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Der Limmer Georg zieht aus der Großstadt aufs Land, um Bauer zu werden. Die Bewohner des winzigen Dorfes, in dem er sich niederlassen möchte, sind gegenüber dem "Stadtfleck", der obendrein aus der Kirche ausgetreten ist, zunächst äußerst skeptisch. Georg trifft auf einen Menschenschlag, der raubeinig und rauflustig ist, wenn es um den eigenen Querschädel geht, doch er geht seinen Weg mit derselben Beharrlichkeit. Nach und nach bringt man ihm so etwas Respekt entgegen: Immerhin ist der Georg hilfsbereit und freundlich, zudem trinkt er die meisten Dörfler mühelos unter den Tisch. Vieles von dem, was der Autor kraftvoll schildert, hat er selbst erlebt.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Worum geht es im Buch?
Jürgen König
Das Hintertürl zum Paradies
Der Limmer Georg zieht aus der Großstadt aufs Land, um Bauer zu werden. Die Bewohner des winzigen Dorfes, in dem er sich niederlassen möchte, sind gegenüber dem „Stadtfleck“, der obendrein aus der Kirche ausgetreten ist, zunächst äußerst skeptisch. Georg trifft auf einen Menschenschlag, der raubeinig und rauflustig ist, wenn es um den eigenen Querschädel geht, doch er geht seinen Weg mit derselben Beharrlichkeit. Nach und nach bringt man ihm so etwas wie Respekt entgegen: Immerhin ist der Georg hilfsbereit und freundlich, zudem trinkt er die meisten Dörfler mühelos unter den Tisch. Vieles von dem, was der Autor so kraftvoll schildert, hat er selbst erlebt.
Alles war ziemlich merkwürdig an diesem Tag. Die Menschen im Dorf benahmen sich sonderbar, waren aggressiv und gereizt. Der Bauer Lehmann, sonst ein friedfertiges, phlegmatisches Mannsbild, kochte vor Erregung und wusste nicht, weshalb. Die Höck Maria, die Spechtinger Wirtin, stand weinend vor dem großen Küchenherd, weil ihr die Semmelknödel bereits zum dritten Mal zu matschigem Brei zerfallen waren; dass ausgerechnet ihr das passieren musste!
Es war Hochsommer, und über Spechting lag eine unheimliche Stimmung. Der Himmel wölbte sich nicht wie sonst, er hing schwer und schweflig über dem kleinen Kessel, in dem sich, entlang der Dorfstraße, ein Dutzend Bauernhöfe duckte. Ein Unwetter zog auf. Es kam vom Tegernsee herüber, einer Gegend, aus der ohnehin selten Gutes kam. Kein Windhauch regte sich. Hunderte von Schwalben segelten wie irr an den Hausmauern entlang, und ihre eifrige Geschwätzigkeit steigerte sich zu einem panischen Geschrei. Drei, vier von ihnen klatschten im Sturzflug gegen Mauern und Fensterscheiben und blieben tot oder benommen auf dem Pflaster vor der Wirtschaft liegen. Der Höck Lukas, sonst so vernarrt in seine Kälber und Kühe, drosch wie von Sinnen mit einem Haselnussstock auf die Tiere ein, um sie in den schützenden Stall zu treiben; nie zuvor hatte er sein Vieh so geschunden.
Obwohl es erst kurz vor sieben war, brannte in der Wirtsstube schon Licht. Am Stammtisch hockten der Springer Marinus, ein Bauer aus Seiling, der Wegscheider Martl, ein derber, knöcherner Einödler, und der Limmer Georg, der »Stadtfleck«, der sich im Laufe der letzten beiden Jahre in Spechting eine kleine Landwirtschaft aufgebaut hatte und so recht und schlecht über die Runden kam. Die drei hatten sich nicht viel zu sagen und nippten lustlos an ihren Biergläsern; von Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf, ging zum Fenster und blickte sorgenvoll zum Himmel. Der Wegscheider Martl stützte seinen Kopf in die Hände und sagte: »Dös schaugt ganz nach Hagel her, Kruzefix, kruzefix!«
»Oda d’ Welt geht unter«, gab der Springer Marinus zu bedenken, und obwohl er sich bemühte, gleichgültig zu scheinen, tanzten seine Finger unaufhörlich um die Glieder der silbernen Uhrenkette herum.
»Vielleicht verzieht sich’s wieder«, gab der Limmer Georg mit einem Anflug von Hoffnung zu bedenken.
»Freilich verzieht sich’s wieder«, grantelte der Wegscheider, »irgendwann verzieht sich’s immer. Aba zuvor haut’s uns dös ganze Zeug z’amm.«
Der Wegscheider stand auf, steckte seinen Kopf in die Kuchl und sagte zur Höck Maria, seiner Schwester: »I muaß hoam. Schreib auf, was i g’habt hab. Zahl’n tu i nix, weil i koa Geld net dabei hab.«
»Geh, Martl! Wart halt, bis dös Wetter vorbei is«, mahnte die Maria.
»Nix da. I muaß hoam, bevor mei Viech narrisch werd.« Und mit Riesenschritten verließ der Wegscheider die Wirtsstube, warf seinen Traktor an und tuckerte die Dorfstraße hinunter. Der Limmer und der Springer sahen ihm nach, bis er hinter einem Hügel verschwunden war.
Fast gleichzeitig zuckten zwei, drei grelle Blitze, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner. Das Licht flackerte, erholte sich noch einmal ganz kurz und erlosch dann endgültig; der Blitz hatte eine Stromleitung getroffen. Und als sei dies das Signal zu Schlimmerem, schlug der Hagel los. Taubeneigroße Schlossen trommelten auf die Häuser, Dachplatten platzten wie Bratäpfel, Fensterscheiben zersplitterten, und eine Henne, die es nicht bis zum Stall geschafft hatte, wurde von einem Eisklumpen glatt erschlagen. Ein orkanartiger Sturm heulte um die Hausecken, Bäume wurden von dem Trommelfeuer der Hagelschlossen kahl rasiert, und binnen Minuten stieg auf der Dorfstraße das Eis knöchelhoch. In den Ställen brüllte das Vieh, die Kanaldeckel am Straßenrand schienen überzukochen. Das Dorf brodelte wie in einem Hexenkessel.
Inzwischen hatten sich der Höck Hiasl, der Wirt, und sein Sohn, der Luk, zum Limmer Georg an den Stammtisch gesetzt. Die Höck Maria hatte ein paar Kerzen angezündet; im flackernden Licht schimmerten die Gesichter der Männer grau und hohl. Der Springer Marinus stand mit weit aufgerissenen Augen am Fenster und schrie unentwegt: »Himmelherrgottsakra! Mei Treibhaus! Meine Kohlrabi! Meine Tomat’n! Meine Radieserl! Alles hin! I muaß hoam! Ach was – is eh scho z’spät. Huren-Hagel, varreckta!«
Erst im Frühjahr hatte er sich hinter seinem Hof ein großes Treibhaus gebaut, ganz aus Glas. Mehr als ein Scherbenhaufen war inzwischen wohl nicht mehr übrig davon. Der Luk ging in den Stall, um das Vieh zu beruhigen; vor allem wollte er sich um den Stier kümmern, den der Höllenspektakel fast um sein bisschen Verstand brachte. Er stampfte und zerrte an der Kette, dass das Holz ächzte. Auch der Limmer Georg fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut. Um Max und Moritz, seine beiden Haflinger-Hengste, war ihm nicht bange; die beiden hatten Nerven wie Drahtseile. Desto mehr sorgte er sich um die zehn Schafe und um Anna, die sensible Ziege. Die fünf Schweine würden sich zwar gleichfalls höllisch ängstigen, aber in ihrem Bretterverschlag waren sie gut aufgehoben. Doch Rocker, dieser Teufel von einem Stier, der mit seinen 18 Monaten mitten im schlimmsten Flegelalter war und schon Terror machte, wenn die Kreissäge einmal länger lief, als ihm passte, der würde es wohl schaffen, die sechs Kühe verrückt zu machen. Dem Limmer brannte der Hintern. Am liebsten wäre er aus der Wirtschaft gestürmt. Es waren knapp 200 Meter bis zu seinem Hof, den er im niederprasselnden Hagel wohl nicht ohne Schaden erreichen würde. Jetzt das Haus zu verlassen, war lebensgefährlich. Ein einziger dieser höllischen Tennisbälle hätte ihm den Schädel einschlagen können. Also blieb nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Unwetters.
Nach gut 20 Minuten war der Spuk vorbei. Zwar zuckten immer noch Blitze am inzwischen tiefschwarzen Himmel, aber der Hagel hatte aufgehört; dafür goss es in Strömen. Der Limmer starrte aus dem Fenster. Die Obstbäume in seinem Garten standen nackt da, als wäre ein Insektenschwarm über sie hergefallen. Apfelmus und Zwetschgenmarmelade konnte er für dieses Jahr wohl vergessen. Er bezahlte sein Bier, nahm noch einen doppelten Obstler mit auf den Weg und wollte gerade die Wirtschaft verlassen, als ein Traktor die Dorfstraße herunterkam. Es war der Wegscheider Martl, den alle schon längst zu Hause vermutet hatten. Die Windschutzscheibe hatte er geschlossen, und das Kabinendach fehlte, weil es im Sommer wegen der Hitze meistens abmontiert wurde. Auf den immer noch taubeneigroßen Hagelschlossen, mit denen die Straße gepflastert schien, schlitterte das schwere Fahrzeug von einer Straßenseite auf die andere. Hinter der regennassen Scheibe, über die der Wischer hin- und hertanzte, kauerte schemenhaft der Wegscheider. Irgendetwas stimmte nicht.
Jetzt hatte er die Wirtschaft erreicht, und als der Limmer Georg an den Traktor herantrat, kippte der Wegscheider über das Lenkrad. Und da sah der Limmer, dass der Martl aus mehreren Kopfwunden blutete, und auf den Handrücken hatten sich dunkle, blutunterlaufene Flecken gebildet. Dem Limmer wurde ganz anders.
»He! Luk! Maria! Schnell, helft’s mir. Der Wegscheider blutet wie a abg’stoch’ne Sau.« Und während er den Wegscheider festhielt, wartete er auf Verstärkung.
»Ja um Gott’s will’n, Martl! Lebst denn überhaupts no«, kreischte die Maria, und mit Hilfe des Lukas hob der Limmer den Martl vom Fahrersitz. Er war bewusstlos, über sein blasses Gesicht rannen kleine Blutbäche, seine Haare waren verklebt. Behutsam legten sie ihn auf einen Diwan im Nebenzimmer. Die Maria holte eine Schüssel mit warmem Wasser und ein sauberes Tuch, wusch dem verletzten Martl das Gesicht ab und reinigte seine Kopfwunden.
Jetzt kam wieder Leben in das ausgemergelte Bauerngesicht. Der Wegscheider schlug die Augen auf, und das Erste, was er sagte, war: »Kruzefix, Kruzefix.«
»So schlimm kann’s net sei. Er fluacht ja scho wieda«, sagte die Maria erleichtert. Auch wenn sie ihren Bruder sonst wegen seiner derben Flüche oft zur Ordnung rief, jetzt war sie froh drum, dass er sein Maul überhaupt wieder aufmachte.
»Was is ’n passiert, Martl?« wollte der Luk wissen.
Der Wegscheider verzog sein Gesicht, fasste sich mit den Händen ganz vorsichtig an seine malträtierte Kopfschwarte und jammerte:
»Mei oh mei. Der Huren-Hagel hat mi dawischt. Bevor i vo meim Traktor obakemma bi, hat’s mi vo ob’n dawischt. Als ob’s mia an Sack Stoana auf ’n Schädl schmeiß’n, genau so war’s.«
Der Lukas lud seinen Onkel gleich ins Auto und fuhr mit ihm nach Miesbach zum Doktor Hochbichler. Der zählte fünf Treffer und flickte mit ebenso vielen Nähten den zerschundenen Schädel wieder zusammen. Dann verordnete er dem Wegscheider strenge Bettruhe, weil er auch eine leichte Gehirnerschütterung abbekommen hatte, und entließ ihn mit den besten Wünschen für eine schmerzfreie Nacht.
Doch der Martl wäre keiner derer von Wegscheid gewesen, wenn er sich nach diesem Erlebnis folgsam ins Bett gelegt hätte; vielmehr verordnete er sich seine eigene Kur, und zwar im Spechtinger Wirtshaus. Wenigstens zwei doppelte Obstler schienen ihm nach all der Aufregung angebracht. Dann ging er zum gemütlichen Teil über und bestellte ein Bier und eine anständige Brotzeit. Auf seinem Kopf leuchtete ein blütenweißer Verband, und als ihm die Maria einen Teller mit vier dampfenden Regensburgern und Kraut hinschob und dabei mit derber, aber aufrichtiger Geschwisterliebe sagte: »Da friss, dass d’ was wirst. Nix bist ja scho«, da lächelte der Martl, obwohl sein Schädel höllisch wehtat. Auch seine von den Hagelkörnern malträtierten Hände konnte er nicht mit dem Geschick gebrauchen, das beim Abhäuten der dicken Würste vonnöten gewesen wäre. So zog Maria für ihn die Wursthaut ab, schnitt kleine, mundgerechte Stücke, und der Martl saß da wie ein Kind, das ungeduldig auf die Fütterung wartet.
Der Regen hatte nachgelassen, auf der Straße und in den Wiesen schmolzen die Hagelkörner, und im Westen leuchtete die Sonne blutrot über die grünen Hügel.
Plötzlich stach ein wild gezackter Blitz aus einer der letzten schwarzen Wolken. Im Wirtshaus erschraken alle, weil das Gewitter längst vorbei zu sein schien. Es war, als hätte irgendjemand aus Versehen auf einen falschen Knopf gedrückt. Und nur einen Wimpernschlag später dröhnte ein furchtbarer Schlag in die Stille. Die Dorfstraße, die bis hinauf zur Kirche führte, wurde mit diesem letzten Donner in ein grelles, unnatürliches Licht getaucht. In der immer noch feuchten Luft waberten Flammen, schlugen immer höher auf und wurden rot. Ein Hof brannte.
Die Leute in der Wirtschaft stürzten ans Fenster. Auch wenn der Wegscheider es nicht herausgebrüllt hätte, der Limmer Georg sah selbst, wo der Blitz eingeschlagen hatte.
»Mein Hof brennt!«, schrie er wie von Sinnen. Und vom Fenster der Wirtschaft aus drang ihm der Feuerschein wie die Weißglut von Lava in die Augen. Er presste sein Gesicht gegen die kühle Scheibe und krallte sich mit beiden Händen an den Vorhängen fest.
»Bei mir brennt’s«, schrie er noch mal und merkte nicht, dass alle anderen bereits ins Freie gestürzt waren. Wie gelähmt hing er an den Vorhängen, und ruckweise platzte eine Schlaufe nach der anderen von der Vorhangstange. Er war wie hypnotisiert. Sterne und flammende Kreise tanzten vor seinen Augen, er spürte, wie alle Kraft aus seinen Beinen wich, ohne dass er es hätte verhindern können.
»Mein Hof brennt, jetzt ist alles aus«, flüsterte er. Er hätte gerne weiter geschrien, aber es reichte nur noch zu einem kläglichen Wimmern.
Plötzlich packte ihn jemand am Arm. Es war der Lukas, sein bester Freund:
»Girgl! Herrgott, Girgl! Komm schnell! Dei Viech muaß außa!«
Und wie geistesabwesend stammelte der Limmer Georg:
»Ja freilich. Das Vieh. Das Vieh muss raus.«
Der Luk zerrte ihn die Dorfstraße hinauf, und der Limmer stolperte, stürzte, rappelte sich mit der Hilfe seines Freundes wieder auf und keuchte: »Das Vieh! Es verbrennt! Die Rösser! Der Stier! Sie verbrennen!« Der Lehmann Hubs, Maschinist der Feuerwehr, hatte bereits den kleinen Spritzenwagen aus der Garage gezogen und hinter den Traktor gekoppelt. Bald schoss aus zwei Schläuchen Wasser in die knatternden Flammen. Das Wohnhaus, auf das der Limmer immer so stolz gewesen war, weil es das älteste im Dorf und ganz aus Holz gebaut war, stürzte krachend zusammen. Die 300 Jahre alten Balken brannten wie Zunder. Vom rückwärtigen Teil des Gebäudes aus, wo im Untergeschoss das Vieh untergebracht war, und oben von der Tenne, wo das Heu lagerte, versuchten der Wegscheider, der Wirt und noch ein paar Männer, in den Stall einzudringen. Aber auch die hölzerne Stalldecke hatte bereits Feuer gefangen. Als der Limmer das sah und ihm die Todesschreie der Tiere durch Mark und Bein drangen, versuchte er, wie von Sinnen, in den Stall zu gelangen. Durch die Stallfenster zuckte wilder Feuerschein. Herabstürzendes Gebälk hatte bereits die Streu der Tiere in Brand gesteckt.
»Meine Rösser! Mein Stier! Ich muss meine Rösser rausholen. Lasst mich los!« Doch sechs kräftige Männerarme hielten ihn zurück. Hätten sie ihn losgelassen, er wäre mit seinem Vieh umgekommen.
»Girgl! Girgl! Hör doch zu. Es is z’ spät. Da is nix mehr zum Rett’n«, sagte der Lukas, und seine Stimme krächzte von der unheimlichen Hitze; wie mit einem Schraubstock umklammerte er den Limmer, dessen Atem stoßweise und rasselnd ging. Das Brüllen des Viehs, die messerspitzen Schreie der sterbenden Schafe waren nur noch vereinzelt zu hören.
Inzwischen waren aus der Nachbarschaft immer mehr Feuerwehren eingetroffen. Die meisten fanden, dass es nicht mehr dafür stand, die Schläuche auszurollen. Nachbargebäude waren nicht gefährdet, und beim Limmer war nichts mehr zu retten.
Plötzlich aber kam das Entsetzen wieder. Krachend flog die Stalltüre aus den schmiedeeisernen Angeln, und wie ein böser Geist, von Flammen und Qualm eingehüllt, stürzte der Stier ins Freie. Feuerwehrleute flogen zur Seite, und mit einem entsetzlichen Brüllen, gepeinigt von furchtbaren Schmerzen, verfolgt von den Angstschreien der Helfer, rannte der Stier über die Dorfstraße, stürzte, rappelte sich mit letzter Kraft wieder auf und stampfte weiter. Ein Horn war abgerissen, und aus dem Stumpf baumelte zentimeterlang das blutende »Leben«. Die Kette, Sekunden zuvor noch fast glühend, war abgerissen und hatte dem Tier um den mächtigen Nacken das Fleisch verbrannt. Das Fell war verkohlt, und die Schnauze mit dem Ring mittendrin war unter der unsäglichen Hitze auf die Hälfte geschrumpft.
Als der Limmer das sah, befreite er sich blitzschnell aus der Umklammerung der Männer und fegte hinter dem brüllenden Koloss her.
»Rocker! Rocker! Bleib da! Ich komm doch! Bleib doch da. Es wird doch alles wieder gut!«, krächzte er, und seine Kehle brannte wie Feuer. Nichts wurde gut. Es war aus und vorbei. Nur wenige Meter von der Friedhofsmauer entfernt war der Stier zusammengebrochen und schaffte es nicht mehr, seine zerschundenen 650 Kilo auf die Beine zu bringen. Er war schon so gut wie tot und zum Brüllen zu schwach. Er wimmerte wie ein junger Hund. Jetzt war der Limmer Georg bei ihm, kniete sich nieder und streichelte den mächtigen Schädel, der unter den schrecklichen Qualen kaum spürbar zuckte.
»Ich weiß, Rocker, ich bin schuld. Wär ich daheim geblieb’n und nicht beim Wirt verhockt, wär alles gut geworden. Ich bin schuld, ich weiß.« Während er so auf den Stier einredete, liebkoste der Limmer unablässig dessen mächtige Stirn, die glatt und kahl und verbrannt war.
Inzwischen hatten sich Feuerwehrleute mit Scheinwerfern um die beiden geschart, und die Lichtkegel der Lampen beleuchteten ein gespenstisches Bild. Keiner sprach ein Wort, nur das Prasseln des Feuers war zu hören. Da drängte sich ein junger Mann mit Feuerwehrhelm und rußverschmiertem Gesicht durch die Menge. Es war der Höck Klausi, der Spechtinger Jäger. In der Rechten hielt er einen großkalibrigen Revolver. Er beugte sich zum Limmer Georg hinunter, klopfte ihm behutsam auf die Schulter und sagte ganz leise: »Geh weg, Girgl. I mach Schluss. ’s is besser für dös arme Viech.«
Der Limmer sah durch seine Tränen hindurch nur verschwommen den Revolver, dessen Lauf auf den Schädel des Stiers gerichtet war, sah die rußigen Gesichter der Feuerwehrleute, die stumm im Halbkreis standen. Auch er fand, dass es so wohl das Beste sei. Er erhob sich, blickte den Jäger eine Weile stumm an und sagte: »Recht hast, Klausi. Aber lass es mich mach’n. Er ist mein Stier, und i bin schuld, dass das alles passiert ist.«
Dann nahm er den Revolver, setzte den Lauf mitten auf die wuchtige Stirn und drückte ab. Noch einmal lief ein Zittern durch den mächtigen Körper, die Augen des Stiers wurden ganz groß. Er war tot.
Der Limmer gab dem Höck Klausi den Revolver zurück und ging ganz langsam zu seinem Hof hinüber, vielmehr zu dem, was davon übrig geblieben war. Nur noch vereinzelt züngelten Flammen aus den Trümmern. Die Feuerwehren aus der Nachbarschaft zogen nach und nach ab, und nur die Männer der Spechtinger Wehr hielten Brandwache und begannen mit den Aufräumungsarbeiten.
In dem eingestürzten Stall bot sich ein grauenhaftes Bild. Zwischen qualmenden Trümmern hingen die verkohlten Kadaver der sechs Kühe an ihren Ketten, die zehn Schafe lagen kreuz und quer übereinander, daneben Anna, die Ziege. Auch Max und Moritz, die beiden Haflinger, waren qualvoll verendet. Als der Lehmann Hubs die fünf toten Schweine sah, sagte er zum Limmer: »Schad drum. Die hätt’n in meiner Räucherkammer besser ausg’schaugt.« Doch der Limmer hörte gar nicht zu; er tastete sich wie ein Schlafwandler weiter zum Wohnhaus. Der gesamte Hausrat war verbrannt. Die kleine Schreibmaschine, ein Relikt aus seiner Zeit als Werbemann, lag inmitten verkohlter Bücher. Eins davon war halbwegs unbeschädigt geblieben. Der Limmer hob es auf und las, was auf der Titelseite stand: »Zuchtvorschläge für oberbayerisches Fleckvieh«. Er lachte bitter und schleuderte das Buch weit von sich.
So also sah das Ende aus. Er besaß nichts mehr, bis auf die paar Klamotten, die er am Leib trug. Ihm wurde übel, und er erbrach sich. Was vom Feuer halbwegs verschont geblieben war, hatte das Wasser aus den Feuerwehrschläuchen vernichtet. Er stapfte weiter durch die Trümmer, bis zu den Überresten seines kleinen Musikzimmers. Mittendrin stand das Klavier; es sah schlimm aus, ein paar Saiten waren infolge der Hitze gerissen. Er öffnete den Deckel und schlug ein paar Tasten an. Es klang, wie wenn Steine in einen Blecheimer plumpsten. Resigniert und mit einem Gefühl abgrundtiefer Leere klappte er den Deckel ganz vorsichtig zu, so als wolle er verhüten, dass noch mehr zerstört wurde.
Der Limmer Georg legte sich ins nasse Gras, verschränkte die Hände unterm Kopf und schaute hinauf. Über dem Dorf wölbte sich der funkelnde Sternenhimmel, unübersehbar wie immer, wenn der Sommer es gut meinte. Wäre der Brandgeruch nicht gewesen, der Limmer hätte glauben mögen, alles sei wie zuvor. Bis an sein Lebensende hätte er so daliegen können. Die Leere in ihm begann sich allmählich wieder mit Gedanken, Überlegungen und Plänen zu füllen. Der Schmerz wich mehr und mehr einem flauen Gefühl im Magen.
Georg Limmer riss sich von den Sternen los und erhob sich aus dem feuchten Gras. Es überraschte ihn, dass er wieder in der Lage war, an Naheliegendes zu denken. Für die nächsten Wochen, wahrscheinlich sogar für Monate, musste er bei einem Bauern Unterschlupf finden. Ein Zimmer würde genügen, mehr brauchte er nicht.
Da stand plötzlich der Höck Lukas neben ihm. Er hatte sich eine Zigarette angezündet, und in der Rechten hielt er eine halb leere Flasche Bier.
»Girgl, die nächste Zeit kannst bei uns dahoam haus’n. Du kriagst der Großmutter sein Zimmer. Da steht a Bett drin und a Schrank, und a Waschbeck’n is a no da.«
Der GroßmutterseinZimmer! Seit er im Dorf lebte, hatte er sich nicht daran gewöhnen können, dass die Bauern die Grammatik nachgerade sträflich vereinfachten. Und vor besitzanzeigenden Fürwörtern hatten sie keinen Respekt.
»Der GroßmutterihrZimmer«, korrigierte der Limmer, was er noch nie zuvor getan hatte. Er war einfach zu müde, und etwas anderes fiel ihm im Moment nicht ein.
»Für di wird dös schön egal sein, ob’st in der Großmutterseinoder inihr’mZimmer schläfst«, muffelte der Luk.
»Hast recht, Luk. Ich hab’s auch nicht bös gemeint. Und i dank dir«, sagte der Girgl.
Die beiden Freunde gingen zur Wirtschaft hinüber. Der Luk führte den Girgl ins obere Stockwerk und zeigte ihm sein Zimmer. Es war klein, aber blitzsauber. Das Bett war für mögliche Besuche immer frisch überzogen, am Kopfende hing ein Kruzifix an der Wand, und auf einem kleinen Tisch steckten in einer Vase bunte Strohblumen.
»Schön ist es da«, sagte der Limmer nur. Der Luk wünschte ihm eine gute Nacht und ging hinaus.
Der Limmer Georg rückte den Stuhl ans Fenster und starrte in die sternklare Nacht hinaus.
Als im Haus alles ruhig war, schlich der Girgl die Treppen hinunter, nahm den Weg durch den Stall, in dem nur das monotone Schnaufen der Kühe und Kälber zu hören war, und ging die Dorfstraße hinauf. Der Geruch von Brand und kaltem Rauch wurde immer stärker, je mehr er sich seinem Hof näherte.
Als ob eine unsichtbare Hand die seine gepackt hätte, zog es den Limmer wieder da hin, wo er für ein paar Jahre ein bisschen Glück gefunden hatte. Ganz vorsichtig stieg er über Gerümpel und verkohlte Balken. Das tote Vieh war inzwischen in die Abdeckerei gebracht worden, aber das Klavier stand immer noch da, wo er es vor sieben Jahren, als er ins Dorf gekommen war, hingestellt hatte. Der kleine Drehsessel war verbrannt und nicht mehr zu gebrauchen. Der Limmer stellte zwei Kisten übereinander, setzte sich vor das Klavier, öffnete den Deckel und versuchte, mit einem Taschentuch und Spucke die verrußten Elfenbeintasten zu reinigen. Er fühlte sich wie in einer Kirche ohne Dach, und als er nach oben sah, zogen die schwarzen, verkohlten Balken und Sparren kleine Rechtecke in den sternklaren Himmel. Der Limmer schlug einen Akkord an. Er klang schaurig verstimmt, aber wider Erwarten waren nur einige ganz dünne Saiten gerissen. Also klimperte er einfach eine Oktave tiefer.
Am nächsten Morgen schien es so, als sei nichts geschehen. Es war hochsommerlich warm. Der Limmer schlief fast bis zehn Uhr. Als er nach dem Aufwachen ein Auge riskierte und sich erst besinnen musste, weshalb er in einem fremden Bett lag, entdeckte er auf dem Stuhl neben dem Waschbecken ein Bündel frischer Kleider, ein paar Jeans, Unterwäsche und ein Hemd mit den Ausmaßen eines Zeltes. Es war ihm schleierhaft, wo die Höcks solche Übergrößen auftrieben. Freilich, auch der Limmer war mit 100 Kilo nicht gerade von körperlichem Zerfall bedroht, aber der Eigner dieser Klamotten musste ein Bär von Kerl sein. Und da kannte er eigentlich nur einen: den Grabner Karl aus Bergham. Der Limmer kleidete sich an und fand, dass er eigentlich doch sehr schlank war. Das karierte Flanellhemd wehte ihm bei der kleinsten Bewegung wie ein Windsack um die Rippen, von der Hose ganz zu schweigen. Er klatschte sich eine Hand voll Wasser ins Gesicht, steckte sich in Ermangelung einer Zahnbürste ein Pfefferminz in den Mund, das auf dem Tisch lag und möglicherweise noch aus der Zeit der Höck Theres stammte. Dann ging er hinunter in die Wirtsstube.
Am Stammtisch saß der Grabner Karl, breitschultrig, rotbackig; aus den viel zu kurzen Ärmeln des einstmals weißen T-Shirts mit der Aufschrift »Landwirtschaft tut Not« quollen zwei unheimliche Arme, stark wie Abschleppstangen. Der Grabner begrüßte den Limmer mit dröhnendem Gelächter.
»Ja Girgl! Elegant, elegant. Endlich schaugst was gleich.«
»Solang ich bloß deine Klamotten anhab und dir sonst nicht auch noch ähnlich werd, geht’s ja noch«, gab der Girgl mürrisch zurück. »Aber trotzdem: Dank schön für die Hos’n und das Hemd.«
Der Höck Lukas war gerade mit der Stallarbeit fertig und setzte sich zu den beiden an den Tisch. Der Limmer trank noch schnell eine Tasse Kaffee, die ihm die Wirtin hingestellt hatte, und verschlang auf drei Mal eine Wurstsemmel. Dann stand er auf und sagte zu seinen beiden Freunden: »Wollt’s euch noch mal den Hof vom Georg Limmer anschaun, oder vielmehr das, was noch übrig ist?«
Er verließ die Wirtschaft, barfuß, weil es warm war, und seinen Körper umwehte die geborgte Kleidung. Der Luk und der Grabner folgten ihm. Erst jetzt, im gleißenden Licht der Sonne, wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich. Nichts, aber auch nichts war mehr zu gebrauchen.
»Ja Girgl, da wirst di wohl um an andern Beruf umschaug’n müass’n. Zum Reparier’n gibt’s da nix mehr«, sagte der Grabner, und obwohl es nur so dahergeredet war, traf es den Nagel auf den Kopf.
Als die drei den Stadel erreicht hatten, der hinter dem Stall in einiger Entfernung vom Hof stand, begann der Limmer Georg dennoch neue Hoffnung zu schöpfen. Das Gebäude war nahezu unversehrt geblieben, weil sich der Wind im rechten Moment gedreht hatte. Der kleine Traktor, der Ladewagen, ein Kreiselmäher und der Heuwender waren nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, ebenso wenig wie Limmers Auto, ein Anhänger und weiteres landwirtschaftliches Gerät. Ein anderer Umstand jedoch, den der Limmer Georg bislang ganz außer Acht gelassen hatte, machte ihm plötzlich große Sorgen. Der Hof war nicht sein Eigentum. Er war nur der Pächter, die Versicherung würde ihm lediglich seinen persönlichen Besitz, sein Vieh und das Mobiliar ersetzen. Die Kosten für den Wiederaufbau des Gebäudes jedoch bekäme der Besitzer ausbezahlt. Es war ein gewisser Andreas Bierbichler, der schon vor 15 Jahren die Landwirtschaft aufgegeben und, obwohl damals erst 45 Jahre alt, mit dem Erlös seiner Grundstücksverkäufe eine Eigentumswohnung in München erstanden hatte, um das Dasein eines Frührentners zu genießen. Es schien unwahrscheinlich, dass dieser Mensch, der zur Landwirtschaft ein Verhältnis hatte wie die Kuh zum Metzger, den zu erwartenden Versicherungsbetrag in einen neuen Hof investieren würde. So wie er den Bierbichler einschätzte, rieb sich der vergnügt die Hände und träumte von einem schmucken Zweifamilienhäuschen, das dem alten Gierhals das Vielfache an Mietzins einbringen würde. Eine schöne Scheiße war das. Nur im Landratsamt wäre eine verbindliche Auskunft zu bekommen, meinte der Limmer. Darüber konnte der Grabner nur grinsen.
»Mei, Girgl, bist du naiv. Im Landratsamt sag’ns dir bloß oans verbindlich: Dass dei Landwirtschaft kaputt ist und dass da wieda a neu’s Haus hin muaß. Was für a Haus da wieda hin muss, sagt dene scho da Bierbichler. Dös is sei’ Grund und Bod’n, und auf dem ko er notfalls an Puff bau’n. Hauptsach’, die Nutt’n ham a Dach überm Kopf.«
Der Limmer wollte sich jedoch Gewissheit verschaffen. Und zwar in der Kreisstadt, beim Kreisbaumeister. Doch dazu kam er nicht mehr, denn im selben Moment rollte eine blütenweiße Limousine auf den Hof, ein Mercedes. Der Frührentner Andreas Bierbichler, vom Nichtstun feist geworden, quälte sich ächzend aus den lindgrünen Veloursitzen, stemmte seine kurzen Arme in die überquellenden Hüften, schüttelte den Kopf und wackelte auf den Limmer zu.
»Guten Morgen, Limmer. Sieht schlecht aus, was? Hat jemand a bissl warm abgebrochen?« Warm abbrechen – so heißt Brandstiftung auf Bayerisch. Der Limmer musste sich gehörig zusammenreißen, um dem schwitzenden Bierbichler nicht eine aufs Maul zu geben.
»Der Blitz war’s, Herr Bierbichler«, entgegnete der Limmer, wobei die besondere Betonung auf »Herr« lag. »Und was passiert jetzt?«
»Was soll schon passieren? Die Versicherung bezahlt den Schaden, und du kriegst einen neuen Bauernhof. So einfach geht das.« Der Limmer glaubte zu träumen. Irgendwie ging ihm das alles zu glatt. Andererseits hatte er mit dem Bierbichler noch einen Pachtvertrag für die nächsten 8 Jahre. Aber was, wenn dieser Pachtvertrag vorzeitig endete, zum Beispiel durch »höhere Gewalt«; und ein Blitzschlag kam unzweifelhaft von ganz oben. Der Limmer wurde unsicher, da er nicht im Vertrag nachschauen konnte, weil der auch verbrannt war.
Andreas Bierbichler war die Verschlagenheit in Person. Das wusste der Limmer, davor hatten ihn auch der Grabner und der Höck schon damals gewarnt, als er den Pachtvertrag unterschrieben hatte. Der Kerl führte meistens Übles im Schilde, und wenn er auch im Überschwang ab und an zum Umarmen neigte, musste man stets gewärtig sein, von ihm ein Messer ins Kreuz zu bekommen.
»Kommt’s mit. Ich möcht euch zu einem Schnaps einladen«, grinste der Bierbichler und legte dem Limmer und dem Höck leutselig seine Arme um die Schultern. Der Grabner stapfte hinterher; auch ihm war nicht ganz wohl bei der Sache. Der Bursche gab doch nur einen Schnaps aus, wenn er mindestens eine ganze Brennerei erschwindelt hatte.
Der Bierbichler blieb zum Glück nicht lange im Dorf. Für den nächsten Tag kündigte er eine Firma an, die er mit den Aufräumungsarbeiten beauftragt hatte. Woher wusste der überhaupt so schnell, so fragte sich der Limmer, dass der Hof abgebrannt war? Der Wurmdobler Xaver, der größte Bauer im Dorf, hätte es ihm schon erklären können. Denn der hatte den Bierbichler noch in der Nacht angerufen. Seit ihrer Kindheit steckten die beiden unter einer Decke, und das war auch so geblieben, seit der Bierbichler in München wohnte. Und was der Wurmdobler und der Bierbichler im Schilde führten – davon hatte der Limmer keine Ahnung.
Am Abend kaufte er bei der Höck Maria eine Flasche Obstler und verkroch sich in sein kleines Zimmer. Er hatte den Entschluss gefasst, sich zu besaufen. Heute brauchte er etwas, um wieder Klarheit zu schaffen. Heute wollte er einfach so tun, als hätte er, Georg Limmer, einen Grund zum Feiern, auch wenn er noch keinen erkennen konnte. Er zog den Stuhl zum Fenster, weil er sehen wollte, wie die Sonne unterging, und kippte den Vierzigprozentigen in sich hinein. Er fühlte sich, als hätte er Flügel, und dachte an die Zeit vor sieben Jahren, als er ins Dorf gekommen war und als alles angefangen hatte.
Georg Limmer, seit fünf Jahren »zu aller Zufriedenheit« Werbemann in der Münchner Agentur Schippel & Geibs, nahm seinen sauer verdienten Urlaub. Ihm hing so ziemlich alles zum Hals heraus: die Werbesprüche zu überflüssigen Produkten, die zynischen Chefs und Kollegen, das feine Hochhaus, in dem er mit unzähligen freudlosen, graugesichtigen Nachbarn wohnte. Das alles hatte Georg Limmer mehr als satt. Seit längerem schon suchte er nach etwas Neuem, ohne recht zu wissen, was und wo.
Kurz nach sieben Uhr setzte er sich ins Auto und fuhr auf der Autobahn Salzburg nach Süden, ohne bestimmtes Ziel. Er wollte nur raus aus der Stadt, wollte irgendwo auf einer Wiese oder in einem Dorfgasthaus seine Situation überdenken, sich ordnen, einen Schlachtplan für die Zukunft entwerfen. So konnte er nicht weiterleben. Er fühlte sich leer und ausgehöhlt. Es musste etwas passieren.
Nach einer halben Stunde Fahrt bog er von der Autobahn ab, Richtung Tegernsee.
Es war Mai, und durch die sonnenüberfluteten Wiesen ratterten Traktoren zum ersten saftigen Schnitt. Rote, schwitzende Bauernschädel leuchteten in dem wogenden Grün wie Farbkleckse. Georg Limmer fuhr durch kleine Ortschaften: Ginding, Machtlfing, Hundham, Seiding. Und dann Spechting. Ein Dutzend Bauernhöfe, das spitztürmige Kirchlein mit dem Friedhof auf der Sonnenseite, am Ortsende das Wirtshaus – nicht mehr. Dahinter wuchs das Feigenbergl wie ein Kamelhöcker aus den sanft geschwungenen Matten der Wiesen. Und ganz oben auf dem Feigenbergl stand eine uralte Eiche, deren knorrige Äste wie riesige Finger in den blauen Himmel stachen.
Der Wurmdobler Xaver und der Strunzbichler Max, zwei Bauern aus dem Dorf, hatten soeben ihre »Zwischendurch-Halbe« mit einem kräftigen Schluck geleert, bezahlten und traten aus dem Wirtshaus just in dem Moment, als der Limmer Georg seinen altersschwachen Volvo vor dem Gasthof parkte.
»Grüß Gott«, sagte der Limmer, wie sich das gehörte.
»Grüaß di«, brummelten die beiden Bauern im Chor. Das Du hatte keineswegs etwas Leutseliges oder gar Freundschaftliches an sich. Jedermann zu duzen war in derlei Dörfern gang und gäbe, und nicht einmal der Bürgermeister, der Pfarrer oder der Landrat konnten mit einem respektvollen Sie rechnen. Im Dorf und rundherum waren alle gleich – auch wenn ein paar ein bisschen »gleicher« waren.
Der Limmer öffnete gerade die Wirtshaustüre, als der Wurmdobler hinterher röhrte: »He! Du! Kimm amoi her!«
Der Limmer ging verwundert zu seinem Auto zurück, weil der Bauer ganz offensichtlich ihn gemeint hatte.
Die beiden Männer standen am Heck des Wagens und stützten ihre kräftigen, braun gebrannten Arme auf den Kofferraumdeckel, der sich unter der Last kaum merklich nach innen bog. Wie zwei Kinder standen sie da, die zum ersten Mal eine elektrische Eisenbahn im Schaufenster eines Spielwarengeschäfts entdeckten.
»Was gibt’s denn?«, fragte der Limmer, und ganz wohl war ihm nicht.
»Bist aus München?«, forschte der Wurmdobler Xaver.
»Ja«, antwortete der Limmer.
»A stabil’s Auto hast«, sagte der Strunzbichler Max.
»Ich bin zufrieden«, erwiderte der Limmer.
»Schwedisch«, stellte der Wurmdobler fest.
»Ja, schwedisch«, sagte der Limmer.
Jetzt richtete sich der Wurmdobler Xaver auf, stemmte seine schweren Fäuste in die Hüften und legte seine sonnenverbrannte Stirn in Falten.
»Aber den rot’n Hundling mög’n mia bei uns fei net«, maulte er aufgebracht und deutete mit seinem rechten Zeigefinger, an dem der Nagel fehlte, auf einen Aufkleber an der Heckscheibe des Autos. Er zeigte den sozialdemokratischen Kanzler, und weil die Bundestagswahlen bevorstanden, hatte der Limmer seine Gesinnung ans Fenster geklebt.
»Jetzt kemman dia rot’n Lump’n scho bis zu uns. Na, na, na! Kommunist’n-Bande, traurige!«
Und fast gleichzeitig drehten sich der Wurmdobler und der Strunzbichler um und gingen laut schimpfend die Dorfstraße hinauf.
Der Limmer sah den beiden nach, und aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er, wie die Wirtin hinterm Küchenfenster stand und feixte. Das waren sie also, die Getreuen des großen Zampano »FJS«, und jeder, der ihm nicht den Hof machte, war ein Kommunist – Punktum. Der Limmer ging kopfschüttelnd ins Wirtshaus.
Er setzte sich an einen kleinen Ecktisch neben dem Kachelofen und wartete geduldig, bis die Wirtin kam. Es dauerte nicht lange, und während sie ihre fettigen Finger an der Schürze abwischte, setzte sie ein gewinnendes Lächeln auf. Sie war eine kräftige Frau um die fünfzig, mit grauen Strähnen im Haar und roten, saftigen Wangen. Ihre grauen Augen strahlten listig.
»Grüß Gott, der Herr. Was mag er denn?«, erkundigte sich die Höck Maria. Sie bediente sich der dritten Person als Anrede, gleichsam als unverfänglichem Kompromiss zwischen dem ortsüblichen Du und dem städtischen Sie. Den Limmer belustigte das, und um nicht aus dem Rahmen zu fallen, bestellte er: »Dann bring Sie mir halt bittschön ein Weißbier und eine Portion Leberkäs.«
Die Wirtin nickte zufrieden, ohne am verqueren Deutsch des Gastes Anstoß zu nehmen, und wiederholte der Sicherheit halber: »’s is’ recht. A Weißbier und an Leberkas.«
Bevor sie in die Kuchl ging, drehte sie sich noch einmal um und strahlte den Limmer an:
»Dös was der Wurmdobler g’sagt hat, derfst net so ernst nehma. Der is und bleibt a ung’hobelter Klotz. Und außerdem hat er dös net so g’moant.«
»So, so«, sagte der Limmer und tat interessiert. »Wie hat er’s denn gemeint?«
»Ja, wia er’s genau gmoant hat, woaß i freili net. Aba so wia er’s g’sagt hat, bestimmt net«, erwiderte die Wirtin, und ganz wohl war ihr in ihrer Haut offensichtlich nicht.
Der Limmer blieb eine Stunde, aß und trank und beobachtete durchs Fenster ein paar Handwerker, die gleich gegenüber an einem alten Bauernhof herumbastelten. Der Limmer schätzte das Haus auf gut 200 Jahre, und bevor er das Wirtshaus verließ, fragte er beiläufig: »Der Hof da drüben wird sicher modernisiert?«
Die Höck Maria ging zum Fenster und schüttelte den Kopf:
»Da wird nix modernisiert. Da wird renoviert. Dem wo der Hof g’hört, der is scho lang koa Bauer mehr. Der hat sein’ Grund verkauft und verpacht, privatisiert in da Stadt und möcht’ auch den Hof verpachten. Aba no hat er koan Damisch’n g’fund’n, der wo eahm in die oide Hütt’n einageht.«
Der Limmer war mit seinen Gedanken plötzlich ganz weit weg. Sie kreisten um das Hochhaus, in dem er wohnte, um das Büro, in dem er seit fünf Jahren muffige Luft atmete, und um seine Zukunft, die plötzlich begann, Gestalt anzunehmen.
Er bezahlte, und im Hinausgehen fragte er die Höck Maria: »Wie heißt er denn, der Besitzer?«
»Andreas Bierbichler hoaßt der Lump. Und wohna tuat er in Minga.«
In München also. Das traf sich gut.
Der Limmer Georg fuhr gleich nach Hause, dann mit dem Lift in den 13. Stock, wo es wieder nach Chlor und Gebratenem roch, betrat Nr. 1326 und suchte im Telefonbuch einen gewissen Andreas Bierbichler. Es gab deren fünf, und so beschloss er kurzerhand, notfalls alle Nummern durchzuwählen. Beim dritten Versuch war er an der richtigen Adresse. Das Haus sei noch zu haben, hieß es, und am gescheitesten sei es wohl, wenn man sich gleich treffen könnte. Der Limmer zog sich ein frisches Hemd an und band sich eine Krawatte um, für alle Fälle.
Nach 20 Minuten Fahrt erreichte er die angegebene Straße, und alles war wie überall in der Großstadt: Kinderspielplätze, von Hochhäusern eingepfercht; Kinder, die auf der Straße Fußball spielten, weil die Spielplätze nur für die Kleinsten da waren; Wäsche, die hoch oben auf winzigen Balkonen flatterte, umweht von den Abgasen der Autos. Endlose Klingelreihen an grauem, freudlosem Beton. Hier also wohnte der Ex-Bauer Andreas Bierbichler, und zwar im 15. Stock. Höher ging’s nicht mehr. Da wohnten die feinen Leute in Eigentumswohnungen mit Dachgarten. Der Lift summte nach oben. Es roch nach Lavendel. »Wenigstens riecht es nicht nach Chlor und Schaschlik«, dachte der Limmer Georg und betrat einen giftgrünen, hochflorigen Teppichboden. Andreas Bierbichler wohnte gleich gegenüber dem Lift. Georg Limmer klingelte, ein exotischer, fernöstlicher Gong ertönte.
Als die Türe geöffnet wurde, kam in Georg Limmer für einen Moment der Verdacht auf, dass er sich in der Adresse geirrt hatte. Vor ihm stand ein Paradiesvogel von Mann, gut einen Kopf kleiner als er, mit geöltem, dunklem Haar und bis zu den Backenknochen reichenden Koteletten. Er mochte knappe fünfzig Jahre alt sein. Um seinen Kugelbauch spannte sich ein leuchtendes Buschhemd mit Kolibris, Palmen und Orang-Utans drauf. Die mächtigen Oberarme drohten jeden Moment die kurzen Hemdsärmel zu sprengen; am linken Unterarm baumelte eine goldene Kette mit den eingravierten Initialen, und am rechten Handgelenk blitzte eine »Rolex«. Die kurzen, fleischigen Beine steckten in lila Hosen, und eine mächtige silberne Gürtelschnalle, gleichfalls mit Initialen, hinderte den Kugelbauch, noch weiter abzurutschen. Auf der entblößten, behaarten Brust baumelte ein Maria-Theresien-Taler an einer dicken Kette, deren Verschluss sich irgendwo in den fetten Wülsten des Halses versteckte. Die Füße steckten in hochhackigen schwarzen Lack-Stiefeletten, was Herrn Bierbichler etwa zehn Zentimeter größer machte. Kaum zu glauben, dass dieser Mann einmal Landwirt gewesen war.
»Sie sind bestimmt Herr Limmer«, lachte der Paradiesvogel und streckte Georg die Rechte entgegen, an der ein Brillant funkelte.
Das Wohnzimmer war geräumig und ähnelte mehr einem exotischen Treibhaus als einer Wohnstätte. Überall Palmen und tropische Topfpflanzen. Figuren aus China und Indien, Blasrohre von Amazonas-Indianern und mitten im Zimmer eine weiße Voliere, gut zwei Meter hoch und ebenso viel im Durchmesser. Darin schwätzten auf einer mit Goldbronze gestrichenen Schaukel zwei weiße Kakadus dummes Zeug.
»Setz’n S’ Eahna hi, wo S’ wolln«, forderte Herr Bierbichler seinen Gast auf. Wenigstens ist er noch Bayer, dachte der Limmer und versank in einem türkisgrünen, flauschigen Diwan. Draußen auf dem Dachgarten döste ein dürrer Windhund in der Hollywoodschaukel und nahm von nichts Notiz.
Andreas Bierbichler ließ sich schwer in einen ledernen Ohrensessel fallen, besann sich dann aber eines anderen und wuchtete sich ächzend zwischen den beiden klobigen Armlehnen wieder hoch.
»Was woll’ S’ trink’n? Tee, Kaffee, Wein, Bier, Scotch, Bourbon, Gin oda bloß an Saft?«
»Einen Saft bitte«, sagte Limmer artig, und während der Bauer Bierbichler, der keiner mehr war, in die Küche ging, starrte der Limmer Georg auf die beiden weißen Kakadus, die sich schnäbelten und immer noch dummes Zeug quatschten.
»Sie wundern sich über diesen Luxus«, lachte Herr Bierbichler mit aufgesetztem Charme, als er Limmers Staunen registrierte. »Ja, ja. I war a g’scheiter Bauer, damals vor zehn Jahren. Hab alles an Grund verkauft, was die damals für den Ausbau der Autobahn braucht ham. Und i schwör’s: Dös war net wenig.« Seitdem gönne er sich schöne Reisen, nach Fernost, Afrika; auch in Südamerika sei er schon gewesen. Seine Frau, eine Bauerstochter aus Machtlfing, weile derzeit mit einer Freundin auf den Bahamas. So sei er quasi Strohwitwer. Aber die Zeit werde ihm dennoch nicht lang. Und dabei zwinkerte er mit einem Auge. Von der Erinnerung übermannt, patschte sich Andreas Bierbichler auf seine prallen lila Schenkel:
»Damals, wia i verkauft hab, hams alle g’sagt: Der Bierbichler is a Lump. Bloß weils alle neidig war’n. Heut möcht’ns selba gern verkauf’n. Aba heut mog koana mehr den Grund ham. Weil d’ Autobahn scho lang fertig is. Und Häuser dürf’n um Spechting rum koane baut wer’n. Und was mach’ns? Ausmist’n, melk’n, arbeit’n, Tag und Nacht, ohne Urlaub, ohne Freud’. Arme Hund sinds, die Bauern.«
»Aber die Tradition«, wandte der Limmer ein. »Eine Landwirtschaft ist doch etwas, das über Generationen hinweg wächst und das zu erhalten sich lohnt.«
»Tradition! Scheiß auf die Tradition. Die Tradition der Bierbichler war immer, dös zu tun, was am meist’n money bringt. Früher war’s vielleicht d’ Landwirtschaft. Dann war’ns die Grundstück! Und die hab i verkauft.« Der Bierbichler Andreas goss sich einen neuen Scotch ein.
»Jetzt aba zum G’schäft.« Er lehnte sich in seinem Ohrensessel zurück, schlang seine fetten Finger ineinander und sah aus wie ein Mann, der auf ein Angebot wartet.
Just in dem Moment wurde der vom Limmer Georg schon totgeglaubte Windhund in der Hollywoodschaukel lebendig. Obwohl er nur kaum merklich seinen spitzen Kopf bewegte, schien dies ein Appell an Herrchens Fürsorgepflicht zu sein.
Herr Bierbichler stand auf und offerierte dem Köter, was nun zu erwarten sei.
»Ja freilich, mei Spatzl! Glei kriegt mei Pharao sei Kalbsleberl. Glei kommt’s Herrle wieder.«
Und kurz drauf kehrte Andreas Bierbichler mit einer Porzellanschüssel aus der Küche zurück und stellte dem Pharao sein »Kalbsleberl« direkt zwischen die spindeldürren Vorderläufe. So konnte das »Hunderl« im Liegen fressen und lief nicht Gefahr, sich zu überanstrengen. Der Georg Limmer wäre am liebsten aufgestanden, hätte Bauernhof Bauernhof sein lassen – so sehr widerte ihn dieser Mensch an. Aber er blieb und beschloss, den Ausgang des Gesprächs abzuwarten.
Herr Bierbichler nahm abermals Platz.
»Mögen Sie auch Kalbsleberl? Also i mach mir gar nix draus. Aber mei Pharao is ganz narrisch auf Kalbsleberl. Na ja. Man muss ja net alles mög’n, was a Hund mog.« Und wieder trommelte Herr Bierbichler vor Vergnügen auf seine lila behosten Beine.
Plötzlich spannten sich die Gesichtszüge des Andreas Bierbichler, jetzt ging’s ums Geschäft.
»500 Mark im Monat. Heizung werd’ grad eingebaut. Fließendes Wasser is scho drin, eine Menge Grund g’hört auch dazu, mitsamt Äpfel, Birn’ und Zwetschgen. Aber …«, und jetzt beugte sich der Listenreiche nach vorn, um den Limmer schärfer zu fixieren, »was ham S’ denn für an Beruf?«
»Werbemann. Ich arbeite in der Werbung.«
»Dös is guat. Dös is a Beruf mit Zukunft. Werbung wird’s immer geb’n. Und wir brauch’n d’ Werbung. Schließlich müss’n wir ja wiss’n, was mia kauf’n soll’n. Oda net?« Und wieder freute sich Herr Bierbichler, weil er sich so gut fand.
»Also: 500 Mark plus Nebenkosten. Vertrag auf – sagen wir – acht Jahre.«
»Fünfzehn Jahre«, gab der Limmer prompt zurück, und es klang ganz so, als wäre darunter auf keinen Fall was zu machen.
Andreas Bierbichler überlegte kurz.
»Also gut. Fünfzehn Jahre. Den Pachtvertrag macht mei Notar. In zwoa Tag is er bei Ihnen.« Der Limmer stand auf. Er fand, dass es besser wäre, ganz schnell zu gehen, bevor er zur Besinnung käme. Er verabschiedete sich und fuhr mit dem Lift die 15 Stockwerke hinunter.
Als er wieder daheim war und vom 13. Stock des Hochhauses aus durch die schmutzigen Scheiben den unablässig flutenden Verkehr auf dem Mittleren Ring beobachtete, überkam den Limmer Georg ein Gefühl von Stolz und Zufriedenheit; fast war ihm zum Jubeln. Binnen weniger Stunden hatte er sein Leben in neue Bahnen gelenkt. Er goss eine Flasche Bier in zwei Gläser, stieß mit den beiden Gläsern an und sagte: »Prost, Limmer. Ich bin stolz auf dich.«
In den kommenden Wochen machte der Limmer Georg reinen Tisch. Er verschenkte ein Gutteil seiner Möbel, auch den Fernseher, von dem er sich leichten Herzens trennte, weil er ohnehin kaputt war. Mindestens einmal in der Woche fuhr er hinaus nach Spechting und spendierte den Handwerkern jedes Mal einen Kasten Bier, um sie bei Laune zu halten.
Ende September war der alte Hof so weit renoviert, dass der Limmer Georg ans Umziehen denken konnte. An einem Wochenende verließ er die Stadt, genau so wie er vor zehn Jahren gekommen war: mit ein paar Kartons, gefüllt mit Büchern, drei Wäschesäcken, ein bisschen Krimskrams und einer großen Zufriedenheit, weil er es allen gezeigt hatte.
Die letzten Septembertage waren wie gemalt. Die Sonne verstrahlte noch einmal Wärme wie in ihren besten Tagen, die Zwetschgen hingen tiefblau und feist an krummen Ästen, und der erste Frost würde ihnen die letzte, schwere Süße geben. Der Limmer Georg hatte alle Fenster in seinem kleinen Bauernhaus ganz weit aufgemacht, als wolle er den Mief der letzten Jahre ein für alle Mal verjagen. Er befand sich in einer großen Stimmung. 15 Jahre lang hatte er sich in eine Mühle einspannen lassen, die lauthals Dinge anpries, ohne die es sich im Grunde viel besser leben ließ. Und lauthals wollte er sich auch von jenen Leuten verabschieden, von denen er sich abhängig gemacht hatte, die ihn im Griff hatten, weil er von ihnen Geld bekam. Es waren Werbechefs, Agentur-Besitzer, Art-Direktoren und Verkaufs-Manager. Mit einem mutigen Jauchzer wollte er sich von ihnen befreien, ihnen sozusagen noch einmal richtig in die gelackten Büros scheißen. Georg Limmer setzte sich an die Schreibmaschine und entwarf einen Brief, der ihm wohl für alle Zeiten die Türen zu seinem bisherigen Beruf verschließen würde. Aber das kümmerte ihn wenig.
Es wurde ein böser Brief, obwohl er mit »Sehr geehrter Herr …« begann. Wie im Fieber hackte Georg Limmer seine Abrechnung in die Maschine. Er wollte die Empfänger ganz bewusst verletzen, und das, was er da schrieb, bereitete ihm diabolische Freude.
Als er geendet hatte, war er sehr zufrieden. So zufrieden, dass er selbst hören musste, wie es klang, wenn seine Zeilen beispielsweise in einer der Agentur-Konferenzen verlesen würden. Er schaltete sein kleines Tonbandgerät ein und sprach den Text auf Kassette. Dann spulte er das Ganze zurück, und bevor er auf den Wiedergabeknopf drückte, schenkte er sich ein großes Glas Obstler ein, und es überkam ihn ein Gefühl, als höre er die Matthäus-Passion.
»Sehr geehrter Herr soundso.
Ich habe – ohne Ihre Zustimmung – mein Leben verändert. Es hätte wenig Sinn, Ihnen im Detail zu erklären, was mich dazu bewogen hat. Sie würden es ja doch nicht begreifen. Nur so viel: Ich habe es satt, über Dinge zu schreiben, die überflüssig sind wie ein Kropf. Ich habe es satt, in Ihrem Auftrag meine Mitmenschen zu verscheißern. Ich hasse Bandnudeln, ich mag keinen Jogurt, die Vorzüge von nahtlosen Strumpfhosen mit selbstatmenden Elastikzwickeln berühren mich nicht einmal am Rande, ich würde nie mehr ein französisches Auto kaufen, weil mir das meine binnen zwei Jahren unter dem Arsch weggerostet ist, ich habe keine Beziehung zu Monatsbinden, und es schert mich einen Dreck, ob XY – Limonade einen höheren Frucht- und Mineralgehalt hat als die Konkurrenzprodukte. Ich mag nämlich keine Limonade. Weder die Ihre noch die der Konkurrenz. Ich mag gewisse Sorten Bier, Branntwein und reines Quellwasser. Aber darüber durfte ich ja nie schreiben. Auch auf den Verdacht hin, dass Sie meine Mitarbeit in Zukunft nicht vermissen werden, kann ich Ihnen nur sagen: Es ist mir Wurscht.
Ich lebe jetzt auf einem gesunden Stückchen Erde, umgeben von gesunden Menschen. Ich werde Bauer. Ich sage Ihnen das ganz im Vertrauen, und kommen Sie bitte nicht auf die Idee, mich zu besuchen. Urlaub auf dem Bauernhof ist bei mir nicht drin.
Ihr nicht mehr ergebener Georg Limmer.
P.S. Dieser Brief ist ein Einheitsbrief und wurde hektografiert. Möglicherweise treffen einige Passagen auf meine spezielle Arbeit mit Ihnen nicht zu. Dies gilt auch für eventuelle Honorarforderungen. Sollte noch eine meiner Rechnungen an Sie offen stehen, bitte ich Sie, mir das Geld umgehend zu überweisen. Ich möchte mir demnächst einen Stier kaufen, und wenn es Sie freut, soll er Ihren Vornamen tragen.«
Noch am selben Tag fertigte Georg Limmer in einem Schreibwarengeschäft in Miesbach zwölf Fotokopien an und steckte sie in zwölf weiße Kuverts. Am Abend ging die Post ab. Als die Klappe des Briefkastens zufiel, wusste er, dass es kein Zurück mehr gab.
Am nächsten Morgen stand Georg Limmer zeitig auf und frühstückte rasch. Dann öffnete er die Fenster und begann in überschwappender Laune, Aktenordner, Werbeentwürfe, überflüssigen Krimskrams, Bücher und alles, was entbehrlich schien, ins Freie zu werfen. Georg Limmer hatte sich für diese ungewöhnliche Art des Stöberns entschieden, weil damit gleichsam ein symbolischer Akt verbunden war.
Bald war nicht mehr viel übrig. Ein Stück weit hinterm Haus schichtete der Limmer Georg Akten, Bücher und alles, was brennbar war, auf einen großen Haufen, und es wurde ein riesiges Feuer, weil die letzten 15 Jahre in Flammen aufgingen.
Ausgelassen wie Rumpelstilzchen hüpfte der Limmer Georg ums Feuer und kicherte:
»Ach wie gut, dass ’s niemand stört, wenn der Limmer Bauer werd.«
Die ersten Nächte in seinem Bauernhaus hatten dem Limmer arg zu schaffen gemacht. Es war so still, dass er das Gefühl hatte, in einem schalldichten Raum eingeschlossen zu sein. Es war beklemmend, so gar nichts zu hören. Nur ab und zu das Quaken eines Froschs oder der Schrei eines aufgeschreckten Vogels. Sonst nichts. Wenn das Dorf schlief, lag der Limmer wach im Bett, und Zweifel plagten ihn, ob er für diese Stille geschaffen wäre. Doch das legte sich nach und nach.
Eines Morgens bekam Georg Limmer Besuch. Er hatte gerade gefrühstückt und wollte eben damit beginnen, den Rest des Gerümpels wegzuschaffen, den die Handwerker hinterlassen hatten.
Plötzlich stand ein kleiner, kahlköpfiger Herr im Hausgang.
Als er den Limmer sah, streckte er lächelnd seine rechte Hand aus, und seine Stimme klang ziemlich weihevoll: »Grüß Gott, mein Sohn. Du bist sicher der Limmer Georg.«
Kein Zweifel, das war der Pfarrer.
»Das stimmt. Mein Name ist Georg Limmer. Und wer sind Sie?«, fragte der Limmer Georg vorsichtshalber, obwohl dem kleinen Gottesmann die Lust am Missionieren aus allen Runzeln seines faltigen Gesichts blitzte.
»Ich bin der Pfarrer Obinger aus Riederau und versorge auch die Gläubigen in Spechting.«
Dem Limmer war nicht wohl in seiner Haut.
»Ich bin aber nicht katholisch, Herr Pfarrer«, sagte er, und es klang nicht besonders freundlich. Vielleicht hatte ihn auch nur das Du irritiert, mit dem der listige Gottesmann eine Brücke aus Leutseligkeit und Kumpanei bauen wollte.
»Oh, das macht nichts. Zwar sind in Spechting alle katholisch. Aber natürlich sind uns auch Protestanten willkommen«, flötete Hochwürden.
»Da muss ich Sie enttäuschen. Ich war katholisch und bin schon vor fünf Jahren aus der Kirche ausgetreten.« Georg Limmer lächelte, weil er an dieser Stelle längst nicht mehr verwundbar war.
»So, so. Sie sind ohne christlichen Glauben. Das ist aber nicht schön«, stellte Pfarrer Obinger fest, und über sein freundliches Gesicht legten sich drohende Schatten. »Ein schwarzes Schaf in dieser guten Gemeinde. Gott sei Ihrer armen Seele gnädig«, klagte Hochwürden beim Hinausgehen, und der Limmer Georg gab ihm ein »Amen« mit auf den Weg.
Georg Limmer war sicher, dass sich seine ketzerische Einstellung zu Glaubensfragen im Dorf bald herumsprechen würde. Aber dass es so schnell gehen würde, das überraschte ihn denn doch.
Sonntags darauf ging Georg Limmer schon am frühen Vormittag ins Wirtshaus. Am Stammtisch hockten zwei Bauern, die den Gottesdienst heute ausnahmsweise hatten ausfallen lassen. Als der Limmer in die Wirtsstube eintrat, anständig »Grüß Gott« sagte und sich an einen kleinen Ecktisch setzte, zogen die beiden Bauern wortlos ihre Hüte in die Stirn, und ihr Ton wurde gedämpft. Im Herrgottswinkel litt stumm der Gekreuzigte, umhüllt von einer Wolke aus Tabaksqualm.
Auch die Wirtin hatte die Ankunft des neuen Gastes schnell wahrgenommen, und wie auf Wolken schwebte sie aus der Kuchl zu dem kleinen Ecktisch hinüber. Sie musterte den Limmer Georg ein paar Augenblicke lang, stützte ihre fleischigen Arme auf die mit einer roten Decke überzogene Tischplatte und sagte mit unterdrückter Stimme: »Aha, unsa neuer Nachbar, da Herr …«
»Limmer, Georg Limmer.«
»Richtig, da Herr Limmer. Hat ja da Herr Pfarrer heut in da Frühmess scho g’sagt. Und wiss’n S’, wos a no g’sagt hat? Dass Sie koan Glaub’n nimma ham. Stimmt denn dös?«
Der Limmer Georg wurde von dieser Frage doch einigermaßen überrascht und wusste zunächst nicht, ob er nun verärgert oder belustigt sein sollte.
»Über meinen Glauben habe ich mit Hochwürden nicht geredet. Ich hab ihm nur gesagt, dass ich aus der Kirche ausgetreten bin. Aber mit meinem Glauben hat das ja nichts zu tun.«
Die Wirtin, etwas irritiert durch Limmers freundliches Lächeln, nahm die Hände langsam von der Tischplatte und stemmte ihre Arme in die Hüften.
»Also doch! Aus da Kirch’ is a austret’n. Na, na, na. Und dös in unserm katholischen Dorf. Wenn S’ evangelisch wärn, gang’s ja no. Aba gar koan Glaub’n ham. Dös is fei nix!«
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