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Eine Liebeserklärung an das Leben und die Magie einer richtig guten Geschichte
Tilly fällt aus allen Wolken, als sie an ihrem Geburtstag einen Anruf von Buchhändler Alfie Lane erhält. Ihr Ehemann Joe hat in Alfies kleinem Laden ein Geschenk für sie hinterlegt: ein Jahr voller Bücher – für jeden Monat eins. Seit Joes Tod vor fünf Monaten ist Tilly nicht mehr dieselbe, doch nun fasst sie sich ein Herz. Die Bücher führen sie von einem Abenteuer ins nächste. Durch die lebhaften Straßen New Yorks, zu neuen Freunden in Paris, in die friedvollen Hügel der Toskana und zu den kilometerlangen Sandstränden von Bali. Mit Alfies Hilfe entdeckt sie alte und neue Seiten an sich und lernt eine Tilly ganz ohne Joe kennen. Kann ihr dieses Jahr voller Bücher und Wunder zeigen, wie man wieder lacht, träumt und Pläne schmiedet? Und wie man sich vielleicht sogar neu verliebt?
»Dieser Roman ist eine Erinnerung daran, dass Bücher die Kraft haben, Leben zu verändern.« Kirkus Reviews
Wie heiße Schokolade für die Seele – ein hinreißender Roman für alle Leser*innen von Jojo Moyes und Cecilia Ahern.
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Seitenzahl: 441
Veröffentlichungsjahr: 2025
Tilly fällt aus allen Wolken, als sie an ihrem Geburtstag einen Anruf von Buchhändler Alfie Lane erhält. Ihr Verlobter Joe hat in Alfies kleinem Laden ein Geschenk für sie hinterlegt: ein Jahr voller Bücher – für jeden Monat eins. Seit Joes Tod vor fünf Monaten ist Tilly nicht mehr dieselbe, doch nun fasst sie sich ein Herz. Die Bücher führen sie von einem Abenteuer ins nächste. Durch die lebhaften Straßen New Yorks, zu neuen Freunden in Paris, in die friedvollen Hügel der Toskana und zu den kilometerlangen Sandstränden von Bali. Mit Alfies Hilfe entdeckt sie alte und neue Seiten an sich und lernt eine Tilly ganz ohne Joe kennen. Kann ihr dieses Jahr voller Bücher und Wunder zeigen, wie man wieder lacht, träumt und Pläne schmiedet? Und wie man sich vielleicht sogar neu verliebt?
Libby Page ist eine Bestseller-Autorin und Schreibcoach. Sie lebt mit ihrer Familie in Somerset, England. Wenn sie nicht gerade selbst schreibt, liest sie gerne und geht draußen Schwimmen.
Libby Page
Roman
Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt
Die englische Originalausgabe erscheint 2026 unter dem Titel This Book Made Me Think Of You bei Viking, an imprint of Penguin Random House UK, London.
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Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2025
Copyright © Page and Ink Limited 2026
Copyright © dieser Ausgabe 2025
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München
Covermotiv: © FinePic®, München, © Kolderal / Getty Images, © Stephen Mulcahey / Trevillion Images
Redaktion: Ulla Mothes
ES · Herstellung: ik
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-641-33638-7V003
www.goldmann-verlag.de
In Gedenken an Fred Cutting und Sally Lane
Beide haben Bücher sehr geliebt
~
Lesetipps von Book Lane
Bücher für Leselust, wenn man keine Lust auf Lesen hat
Cathy Rentzenbrink, Dear Reader: The Comfort and Joy of Books
Stella Gibbons, Teatime mit Kuh
Anna James, Matilda und das Geheimnis der Buchwandler
Sangu Mandanna, The Very Secret Society of Irregular Witches
Das richtige Buch in den Händen der richtigen Person genau im richtigen Augenblick kann ein Leben für immer verändern. Davon ist Alfie fest überzeugt. Was ziemlich naheliegt, wenn man sechs Tage die Woche in einer Buchhandlung verbringt und unzählige Male den großen Zauber erlebt hat, dass jemand den Laden mit der auf Papier gedruckten Chance verlässt, sich in jemand ganz anderen zu verwandeln.
Als Alfie früh an diesem Januarmorgen auf seinem ramponierten roten Fahrrad am Buchladen eintrifft, denkt er allerdings nicht daran, Leben zu verändern. Sondern daran, dass er schlecht sieht, weil seine Brille vom Regen ebenso mitgenommen ist wie seine Hose. Zu allem Überfluss erwarten ihn drei ziemlich nasse Kartons vor der Tür.
»Verflixte Bücher«, murmelt er vor sich hin, während er aus der Tasche seines flaschengrünen Dufflecoats den Schlüsselbund herausfischt.
»Verflixte Tür.« Das Schloss klemmt wie üblich, bevor die Tür sich zu öffnen bequemt und dem zerzausten Buchhändler mitsamt einem kalten Windstoß Zutritt zum Laden gewährt.
Alfie rettet die Buchpakete, hebt die Post vom Boden auf, die aus etlichen Rechnungen besteht, und deponiert sie mit einem Seufzer auf seinem Schreibtisch. Die Buchhandlung in der flauen Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr zu schließen, hatte er eigentlich für eine gute Idee gehalten. Aber jetzt bleibt ihm nur noch eine Stunde, um einen Teppich aus Tannennadeln wegzukehren, Lieferungen auszupacken und im Schaufenster Weihnachtsromanzen und Trostkochbücher gegen Fitnesshandbücher und Selbsthilferatgeber auszutauschen.
Alfie bekommt oft zu hören, er habe den wunderbarsten Beruf der Welt. Aber die Illusion, dass man als Buchhändler den ganzen Tag lesen darf, hat mit der Realität wenig zu tun. Manch einer würde sich wundern, wie viel Zeit er mit Kistenschleppen und Abstauben verbringen muss.
Als von der Hintertür ein Scharren zu vernehmen ist, horcht Alfie auf.
»Frohes neues Jahr. Wir sind heute Morgen nur zu zweit, Georgie«, sagt er, als die Katzenklappe aufschwingt und ein flauschiger, grau gefleckter Kopf erscheint.
Nachdem Georgette den Regen aus ihrem Fell geschüttelt hat, springt sie mit einem Satz auf die Ladentheke und macht es sich auf einer Sonderausgabe von Jane Austen bequem. Von diesem Plätzchen aus beobachtet die Streunerkatze Alfie mit leicht vorwurfsvollem Blick bei der Arbeit.
Als schließlich das Schaufenster frisch dekoriert ist, die Heizkörper wohlig knacken, die Lampen warmes gelbes Licht verströmen und der nussige Duft von frischem Kaffee in der Luft liegt, sieht Alfie sich zufrieden um. Sogar nach all den Jahren empfindet er noch immer Vorfreude, wenn der Laden sich auf Kundschaft vorbereitet und die Bücher geduldig darauf warten, ergriffen, interessiert studiert und vielleicht erwählt zu werden.
Als Alfie gerade die Tür aufschließen will, fällt sein Blick auf den Literaturkalender an der Pinnwand, den eine Stammkundin ihm geschenkt hat. Das Januarbild ist eine Frau, die in einem Lichtkegel behaglich schmökert. Der heutige Tag ist rot markiert und mit der Notiz NIGHTINGALEANRUFEN versehen. Alfie schaut zum Regal für die Bestellungen hinüber. Ausnahmsweise steht dort nur ein einziges Buch, in braunes Papier verpackt und mit Geschenkband verschnürt. An diesem Platz herrscht normalerweise ein ständiges Kommen und Gehen von Büchern. Doch dieses Päckchen harrt schon sehr lange dort aus.
»Oje«, seufzt er. »Was für ein Start ins neue Jahr.«
Zwischen Bergen von Papier auf dem Schreibtisch stöbert er ein ledergebundenes Adressbuch auf, einen regelrechten Wälzer, und blättert die knittrigen Seiten durch, bis er auf die gesuchte Nummer stößt. Als er zum Telefon greift, denkt Alfie an das Versprechen, das er vor über einem Jahr gegeben hat. Er hat beinahe vergessen, dass der Tag irgendwann kommen würde. Der Tag, an dem er diesen Anruf machen muss.
Alfie zögert, den Finger über der Tastatur. Aus seiner langjährigen Erfahrung als Buchhändler weiß er, wie lebensverändernd Bücher sein können. Er weiß allerdings auch, dass es Menschen gibt, die keine Veränderung wollen. Und er vermutet, dass dieser Anruf das Leben einer bestimmten Person komplett auf den Kopf stellen wird.
Die Hand der Zahnärztin schwebt über Tillys Gesicht, und sie versucht, sich auf die auberginenfarbenen Fingernägel zu konzentrieren anstatt auf die silbrige Gerätschaft, die in ihren Mund versenkt wird.
»Schöne Weihnachten gehabt?«, erkundigt sich Dr. Jafari, während sie an Tillys Backenzähnen herumfuhrwerkt.
Tilly versucht, etwas zu murmeln.
»Bitte den Mund schön weit aufmachen.«
Dankbar, nicht gestehen zu müssen, dass sie die Feiertage allein mit einer Riesenbox Pralinen verbracht hat, reißt Tilly den Mund weit auf.
»Für die Zähne ist Weihnachten natürlich die reinste Hölle«, redet Dr. Jafari munter weiter. »So viel Zucker und Rotwein. Gut, dass Sie mit Ihrem Check-up früh dran sind, bald wird man uns hier garantiert die Bude einrennen. Kaputte Füllungen, Geschwüre, Wurzelkanalbehandlungen, Abszesse.«
Die Zahnärztin zählt die Scheußlichkeiten so fröhlich auf, als handle es sich um die Namen ihrer Enkelkinder.
»Bei Ihnen ist aber alles in Ordnung«, bemerkt sie leicht bedauernd, während sie ihre Hand zurückzieht.
»Ah, da bin ich erleichtert.«
Tilly schwingt sich vom Behandlungsstuhl, die braunen Lederstiefel mit den orangefarbenen Schnürsenkeln berühren den Boden. Sie streicht sich die langen fuchsroten Haare hinter die Ohren und schlüpft in ihren Tweedmantel mit den kunterbunten Knöpfen. Wie seltsam, dass sie die Zahnärztin, der sie gerade noch nah genug war, um ihr Veilchenparfüm zu riechen und ihre spröden Lippen zu bemerken, vermutlich erst in einem Jahr wiedersehen wird. Tilly kennt nicht einmal Dr. Jafaris Vornamen.
»Entschuldigung, aber ich glaube, Ihr Telefon klingelt«, sagt die Ärztin jetzt und deutet auf Tillys Umhängetasche, die hartnäckig vibriert.
Tilly kennt die Nummer nicht und meldet sich mit einem höflichen »Hallo?«, als sie auf dem Weg zum Empfangstresen das Wartezimmer durchquert.
Zuerst herrscht Stille, dann ist eine ihr unbekannte Männerstimme zu hören.
»Ähm … hallo. Spreche ich mit Matilda Nightingale?«
»Wer ist denn dran, bitte?«
Ihr Blick fällt auf ein kleines Mädchen, das mit gerunzelter Stirn über ein Buch gebeugt ist, die Unterlippe zwischen den Zähnen. Die plötzliche Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, derart von einem Buch gebannt zu sein, ist so intensiv, dass Tilly glaubt, sie habe eine Einbildung, als der Mann jetzt sagt: »Alfie Lane. Mir gehört der Buchladen Book Lane in Primrose Hill. Ich rufe Sie wegen einer Bestellung an, die abgeholt werden kann.«
»Aber ich habe gar nichts bestellt.«
Tilly ist seit einer Ewigkeit nicht mehr in der kleinen unabhängigen Buchhandlung in ihrem Viertel gewesen. Und hat auch seit über einem Jahr kein Buch mehr angerührt, lediglich die Manuskripte, die sie beruflich redigiert. Und die zählen nicht.
»Die Bestellung für Sie wurde von Joe Carter aufgegeben«, sagt der Buchhändler genau in dem Moment, in dem Tilly in der Schlange am Empfang vorrückt und die Sprechstundenhilfe ruft: »Wer ist dran?«
»Haben Sie gerade ›Joe Carter‹ gesagt?«
Tilly spürt plötzlich einen unangenehmen Druck auf der Brust und nimmt überdeutlich den Geruch von Mundspülung und Latexhandschuhen wahr. Obwohl es ein trüber, kühler Tag ist, erscheint ihr die Luft in der Praxis heiß und drückend.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragt die Frau ungeduldig.
Tilly tritt hastig vor, hält das Handy vom Ohr weg und sagt ihren Namen.
»Das macht fünfundsechzig Pfund, bitte.«
Tilly fischt ihre Bankkarte heraus und reicht sie über den Tresen, während der Mann am Telefon sagt: »Ja. Ich habe hier eine Bestellung für Matilda Nightingale von Joe Carter.«
»Aber das ist unmöglich.« Tilly bringt die Worte kaum hervor, weil sie Joe sofort vor sich sieht.
Das vergnügte Grinsen. Die kurzen hellblonden Haare, im Sommer von einer Basecap bedeckt, im Winter von einem Beanie. Mittelgroß, breitschultrig und durchtrainiert, weil er in Kindheit und Jugend Baseball und später in Londoner Parks mit seinen Kollegen Softball gespielt hat. Die Delle auf der Nase, die er als Kind gebrochen hatte, weil er seinen Brüdern beweisen wollte, dass er aufs Garagendach klettern konnte. Der Klang seiner Stimme. Liebevoll neckend, wenn Tilly mal wieder mit einer schweren Papiertüte nach Hause kam und er fragte, ob sie noch mehr Bücher gekauft habe und er wegen ihrer Bibliothek bald ausziehen müsse. Oder sanft und zärtlich morgens im Bett, wenn er nach ihr tastete und raunte, dass er sie liebte.
»Ich glaube, es wäre am besten, Sie kämen vorbei, damit ich das erklären kann«, sagt der Buchhändler jetzt. »Das wäre leichter für mich als am Telefon. Also wenn das für Sie möglich wäre.«
Eigentlich hatte Tilly für ihren letzten freien Tag geplant, den leeren Kühlschrank aufzufüllen, ihre Mailbox zu checken und sich vielleicht eine entspannende Heulorgie in der Badewanne zu genehmigen. Doch das Rätsel um Joes Namen beschäftigt sie zu sehr.
»Okay. Ich kann in etwa fünf Minuten da sein. Aber ich sage trotzdem schon mal, dass Joe auf keinen Fall ein Buch bei Ihnen bestellt haben kann.«
Der Buchhändler äußert sich nicht weiter dazu, sondern verabschiedet sich.
Als Tilly in den kalten Londoner Wintertag hinaustritt, bricht ein Sonnenstrahl durch die graue Wolkendecke und glitzert auf dem nassen Asphalt. Tilly zieht ihren Mantel dichter um sich und schaut zum Himmel auf.
»Das muss ein Irrtum sein, nicht wahr, Joe?«
Die Buchhandlung liegt zwischen charmanten Boutiquen, Cafés und Delikatessenläden an einer Straße, die beinahe dörflich wirkt, obwohl sie vom trubeligen Camden und den Londoner Sehenswürdigkeiten fußläufig erreichbar ist. An der dunkelroten Fassade, an der in großen Buchstaben Book Lane steht, lehnt ein sichtlich betagtes Fahrrad.
Als Tilly den kleinen Laden betritt, fühlt sie sich sofort umhüllt von der typischen Atmosphäre einer Buchhandlung. Papiergeruch, beschauliche Stille, zahllose Bücher, deren Titel sie früher sofort angelockt hätten. Der Laden ist sehr vollgestellt, sogar oben auf den Regalen sind Bücher gestapelt. Im hinteren Teil lehnt eine Leiter, und Papierkraniche aus Buchseiten bewegen sich leicht im Luftzug.
Tilly versucht angestrengt, das alles auszublenden, während sie schnurstracks zur Theke marschiert.
Daneben beugt sich ein Mann in weitem Zopfmusterpulli und dunkelblauen Stoffhosen über einen Karton und starrt stirnrunzelnd hinein. Zottlige dunkle Haare stehen in alle Richtungen ab. Als der Mann die Kundschaft bemerkt, richtet er sich auf und rückt seine Schildpattbrille zurecht. Warme braune Augen sehen Tilly an.
»Entschuldigung, ich habe Sie nicht gesehen«, sagt er. Die Stoppeln auf seinen Wangen scheinen noch nicht zu wissen, ob sie sich zu einem Bart auswachsen wollen. »Bin gerade dabei, den Laden nach den Feiertagen wieder auf Vordermann zu bringen. Wie kann ich helfen?«
Auf der Theke döst eine mollige Katze, die zu schnurren beginnt, als der Buchhändler sie streichelt. Beide wirken zufrieden und entspannt, was Tilly nervös macht. Früher hatte sie sich in Buchläden heimisch gefühlt. Aber jetzt könnte sie genauso gut in einem Geschäft für Angelbedarf oder Tauchausrüstung stehen.
»Ich weiß nicht … Sind Sie Alfie Lane? Ich bin Matilda Nightingale, und ich hatte gerade einen Anruf …«
»Ah ja, natürlich. Das war ich. Danke fürs Herkommen.«
Tilly erkennt jetzt die kehlige Stimme, hatte sich aber einen älteren Mann vorgestellt. Allerdings ist das Alter des Buchhändlers schwer zu schätzen. Er hat eine tiefe Falte auf der Stirn und ein paar Fältchen um die Augen. Hätte Tilly seinen Beruf erraten sollen, hätte sie auf Restaurator für historische Manuskripte oder Archivar in einem Museum getippt. Alfie Lane wirkt auf sie wie ein Mann, der nicht nur eine mechanische Schreibmaschine besitzt, sondern auch noch mühelos darauf schreiben kann.
»Wie ich vorhin schon sagte: Es muss sich um ein Missverständnis handeln«, erklärt Tilly. »Joe Carter kann kein Buch bestellt haben.«
Der Buchhändler reibt sich das Kinn, was ein leicht schabendes Geräusch erzeugt. »Offen gestanden, ist dies einer meiner außergewöhnlichsten Aufträge bisher.« Er schiebt mit dem Daumen die Brille höher. »Und wir haben hier jede Menge eigentümliche Bestellungen. Nette alte Damen, die Werke über Satan haben wollen. Oder einen Staranwalt, der nur Romance liest.« Er räuspert sich, als müsse er seinen Gedanken wieder zu fassen bekommen. »Ihr Mann kam ungefähr vor einem Jahr hierher …«
»Vor einem Jahr?«, wiederholt Tilly, und von einer Sekunde auf die nächste brechen Erinnerungen über sie herein.
»Ja. Er kam in meinen Laden und hat mir seine Situation erklärt. Dann hat er die Bestellung aufgegeben und gesagt, wenn er vor Weihnachten nicht wiederkäme, wüsste ich, was das zu bedeuten hat: Ich solle Sie am fünften Januar anrufen. Ich habe natürlich gehofft, ihn wiederzusehen. Mein herzliches Beileid.«
Tilly nickt so unbeteiligt wie eine Person, die sich einen Werbezettel aufdrängen lässt, weil sie zu erschöpft ist, um abzulehnen.
»Das ist ja leider eine Floskel.« Der Buchhändler sieht sie mitfühlend an. »Aber es gibt keine Alternative, oder? Obwohl ich so viel mit Worten zu tun habe, ist mir auch noch nichts Besseres eingefallen.«
Diese Bemerkung berührt Tilly, die in den vergangenen Monaten oft das Gleiche gedacht hat. »Ja, stimmt …«, sagt sie zögernd.
»Außerdem sollte ich Ihnen gratulieren«, fügt der Buchhändler hinzu. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.« Tilly sieht ihn perplex an, und bevor sie etwas erwidern kann, nimmt Alfie Lane aus einem Regal ein Päckchen, das in braunes Papier verpackt und mit einem weißem Band umwickelt ist.
»Hier ist das Buch, wegen dem ich Sie angerufen habe. Mr Carter hat mich beauftragt, es Ihnen heute zu überreichen. Im Februar gibt es das nächste Buch. Das ist sein Geburtstagsgeschenk für Sie. Ein Jahr voller Bücher.«
Tilly spürt einen schmerzhaften Stich im Herzen. Schon den ganzen Tag hatte sie sich angestrengt bemüht, das Datum zu vergessen. Als der Postbote ein Paket von ihren Eltern brachte, versuchte sie, nicht an den riesigen Blumenstrauß zu denken, den Joe alljährlich in ihr Büro liefern ließ. In diesem Jahr würde es keinen Blumenstrauß geben. Doch nun starrt sie hier auf ein Päckchen von Joe, das ausgerechnet ein Buch enthält, und fühlt sich, als sei ihre Welt so durcheinandergeschüttelt worden wie in einer Schneekugel. Und als Tilly die Hand ausstreckt, wird ihr bewusst, dass es offenbar nicht nur bei einem Buch bleiben soll.
»Kann ich die anderen Bücher auch gleich mitnehmen?«, fragt sie.
Alfie Lane verzieht bedauernd das Gesicht. »Das ist leider nicht möglich.«
»Was soll das heißen? Ich bin jetzt gerade hier, und Sie sagten, Joe hat zwölf Bücher bestellt. Dann könnte ich sie doch alle auf einmal abholen.«
Denn trotz der gemütlichen Atmosphäre und der schnurrenden Katze auf der Theke will Tilly weitere Besuche hier unbedingt vermeiden.
»Joe hat darauf bestanden, dass es ein Buch pro Monat sein soll«, erwidert der Buchhändler. »Das ist das Geschenk.«
»Im Ernst jetzt? Ich soll also einen ganzen Monat warten, um zu erfahren, was das nächste Buch ist? Und das letzte bekomme ich erst im Dezember? Obwohl Sie sie bereits kennen und mir genauso gut jetzt aushändigen könnten?«
»Das war meine Vereinbarung mit Mr Carter.«
»Aber Joe ist tot! Er ist nicht mehr auf dieser Welt!«
Die Katze erschrickt, springt vom Tresen und sucht Zuflucht in einem halb leeren Karton. Alfie Lane wirft einen Blick auf sie und sieht dann wieder Tilly an. Seine Miene ist sanft, seine Stimme aber überraschend fest.
»Tut mir sehr leid, aber ich habe es Mr Carter so versprochen.«
»Ah. Okay. Na gut. Danke für Ihre Unterstützung.«
Tilly reißt dem Buchhändler das Päckchen so grob aus der Hand, dass er zusammenzuckt, aber das ist ihr egal. Wenn er schon nicht bereit ist, ihr entgegenzukommen, will sie jetzt zumindest sofort nach Hause, um Joes Geschenk zu öffnen. Wortlos wendet sie sich ab und stürmt hinaus, ohne die Ladentür hinter sich zu schließen.
Als Tilly ihr Haus betritt, stolpert sie als Erstes über einen von Joes Sneakers. Sie schiebt ihn mit dem Fuß beiseite und hängt ihren Mantel neben Joes altem grauen Kapuzenshirt an den Haken. Auf der Fußmatte liegt ein Umschlag mit der Handschrift ihrer Schwiegermutter. Tilly hebt ihn nicht auf, sondern geht nach oben in den offenen Wohnbereich des schmalen Hauses, das zu einer Reihe umgebauter Stallungen gehört.
In dem winzigen Häuschen zu wohnen, war ihrer beider Zugeständnis gewesen, damit sie in einem Viertel leben konnten, das sie beide liebten. Es quillt allerdings förmlich über von all ihren Dingen: In einer Ecke liegen Joes Sportsachen, sein Schreibtisch ist mit Papieren übersät, halb fertige Basteleien von Tilly stehen auf jeder freien Fläche, und die Wände sind komplett verdeckt von vollgestopften Bücherregalen. Im Haus mag Chaos herrschen, nicht jedoch in diesen Regalen. Die Bücher sind ordentlich aufgereiht und mit bedruckten Schildern nach Genres geordnet, im Lauf des vergangenen Jahres allerdings eingestaubt.
Tilly legt das Päckchen auf den Couchtisch und beäugt es.
Ein halbes Jahr ist vergangen, aber es fällt ihr noch immer schwer, zu begreifen, dass Joe nicht mehr da ist. Jeden Morgen beim Aufwachen erwartet sie, ihn neben sich im Bett zu spüren. Manchmal dreht sie die Dusche auf und lauscht im Wohnzimmer eine Weile dem Rauschen, nur um sich einreden zu können, dass Joe gleich aus dem Bad kommen wird. Von anderen bekommt sie ständig zu hören, dass sie loslassen sollte. Die Blumen vom Begräbnis sind längst verdorrt und im Abfall gelandet, mitfühlende Anrufe werden seltener, bei der Arbeit ist so viel zu tun wie nie zuvor. Doch Tilly lebt noch immer in der Wohnung, die einst ihr gemeinsames Refugium war, umgeben von den Dingen ihres verstorbenen Ehemannes, und weiß nicht, wie es für sie weitergehen soll.
Dieses Päckchen zu öffnen, wird die Wunde aufreißen, die angeblich von der Zeit geheilt werden soll. Vielleicht wäre es besser, das Buch in eine Schublade zu legen und zu vergessen. Doch während Tilly darüber nachdenkt, spürt sie ganz deutlich, dass sie es öffnen will, was auch immer dann geschieht.
Sie löst das Band und reißt das Papier auf.
Sie lernten sich in einer Buchhandlung kennen, an einem regnerischen Tag im August. Die meisten Londoner waren wahrscheinlich schlecht gelaunt wegen des Wetters, aber Tilly kam es gerade recht, denn es lieferte ihr den perfekten Anlass, um den gesamten Samstag in einem Buchladen zu verbringen. Ihr Ziel war die große Stammfiliale von Foyles an der Charing Cross Road, wo Tilly beabsichtigte, sich vom Erdgeschoss aus bis in den fünften Stock durchzuschmökern.
Sie seufzte befriedigt, als sie aus dem Schauer in die einladende Buchhandlung trat und zu dem Schild aufblickte, das verkündete: Herzlich willkommen, Bücherliebende, hier seid ihr unter euresgleichen. Für Tilly waren Buchhandlungen seit jeher Orte der Begegnung, in denen sie jede Menge neue Freundschaften mit Büchern schließen konnte.
Sie stöberte gerade in den Romanregalen im Erdgeschoss, in der typischen Haltung mit schräg gelegtem Kopf, die unweigerlich zu Verspannungen führen würde, als sie plötzlich auf etwas Festes prallte.
»Oje, Entschuldigung!« Vor ihr stand ein blonder Mann, etwa in ihrem Alter, mit freundlichen, leuchtend blauen Augen. Er trug ein graues Kapuzenshirt, Shorts und durchgeweichte Sneakers.
»Hallo«, sagte er mit unüberhörbarem amerikanischem Akzent. Als er lächelte, kamen makellose weiße Zähne zum Vorschein, nur ein Schneidezahn hatte eine winzige Macke.
»Tut mir leid, ich hätte besser aufpassen sollen«, erwiderte Tilly. Sie stand dicht genug vor ihm, um den holzigen Duft seines Aftershaves wahrzunehmen. »Zwischen Büchern bin ich immer abgelenkt.« Sie wich zurück und merkte, dass sie errötete, wie immer, wenn sie nervös war.
»Würdest du das da empfehlen?«
Er deutete auf das Buch, das Tilly unter den Arm geklemmt hatte – das erste von etlichen, denen sie heute ein neues Zuhause geben wollte.
»Ja, unbedingt. Ich liebe Elizabeth Strout. Das hier ist allerdings ein Fortsetzungsband – kennst du den ersten?«
Der Mann warf einen Blick auf das Buch und schüttelte den Kopf. »Glaube nicht.«
»Dann solltest du zuerst Mit Blick aufs Meer lesen.« Tilly ließ den Blick über die Titel im Regal schweifen. »Hm, scheint nicht hier zu sein. Wahrscheinlich oben in der größeren Romanabteilung.«
»Das ist so eine Art Labyrinth hier, wie?«, bemerkte er mit leisem Lachen.
Genau das liebte Tilly am meisten an diesem Laden. Denn wo konnte man sich besser zwischen Geschichten verirren als in einem Buchlabyrinth? Sie hielt Ausschau nach Angestellten, um sich zu erkundigen, doch alle waren im Gespräch.
»Wenn du willst, kann ich dich hinführen.«
Ein hinreißendes Lächeln trat auf sein Gesicht. »Das wäre toll, danke! Ich bin Joe.« Er streckte ihr die Hand hin, die sich warm und fest anfühlte, als Tilly sie ergriff. Dabei verkniff sie sich ein Lachen, weil sie Händeschütteln ziemlich altmodisch fand.
»Ich bin Matilda, werde aber meistens Tilly genannt.«
»Matilda. Wie in dem Kinderfilm?«
Das hätte Tilly als Warnzeichen registrieren können, aber sie war zu abgelenkt von seinen muskulösen Unterarmen.
Als sie die Treppe hinaufgingen, Joe mit federnden Schritten, fragte Tilly: »Machst du Urlaub in London, oder …?«
»Nein, ich lebe hier«, antwortete er, und Tilly registrierte etwas erstaunt, dass sie über ein Ja enttäuscht gewesen wäre. »Bin aus beruflichen Gründen hergezogen. Tolle Stadt, mit diesen ganzen großen Parks. Und die vielen historischen Gebäude … ich kann gar nicht fassen, wie alt hier alles ist. Und du? Kommst du aus London?«
»Ich lebe hier, stamme aber aus Wales.«
»Ah, daher der interessante Akzent. Hatte ich doch richtig gehört.«
Seine Augen funkelten, als er sie auf eine Art ansah, die ihr noch stärker die Röte ins Gesicht trieb.
»Na ja, ich sage immer Wales, aber die Grenze zu England verläuft genau durch mein Heimatdorf. Ich komme aus Hay-on-Wye.«
»Davon habe ich schon mal gehört. Ist das nicht der Ort, der nur aus Buchläden besteht?«
»Ein paar andere Geschäfte gibt es schon. Aber ja, es gibt ungewöhnlich viele Buchhandlungen.«
»Haben deine Eltern auch eine?«
»Nein, die sind beide Lehrer, lieben aber die Literatur. Meine Schwester Harper wurde nach der Schriftstellerin Harper Lee benannt. Und mein eigener Name … Es war mir wahrscheinlich schon vorherbestimmt, ein Bücherwurm zu werden.«
»Was ist dein Lieblingsbuch? Oder ist das eine gemeine Frage? So als würde man Eltern nach ihrem Lieblingskind fragen?« Sein charmantes Grinsen war umwerfend.
»Ein bisschen schon«, gab Tilly zu. »Weil das ständig wechselt. Aber wenn ich wirklich mein absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten aussuchen müsste, wäre es wohl Madeline von Ludwig Bemelmans. Das habe ich als Kind unendlich geliebt.«
»Was gefiel dir so daran?«
Obwohl ihr Kinderzimmer voller Bücher gewesen war, hatte Tilly dieses Buch immer wieder gelesen. Noch heute sieht sie das Cover in allen Details vor sich.
»Ein Grund war bestimmt, dass Madeline Fogg rote Haare hat wie ich«, antwortete Tilly. »Als Einzige in ihrer Klasse, was bei mir auch so war. Ansonsten waren wir aber sehr unterschiedlich. Sie lebt in einer Klosterschule in Paris. Wo ich noch immer nicht gewesen bin, obwohl ich seit damals davon träume. Und ich fand Madeline so tollkühn und wagemutig.«
»Du bist das nicht?«
Tilly lachte lauthals, aber Joe sah sie erwartungsvoll an. Er konnte schließlich nicht wissen, dass ihre Vorstellung von Wagemut darin bestand, beim Lesen ein unbekanntes Genre zu erkunden oder beim Wocheneinkauf im Teeladen eine neue Geschmacksrichtung auszuprobieren.
»Nein, ganz und gar nicht. Und ich kann auch nicht so gut eislaufen wie Madeline.«
Sie waren in der Romanabteilung angekommen, und da Tilly nichts mehr zu sagen wusste, zog sie Mit Blick aufs Meer aus dem Regal und reichte Joe das Buch. Ihre Finger berührten sich dabei, und es kam ihr vor, als springe ein elektrischer Funke über. Während Joe das Cover betrachtete, strich Tilly rasch ihre Haare glatt, die sich vom Regen kräuselten.
»Wenn dir das gefällt«, sagte sie, »würde ich dir auch alles von Barbara Kingsolver oder Ann Patchett empfehlen. Falls du deren Bücher nicht ohnehin schon kennst.«
»Du hast echt Ahnung von Literatur, wie?«, erwiderte Joe.
»Na ja, ich arbeite in einem Buchverlag, allerdings im Sachbuch. Ich lektoriere Autobiografien von Prominenten.« Dabei verdrehte Tilly die Augen, als habe es nicht fünf Vorstellungsgespräche, einen Grammatiktest und eine wochenlang vorbereitete Präsentation gebraucht, um die Stelle zu bekommen. »Aber das soll nur vorübergehend sein, um Fuß zu fassen. Langfristig möchte ich Romane lektorieren.«
»Das würdest du bestimmt großartig machen.«
Tilly lachte. »Woher willst du das wissen? Du kennst mich doch gar nicht.«
»Aber du hast mir gerade jede Menge Empfehlungen gegeben, bist also eine leidenschaftliche Leserin«, antwortete Joe. »Wenn ich jemals ein Buch schreibe, würde ich eine Lektorin wie dich haben wollen. Einen Bücherwurm.«
Sein Blick war so intensiv, dass Tilly heiß wurde. »Wusstest du, dass der italienische Ausdruck für Bücherwurm ›topo di biblioteca‹ lautet?«, platzte sie heraus und wünschte sich sofort, sie hätte den Mund gehalten. Normalerweise plapperte sie nicht einfach so drauflos. »Das habe ich in einem Buch über Redewendungen aus aller Welt gelesen«, setzte sie hastig hinzu. »Es heißt: ›Büchereimaus‹. Ich habe mich immer eher als Maus betrachtet, nicht als Wurm.«
»Büchereimaus«, wiederholte er, und seine Augen funkelten belustigt. »Gefällt mir.« Sein Blick ruhte einen Moment auf ihr, dann sagte Joe: »Ich möchte dich echt gern nach deiner Telefonnummer fragen. Aber es gibt etwas über mich, das du vorher wissen solltest.«
Tilly warf unwillkürlich einen Blick auf seine Hände. Kein Ring. Aber vielleicht war er verheiratet und wollte keinen tragen. Oder er hatte absonderliche erotische Vorlieben, die er vor einem ersten Date offenlegen wollte.
»Es ist nämlich so: Ich lese nicht. Ich bin nur wegen des Regens hier reingegangen. Seit meinem Schulabschluss habe ich kein Buch mehr gelesen, jedenfalls nicht freiwillig. Deshalb könnte ich voll und ganz verstehen, wenn jemand wie du kein Interesse an jemandem wie mir hat. Aber wiedersehen würde ich dich trotzdem gern.«
Zuerst fand Tilly die Enthüllung ziemlich schockierend, als hätte Joe sich zu einer bizarren Art von Fetischismus bekannt. Wie war es möglich, nicht zu lesen? Wie verbrachte man dann seine Abende? Ihre vorherigen Partner (nicht allzu viele) hatten allesamt gern gelesen. Ihr letzter Ex war sogar Schriftsteller gewesen und hatte ihr als Vorspiel seine ziemlich missglückten Gedichte vorgelesen.
Vielleicht war die Zeit reif für Veränderungen.
»Ich würde dich auch gern wiedersehen«, sagte sie.
Aus dem Packpapier kommt ein Buch zum Vorschein, das Tilly auf den ersten Blick erkennt. Ein Brief liegt bei, und als sie Joes schwungvolle Handschrift erkennt, tut ihr das Herz weh.
Liebste Tilly,
alles Liebe zum Geburtstag! Inzwischen hast du ja bestimmt von meinem Geschenk erfahren – ein Jahr lang jeden Monat ein Buch für dich. Super Idee, oder? Mir gefällt sie jedenfalls richtig gut.
Ich wünschte, ich könnte Pancakes für dich backen und dir persönlich gratulieren, aber ich hoffe, dir auch hiermit eine kleine Freude zu bereiten.
Ich weiß, dass du aufgehört hast zu lesen, als ich meine Diagnose bekam. Du hast mir damals gesagt, du könntest dich nicht mehr aufs Lesen konzentrieren. Was ich verstehen konnte, aber es hat mich trotzdem unendlich traurig gemacht. Denn du bist eine leidenschaftliche Leserin, bist es immer schon gewesen. Das macht dich aus. Du brauchst Bücher, meine Büchereimaus. Und ich denke mir, jetzt mehr denn je.
Einmal habe ich dich gefragt, warum dir Lesen so wichtig ist. Und du hast geantwortet: Weil Bücher Leben verändern können. Ich hoffe sehr, dass meine Buchgeschenke jetzt dein Leben zum Guten verändern.
Für deinen Geburtstag habe ich dieses Buch ausgesucht, bei dem ich natürlich immer an dich denke. Es musste das erste in diesem Jahr sein, und ich wünsche mir, dass es dich an deine ersten Leseerlebnisse erinnert. Und dass Roald Dahls Matilda meine Matilda wieder zum Lächeln bringt.
Ich liebe dich.
Joe
Das Coverbild, ein kleines Mädchen inmitten von Büchern, ist Tilly zutiefst vertraut. Sie streicht darüber, versucht, sich vorzustellen, wie sie das Buch aufschlägt und zu lesen beginnt. Aber sie muss daran denken, wie oft sie seit Joes Diagnose zu lesen versucht hat und über ein paar Zeilen nie hinausgekommen ist. Seit sie Joe verloren hat, ist ihr auch die Fähigkeit verloren gegangen, sich in ein Buch zu vertiefen. Und die Geschichten, die sie früher geliebt hat, erscheinen ihr jetzt alle … sinnlos.
»Ach, Joe«, murmelt sie und blickt zu der Keramikurne im Bücherregal hinüber. Die himmelblauen Tupfer auf dunkelblauem Untergrund haben sie an Joes Augen erinnert, als sie die Urne aussuchte. In der Stille erwartet Tilly beinahe, seine Stimme zu hören. Es scheint dunkler zu werden im Zimmer, Trauer umhüllt sie wie ein schweres Tuch. Tilly zögert noch einen Moment, dann faltet sie den Brief zusammen und legt ihn in das Buch. »So eine liebe Idee von dir. Früher wäre das ein Traumgeschenk für mich gewesen. Aber dieser Mensch bin ich nicht mehr.«
Entschlossen legt sie Matilda auf den Couchtisch zurück, wo das Buch wochenlang ungelesen liegen bleibt.
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Bücher, die hungrig machen
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Hisashi Kashiwai, Das Restaurant der verlorenen Rezepte
Felicity Cloake, One More Croissant for the Road
C. S. Lewis, Der König von Narnia
Der Mann im grünen Anorak wird immer röter im Gesicht.
»Sie müssen das Buch doch kennen«, sagt er und wedelt mit einer Hand in der Luft herum. »War am Wochenende in der Sunday Times. Sie wissen schon. Blauer Einband.«
Alfie bemüht sich nach Kräften, ruhig zu bleiben und nicht zu erwidern, dass die Einbandfarbe auf Tausende Bücher zutrifft.
»Sie wissen schon – hat dieser Promi aus dem Fernsehen geschrieben«, fügt der Mann hinzu.
Auch das hilft nicht weiter.
»Einen Moment, bitte, Sir. Ich sehe mal nach, ob ich es finden kann.«
Während Alfie in den Computer starrt, versucht er, sich zu konzentrieren und nicht dauernd nach draußen zu schauen, in Erwartung eines roten Haarschopfs. Heute ist der erste Februar, und Matilda Nightingales zweites Buch wartet im Regal. Jedes Mal, wenn die Ladenglocke klingelt, fährt er hoch, aber vergebens. Seit ihrem Geburtstag im Januar hat Matilda den Laden nicht mehr betreten.
Mit einer Hand tippt Alfie, mit der anderen blättert er die Wochenendzeitung und den London Review of Books durch, den er für Situationen wie diese stets zur Hand hat. Fünf Minuten später verlässt der Kunde den Laden mit einer gerade erschienenen historischen Biografie unter dem Arm. Es gelang Alfie, dem Mann nicht mitzuteilen, dass das Buch im Telegraph und nicht in der Sunday Times rezensiert worden war.
Den Rest des Tages packt Alfie Kartons aus, sortiert Bücher ein, erledigt Online-Bestellungen und E-Mails von Verlagen. Aber die Kundin mit dem fuchsroten Haar und dem Tweedmantel mit den kunterbunten Knöpfen lässt sich nicht blicken.
»Tut mir leid, dass ich zu spät bin, ich musste noch Rechnungen erledigen«, sagt Alfie später am Abend, während er seinen Fahrradhelm absetzt und seine Haare prompt nach der viertelstündigen Fahrt wirr zu Berge stehen.
»Du arbeitest zu viel«, erwidert die kleine Frau mit dem grauen Dutt. Sie trägt Jeans, Pantoffeln und einen orangen Pulli. »Genau wie dein Vater.«
Alfie beugt sich zu ihr hinunter und küsst sie auf die Wange. »Hi, Mum.«
Er erinnert sich noch heute an den Moment, als ihm klar wurde, dass er seine Mutter überragte. Ihre Größe war immer beruhigend für ihn gewesen, wenn er vom Rad gefallen war und sich die Knie aufgeschlagen hatte oder wenn seine ältere Schwester Tash einen seiner geliebten Steine versteckt hatte und sich darüber lustig machte, wie sehr ihr Bruder an seiner Mineraliensammlung hing. Doch dann hatte er auf einmal lange, schlaksige Gliedmaßen und bekam zu hören, wie sehr er seinem Vater ähnelte. Und musste sich zu seiner Mutter hinunterbeugen, um sie zu umarmen, obwohl er sich oft noch wie ein kleiner Junge fühlte.
Während er sie jetzt in den Armen hält, ruht sein Kinn auf ihrem Kopf, und der Duft ihrer Seife und Nivea-Gesichtscreme steigt ihm in die Nase. Ein vertrauter Geruch, der sofort ein Gefühl von Geborgenheit erzeugt.
»Was soll denn gemacht werden?«, erkundigt er sich kurz darauf, während er den Werkzeugkasten aus dem Schrank im Flur holt.
»Ein paar Bilder müssen aufgehängt werden, die ich diese Woche auf einem Flohmarkt ergattert habe. Ich möchte, dass sie schon hängen, wenn Andrew von seiner Geschäftsreise zurückkommt.«
»Damit er nicht mehr protestieren kann, wenn er sie scheußlich findet?«, neckt Alfie seine Mutter und folgt ihr in das mit Krimskrams und Nippes angefüllte Wohnzimmer.
»Du weißt doch, dass ihn so was nicht stört«, erwidert sie, als ihr Sohn die Bohrmaschine zückt. Das stimmt tatsächlich. Andrew grummelt zwar gelegentlich, dass die Wohnung einem Trödelladen ähnelt. Aber letztlich könnte sie auch knallpink gestrichen oder bis zur Decke vollgestopft sein, solange er seine geliebte Emylia darin vorfindet.
Als die Bilder an der Wand hängen, schlägt Alfie vor, etwas zu essen zu organisieren.
»Bist du sicher? Ich möchte dich nicht von deinen Freunden abhalten. Oder von einem Date …«, fügt Emylia hoffnungsvoll hinzu.
»Ich habe nichts weiter vor. Pizza oder indisch?«
Das zaubert ein Strahlen aufs Gesicht seiner Mutter. Alfie weiß, dass sie abends ungern allein ist, weil dann die schlimmen Erinnerungen zurückkehren.
Er überlässt ihr die Auswahl des Fernsehprogramms. Erst bei der dritten Folge einer Doku-Soap über Hausrenovierungen beginnt Alfie, sich zu fragen, wie er eigentlich in diese Lage geraten ist: am Freitagabend mit seiner Mutter auf dem Sofa zu sitzen, wo sie zusehen, wie Ehepaare über Tapeten quatschen. Und das ist noch seine beste Option. Die andere bestünde aus einem Tête-à-Tête mit einer Excel-Tabelle.
Alfies Gedanken schweifen ab, und er denkt an den Tag zurück, als Joe Carter in die Buchhandlung kam. Er schien in Alfies Alter zu sein, war jedoch bleich, mit eingesunkenen Augen, und wacklig auf den Beinen. Alfie hatte ihm sofort einen Stuhl angeboten, und Joe hatte sich dankend niedergelassen. Seine Bestellung hatte Alfie zutiefst erschüttert, aber er hatte seinem Kunden versichert, dass alle zwölf Bücher Matilda Nightingale erreichen würden. Doch wenn sie nun gar nicht mehr im Laden erschien?
»… Zuwachsraten im New-Adult-Sektor durch große Erfolge bei TikTok …«
Tilly schaut auf ihren Notizblock. Sie hat das Protokoll für die Teamsitzung übernommen, bislang aber nichts notiert. Sie schreibt TikTok, streicht das Wort dann aber wieder durch.
»Wir haben gerade die Rechte für ein potenziell sehr erfolgreiches Buch eingekauft«, verkündet ihre Chefin Sade, eine Schwarze Frau mit kupferfarbener Haut. Sade trägt ihren üblichen Look, bestehend aus knallbuntem Acrylschmuck, Slimfit-Hose und der für sie typischen weißen Bluse. »Die Autobiografie von Esmerelda Love.«
Tilly ruft die gespeicherten Fotos auf, die in Abfolge auf dem Monitor erscheinen. Am Vorabend hatte sie das einsame Zubettgehen hinausgezögert, indem sie aus einem Social-Media-Account, den sie selbst kaum nutzt, für die Präsentation Fotos von Esmerelda Love zusammengestellt hatte. Jetzt ist auf dem Bildschirm eine gertenschlanke weißhäutige Blondine, gekleidet in Designermode, an exklusiven Orten zu sehen.
»Tilly, du bist Esmereldas Lektorin, könntest du ein paar Worte zu dem Buch sagen?«
Alle Mitglieder des Lektorats sehen Tilly erwartungsvoll an. Die Sitzung findet in einem der verglasten Konferenzräume statt. Draußen im Gang sind in Regalen die Autobiografien von Prominenten ausgelegt, die im Verlag erschienen sind. Kurze Stille entsteht, während alle auf Tillys Äußerungen warten. Sie fühlt sich wegen des Schlafmangels ziemlich benebelt.
Doch dann erwacht ihr Geist aus seiner Trägheit, ihr Mund gibt Zahlen und Fakten aus dem Exposé wieder, mit dem sie den Abend zugebracht hat, in Gesellschaft von Pasta Pesto und einer halben Flasche Wein. Es gelingt Tilly, die selbstsichere Professionalität auszustrahlen, die ihr – in Kombination mit Abend- und Wochenendarbeit – die Stelle als Senior Editor bei Splash Books eingebracht hat. Bei ihrem letzten Mitarbeitergespräch wurde ihr auch eine Beförderung zur stellvertretenden Verlagsleiterin in Aussicht gestellt, sollten ihre Projekte dieses Jahres wieder erfolgreich sein.
»Insgesamt hat Esmerelda etwa eine Million Follower in den sozialen Medien«, endet Tilly. »Deshalb erhoffen wir uns Bestsellerpotenzial.«
»Hervorragend, Tilly, danke schön«, sagt Sade. »Wird Esmerelda selbst schreiben, oder wünscht sie sich ein Ghostwriting?«
»Letzteres«, antwortet Tilly. Das ist bei den meisten Prominenten der Fall, mit denen sie arbeitet. Die wenigsten wollen sich allerdings dazu bekennen. »Ich stelle nachher gleich eine Liste von Leuten zusammen, die dafür infrage kommen.«
Sade setzt ihre Brille ab und lässt sie am Bügel herumwirbeln, wie sie es immer tut, wenn sie nachdenkt. »Wie wär’s denn mit Rachel Harding? Sie könnte für dieses Projekt genau die Richtige sein. Durch die Agentin habe ich den Eindruck gewonnen, dass Esmerelda ziemlich anspruchsvoll ist …« Im Klartext: der reinste Albtraum. »Rachel ist energisch und robust und hat viel Erfahrung.«
Tilly schaut von ihrem Notizblock auf. »Rachel Harding?«
»Ja. Ihr seid doch befreundet, oder? Frag mal an, ob sie das übernehmen kann.«
»Ähm … ja, klar, mach ich.«
Als Tilly sich nach der Sitzung an ihrem mit Manuskriptstapeln überhäuften Schreibtisch niederlässt, schreibt sie die E-Mail an Rachel mehrmals um, bis der Text schließlich kurz und sachlich klingt.
Von: [email protected]
Hi Rachel,
ich hoffe, es geht dir gut. Wir haben uns lange nicht gesehen … Ich melde mich, weil ich unlängst die Rechte an der Autobiografie der Influencerin Esmerelda Love für Splash Books eingekauft habe. Sie möchte Ghostwriting, und wir alle hier halten dich für die perfekte Wahl. Das Exposé hänge ich an. Schreibst du mir, ob du Lust darauf und in den nächsten Monaten Zeit hättest, das Projekt zu übernehmen?
Viele Grüße
Tilly
Zu ihrem Erstaunen trifft die Antwort schon nach wenigen Minuten ein.
Von: [email protected]
Betreff: deine Anfrage
Hi Tilly,
wie schön, von dir zu hören! Das klingt spannend, ich sage sehr gern zu! Wollen wir uns treffen, um Genaueres zu besprechen? Ich würde mich freuen, dich wiederzusehen. Mir fehlen unsere Pub-Abende.
Liebe Grüße
Rachel
Von: [email protected]
Hi Rachel,
freut mich! Esmerelda und ihre Agentin werden sicher genauso begeistert sein wie wir. Ich schicke dir hier schon mal den Vertragsentwurf und eine Terminliste für Treffen mit Esmerelda. Lass mich wissen, ob das alles so für dich passt.
Tilly
Sie werden sich zum ersten Mal seit Monaten wiedersehen, und Tilly ist beklommen zumute bei der Vorstellung. Rachel hatte die erste Autobiografie verfasst, die Tilly jemals lektoriert hat, und die beiden Frauen hatten sich auf Anhieb bestens verstanden. Tilly war vorher sehr nervös gewesen, hatte sich aber sofort beruhigt, nachdem Rachel an Bord war. Im Gegensatz zu dem exaltierten Starkoch, dessen Buch sie schreiben sollte, war Rachel gelassen und bewahrte die Ruhe. Beim ersten Treffen zu dritt blieb Tilly in der U-Bahn stecken und kam hektisch und aufgeregt ins Restaurant gestürzt. Aber Rachel hatte bereits Drinks bestellt, unterhielt sich lebhaft mit dem Koch, der erstaunlich entspannt wirkte, und warf Tilly ein beruhigendes Lächeln zu. Sie hatte sich sofort unterstützt gefühlt.
Im Lauf der Jahre hatten sie sich immer mehr angefreundet und sich regelmäßig in ihrem Lieblingspub in Camden getroffen, um über Klatsch und Tratsch aus der Buchbranche und neueste Projekte zu plaudern. Joe war ein hervorragender Zuhörer gewesen, aber mit Rachel konnte sich Tilly auch über Details und Interna des Verlagswesens austauschen. Außerdem hatten beide einen ähnlichen Lesegeschmack und liehen sich ständig jede Menge Bücher aus.
Es wird seltsam sein, wieder mit ihr zu arbeiten, aber Tilly sagt sich, dass sie Profi ist. Sie kommt mit den schwierigen Promis zurecht, also wird sie wohl auch dieses Projekt mit ihrer früheren Freundin stemmen können.
»Rachel hat zugesagt für Esmerelda Love«, berichtet Tilly ihrer Chefin ein paar Minuten später.
»Exzellent.« Sade blickt von ihrem Schreibtisch auf, als Tilly den Kopf durch die Tür streckt. »Ich habe ein sehr gutes Bauchgefühl, was dieses Projekt angeht. Du bist auf einem hervorragenden Weg zurzeit, Tilly. Gut gemacht.«
Sie weiß, dass sie sich über das Lob freuen sollte, kann aber ihre Bedenken wegen der Zusammenarbeit mit Rachel nicht abschütteln. Und sollte Tilly tatsächlich befördert werden, wird der Mensch, dem sie das zuerst berichten möchte, nicht da sein. Sie denkt an Matilda zu Hause auf dem Couchtisch und das zweite Buch, das sie bei Book Lane erwartet und nicht abgeholt wurde. Tilly weiß nicht, ob sie nach ihrem Benehmen beim letzten Mal den Mut dazu wird aufbringen können. Außerdem: Hat sie überhaupt ein zweites Buch verdient, nachdem sie noch nicht einmal das erste gelesen hat?
»Ich habe Pad Thai dabei«, hört Tilly durch die Sprechanlage, als sie an diesem Abend ihre Schwester einlässt.
Harper ist noch sonnengebräunter als üblich, und Tilly wundert sich wieder einmal, dass sie verwandt sind. Ihre eigene Haut ist so hell, dass sie fast durchscheinend wirkt. Harper dagegen hat den olivbraunen Teint ihres Vaters geerbt, und ihr Haar ist kastanienbraun. Sie trägt es in einem wilden Bob, und an ihren Ohren baumeln große Goldkreolen, ein Souvenir von einer ihrer zahlreichen Reisen. Als Harper ihren Mantel auszieht, kommt ein monströser grün-rosa Wollpulli zum Vorschein.
»Ich fass es nicht! Du trägst dieses scheußliche Ding ja tatsächlich!«, ruft Tilly aus.
Sie hatte den Pullover während ihrer Krankenhausbesuche bei Joe gestrickt. Außer Lesen sind Handarbeitsprojekte ihre beste Entspannungsmethode, aber ihr Talent ist leider nicht so groß wie ihr Enthusiasmus. Das rosafarbene Wesen vorn auf dem Pulli sollte ein Kaninchen sein, sieht aber eher wie ein Schwein im Osterhasenkostüm aus.
»Hey, ich liebe diesen Pulli!«, protestiert Harper.
Während der Krankenhausbesuche hatte Tilly sehr viel Zeit, weshalb die ganze Familie mit Selbstgestricktem ausgestattet wurde. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass jemand diese Wollungetüme wirklich tragen würde.
Sie umarmt ihre Schwester, die nach dem Zitrusaroma ihres Lieblingsparfüms duftet.
»Schön, dich zu sehen. Ich wusste gar nicht, dass du vorbeischauen wolltest. Kommt Raj auch?« Tilly mag Harpers Freund, aber seit Joes Tod macht sie nicht mehr gern Konversation.
»Nee, bin allein. Gerade erst von der Reise zurück.« Harper stellt die Tüte auf den Tisch und holt Besteck und Geschirr aus den Küchenschränken. »Und ich wollte dich unbedingt besuchen, vor allem, weil ich deinen Geburtstag verpasst habe. Das tut mir immer noch leid.«
»Kein Problem«, sagt Tilly beruhigend. »Ich hatte dir doch gesagt, dass ich nichts Besonderes unternehmen wollte.«
Es war schon mühsam genug gewesen, ihren Eltern zu vermitteln, dass sie Weihnachten nicht in Hay-on-Wye verbringen würde. Umso enttäuschter waren die beiden, als sie auch ihren Geburtstag nicht feiern wollte. Zunächst hatte Tilly befürchtet, dass sie trotzdem auftauchen würden, hatte dann aber auf ihre Trauer verwiesen, und das war verständnisvoll akzeptiert worden. Seit Joes Tod wurde Tilly von ihren Eltern wie eine zerbrechliche Vase behandelt, mit besonderem Fingerspitzengefühl. Harper dagegen benahm sich, als sei ihre Schwester eine zerbrochene Vase, die repariert werden musste.
»Du hättest nicht wieder Essen mitbringen müssen«, sagt Tilly. »Ich hätte uns doch was bestellen können.«
»Na ja, da ich jetzt schon mal hier bin«, erwidert Harper unbekümmert, »könntest du auch was Vernünftiges essen, dachte ich mir.«
»Ich esse immer vernünftig.« Was etwas geflunkert ist, da für später erneut Pasta mit Pesto geplant war.
Und prompt lautet auch die Antwort ihrer Schwester: »Pasta Pesto ist keine vollständige Mahlzeit, Tilly.«
Sie erinnert sich an einen Anruf von Harper, als sie – zwei Jahre nach ihrer Schwester – zum Studium ausgezogen war. Eine explodierte Ofenkartoffel hatte die Mikrowelle komplett mit geschmolzenem Käse bekleckert, und Harper war völlig aufgelöst gewesen. Tilly hatte ihr gut zugeredet und Reinigungstipps gegeben, um das Gerät rasch zu säubern, bevor die Mitbewohner das Desaster entdeckten. Aber derlei Missgeschicke liegen eine Ewigkeit zurück. Seit Joes Tod füllt Harper Tillys Kühlschrank mit leckeren Gerichten, häufig selbst gekocht nach Rezepten, die sie von ihren Reisen mitbringt.
»Riecht aber wirklich köstlich, lieben Dank. Von woher kommst du jetzt gerade?«, fragt Tilly, während sie die Verpackung öffnet, aus der die Düfte asiatischer Gewürze aufsteigen.
»Aus Phang-nga«, antwortet Harper. »Und es ist vermutlich auch eine echt blödsinnige Idee, hier thailändisches Essen zu holen, weil es gar nicht so gut sein kann wie dort. Aber es fehlt mir so sehr.«
Harper arbeitet für Voyager, ein Onlinemagazin für Luxusreisen, und ist ständig auf Achse. Schon als kleines Mädchen hatte sie verkündet, die Welt bereisen zu wollen. Tilly dagegen hatte es viel mehr gelockt, Bücher über exotische Orte zu lesen, anstatt sie mit eigenen Augen zu sehen. Nach Joes Tod war Harper eine Zeit lang weniger gereist, erfüllte jetzt jedoch wieder ihr volles Arbeitspensum, das sie oft innerhalb einer Woche in mehrere Länder führte.
Als Harper sich beim Essen nach Neuigkeiten erkundigt, berichtet Tilly vom Geschehen im Verlag. Dann zögert sie einen Moment, bevor sie sich einen Ruck gibt. »Und ich habe ein überraschendes Geburtstagsgeschenk bekommen. Das Joe für mich eingefädelt hat.«
»Was für eine unglaubliche Idee von ihm«, kommentiert Harper, als sie alle Details gehört hat. »Und Matilda ist die perfekte Wahl. Ich weiß noch genau, wie verrückt du als Kind nach dem Buch warst. Du hast dir sogar eingebildet, du seist Matilda. Erinnerst du dich, wie wir Telekinese ausprobiert haben?«
»Ach du liebe Zeit, das hatte ich völlig vergessen.« Ein Lächeln breitet sich auf Tillys Gesicht aus. »Aber ich weiß noch, dass dabei etliche Kaffeebecher zu Bruch gingen.«
Harper knabbert einen Krabbencracker. »Und, hast du das Buch wieder gelesen?«
»Noch nicht.«
»Es ist doch für Siebenjährige, oder? Vielleicht genau das Richtige, um deine Leseunlust zu überwinden.«
Tilly hat schon mehrmals versucht, Harper klarzumachen, dass es sich nicht nur um Unlust handelt. Aber das scheint ihre Schwester nicht zu begreifen.
»Noch nicht. Rasend viel zu tun bei der Arbeit. Ich habe ein neues Großprojekt an Land gezogen …«
»Aber du hast immer viel zu tun«, wendet Harper ein, »und früher hast du trotzdem Zeit zum Lesen gefunden. Du bist eine leidenschaftliche Leserin, Tilly. Lesen gehört zu dir.«
Tilly denkt an den Brief, in dem Joe das Gleiche geschrieben hat. Das Problem ist, dass die Person, die sie früher war, sich mit Joe aus dem Leben verabschiedet hat. Tilly ist jetzt auf eine Weise verändert, die Harper offenbar nicht versteht. Die innere Dunkelheit fühlt sich manchmal wie dichter Nebel an, manchmal auch wie ein schwerer Felsbrocken in ihrer Brust. Und dieser düstere Schatten ist allgegenwärtig, auch wenn man ihn äußerlich vielleicht nicht bemerkt.
»Das Essen war lecker, lieben Dank fürs Mitbringen«, sagt Tilly, um dem Thema zu entkommen.
Harper sieht zunächst aus, als wolle sie weiter darauf beharren. Doch dann sagt sie: »Komm, ich helfe dir«, und räumt die Spülmaschine ein, aber so chaotisch, dass Tilly das später ohnehin wieder ändern muss.
»Sag mal, wann willst du anfangen, seine Sachen auszusortieren?«, fragt Harper kurz darauf, als sie bei einer Tasse Tee auf dem Sofa sitzen. Sie wirft einen Blick auf Joes Schreibtisch, auf dem Familienfotos stehen und jede Menge Papiere herumliegen. Am Boden stapeln sich Boxen und Akten. »Offen gestanden, finde ich es ziemlich deprimierend hier, Tils.«
»Mich stören die Sachen nicht«, erwidert Tilly, obwohl sie jedes Mal einen Hindernislauf absolvieren muss, um das Wohnzimmer zu durchqueren.
»Inzwischen ist über ein halbes Jahr vergangen … Ich könnte dir helfen. Zu zweit geht doch alles besser.« Harper krempelt gern die Ärmel auf und packt eine Aufgabe an, aber Tilly möchte keinesfalls eines ihrer Projekte sein.
»Danke fürs Angebot. Ich gebe dir Bescheid, wenn ich so weit bin«, sagt sie entschieden. »Und jetzt erzähl mal von dir. Wohin geht denn deine nächste Reise?«
Harper berichtet, dass sie eine Reportage über die besten Esslokale Europas schreibt und in Kürze ein Restaurant in Oslo begutachten wird. Als sie danach zur Toilette geht, wandert Tillys Blick unwillkürlich zu der blauen Urne im Bücherregal.
»Ja, schon klar, ich hätte längst aussortieren sollen«, murmelt sie. »Aber ich weiß einfach nicht, wie ich anfangen soll … Hey, nach Oslo wollten wir auch, weißt du noch? Und nach Paris natürlich. Hätten wir doch nur diese Reisen nicht auf die lange Bank geschoben …«
»Mit wem redest du?«
Tilly verstummt schlagartig, als Harper wieder auftaucht und sie stirnrunzelnd beäugt.
»Ach, nur mit mir selbst.« Beide wissen, dass sie lügt, und obwohl Harper schweigt, ist ihr anzusehen, was sie gern sagen würde: Du solltest loslassen und nach vorn blicken. Doch stattdessen schaut sie auf ihr Handy. »Es ist noch früh am Abend, wollen wir vielleicht ins Pub gehen? Oder ins Kino? Es gibt auch eine neue Cocktailbar, die sich toll anhört, ich wollte sie mal ausprobieren …«
»Ach nee, eher nicht.«
»Würde dir aber bestimmt guttun, rauszukommen. Bisschen Spaß zu haben.«
Tilly bemüht sich nicht, zu erklären, dass dieser Abend bereits ihre Vorstellung von Spaß erfüllt hat. Sie hat mit einem anderen menschlichen Wesen gesprochen, saß nicht an ihrem Arbeitslaptop und hat nicht geweint. Aber natürlich stellt sich Harper unter Spaß haben etwas anderes vor.
Jetzt schaut sie wieder auf ihr Telefon und verkündet mit leuchtenden Augen: »Freunde haben mich gerade zu einer Party eingeladen!«
»Na, dann nichts wie hin. Amüsier dich.« Tilly küsst ihre Schwester auf die Wange und fühlt sich dabei nicht nur zwei, sondern etliche Jahre älter.
Nachdem Harper gegangen ist, wird die Stille in der Wohnung durch das Klingeln von Tillys Handy unterbrochen. Ellen Carter. Während Tilly noch überlegt, ob sie rangehen soll, springt die Mailbox an.
»Hi, Tilly, hier ist Ellen. Wollte nur mal hören, wie’s dir geht. Bei euch regnet es ja wohl. Weiß gar nicht, wie ihr diese grauen Tage in London aushalten könnt. Schon bei der Vorstellung kriege ich Depressionen! Ah, die Enkelkinder kommen gerade, muss aufhören. Liebe Grüße von allen und bis bald.«
Ellens Stimme hat Tilly seit jeher als weibliche Version von Joes Stimme empfunden. Seine Eltern hatte sie in Connecticut kennengelernt, kurz nachdem Joe und sie ein Paar geworden waren. Tilly fand das damals ziemlich früh, aber Joe flog immer im Herbst in die USA, weil er dann seine Heimat am meisten vermisste. Als er fragte, ob sie mitkommen wolle, war es ihr leichtgefallen, zuzusagen. Seit ihrem Kennenlernen in der großen Buchhandlung und dem ersten Date, bei dem Joe sie in die British Library und anschließend in ein Pub ausgeführt hatte, waren sie die meiste Zeit zusammen gewesen.
Zunächst hatte Tilly damals den Eindruck gehabt, dass alles gut lief. Joes Eltern hatten sie herzlich empfangen, und sie hatte alles über die Maßen gelobt – das Essen, das Haus, in dem Joe aufgewachsen war und das sich als schöner und imposanter entpuppte, als er verraten hatte, die Umgebung, in der es eindrucksvolle Holzhäuser und Wälder in leuchtenden Herbstfarben gab.
Aber am letzten Abend – alle vermuteten wohl, dass Tilly beim Duschen war –, hörte sie von unten Ellens Stimme.
»Sie ist ja sehr nett … aber meinst du wirklich, sie ist die Richtige für dich?«
Tilly, auf der Suche nach einem Handtuch, blieb stehen und horchte.
»Was soll das heißen?« Joe klang kraftvoll und entschieden. »Sie ist wunderbar.«
»Für jemand anderen vielleicht«, erwiderte Ellen. »Aber sie ist doch so ein … Büchermensch. Scheint nicht viel für Natur und Sport übrigzuhaben. Sie hatte nicht mal passende Schuhe für unsere geplanten Wanderungen dabei. Mir ist einfach nicht klar, welche Gemeinsamkeiten ihr habt.«
»Es spielt absolut keine Rolle, dass wir unterschiedliche Interessen haben«, sagte Joe fest. »Ich finde es wundervoll, dass sie anders ist als ich, und liebe alles an ihr.«
»Wir wollen doch nur, dass du glücklich bist, Schatz, das weißt du. Und ich denke mir einfach, dass du langfristig glücklicher wärst mit einer Frau, die besser zu dir passt. Fandest du es denn nicht merkwürdig, dass sie gestern während unseres Familienfußballspiels gelesen hat? Das ist eine Tradition bei uns!«
»Tilly hat noch nie Fußball gespielt. Und Sport ist nicht so ihr Ding.«
»Meines auch nicht«, lautete die Erwiderung. »Trotzdem mache ich jedes Jahr mit, nicht? Weil ich aktiv bin und mich beteilige. Das liegt bei uns in der Familie. Tilly wirkt auf mich aber wie eine Person, die das Leben lieber vom Spielfeldrand beobachtet, anstatt sich hineinzustürzen. Ich habe mir immer eine andere Frau für dich vorgestellt.«
Joes Reaktion bestand darin, aus dem Zimmer zu stürmen. Seine Mutter lächelte weiterhin nett und umarmte Tilly zum Abschied herzlich. Aber sie konnte diese Worte nicht vergessen, weil sie sich beunruhigt fragte, ob Ellen womöglich recht hatte. Es stimmte ja, dass Tilly am glücklichsten war, wenn sie die Nase in einem Buch vergraben konnte. Hatte Joe eine extrovertiertere, abenteuerlustigere Frau verdient?
