zeigte dabei den zerkauten Inhalt seines Mundes. «Mit meinen Fähigkeiten als Seemann ist es allerdings, so fürchte ich, nicht sehr weit her, Miss Slythe. Wirklich und wahrhaftig nicht. Sooft ich aufs Wasser muss, spreche ich die Worte unseres Heilands, mit denen er die Wogen geglättet hat.» Offenbar wollte er seine Bemerkung als Scherz verstanden wissen, denn er schnaubte vor Lachen.
Campion lächelte pflichtschuldig. Ihr Bruder scharrte mit den Füßen.
Matthew Slythe ließ seinen Blick von Campion zu Scammell wandern, und auf seinem strengen Gesicht zeigte sich der Anflug eines Lächelns. Campion kannte dieses Lächeln, das sie stets mit Grausamkeit in Verbindung brachte. Ihr Vater war ein grausamer Mann, hielt seine Grausamkeit aber für einen Akt der Barmherzigkeit, weil er davon überzeugt war, dass auf ein Kind Zwang ausgeübt werden musste, damit es Gottes Gnade erfahre.
Peinlich berührt von der Stille, die wieder eingesetzt hatte, wandte sich Matthew Slythe dem Gast zu. «Wie ich höre, erfreut sich die Stadt göttlichen Segens, Bruder.»
«Wirklich und wahrhaftig.» Scammell nickte eifrig. «Der Herr vollbringt an London große Werke, Miss Slythe», sagte er, wieder an Campion gewandt. Campion täuschte Interesse vor, als er davon berichtete, was sich seit der Abdankung des Königs in der Hauptstadt zugetragen hatte, die nun das rebellische Parlament regierte. Der Sabbat, so sagte er, werde ordnungsgemäß eingehalten, die Spielhäuser seien geschlossen worden, ebenso wie alle Lustgärten und das Bärengehege. «Für den Herrn unseren Gott reift eine große Ernte geläuterter Seelen heran», frohlockte Scammell.
«Amen», sagte Matthew Slythe.
«Gelobt sei der Name des Herrn», ergänzte Ebenezer.
«Und alles Übel wird mit Stumpf und Stiel ausgerottet!» Scammell hob die Augenbrauen, um seinen Worten zusätzliches Gewicht zu verleihen. Er kam auf zwei römisch-katholische Priester zu sprechen, die heimlich vom europäischen Festland nach London gereist waren, um dort der kleinen, im Verborgenen lebenden Gemeinde der Katholiken zu dienen. Sie waren entdeckt, gefoltert und schließlich gehängt worden. «Ihrer Hinrichtung hat eine große Menge Volks beigewohnt.»
«Amen», sagte Matthew Slythe.
«Wirklich und wahrhaftig.» Samuel Scammell nickte bedächtig. «Auch ich war ein Werkzeug im Kampf gegen das Übel.»
Er wartete darauf, dass jemand Interesse äußerte. Ebenezer stellte die gewünschte Frage, doch Scammell richtete seine Antwort wieder an Campion. «Es ging um die Frau eines meiner Arbeiter, eine liederliche Person, die sich als Wäscherin verdingte. Ich war einmal genötigt, die Wohnung der beiden aufzusuchen, und was, glaubt Ihr, ist mir dort zu Augen gekommen?»
Sie schüttelte den Kopf. «Wie soll ich das wissen?»
«Ein Bildnis von William Laud», erklärte Scammell in dramatischem Tonfall. William Laud war der inhaftierte Erzbischof von Canterbury, der unter den Puritanern nicht zuletzt deshalb verhasst war, weil er seine Kirchen schmücken ließ und ein Hochamt zelebrierte, das, wie es hieß, die in Rom gefeierten Riten nachäffe. Scammell fuhr fort, das Bildnis sei von zwei Kerzen beleuchtet gewesen. Als er die Frau gefragt hatte, ob sie wisse, wer auf diesem Bild dargestellt sei, bejahte sie nicht nur, sie lobte Laud sogar als einen guten Mann!
«Was habt Ihr daraufhin getan, Bruder?», fragte Ebenezer.
«Man durchbohrte später ihre Zunge mit einem heißen Eisen und band sie einen Tag lang an den Schandpfahl.»
«Gelobt sei Gott», sagte Ebenezer.
Goodwife Baggerlie trat ein und stellte eine Schüssel auf den Tisch. «Apfelkuchen, Master.»
«Ah. Apfelkuchen.» Matthew Slythe lächelte seiner Haushälterin zu.
«Apfelkuchen!» Samuel Scammell faltete die Hände, lächelte und ließ die Fingergelenke knacken. «Ich liebe Apfelkuchen, wirklich und wahrhaftig.»
«Dorcas?» Matthew Slythe bedeutete seiner Tochter, die Nachspeise zu verteilen. Sich selbst gab sie eine winzig kleine Portion, was Goodwife Baggerlie, die brennende Kerzen auf den Tisch stellte, sichtlich missfiel.
Der Gast langte umso ungenierter zu. Er schaufelte den Kuchen in sich hinein, als hätte er seit Tagen nichts zu essen bekommen, und ließ sich zweimal Nachschlag geben, den er mit dem Dünnbier herunterspülte, das an diesem Abend serviert wurde. Stärkere Getränke kamen für Matthew Slythe nicht in Frage.
Während die Nachspeise gegessen wurde, fiel kein einziges Wort. Danach kamen die Männer, wie Campion erwartet hatte, auf die Religion zu sprechen. Die Puritaner hatten sich in eine Vielzahl von Sekten aufgespaltet, die in subtilen theologischen Details voneinander abwichen und Männern wie ihrem Vater und Bruder Scammell sattsam Gelegenheit boten, die Glaubensvorstellungen anderer zu verteufeln. Ebenezer beteiligte sich eifrig. Er hatte sich in seinem Studium ausführlich mit dem Presbyterianismus beschäftigt, der in Schottland gültigen Kirchenverfassung, die auch im englischen Parlament viele Anhänger hatte, und machte aus seiner Ablehnung keinen Hehl. Als Campion sein schmales Gesicht im flackernden Kerzenlicht sah, bemerkte sie etwas Fanatisches darin. Er richtete das Wort an Samuel Scammell. «Mir scheint, sie leugnen die rettende Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Ein anderer Schluss lässt sich aus ihren Argumenten doch wohl nicht ziehen.»
Scammell nickte. «Wirklich und wahrhaftig.»
Draußen war es stockdunkel geworden. Motten flatterten vor den Fensterscheiben.
Samuel Scammell lächelte Campion zu. «Euer Bruder ist stark im Glauben, Miss Slythe.»
«Ja, Sir.»
«Und Ihr?» Er beugte sich vor und musterte ihre Miene.
«Ja, Sir.» Die Antwort war unangemessen und ließ ihren Vater unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschen. Scammell aber lehnte sich zurück und schien zufrieden.
«Gelobt sei Gott. Amen.»
Glücklicherweise stand Campions Seelenzustand nicht länger zur Debatte, stattdessen kamen die jüngsten Geschichten über Gräueltaten der irischen Katholiken zur Sprache. Matthew Slythe war in seinem Element und verschaffte seinem Ingrimm ungehindert Luft. Campion hörte nicht zu. Ihr fiel auf, dass Scammell immer wieder zu ihr hinsah und verlegen lächelte, wenn sich ihre Blicke trafen, was ihr sehr unangenehm war.
Toby Lazender hatte gesagt, sie sei schön. Sie fragte sich, wie es ihm jetzt wohl in London ergehen mochte, der Stadt, die von den Puritanern so gründlich «geläutert» worden war. Vor drei Wochen hatte sie Charity gefragt, ob ein Fremder in der Kirche gewesen sei. Ja, hatte sie gesagt, ein großer junger Mann mit roten Haaren, der die Psalmen lauter als alle anderen gesungen habe. Campion war traurig. Toby musste angenommen haben, dass sie ihn nicht wiedersehen wollte. Und während sie ihren Gedanken nachhing, spürte sie Samuel Scammells kleine Augen auf sich gerichtet. Sie kannte diesen Blick, mit dem sie von den meisten Männern bedacht wurde, ja, sogar von Pastor Hervey. Scammell sah sie an wie ein Bulle eine Färse ansah.
In den Buchen vor dem Fenster war wieder der Ruf der Eule zu hören.
Samuel Scammell entschuldigte sich, stand vom Tisch auf und steuerte auf den mit Steinfliesen ausgelegten Durchgang zu, der zum Abort führte.
Als seine Schritte verhallten, richtete Matthew Slythe den Blick auf seine Tochter und fragte: «Nun?»
«Vater?»
«Gefällt dir Bruder Scammell?»
Weil er ihrem Vater zu gefallen schien, gab es für sie nur eine Antwort. «Ja, Vater.»
Scammell hatte die Tür offen stehen lassen, sodass zu hören war, wie er in den Steintrog machte. Es klang, als pisste ein Pferd aufs Pflaster, es schien gar nicht mehr aufzuhören.
Ebenezer starrte ins Kerzenlicht. «Er scheint fest im Glauben zu sein, Vater.»
«Das ist er, Sohn.» Matthew Slythe beugte sich vor und blickte auf die Reste auf seinem Teller. «Er ist von Gott gesegnet.»
Das Wasserlassen dauerte an. Er muss eine Blase wie ein Ochse haben, dachte Campion. «Ist er gekommen, um zu predigen, Vater?»
«Nein. Es gibt Geschäftliches zu regeln.» Matthew Slythe ergriff mit beiden Händen den Rand der Tischplatte. Er schien zu grübeln. Das Plätschern auf dem Abort ebbte ab, schwoll noch einmal an und ließ dann stotternd nach. Campion wurde übel. Sie hatte kaum etwas gegessen. Es drängte sie, ins Bett zu gehen, um in ihren Träumen von der Welt jenseits der hohen Eibenhecke zu schwelgen.
Mit lauten Schritten kehrte Samuel Scammell vom Abort zurück. Matthew Slythe zwinkerte mit den Augen und setzte ein Lächeln auf. «Ah, Bruder Scammell, Ihr seid wieder da.»
«Wirklich und wahrhaftig.» Er winkte mit seiner fleischigen Hand in Richtung Durchgang. «Ein vortrefflich eingerichtetes Haus, Bruder.»
«Gelobt sei Gott.»
«Wirklich und wahrhaftig.» Scammell stand vor seinem Stuhl und wartete auf das Ende der wechselseitigen Lobpreisung Gottes. Campion bemerkte einen dunklen, feuchten Fleck im Zwickel seiner Hose und blickte schnell zurück auf den Tisch.
«Setzt Euch, Bruder, setzt Euch.» Matthew Slythe bemühte sich um einen launigen Tonfall, um jene unbeholfene Fröhlichkeit, die er nur Gästen gegenüber zeigte. «Nun?»
«Ja, gewiss.» Scammell rückte den Stuhl zurecht und nahm Platz. «Gewiss.»
«Und?»
Irritiert von dem seltsamen Wortwechsel, blickte Campion auf und runzelte die Stirn.
Scammell lächelte. Er wischte sich die Hände und trocknete sie am Überrock ab. «‹Wem ein tugendsam Weib beschert ist, die ist viel edler denn die köstlichsten Perlen. Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, und Nahrung wird ihm nicht mangeln. Sie tut ihm Liebes und kein Leides ihr Leben lang.›»
«Amen», sagte Matthew Slythe.
«Gelobt sei Gott», sagte Ebenezer.
«Wirklich und wahrhaftig.»
Campion sagte nichts. Sie fröstelte. Ihr wurde angst und bange.
Ihr Vater schaute sie an und zitierte aus demselben Kapitel der Sprüche Salomos: «‹Lieblich und schön sein ist nichts, ein Weib, das den Herrn fürchtet, soll man loben.›»
«Amen», sagte Bruder Scammell.
«Und Amen», stimmte Ebenezer mit ein.
«Nun?», fragte Matthew Slythe.
Samuel Scammell leckte sich die Lippen, lächelte und betätschelte seinen Bauch. «Euer Angebot ehrt mich, Bruder Slythe, und ich habe mich bereits in Gebeten mit unserem Herrn im Himmel beraten. Ich glaube zutiefst, dass ich annehmen muss.»
«Amen.»
Scammell sah Campion an. «Wir werden also Mann und Frau, Miss Slythe. Ein glücklicher Tag, wirklich und wahrhaftig.»
«Amen», sagte Ebenezer.
Mit Blick auf Ebenezer sagte Scammell: «So sind wir denn nicht nur vor Gott, sondern auch in der Familie Brüder.»
«Gelobt sei der Herr.»
Sie hatte es geahnt, aber nicht wahrhaben wollen. Verzweiflung und Furcht trieben ihr nun Tränen in die Augen. Ihr Vater lächelte, doch es war kein Lächeln der Zuneigung, eher das eines Feindes, der seine Freude daran hat, den Widersacher gedemütigt zu sehen. «Bruder Hervey wird am kommenden Tag des Herrn das Aufgebot bekannt geben.»
Campion nickte. Es war ihr unmöglich zu widersprechen. Schon in einem Monat würde sie verheiratet sein, Dorcas Scammell heißen und dem Wunschnamen Campion auf immer abschwören müssen.
«Amen», sagte Samuel Scammell. «Ein glücklicher Tag.»
Du darfst dich glücklich preisen.» Die Worte der Haushälterin vor dem Frühstück klangen wie ein Befehl.
«Ich freue mich so für Euch», sagte Charity mit trauriger Miene, denn sie wünschte sich selbst nichts sehnlicher, als verheiratet zu sein.
«Lob und Preis, Dorcas!», kommentierte Myrtle, die wohl einzig glückliche Bewohnerin von Werlatton Hall, denn das Milchmädchen war schwachsinnig.
«Dein Vorsatz sei gesegnet», meinte Ebenezer, und seine dunklen Augen verrieten keinerlei Regung.
Campion wusste, dass sie nicht das Recht hatte, unglücklich zu sein. Es war ihr immer schon eine Selbstverständlichkeit gewesen, den Wünschen ihres Vaters zu entsprechen. Etwas anderes konnte sie sich kaum vorstellen. Dennoch hätte sie nicht einmal in ihren schlimmsten Träumen daran gedacht, an einen Mann wie Bruder Samuel Scammell verheiratet zu werden.
Als sie sich nach den Morgengebeten auf den Weg zur Milchküche machen wollte, rief der Vater sie zu sich. «Tochter.»
«Vater.»
«Du bist jetzt verlobt.»
«Ja, Vater.»
Er stand vor seinem Schreibpult. Scammell befand sich wenige Schritte hinter ihm. Ein Lichtstrahl, der durch ein Fenster im Treppenhaus fiel, streifte Matthew Slythes dunkles, ernstes Gesicht. «Die Arbeit in der Milchküche ist für dich zu Ende. Stattdessen wirst du dich auf deine Ehe vorbereiten.»
«Ja, Vater.»
«Du wirst dich mit den Pflichten im Haushalt vertraut machen.» Er runzelte die Stirn. «Es ist dir jetzt erlaubt, in Begleitung von Bruder Scammell ins Dorf zu gehen.»
Sie hielt den Kopf gesenkt. «Ja, Vater.»
«Ihr werdet euch noch heute Vormittag auf den Weg machen. Ich habe hier einen Brief an Bruder Hervey.»
Sie verließen Werlatton Hall und gingen entlang den Hecken, vor denen Wiesenkerbel und Kreuzkraut wucherten, auf abschüssigem Pfad hinunter zum Bach, wo Campion unter den Birken am anderen Ufer eine Fülle von rosaroten Lichtnelken blühen sah. Ihr Anblick brachte sie fast zum Weinen. Sie sollte nun zeit ihres Lebens Dorcas bleiben, die Mutter von Samuel Scammells Kindern. Und sie fragte sich, ob es ihr möglich sein könnte, Kinder zu lieben, die die wulstigen Lippen, das plumpe Gesicht und die riesigen Nasenlöcher ihres Vaters haben würden.
Scammell bot ihr seine Hand, als sie über die Steine in der Furt des Baches stiegen. «Kann ich Euch helfen?»
«Ich schaff’s auch allein, MrScammell.»
Das Wasser strömte rasch über die Kiesel zwischen den Trittsteinen. Sie blickte flussaufwärts und sah den Schatten eines Fisches vorbeischnellen. In diesem Bach hatte sie vor kurzem noch ein Bad genommen. Jetzt wünschte sie sich fast, sie wäre ertrunken und ihr weißer, nackter Leichnam triebe auf Lazen Castle zu.
Hinter dem steilen Ausläufer eines Bergrückens bog der Weg nach Süden. Es war wieder ein heißer Tag, nur im fernen Westen zeigten sich ein paar weiße Wolken am Himmel. Der Saum von Campions langem Kleid wirbelte Staub auf.
Scammell bewegte sich schwerfällig. Den Oberkörper nach vorn gebeugt, fiel er in jeden Schritt. «Ihr sollt wissen, meine Liebe, dass Ihr mich zu einem glücklichen Mann macht.»
«Das sagtet Ihr bereits in den Gebeten, MrScammell.»
«Zu einem sehr glücklichen Mann. Auch Euch will ich glücklich machen.»
Sie sagte nichts. Das Weizenfeld zur Linken war voller Mohn. Sie schaute auf die Blüten, war aber blind für das, was sie sah. Sie hatte gewusst und im Grunde schon viel früher damit gerechnet, dass ihr Vater sie mit einem Mann seiner Wahl verheiraten würde. Damit, so hatte er gesagt, habe er warten wollen, bis es Anzeichen dafür gebe, dass die erlösende Gnade Christi bei ihr fruchte. Allerdings glaubte sie nicht, dass dies der einzige Grund für sein Zögern gewesen war. Ebenezer war Matthew Slythes Erbe, doch stand lange zu befürchten, dass er, der Sohn, seinen Vater womöglich nicht überleben würde. Er war immer schon schwach und kränklich gewesen, weshalb Campion vermutet hatte, dass ihr der Vater einen Mann zur Seite zu stellen gedachte, dem er Werlatton als sein Erbe anvertrauen mochte. Und darum hatte sich Matthew Slythe Zeit genommen, den Richtigen zu finden – einen gottesfürchtigen Geschäftsmann.
Scammell räusperte sich. «Ein herrlicher Tag, meine Liebe. Wirklich und wahrhaftig.»
«Ja.»
Sie hatte es vorher gewusst: Auf ihre Kindheit sollten Ehe und Mutterschaft folgen. Warum also, wunderte sie sich, betrübte und erschreckte sie diese Aussicht so sehr? Es war schließlich nicht so, als hätten sich ihr, von vagen Träumen abgesehen, jemals andere Möglichkeiten geboten. Warum also dieses plötzliche Entsetzen einer schicksalhaften Fügung gegenüber, mit der sie schon lange hatte rechnen müssen? Sie warf einen Blick auf Scammell, entlockte ihm ein nervöses Lächeln. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass ausgerechnet dieser Mann ihr Ehemann sein sollte. Sie versuchte den Gedanken von sich zu weisen. Ihr Gefühl der Andersartigkeit war immer Ursache ihrer Tagträume gewesen, und dieses Gefühl hatte sie nun betrogen. Sie war weder anders noch war sie etwas Besonderes. Sie war eine Tochter, über die verfügt wurde, nicht zuletzt auch in Eheangelegenheiten.
Im Schatten hoher Buchen, deren Laub, im Vorjahr gefallen, einen dicken Teppich vor ihnen ausbreitete, lag ein umgestürzter Baum quer über dem Weg. «Wär’s recht, wenn wir hier kurz Rast machten, meine Liebe?», fragte Scammell.
Sie blieb am Rand des Weges stehen.
