Das Ikarus Prinzip - Devin McColey - E-Book

Das Ikarus Prinzip E-Book

Devin McColey

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Beschreibung

2044 in Neo Kalkutta. Martin Whitfield erhält den Auftrag, ein Sicherheitsleck bei einem Pharma-Unternehmen zu ermitteln. Zeitgleich wird er erpresst, etwas aus der Asservartenkammer zu entwenden. Um die nötige Unterstützung zu bekommen, fordert er bei 0byte und Redhat jeweils einen noch ausstehenden Gefallen ein. Währendessen nimmt Firiel einen Auftrag an, der für eine Assasine eher ungewöhnlich ist: Eine Person aus einem Wohnheim zu extrahieren. Was als einfacher Auftrag beginnt, entwickelt sich für alle Beteiligten zu einem fordernden und komplizierteren Unterfangen als erwartet. Welche Rolle dabei eine Datenanalystin von Osaka-Cyber-Tech spielt, wird noch für Aufregung sorgen. Der Roman bildet eine in sich geschlossene Geschichte, die auch ohne Vorkenntnisse aus "Pandoras Prozessor Sockel" funktioniert. Die Handlung setzt einige Monate nach den Ereignissen aus "Pandoras Prozessor Sockel" an und erzählt die Geschichte der Charaktere weiter.

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Danksagung

1. 2338986821 SA Feb-13-2044 14:33:41

2. 2339000043 SA Feb-13-2044 18:14:03

3. 2339005403 SA Feb-13-2044 19:43:23

4. 2339044200 SO Feb-14-2044 06:30:00

5. 2339136345 MO Feb-15-2044 08:05:45

6. 2339149127 MO Feb-15-2044 11:38:47

7. 2339154142 MO Feb-15-2044 13:02:22

8. 2339226949 DI Feb-16-2044 09:15:49

9. 2339231405 DI Feb-16-2044 10:30:05

10. 2339232285 DI Feb-16-2044 10:44:45

11. 2339320181 MI Feb-17-2044 11:09:41

12. 2339334876 MI Feb-17-2044 15:14:36

13. 2339348981 MI Feb-17-2044 19:09:41

14. 2339405952 DO Feb-18-2044 10:59:12

15. 2339415722 DO Feb-18-2044 13:42:02

16. 2339478780 AR Feb-19-2044 07:13:00

17. 2339531132 AR Feb-19-2044 21:45:32

18. 2339568335 SA Feb-20-2044 08:05:35

19. 2339576508 SA Feb-20-2044 10:21:48

20. 2339610914 SA Feb-20-2044 19:55:14

21. 2339625071 SA Feb-20-2044 23:51:11

22. 2339654959 SO Feb-21-2044 08:09:19

23. 2339665241 SO Feb-21-2044 11:00:41

24. 2339750139 MO Feb-22-2044 10:35:39

25. 2339762390 MO Feb-22-2044 13:59:50

26. 2339780785 MO Feb-22-2044 19:06:25

27. 2339798955 DI Feb-23-2044 00:09:15

28. 2339830098 DI Feb-23-2044 08:48:18

29. 2339930059 MI Feb-24-2044 12:34:19

30. 2339950239 MI Feb-24-2044 18:10:39

31. 2340004774 DO Feb-25-2044 09:19:34

32. 2340032460 DO Feb-25-2044 17:01:00

33. 2340040759 DO Feb-25-2044 19:19:19

34. 2340099497 AR Feb-26-2044 11:38:17

35. 2340198856 SA Feb-27-2044 15:14:16

36. 2340?????8 SO Feb-28-2044??:??:?8

37. 2340351001 MO Feb-29-2044 09:30:01

38. 2340380204 MO Feb-29-2044 17:36:44

Danksagung

Danke an all die Leute, die an den vielen FOSS und GNU/Linux Projekten arbeiten, gearbeitet haben und arbeiten werden. Dank euch konnte ich aus einem 14 Jahre alten Laptop die schönste Schreibmaschine der Welt machen.

Lob und Anerkennung an die Testleser und Testleserinnen sowie Übersetzungshelfer und Übersetzungshelferinnen:

Sira

Anonymer-Testleser #1

Timo

Corinna

1. 2338986821 SA Feb-13-2044 14:33:41 GMT+0000

»Da steh ich also vor dem Bild aus vielen kleinen bunten Farbpunkten. Neben mir steht diese junge Frau mit kurzen strubbeligen Haaren und sie hat diese geschmacklose Arbeitsuniform der Bourgeoisie an.« Bei dem Wort Bourgeoisie verzog Redhat abwertend das Gesicht, so als wollte er etwas unterstreichen.

»Was hatte sie an?«, hakte 0byte nach.

»Na, einen Anzug mit Nadelstreifen«, erklärte Redhat.

»Ach so.«

»Und dann dreht sie den Kopf zu mir rüber und fragt, ob es mir gefällt. Kurz überlege ich und dann sag ich so „Was genau ist das? Ich meine, ist das /dev/random oder kann das /dev/null?“. Da schaut sie mich erst verwirrt an und meint dann, ich stände zu nah an dem Bild dran um es verstehen zu können. Ich frag sie, ob sie Kunst studiert hat oder so. Und weißt du was sie sagt? Sie sagt, „Ich hab das Bild gemalt“. Stell dir vor, da steht die Künstlerin direkt neben dem Bild und erklärt es. Das passiert dir doch eigentlich in keinem Museum.«

»Was machst du eigentlich in einem Museum? Sonst bist du doch immer der Ansicht, dass Kunst auf die Straße gehört und das nach Banksy nichts nennenswertes mehr passiert ist.«

»Bruder, glaubst du echt ich geh in ein Museum und zahle Eintritt, damit das Konzept, dass Kunst dem arbeitenden Volk vorenthalten wird, auch noch subventioniert wird? Nein. Ich war geschäftlich dort.«

»Du, geschäftlich im Modern Museum of Paintings? Niemals. Und nenn mich nicht Bruder, so gut kennen wir uns jetzt auch nicht.«

»Doch. Die wollten, dass jemand deren Computersystem mal testet. Also jemand der Ahnung hat und kein Möchtegern von der Universität, mit so einem komischen Titel wie Master of Subnetting Desaster oder sowas.«

»Ach, erst auf das Museum schimpfen, aber dann doch deren Geld annehmen?«

»Klar, nur so kann man die Tempel der kommerzmäßi-gen Präsentation von Kunst ruinieren. Und wenn der Laden schließen muss, dann werden die Bilder befreit und kommen wieder unter die Leute.«

»Eher in die Wohnzimmer von privaten Sammlern.«

»Sei nicht so pessimistisch.«

»Whitfield! Warum lässt du mich hier draußen mit dem Freak eigentlich alleine? Hab ich dir was getan?«

Whitfield steckte seinen Kopf aus der Tür des Wohnwagens raus und kratzte gedankenverloren seinen weißen Bart. »Was? Oh, bin gleich bei euch.«

»Wie hast du mich gerade genannt?«, fragte Redhat an-gesäuert.

»Nicht streiten ihr zwei! Und schon gar nicht über so ein Thema. Sagt mir mal lieber, was ich auf dem alten Laptop meiner Nichte installieren soll, um den wieder flott zu machen. Xubuntu oder MINT?«

»Turbo Linux!«, brach es aus Redhat spontan heraus.

»Hast du die Frage überhaupt verstanden?«, hakte 0byte nach und runzelte die Stirn.

Whitfield trat aus dem Wohnwagen und sah Redhat und 0byte mit einer Mischung aus Irritation und Verärge-rung an. »Wirklich, ich mag euch beide, aber wenn ihr zusammen an einem Tisch sitzt, dann seid ihr einfach unerträglich.«

»Du hast nur den einen Tisch hier vor deinem Wohnwagen, Bruder. Ist ja nicht so, dass du uns hättest getrennt voneinander hinsetzen können«, warf Redhat mit einem altklugen Tonfall ein.

Whitfield seufzte und setzte sich auf einen Liegestuhl. »Ihr zwei seid wie Yin und Yang.« Er lehnte sich nach hinten an, holte tief Luft und lies diese langsam wieder entweichen. »Aber eine Sache habt ihr gemeinsam.«

»Hast du was zu knabbern da? Langsam bekomme ich Hunger.« Redhat wartete gar nicht erst auf eine Antwort. Er stand auf um in den Wohnwagen zu gehen und schnappte sich einen Apfel aus der Obstschale.

Ungläubig schaute 0byte ihm hinterher. »Du kannst doch nicht einfach an seine Sachen dran.«

»Ach. Seins, meins, deins, das sind nur Worte, die uns der Kapitalismus gegeben hat, um uns zu entzweien«, erwiderte Redhat und biss ein Stück vom Apfel ab.

»Ich fang noch mal an.« Whitfields Stimme klang gereizt. »Eine Sache habt ihr zwei gemeinsam.« Er ließ eine kurze Pause für den Fall, dass wieder ein Kommentar zwischengeworfen wurde. »Ihr wart beide so abenteuer-lustig, bei mir etwas mit einem Gefallen zu bezahlen. Und heute ist der Tag, an dem ich diesen bei euch einfordern werde.«

»Muss ich etwa mit ihm zusammen…«, entfuhr es Red-hat und 0byte im selben Augenblick.

»Nein. Manche meinen, dass ich etwas verrückt bin. Aber ich bin nicht so verrückt, dass ich euch für länger als nötig nebeneinander sitzen lasse.« Er griff in die Innentasche seines Jacketts und holte einen Chip heraus. »Das hier ist für dich.« Er warf den Chip 0byte zu. »Da ist alles drauf gespeichert was du wissen musst.«

»Machst du mich jetzt zu deinem Code-Cracker-Äffchen?« 0bytes Tonfall bestand zu gleichen Teilen aus Neugier und Verunsicherung.

»Nein. Du sollst was für mich besorgen. Auf der Straße heißt es, dass du gut in sowas bist.« Whitfield grinste.

»Was gibt es das du haben willst? Du wohnst freiwillig in einem Wohnwagen in der Einöde.«

»Wie ich damals sagte, irgendwann werde ich den Gefallen einfordern und wenn ich dann „Frosch“ sage, dann fragst du nur wie weit und wie hoch du springen sollst.«

»Und dann sind wie quitt?«

»Ja.« Whitfield nickte bestätigend. »Jetzt zu dir.« Er drehte den Kopf zu Redhat. »Montag werden wir zwei um halb neun bei einem Pharma-Unternehmen erwartet. Du wirst als mein Assistent dort auftreten und mir helfen.«

»Was? Bei so einer seelenlosen Firma?«

»Ja. Ich hab da einen Job und brauche jemanden, der mir hilft auf alles zu achten, was mir nicht auffällt. Und du wirst dich dafür anständig anziehen. Das heißt, keine dreckigen Turnschuhe, keine Jeans mit Löchern, kein rotes Bandana auf dem Kopf und…«

»Moment, das muss ich mir aufschreiben«, unterbrach ihn Redhat. Er griff in seinen Rucksack und holte ein unförmiges Gerät hervor. Es hatte ähnliche Abmessungen wie eine altmodische Bürotastatur, war jedoch mehr als doppelt so dick. In die Außenhülle waren verschiedene Öffnungen gefräst, für einen kleinen angelöteten Monitor, eine Miniaturtastatur und weitere für andere Anschlüsse und Bauteile. Da durch die Umbauten nicht mehr alles sauber zusammenpasste, wurde das Konstrukt mit Klebeband und bunten Stickern zusammengehalten.

»Ist das ein altes TX-38?«, fragte 0byte.

»Und das unförmige Ding will ich am Montag auch nicht sehen. Und auch nicht den Rucksack mit dem Ein-horn-Aufnäher drauf, aus dem du das Teil gerade raus geholt hast«, warf Whitfield ein.

»Das ist mein Werkzeug!«

»Wofür?«, wollte 0byte wissen.

»Ich hab die ganzen Chips nicht im Kopf, nur die Datenbuchse. Alles andere ist hier drin. Selber zusammengebaut und die Firmware selber kompiliert, nicht der übliche Stock-ROM Mist den die großen Tech-Airmen einem sonst in den Schädel löten.« Stolz klopfte Redhat auf die Konstruktion.

»Auch wenn ich die Aussage „Smash the Patriarchy“ grundlegend unterstütze.« Whitfield deutete auf einen Sticker auf dem Gehäuse. »Das kannst du beim Kundenbesuch nicht bringen.«

»Wieso muss ich da eigentlich mit?«, fragte Redhat mit gequälter Stimme.

»Arosch!«, erwiderte Whitfield.

0byte konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Auch wenn es ihm nicht gefiel einen Job ohne Bezahlung zu machen, zu sehen wie sich Redhat bei dem Gedanken quälte, an einem Montag in einem Büro erscheinen zu müssen und dort nicht in seiner üblichen Weise aufzufallen, war schon Lohn genug. Redhat warf ihm einen bösen Blick zu.

»Ich mach mich mal vom Acker, ihr könnt ja noch den Dresscode besprechen.« 0byte stand auf, zog sich die Cap-py zurecht und steckte seine Hände in die Taschen des Kapuzenpullis, welcher für seine hagere Gestalt mindestens eine Nummer zu groß war und machte sich auf den Weg.

2. 2339000043 SA Feb-13-2044 18:14:03 GMT+0000

0byte betrat seine Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Aus einer Schatulle holte er eine halbautomatische Schusswaffe hervor und hakte sie an zwei kleine Schrauben, die er innen in die Tür gedreht hatte.

Aus dem Kühlschrank nahm er ein Stück Pizza heraus, erwärmte es kurz in der Mikrowelle und suchte dann eine Getränkedose.

Mit dem improvisierten Abendessen saß er am Tisch und dreht den Chip, den er von Whitfield bekommen hatte, in den Fingern. Es war eines der Standard Speichermedien, die es an jeder Supermarktkasse zu kaufen gab. Was wollte Whitfield haben? Was konnte er nicht selber besorgen? Er wusste doch sonst immer auf alles eine Antwort.

0byte schlang das Stück Pizza runter, spülte mit koffe-inhaltiger Limonade nach und suchte einen Adapter für den Chip. Er steckte den Chip in den Adapter und diesen in den freien Steckplatz in seinem Schädel. Die Daten kopierten sich in seine graue Masse.

Neo Kalkutta – Asservatenkammer 3 – Lagereinheit 63;

Aktennummer 94367-B;

Besorg mir Sonnji’s Hardware;

Es grenzte an Verschwendung einen ganzen Chip für so wenig Informationen zu nutzen.

Warum sollte er Hardware aus der Asservatenkammer holen? Was war daran so wichtig? Er zog den Chip wieder aus der Buchse in seinem Kopf und nahm noch einen Schluck aus der Dose.

Das Thema konnte er drehen und wenden wie er wollte, er musste sich um den Auftrag kümmern.

Aber ohne Unterstützung wollte er nicht versuchen, etwas aus einem Ort raus zu holen, der mehr einem Endlager als einem Durchgangslager glich. Mit Shiny und Quake hatte er bei der Aktion im Verwaltungsgebäude von Advanced-RISC-Chips ein gutes Ergebnis abgeliefert. Jedoch würden die beiden nicht aus reiner Nächstenliebe bei der Sache mitmachen. Warum sollten sie sich in irgendeiner Weise an den Gefallen, den er Whitfield schuldete, gebunden fühlen? Wohl oder übel würde er sie bezahlen müssen. Es ärgerte ihn, dass von der Million N₩, die er für den Einbruch bei Advanced-RISC-Chips bekommen hatte, wohl wieder etwas verschwinden würde.

Zuvor wollte er jedoch erst recherchieren, was er zu der Thematik finden konnte. Bei den beiden aufzuschlagen und wie ein unvorbereiteter Idiot auszusehen, war das Letzte was er jetzt wollte. Er holte die Verkabelung aus der Tasche und steckte das eine Ende in die Buchse in seinem Kopf und das andere an den Anschluss zum Datennetz.

Als erstes verließ er die virtuellen Grenzen der Stadt um seine Datenspur zu verschleiern. Auch wenn er erstmal nur die öffentlich zugänglichen Quellen abfragen wollte, musste die Spur ja nicht direkt bis zu seiner Haustür zurück verfolgbar sein.

Website:NK-news.com „Sonnji“

Die erste Suche zeigte direkt einen Treffer, „...Cyber-Kriminelle Vanja L., in illegalen Untergrundforen auch bekannt als Sonnji, wurde heute festgenommen. Damit wurde…“. Die Nachricht war gut zwei Monate alt. 0byte ging kurz die Leute durch, die er üblicherweise in Chat-räumen antraf, aber der Name sagte ihm nichts. Auch hatte er in den letzten Wochen niemanden vermisst. Hatte die Polizei etwa einen kleinen Fisch gefangen und versuchte es jetzt größer aussehen zu lassen als es war?

Er suchte weiter, immerhin hatte er jetzt Teile eines Namens.

Website:NK-news.com „Vanja L.“ „Vanja **“

Entweder gab es keine weiteren Nachrichten zu dem Namen oder es war dem Nachrichtenportal keine Meldung wert. Er suchte jetzt auch die Pressemeldungen der örtlichen Gerichte ab. Immerhin würden diese den Namen in den Unterlagen vermerken. Auch dort fand sich nichts. Es schien fast so, als wäre Vanja nach ihrer Verhaftung einfach verschwunden. Einen Ausbruch konnte er ausschließen, auf eine solche Meldung hätte sich die Presse direkt gestürzt.

Egal, er hatte noch weitere Punkte auf seiner Liste, die er prüfen wollte. Bestimmt gab es noch irgendwo alte Baupläne der Asservatenkammer. Zumindest ein Grundriss oder eine Übersicht der Türen und einiger Versorgungsleitungen wäre hilfreich. Er kopierte alles was er fand, durchsehen und aussortieren konnte er später immer noch.

Abschließend schaute er sich die virtuelle Darstellung der Asservatenkammer an. Schlichtes Design, so als hätte das alles nichts kosten dürfen. Als erstes fiel ihm die Liste mit Stellenausschreibungen ins Auge, die recht prominent dargestellt wurde. Bei einem Konzern hätte er vermutet, dass ein Laden mit so vielen offenen Stellen gerade expandiert wie blöde. Bei einem Betrieb, der immer noch wie eine Behörde aus dem zwanzigsten Jahrhundert arbeitete, sollte man jedoch eher von einem eklatanten Personalmangel ausgehen.

Ansonsten war hier nichts Auffälliges zu finden. Vermutlich war das System hoffnungslos veraltet und jede Interaktion damit, die so nicht in der Dienstvorschrift verzeichnet war, würde einen Fehler auslösen und den Admin unnütz zum Handeln zwingen. Besser er würde erstmal die Füße stillhalten.

Er loggte sich wieder aus. Dann begann er den Couchtisch aufzuräumen und stapelte alte Speichermedien sorgsam auf. Als er seine Sammlung optischer Datenträger alphabetisch sortiert hatte, kroch ihm langsam der Gedanke in den Kopf, dass er den Anruf bei Shiny und Quake nur unnötig vor sich herschob. Er griff zum Mobiltelefon und suchte die erste Nummer raus.

3. 2339005403 SA Feb-13-2044 19:43:23 GMT+0000

»Reichst du mir mal die Soße an, por favor.«

»Hier. Hab ich dir eigentlich von dem komischen Typen die Tage im Museum erzählt?« fragte Samantha, als sie Shiny die Flasche anreichte.

»Nicht das ich wüsste.«

»Seine Klamotten sahen ziemlich abgewetzt aus. Aber er stand da rum, als wenn er der wichtigste Mensch im Raum wäre. Und dann schaut er das Bild an und fragt ob das, wie meinte er, „/dev/random“ wäre.«

»Ist wohl so ein komischer Hacker-Alachwitz, so nach dem Motto „ist das Kunst oder kann das weg“. Mach dir keinen Kopf.« Shiny drehte die Flasche wieder zu und stellte sie neben den Teller.

»Kann es sein, das es dir im Museum etwas zu langweilig wird und du deswegen auf komische Gedanken kommst?«

»Wieso? Nur weil ich die Anweisung habe als Teil des Praktikums neben meinen Bildern stehen zu bleiben und Fragen zu beantworten, obwohl ich zu neunzig Prozent der Ausstellung Fragen beantworten könnte?«

»Si. Genau das meinte ich.«

»Ich glaube ich melde mich am Montag einfach krank. Dann lege ich mich noch mal ins Bett und stehe nur für das Nötigste auf.«

Mit einem leisen Brummen machte das Telefon auf dem Tisch auf sich aufmerksam. Shiny zog das Gerät zu sich ran und sah auf das Display, drückte den grünen Knopf und hielt es an ihr Ohr.

»¿Hola?« Sie biss von einer Kartoffelecke ab, während sie die Antwort abwartete.

»Si. Lass uns da am Montag mal in Ruhe drüber sprechen. Komm einfach vorbei.« Sie schob den Rest der Kartoffelecke in den Mund. »Quake? Ok. Soll ich den Besprechungstisch wieder aufbauen oder wird es nicht so lange dauern?«

Samantha schaute neugierig zu ihr rüber.

»Si. Und bring nicht noch ein Sechserpack von der komischen Koffeinlimonade mit. Von letztes Jahr stehen da noch zwei Dosen im Kühlschrank.« Mit diesen Worten legte sie auf und steckte das Telefon in die Hosentasche.

»So, wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, du wolltest dir einen Tag frei nehmen und ausschlafen.«

»Oder ich komm einfach mit in die Werkstatt. Alles ist besser als noch einen Tag im Museum die Beine in den Bauch zu stehen. «

»Nein.«

»Warum?«

»Unwissenheit kann ein Segen sein. Letztes Jahr hat der Typ von der Federal Intelligence Agency offen damit gedroht, dich in die Ermittlungen mit rein zu ziehen, wenn er dafür genug Anhaltspunkte hat und es ihm irgendwie in die Karten spielen würde. Ist schon schlimm genug, dass die FIA in meiner Werkstatt war, die müssen nicht noch eine Spur zu unserer Wohnung finden.«

»Hm. Na gut.« Lustlos stocherte Samantha im Salat auf ihrem Teller.

4. 2339044200 SO Feb-14-2044 06:30:00 GMT+0000

Firiel stand am Herd in ihrer Küche und stellte eine Pfanne geräuschlos auf die Induktionsfläche. Ohne hinzusehen stellte sie den Schalter für die Platte auf die höchste Stufe. Dann drehte sie sich zur Seite um den Kühlschrank zu öffnen und einen zweieinhalb Liter Pappkarton Pasteurisiertes Voll-Ei herauszunehmen. Die Packung war noch gut halbvoll. Langsam goss sie die Flüssigkeit in die Pfanne. Ein leichtes Zischen war zu hören. Sie nahm einen Pfannenwender und schob die allmählich stockende Masse hin und her.

Sie gehörte zu den Menschen, die eine Kirsche mit einem Schwert in zwei exakt gleichgroße Hälften zerteilen können, aber es nicht schaffen, ein Ei am Rand der Pfanne aufzuschlagen und das Innere ohne Schale zu braten. Aus diesem Grund bevorzugte sie das industrielle Produkt, obwohl es eine gute, wenn auch kostspielige, Versorgung mit frischen Eiern im Megaplex gab.

Sie schaute auf die digitale Uhr an der Wand. 06:35. Sie griff zum Telefon neben der Herdplatte. Das Display war bereits erleuchtet und signalisierte den ankommenden Anruf. Sie drückte auf den grünen Knopf, noch bevor der Klingelton piepte und hielt das Gerät an eines ihrer chirurgisch modifizierten und spitz zulaufenden Ohren.

»Ohayo gozaimasu, Sensei«, sagte sie ohne das Gesicht zu verziehen.

»Ohayo, Firiel-san.« Kam die prompte Antwort. »Immer noch pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk.«

»Ja.«

»Isst du immer noch dieses grässliche Ei aus der Pappschachtel zum Frühstück?«

»Echte Eier sind hier schwer zu bekommen.«

»Vielleicht kannst du die Leute in der Großstadt anlügen, aber mich nicht. Ich höre das noch immer in deiner Stimme.«

Sie klemmte das Telefon zwischen Kopf und Schulter um das Rührei in eine Schale schieben zu können.

»Ich habe die Tage einen kurzen Video-Mitschnitt bekommen. Da sieht man wie ein Ninja auf einem Volksfest von einer unbewaffneten Frau aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Warst du das?«

»Ja.« Es erschien ihr sinnlos diesbezüglich zu lügen.

»Und was ist das für ein schwarzes Ding gewesen, das du an ihrem Rücken angebracht hast?«

»Ein Elektroschocker.«

»Seit wann benutzen wir so etwas? Hätte es nicht auch ein Wurfdolch oder ein vergifteter Pfeil getan?«

»Sensei.« Sie holte noch einmal kurz Luft. »Seit vor über hundert Jahren eine gewisse Yoko, die der Ansicht war eine direkte Nachfahrin von Hattori Hanzo zu sein, irgendwo in der Provinz Iga eine Schwertschule gründete, hat sich die Welt weitergedreht. Zu den Besten zu gehören ist heute nicht mehr genug. Die Beste zu sein ist heute gerade noch gut genug. Es gibt Menschen da draußen, die haben ihre Reflexe mittels Computerchips verbessert. Wer nie eine Waffe gehalten hat, kann sich einen Chip implantieren und so das Äquivalent von fünf Jahren Training innerhalb von Sekunden abrufen.« So gut ihre Ausbildung auch gewesen war, es nervte sie, dass viele Lehrer immer noch in der Vergangenheit festhingen.

»Vielleicht hast du Recht. Aber du solltest dennoch nicht von so vielen Leuten gesehen werden.«

»Ja, Sensei«, antwortete sie knapp. »Sensei, ich bekomme gerade eine Nachricht, da muss ich mich drum kümmern. Mata ne.« Sie drückte das Gespräch weg. Ihr war klar, dass ihre kurze und formlose Verabschiedung nicht gut aufgenommen wurde. Wäre sie noch eine Schülerin in der Provinz gewesen, hätte man sie für diese Respektlosigkeit mit einem Lederriemen geschlagen.

Das Rührei war fast kalt geworden. Sie nahm die Schale und ein Paar Stäbchen und setzte sich an den Tisch. Sie aß schneller als gewöhnlich, da sie nicht darauf warten wollte, dass der Inhalt der Schale komplett erkaltet war. Anschließend ging sie zu ihrem Schreibtisch rüber und schaltete den Computer ein. Der Schreibtisch war mehr ein Klapptisch, der in einer Ecke des Raumes stand und gerade genug Platz für einen fünfzehn Zoll großen Monitor und eine Tastatur bot. Es dauerte weniger als eine Minute bis das System gestartet war. Nach der Eingabe des Passwortes startete automatisch ein Programm zum Abrufen neuer Nachrichten.

Sie blätterte durch die Liste und blieb an einer der Überschriften hängen: „Extraktion von Zielperson – Zahle 57.863,92N₩“

Offensichtlich wusste jemand Bescheid und zielte mit dem Preisangebot direkt auf ein bestimmtes Klientel ab. Firiel versicherte sich, ob der Betrag dem heutigen oder gestrigen Tagespreis für einen Barren Gold entsprach, um abzuschätzen wie lange der Auftrag schon offen war.

Sie war überrascht als sie feststellte, dass so früh morgens schon jemand einen derartigen Auftrag einstellte. Sie öffnete die Nachricht. „Extraktion einer Zielperson aus einer Einrichtung für Betreutes Wohnen und anschließende Unterbringung an einem sicheren Ort. Kosten für Unterbringung werden gestellt. Details bei Bestätigung des Auftrages.“

Es irritierte sie, dass jemand aus einer Einrichtung für Betreutes Wohnen geholt werden sollte. Meistens waren es Aufträge, bei denen Personen aus Wohnkomplexen von Konzernen, Geiselhaft oder vergleichbarem geholt werden sollten. Dann wiederum dachte sie, was sollte an dem Auftrag schwierig sein? Solche Einrichtungen waren für gewöhnlich keine Hochsicherheitsanlagen und in der Regel wollten die Leute, aufgrund langer Wartelisten, eher rein als raus.

Sie klickte die Nachricht an und bestätigte den Auftrag. Bis die Details reinkamen, hatte sie noch Zeit die morgend-liche Routine im Bad zu erledigen.

Gut zehn Minuten später kam sie zu ihrem Computer zurück. Es blinkte bereits eine eingegangene Nachricht. Sie öffnete die Schublade des Tisches, nahm erst ein Buch und dann den doppelte Boden heraus. Den darunter versteckten Chip steckte sie in einen freien Steckplatz im Computer um den Schlüssel für die Dechiffrierung der eingegangenen Nachricht zu laden.

„Extrahieren Sie Manfred Stellmacher aus der Einrichtung für Betreutes Wohnen in Neo Kalkutta, Bezirk King’s Garden, Zimmer Nummer 314. Die Zielperson ist 30 Jahre alt und unter Umständen nicht kooperativ. Bringen Sie die Person an einen sicheren Ort, an dem sie für mindestens 3 Monate untertauchen kann. Organisieren Sie eine Tarn-Identität, sofern dieses notwendig ist. Nach Beendigung teilen Sie mir die neue Adresse der Zielperson, sowie die durch die Unterbringung entstandenen Kosten mit, diese werde ich zusammen mit Ihrer Bezahlung erstatten. Anbei ein Bild der Zielperson.“

Verwundert zog sie eine Augenbraue hoch. Eine Person für drei Monate irgendwo untertauchen zu lassen hatte sie nicht erwartet. Sie las den Text noch einmal durch. Extrahieren, unterbringen, Geld kassieren. Mehr nicht, keine regelmäßige Überwachung, keine Kontrollbesuche. Sie hoffte, dass die Zielperson sich nicht so sperrig verhalten würde, wie in der Nachricht angedeutet wurde.

In Gedanken ging sie die Optionen durch. Eine Wohnung in Pine Valley würde sich immer schnell und preiswert finden. In Grey Rock wäre die Nachbarschaft etwas besser und von der nahegelegenen Mall könnten regelmäßig Nahrungsmittel geliefert werden. Jedoch würde eine Unterkunft in Grey Rock eine neue Identität voraussetzen. für gewöhnlich ließen die Vermieter da nicht jeden einfach so wohnen, nur weil ein Haufen Geld auf den Tisch gelegt wurde. Sie entschied sich, mal bei SnakeEye vorbei-zuschauen und sich die aktuelle Qualität der gefälschten Ausweise anzusehen. Zudem fehlte ihr aktuell das Gespür, wie viel eine neue Identität kosten sollte.

5. 2339136345 MO Feb-15-2044 08:05:45 GMT+0000

Whitfield hatte ein Taxi bestellt und war auf dem Weg um Redhat einzusammeln. Es war noch Zeit genug bis sie bei New-Pharma-Research sein mussten und er wollte diese nutzen um Redhat vorzubereiten.

Das Taxi bog um eine Straßenecke und im Ausgangsbereich einer U-Bahn-Haltestelle stand bereits Redhat. Er schaute verloren in die Gegend.

»Halten Sie da mal an, den Typ mit dem Aktenkoffer nehmen wir mit«, wies er den Taxifahrer an. Er ließ das Fenster runter und rief, »Los, steig ein, die Zeit wartet auf niemanden.«

Redhat folgte der Aufforderung und legte vorsichtig den Aktenkoffer auf die Sitzbank. Er hatte seine beste Alltagskleidung angezogen und seine Haare mit Gel in Form gebracht.

»Chic siehst du aus, besser als ich es erwartet hatte. Sogar die Turnschuhe sind sauber. Wofür ist der Koffer?«

»Da ist das TX-38 drin. Das lass ich doch nicht einfach Zuhause.«

»Ich sagte doch...«

»Du sagtest, dass du das Teil nicht sehen willst. Und? Siehst du es?«

Whitfield seufzte. »Schön. Was auch immer.« Er rückte seine Krawatte zurecht. »Also, wir haben gleich einen Termin bei New-Pharma-Research, der Laden ist nicht sonderlich groß. Kleine vierstellige Anzahl an Mitarbeitenden. Die Details werden die uns gleich noch lang und breit erzählen. Wie neulich schon gesagt, du bist mein extra Paar an Augen und Ohren.«

»Da hättest du dir auch einen Stift mit integrierter Kamera in die Hemdtasche stecken können, wenn es dir nur darum geht.«

»Aber du hast das gewisse je n’ai sais quoi, das so ein Stift nicht hat.«

»Das fühlt sich jetzt irgendwie wie ein Kompliment an.«

»Ja«, entgegnete Whitfield. »Eines hast du mit 0byte gemeinsam, du weißt nicht wann du einfach mal den Mund halten solltest.«

»Darf ich dich mal was fragen?«

»Tust du doch schon.«

»Whitfield ist dein echter Name, oder?«

»Ja.«

»Aber warum?«

»Weil meine Eltern auch so hießen. Du weißt, wie das in Familien so läuft?«

»Klar, weiß ich das. Ich meine, warum kennt jeder deinen Namen? Denn bei 0byte weiß ja zum Beispiel auch keiner wie der wirklich heißt. Warum bist du da eine Ausnahme?«

»Glaub mir, den bürgerlichen Namen von 0byte kennen bestimmt mehr Leute als ihm lieb ist. Aber ja, ich bilde da eine Ausnahme. Hast du vom Veronese-Virus gehört?«

»Gesundheit! Was ist das denn für ein bescheuerter Name?«

»Also hast du noch nichts davon gehört, dachte ich mir. Das ist ein paar Jahre her, da warst du noch ein Funkeln in den Augen deiner Eltern. Es gab eine Zeit, da wurden fast