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In einem Wohnhaus im 12. Wiener Gemeindebezirk findet eine junge, von Erfolg verwöhnte Schauspielerin eines Tages eine weiße Rose auf ihrer Fußmatte vor. In einem kleinen Meidlinger Lokal bäckt ein verliebter Restaurantbesitzer einen Gugelhupf nach dem anderen. Einen Steinwurf entfernt, in einem winzigen Blumenladen in einer unbedeutenden Seitengasse verkauft eine blasse, zierliche Person Blumen, die besonders gut duften. Angelika, Markus und Verena verbindet nur eines: Rosen. Anfangs verläuft alles nach Plan, aber dann gibt es auf einmal einen Rosenkavalier zuviel. Die Geschichte vom Immaguat erzählt auf humorvolle Weise von Freundschaft, Liebe, Leidenschaft, Eifersucht, und kleineren und größeren Katastrophen.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2021
Die Handlung und alle handelnden Personen dieses Romans sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.
Umschlaggestaltung: Eva Maria Schwarz-Pretner
eBook-Erstellung: The Busy Editor
Copyright © 2021 Eva Maria Schwarz-Pretner
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN: 9783347373174
1 Markus
2 Der Film
3 Verena
4 Angelika
5 Ein seltsamer Kunde
6 Ingrid
7 Komplizen
8 Alles Mozart
9 Das Inventar zieht Resümee
10 Der Einkauf
11 Max
12 Probenbeginn
13 Aufregung im Immaguat
14 Blick durch den Spion
15 Euphorie und Frustration
16 Alexander
17 Blumenstrauß mit Folgen
18 Die Probe
19 Im Café Central
20 Vorbereitungen
21 Wien ist ein Dorf
22 Liebeslieder und der Kampf ums Gebäck
23 Im Fitnesscenter
24 Der Virus
25 Black Baccara und Co.
26 Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt
27 Schauplatzwechsel
28 Alles Theater
29 Gewitterwolken
30 Der Morgen danach
31 Die Liebe ist ein seltsames Spiel
32 Achterbahn der Gefühle
33 Träume
34 Zwei Rosenkavaliere sind einer zuviel
35 Vier Wochen später
36 Hochzeitsglocken
37 Epilog – Fünf Monate später
Über die Autorin und das Buch
Für Jürgen
Markus ist etwas ganz Besonderes und jeder Winkel seines Lokals reflektiert dieses Besondere an ihm. Sämtliche Utensilien in seinem Lokal wurden mit Liebe ausgewählt und dazu brauchte es weder eines Innenarchitekten noch eines Feng-Shui-Beraters, denn Markus hat eine Marotte. Er ist nämlich der Überzeugung, dass Dinge, die für andere in die Kategorie »leblos« fallen, zu ihm sprechen. Sie erzählen ihm Geschichten, die ihn erheitern oder traurig machen, und manchmal sind es Geschichten, die ihn ängstigen. Nun sprechen aber nicht alle Gegenstände zu ihm, sondern nur diejenigen, die aus Holz oder Glas gemacht sind. Gegenstände aus Plastik oder Metall sind so tot und stumm für Markus wie für jedermann sonst auch.
Nur wenige der Stammkunden sind darüber im Bilde, dass sich der Wirt gelegentlich mit seinem Inventar austauscht, und behalten dieses Wissen für sich. Zum einen, weil man in dem kleinen Meidlinger Lokal in Ruhe gelassen werden will, zum anderen, weil Markus Angst hat, als psychisch gestört abgestempelt zu werden oder schlimmer seine Lizenz zu verlieren, sollte es die Runde machen. Und wer würde dann für das leibliche und seelische Wohl der Menschen in Meidling sorgen, deren Geldbeutel nicht so prall gefüllt sind? Dass ich Markus‘ Geschichte nun dennoch niederschreibe, bedeutet nicht, dass ich zum Verräter geworden bin, sondern dass er es mir unter der Voraussetzung, seinen wirklichen Namen und den tatsächlichen Standort seines Lokals nicht preiszugeben, erlaubt hat.
Markus‘ Geschichte beginnt an einem schwülen Sommertag. Es war der zweite Juli, 2018. Wie an einigen anderen Vormittagen im Sommer war es erst schwül, doch im Verlaufe des Tages begann es zu donnern und zu blitzen, und es folgte ein heftiger Regenguss, der den Staub aus der Luft wusch und den Asphalt auf Straßen und Gehsteigen geheimnisvoll schimmern ließ. Plötzlich war die Luft frisch wie im Frühling, und die Meidlinger hatten endlich wieder Appetit auf herzhafte heimische Kost. An einem solchen Tag durfte es sogar etwas vom Schwein sein. Die Österreicher lieben zwar ihre Leberkäsesemmeln, ihre Frittatensuppe und ihren Kümmelbraten mit Sauerkraut und Erdäpfelknödeln, aber bei über 30 Grad sattelt selbst der waschechteste Wiener auf griechischen Salat oder Fisch um.
Jedenfalls machte sich der Wetterumschwung positiv für Markus bemerkbar, da er nun wieder so richtig den Kochlöffel schwingen konnte. Der Kochlöffel war übrigens auch bester Laune und trällerte ein Liedchen vor sich hin, was freilich nur Markus wahrnehmen konnte. An diesem Tag war alles im Lokal ausgelassen, bis auf die hölzernen Bänke auf der Terrasse, die nun pitschnass wurden, und auf die sich sobald keiner setzen würde.
»Wie langweilig!«, seufzten die Bänke, allesamt alte polnische Damen, die Markus billigst bei einer Geschäftsauflösung in Warschau ersteigert hatte. Wie alle älteren Damen liebten auch sie Klatsch und Tratsch, und ohne Kundschaft würden sie nun um so manches Schmankerl und Skandälchen umfallen. Den Sonnenschirmen war das egal, da sie ja tatsächlich leblos waren und nichts mitbekamen. Während also die Bänke draußen wehklagten, bohnerte Boban, der kroatische Mann für alles, die Holzdielen, wischte Sandra, die Studentin aus Hamburg, über die Tische, band sich die Kellnerschürze um und guckte noch einmal rasch in den Spiegel, ob ihr Pferdeschwanz auch richtig vom Kopf abstand.
Der Spiegel, ein französisches Exemplar, hätte zwar einiges an ihrem Aussehen zu beanstanden gehabt, aber Gott sei Dank konnte Sandra ihn nicht hören, und so wurde ihr die gute Laune nicht verdorben.
Und sie war wirklich guter Dinge – erst vor kurzem hatte sie ihre Erste Diplomprüfung bestanden, und ihr Freund Olli hatte ihr einen Ring geschenkt. Zwar keinen Verlobungsring, wie er beteuerte, aber immerhin.
Selbst der ansonsten grantige Zulieferer, ein siebzigjähriger Pensionist aus der Südsteiermark, pfiff ein Liedchen vor sich hin, als er das Biogemüse in den Keller schleppte. Bei Markus war nämlich alles Bio – von der Karotte bis zu den Eiern und dem Fleisch. Gewinn machte er auf diese Weise keinen großen, aber solange er die Pacht fürs kleine Lokal samt Studio im ersten Stock und die Gehälter für Sandra, Boban und sich selbst bezahlen konnte, war das für ihn in Ordnung. Reich geworden wäre er, wenn er weiterhin als Finanzberater gearbeitet hätte, aber es war ihm wichtiger gewesen, sich den Traum vom eigenen Lokal zu erfüllen.
Dass er bis zu 16 Stunden am Tag würde schuften müssen, hatte er zwar nicht gewusst, auch nicht, dass es so viel schwieriger sein würde für sechzig als für sechs Leute zu kochen, aber er hatte es geschafft: seine Stammkunden hielten ihm seit Jahren die Treue, und ab und zu verirrte sich auch der eine oder andere Tourist in sein Lokal und erfreute die fesche Sandra mit einem saftigen Trinkgeld.
Rückblickend hätte der unerfahrene Markus wahrscheinlich Schiffbruch erlitten, hätten ihm nicht seine hölzernen und gläsernen Freunde mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Die ausrangierten Holztische vom Hotel Sacher, die renovierungsbedürftigen Sessel aus einem Haubenlokal in Prag, der Garderobenständer aus dem Budapester Hotel Gellért, der Spiegel aus einem Pariser Antiquitätengeschäft, Weingläser und Aschenbecher aus Muranoglas – sie alle blickten auf eine jahrelange, wenn nicht jahrzehntelange Erfahrung im Gastronomiebereich zurück und wurden zu Markus’ wichtigsten Beratern in Sachen Einrichtung, Speiseplan und Gästebetreuung.
Ja, ohne sie wäre das »Immaguat« vielleicht schon im ersten Jahr in Konkurs gegangen, mit ihnen aber wurde es zum Inlokal der Meidlinger, die sich als würdig erwiesen hatten. Unangenehme Gäste erlebten so manches Missgeschick im »Immaguat« und vermieden das Lokal daraufhin tunlichst. Obwohl die »Opfer« irgendwie das Gefühl hatten, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugehe, konnten sie sich keinen Reim darauf machen, warum sie jetzt nicht mehr dort speisen wollten, obwohl es ihnen doch hervorragend geschmeckt hatte.
Um Markus‘ Geschichte nachvollziehen zu können, muss man aber nicht nur Einblick in sein Berufs- sondern auch in sein Privatleben gewinnen. So sehr Markus alte Dinge liebt, mit Leidenschaft auf Versteigerungen geht und online Jagd auf Antiquitäten macht, um Sachen für sein Lokal zu erstehen, die er dann repariert und renoviert, so sehr liebt er schöne Frauen. Da er aber eine fixe Vorstellung von seiner Traumfrau hat, ist er immer noch – abgesehen von ein paar oberflächlichen Abenteuern – single.
Markus sieht nicht schlecht aus, aber nicht jede Frau ist bei seinem Anblick hin und weg. Er ist mittelgroß und sportlich, sein Haaransatz ist schon etwas zurückgegangen, und seit er das Lokal betreibt hat er ein bisschen um die Mitte zugelegt. Seine braunen Augen blicken eher kritisch als freundlich in die Gegend, aber sein Mund ist leidenschaftlich und zeugt von seinem generösen Wesen. Wenn er dann lacht und seine blitzend weißen Zähne sichtbar werden, die von Natur aus so hell sind und ganz ohne Bleichen auskommen, dann war es schon des Öfteren um die eine oder andere Dame geschehen.
Leider haben es diese meist schnell bereut, aufgrund des Lächelns weiche Knie bekommen zu haben, denn Markus ist furchtbar umständlich, macht sich nichts aus Geld und redet gern über Gott und die Welt. Wenn er vom anderen Geschlecht wäre, würde man ihn als geschwätzig bezeichnen.
Und schließlich kommt da noch die Sache mit seinem hölzernen und gläsernen Inventar dazu – wenn er liebevoll seinen Kochlöffel ansieht, dann hält man ihn bestenfalls für überspannt und schlimmstenfalls für gruselig. In Zeiten, wo die Brutalität im Steigen begriffen ist und zwanghafte Männer Frauen auf Social Media stalken, kann Frau gar nicht vorsichtig genug sein, und Markus kommt einem nicht immer ganz koscher vor.
Kurz gesagt ist Markus mit seinen einunddreißig Jahren noch immer solo, und das, obwohl er Frauen liebt und eigentlich romantisch veranlagt ist. Auch ein Mann mit einer Liste in seiner Nachtkästchenlade, auf der er die Wunschkriterien seiner zukünftigen Partnerin festgehalten hat, kann ein Romantiker sein.
Am selben Tag, nach besagtem kurzen aber heftigen Regenschauer, kommt Ingrid, Markus‘ beste Freundin, ins Immaguat. Sie hat eine DVD dabei, die sie sich am Abend mit Markus anschauen möchte. Der Grund – ihre Freundin Angelika hat es geschafft. Nach aufreibenden Jahren auf diversen Kleinstadtbühnen hat sie eine Nebenrolle in einem Film ergattert. Auch wenn sie nur alles in allem fünfzehn Minuten darin vorkommt, möchte Ingrid, dass Markus den Film mit ihr ansieht. Die Freundin einer Berühmtheit zu sein ist doch cool, oder?
Und mit Markus Filme anzuschauen macht Spaß. Er ist einer der wenigen, die einen ganzen Film schaffen ohne dazwischen zu telefonieren, zu texten, einzuschlafen oder sich Essen bei McDonald‘s zu bestellen. Er kann sich, so wie Ingrid, auf einen Film konzentrieren und in fremde Welten eintauchen. Da sich die beiden seit dem Kindergarten kennen, schaffen sie es sogar, gemeinsam auf dem Sofa zu sitzen, ohne sich dabei unbehaglich zu fühlen. Markus und Ingrid sind nicht wie »Harry und Sally«, sie sind wirklich gute, alte Freunde und kennen einander in und auswendig. Dass ihre Mütter Freundinnen geworden sind, ist allein schon Garantie dafür, dass die beiden nie ein Paar werden können.
Nachdem Markus den letzten Gast, einen seit kurzem verwitweten Beamten, der seinen Kummer jeden Abend mit ein paar Gläschen Wein hinunterzuspülen pflegt, hinausbugsiert hat, gehen die beiden rauf in sein kleines Studio, das er seit Lokaleröffnung bewohnt. Sein Penthouse im 21. Bezirk hat er vermietet, denn es macht absolut keinen Sinn, nach einem sechzehnstündigen Arbeitstag quer durch Wien und über die Donau zu fahren, nur um sich ein paar Stunden Schlaf zu gönnen. Das Studio ist ideal – simpel, macht nicht viel Aufwand, und in einer Minute ist er an seinem Arbeitsplatz.
Ingrid legt also die DVD ein, während Markus zwei Gläser Rotwein und eine Schale Cashewnüsse auf den Couchtisch stellt. Dann schnappt sich jeder einen Polster zum Kuscheln und los geht‘s.
Der Film ist nicht besonders gut gemacht. Typisch österreichisch gibt es derbe Dialoge und eine Kloszene, denn in österreichischen Filmen wird gern gezeigt, wie einer der Protagonisten am Häusl sitzt. Ob die obligatorische Szene auf der Toilette zur Geschichte passt oder nicht, sei dahingestellt, aber es gilt in österreichischen Filmen anscheinend als ungeschriebenes Gesetz, dass eine solche vorzukommen hat.
Dann erscheint endlich die Szene mit Ingrids Freundin und auf einmal hört Markus auf zu knabbern. Gerade wollte er sich eine weitere Ladung Nüsse in den Mund werfen, als seine Hand mitten in der Bewegung innehält. Ingrid meint zu vernehmen, dass er sogar aufgehört hat, zu atmen.
»Hast du Schmerzen? Tut dir die Brust weh?« Ingrid sieht Markus besorgt an. Man liest ja, dass immer mehr Männer in ihren Dreißigern – und seit kurzem gehört Markus zu dieser Kategorie – einen Herzanfall erleiden und bei dem stressigen Job im Lokal wäre das leicht denkbar.
Markus antwortet nicht und starrt wie hypnotisiert auf den Bildschirm. »Die musst du mir vorstellen!«, sagt er schließlich. »Das ist meine zukünftige Ehefrau!«.
Jetzt ist Ingrid baff – sie findet ihre Schauspielerfreundin zwar hübsch, aber dass sie so eine Wirkung auf Markus haben würde, das hätte sie sich jetzt echt nicht gedacht. Leider hat Angelika ständig Affären, und das versucht Ingrid Markus nun schonend beizubringen.
Er wischt ihre zahlreichen Liebhaber beiseite, als wären sie lästige Insekten und meint: »Ich werde diese Frau erobern. Koste es, was es wolle!«
Der Film ist jetzt nicht mehr wichtig – Markus will alles über Ingrids Freundin wissen. Was sie gerne isst, welches ihre Lieblingsfarbe ist, welche Musik sie hört, ob sie gerne Sport macht, ob sie Kinder mag, ob sie ein Haustier hat, wie viele Geschwister sie hat, ob sie auch Dialekt sprechen kann, ob sie schon einmal stationär im Krankenhaus aufgenommen war, wohin sie gern auf Urlaub fährt, wovor sie Angst hat…
Und obwohl Ingrid die meisten seiner Fragen beantworten kann, kommt sie langsam aber sicher zu der Erkenntnis, dass sie ihre Freundin doch nicht so gut kennt, wie sie immer dachte. Schließlich erklärt sie ihm unaufgefordert, dass Angelika schon viele tolle Männer als Liebhaber hatte, und dass sie alles andere als treu sei. »Für Angelika ist die Liebe ein Spiel – ein Spiel, aus dem sie immer als Siegerin hervorgeht.«, warnt Ingrid ihren Freund, den aber diese charakterlichen Unzulänglichkeiten nicht abzuschrecken scheinen.
Schön langsam beginnt sich Ingrid Sorgen um Markus‘ Seelenfrieden zu machen. Und überhaupt passt er – wie sie weiß – nicht in Angelikas Beuteschema. Er ist absolut nicht ihr Typ. Sie steht auf große, blonde Männer mit tiefgründigen, blauen Augen. Sie liebt romantische Spielchen, und ein Lokalbesitzer, der den ganzen Tag in der Küche steht und nach Zwiebeln und Knoblauch riecht, steht sicher nicht auf ihrer Liste geeigneter Kandidaten. Auch dass sie ihren letzten Freund mit einem ihrer Schauspielkollegen betrogen hat, findet Markus nicht irritierend. Da sie ihn nicht kennt, hat sie einfach noch nicht den Richtigen getroffen.
»Ich bin ihr Schicksal! Ihr Lebensmensch!«, ist er überzeugt und nur der Pariser Spiegel stimmt ihm bei, denn die Franzosen sind ja so was von verschroben und lechzen förmlich nach Dramen. Welcher französische Liebesfilm hat schon ein Happy End? Und der Spiegel hat leicht lachen, er wird ja keine Abfuhr erleiden. Um endlich Ruhe vor Markus‘ Fragen zu haben, stimmt Ingrid zu, ihm die Adresse ihrer Freundin zu verraten. Er verspricht im Gegenzug, sie nicht anzusprechen.
»Wie willst du sie um ein Rendezvous bitten, wenn du nicht mit ihr sprichst? Bist du jetzt völlig plemplem?«
Er aber lächelt nur geheimnisvoll und fragt sie, ob er ihr einen Gugelhupf backen darf. Immer wenn er sehr glücklich ist, bäckt Markus einen Gugelhupf, und seine Freundin aus Kindheitstagen darf ihn dann aufessen. Da er oft glücklich ist, ist Ingrid im Laufe ihrer Freundschaft schon ein bisschen rundlich um die Mitte geworden.
»Na, das wird sich dann ja rasch ändern, wenn er einen Korb bekommt!«, denkt sie bei sich und schaut ihm zu, wie er die Eier in die Rührschüssel schlägt.
Nur einen Steinwurf vom Immaguat entfernt gibt es eine kleine, verwinkelte Seitengasse, und in dieser kleinen, verwinkelten Seitengasse befindet sich neben einem Kindergarten, einem renovierungsbedürftigen Haus aus der Gründerzeit, einem veralteten Bürogebäude und einem türkischen Gemüse- und Obstgeschäft ein winziger Blumenladen.
Niemand, nicht einmal die Menschen, die täglich an diesem Laden vorbeigehen, kennen dessen Namen und außer ein paar Kindergartenkindern hat auch noch niemand jemals Anstalten gemacht, den vergilbten Schriftzug auf dem blechernen Schild über der Eingangstür zu entziffern. Das mag daran liegen, dass die Menschen heutzutage von A nach B hasten und vor lauter Eile keine Zeit mehr finden, sich über irgendetwas Gedanken zu machen, oder dass sie wegen ihrer Handys verlernt haben, ihre Umwelt überhaupt wahrzunehmen.
Wenn man jetzt annimmt, dass der Blumenladen deshalb keine Gewinne abwirft, liegt man allerdings grundlegend falsch. Die Passanten mögen zwar auf ihre Handys starren oder durch die Gasse eilen, aber dem betörenden Blumenduft kann trotzdem keiner widerstehen.
Außer an kalten Wintertagen steht die Eingangstür zum Laden sperrangelweit offen, und der Duft, der dem Laden entströmt, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Es ist just in dem Moment, wenn sie diesen Duft einatmen, dass Passanten in ihrem Schritt innehalten und dem Zauber des Blumenladens erliegen. Denn der Geruchssinn sendet ein Signal ans Gehirn, das wiederum ein Signal ans menschliche Auge weiterleitet und dann erblicken die Augen des Passanten oder der Passantin in der kleinen Auslage die liebevoll arrangierten Blumengestecke, die farbenfrohen Sträuße und die Blümchen oder Pflänzchen, die in kunstvoll verzierten Keramiktöpfchen gedeihen. Und plötzlich erscheint dem Betrachter der Terminkalender nicht mehr so voll, und der Beitrag auf Instagram nicht mehr so interessant wie noch einen Atemzug zuvor. Die Menschen verweilen kurz vor der Auslage und betreten, bevor sie sich ihrer Handlung so recht bewusst werden, den Laden.
Was aber ist an diesem Laden so Besonderes dran? Warum übt dieser kleine Laden – in einer unscheinbaren Seitengasse, in einem Touristen unbekannten Bezirk in Wien – solch eine Anziehungskraft auf die Passanten aus? Gibt es denn in dieser Gegend keine anderen Blumengeschäfte? Oh doch – die Konkurrenz in dieser Nachbarschaft ist groß, denn es gibt nicht nur den Markt zwischen Reschgasse und Niederhofstraße, auf dem diverse Stände neben Obst, Gemüse und Fleisch auch Blumen feilbieten, sondern auch einen großen Holland Blumen Mark und ein Blumenfachgeschäft auf der Meidlinger Hauptstraße. Sogar die hiesigen Supermärkte wie Billa, Spar und Hofer verkaufen frische Schnittblumen und Topfpflanzen zu Schleuderpreisen. Aber in keinem dieser Geschäfte kaufen die Menschen so gern und so oft ein wie in dem Blumenladen, der nur einen Steinwurf vom Immaguat entfernt ist.
Dass dieser kleine Laden trotz all der Konkurrenz floriert, liegt an Verena, der der Blumenladen seit dem Tod ihres Großonkels gehört. Verena war noch ein Kind, als ihr Großonkel Hans, der Gründer des Blumenladens, erkannte, dass Blumen und Pflanzen in Verenas Gegenwart prächtiger aussahen und sinnlicher dufteten als sonst. Die Anwesenheit seiner Großnichte im Laden, und der damit verbundene höhere Umsatz war dem sonst eher geizigen Hans der tägliche Apfelstrudel im Winter und das tägliche Staberleis im Sommer wert, und so ergab eins das andere.
Während ihrer täglichen Stippvisiten im Blumenladen wurde die kleine Verena zur Expertin in Sachen Flora und zum Liebling aller Kundinnen und Kunden, Jahre bevor sie ihre Lehre zur Floristin absolvierte und dann selbst den Laden übernahm. Frau Holik und einige andere ältere Damen aus dem Gründerzeithaus gegenüber beschwören, dass die Blumen mit Verena sprechen, und dass es magische Blumen seien. Aber das ist wohl Altweibergeschwätz, dem man keinerlei Bedeutung beimessen sollte.
Um vier Uhr morgens wird Verena unsanft von ihrem Wecker aus dem Schlaf gerissen. Sie putzt sich die Zähne, fährt sich achtlos mit den Fingern durchs schulterlange Haar, trägt eine getönte Gesichtstagescreme auf, tuscht sich rasch die Wimpern, und während das Teewasser zu kochen beginnt, zieht sie sich an. Jeans, ein einfärbiges T-Shirt und darüber eins von Großonkel Hans’ karierten Flanellhemden, denn morgens friert Verena immer ein bisschen – selbst im Juli. Dann schlürft sie, wie jeden anderen Tag im Jahr auch, genüsslich ihren Pfefferminztee und am Weg zur Tür schnappt sie sich noch rasch einen Pfirsich von der Obstschale am Küchentisch, und beißt genussvoll hinein. Wie immer bereut sie es, am Vortag aus den Nike Laufschuhen herausgeschlüpft zu sein, ohne die Schnürbänder gelöst zu haben, aber auch das gehört zu ihrem täglichen Morgenritual, das insgesamt keine dreißig Minuten dauert, dazu.
Verena sperrt ab, hastet die fünf Stockwerke immer zwei Stufen auf einmal nehmend hinunter, denn einen Lift gibt es in ihrem Wohnhaus in der Darnautgasse leider keinen. So wie jeden Tag trifft sie im Stiegenhaus auf Max, den Bäcker, wünscht ihm einen schönen Tag und entsorgt den Pfirsichkern, den Pfirsich hat sie inzwischen verzehrt, in der Biomülltonne im Garten. Um vier Uhr fünfunddreißig steigt Verena in ihren alten Lieferwagen, sendet ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Motor anspringen möge, und wie immer lässt sie ihr himmelblauer Mercedes-Benz Vito, den ihr Großonkel vor vielen Jahren erworben hatte, nicht im Stich. Ja, und dann geht‘s ab nach Wien Inzersdorf.
Für Ortsunkundige sei erwähnt, dass Wien Inzersdorf Standort des größten heimischen Blumengroßmarktes ist. Wiener Floristen sowie deren Kollegen aus den benachbarten Bundesländern tummeln sich täglich auf dem zehntausend Quadratmeter großen Areal auf der Suche nach Schnittblumen, Topfpflanzen, Bindegrün und all dem Zubehör, das man benötigt, wenn man mit Blumen handelt. Dabei geht es zu wie auf einem arabischen Bazar. Die sonst eher zurückhaltenden Österreicher feilschen, schimpfen, bitten, schmeicheln, ärgern sich und jubilieren, denn auf dem Inzersdorfer Blumengroßmarkt gibt es keine Preisauszeichnungspflicht und neben günstigen Deals ist jeder auf der Jagd nach etwas Besonderem. Aber wenn der Besucher die Augen schließt, die Geräuschkulisse ausblendet und den Duft der Blumen ganz bewusst in sich aufnimmt, dann könnte er meinen, er befände sich nicht auf einem Markt, sondern auf einer prächtigen Blumenwiese.
Verena liebt es, den Tag auf diese Weise zu beginnen. Und doch ist sie nicht wirklich Teil dieses hektischen Treibens um sie herum, denn weder feilscht sie, noch kauft sie ein. Sie schlendert von einem Stand zum anderen und wartet ab. Punkt sechs Uhr herrscht auf einmal Stille, denn die Händler haben ihre Einkäufe erledigt, laden ihre Waren in ihre Lieferwägen und machen sich auf den Weg in ihre Geschäfte. Dort angelangt werden sie all die von ihnen erstandenen Blumen und Pflänzchen zu Gestecken oder Kränzen binden, als Sträuße zusammenstellen oder einfach in Eimern zum Einzelverkauf anbieten.
Jetzt hat Verena ganze sechzig Minuten, um ihre Waren einzukaufen bevor der Markt für Privatkunden geöffnet wird. Warum nur macht sich Verena so früh auf den Weg zum Blumenmarkt, wenn sie dann eine gute Stunde verstreichen und sich die schönsten oder preisgünstigsten Gewächse von anderen vor der Nase wegschnappen lässt? Nun, der Schein trügt, denn Verena werden von den Großhändlern die Sorgenkinder unter den Blumen und Pflanzen, die Amaryllen, die Bonsais, die Hahnenkämme, die sensiblen Rosensorten, die Blumen, die welk und erschöpft sind von ihrer langen Anreise aus Südamerika, der Türkei oder Japan, ans Herz gelegt. Denn die Händler auf dem Inzersdorfer Blumengroßmarkt, egal ob Freund oder Konkurrent, sind sich darüber einig, dass Verena es schaffen wird, diese Blumen und Pflanzen aufzupäppeln, bevor sie sie dann geeigneter Kundschaft überlässt.
Wenn man Verena so sieht, zierlich, blass, mit großen kastanienbraunen Augen, und glattem, aschblonden Haar, dann schaut man wahrscheinlich kein zweites Mal hin und vermutet ganz sicher nicht, dass diese junge, eher unscheinbare Frau der Rockstar unter den Floristen ist – aber das ist sie und den wenigen Insidern und Konkurrenten in der Branche ist das schmerzlich bewusst.
Herr Zenz auf Stand drei hat seine liebe Not mit Rosen aus Japan, deren Knospen einfach nicht aufblühen wollen. Einige seiner Großabnehmer hatten sich heute über die letzten Rosenlieferungen beschwert, und wer will schon die Stammkundschaft verärgern? Als er Verena erblickt, geht er schnurstracks auf sie zu, und weil er wirklich bekümmert aussieht, willigt sie ein, sich das Problem aus der Nähe anzusehen.
»Vielen herzlichen Dank, Verena. Ich weiß, dass du eigentlich keine Zeit für meine Probleme hast.«, murmelt Herr Zenz, während er sich alle paar Sekunden räuspert. Immer wenn Herr Zenz nervös ist, dann hat er das Gefühl, es stecke ein Haar in seiner Luftröhre – deshalb das ständige Räuspern. Am Stand angekommen führt er Verena zu dem Eimer mit den kostbaren japanischen Rosen.
»Oh, die brauchen dringend Hilfe! Da haben Sie gut daran getan, mich um Rat zu bitten!« Verena nimmt eine Rose aus dem Topf und begutachtet die Knospen fachmännisch. »Allesamt verklebt! Die brauchen eine kleine Massage, dann können sie in all ihrer Pracht erstrahlen.«, fügt sie rasch hinzu. »Kein Grund zur Besorgnis, Herr Zenz! Ich kauf gleich mal den ganzen Eimer voll, und bitte sagen Sie Ihren Stammkunden, sie können mich jederzeit anrufen oder bei mir im Laden vorbeikommen, dann zeig ich ihnen, welch Wunder eine gute Blütenmassage bewirkt. Weder zu zimperlich, noch zu grob – das ist die Devise!« Noch bevor sie diesen Satz zu Ende gebracht hat, öffnet sich auch schon die erste Knospe, die sie während dieses Gesprächs scheint‘s so nebenbei mit Daumen und Zeigefinger massiert hat.
Herr Zenz bedankt sich überschwänglich für den Tipp und ist so erleichtert, dass er Verena die Rosen zum Selbstkostenpreis samt Plastikkübel überlässt.
Da die Zeit nun doch ein bisschen knapp geworden ist, beschließt Verena heute nicht nach Außergewöhnlichem Ausschau zu halten, sondern kauft zur Abwechslung Orchideen, verschiedenfarbige Tulpen mit gefransten Blütenblättern, heimische Sommerblumen, allen voran Mohnkapseln, Veronica und Trachelium, und – weil sie so viele Rosen erstanden hat – eine Unmenge an Schleierkraut. Schließlich, weil es ihr Budget erlaubt, ersteht sie noch ein paar Sonnenblumen und den Bonsai von Ismails Stand, denn er sieht so traurig aus – wohlgemerkt der Bonsai, nicht der lebenslustige Ismail – dass sie es einfach nicht übers Herz bringt, ihn zurückzulassen.
Nachdem das Geschäftliche geregelt ist, verstaut Verena all die Kostbarkeiten in ihrem Lieferwagen und zurück geht‘s nach Meidling. Es wartet viel Arbeit auf sie, bevor der Laden um neun Uhr öffnet. Die Neuankömmlinge müssen untergebracht werden. Da heißt es erst mal das richtige Plätzchen für sie zu finden, denn manche mögens am Morgen sonnig, andere nachmittags, und wieder andere bevorzugen ein schattiges Plätzchen. Die Wassertemperatur muss passen, nicht dass Verena dazu einen Thermometer benötigt, denn wie ein guter Koch hat sie das einfach im Gefühl, und jeder Stiel muss frisch angeschnitten werden, damit die Schnittblumen auch recht lange blühen oder so wie die Tulpen sogar weiter in ihrem neuen Zuhause wachsen können. Und neben diesen Routinetätigkeiten kommt heute noch die Blütenmassage dazu. Bei fünfundvierzig Rosen wird das trotz aller Übung doch recht viel Zeit in Anspruch nehmen.
All das geht Verena während der kurzen Autofahrt durch den Kopf, und das obwohl sie wie immer nach dem Besuch auf dem Inzersdorfer Blumengroßmarkt ihre Lieblings-CD eingelegt hat und Lieder von ABBA, Dean Lewis, Enya und Rosenstolz hört und mitsingt. Denn obwohl sie der Rockstar unter den Floristen ist, wenn‘s um Musik geht, dann mag sie es eher still, melodiös und romantisch.
Angelika ist irritiert um nicht zu sagen wütend. Gerade eben hatte sie ein Gespräch mit ihrem Manager und das ist gar nicht so verlaufen, wie sie sich das vorgestellt hat. Anstatt ihr wie versprochen die Rolle der Sheila Birling in der nächsten Sommerproduktion der Bühne Baden zu verschaffen, muss sie nun Eva Smith spielen, eine Rolle, die in den bisherigen Produktionen überhaupt nicht existiert hatte. Nun hat sich aber Karli, der Regisseur, eingebildet, dass man diesen Charakter nicht so wie vom Autor J. B. Priestley gedacht über die Gespräche der anderen Darsteller, sowie über deren Erinnerungen dem Publikum zugänglich machen sollte. Nein – in diesem Sommer solle man Eva in Fleisch und Blut auf der Bühne erleben können.
»Ich hab letzten Sommer die Julia gespielt, und jetzt krieg ich eine Rolle, die eigentlich bloß eine Rückblende ist?«, hat Angelika im Büro von Kurtl gewettert. »Seid ihr noch ganz bei Trost?«
»Nun, es war nicht gerade hilfreich, dass du ein Gspusi mit Karli hattest und ihn dann nach drei Wochen durch deinen Romeo-Kollegen ersetzt hast.« Kurtl, Angelikas Ex-Freund und Manager, lacht laut auf, denn er erinnert sich daran, wie der Karli dem feschen Romeo kurz vor der Premiere eine Ohrfeige gegeben hat, und die Maskenbildnerin alle Hände voll zu tun hatte, den Handabdruck auf Romeos Gesicht mit Concealer zu überdecken.
»Ha, wenn das seine Rache ist, dann werde ich ihm zeigen, dass ich sogar in einer Rolle, die eigentlich gar keine ist, zum Publikumsmagneten werde. Das Publikum liebt mich und jetzt – seit es mich im Kino bewundern kann – noch mehr. Wozu bezahl ich dich überhaupt?« Angelika überkreuzt ihre langen, wohlgeformten Beine und sieht Kurtl herausfordernd an.
»Ohne deine Fangemeinschaft in Baden, die dir die Stange hält, wärst du sowieso raus aus der kommenden Produktion. Also lass mal das Stargetue und knie dich in diese Rolle rein. Hast du überhaupt schon das Stück gelesen… das ganze Stück und nicht nur deine Dialoge?«, geht Kurtl zum Gegenangriff über und händigt ihr zum zweiten Mal in diesem Monat das Manuskript aus.
»Wer außer angehenden Maturanten, denen man das Stück aufzwingt, kennt schon den Priestley und liest ›Ein Inspektor kommt‹?«, schnaubt Angelika, springt auf und stürmt aus Kurtls Büro, dessen erstklassige Lage nahe dem Karlsplatz sie immerhin mit satten dreißig Prozent ihrer Gagen mitfinanziert.
Auf der Heimfahrt in der U4 bessert sich ihre Stimmung keineswegs, denn keiner der Fahrgäste scheint sie zu erkennen, niemand fragt nach einem Autogramm, und keiner versucht mit ihr zu flirten. Wie immer im Zustand höchster seelischer Pein führt sie innere Selbstgespräche, die sich ungefähr so anhören:
»Diese ignoranten Wiener! Schau sie einer an, wie sie mit Scheuklappenblick durch die Welt gehen und sich nur mit sich selbst und ihrem banalen kleinen Leben beschäftigen. Auch wenn ich nicht berühmt wäre, bin ich eine attraktive junge Frau, aber was hilft‘s, wenn die Männer entweder die Zeitung lesen, eindösen oder mit ihren Handys herumspielen. Ein Wunder, dass überhaupt noch wer ins Theater geht oder Kinder in die Welt setzt!«
Und während Angelika solch düstere Gedanken durch den Kopf gehen, vergisst sie bei der Station Meidling Hauptstraße auszusteigen und muss dann von Schönbrunn wieder eine Station retour fahren. Als ob sie nicht schon genug in dieser stickigen U-Bahn geschwitzt hätte. »Was für ein beschissener Tag!«, denkt sie sich, denn wenn Angelika wütend ist, vergisst sie auf ihre gute Erziehung und schimpft wie ein Kesselflicker. In einem solchen Moment hat sie absolut nichts Damenhaftes an sich. Da Angelika aber ein wahres Talent in Sachen Schauspielkunst ist, sieht ihr der neutrale Beobachter das nicht an, denn ihr Antlitz gleicht dennoch dem eines engelhaften Wesens.
Nachdem Angelika an der Haltestelle Meidling Hauptstraße angekommen und ausgestiegen ist, stürmt sie geradezu in Richtung Wohnung, denn immer wenn ihr Geist in Aufruhr ist, dann durchfährt sie ein Energieschub, der, einem Tornado gleich, nicht zu stoppen ist.
Vor ihrem Wohnhaus in der Niederhofstraße stehen grüne Altpapiercontainer und in einen von diesen schleudert sie das Manuskript, das ihr der Kurtl ausgehändigt hat.
»In vier Wochen musst du zur ersten Probe und dann sollten die Lines sitzen, mein Engelchen!«, hat er sie noch geneckt, denn Engelchen ist, wie er weiß, ein Kosename, den Angelika noch mehr hasst, als wenn jemand ihr vorschreibt, was sie zu tun habe. Sie hatte sowieso vor, sich in ihren Part reinzuknien und alles perfekt einzustudieren, aber jetzt, wo Kurtl ihr das quasi angeschafft hat, will sie es partout nicht mehr. Gerade das hat sie am Künstlerdasein gereizt – die große Freiheit – und jetzt sagt ihr so ein phantasieloser Bürohengst, dass sie besser ihren Text auswendig lernen sollte?
Ihren Gedanken freien Lauf lassend, sperrt sie die Eingangstür zur Stiege 3 auf, rauscht die drei Stockwerke nach oben – denn Angelika nimmt nie den Lift, sie muss doch schließlich an ihre Figur denken – und als sie den Schlüssel ins Schloss steckt, sieht sie sie plötzlich.
»Na, jetzt schlägt‘s aber dreizehn!«, entfährt es ihr und schon kommt ihr die Galle erneut hoch. »So eine Frechheit! Bin ich meinen Verehrern nicht einmal mehr einen ganzen Blumenstrauß wert?«
Angelika schnappt sich die weiße Rose, die unschuldig auf ihrem Fußabstreifer liegt, und nun verlegen das Köpfchen hängen lässt. Sie streift sich die Schuhe von den Füßen, wirft ihren Schlüsselbund auf die Ablage ihrer Garderobe, dass es nur so scheppert, und wirft die Rose kurzerhand in den Mülleimer in der Ecke.
So erregt ist sie angesichts dieser Geste eines ihrer Meinung nach geizigen Fans, dass sie weder das klitzekleine Papierstreifchen mit den Worten »Ein heimlicher Verehrer« noch den wunderbaren Duft, der von der Rose ausgeht, wahrnimmt.
Und was macht Angelika an einem Tag, der wahrlich nicht nach ihrem Geschmack verlaufen ist? An einem solchen Tag geht sie zum Kühlschrank, öffnet das Gefrierfach, nimmt sich zwei Eislutscher heraus, setzt sich aufs Sofa und schaut lutschend ein paar Episoden »Friends« an.
Danach, als die Sonne schon längst untergegangen ist, schlurft sie in ihren Hausschuhen noch mal nach draußen, geht die drei Stockwerke runter, marschiert zum Altpapiercontainer, sucht mit Hilfe einer Taschenlampe von Ikea nach ihrem Manuskript, findet es, kehrt in ihre Wohnung zurück und lernt bis spät nach Mitternacht ihre Lines. Denn ehrgeizig ist sie, die Angelika – ehrgeizig mit einem Hang zum Dramatischen.
Verena lässt die Roll-Läden des Auslagenfensters und der Eingangstür runter, steigt in ihr Auto ein, schickt ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Motor anspringen möge und tuckert gemütlich nach Hause. Sie ist, so wie jeden Tag, rechtschaffen müde, nicht unbedingt von der körperlichen Arbeit mit den Blumen, sondern wegen all der Kunden, die, sobald sie den Laden betreten, wie ein offenes Buch für sie sind.
Zu Hause angekommen, geht sie deshalb nicht gleich nach oben in ihre kleine Wohnung, sondern setzt sich erst mal kurz auf die Bank im Gemeinschaftsgarten. Dort weht immer eine angenehme Brise, und die Geräusche, die aus den angrenzenden Wohnungen zu ihr dringen, haben stets etwas Tröstliches und Vertrautes an sich.
Verena mag ihre Nachbarn und fühlt sich, seit sie hierhergezogen ist, nie allein. Obwohl man mit den Mitbewohnern nur kurz im Stiegenhaus, auf dem Gang oder hier im Garten plaudert, weiß man doch, was im Leben der anderen vorgeht, und kann sich im Notfall auf deren Hilfe verlassen. Man ist füreinander da, ohne sich in die Angelegenheiten der anderen einzumischen, und das ist besser als so mancher Familienverband.
Sie streckt die Beine von sich, genießt die laue Brise auf ihrer Haut, schließt die Augen und lässt den heutigen Tag Revue passieren. Es ist einer der Momente in ihrem Alltag, den sie um nichts in der Welt missen möchte. Die Neuankömmlinge in ihrem Blumenladen hatten sich rasch eingelebt und einige hat sie sogar schon verkauft. Eigentlich verlief der heutige Tag unspektakulär. Die Kundinnen und Kunden waren im Lot mit sich selbst, wie das so oft der Fall ist, wenn die Sonne strahlt und die Vögel zwitschern. Es gab auch die eine oder andere Laufkundschaft und unter dieser Laufkundschaft war ein Mann, der Verena einfach nicht aus dem Kopf gehen will. Nach seinem Dialekt zu urteilen war er auf jeden Fall ein Hiesiger, vielleicht sogar ein waschechter Meidlinger, aber Verena hatte ihn noch nie zuvor gesehen.
Gleich, als er kurz nach neun Uhr ihren Laden betreten und sich ein bisschen ratlos umgesehen hat, wusste sie, dass dieser Kunde eine Agenda hat, und Agenden oder sogenannte Spezialaufträge sind die Würze in Verenas Dasein als Floristin. Schon viele Male hat Verena dem Leben ihrer Kunden einen Stempel aufgedrückt. Da war die bettlägerige Frau von Herrn Svoboda und schon beim Anblick seiner hängenden Schultern wusste sie, dass Frau Svoboda aufgrund ihres Leidens schwermütig geworden war.
Schwermut ist wie ein Virus. Zuerst befällt er einen Menschen, um sich dann rasant auszubreiten, und wenn man dem keinen Einhalt gebietet, dann kann er die Stimmung einer ganzen Familie, einer ganzen Hausgemeinschaft oder gar einer ganzen Nachbarschaft drücken.
Also folgte Verena ihrem Bauchgefühl und empfahl Herrn Svoboda, jede Woche fünf frische, verschiedenfarbige Rosen in einer Vase ans Bett seiner Gemahlin zu stellen. »Wissen Sie, der Duft der Rose hat schon manche Depression geheilt, und der Duft von verschiedenfarbigen Rosen ist noch viel wirksamer.«, hat sie dem guten Mann erklärt.
Frau Svoboda wurde durch diese Rosentherapie von Woche zu Woche fröhlicher und der neu erlangte Optimismus wirkte sich positiv auf ihren Gesundheitszustand aus. Bald war sie nicht mehr bettlägerig und bepflanzte ihre Blumentröge am Balkon Verenas Rat befolgend mit Wildröschen – denn man will ja keinen Rückfall riskieren, nicht wahr?
Auch der Kindergärtnerin, deren ganze Energie von den Kleinen aufgesogen wurde, konnte geholfen werden. Die Sonnenblumen, die Verena ihr verkaufte, verströmten Wärme auch an regnerischen Tagen und halfen, die inneren Batterien des pädagogischen Personals wieder aufzuladen, während sie gleichzeitig eine beruhigende Wirkung auf die Rasselbande hatten.
Und dann gab es den siebzehnjährigen Basti, der leider zu viele Shots mit seinen Freunden getrunken hatte, und ein Suchtpotenzial erkennen ließ, das nicht nur seinen Eltern, sondern irgendwann auch ihm selbst große Angst einjagte. Nach einem mit Worten nicht zu beschreibenden Aufenthalt in der Entzugsklinik empfahl man ihm, als Teil der Therapie, die Verantwortung für eine Katze oder einen Hund zu übernehmen. Leider stellte sich heraus, dass Basti sowohl auf Katzen- als auch Hundehaare allergisch war und jedes pelzige Tier, egal welcher Größe, Asthmaanfälle auslösen würde.
Als Bastis Mutter Verena ihr Herz ausschüttete, wusste Verena dem Problem mit einem Bonsaibäumchen Abhilfe zu schaffen. Bonsaibäume sind extrem sensibel und arbeitsaufwendig. Wer sein Heim mit einem Bonsaibaum teilt, der weiß, dass man sich in diesen Baum so sehr verliebt, dass man sogar bereit ist, auf den jährlichen Urlaub zu verzichten, sollte man keine absolut verlässliche tägliche Betreuung für ihn finden. Basti hatte diese Herausforderung angenommen, und er und sein Bonsai waren ein Herz und eine Seele geworden. Seine ehemaligen Trinkkumpane fanden das so abartig, dass sie ihn aus ihrer Runde ausschlossen und sich nun allein besaufen. Ende gut alles gut, könnte man sagen.
Ja, Verena und ihre Pflanzen und Blumen haben schon oft Gutes bewirkt, aber das Erlebnis heute kann sie auch jetzt im Nachhinein betrachtet nicht wirklich einordnen. Die heutige Interaktion mit diesem Kunden war anders, weil der Mann ihren Rat überhaupt nicht gebraucht hatte, und ihr nichts von seinem Vorhaben preisgeben wollte. Und dass sich im Leben dieses Mannes etwas ganz Unerwartetes ereignet haben musste, dass war ihr sofort klar, noch bevor er an sie herantrat und sagte:
»Ich hätte gern die weißeste Rose, die sie im Laden finden können.«
Schleierkraut lehnte er ab, und er wollte auch keine Masche, kein Zellophanpapier und auch kein Kärtchen.
»Er hat die Rose, die ich ihm ausgesucht habe, wohlwollend betrachtet, hat bezahlt, aber ich durfte sie nicht einmal in Papier einwickeln. Dann ist er schnurstracks aus dem Laden marschiert. Aber die Art, wie er diese einzelne Rose vor sich hergetragen hat, war…« – Verena fällt kein Adjektiv ein, das dem seelischen Zustand des Käufers gerecht werden könnte. »Auf jeden Fall bin ich mir sicher, dass es mit dieser weißen Rose eine besondere Bewandtnis hat.«, sinniert Verena, während sie so dasitzt auf der alten, morschen Gartenbank. Ja, so etwas ist ihr in all den Jahren als Floristin nicht untergekommen – die Intensität, mit der der Kunde nach einer einzigen weißen Rose verlangt hat, so als ob sein Leben davon abhänge.
Ein Schatten blockiert die letzten Sonnenstrahlen des Sommerabends, und Verena öffnet die Augen.
»Servus Verena, hast du Lust auf eine Topfengolatsche?« Max, der ihr, so wie an fast jedem anderen Tag auch, etwas Leckeres aus seiner Backstube mitgebracht hat, hält ihr auffordernd eine Papiertüte unter die Nase. Und wie immer kann Verena nicht widerstehen.
Er setzt sich nun neben sie und beobachtet fasziniert, wie sich dieses zierliche Persönchen über die Golatsche hermacht.
Im Immaguat herrscht Krisenstimmung – nicht dass das Essen angebrannt wäre, oder sich Sandra oder Boban krank gemeldet hätten; nicht, dass ein Feuer ausgebrochen wäre und Markus’ hölzernen Verbündeten den Garaus gemacht hätte; nicht, dass Sandra wieder einmal in ihrer Achtlosigkeit ein Glas zerbrochen hätte, oder dass die Kundschaft auf sich warten ließe – nichts von alledem ist schuld daran, dass Markus sich die spärlichen Haare rauft und seine hohe Stirn runzelt.
Nein, schuld daran ist Ingrid, und das, obwohl sie ihrem Kindergartenfreund keine Hiobsbotschaft, sondern gar keine Botschaft von Angelika übermittelt hat. Trotzdem fühlt sie sich so schuldbewusst, dass sie alles daransetzt, nicht ihr Spiegelbild erblicken zu müssen, denn wahrscheinlich ist nicht nur Markus sauer auf sie, sondern auch sein gläserner Komplize und Experte in Sachen Liebe.
»Sie muss doch irgendetwas erwähnt haben!«, wettert Markus. »Wahrscheinlich hast du weder die richtigen Fragen gestellt, noch aufmerksam zugehört.«
Schön langsam reichts Ingrid. Bei aller Freundschaft – was kann sie dafür, wenn Angelika nichts Positives über die weiße Rose hat verlautbaren lassen? »Markus, Angelika bekommt mehrmals pro Monat von zig Verehrern Blumensträuße in allen Farben zugestellt. Unter all diesen Blumenspenden kann so eine kleine Rose schon mal untergehen, meinst du nicht?«, versucht sie Markus zu beruhigen.
Bei den Worten kleine Rose schnaubt Markus auf und meint, Ingrid hätte keine Ahnung, was für ein Prachtexemplar von Rose das gewesen sei, und dass allein schon der Duft Angelikas Herz hätte höher schlagen lassen müssen.
Nun fragt er sie, ob Angelika eine wohlduftende Rose erwähnt hätte, und erneut muss Ingrid verneinen. Sie kann ihm doch wohl kaum sagen, dass Angelika sich bei ihrem letzten Telefonat mehrere Minuten darüber ausgelassen hatte, dass sie auf Fans, denen sie nur eine mickrige Blume wert sei, gut und gern verzichten könne.
Und dann hatte sie eine Tirade über den armen Kurtl losgelassen, der ihr anscheinend zumutet, eine Rolle bei den Badener Festspielen zu verkörpern, die es im Stück gar nicht gibt. Ganz schlau war Ingrid aus ihrem Gezeter nicht geworden, denn sie hatte schon längst auf Freisprechanlage umgestellt, um sich wichtigeren Dingen zuwenden zu können.
Wenn sie auf Freisprechanlage umschaltet, dann ist das immer der Zeitpunkt, ab dem sie ihrer Freundin nicht mehr wirklich zuhört und stattdessen dringend angefallene Hausarbeiten wie Bügeln, oder Blumengießen erledigt. Denn, wenn es Angelika schlecht geht, kann man das Gespräch oft stundenlang nicht beenden, und das hält nicht einmal der geduldigste Zuhörer aus. Auch sei erwähnt, dass man bei Gesprächen mit Angelika zwangsläufig auf die Rolle des Zuhörers reduziert wird. Oft fragt sich Ingrid, wie ihre Freundin bei solchen Monologen überhaupt Zeit zum Atmen findet.
