Das Irmalo Geheimnis - Isabelle Vero - E-Book

Das Irmalo Geheimnis E-Book

Isabelle Vero

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Beschreibung

Von einem Tag auf den anderen steht Lucys Welt Kopf: ihr Liebhaber macht mit ihr Schluss, ihr bester Freund stirbt, und ihre Eltern kommen bei einem Verkehrsunfall auf den Philippinen ums Leben. Dazu kommen verstörende Träume aus einer Vergangenheit, die Lucy sehr vertraut scheint. Eine dramatische Geschichte von Geldgier und Verfolgung, Freundschaft, Treue, und Liebe, die Raum und Zeit überdauert, vor der Kulisse der gigantischen Reisterrassen von Banaue.

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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Hinweis

Personenregister

LO

Irmgard

Lucy

Lo

Lucy

Lo

Lucy

Lo

Lucy

Lo

Lucy

LO

Lucy

Lo

Lucy

LO

Lucy

Cäcilia

Lucy

Moro

Pressemitteilung

Lucy

Epilog

Über die Autorin

Hinweis

Alle geschilderten Personen und Geschehnisse dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen wären rein zufällig und von der Autorin unbeabsichtigt.

Personenregister

Lucy , ein philippinisches Findelkind

Irmgard. „Irmi“ Bothe,, in die Philippinen ausgewanderte Norddeutsche, Lucys Adoptivmutter

Marc, Lebensgefährte Irmis, Lucys Adoptivvater

Archie, Asket und selbsternannter Mönch, ebenfalls eine Vaterfigur für Lucy

Mechthild Bothe, Irmis Mutter

Karl Friedrich Bothe, Irmis Vater

Liesl, Irmis Kinderfrau

Olaf Bothe, Irmis Neffe, Lucys Cousin

Thomas Berg,, Lucys langjähriger Lebensgefährte

Hermann Berg, Sohn von Thomas Berg

Dr. März, Chefarzt ,Thomas Bergs Freund und begleitender Arzt

Paulina, Thomas Bergs russische Pflegerin

Vladimir, Paulinas Freund

Schwester Ines, philippinische Krankenschwester

Bob Graham, amerikanischer Firmengründer- und Inhaber v Graham Consulting , Lucys oberster Chef

Shean, Direktor der europäischen Niederlassung von Graham Consulting, Lucys direkter Vorgesetzter

Samantha, Sheans Sekretärin

Freddy, leitender Angestellter bei Graham Consulting in Deutschland, Lucys heimlicher Liebhaber

Margot, Freddys Ehefrau

Walter, Jurist bei Graham Consulting in Deutschland, Lucys väterlicher Freund

Liselotte, Walters Frau

Sannie, Assistentin bei Graham Consulting, Lucys beste Freundin

John, Lucys philippinischer Notar und Anwalt

Carlo, Lucys Chauffeur

Schwester Elisabeta, Franziskanerin

Anna, Fernsehmoderatorin, Studienkollegin Lucys

Antonio, Annas Ehemann,, Chef einer exklusiven Securityfirma

Sebastián Martez, Hoteldirektor in Banaue, später Lucys Ehemann

José, Schulfreund und Kinderleibe Lucys

Maria, Kindheitsfreundin Lucys

Luisa,, Dorfälteste in Sagada

Jan van Simmen, Liebhaber Irmis, Hoteldirektor auf Boracay

Maria,, seine uneheliche Tochter

Cäcilia, Marias Tochter, später Adoptivtochter Olafs

Boris Ivanowitsch, ein Ballettstar

Lo, spätere Hohepriesterin

Li, Los Mutter

Misan, Los Vater

Lusan, Misans Bruder

Alsan, Lusans Sohn

Milla, Novizin

Moro, Sohn des Hohepriesters

Melvan, Los Stellvertreter

Alsan, der jüngere, später Los Stellvertreter

LO

Später fragte sich Lo, ob alles anders gekommen wäre, wenn sie in einer ganz normalen Familie aufgewachsen wäre, eine, in der alle Generationen unter demselben Dach schliefen. Die während der langen Wochen der Regenzeit unter der viereckigen Einrahmung des Pfahlbaus saßen, webten, aus trockenen Reishalmen Besen zusammenbanden, schnitzten, aus Reisstroh Matten flochten. Oder gemeinsam versuchten, das Feuer in der alles durchdringenden Feuchtigkeit am Leben zu halten, erzählten oder sich leise stritten, wenn die Regengüsse an manchen Tagen gar kein Ende nehmen wollten, und niemand das schützende Dach verlassen konnte, ohne sofort durchnässt zu sein. Wenn die Familie Geborgenheit suchend zusammenrückte, weil der Reisgott zornig Blitze gegen die Berge schleuderte und Donner grollen ließ. So war es aber nicht einmal gewesen, bevor Los Vater seiner schönen Frau ein eigenes Haus baute, und damit gegen alle Stammesregeln verstieß, indem er nicht mehr mit seiner zänkischen Mutter zusammenleben wollte. Die Ifugati waren vor langer Zeit in diese Berge gekommen, und hier lebten sie in Eintracht miteinander, zumindest meistens. Los Vater hieß Misan, und er war der Vorsteher der kleinen Dorfgemeinschaft, denn er war stark, fleißig und klug, dazu von ruhigem Wesen und diplomatischem Geschick, sodass sich die Dorfbewohner unter seiner Führung wohlfühlten. Außerdem besaß er, bald nachdem er als ältester Sohn die Verantwortung für die Reisterrassen seiner Familie übernommen hatte, mehr Wasserbüffel, als jeder andere Mann im Tal. Misan hatte noch einen jüngeren Bruder, Lusan, mit dem er sich ebenfalls gut verstand, auch wenn dieser bei weitem nicht über die Fähigkeiten seines älteren Bruders verfügte. Misans Mutter war schon immer rechthaberisch gewesen, die anderen Frauen waren nicht wirklich gern mit ihr zusammen. Sie hatte früh die Rückenkrankheit bekommen, die viele der Frauen plagte, die ihr Leben lang an den Berghängen die Reispflanzen pflegten, und keine Arznei der Priesterinnen hatte dagegen geholfen. Die Alte wurde immer griesgrämiger und übellauniger, und machte ihren Schwiegertöchtern das Leben so schwer, wie nur möglich. Allerdings blieb das Misan lange verborgen, denn gerade seine schöne Frau wurde besonders gequält, aber sie beschwerte sich nie bei ihrem Mann. Lusans Frau war derb, und von einfachem Gemüt, sie brachte jedes Jahr ohne große Mühe ein gesundes Kind zur Welt, und die Schimpftiraden der Schwiegermutter glitten an ihr ab, wenn sie die krächzende Stimme im Geschrei der Kinder überhaupt hörte. Misans Frau hieß Li, sie stammte aus einem anderen Tal. Eigentlich wurden solche Eheschließungen von der Priesterkaste besonders begünstigt, weil sie das Blut frisch halten sollten, aber natürlich war es für die jungen Frauen immer schwer, in einer Gemeinschaft zu leben, in der sie nicht aufgewachsen waren, und dafür wussten die Priesterinnen dann keinen Rat.

Insgeheim hegte Misan sehr viele Zweifel, wenn er an die uneingeschränkte Macht der Priesterkaste dachte. Selbstverständlich wagte auch er es nie, öffentlich darüber zu sprechen. Erst viel später, als er mit seiner kleinen Familie abseits lebte, hörte Lo ihre Eltern manchmal leise darüber reden. Lo wuchs heran, und hielt er für normal, dass die Eltern einander so sehr liebten, dass sie sich als Kind immer ein wenig abseits fühlte, dass Mann und Frau miteinander über alles sprachen, was sie dachten und fühlten, und dass es nur ein einziges Kind in der Hütte gab. Dabei wäre Lo fast noch im Haus des Klans geboren worden. Misan hatte Li bei einem der großen Erntefeste gesehen, die alle vier Jahre gefeiert wurden, und sofort gewusst, dass er nur sie wollte. Li war nicht nur ätherisch schön, sondern auch geschickt und klug, und es hatte daher Gerüchte gegeben, dass sie geholt werden würde. Deshalb hatten die anderen jungen Männer eine gewisse Scheu vor ihr. Misan dagegen war sofort glücklich in ihrer Nähe. In seinem Dorf hatte es Vorbehalte wegen Misans Wahl gegeben, vor allem, weil Li so zart aussah, das man ihr keine richtige Arbeit zu traute. Bald zeigte sich aber, dass sie unermüdlich schaffte. Sie liebte besonders die Feldarbeit, die sie, da ihre Schwägerin fast immer schwanger war, auch meistens allein erledigen musste. Außerdem kochte Li hervorragend, und verstand es, rasch abends noch den Haushalt zu ordnen, und sah dabei nach acht Jahren Ehe noch immer ebenso fein und zart aus, wie bei der Hochzeit. In einem allerdings hatten die Frauen des Dorfes zunächst Recht behalten: sie hatten von Anfang an getuschelt, dass Li keine Kinder würde gebären können. Misan vermutete, dass Li deshalb heimlich Kummer hatte, anders vermochte er es sich nicht zu erklären, dass Lis Augen zwar aufleuchteten, wenn sie ihren Mann sah, dass sie so zärtlich und liebevoll war, wie immer, aber sonst immer stiller und trauriger wirkte. Misan versicherte ihr daher oft, das er sehr glücklich sei mit ihr, und das es schreiende Kinder genug im Haus gebe.

Und dann war sie doch schwanger geworden, und Misan hatte energisch darauf gedrungen, dass sie sich die letzten Wochen schonen durfte, wie ihre Schwägerin sonst. Er war öfter nach Hause gekommen, und hatte so die Gemeinheiten zu hören bekommen, mit der seine Mutter Li quälte. Zwar verstummte sie immer sofort, wenn sie ihren Sohn hereinkommen sah, aber Misan war allmählich entsetzt über das Leben, das seine geliebte Frau führen musste, und Scham und Reue peinigten ihn, dass er sie nicht zu schützen vermochte. Ja, jetzt verstand er ihre Traurigkeit, und er bewunderte Li für ihre Duldsamkeit. Es wäre Aufgabe seines Vaters gewesen, seine Frau zu mäßigen, doch der war schon lange zu den Ahnen gegangen. Misan, der bei allen Konflikten des dörflichen Lebens zu Rate gezogen wurde, hatte noch nie von einer derart boshaften Schwiegermutter gehört, und zum ersten Mal wusste er keinen Ausweg. So näherte sich Lis Schwangerschaft dem Ende, immer wieder hatte sie von Misans Mutter zu hören bekommen, dass sie unfähig sein würde, ein gesundes Kind zu gebären, und dass es überhaupt das Beste wäre, sie stürbe gleich mit, damit Misan frei für eine richtige Frau würde. Die Alte konnte gar nicht anders, als ihre Schimpftirade unablässig zu wiederholen, und so tat sie es denn auch, als die Wehen einsetzten, und wiederholte es, als die Hebamme kam. Hier erfuhr die Alte zum ersten Mal Widerstand.

„Hat es das je gegeben, dass eine Mutter ihr Enkel verflucht? Weißt du überhaupt, welche Schuld du auf dich lädst? Ich sage dir, wenn Li oder das Kind zu Schaden kommen, werde ich es melden, und die werden dich zur Verantwortung ziehen!“

Ein vorwurfsvoller Blick traf auch Misan, der verzweifelt den Kopf senkte. Die Drohung brachte die Alte zwar vorübergehend zum Schweigen, aber bald schon setzte ihr giftiges Gerede wieder ein, wenn auch so leise gemurmelt, das wohl nur Li es verstand, weil sie die Worte tagein, tagaus gehört hatte und auswendig wusste. Der Hebamme wurde bald klar, dass die empfindsame Li niemals in diesem Haus würde gebären können, und so gab sie Misan kurz den Befehl, seine Frau in ihre Hütte zu tragen. Li lächelte dankbar, doch die Wehen, die sowieso nur schwach gewesen waren, hörten bald ganz auf. Misan hielt die feine Hand seiner Frau, während sich draußen ein Gewitter zusammenbraute. Er verfolgte angespannt, wie die Hebamme, nachdem sie vorsichtig den Bauch der Gebärenden abgetastet hatte, nach draußen ging und mühsam versuchte, ein Feuer zu entzünden. Das kam Misan so unsinnig vor, dass er die Frau gerne zurückgerufen hätte. Li hielt seine Hand ganz fest, obwohl sie in einen erschöpften Schlaf gefallen war. Als die Hebamme wieder hereinkam, wirkte sie verzweifelt.

Ihre Stimme klang dennoch ruhig und zuversichtlich, als sie zu Misan sagte: “Ich habe eine Priesterin gerufen.“

Li schreckte im Schlaf auf, schien aber nicht mehr zu verstehen, was gesprochen wurde. Die Hebamme warf Misan einen warnenden Blick zu, und so fragte er nichts. Er wusste auch so genug. Priesterinnen wurden zur Entbindung gerufen, wenn eine Hebamme Lebensgefahr für Mutter oder Kind sah, und Misan ahnte nun auch, dass es ein Rauchzeichen war, was die Hebamme hatte senden wollen. Die Gewitterböen hatten es gelöscht, und Misan begann zu fürchten, dass der Fluch seiner Mutter Wirklichkeit werden würde. Das ferne Donnergrollen ließ vermuten, dass ein besonders heftiges Gewitter nahte, und jedes Gewitter war ein Zornesausbruch des Reisgottes, daran zweifelte niemand, auch Misan nicht.

Er glaubte sogar zu verstehen, warum der Reisgott gerade heute besonders zornig war. Er, Misan, hatte eine Frau heiraten dürfen, die so schön und klug war, das man sie für eine Erwählte des Gottes gehalten hatte, aber Misan hatte sie nicht glücklich gemacht. Dabei brach ihm das selbst das Herz, denn nach wie vor liebte er Li abgöttisch, und so schwor er in die ersten Blitze: „Wenn DU ihr das Leben schenkst, werde ich ihr ein eigenes Haus bauen! Ich verzichte auf alles, wenn DU es von mir willst, aber lass sie mir!“

Hagel prasselte aufs Dach. Eine plötzliche Bewegung im Eingang ließ Misan aufblicken. Eine ungewöhnlich schöne Frau stand da, die langen, glänzenden Haare zu einer kunstvollen Flechtfrisur aufgesteckt, im ungemusterten, roten Gewand der Priesterkaste. Um ihren Hals hing an einem dünnen Lederband das Abzeichen der Priesterinnen. Die klugen Augen wanderten rasch durch den Raum und blieben dann an der Gebärenden haften.

„Das Kind liegt quer!“

Die Priesterin nickte kurz, und die melodische Stimme mit der sie Wasser, und verschiedene andere Gegenstände von der Hebamme forderte, verbreitete wieder Ruhe und Zuversicht. Li atmete flach, ihre Augenlider flatterten. „Du bist der Gatte?“

Misan nickte beklommen, und fürchtete schon, weggeschickt zu werden, aber die Priesterin sagte nur: „Ich werde deiner Frau das Kind aus dem Leib schneiden, so wird es überleben. Anders geht es nicht.“

„Aber Li? Wird sie leben?“

Die Priesterin warf einen prüfenden Blick auf die zarte, wohlgeformte Gestalt der jungen Mutter. „Ich glaube schon. Aber sie wird unfruchtbar sein!“

„Oh, wenn sie nur lebt!“ Fast beruhigte Misan diese ungeheuerliche Ankündigung, denn es schien ihm, als habe der Reisgott, indem er ein so schreckliches Opfer einforderte, Li bereits das Leben geschenkt. Die Priesterin schob Li ein Kraut in den Mund, und der Schlaf der Gebärenden schien tiefer zu werden. Aus der Nähe stellte Misan überrascht fest, dass die Priesterin älter war, als er auf den ersten Blick bemerkt hatte, umso überraschender war ihre zeitlose Schönheit. Keine Falten verunzierten die zarte Haut ihres Gesichts oder des Halses, und prall lag das Polster der Wangen auf den Knochen. Perfekt geschwungene Brauen umrahmten die gro0en, glänzenden Augen. Während er die Frau staunend betrachtete, hatte sie ein Steinmesser aus einer Substanz hervorgezogen, die Misan noch nie gesehen hatte. Das Messer war durchsichtig wie Luft oder klares Wasser. Sie gab der Hebamme einige Anweisungen, die sich im Wesentlichen darum drehten, wie diese sogleich das Neugeborene versorgen solle. Misan hörte kaum hin, er gestand sich auch nicht ein, dass er das Leben seines ersten und einzigen Kindes gern geopfert hätte, wenn Li damit gerettet würde. Er hielt weiterhin die Hand seiner still gewordenen Frau, und beobachtete entsetzt, wie die Priesterin oberhalb der Scham einen Schnitt setzte. Ein gequältes Seufzen war Lis einzige Reaktion, und dann ging alles sehr schnell. Die Priesterin dehnte den Schnitt, zog das Kind heraus, durchtrennte die Nabelschnur und übergab den Säugling der Dorfhebamme. Fassungslos verfolgte Misan die geschickten, schnellen Handgriffe der Priesterin. Sie zog ein Gebilde, das einem blutigen Schwamm glich, hervor, die andere Seite der Nabelschnur steckte darin. Dann beugte sie sich tiefer über den zerschnittenen Bauch und versperrte Misan die Sicht. Dennoch entging ihm nicht, dass sie weitere blutige Gewebeteile nach außen zog, anschließend mit einer hauchfeinen Nadel etwas im inneren des Leibs zunähte, gerade so, wie die Frauen sonst die rotgewebten Stoffe mit dem Stammesmuster zu Gewändern vernähten, und ebenso verschloss sie dann den Schnitt am Bauch, und legte in warmem Wasser aufgeweichte Kräuter darauf.

Er hatte den leisen, fast rücksichtsvollen Schrei des Neugeborenen nur am Rande wahrgenommen, jetzt, wo die Priesterin von Li abließ, hob er den Blick. Die Hebamme hatte den Säugling in ein weiches, ungefärbtes Tuch gewickelt, wie es speziell für die ganz Kleinen von den alten Frauen der Familie gewebt wurde. Misan fragte sich unwillkürlich, wer diese Babydecke wohl angefertigt hatte. Gewiss nicht seine Mutter, obwohl das ihre Pflicht, und auch ihr Vorrecht gewesen wäre! Die Hebamme machte einen Schritt auf Misan zu, und der streckte schon die Arme nach seinem Kind aus, als die Priesterin gebieterisch die Hand hob, und der Hebamme das Kind abnahm.

„Ich brauche kochendes Wasser!“

Die Stimme der Geistlichen klirrte im Raum, und die Hebamme schien etwas zu verstehen, was nicht ausgesprochen worden war, denn sie huschte sofort aus dem Raum auf den Vorplatz, fischte mit einem alten Hornlöffel einige Kochsteine aus der Glut, um diese dann in einen Topf mit Wasser zu werfen. Misan spürte Zorn aufwallen, stand aber reglos da, als hätte die Frau in Rot einen Bann auf ihn geworfen. Die Priesterin schaute lange auf das Kind, ganz offensichtlich in Gebete versunken. Misan hätte nicht gedacht, dass sein Herz an diesem Tag noch schwerer werden könnte, doch nun hatte er das Gefühl, als würde es mit der knöchernen Zange der Hebamme gequetscht, so scharf war der Schmerz. Wie um ein Unheil abzuwenden, fragte er:

“Ist es ein Mädchen?“

Die feinen Gesichtszüge, der zarte Schädel des Kindes, schienen ihm darauf hinzudeuten. Die Hebamme war wieder hereingekommen und nickte Misan bestätigend zu, die Priesterin allerdings ließ sich nicht in ihrer Andacht stören. Mit überraschender Anmut, ohne das Baby loszulassen, setzte sie sich schließlich auf den Boden, und zog einen Lederbeutel aus ihrer Gürteltasche. Leise gab sie der Hebamme Anweisung, wie der Heiltrank für Li zu dosieren sei. Dann holte sie ein schmales, ungemustertes, rotes Wolltuch hervor, und wickelte Misans Kind darin ein. Die Hebamme schnappte nach Luft, während Misan auf das blutrote Webstück starrte, dass seine Tochter jetzt einhüllte, ohne verstehen zu wollen. Feierlich legte die Priesterin einen Anhänger, dem ihren gleich, um den Hals des Säuglings. All das verfolgte das Neugeborene mit völlig entspanntem Blick, dann schien es endlich müde zu werden, und die Augenlider senkten sich zitternd wie Schmetterlingsflügel auf die blauen Augen. Noch immer hielt die Priesterin das Kind im Arm. Jetzt wandte sie sich Misan zu, ganz so, als wäre jetzt erst der Augenblick für Nebensächlichkeiten gekommen. Immer noch im Schockzustand entdeckte Misan Spuren der Erschöpfung in dem ebenmäßigen Antlitz. Die Stimme klang trotzdem kraftvoll und gebieterisch.

„Natürlich ist es ein Mädchen. Die Zeichen waren klar. Deshalb wurde ich hierher geschickt. Diese Tochter ist auserwählt!“

Tiefe, bleierne, Stille senkte sich über den Raum. Misan wollte es nicht dulden.

„Bist du denn nicht wegen der Rauchzeichen gekommen? Und wie kann man wissen, ob sie schön und klug genug werden wird, um IHM zu gefallen?“

„ER offenbart uns am Gang der Sterne, und der Wolken unmissverständlich, wann ein erwähltes Kind geboren wird. Es versteht sich von selbst, dass SEINE Kinder schön und klug werden. Die Zeichen waren in jeder Hinsicht eindeutig, bis hin zum Gewitter, sonst wäre ich gar nicht zur rechten Zeit gekommen.“

Die Antwort bewirkte, da Misan sich dumm vorkam, und dieses Gefühl war ihm sehr unangenehm und fremd. Meist erfasste er Situationen schnell und vollständig. Die Ankunft der Priesterin, fast sofort nach dem erloschenen Rauchzeichen, war ja nur erklärlich, wenn sie schon fast da gewesen war. Er hatte es tatsächlich den magischen Fähigkeiten der Priesterkaste zugeschrieben. Was er für ein Wunder gehalten hatte, um seiner geliebten Frau das Leben zu retten, war nur wieder eine eindeutige Machtdemonstration der Geweihten. Sie gaben nie, ohne mehr zu nehmen, wütete Misan innerlich, aber er wagte es nicht, diese Rebellion auszusprechen. Ein leises Wimmern seiner Frau erinnerte ihn daran, das ohne die Priesterin Mutter und Kind schon tot wären, und fast wäre er an dem ohnmächtigen Zorn erstickt, dem er kein Ziel geben durfte. Die Hebamme flößte Li den Trank ein, indem sie geduldig Tropfen für Tropfen auf die trockenen Lippen strich, und Li schluckte im Schlaf. Misan verfolgte das so angespannt, dass ihm erst nach geraumer Zeit klar wurde, dass der scharfe Blick der Priesterin auf ihm ruhte. Er war sich sicher, dass sie ihn durchschaut hatte. Nach allem, was er heute schon erlebt hatte, vermochte er keine Angst mehr zu empfinden. Das Leben seiner geliebten Frau hing an einem Spinnwebfaden, das Kind war zwar gerettet, und gleichzeitig der Familie für immer entrissen, und überdies würde es sein einziges bleiben, sodass er fortan kinderlos war-was hatte er da noch zu fürchten?

„Es ist eine Ehre für dein ganzes Dorf, für deine Familie, besonders auch für dich und deine Frau, Misan! Auserwählte Kinder werden außerhalb der heiligen Steine sehr selten geboren. Sie sind immer ein Grund zur Dankbarkeit, denn die Ifugati brauchen die Führung des Reisgottes, und ER schenkt sie uns durch SEINE Töchter.“

Die Stimme klang jetzt überraschend gütig, und besänftigte Misans aufgewühltes Gemüt. Kaum nahm er wahr, dass die Priesterin Stimmungen allein durch ihre geschulte Stimme steuerte. Was hätte er auch erwidern sollen?

„Schau , dort! Erkennst du SEINE Gnade?“

Genau gegenüber spannte sich ein vollkommener Regenbogen, und wie immer geriet Misan völlig in den Bann des wundervollen Naturschauspiels. Ein Regenbogen war Ausdruck der Freude des Reisgottes, und während Misan darauf schaute, schämte er sich plötzlich. Vor ganz kurzer Zeit hatte er sich zu jedem Opfer bereit erklärt, und nun forderte ER eben eines, und letzte Endes wurde seine Tochter damit ja mächtig und vielleicht sogar glücklich- wer wusste schon genau, wie es den Priesterinnen ging? Außerdem war das Mädchen genau genommen schon gar nicht mehr das seine. Ein auserwähltes Kind galt als direkter Spross des Reisgottes, den nannten die Angehörigen der Priesterkaste auch Vater.

„Jetzt geh und besorge etwas zu essen!“

Misan zuckte zusammen, der alltägliche Auftrag holte ihn in die Gegenwart und seine Pflicht als Gastgeber zurück.

Irmgard

Sagada. August 1975

Irmi lauschte dem strömenden Regen, und gab sich völlig dem Wohlgefühl hin, in einem trockenen Haus zu leben, mit einem knisternden Kaminfeuer. Marc hatte die ganze Bauphase über verächtlich die Lippen geschürzt, und mehrmals in Irmis Anwesenheit fallen lassen, sie würde nun eben altbacken spießig, und das sei bei ihrer großbürgerlichen Herkunft ja kein Wunder. Marc tat immer so, als sei seine proletarische Familie ein Ritterschlag. Archibald, von Marc nur Sir genannt, lächelte über Marcs Spott stets milde, denn Archie meditierte regelmäßig, aß vegetarisch und kiffte nur seinen selbst angebauten, reinen Stoff. Archie war Irmis bester Freund, und insgeheim hatte sie schon mehrmals bedauert, dass er sich als Mönch bezeichnete. Er ging keine Bindung ein, Archie lebte asketisch. Mit ihm hätte sie sich gut vorstellen können, ein Kind zu haben. Vielleicht ließ sie es doch mal drauf ankommen, und fragte ihn?

Hier in Sagada waren Blumenkinder wie sie selbst gelandet, die wirklich ernst machten mit einem neuen, anderen Leben, in dem es keinen Profit und Kommerz, keine Ausbeutung und Unterdrückung gab, keine lustfeindlichen Regeln, keine Kriege, sondern freie Liebe, Glück und echte Gemeinschaft. So sahen es jedenfalls die Mitglieder der kleinen Gruppe, die sich etwas abseits des Dorfes, am Berghang niedergelassen hatten. Eine Reise auf die Philippinen war abenteuerlich und schwierig für die einen, teuer und umständlich für die anderen. Marc beispielsweise hatte auf einem Frachtschiff angeheuert, Irmi und Archie dagegen waren mit dem Flugzeug in Makati gelandet. Die Philippinen gehörten nicht mehr zu den USA, das war für Archie wichtig gewesen, auch nicht zu den Kommunisten. Irmi hatte sich einfach spontan entschieden, und sie hatte es in den vergangenen fünf Jahren nie bereut. Lange war sie nicht in Manila geblieben, damals war gerade Hochsommer gewesen, und feuchte 40°Hitze, das war für die norddeutsche Irmi einfach nicht das Wahre. So war sie vor Ostern mit einem der seltenen Busse nach Bagghio gereist, die Sommerfrische des Präsidenten und der einheimischen Schickeria, aber das war es nicht gewesen, was Irmi dorthin getrieben hatte, wirklich nicht.

Donnergrollen kündigte ein Gewitter an, sie legte einige Holzscheite nach. Der Kamin zog nicht so gut, es rauchte ein wenig. Irmi mochte den Geruch. In der Gegend von Bagghio gab es schamanische Geistheiler, deshalb war sie dorthin, und es hatte schon eine Weile gedauert, bis sie einen gefunden hatte, der Englisch sprach, und eine gute Ausstrahlung hatte. Leider war seine Diagnose genauso niederschmetternd gewesen, wie die des deutschen Gynäkologen in Hamburg. Die Erinnerung an Deutschland bewirkte, dass Irmi sich deutlich schlechter fühlte. Sie beschloss, das jetzt durchzustehen, ein für alle Mal, und dann loszulassen, wie Archie immer sagte. Er war auch in ein Eliteinternat geschickt worden, das war ja bei Adligen in England ein Zwang, und er hatte dort wohl ziemlich schreckliche Dinge erlebt, aber Archie hatte es „losgelassen“, und fühlte sich jetzt frei davon.

Sie hörte draußen ein leises Knirschen, wie von schnellen Schritten, auf dem unbefestigten Schotterweg, was unwahrscheinlich war, denn bei dem Unwetter ging niemand ohne zwingenden Grund in der Dunkelheit ins Freie. Dann klagte ein merkwürdiger Vogel. Unwillkürlich fröstelte Irmi, und war erleichtert, das Mylo auf Riegeln an der Tür und an den Fenstern bestanden hatte. Mylo war ihre Interpretation seines Namens, sie fand ihn unaussprechlich. Mylo hatte das Haus größtenteils selbst gebaut, und ansonsten organisiert, was an Hilfe nötig war. Nebenbei war er ihr Liebhaber geworden. Irmi fand, das sie dadurch einen großen Fortschritt weg von ihrer anerzogenen Werteskala gemacht hatte. In Hamburg noch hätte sie sich Sex mit einem Mann, der einer anderen Rasse angehörte, gar nicht vorstellen können. Mylo sprach einige Brocken Englisch, richtige Gespräche waren mit ihm allerdings nicht möglich. Der Sex mit ihm dagegen war überraschend gut. Seit Beginn der Regenzeit war er fortgeblieben. Ehrlich gesagt, vermisste Irmi ihn nicht wirklich. Vage hatte sie gehofft, dass sie vielleicht leichter von Mylo schwanger werden würde, hier hatten alle viele Kinder.

Es war richtig behaglich im ihrem Häuschen, also ließ Irmi weitere Erinnerungen zu. Erst mal war das mit dem Internat gar nicht so schlimm gewesen. Eher schon das Heimweh nach ihrer „Bonne“ ihrem Kindermädchen Liesel, eigentlich ihre richtige Mutter. Denn Irmis Mutter, Mechthild Maria Eleonore Bothe, geborene Edle von Hohenwart, widmete sich ausschließlich den Repräsentationspflichten des Handelshauses Bothe in Hamburg. Ihren Vater, Friedrich Karl Bothe, bekam Irmgard fast nie zu Gesicht, und wenn, dann nur zum sonntäglichen Mittagessen, zu dem sie ab dem achten Lebensjahr erst zugelassen wurde, denn Friedrich Karl mochte kein „Kindergeplärre“ am Tisch. Mit Acht hatte Irmgard gelernt, zu schweigen, und schaffte es auch meistens, ihr weißsamtenes Sonntagskleid nicht zu bekleckern, mehr wurde von ihr nicht verlangt. Das Tischgespräch spielte sich zwischen den Eltern und dem wesentlich älteren Bruder ab, und Irmi war jedes Mal froh gewesen, wieder in das Kinderzimmer zurückgehen zu dürfen. Insgesamt waren die Sonntage ihr verhasst, vom Kirchgang bis zur Abendandacht, von dem Kleid, das nie beschmutzt werden durfte, so das sie auch nicht in den Garten oder in den Park wollte, denn Liesel hielt sie an Sonntagen eisern an der Hand, damit auch nichts passierte. Sonst gab es abends nur trocken Brot, hungern müsste sie nicht, wie der Vater dann immer gnädig betonte. War das Kleid schmutzig geworden, oder hatte Irmgard sich am Mittagstisch irgendetwas zuschulden kommen lasse, gab es nachmittags auch keine Süßigkeit, und das war der einzige Lichtblick der trostlosen Sonntage. Liesel war irgendwann krank geworden, und der Vater hatte erwähnt, da sei er generös, sie sei ja eine treue Seele gewesen, was Irmgard nicht verstand, bis es ihr von Liesel erklärt wurde. Die Kinderfrau bekam ein Ruhestandsgehalt, das sie allerdings nicht lange beziehen sollte, denn sie starb nach einem halben Jahr. Irmgard verwand den Verlust schwer, auch weil die Eltern ihr nicht die Erlaubnis gaben, auf die Beerdigung zu gehen.

„Das regt dich zu sehr auf!“ hatte die Mutter behauptet, tatsächlich quälte das Verbot Irmi viel mehr. Nächtelang schlief sie nicht, weil sie meinte, Liesel riefe nach ihr.

Der Vater hatte ein exklusives, sehr teures Schweizer Pensionat ausgesucht, wie die Mutter zufrieden Irmgard erklärte, und dorthin wurde sie geschickt. Besser als zu Hause war es allemal gewesen. Irmgard fand den Unterricht interessant, es gab lustige Unternehmungen, sogar die Sonntage wurden nett gestaltet. Rund um den Zürcher See gab es eine ganze Reihe solcher Internate, und gelegentlich wurden Mädchen und Jungen unter strenger Aufsicht zusammengebracht- das war so gewünscht, es sollte die passenden Eheschließungen, das erklärte Ziel für Töchter aus gutem Hause, fördern. Mit vierzehn gab es also Tanzunterricht, der machte Irmi Spaß, sie war geschickt darin und immer lustig dabei, und wurde deshalb gerne von den Jungen aufgefordert. Und da hatte sie sich verliebt, in den draufgängerischen Bryan, ein stinkreicher Amerikaner, wie Irmis Zimmernachbarin halb verächtlich, halb neidisch tuschelte. Irmi hatte immer gelacht in seiner Gegenwart, bald hatten sie heraus, wie sie sich heimlich treffen konnten. Bryan wusste viel über wirklich spannende Sachen wie Sex, und Irmi fühlte sich plötzlich glücklich, lebendig und langweilte sich nicht mehr. Sie hatte mit Bryan einen wundervollen Frühling erlebt. Dann waren die Sommerferien gekommen, die sie mit der Mutter an der Nordsee verbrachte, Vater und Bruder kamen gelegentlich dazu. Irgendwann war der Mutter etwas aufgefallen, und ein äußerst peinlicher Besuch bei einer Ärztin brachte das Entsetzliche zutage. Irmi war nicht nur entehrt, wie die Mutter es nannte, sie war auch schwanger. Alptraumhaft entsann sich Irmi der eisernen, beherrschten Miene des Vaters, im krassen Gegensatz zu der Fassungslosigkeit der ansonsten immer so unbewegten Art der Mutter. Viel gesprochen wurde nicht mit Irmi, nur über sie. Zwei Tage später fuhr die Mutter mit ihr wieder in die Schweiz. Während der gesamten Reise wechselte sie kein Wort mit Irmi, erst als sie im Wartezimmer einer idyllisch in einem Park gelegenen Klinik saßen, teilte sie Irmgard mit, hier würde „es“ weggemacht.

Irmgard hatte erst allmählich verstanden, worum es ging, und dann entsetzt ausgerufen: „Mein Kind wegmachen? Das ist doch Mord!“

Peinlich berührt hatte die Mutter weggesehen, etwas von „Schande“, und „später wirst du dankbar sein.“ gemurmelt.

Irmgard hatte geschrien und getobt, bis eine ältere Ärztin kam, die solange beruhigend auf Irmi eingesprochen hatte, bis diese einwilligte, sich eine Spritze geben zu lassen, „die alles leichter machen würde“. Als Irmi erwachte, hatte ihre Mutter am Bett gesessen, und Irmi hatte sofort verstanden, das man „es“ weggemacht hatte.

„Ich hasse dich!“ hatte sie leise zu Mechthild Bothe gesagt, und danach jahrelang nicht mehr mit ihrer Mutter gesprochen.

Irmgard wurde in ein anderes, strengeres Internat geschickt, ohne Ausgangserlaubnis, aber sie wollte auch gar nicht mehr mit Jungen zu tun haben. Sie verweigerte sich allem, lernte nicht, und war aufsässig in den Ferien, die sie von nun an immer im Internat verbringen musste. Das Geld der Bothes verhinderte, das Irmi entlassen wurde. Aus lauter Langeweile begann sie schließlich, wieder zu lernen. Sie schaffte die Schweizer Matura, mit einem Jahr Verspätung, Danach gab es keinen Grund mehr, sie dort zu behalten, Irmi kehrte nach Hause zurück, trieb sich auf Hamburgs Straßen herum, und schloss sich den Hippies an. Mit der politischen Studentenrevolte hatte sie nichts anfangen können.

Da weder die Drohungen des Vaters, noch das Gezeter der Mutter, Irmi einschüchterten, und sie sich nichts mehr von den Eltern sagen ließ, beschlossen diese schließlich, das zu tun, was sie angesichts persönlicher Schwierigkeiten am besten konnten: sie ignorierten das Verhalten der aufsässigen Tochter und erwähnten Irmgard nirgendswo mehr. Gelegentlich ging Irmi in das Haus der Eltern, und ließ sich vom Vater Geld aushändigen. Darin sah Irmi bis heute keinen Widerspruch, wenn sie Geld von ihren Eltern nahm. Die hatten schließlich genug davon. Archie handhabte das vermutlich genauso, denn er hatte auch immer genug Kohle, und ohne die Einkäufe der beiden hätten die anderen nichts zu essen gehabt, also war das ja am Ende auch noch gut für das bestimmt schmutzig verdiente Geld der Bothes. Irmi bildete sich ein, es würde hier sozusagen gereinigt. Bei einem ihrer Besuche hatte sie ihre Eltern selten gut gelaunt mit einem Glas teuersten Champagner in der Hand angetroffen. Sogar Irmis Ankunft hatte die Stimmung nicht wesentlich verschlechtern können, das war mehr als verwunderlich gewesen.

„Was habt ihr denn zu feiern?“ Irmi sprach nie aggressiv mit den Eltern, sie war schließlich keine Revolutionärin, sie verachtete die beiden viel zu sehr, um sich noch über sie aufzuregen.

„Wir stoßen auf unser erstes Enkelkind, Olaf, an!“

Irmi war ganz schwarz vor Augen geworden, sie musste es einfach sagen. „Euer erstes Enkelkind habt ihr doch umgebracht! Es wäre jetzt fünf Jahre alt.“

Die Mienen der Eltern verdüsterten sich, was Irmi eine rachsüchtige Befriedigung verschaffte.

„Es ist wirklich nicht nötig, daran zu erinnern. Wo würde es heute leben, mit dir auf der Straße, als Gossenkind?“

Der ätzende, eisige Tonfall der Mutter weckte einen rasenden Zorn in Irmi, fast erstickte sie daran. „Es ist ein großer Unterschied, ob dein Bruder Vater wird, im richtigen Alter, unter den geeigneten Bedingungen, um ein Kind verantwortungsvoll groß zu ziehen, oder ob du einfach deinen animalischen Trieben nachgehst, ohne dich zu fragen, was daraus wird!“

Irmi war ganz kalt geworden, und ihre Antwort hatte noch beherrschter, und eisiger geklungen, als die ihrer Mutter. „Vielleicht findest du Sex obszön. Vater sieht das vermutlich etwas anders. Deshalb muss er seine Sekretärin bumsen, und mein nobler Bruder wird das während des Wochenbetts seiner Gattin vermutlich auch tun. Oder die beiden gehen gleich zusammen auf die Reeperbahn.“

Irmi hatte einfach blind geschossen. Sie hatte genug gesehen und gehört, um das für völlig wahrscheinlich zu halten, wusste es allerdings nicht wirklich. Als sie die plötzlich puterrot angelaufenen Wangen des Vaters, und die zusammengepressten Lippen der Mutter sah, wusste sie, dass sie zwei Volltreffer gelandet hatte.

„Komm bitte mit.“ hatte der Vater völlig gelassen gesagt, und Irmi war ihm in sein elegantes Büro gefolgt. „Wie viel?“ hatte er gefragt, und als Irmi ihn groß ansah, hatte er in geschäftsmäßigem Ton erläutert: “Du stiftest Unfrieden in unserer Familie, und du willst uns nur verletzen. Außerdem schadet dein Lebenswandel mit der Zeit auch meinem Ruf. Wie viel brauchst du, um dir im Ausland ein Leben deiner Wahl aufzubauen? In jeder Familie gibt es ein schwarzes Schaf. Trotzdem bist du meine Tochter, deshalb bin ich generös.“

So verschwand Irmi aus dem Leben ihrer Familie. Die Angst vor dem Einfluss des Vaters hatte sie schließlich bewogen, Europa für immer zu verlassen. Erst viele Jahre später sollte sie das tun, was ihre Eltern sich von ihr gewünscht hatten: Irmi übernahm nach dem frühen Tod ihres Bruders aus der Ferne eine Mitverantwortung für das Handelshaus Bothe.

Das leise Geschrei eines läufigen Katers war draußen zu hören, und das wunderte Irmi bei dem Regen jetzt doch. Von Tieren verstand sie nicht wirklich etwas. Sie seufzte und beschloss, dass sie genug Loslassen für heute Nacht geübt hatte. Außerdem meinte Archie, sie müsste auch noch ihren Eltern verzeihen, und das wäre leichter gewesen, wenn der Heiler in Bagghio nicht auch gesagt hätte, sie sei unfruchtbar, weil etwas in ihr kaputt geschnitten worden sei. So ähnlich hatte es der Stargynäkologe in Hamburg auch bewertet, bei dem operativen Abort und der Ausschabung sei man nicht fachmännisch vorgegangen, außerdem sei sie wohl viel zu jung für den ausgeführten Eingriff gewesen, man hätte besser die Absaugmethode verwendet. Irmi hätte sehr gern Kinder gehabt, aber keiner der nun oft wechselnden Liebhaber, die sie sich in Sagada unter den Hippies, oder Globetrottern nahm, bewirkte etwas. Dann war Marc gekommen, und sie hatte sich in ihn verliebt. Marc wollte eine feste Beziehung zu ihr, allerdings eine loslassende, die es ihm erlaubte, auch mit anderen Mädchen zu schlafen, und eigentlich war das ja im Sinne der freien Liebe. Nur stellte Irmi bald fest, dass sie damit nicht glücklich wurde. Deshalb machte sie Schluss mit Marc, der das völlig kleinbürgerlich von ihr fand, und seitdem stritt er sich dauernd mit ihr. Mit Schadenfreude dachte Irmi an den undichten Schuppen, in dem Marc jetzt mit Sally wohnte, ein Mädchen, dass Marc überredet hatte, während der Regenzeit hier bei ihm zu bleiben. Nach der Regenzeit würde es richtig kalt werden, also konnte man erst in etwa einem halben Jahr wieder über die unbefestigten Straßen zurück nach Bagghio. Irmi hatte Sally schon nach drei Wochen Regen mehrmals hysterisch weinen hören.

“Lieber spießig, als frieren!“, hatte sie deshalb letztes Mal schnippisch zu den beiden gesagt. Archie hatte dazu entschuldigend gelächelt.

Ein lautes Pochen an ihrer Tür ließ sie zusammenfahren, gleichzeitig wurde versucht, die Tür aufzustoßen, was dank des schweren Holzriegels nicht gelang.

„Irmi, verdammt, mach auf!“

Marc klang verzweifelt, vielleicht war sein Schuppen weggeschwemmt worden? Das war Irmi wirklich egal! Erst als sie Archies ruhige, besonnene Worte hörte:

„Bitte, Irmi, mach auf, wir brauchen dich!“ erhob sie sich und öffnete die Holztür, die dank der frisch geölten Angeln geräuschlos aufglitt. Trotz des vorgebauten Windfangs schwappte mit einer Gewitterböe ein Schwall Regentropfen herein. Marc und Archie drängten ins Haus, Sally hinterher, was Irmi leicht verärgerte. Archie hielt ein in ein helles Tuch gewickeltes kleines Bündel im Arm, und da erst begriff Irmi die Fassungslosigkeit der anderen.

„Es ist vor unserer Hütte abgelegt worden. Ich verstehe zwar nichts von Babys, aber ich glaube, es hat nur in deinem Haus eine Überlebenschance.“

Marc hörte sich panisch an. Irmi starrte auf das winzige Köpfchen und dann auf Archie, der, milde lächelnd, wieder einmal für alle den Fels in der Brandung darstellte.

„Es ist gerade Mal ein paar Stunden alt, meine ich. Uneheliche und außereheliche Kinder werden hier oft getötet. Offenbar wollte die Mutter, das dieses eine Lebenschance bekommt.“

Irmis Augen füllten sich mit Tränen der Rührung. Auf eine Weise, die sie nicht verstand, schien hier die Antwort ihres Loslassens zu kommen!

„Bitte, Irmi! Das schaffst nur du!“

Marc flehte geradezu. Irmi hatte sich schon entschieden. Sie nahm das Kind in die Arme, und schöpfte plötzlich aus einem Wissen, von dem sie nichts geahnt hatte. “Ich brauche abgekochtes Wasser, und etwas Zucker. Vielleicht reicht das bis morgen früh. Dann müsst ihr morgen helfen. Marc, geh ins Dorf und frag nach Mylo, oder sonst jemandem, der Englisch kann. Wir brauchen Babymilch, Windeln, keine Ahnung, was noch. Vielleicht finden die auch die Mutter. Man ist doch nicht einfach unbemerkt schwanger, und wer kann schon ohne Hilfe entbinden? “

Marc sah so erleichtert aus, dass Sally plötzlich die Fassung verlor.

„Das ist garantiert deins! Du hast es mit einer Filipppina getrieben, während du mich überredet hast, hier zu bleiben!“

Marc drehte sich genervt um, Archie legte beruhigend die Hand auf Sallys Schulter, und ließ es zu, dass sie sich an seine Brust warf und haltlos schluchzte.

„Ich helfe dir, Irmi, versprochen. Ich geh morgen früh sofort ins Dorf, ich hole jemanden.“

Für einen Augenblick Schloss Marc Irmi und das fremde Neugeborene in die Arme, und sie bildeten eine Einheit.

Lucy

Bad Nauheim, August 2010

Es hatte Stau auf der Autobahn gegeben, und ich war sowieso spät dran. Die Strecke von Frankfurt Westend zur Ausfahrt Obermörlen war ohne Verkehr gut in einer halben Stunde zu schaffen, aber ich musste wegen Thomas meistens während der Stoßzeiten zum Büro und zurück fahren. Manchmal klappte es mit Homeoffice. Meistens hatte ich zu viele Termine dafür. Seit ich vor zehn Jahren in Manila unmittelbar nach meinem BWL Studium bei Graham Consulting eingestellt worden war, hatte ich eine steile Karriere gemacht. Und ich war sehr stolz darauf! Dank meiner Sprachkenntnisse, meines deutschen Passes und meiner „Ortskenntnisse“ war ich schließlich zu einer unverzichtbaren Kraft beim Aufbau der europäischen Niederlassung geworden. Im letzten Herbst war ich zum Senior Consulting Director befördert worden, neben Shean die einzige in Europa auf diesem Level. Und die jüngste mit diesem Titel weltweit. Wenn Shean nächstes Jahr in Ruhestand ging, würde ich seine Nachfolgerin, das war wohl unter der Hand schon festgeschrieben. Jeder rechnete damit, und ich glaubte, alle hofften, dass sich die Situation mit Thomas bis dahin „gelöst“ haben würde. Sofern sie davon wussten. Allerdings vermutete ich, dass Shean New York darüber informiert hatte. Eigentlich könnte er auch noch zwei Jahre bleiben, dachte sich. Manchmal wusste ich einfach selbst nicht mehr, wie das weiter gehen sollte! Was, wenn Irmi mich eines Tages brauchte? Seit zwei Jahren war ich nicht mehr auf den Philippinen gewesen, und Archie hatte ich sehr viel länger nicht mehr gesehen. Seitdem Irmi und Marc nach Boracay gezogen waren. Verstanden hatte ich das nicht, aber es hatte meinen Aufenthalt bei Irmi zu einem Strandurlaub gemacht, und ich war selbstsüchtig genug gewesen, nicht weiter zu fragen. Ohnehin verliefen meine Begegnungen mit Irmi so, dass ich erzählte und erzählte, bis ich mein Leben wieder verstand. Niemand konnte mir so zuhören, wie sie. Wenn ich ausgeredet hatte- meistens dauerte das mindestens eine Woche, schwiegen wir zusammen, und das war für mich Erholung pur. Wenn ich von Thomas erzählte, und dann von Freddy, war Irmis Schweigen stets besonders tief gewesen, andererseits hatte sie eigentlich nie Anmerkungen zu meinen Männern gemacht. Es war eher so ein unbestimmtes Gefühl von mir, dass sie diese beiden Affären nicht guthieß. Vielleicht glaubte ich das ja auch nur, wegen der beharrlichen Einwände von Sannie, meiner besten Freundin hier in Deutschland. Die jedenfalls verzweifelte an meinen Männern. Trotzdem war es immer lustig mit ihr.

Das stop and go zerrte an meinen Nerven, schließlich war es Freitag siebzehn Uhr. Eigentlich sollte einem Menschen, der in Manila Autofahren gelernt hatte, deutscher Verkehr nichts anhaben. Aber ich war heute schon den ganzen Tag über nervös, irgendwie tief in mir, als würde etwas Alarmierendes geschehen, was ich übersah. Am Wochenende würde ich versuchen, mit Irmi zu skypen. Das Gute an Boracay war die eindeutig bessere Wlan Verbindung. Und Sannie würde ich anrufen. Vielleicht auch Judith, meine beste amerikanische Freundin. Jetzt wäre es besser, sich bei Paulina zu melden, denn ich würde zu spät kommen. Außerdem hatte sie heute mehrmals versucht, mich zu erreichen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, und mein Tag war einfach zu hektisch verlaufen, um mit ihr zu plaudern. Und wenn Paulina wirklich etwas brauchte, dann sprach sie auch aufs Band.

Zum Glück funktionierte die Freisprechanlage. Paulina meldete sich sofort, vermutlich wartete sie bereits in ihrer nuttigen Ausgehkleidung. Freitagabend holte sie immer ihr Freund ab. Er war breit, groß und kräftig, mit einem, nach meinem Gefühl, düsteren Verbrechergesicht, und wenn die beiden loszogen, dann jedes Mal in einer anderen Limousine. Aber Paulina mochte mich, sie nannte mich eine Heilige, was mir merkwürdig vorkam. Wer weiß, mit wem sie mich verglich, um zu dieser Schlussfolgerung zu kommen! Seltsam genug, war zwischen uns beiden so etwas wie eine Freundschaft entstanden. In der Hippiekommune von Sagada hatte ich gelernt, mit allen möglichen Menschentypen zu kommunizieren. Schwer war das nicht, denn ich wurde von allen geliebt. Korrektes Hochdeutsch und vollendete Umgangsformen (nur für den Notfall, wie sie immer erklärte) hatte mir meine Mutter beigebracht, derbes irisches Englisch und Selbstverteidigung Marc. Upperclass Englisch und Meditation Archie, kastilisches Spanisch, und alles, was man so über Sex und Männer wissen musste, Marianna. Französisch, banal genug, lernte ich im Sprachlabor in Frankfurt, nachdem Thomas meine Liebe zu Frankreich geweckt hatte. Von Paulina hatte ich ein wenig Russisch aufgeschnappt, allerdings vermutete ich, dass es nicht die eleganteste Version war. Ich lernte Sprachen schnell: damals kam mir zum ersten Mal die Idee, es mit Chinesisch versuchen, als echte Herausforderung, sozusagen. Der chinesische Markt entwickelte sich gerade für Graham Consulting, und fiel neuerdings auch in mein Ressort. Und es war mitunter schwer, deren Englisch zu verstehen. Tatsächlich lernte ich gerade Italienisch, die Sprache der Arien und des Belcanto, weil Thomas mir auch die Welt der klassischen Musik erschlossen hatte. Die schwermütigen Canzoni, die ich besonders gern an meinen einsamen Abenden hörte, schienen wie geschaffen, für diese goldenen Spätsommertage.

„Paulina, ich stehe im Stau, bin aber schon an der Ausfahrt! Wenn alles normal ist, könntest du eigentlich schon los.“

Normal bedeutete, dass Thomas weder plötzliche Infusionen, noch besondere Schmerzmittel brauchte, schon etwas gegessen hatte, und guter Laune war.

„Alles ok, mein Kindchen, nur keine Hetze. Ging nicht so gut heute, ich warte auf dich.“

Paulina machte eine bedeutungsvolle Pause, die mich fast mehr alarmierte, als ihr Hinweis, dass es Thomas offenbar deutlich schlechter ging, als heute früh.

„Was gibt’s denn?“ Der Verkehr war wieder zum Erliegen gekommen.

„Nun, Hermann war heute da. Er hat mich beiseite gestoßen, und ist zu ihm. Es war sehr schlimm, habe Polizei und Arzt und meinen Schatz angerufen. Und der war zum Glück am schnellsten da:“

„Paulina, was genau ist passiert?“

„Kindchen, gleich kommt der Arzt nochmal, ich erkläre, wenn du bist da.“

Damit legte sie auf, und überließ mich meinen Sorgen. Hermann war Thomas‘ drogensüchtiger Sohn, er hasste seinen Vater noch mehr als mich, und er tauchte normalerweise nur dann auf, wenn er dringend einen Schuss brauchte, und kein Geld mehr dafür hatte. Dass Thomas seinem Sohn eine beträchtliche Unterhaltssumme, und eine eigene Wohnung im Frankfurter Nordend zahlte, hatte zu dem einzigen, allerdings heftigen Streit zwischen uns beiden geführt, denn ich hatte Thomas Coabhängigkeit vorgeworfen, und mit diesem Begriff wollte und konnte er nichts anfangen. Thomas‘ Beziehung zu seinem Sohn war von vermutlich sehr berechtigten Schuldgefühlen seinem einzigen Kind gegenüber geprägt. Hermann war ins Internat geschickt worden, während Thomas Geld verdiente und sein Leben genoss, und Hermanns alkoholkranke Mutter hatte sich derweil in ihrem teuren Haus zu Tode gesoffen. Ich schüttelte unwillkürlich den Kopf. Deutsche Familien waren merkwürdig, vor allem bei den Reichen, das hatte Irmi mir ja immer erzählt. Und die einzige Begegnung mit meinem Cousin Olaf Bothe hätte nicht desaströser verlaufen können, was durchaus in dieses Schema passte. Dabei waren Olaf und ich die einzigen Verwandten unserer Generation, aber ich war für ihn eben keine Blutsverwandte. Obwohl ich legal nach philippinischem und deutschem Recht von Irmi adoptiert worden war, die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, einen Universitätsabschluss und einen sehr gut bezahlten Job hatte, nannte mich Olaf eine Erbschleicherin. Hermann und Olaf sollte man mal zusammenbringen, dachte ich bitter, die würden sich bestimmt gut verstehen: dieselbe feine Herkunft, teure Erziehung und dasselbe unhöfliche und lieblose Benehmen.

Endlich befand ich mich auf der Landstraße. Die Bauarbeiten für die Landesgartenschau hatten das Fahren in Bad Nauheim in den vergangenen zwei Jahren zu einer letzten, oft langwierigen Hürde auf dem Weg zur Hochwaldsiedlung gemacht. Jetzt erstrahlte der kleine Kurort in neuem Glanz, besonders den Jugendstilanlagen hatten die zusätzlichen Geldmittel gutgetan. Die Besucher der Gartenanlagen verursachten auch ein erhöhtes Verkehrsaufkommen, gerade heute, an einem der letzten Wochenenden der Freilandausstellung, war das besonders ausgeprägt. Am lästigsten waren mir diejenigen, die außerhalb der ausgewiesenen Parkplätze im Schritttempo nach Stellmöglichkeiten für ihr Auto suchten, um Parkgebühren zu sparen. Ich fand dies eine irgendwie komische Marotte, im reichsten Land Europas.

Je näher ich Thomas‘ Bungalow kam, umso ruhiger wurde ich. So war es bei mir fast immer, wenn es wirklich brenzlig wurde: ein großer Vorteil bei schwierigen Verhandlungen. Daran dachte ich damals nicht. Vor der Garage stand quer ein schwarzer Porsche, also vermutlich Vladimirs heutiges Fahrzeug, direkt vor der Einfahrt das Auto von Dr. März. Seufzend manövrierte ich in eine Seitenstraße. Wer hier keinen Stellplatz auf seinem Grundstück hatte, der fand auch so leicht keinen anderen Parkplatz. Was bedeutete, dass ich hinterher noch einmal aus dem Haus musste, um meinen Wagen in die Garage zu fahren. Die Laptoptasche über der Schulter, den Schlüssel in der andren Hand, rannte ich fast zum Haus. Paulina stand nicht, wie sonst, wenn ich mich verspätet hatte, im Flur, bereit, mit Vladimir in die Limousine des Tages zu springen. Also eilte ich in das obere Stockwerk, zum hellen Schlafzimmer, das Thomas mittlerweile nicht mehr verlassen konnte. Vladimir war nirgendwo zu sehen. Ich hörte Paulinas hartes Deutsch, und das Gemurmel von Dr. März. Beide schauten erleichtert auf, als ich endlich in der Tür stand. Wie immer, galt mein erster Blick dem Kranken. Thomas lag regungslos, die Augen geschlossen. An einer Seite tropfte eine Infusion in den abgemagerten Arm. Dr. März richtete sich auf, und ging in den Flur. Ich hätte Thomas lieber erst begrüßt, denn ich war der festen Überzeugung, dass er auch in diesem seltsamen, komaähnlichen Zustand, in den er jetzt immer öfter fiel, alles mitbekam. Deshalb hatte ich darauf bestanden, dass Gespräche, die er aus irgendeinem Grund nicht hören sollte, auch nicht am Krankenbett stattfanden. Dr. März hatte mir widerwillig nachgegeben. Vielleicht fand er das gar nicht grundsätzlich verkehrt, aber als Chefarzt ließ er sich nicht gerne von mir etwas vorschreiben. Asiatinnen kannte er sonst bestimmt nur als demütige Pflegekräfte der unteren Gehaltsordnung. Ich mochte ihn nicht so. Seinen unermüdlichen Einsatz für Thomas hatte ich allerdings schätzen gelernt. Die beiden waren Golffreunde gewesen, Mitglieder bei den Lions und einigen anderen exklusiven Organisationen. Diesmal schaute Dr. März sehr ernst.

„Das ist nicht nur ein seelischer Schock, Hermann hat ihn wohl auch gewürgt.“

Unwillkürlich ballte ich die Faust.

„Es ist -ungeheuerlich. Ich werde Anzeige erstatten, auch wenn die Lage ohne das Eingreifen dieses Russen juristisch eindeutiger gewesen wäre.“

Ich erinnerte mich an Paulinas knappe Erklärung. „Ja, wahrscheinlich wäre Thomas dann schon eindeutig tot. Die Polizei greift ja nicht einmal ein, wenn ein Mann seine Ehefrau halbtot schlägt, bei Übergriffen vom Sohn kommt sie wahrscheinlich gar nicht erst!“

Dr. März sah mich an, ein trauriger Ausdruck in den sonst so kühlen Augen. Irgendwie schien es mir, als habe er gar nicht zugehört. „Frau Bothe, es gibt leider immer einen Punkt, von dem an die Medizin machtlos ist. Wenn Sie wollen, arrangiere ich ein Zimmer in der Klinik.“

Ich schüttelte energisch den Kopf. „Thomas will zu Hause sein, das hat er immer wieder gesagt. Wenn man medizinisch nicht viel machen kann, was sollte er dann in der Klinik?“

Der Arzt schaute mich noch nachdenklicher an, ich wusste seinen Gesichtsausdruck jetzt gar nicht mehr zu deuten. „Sie brauchen eine zusätzliche Pflegerin, er muss jetzt rund um die Uhr betreut werden.“ stellte er dann im gewohnten, sachlich-kühlen Ton, mit dem er mir immer die Pflegeanweisungen gegeben hatte, fest. Ich nickte, nur, damit er endlich ging. Ich wollte zu Thomas, und von Paulina erfahren, was wirklich gelaufen war. „Meine Handynummer haben Sie? Rufen Sie mich an, wenn etwas ist, ich bleibe erreichbar.“

„Danke!“

Er nickte mir kurz zu, und lief dann allein die Treppe hinunter. Er kannte das Haus besser als ich, er war Thomas‘ Freund seit Jahrzehnten. Wahrscheinlich hatte er dessen verstorbene Ehefrau behandelt, vielleicht hatten seine Kinder mit Hermann gespielt. Ich schaute ihm sekundenlang nach. Das mit dem Handy war nett. Ich hatte es bisher nur ein- oder zweimal am Wochenende versucht, und einmal nachts. Und da war er nie drangegangen, und hatte erst Stunden später zurückgerufen, wenn ich den ärztlichen Notdienst bereits wieder verabschiedet hatte. Trotzdem: er kümmerte sich um seinen Freund. Mehr, als es hier die meisten Verwandten füreinander taten.

Paulina trippelte auf ihren hochhackigen Absätzen den Flur entlang. „Vladimir gekommen ist schnell, er weiß ja von Hermann.“

Ja, es war nicht die erste Aktion dieser Art gewesen. Und Hermann kam lieber tagsüber, wenn Paulina allein im Haus war. Ich hatte ihn erst zwei- oder dreimal zu Gesicht bekommen, als es Thomas noch vergleichsweise gut ging. Einmal war Hermann dann so ausfallend mir gegenüber geworden, dass ich weggefahren war. Zwei Tage blieb ich bei Sannie in meiner Frankfurter Wohnung, dann erschien es mir doch ungerecht, dass der kranke Thomas wegen seinem drogensüchtigen, rassistischen Sohn einsam leiden sollte, und ich kehrte nach Bad Nauheim zurück. Und Einfluss muss Thomas auf seinen Sohn noch gehabt haben, denn von da an ging mir Hermann aus dem Weg. Vladimir hatte ihn bereits zweimal verprügelt, was ich insgeheim richtig gut fand. Seitdem nannte ich Paulinas Freund „Klitschko.“

„Gab ordentlich Dresche, war aber zu spät für Herr Bergmann. Polizei auch gekommen, erst mal beide mitgenommen. Wenn Vladimir da, ich gehe. In der Küche..“

„Nein, kein Essen jetzt. Ich gehe endlich zu ihm! Vladimir kommt bestimmt bald!“ fügte ich hoffnungsvoll hinzu, glaubte aber selbst nicht so recht daran. Klitschko sah wie jemand aus, dem gültige Ausweispapiere, die Aufenthaltsgenehmigung, oder der Führerschein fehlte, und auch wenn ich Hermann das blaue Auge gönnte, dass er jetzt bestimmt hatte, würde es das Vertrauen der Wetterauer Polizei in den Porsche fahrenden Vladimir bestimmt nicht vergrößern.

Thomas lag noch immer völlig regungslos. Leise setzte ich mich neben ihn und nahm die feine Hand, strich sanft über die Innenseite, bis ich glaubte, einen leichten Gegendruck zu fühlen. „Ich bin da, Thomas.“ erzählte ich leise.“ Es war Stau, ich habe mich etwas verspätet, und mein Tag war ziemlich turbulent. Jetzt werden wir beide ein ruhiges Wochenende verbringen!“

Dann schwieg ich einfach. Die Stille im Krankenzimmer hatte heute etwas Feierliches, und allmählich beruhigte ich mich. Nachdenklich forschte ich in Thomas‘ Gesicht nach einer Reaktion. Seine eleganten Gesichtszüge, denen die Krankheit bisher nichts hatte anhaben können, blieben reglos. Früher, in unseren schönsten Zeiten, hatte ich mich auf die Wochenenden mit Thomas gefreut. Er lehrte mich europäische Lebenskunst. Ich war mit Shean einer Meinung, dass nur die Europäer, so engstirnig sie manchmal auch sein mögen, das Leben zu genießen verstehen. Thomas liebte Geschichte, und zeigte mir Burgen und andere alte Bauwerke, bis ich die Faszination der Vergangenheit spürte. Ich hörte mir mit ihm Konzerte in Paris an, und erlebte Opern in Verona, wir besichtigten die Katakomben in Rom, und die Schlösser an der Loire. Frankreich und Italien liebte er besonders. Und bei allen Unternehmungen gab er mir immer das Gefühl, etwas Kostbares zu sein. Kennen gelernt hatte ich Thomas übrigens bei meiner ersten Firmenübernahme, die ich in Europa allein geregelt hatte. Kleine Unternehmen waren das hier, vergleichsweise, aber Europa ist durch seine Vielfalt und seinen Reichtum schon auch ein interessanter Markt. Thomas verkaufte damals seine Firma, weil er niemanden gefunden hatte, der es übernehmen wollte. Sagte er zumindest, denn selbstverständlich blieb sein Sohn Hermann lange sein Geheimnis. Vielleicht war ich damals anfällig für seine Bewunderung, denn, auch wenn es wohl außer Irmi niemand ahnte, hatte mich die unverhohlene Verachtung und Ablehnung von Olaf sehr verletzt. So etwas hatte ich vorher zum Glück noch nie erlebt. Thomas war ein sanfter Liebhaber, auch der Sex mit ihm war schön-klar, hatte ich in meiner Jugend stürmischere Freunde gehabt. Zwei Jahre lang war ich tatsächlich glücklich mit Thomas Bergmann. Dann wurde er merkwürdig, unsere Beziehung kühlte ab, ging aber nie ganz auseinander. Schließlich offenbarte er mir seine tödliche Erkrankung, und ohne viel darüber gesprochen zu haben, übernahm ich die Fürsorge. Zunächst konnte er immer noch einige Zeit allein bleiben, seit einem Jahr war er bettlägerig. Seltsam genug, war unsere Liebe in diesem Jahr inniger und tiefer geworden, auf eine gänzlich andere Art. Sannie meinte, Thomas sei mein Vaterersatz. Das war Unsinn, denn ich hatte gleich zwei Männer gehabt, welche Vaterstelle an mir vertraten: Archie und Marc. Beide nahmen sich mehr Zeit für mich, als ich das bei deutschen oder amerikanischen Vätern je gesehen habe. Vielleicht verstand Sannie nicht, dass ich zu Thomas gezogen war, als Freddy schon mein Liebhaber geworden war-aber ein Zusammenleben mit Freddy war ja nie eine wirkliche Option gewesen.

Meine Gedanken verwirrten sich, fast wäre ich ein wenig eingenickt, als ich ein Auto draußen halten hörte. Dann klingelte es an der Haustür. Paulina öffnete unten, und klopfte kurz darauf an der Tür. Seufzend stand ich auf und ging hinaus. Neben Paulina stand ihr Freund Vladimir, daneben Dr. März, und hinterher drängelte sich noch eine philippinische Pflegerin.

In seiner gewohnten, kühlen, autoritären Art riss Doktor März das Gespräch an sich: „Frau Bothe, ich habe ihnen Schwester Ines gebracht. Sie wird sie während des Wochenendes unterstützen. Außerdem habe ich dafür gesorgt, dass dieser Herr hier“, er schaute etwas kritisch nach Vladimir und fügte dann hinzu: „nun, dass er eben wieder hier ist.“

„Ich komme doch ganz gut allein zurecht!“ erwiderte ich unwillig.

Dr. März sah etwas gequält in meine Richtung. „Frau Bothe, ich verstehe Sie gut, und ich schätze Ihr Engagement für Thomas. Die Situation ist nun eskaliert, und wir werden uns darauf gefasst machen müssen, dass die Pflege unseres Freundes genau begutachtet werden wird. Hermann will Anzeige erstatten, weil sein Vater nicht im Krankenhaus versorgt wird.“

Vladimir verdrehte die Augen und ballte die Fäuste. Paulina regte sich auf. „Wieso der sitzt nicht im Gefängnis? Hat gewürgt seine eigene kranke Vater und so was will Anzeige erstatten!“

Ich gab ihr insgeheim Recht, verstand aber, dass Dr. März die Lage richtig einschätzte. Von nun an würde jeder unserer Handgriffe genau taxiert werden. Das bedeutete, dass ich wiederum mit einem ruhigen Wochenende nicht rechnen konnte, denn ich musste mich um die neue Pflegerin kümmern, ihr das Zimmer zeigen, sie einweisen, und auch darauf achten, ob sie überhaupt mit Thomas richtig umging. Seufzend wandte ich mich zu Paulina.

„Paulina, du hast jetzt endlich frei. Geh mit Vladimir, wir sehen uns Sonntagabend!“ Tatsächlich verschwanden die beiden erleichtert, ohne ein Widerwort. Ich fühlte mich plötzlich schutzlos, denn mir war klar, das Hermann ausschließlich vor Gewalt Respekt hatte, und die Polizei nicht im geringsten fürchtete. Nicht fürchten musste. Ich wandte mich zu Doktor März.

„Ist denn Hermann Bergmann noch in Gewahrsam oder wieder frei?“

Dr. März seufzte. „Ich rechne damit, dass er tatsächlich noch vor morgen früh wieder auf freiem Fuß ist. Er hat seinen Anwalt angerufen.“

„Das bedeutet wohl, dass wir vor Ende des Tages noch einmal Besuch von ihm bekommen werden!“ Ratlos wandte ich mich an Schwester Ines und sagte unwillkürlich, halblaut: „Seltsame Familien sind das hier in Deutschland. Söhne versuchen ihre kranken Väter zu erwürgen, und werden dabei von ihren Anwälten unterstützt!“

Ines sah mich an, und nickte. Für einen Augenblick dachten wir wohl beide an den Zusammenhalt der Großfamilien auf den Philippinen, und fühlten uns verbunden, obwohl wir einander noch gar nicht kannten. Ja, mit ihr würde ich die nächsten Tage wohl durchstehen können. Doktor März sah irgendwie unzufrieden von einer zur anderen, und wandte sich dann grußlos ab. An der Treppe drehte er sich noch einmal um und rief „Also-wenn etwas ist, melden Sie sich!“

Lo