Das Jahr mit Fred - Kathrin Schrader - E-Book

Das Jahr mit Fred E-Book

Kathrin Schrader

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Beschreibung

Alice hat gerade keine Zeit für die Liebe. Sie ist mit ihrem Architektur-Studium beschäftigt und mit ihrer 18jährigen Tochter. Aber sie sehnt sich danach, endlich anzukommen in einem Alltag, der ihr gehört. Also lässt sie sich auf Fred ein, der provokant in ihr Leben knallt und sie nicht mehr loslassen will. Die Beziehung zu Fred wird für die 39jährige Alice eine Zündfläche. Plötzlich sieht sie sich mit Fragen nach der eigenen Identität konfrontiert. Sie entdeckt ihren Vater wieder, der jahrelang ein blinder Fleck in ihrem Leben gewesen ist, anwesend zwar, doch unsichtbar, verdrängt. Alice begibt sich auf die Suche.

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für Selma und Oskar

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

1

Der Radfahrer hatte den roten Volvo nicht bemerkt. Ich hatte am Steuer gesessen. Ich hatte ihn gesehen.

Jetzt, während des Bewerbungsgesprächs, sah ich den Radfahrer auf der Intensivstation, durch Schläuche mit Maschinen verbunden, die für ihn atmeten. Ich hatte ihm meine Telefonnummer auf den Arm geschrieben und beschworen, mich anzurufen. Ich musste wissen, wie es ihm ging.

„Erzählen Sie von sich, Alice! Was interessiert Sie?“ In Gedanken folgte mein Stift der schönen Fußwölbung des Architekten. Im Kopf skizzierte ich die Sehnen des sonnengebräunten Fußrückens, die dunklen Härchen, darüber der weite Saum seiner Leinenhose am Knöchel, die Lederschlappen, die nur von den großen Zehen gehalten wurden. Ich wollte die Endlosschleife des Unfalls in meinem Kopf übermalen. Wie der Radfahrer gegen das Heck gerast und den Lenker verloren und mit der Schulter zuerst auf den Wagen geprallt war. Ich sah, wie seine Leiche auf einer Pritsche aus dem OP gefahren wurde. Die schweißnassen, dunklen Locken klebten in der Stirn. Eine Schwester hatte den Fahrradhelm neben seinen Kopf gelegt.

„Ich zeichne sehr gern.“

„Sie zeichnen? Was zeichnen Sie?“ Sein schöner Fuß wippte gelassen. Die Schlappen machten ein kleines, weiches Geräusch.

„Alles. Räume natürlich. Einrichtungen. Die Entwürfe finden Sie in meiner Mappe. Aber auch Porträts und Akte. Die habe ich nicht mit hineingelegt.“

„Schade.“ Der Architekt grinste und strich mit der flachen Hand über seinen kahlen Schädel. Es war ein heißer Tag. Sein Strohhut lag auf dem Kaffeehaustisch. Ich trug ein Kleid aus grauer Seide. Ich war achtunddreißig Jahre alt, und hatte mich jünger ausgegeben, wie immer, neun Jahre, um genau zu sein. Nicht, dass es mich traurig machte, jünger auszusehen, aber für einen Grund zum Jubeln hielt ich es auch wieder nicht. Es war lediglich ein Zeichen, dass das Leben bisher ohne mich stattgefunden hatte. Irgendwie war es an mir vorbeigegangen. Ich wollte endlich lieben und leiden, berührt und zerstört werden. Ich wollte mit Tränensäcken ins Badezimmer schleichen, nach einer durchtanzten Nacht mit Whisky und Joints und Sex. Ich wollte, dass jemand sagt: Gott, siehst du schrecklich aus, Alice! Was ist passiert? Ich sah die Gänge eines Gefängnisses vor mir. Eine Gittertür schepperte hinter mir ins Schloss. Aber ich hatte keine Schuld am Tod des Radfahrers. Ich hatte ihn im Rückspiegel beobachtet, hatte geblinkt und die Bremslichter aufflammen lassen, damit er mich endlich sah.

Am Abend klingelte er an meiner Tür. Geduscht, rasiert und duftend. Er trug ein weißes Hemd, Jeans und rote Turnschuhe. Das Fahrrad, das er an mir vorbei in die Wohnung schob, war gelb. Nur aus Dankbarkeit dafür, dass er lebte, hatte ich mich auf dieses Rendezvous eingelassen. Zum Glück war ihm außer einer ausgekugelten Schulter nichts passiert. Er sah sich in der Wohnung um. „Du wohnst hier nicht allein.“

„Meine Tochter ist bei ihrem Freund. Sie lernen für die Mathe-Klausur.“ Er unterdrückte eine Frage und pappte mit der flachen Hand die Locken in die Stirn. Seine leicht vorstehenden Augen flohen seitlich aus dem schmalen Gesicht in Richtung der Ohren. „Ich heiße Fred. Ich kann etwas kochen.“ Wir gingen einkaufen. Er ließ mich zahlen und trug die Tasche nach Hause. Dann stand er in der Küche, setzte Reis auf und hackte Knoblauch. Er gab Garnelen in eine Pfanne und rührte. Die Haare auf seinen Armen waren von der Sonne gebleicht, rötlich. Seine Hände sahen aus, als wären sie mit elementaren Dingen vertraut. Vielleicht war er Koch. Es hätten auch die Hände eines Bildhauers oder Chiropraktikers sein können. „Ich hatte Angst um dich.“

Er hielt inne, beugte sich zu mir und wollte mich küssen, aber ich wich aus. „Ich meine nicht, dass ich Angst hatte, dich nicht wiederzusehen.“

„Ich brauche noch etwas Wein. Und Estragon.“

Wir hockten uns im Schneidersitz auf die Bohlen des Balkons. „Lecker! Woher hast du das Rezept?“

„Es gibt keins. Ich koche nie nach Rezept.“ Er aß hastig.

„Du hattest es sehr eilig vorhin.“

„Nein. Wieso?“ Er musste riesigen Hunger haben, so schnell wie er aß.

„Weiß nicht… sah so aus… du hast den roten Volvo übersehen. Er gehört mir übrigens nicht. Der Teehändler, bei dem ich zuletzt gejobbt habe, hat ihn mir geliehen, so lange er in Asien auf Einkaufstour ist. Statt einer Abfindung sozusagen. Ich war auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch.“

„Da hat dein Teehändler einen guten Deal gemacht.“

„Vielleicht nicht. Vielleicht ist das Auto kaputt.“

Fred sah von seinem Essen auf.

„Ich habe es unten in Mitte stehenlassen. Nach dem Unfall konnte ich nicht mehr fahren.“

Er blickte noch immer. Seine Augen hatten die Farbe von Plankton, in das die Sonne fällt, wie Waldseen in Brandenburg im Hochsommer, wenn es mittags ganz still ist und nur der weiche Boden unter den nackten Füßen summt und das Sonnengold lautlos ins Wasser tropft. „Und? Bekommst du den Job?“

„Ich glaube, ich war gut. Ich war ernst. Ich habe immerzu an den Unfall gedacht. Das hat geholfen. Meist versaue mich mir alles mit blödem Gekicher an unpassenden Stellen.“

„Dann war es ja ein Glück für dich, dass ich dir hinten raufgeknallt bin. – Das Mountainbike ist futsch, nicht zu ersetzen. War von 1989, aus Kalifornien. Es war für einen Kunden reserviert. Achthundert Euro.“

„Ich kann meine Versicherung anrufen.“

„Versicherung!“ Seine Augen rückten gegen mich vor. Er stand auf und drückte seine Haare in die Stirn. Seine Augen suchten einen Halt. Er trabte auf der Stelle wie ein eingesperrtes Fohlen. „Dieses Fahrrad war reine Poesie. Wenn du wüsstest, wie sie damals Fahrräder gebaut haben! Sie haben gar nicht an Geld gedacht. Sie lebten von Musik, Liebe und ihrer Kunst. Das war Hingabe. So etwas kennen die Marshmallows da unten gar nicht.“ Er machte eine abwertende Geste in Richtung der Straße. „Wenn du ihnen sagst, wie versklavt sie sind, weil sie ein halbes Monatsgehalt für ein Schrottrad ausgeben, das unter dem Druck von Ausbeutern zusammengeschraubt wurde, sagen sie: Bleib cool, Mann!“ Er presste wieder seine Locken in die Stirn. „Versicherung!“

„Marshmallows!“

„Ja. Das sind Marshmallows. Du drückst und drückst und es kommt kein Widerstand.“

Amüsant würde der Abend mit ihm nicht werden. Ich hatte gar nicht mehr an dieses Fahrrad gedacht. Es war nur ein Fahrrad! Kein Auge. Nicht einmal ein Finger.

Das Essen war beendet und der Abend noch lang. Wir gingen rüber in die Waffelfabrik und schauten den Tangotänzern zu, die sich auf einem Holzpodest unter bunten Lichterketten aneinanderschmiegten. Was hätten wir auch sonst tun sollen? In der winzigen Bar, die von allen nur Das Klo genannt wurde, bestellten wir Espresso. „Ich habe einen eigenen Rahmen entworfen. Willst du ihn sehen?“ Fred reichte mir sein Telefon. Das Foto zeigte einen rosa und orange geflammten Fahrradrahmen mit einem verschnörkelten F. und einem verschnörkelten K., vermutlich seine Initialen. „Wie findest du ihn?“

„Toll.“

„Du kannst ihn hier um die Ecke kaufen.“

„Was kostet er denn?“

„Sechshundert. Ein Designerstück eben. Einmalig.“ Er bewunderte seine Kreation. Ich hätte wetten können, dass er das Foto mindestens zehnmal am Tag anschaute. Wahrscheinlich war es das Hintergrundbild seines Monitors. Ich dachte an das Ein-Quadratmeter-Büro, das ich entworfen hatte und auch ziemlich oft anschaute und mir dann ausmalte, dass es ein Verkaufsschlager würde und ich eine berühmte Designerin. Wie blöd, ich hatte vergessen, es in die Bewerbungsmappe für den Architekten zu legen. Das Ein-Quadratmeter-Büro bestand aus einem Regal mit Schreibplatte, integrierter Lampe und gepolsterten Klappsitz. Es ließ sich mit dem Inhalt der Regalfächer auf Ein-mal-ein-Meter zusammenklappen und maß in der Tiefe knapp 40 Zentimeter, so dass es quasi in jedem Auto vor die Rücksitze passte. Ich hatte es allein entwickelt, für mobile, urbane Arbeitsnomaden. Ich könnte den Architekten morgen anrufen und den Entwurf ankündigen und dann nachschicken. Wäre ein guter Anlass, sich schnell wieder in Erinnerung zu bringen. Ich sah seine schönen Füße gelassen über einen saftigen Rasen laufen. Das weiche Leder schlappte. Das Leinen spielte um seine gebräunten, schmalen Knöchel. Eiswürfel klingelten. Unscharf im Garten hinter seinen Beinen wartete eine Frau. Blond.

„Ich liebe Farben!“ Fred schob das Telefon in die Hosentasche zurück. „Du musst stärkere Farben tragen, Alice. Du hast wunderschöne Augen. Wie ein Novembertag. Nebel. Tiefes Violett würde dir stehen. Dazu Silber. Dieses Kleid ist sehr, sehr schön, sehr elegant, aber grau! Du bist nicht der Typ für grau. Ich sehe dich in einem funkelnden Minikleid, vorn hochgeschlossen und im Rücken tief ausgeschnitten bis zum Hintern.“ Er strahlte.

„Oh, jetzt wird es ja doch noch spannend! – Farb- und Stilberatung. Aber nein, Violett erschlägt mich.“

„Kommt auf die Nuance an. Es sollte fast schwarz sein. Hexenviolett. Du bist stark. Aber du traust dich nicht.“

„Ach ja?“

„Kein Witz, Alice. Gehen wir zusammen ein Kleid für dich kaufen?“

„Muss es gleich ein Kleid sein? Für den Anfang reicht vielleicht ein Lippenstift.“

„Der Lippenstift muss heller sein.“

„Helles Hexenviolett.“

„Eher ein krasses Rosé.“ Er lachte. In seinem Unterkiefer war ein Zahn abgebrochen.

„Der Zahn! Ist das heute passiert?“

Er griff sich wie ertappt an die Lippen. „Nein. Ist ne alte Geschichte.“

Es war gegen zwei Uhr nachts und der Himmel nicht dunkler als ein tiefblauer Bühnenvorhang aus Samt, von unten angeleuchtet. „Also gehen wir?“

„Na ja, offen gesagt, geht mir das zu schnell.“

„Du stehst schon wieder auf der Bremse. Wie vorhin! Du hättest nicht bremsen sollen. Dann wäre ich dir nicht hinten drauf gefahren. Okay, aber dann hätten wir uns nicht kennengelernt. Eigentlich ist es egal. Brems oder brems nicht.“

„Ich habe das Recht zu bremsen, wann ich möchte! Du musst den Sicherheitsabstand einhalten.“

„Ich brauche keine Sicherheit.“

2

In Freds Straße war es still und kühl. Die Baumkronen luden weit aus. Das Mondlicht sickerte hindurch und spiegelte sich auf dem Kopfsteinpflaster. Manchmal tust du Dinge, die du nicht erklären kannst. Das ist, wie wenn du in einem See schwimmst und in der Dunkelheit unter dir sind Pflanzen, die wollen ans Licht, aber sie schaffen es nicht. Sie streichen an deiner Haut entlang. Sie berühren deine Brüste, deinen Nabel und deinen Venushügel. Einfach so mit jemandem die Nacht zu verbringen fühlt sich so an. Am Morgen danach verschwinde ich, gehe nach Hause, rauche auf dem Balkon eine Zigarette, wecke Jolanda, bereite uns ein Frühstück und kehre in meinen Alltag zurück, als sei nichts gewesen.

Beziehungen und Jobs, immer klemmen oder reiben sie irgendwann, werden langweilig, oft mühsam. Routine ist mir verhasst. Und das, obwohl ich aus einem Elternhaus komme, das an Stabilität nicht zu überbieten ist. Keine Scheidung. Nicht der kleinste Streit zwischen Vater und Mutter. Sie lebten in einer fest verkapselten Harmonie. Eine Katalystin hatte mir gesagt, dass ich unbewusst gegen ihren Lebensstil rebelliere und deshalb keine feste Bindung eingehe. Aber das überzeugte mich nicht. Ich wollte ja eine dauerhafte Beziehung führen, ich sehnte mich danach, auch wenn das nicht einfach sein würde und Geduld erforderte. Na und? Mutter hatte gesagt, dass ich lernen müsste, zurückzustecken, Kompromisse auszuhandeln und vor allem nicht bei der kleinsten Kleinigkeit auszuticken und abzuhauen. Ein Firmenschild aus Plexiglas leuchtete neben der Hofeinfahrt: american classic bikes. frederik krall. Das Hoftor war schwer. Ich warf mich dagegen, stemmte es auf und lief zwischen den alten Schienen für Pferdewagen durch die Hofeinfahrt in einen Hofgarten. Aus dem Erdgeschoss der Remise strahlte weißes Licht. Es verwandelte die Blätter der Bäume in ein schwarz-weißes Muster. Die Glastür stand weit offen. Fred stand im Unterhemd in seiner Werkstatt und arbeitete. Der Spot war auf den Montageständer gerichtet, in dem ein Rahmen klemmte. „Ich wusste, dass du kommst.“ Es ist falsch, dachte ich. Es ist nicht das, was ich will. Aber ich blieb, unsicher auf dem Gelände der Nacht. Fred schaltete den Scheinwerfer aus. In der schimmernden Dämmerung der Juni-Nacht glich sein schmales, spitz zulaufendes Gesicht mit den länglichen Augen einem Bild von Modigliani.

Am Morgen hatte ich Lust, ihn zu zeichnen, während er noch schlief. Ich wand mich vorsichtig aus dem Bett. Das Display zeigte 8:37 Uhr. Jolanda schwitzte schon über ihrer Matheklausur, ohne, dass ich ihr zuvor über die Schulter gespuckt hatte. Sie war eh nicht zu Hause gewesen, hatte wieder bei Sören geschlafen, wie so oft in letzter Zeit. Wenn sie morgens nicht zu Hause war, fehlte mir ihre schläfrige Wärme und ihre kleine, müde Stimme aus dem Schlaf am Morgen, wenn die Träume am stärksten sind. ‚Ein paar Minuten noch, Mama.’ Dann wälzte sie sich auf die andere Seite, das Gesicht unter den Haaren begraben. In diesem Moment konnte ich meine Augen nicht von ihr wenden. Ich hockte mich dann neben sie und strich ihr über das lange Haar, ohne es zu berühren. Als hätte meine Hand die Macht, sie zu schützen.

Freds Schlafzimmer-Einrichtung bestand aus zwei Tatamis mit Futon, einer kugelrunden Bodenlampe und einer Kleiderstange. Ich liebte minimalistisch eingerichtete Räume. Er schien einen guten Geschmack zu haben. Die Wand zum Garten hin war komplett verglast. Über der Stadt segelten Wolken. Ich sandte Jolli eine Nachricht, dann lief ich die schmale Wendeltreppe nach oben und warf mir in der Küche eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht. Fred tappte die Treppe hinauf. Es war zu spät sich davonzumachen. Er trug eine blaue Regenjacke um die nackten Hüften geknotet. Er schaufelte Kaffee in eine taillierte, silberne Espressomaschine und schnitt einen Apfel auf. Der Kaffee war stark und gut. Wir saßen an einem kleinen runden Tisch am Fenster zum Hof. Er schaute mich aus verquollenen Augen an. „Heiraten wir?“

„Heiraten? Du spinnst.“

„Ich war noch nie verheiratet. Du?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich war noch nicht reif dafür. Ich bin wie ein Diamant, der durch Niederlagen, unter vielen Schmerzen geschliffen wurde. Jetzt spüre ich meinen Wert. Ich war noch niemals bereit zu diesem Schritt.“

„Nach wenigen Stunden in der Dunkelheit?“

„Die Nacht enthält das Wesentliche.“

3

Fred brach eine Schilflanze, um einen Käfer zu retten, der im Wasser trieb. Mein Blick rutschte in das finstere Wasser unter den zappelnden Beinchen. Ein Schwindel erfasste mich. Ich riss den Blick empor. Auf den Kräuselwellen spiegelte sich der Himmel. Am anderen Ufer trieb ein Schwanenpaar. Fred löste das Band von meinem Bikini und biss mich in den Nacken. „Dieser Steg macht mich an. Jemand könnte kommen und uns erwischen.“ Wo sein T-Shirt gesessen hatte, war er weiß, heller als ich an meinen blassen Stellen. Seine Arme und sein Gesicht hingegen waren tiefbraun. Er war schlank. Die Schenkel wölbten sich straff unter den Leisten. Ich strich über diese Rundung, legte meinen Kopf in seine Leiste und küsste ihn dort, saugte an seinem Penis. Er lag still und spielte mit meinen Haaren. „Mach weiter.“ Ich setzte mich auf seinen Körper und überließ mich ihm wie einer warmen Welle. „Das hier gefällt mir.“ Er strich über meine Schlüsselbeine zu den Schulterkugeln, dann hinab zu den Brüsten.

„Als Kind wollte ich Rettungsschwimmerin werden. Ich habe die richtige Anatomie dafür. Ich habe dreimal in der Woche trainiert. Dann habe ich eine Tiefenangst entwickelt und musste das Training abbrechen. Seither meide ich die Seen, aber ich sehne mich nach ihnen wie nach einem Zuhause, in das ich nicht zurückkehren kann.“

Er hielt die Augen geschlossen. „Rette mich, Lissi.“

Er hatte mir nicht zugehört. Ich gab mich der Welle hin, schaute mir dabei zu, wie ich auf den Grund wedele, ihm unter die Arme greife und seinen bewusstlosen Körper nach oben trage, ihn ans Ufer ziehe und das Wasser aus seinen Lungen pumpe, ihn beatme, bis er die Augen aufschlägt und mich ansieht. „Ich liebe dich.“ Wir lagen nackt nebeneinander und blickten in den Himmel. Wenn eine Liebe beginnt, fühlt der Alltag sich zärtlich an. Jede Bewegung, die du machst, ist neu. Du siehst dich mit den Augen des anderen. Du verstehst alles, was in seinem Leben schiefgelaufen ist, denn du warst noch nicht für ihn da.

Fred saß mit angezogenen Knien und blickte auf das Wasser. Ich schraubte eine kleine Weinflasche auf. „Erzähl etwas von dir.“ Auf diese Weise hatte mich der Architekt zum Reden aufgefordert. Das hatte mir gefallen. „Hast du Kinder?“ Fred schüttelte den Kopf. „Geschwister?“

„Nein.“

„Möchtest du Wein?“ Ich reichte ihm einen Plastikbecher.

„Ich habe überhaupt keine Familie. Meine Mutter ist gestorben, vor ein paar Jahren, und meinen Vater habe ich nicht kennengelernt.“

„Du scheinst dich ein bisschen allein zu fühlen.“

„Ich bin nicht allein.“

„Weil du Freunde hast.“

„Die Community.“

„Eine Community?“

„Leute, die Retro-Bikes fahren.“ Er streckte sich flach auf dem Bauch aus. „Mein erster Fahrradladen war insolvent. Ein paar Jahre lang habe ich mich komplett vergraben und dieses Business mit den Classic-Bikes aufgebaut. Jetzt beginne ich wieder zu leben. Mit dir.“ Er brach einen Grashalm und wickelte ihn um seinen kleinen Finger. „Es ist nicht einfach, wenn man gar niemanden hat. – Als Kind hatte ich die Fantasie, mein Vater wäre was Besonderes. Ein Superheld. Ein Weltretter, der irgendwann kommt und mich bittet zu verstehen, dass er keine Zeit für seinen Sohn hatte. Aber er kam nie. Jetzt finde ich es gut, keinen besonderen Vater zu haben und selbst auch nichts Besonderes zu sein.“

„Ich finde dich besonders.“

„Er hätte nach mir fragen können, wenn er ein guter Typ gewesen wäre. Meine Mutter hat nie über ihn gesprochen. Er war tabu.“

„Vielleicht lebt er noch.“

„Für mich ist er gestorben. – Ohne Vater aufzuwachsen, ist echt hart. Das Defizit schleppst du ein Leben lang mit dir rum.“

Ich tastete nach meinem Vater und stieß auf eine diffuse Leere. Er spielte keine Rolle. Null. Er war praktisch nicht vorhanden. Okay, er hatte mir bei den Mathe-Hausaufgaben geholfen, aber nur in den ersten Schuljahren. Später hatte ich sowieso keine Hausaufgaben mehr gemacht. Vater sprach nicht mit mir. Ich sprach auch nicht mit ihm. Kein Problem. Einmal war es mir unangenehm gewesen, als wir zusammen im Auto nach Prötzel gefahren waren, in diesen letzten Sommerferien, als ich häufig mit dem Rad auf dem Land unterwegs gewesen war, um zu zeichnen und in verlassenen Häusern herumzustöbern. In Prötzel hatte ich die Büchervitrine gefunden, an die Fred sein Fahrrad lehnte, wenn er mich besuchte. Ich hatte Vater damals gebeten, die Vitrine mit mir zusammen abzuholen. Es waren ungefähr sechzig Kilometer und wir hatten auf der ganzen Fahrt kein Wort miteinander gewechselt. Das Schweigen zwischen uns hatte in meinen Ohren gepocht. Mir war nichts eingefallen, es zu beenden, kein Thema, keine Frage, nicht einmal eine Bemerkung über das Wetter, die Straße oder die Leute. Ich fürchtete, dass jedes Wort das Schweigen zwischen uns noch verschlimmern könnte, wie wenn du heißes Wasser auf erfrorene Zehen gibst. In Prötzel hatte Vater den alten Mann, der mir die Vitrine vermachte, freundlich begrüßt. Draußen war er ein aufgeschlossener Mensch. Alle mochten ihn. Er hatte sich bei dem Mann bedankt, weil er die Vitrine so gut für den Transport vorbereitet hatte. Wir hatten sie zum Auto geschleppt und in diesen Minuten viel miteinander gesprochen: „Mehr rechts!“ – „Nach links!“ – „Pass auf!“ – „Jetzt hoch!“ – „Vorsichtig!“ So etwa. Danach waren wir die sechzig Kilometer schweigend zurückgefahren. Nicht, dass wir böse aufeinander waren, weil etwas zwischen uns vorgefallen wäre. Nein. Es war einfach so. Wenn ich zu Hause anrief, reichte Vater den Hörer sofort an Mutter weiter. Ich hatte darüber noch nie nachgedacht.

„Du hast gesagt, du bist wie ein Diamant, geschliffen im Laufe der Jahre.“

„Ich habe echt auf der Brücke gestanden und wollte springen, damals, als mein erstes Fahrradgeschäft insolvent war. Die Wut kriecht in mir hoch, wenn ich die Marshmallows sehe mit ihren Häusern und Höfen, ihrer Rente und ihren Lebensversicherungen.“ Er zog den Halm fest um seinen Finger.

4

Wenn ich an Vater dachte, sah ich nicht sein Gesicht, sondern seinen Rumpf, die steife Bewegung seines Rückens, wenn er sich beim Essen über den Tisch beugte. Eine völlig gerade Linie. Ich zeichnete sie. Vater war langsam. Er hatte etwas Behäbiges. Er war ein Planer, der jede Bewegung vorherberechnete und nie aneckte oder fehlging. Er hasste unkontrollierbare Dinge wie Brötchen, die krümelten oder Kerzen, die kleckerten. Er hatte ein Spezialmesser für Brötchen besorgt, damit sie weniger krümelten. Er hatte ein Spezialmesser für Kerzen gekauft. In der Weihnachtszeit beobachtete er die Kerzen, er spionierte sie aus, schnitt und drückte an ihnen herum. Sein ganzes Sinnen war darauf gerichtet, dass sie gleichmäßig abbrannten. Er war so mit Brötchen und Kerzen beschäftigt, dass er sich nicht an den Gesprächen von Mutter und mir beteiligte. Wir redeten eh meistens über Leute und Leute interessierten ihn nicht. Sterne interessierten ihn. Das Weltall. Er hatte eine Astronomie-Zeitung abonniert, die er mit geraden Rücken las. Sie lag immer an derselben Stelle auf seinem Schreibtisch, stets die aktuelle Ausgabe. Nirgendwo lagen die alten herum. Er las sie, glatt und sauber, mit steifen Rücken und trug sie anschließend glatt und sauber in den Papiermüll.

Aus der geraden Rückenlinie von Vater war ein x geworden. Ich kam nicht weiter mit ihm. Er war Mister X. Es war Nacht. Aus irgendeinem Grund konnte ich wieder nicht einschlafen. Ich hatte über die Bewerbung bei dem Architekten gegrübelt, auf die ich noch keine Antwort bekommen hatte und über die Frage, wer oder was eigentlich ein Marshmallow ist, ob ich jemals einem begegnet war. Vielleicht konnte ich auch nicht schlafen, weil ich wieder zu wenig gegessen hatte. Je älter ich wurde, desto schwieriger wurde es, wenig zu essen. Ich lief in die Küche, sah in den Kühlschrank. Im Gemüsefach lag eine Tomate. Knoblauch war auch da. Jolli kam nach Hause. Ich hörte das Schloss. Kurz darauf erschien ihr Gesicht im Türrahmen der Küche. Ihr honigfarbener Haar-Berg war zusammengestürzt. „Wieso bist du hier und nicht bei ihm? Du schläfst doch jetzt immer bei ihm.“

„Ich wollte mal wieder allein sein. Störe ich? – Wieso bist du nicht bei Sören? Du bist doch jetzt immer bei ihm“, äffte ich ihren Tonfall.

„Sören nervt.“

„Was ist passiert?“

„Och…“

Ich warf eine Scheibe Brot in den Toaster. „Möchtest du auch?“

„Nö.“ Sie lehnte schmal am Küchenschrank. Unter dem zerrissenen Saum ihrer Schlaghosen sahen die schmutzigen, nackten Füße hervor. „Ich habe herausgefunden, dass Sören sich Pornos im Internet anguckt, wenn ich auf der Theaterprobe bin. Ich glaube, er ist süchtig nach Pornos.“

„Pornos?“

„Das sind Filme, in denen Leute vor der Kamera ficken, Mama.“

„Sei nicht so zickig!“

„Er holt sich einen runter, vor dem Computer. Das ist widerlich.“

„Habt ihr keinen Sex mehr?“

„Der Sex ist langweilig. Immer dasselbe. Eigentlich habe ich mich im Schultheater nur angemeldet, weil ich vor den Abenden mit Sören abhauen wollte. Solange ich neben ihm sitze und tote Fliegen mikroskopiere, während er seine Comedys guckt, ist alles in Ordnung. Obwohl ich immer das Gefühl habe, ihn mit dem Mikroskop zu betrügen. Ich habe eben eine Leidenschaft. Er nicht. Aber das Mikroskop ist nicht sein Problem. Er ist sauer, wenn ich zum Theaterspielen rausgehe. Weil ich ohne ihn Spaß habe. Aber mitkommen will er nicht.“ Sie riss mit den Zähnen an einem Stück Haut neben einem Fingernagel und lutschte an der verletzten Stelle. „Neulich habe ich mal seine Chronik gecheckt und da habe ich es gesehen.“

„Du spionierst ihn aus.“ Das Brot sprang aus dem Toaster.

„Ich muss doch wissen, was er so treibt. Gib mir doch einen Toast.“ Sie angelte das Schokoladenglas aus dem Kühlschrank.

„Vielleicht spürt er, dass du vor ihm abhaust.“

Sie strich Schokolade auf das heiße Brot und versank in den Anblick der schmelzenden Masse. „Ich will ihn verlassen. Aber ich brauche jetzt einen Freund. Ich möchte bald ein Kind haben.“ Sie biss krachend in den Toast. „Nichts überstürzen! Es muss der Richtige sein, Jolli. Drei, vier Jahre kannst du schon noch warten.“

„In drei, vier Jahren fange ich an zu studieren. Vielleicht erst in fünf oder sechs Jahren. Jetzt, nach dem Abi, während der Wartesemester, ist die beste Zeit. Dann ist das Kind aus dem Gröbsten raus, wenn ich mit dem Studium anfange.“

„Glaubst du, dass du solange auf einen Studienplatz warten musst?“

„Sieht so aus.“

„Was ist eigentlich aus der Mathe-Klausur geworden?“

„Mama, du kommst hier mal für eine Nacht reingeschneit und fragst gleich nach der Matheklausur. Es gibt wichtigere Dinge. Familienplanung ist wichtiger.“

„Das gehört auch zur Familienplanung. Möchtest du noch einen Toast?“

Sie nickte.

Ich füllte den Toaster und sah mich in wenigen Jahren in meinem eigenen Büro und Jolli, die von der Uni kam und wie wir uns irgendwo in der Stadt zum Mittagessen trafen. Wir sahen beide glücklich aus auf diesem Bild. Gleich morgen früh würde ich den Architekten anrufen.

„Denkst du gerade an ihn?“ fragte sie.

„An wen?“

„Du fragst, an wen?!“

„Ach so. Ja, natürlich. Ich denke immer an Fred. Er ist so eine Art Hintergrundstrahlung in meinem Universum geworden. – Und du? Denkst du an Sören?“

„Mm. Leider. – Kannst du mir etwas Sperma von Fred besorgen?“

„Was?“

„Ich möchte sein Sperma mit dem von Sören unter dem Mikroskop vergleichen, um zu sehen, worin sich das Sperma eines jüngeren von dem eines älteren Mannes unterscheidet.“

„Er ist kein älterer Mann!“

„Du bist ziemlich verknallt.“ Sie grinste. Wir aßen krachend und krümelnd unseren Toast. „Übrigens hat mir Jakob bei der Klausur geholfen. Ist ne glatte Eins geworden.“

„Das ist großartig, Jolli.“

„Also, mir ist es eigentlich egal. Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Jolli.“ Ihr Kuss roch nach Schokolade und Theaterschminke. „Mach die Musik nicht so laut, ja!“

„Ich nehme Kopfhörer.“

„Nein, nein, das ist nicht nötig. – Ach Jolli?“

„Ja.“

„Hast du jemals einen Vater vermisst?“

„Was steckt denn hinter dieser Frage?!“

„Fred hat erzählt, dass er seinen Vater nie kennengelernt hat und dass das schwierig war für ihn.“

„Er macht sich gern wichtig, oder? Scheint ne kleine Drama-Queen zu sein, wahrscheinlich traumatisiert. Pass auf dich auf! – Sag mal, was ist eigentlich mit seinem Zahn passiert?“

„Ein Unfall.“

„Dieser Unfall?“

„Nein, ein anderer.“

„Er scheint ja oft Unfälle zu haben. Wieso lässt er den Zahn nicht machen?“

„Keine Ahnung.“

„Sieht doch schlimm aus.“

„Findest du?“

„Vielleicht hat er kein Geld für den Zahnarzt.“

„Ja. Möglich.“

„Wieso fragst du ihn nicht?“

„Das ist seine Sache, finde ich.“

„Ihr seid doch zusammen. Oder seid ihr nicht zusammen?“

„Jetzt verschwinde endlich.“

Es tat gut, nachts in der Küche zu sitzen und Billie Holiday aus Jollis Zimmer zu hören. Ich klemmte die letzte Notfall-Zigarette zwischen die Lippen, ging raus auf den Balkon, stellte den Laptop auf die nackten Knie und suchte die Website des Architekten. Er hieß Kolja. Ich öffnete ein neues Dokument und schrieb: Guten Tag, Kolja. Hier ist Alice. Sie erinnern sich? – Den letzten Satz löschte ich wieder. Ich zündete die Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Drinnen summte das Telefon mit einer Nachricht. Ich stand auf. ‚Liebste, ich kann nicht schlafen. Ich brauche dich neben mir.‘ Unwillkürlich musste ich lächeln. Ich dachte daran, wie er unsere Körper vor dem Schlafen hermetisch abriegelte, mein Po an seinem Bauch, seine Hand auf meinen Brüsten, als fürchtete er, ein winziger Feind könnte sich zwischen uns drängeln. Meist schlief er sofort ein und ich spürte noch, wie sein schlaffer Penis aus mir herausrutschte.

Ich ging wieder auf den Balkon und arbeitete weiter an dem Skript für mein Telefonat mit Kolja: Störe ich gerade? Wie geht es Ihnen? Haben Sie meine Mappe schon -das war zu plump- ich löschte und schrieb: Haben Sie schon Zeit gefunden, meine Entwürfe anzuschauen?

Billie Holiday sang… Ich schloss die Augen, rauchte und sehnte mich nach einer Whisky-Nacht.

Das Telefon hatte noch einmal gegen fünf Uhr ins Leere gefunkt: ‚Ich habe eben geträumt, du stehst auf einer Rolltreppe im Kaufhaus, nackt, in rosa Schuhen.‘ Ich löschte die Nachricht.

5

„Guten Morgen, Kolja. Hier ist Alice.“

„Hallo!“ Er klang freudig überrascht, als wäre ich eine alte Freundin.

Meine Erleichterung breitete sich wie übergekochte Milch auf meinem Gesicht aus. „Wie geht’s? - Ich wollte fragen, ob Sie schon Zeit hatten, meine Mappe anzusehen?“

Er räusperte sich. „Ich habe noch nicht reingeschaut.“ Er war plötzlich wieder ernst. „Ich hatte noch keine Zeit.“

Ich schluckte. „Macht nichts.“

Schweigen. Was sollte ich sagen? Verflixt, darauf war ich nicht vorbereitet. Ich spürte, wie ich wuchs und wieder zu der Riesin wurde, die überall anstieß. „Dann… rufen Sie mich an, wenn Sie…?“

„Ich melde mich, Alice.“

„Ähm, da ist übrigens noch ein Entwurf, den ich vergessen hatte. Ich schicke ihn nach.“

„Gut.“

„Danke.“

„Sie müssen noch ein paar Tage Geduld haben.“

„Kein Problem.“

„Gut.“

„Also dann…“

Ich melde mich. Bis bald.“

Verflixt! Meine Beine waren meterlang geworden. Ich war einfach zu viel Alice. Wenn das geschah, musste ich laufen, um wieder auf Normalgröße zu schrumpfen. Ich nahm immer denselben Weg. Lief vor dem Haus nach rechts, dann nach links bis zur großen Kreuzung, geradeaus, quer durch den Park, an der Bibliothek vorbei. Ich überholte alle. Es war so eine Art Amok, nur dass ich niemanden dabei umbrachte. Ein Amok light. Meist stand ich zuletzt erschöpft in einem Einrichtungs-Laden, in dem alle Dinge aussahen wie Bonbons. Ich konnte ihren Sinn nicht erfassen, aber die Musik, die in dem Geschäft lief, beruhigte mich und so stand ich und lauschte und betrachtete die bonbonfarbenen Einrichtungsgegenstände, bis ich wieder auf Normalgröße geschrumpft war.

6

Fred stellte einen Schuhkarton auf den Betonboden der Werkstatt. Er hob feierlich den Deckel, schlug das Seidenpapier auseinander und hob ein Paar himbeerfarbene Pumps daraus hervor. Die Absatzlinie war geschwungen wie die Silhouette einer Frau. „Sind es die aus deinem Traum?“

„Ich habe zuerst von ihnen geträumt und sie heute gefunden. Sind sie nicht toll? Ich habe sie sofort an dir gesehen.“

„Sie sind zu klein. Wie kommst du auf die Idee, Schuhe zu kaufen? Schuhe müssen anprobiert werden. Das weiß jedes Kind. Ich habe Flossen. Siehst du?“

„Ich tausche sie um. Probier erst mal!“

Ich streifte die Chucks ab und steckte die Fußspitze in eine der rosa Skulpturen. Sie waren wirklich zu klein. „Ehrlich gesagt, mag ich sie nicht besonders.“

„Was ist passiert, Alice?“

„Nichts. Wieso?“

„Du hast etwas. Ich spüre das. Sag schon!“

„Aus dem Praktikum bei dem Architekten wird nichts. Er hat kein Interesse.“

„Blödmann.“

„Nein. Nein.“

„Doch.“

„Ich brauche ihn nicht. Es gibt genug andere.“

„Genau.“

„Er hatte mir Hoffnung auf einen Job gemacht. Er hatte gesagt, dass ich vielleicht bei ihm einsteigen kann, nach dem Praktikum. Er sucht jemanden.“

„Du findest etwas viel Besseres. Mach dich nicht klein, Alice.“

„Ich mache mich nicht klein.“

„Vielleicht nervt dich das Hin und Her zwischen unseren Wohnungen. Komm zu mir. Du kannst hier lernen. Wir richten dir oben einen Schreibtisch ein. Du kannst dich jederzeit zurückziehen. Ich lasse dich in Ruhe.“

„Du meinst, ich soll zu dir ziehen. Und Jolli?“

„Sie ist erwachsen. Sie braucht dich nicht mehr. Du kannst jetzt wieder an dich denken.“

7

Die Fliesen unter den Startblöcken leuchteten tiefblau. Silbern tanzte das Tageslicht auf den Wellen. Ich betrachtete meine Flossen auf dem Startblock, die nicht in die rosa Pumps gepasst hatten. Vater hatte Flossen. Daran erkannte ich, dass er mein Vater war. Die Flossen waren der Beweis. Wie wir schwammen! Er war der schnellste Schwimmer des Bezirks Magdeburg gewesen, irgendwann in den Sechzigerjahren. Als er zum Studieren nach Berlin gekommen war, hatte er hier in der Gartenstraße trainiert. Es gab ein Foto von ihm aus dieser Zeit. Er sitzt mit geradem Rücken am Tisch in seiner Studentenbude vor einem aufgeschlagenen Buch wie ein Streber und lächelt in die Kamera. Hohe Stirn. Das schwarze Haar glatt, seitlich gescheitelt und kurz geschnitten. Er hat nie eine andere Frisur getragen. Blaue Augen. Ein tiefes Blau, wie die Kacheln unter den Startblöcken. Die dunklen Brauen bilden einen harmonischen Schwung. Schmale Nase. Schmale Lippen. Grübchen in den Wangen. Die Schwimmmeister blickten zu mir rüber. Sie machten sich über mich lustig, weil ich stand und Vaters Gesicht auf den Wellen studierte. Sie dachten wohl, ich traue mich nicht. Ich stieß mich ab und sprang. Vaters Gesicht löste sich in den vorüberfliegenden Silberwellen auf. Beinahe lautlos tauchte ich ein und schwamm unter den Beinen der anderen Badegäste hinweg bis zur Hälfte des Beckens. Dicht über dem ansteigenden Boden wedelte ich nach oben, die Arme seitlich an den Körper gelegt, kompakt wie eine Robbe. Auf dem Rücken trieb ich zurück zu den Startblöcken, über mir das gläserne Dach. Ich mochte das Stadtbad in der Gartenstraße, den einfachen, klaren Bau. Vater hatte mir erzählt, dass es früher auf der anderen Seite des Hauses Kabinen mit Badewannen gegeben hatte, für die Leute, die zu Hause kein Bad hatten.

8

„Wir werden jeden Winkel dieses Hauses durch Sex heiligen. Wir werden es in der Küche treiben, auf der Treppe, unter der Dusche, auf dem neuen Schreibtisch. Wo möchtest du anfangen, Alice?“

„Lass mich zuerst meine Sachen auspacken, ja.“

„Du kannst danach auspacken.“

„Gib mir ein paar Minuten anzukommen. Bitte!“ Ich stieß mich aus seiner Umarmung. Er riss kapitulierend die Arme hoch, trabte auf der Stelle. „Du hast keinen Sinn für Spontaneität!“ Schnaubend lief er die Treppe hinunter. Er hatte mir auf dem Flohmarkt einen Schreibtisch gekauft. Der Tisch war alt. Er hatte gedrechselte Beine, eine große Schublade und eine zweite Platte in Höhe meiner Schienbeine. Sie war zu hoch, die Füße darauf abzustellen und würde beim Arbeiten stören. Trotzdem mochte ich den Tisch. Ich legte den Laptop darauf und die wenigen Bücher, die ich mitgenommen hatte. Ich probierte den Tisch aus. Wenn ich die Füße auf die untere Platte stellte, musste ich die Knie ein wenig zur Seite kippen, damit meine Beine unter die Schublade passten. Das würde schon gehen. Im Hof lärmten Spatzen. Durch das offene Fenster klang die Stadt wie fernes Meeresrauschen. Fred rief von unten. „Lissi!“ Es gefiel mir, dass er mich Lissi nannte. Ich hatte noch keinen Kosenamen für ihn. Pferdchen. Mein Fohlen. Warum nicht gleich my little pony