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Wenn die Familie zum Tatort wird. Häusliche Gewalt, psychischer und sexueller Missbrauch. Der lebenslange Einfluss einer missbrauchten Liebe zu den Eltern mit ihrem zerstörerischen Charakter und der Umgang mit Kindheitstraumata. Die schmerzhafte Verwandlung des Urvertrauens in Selbsthass. Der schwere Weg der Heilung, auf dem die zerrissene Seele mit langsamen Schritten erschöpft und geduldig läuft. Dank ihrem Durst nach Glück und Liebe schafft sie es, ihre Opferrolle für immer hinter sich zu lassen und die gesunde Wiedergeburt zu feiern.
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Seitenzahl: 38
Veröffentlichungsjahr: 2020
Natia Ioseliani
Das Ich imSpiegel
© 2020 Natia Ioseliani
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-08607-4
Hardcover:
978-3-347-08608-1
e-Book:
978-3-347-08609-8
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Das Ich im Spiegel
„Ich bin zwischen meiner Krankheit, meinen Schmerzen und der Literatur hin- und hergerissen. Franz Kafka hasste seinen Vater und sprach gut über seine Mutter. Kurt Tucholsky hasste seine Mutter und liebte seinen Vater. Ich hasse meinen Vater und ich erinnere mich sehr schmerzhaft an ihn. An meine Mutter denke ich auch nicht so gerne, und ich spüre keine Liebe zu ihr. Als Kind, wie sehr habe ich die beiden geliebt. Als ich 16 Jahre alt war, änderte sich mein Leben rasch. Danach ist es unerträglich schmerzhaft geworden… Kafka und Tucholsky liebten nur einen Elternteil, beide haben nie die Liebe zum zweiten Elternteil empfunden. Ich liebte beide und spüre keine Liebe mehr zu ihnen. Wer von uns dreien ist glücklicher, haben wir in dieser Sache überhaupt Glück?!…“, las Anne vor. Sie legte den Brief auf den kleinen Tisch und schaute Louise mit ihren vielsagenden Augen an, die auf einem Sessel saß und in ihr Heft ein paar Notizen machte. „Das ist ein kurzer Abschnitt aus einem Brief. Olivia, so heißt das Mädchen. Sie ist 17 Jahre alt und wohnt in Brasilien. Sie möchte unbedingt nach Europa kommen und hier studieren. Deshalb bewarb sie sich bei mir um ein Stipendium“, sagte Anne. „Was hat sie erlebt?“, fragte Louise. „Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen mit vier Brüdern auf. Ihre Eltern hatten finanzielle Schwierigkeiten. Olivia war 16 Jahre alt und besuchte noch die Schule. Sie war eine sehr gute Schülerin und träumte von einem Studium und von einem besseren Leben. Sie war ein hübsches, gesundes Mädchen. Ihre Eltern verkauften sie an ausländische Männer. Jeden Tag musste sie mit verschiedenen Männern schlafen. Es waren reiche, einsame, unglückliche Männer, die bereit waren, für Sex viel Geld zu zahlen. Aus dem Haus konnte sie nicht fliehen. Olivia war im Keller des Elternhauses eingesperrt. Essen, Trinken, ihre Bücher und die Männer wurden ihr dorthin gebracht.
An einem Sonntag stand vor ihr ein hungriger älterer Mann, der in großer Eile war und kaum warten konnte, auf sie zu springen. Er zog seine feine Kleidung wild und schnell aus und warf diese weit von sich. Dabei rutschte ein Taschenmesser aus seiner Hosentasche, was Olivia nicht unbemerkt blieb. Ihre Gedanken kreisten um die eigene Rettung. Sie dachte an das Taschenmesser, das irgendwo unter dem Bett lag, und als der Mann bei seinem Höhepunkt schrie und auf ihr liegend vibrierte, dachte Olivia an ihre Erlösung. Nach seinem gekauften Spaß zog er sich langsam an. Er schaute Olivia kaum an, die ganz nackt auf ihrem Bett lag und deren Gesicht ihr ganzes Leid zeigte. Der Mann ging mit schnellen Schritten zur Tür und klopfte daran. Als Olivias Vater die Tür aufmachte, lief er schnell hinaus.
Olivia blieb regungslos liegen und starrte in Richtung der Tür. Sie stand langsam auf, kroch unter das Bett, nahm das Messer in die Hand und ging damit zur Tür. Sie versuchte, mit dem Messer die Tür aufzumachen. Die Tür aber war von außen mit einem Schloss zugesperrt. Sie stach und stach mit dem Messer mehrmals auf die Tür ein. Als sie merkte, dass sie so die Tür nicht aufkriegte, kniete sie weinend vor der Tür. Verzweifelt warf sie das Messer weg und legte den Kopf in ihren Schoß. Nach ein paar Minuten hob sie ihren Kopf; sie hielt kurz inne, schaute auf das Messer, stand auf und nahm das Messer in die Hand. Mit der Spitze des Messers spielte sie an ihrem linken Handgelenk, und dabei schaute sie regungslos in die Ferne. Den stechenden Schmerz an ihrem Handgelenk empfand sie als sehr angenehm, die sanften, spielerischen Messerbewegungen bekamen mehr Gewicht; schlagartig spürte sie in ihrer rechten Hand viel Kraft und drückte das Messer ganz tief in ihre Pulsadern hinein.
Olivias Mutter machte die Tür auf. Das Tablett, auf dem sie das Mittagessen für ihre Tochter vorbereitet hatte, fiel ihr aus der Hand, als sie Olivia bemerkte. Sie sah das aus ihren Adern strömende Blut, das ihren nackten Körper bedeckte. Schreiend lief sie zu ihrer Tochter, riss sich die Schürze vom Leib, drückte damit auf die Wunde und versuchte, das Blut zu stoppen. Sie betrachtete ihre bewusstlose Tochter, die in ihrem eigenen Blut badete und die sie für Geld
