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Einer bereits umfangreichen Dokumentation zur Geschichte der Offenburger Juden können weitere Funde hinzugefügt werden. Diese Zeugnisse sind ein wichtiges Vermächtnis an die Nachfolgenden.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2021
Bild Umschlag vorne: 80 Jahre danach: Spuren. Aktion von Schülerinnen und Schülern des Schillergymnasiums Offenburg Oktober 2020 im Gedenken an die Deportation der badischen Juden nach Gurs am 22. Oktober 1940. Weiße Fußabdrücke zeigen den Weg vom Versammlungsplatz in der Turnhalle der Schule zum Bahnhof. Foto: Christine Schmitt.
Bild Umschlag hinten: Die Esther-Cohn-Straße in Offenburg.
Grußwort Eva Mendelsson
Vorwort
„Segne die hiesige Stadt!“ – Die Einweihung der Offenburger Synagoge im ehemaligen Gasthaus „Salmen“ am 24. September 1875 durch Oberrabbiner Benjamin Willstätter (1813–1895) aus Karlsruhe
Der Offenburger Synagogenchor
„Der letzte und schöpferischste Parnes der Offenburger jüdischen Gemeinde“ – Emil Neu und die Oktober deportation vor 80 Jahren nach Gurs
„Kleine Frau mit warmem Herzen“ – Flucht der Offenburger Jüdischen Gemeinde bei Kriegsausbruch 1939 nach München
„Und bin auch ich knapp der Deportation entgangen“ – Jüdische Kindheit und Jugend in Offenburg vor und nach 1933
Jüdisches Gemeindeleben in Offenburg in den Jahren 1874 bis 1938 im Spiegel der jüdischen Presse
Der gute Ort – Lebensspuren Offenburger Juden
Antisemitismus in Offenburg – „eine psychische Volkskrankheit“ (Adolf Geck 1921)
Schlussappell
Literatur
Von Eva Mendelsson (geb. 1931), geb. Cohn, Enkelin des langjährigen Offenburger Synagogenvorstands Eduard Oberbrunner (1860–1932, Amtszeit 1908–1921)
Unsere ehemalige Synagoge im „Salmen“, die Mikwe, der jüdische Friedhof, die vielen „Stolpersteine“ vor Häusern der Stadt, der Straßenname für meine Schwester Esther, Gedenktafeln: Es gibt zwar heute sichtbare Zeugnisse für den jüdischen Anteil an der Offenburger Geschichte und für das Bemühen um Erinnerung daran. Aber viele andere Spuren sind vergessen worden seit dem Ende unserer Gemeinde in der Shoah und sind erst noch wieder zu entdecken. So begrüße ich sehr dieses weitere Buch von Martin Ruch, der sich bereits viele Jahre der Dokumentation unserer Jüdischen Geschichte Offenburgs widmet und erneut Spuren gefunden und hier zusammengetragen hat.
Besonders berührt hat mich beim Lesen der Texte die Predigt und Ansprache des Karlsruher Rabbiners Benjamin Willstätter zur Einweihung unserer Synagoge im Jahr 1875 und seine damalige Bitte: „Herr, segne diese Stadt!“ Es war ein Zeichen der Hoffnung und des Vertrauens in eine gute Zukunft. Was ist nach jenem Festakt nicht alles geschehen in und mit der Synagoge und der Stadt meiner Kindheit! Die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Nachbarn – aber auch die Wiederbegegnung und Erinnerung nach dem Ende des Holocaust. Schon oft bin ich seither nach Offenburg gekommen, habe vor Jung und Alt berichtet über das Schicksal von uns jüdischen Offenburgern, und habe dabei festgestellt, dass eine neue und aufgeschlossene Generation herangewachsen ist, die aus der Geschichte lernen will und mit Hilfe dieser Dokumentationen auch zukünftig lernen kann, denn die Stimmen von uns Zeitzeugen werden darin weiter zu hören sein. Und so können auch spätere Generationen noch vom Segenswunsch des Rabbiners Willstätter lesen, der Offenburg ein friedliches und tolerantes Miteinander seiner Menschen gewünscht hat. Vor dem Hintergrund des wieder erstarkenden Antisemitismus ist dies ein großer Auftrag für die Zukunft!
Im Jahr 2021 wird bundesweit an 1700 Jahre Anwesenheit der Juden am Rhein erinnert. Im Jahr 321 waren sie erstmals in einer Trierer Urkunde als in Köln sesshaft erwähnt worden! Sie leben somit schon länger hier im deutschsprachigen Raum am Rhein, bevor es so etwas wie eine deutsche Nation überhaupt erst gab!
Juden sind auch schon lange als in Offenburg sesshaft nachgewiesen, nicht erst durch die schreckliche Jahreszahl 1349 der Pestpogrome, dem Jahr der Vernichtung der mittelalterlichen Gemeinde, sondern schon früher, in einem Schutzbrief 1338. Auch die mittelalterliche Mikwe in der alten Judengasse zeugt noch von ihrer früheren Anwesenheit.
Sie waren dann später vor 1933 selbstverständlicher Bestandteil des Offenburger Lebens gewesen, die jüdischen Nachbarn in der Stadt. Schon bei der feierlichen Einweihung der Synagoge wurde 1875 von allen Rednern dieses tolerante Miteinander in Offenburg festgestellt und betont. Und noch 1934, als die Nationalsozialisten auch in Offenburg bereits ihren antisemitischen Wahn in die Realität umzusetzen begonnen hatten, konnte man in einer kleinen Presseskizze zum jüdischen Leben etwa in der Schlossergasse lesen „Am Anfang, in der Mitte und am Ende der Schlossergasse wohnte eine jüdische Familie, die jedes Jahr zum Laubhüttenfest ihre Lauben vor den Häuschen aufpflanzten und so viele Schaulustige heraus zogen.“1 Diese schlichte und ohne Unterton geschriebene Beobachtung ist nur eine von weiteren Spuren einstigen jüdischen Lebens in der Stadt. Diese Spurensuche ist Teil einer mittlerweile langjährigen Recherche zum Thema des jüdischen Erbes in Offenburg. Und diese Spurensuche ist noch nicht beendet: Sie will den jüdischen Menschen dieser Stadt, die damals zum Schweigen gebracht wurden, wieder eine Stimme geben und über sie und ihr Leben in der Stadt den heutigen und den zukünftigen Generationen berichten. Sie will „die Toten im Herzen der Jungen wieder zum Leben bringen. Und auch, sie, die Lebenden impfen gegen den offenbar immer neu nachwachsenden Judenhaß.“2
1 Offenburger Tageblatt 8.1.1934
2 Hilde Domin in einem Brief an Ursula Flügler, Offenburg 1987. Stadtarchiv Offenburg.
Die Einweihung der Offenburger Synagoge im ehemaligen Gasthaus „Salmen“ am 24. September 1875 durch Oberrabbiner Benjamin Willstätter (1813–1895) aus Karlsruhe
1862 gewährte das liberal regierte Großherzogtum Baden als erster deutscher Staat den Juden die uneingeschränkte Gleichberechtigung. Aus den ländlichen Judengemeinden Mittelbadens zogen in der Folge auch jüdische Familien nach Offenburg.
Es entstand nahezu gleichzeitig die neue Synagogengemeinde Offenburg. Sie wurde vorerst dem Bezirks-Rabbinat Schmieheim zugewiesen. Entschieden hatte dies der Großherzogliche Badische Oberrat der Israeliten in Karlsruhe mit Schreiben vom 9.2.1863, „Die Pastoration der isr. Gemeindebürger in Offenburg betr.“: „Der Bezirks-Synagoge Schmieheim wird auf Bericht vom 4.2. behufs weiterer Eröffnung und Anordnung erwidert, dass abgesehen von der Frage zu welchem isr. Gemeinde-und Bezirksverband die in Offenburg wohnenden Israeliten gehören bzw. beitragspflichtig sind, worüber weitere Entscheidung ausdrücklich vorbehalten bleibt, die Vornahme aller seelsorglichen Verrichtungen bei denselben dem Bezirks-Rabbinat Schmieheim zugewiesen werden.“1
Erst im Jahr 1866 wurde die Offenburger Gemeinde offiziell gegründet und bestätigt: „Nachdem inzwischen die Zahl der israelitischen Einwohner auf beiläufig 150, die der Familien auf 22 gestiegen ist“, erfolge nun die Bitte um Anerkennung als Corporation des bürgerlichen Rechts. Das Badische Staatsministerium: „Wir haben gegen diese Bitte nichts einzuwenden“, und so erfolgte am 9.4.1866 die Verleihung des Korporationsrechts. Der Großherzog hatte sich „gnädigst dazu bewogen gefunden.“2
Die ersten dieser nach 1862 in Offenburg wohnhaften Juden nutzten für ihren Gottesdienst einen kleinen Raum im Eckhaus der Stein- und Langestraße am Lindenplatz, später dann in angemieteten Räumen „in dem Nadler’schen Hause in der Seegasse, zu welcher man durch den Torbogen neben dem Rheinischen Hof gelangte.“3 Hier war laut Adressbuch 1868 die Synagoge mit der Hausnummer 8.
„Dort befand sich die erste Synagoge, für deren Ceremonien am Sabath anfangs auch Christen sich interessierten, insbesondere für den Gebrauch der Thorarolle zum religiösen Kult.“4
Diese Räume in der Seegasse waren jedoch auch bald nicht mehr ausreichend für die stetig wachsende Gemeinde. Deshalb kaufte sie im Jahr 1875 den traditionsreichen Gasthof „Salmen“5 in der Langestraße 52. Der Saal im Hintergebäude, erster Stock, wurde zum Betsaal. Nach Süden lag nun vor einem zugemauerten Fenster der Thoraschrein. Ein Harmonium diente als Orgelersatz, was deutlich machte, dass die Offenburger Gemeinde eine „Orgelsynagoge“ war, d. h. eine liberale Gemeinde, die Orgelmusik im Gegensatz zu den orthodoxen Gemeinden nicht verpönte. Das Vorderhaus diente dem Kantor und Lehrer als Wohnung. Dort wurde auch der Religionsunterricht gehalten. Schließlich war noch Platz für Räume unterschiedlicher Funktion (Vereine, Jugendtreff, Bibliothek etc.).
Die Einweihung dieser Synagoge fand am 24. September 1875 statt: „Gestern Abend fand unter großer Theilnahme der israelitischen Gemeinde und der geladenen Gäste, worunter die Geistlichen der verschiedenen christlichen Konfessionen, die Einweihung des früheren Salmensaals zur Synagoge nach dem ausgegebenen Programm statt. Der Saal, einfach, aber würdig ausgestattet, scheint in seiner neuen Bestimmung, was wohl eine Wirkung der gottesdienstlichen Einrichtung der Bänke und besonders der beiden gemalten Fenster auf der Front nach dem Graben, wo auch die Hl. Lade und die Predigstelle, nicht mehr so groß und hoch, und macht auf den Besucher, der früher so manches Andere da gesehen und gehört, einen eigenthümlichen Eindruck. Die Zugänge waren durch reichen Pflanzenschmuck geziert, ein gemischter Chor unter Leitung des Hr. Kapellmeisters Ankenbrand ließ den Hymnus ertönen ‚Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre‘ sowie andere Gesänge und Herr Oberrabbiner Willstetter aus Karlsruhe, der die Feier leitete, trug, wiewohl schon ein älterer Mann, mit jugendlicher Kraft die schönen Gebete vor und hielt eine Rede, die allgemein anmuthete. Er sprach zuerst von der Bildung der hiesigen israelitischen Gemeinde und dann von der Wichtigkeit der Gotteshäuser und Gottesverehrung in ihrer historischen Bedeutung, in Bezug auf unser Leben und Verhältnis zu Gott und dem Nächsten, und entwickelte dabei die edelsten und geläutertsten Ansichten und Grundsätze, die jeder Confession Ehre machen, welche dieselbe befolgt.“6
Diese Predigt des Oberrabbiners Willstätter wurde nach dem Festakt durch die Offenburger Gemeinde veröffentlicht. Ein Exemplar davon besitzt die Badische Landesbibliothek Karlsruhe.7
Es hat 26 Seiten, enthält neben der eigentlichen Predigt auch theologische Gedanken des Rabbiners und ein abschließendes Segengebet. Seinen Ausführungen ist deutlich die staatsbejahende Einstellung der meisten deutschen Juden in jenen Jahren nach der Gründung des Deutschen Reiches zu entnehmen. Kaiser Wilhelm I. und die Kaiserin Augusta, der badische Großherzog mit seiner Familie, alle weiteren staatlichen und kommunalen Funktionsträger wurden im Gebet bedacht und ihnen ein erfolgreiches Wirken mit Gottes Segen gewünscht. Deutlich spricht die Predigt auch vom friedvollen Zusammenleben aller Konfessionen in Offenburg, deren Vertreter zur Einweihung der Synagoge eingeladen und erschienen waren. Auch ihnen galt der abschließende Segen des Oberrats Benjamin Willstätter8.
„‚Jauchzet dem Herrn alle Welt! Dienet dem Herrn mit Freuden, kommet vor ihn mit Jubel! Erkennet, dass der Ewige Gott ist, Er schuf uns, und Sein sind wir, sein Volk und die Heerde seiner Weide. Gehet ein in seine Thore mit Dank, in seine Vorhöfe mit Lobgesang. Danket ihm, preiset seinen Namen, denn gütig ist der Herr, ewig währet seine Gnade und für Geschlecht und Geschlecht seine Treue.‘ (Psalm 100) Amen.
Ja, Dir himmlischer Gott, seien aus der Tiefe unserer freudig bewegten Herzen die Opfer unseres ehrfurchtvollen Dankes dargebracht für die Gnade und Liebe, mit welcher Du dieser Gemeinde diese Stätte zu Deiner Verehrung und Anbetung gründen halfest. Wir erkennen es mit demutvollen Herzen an, dass wie, ‚wenn Du das Haus nicht bauest, die daran Bauenden vergeblich sich abmühen‘ (Psalm 127,1), dass so kein menschliches Werk gelingt ohne Dich und Deinen segnenden Beistand.
Dank Dir, gnädiger Gott, dass Du in den Herzen dieser Gemeinde die Flamme heiliger Begeisterung für Dich und Deine Verehrung entzündet hast, so dass die Angehörigen derselben mit heiligem Opfersinn die Mittel boten und spendeten, welche für die Herstellung, die innere Einrichtung und Ausschmückung dieser Betstätte erforderlich waren.
Und nun weihen wir diese Stätte nebst allen ihren Geräthen und inneren Einrichtungen Deinem Dienste und Deiner Verehrung, dabei in Demuth bekennend, dass, wie viel wir auch von unseren Mitteln für die Herstellung, die innere Einrichtung und Ausschmückung dieser Stätte boten und spendeten, dass wir doch ohne Dich ‚nicht die Kraft gehabt hätten, Solches zu bieten, Solches zu spenden, denn Dein ist Alles und aus Deiner Hand geben wir es Dir wieder‘ (Chronik I, 29, 14).
Wir bitten Dich, o Gott, laß fortan ‚Deine Augen geöffnet sein über diese Stätte bei Tag und Nacht, um zu hören auf die Gebete und Lobgesänge, die Deine Knechte hier an Dich richten‘ (Könige I, 8, 29). Wer in seinem Innern birgt ein Verlangen, einen Wunsch oder eine Hoffnung und er wendet sich mit einem gläubigen, vertrauensvollen Herzen bittend an Dich an dieser Stätte, dem sei nahe und gewähre das Verlangen seiner Seele, um das er Dich bittet, wenn es zu seinem wahren frommen und Besten gereicht. Wer niedergebeugt von der Last eines Leides oder einer Trübsal des Erdenlebens Dir sich hier nahet, um vor Dir, ‚der Du als eine Hilfe in den Nöthen gar sehr befunden wirst‘ (Psalm 45, 2), seine schmerzerfüllte, gramumwölkte Seele in andächtigem Gebete auszuschütten, dem ‚sende Deine Hilfe aus Deinem Heiligthume‘ (Psalm 20, 3), Deinen Trost und Deine Aufrichtung.
Und wer beglückt durch irgend eine Freude des Erdenlebens hier erscheint, um vor Dir, dem Geber alles Beglückenden und Freudenvollen auf Erden, dankerfüllt den Freudenjubel und die Wonne seines Herzens zu äußern, den lehre in der Freude demüthig sein und eingedenk bleiben, dass die Freude wechselt und dass wir auch in der Freude Deines Segens und Deines Gnadenschutzes nicht entbehren können.
Und wer endlich im Gefühle seiner Sündhaftigkeit und Verirrung mit einem reuevollen und bußfertigen Herzen sich Dir nahet und Dich um die Gnade Deiner Vergebung bittet, dem erweise Dich gnädig, und laß ihm den Sonnenblick Deiner versöhnenden, erbarmenden Liebe leuchten, wie Du ja ein gnädiger und erbarmungsvoller Gott bist, ‚der nicht mit uns verfährt nach unsern Sünden und uns nicht vergilt nach unsern Missethaten, sondern der seine Gnade über uns walten läßt, so hoch der Himmel über der Erde ist‘ (Psalm 103, 10 und 11).
Und nicht nur für die Gemeinde dieser Betstätte und nicht bloß für die Genossen unseres israelitischen Bekenntnisses erheben wir unsere Stimme betend und bittend zu Dir, nein, wir bitten im Geiste des Salomon’schen Gebets (Könige I, 8, 41–41) bei der Einweihung des einstigen Dir geweihten Tempels zu Jerusalem für jedes deiner Kinder, weß’ Volkes und weß’ Glaubens es sein möge – wer sich Dir hier mit einem gläubigen, Dich ehrfürchtenden Sinne nahet, Dir die Anliegen seines Herzens in andächtigem Gebete anempfehlend, dem sei nahe mit Deiner gnadenvollen Erhörung und Gewährung.
Auch in allgemeinen Nöthen und Plagen, die Deine züchtigende Vaterhand je über unser Volk und Land verhängen sollte, wenn es je heimgesucht werden sollte von Hunger, Krankheit oder Kriegsnoth, sei uns nahe als Retter und Helfer, so wir Dich aus ‚der Tiefe‘ (Psalm 130,1) unserer Bedrängnis, aus der Tiefe unserer Herzen demuthsvoll anrufen.
Laß, o Gott, Dein heiliges Wort, das hier verlesen oder verkündet wird, stets aufmerksame Hörer und empfängliche Herzen finden, auf dass es nach dem Ausspruche Deines Propheten gleiche ‚dem Regen und dem Schnee, der vom Himmel herabfällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde befeuchtet, befruchtet und sprießen macht, auf dass sie gebe Samen dem Säenden und Brod dem Essenden. Also sei Dein Wort, das aus Deinem Munde gegangen, es kehre nicht leer zu Dir zurück, sondern erfülle, was Du gewollt und führe glücklich aus, wozu Du es gesendet hast‘ (Jed. 55, 10 und 11).
Wache o Gott mit Deinem schützenden Vaterauge über diese Stätte, auf dass sie verschont bleibe vor dem Andringen schädigender Elemente, bewahre sie vor des Feuers verheerender Zunge, vor des Wassers zerstörender Fluth, auf dass sie dauern erhalten bleibe als ein Zeugnis Deiner Verehrung und Verherrlichung.
Laß o Gott mit der Weihe dieser neuen Betstätte für die hiesige Israeliten-Gemeinde beginnen ein erneutes Leben der Tugend und Frömmigkeit, der Furcht vor Dir, der Gerechtigkeit und Menschenliebe und laß deren Dach sich stets wölben über einer durch Liebe und Eintracht innig verbundenen Gemeinde. Ja Herr wir bitten Dich: ‚Verleihe Deinem Volke Kraft, segne Dein Volk mit Frieden‘ (Psalm 21, 11) Amen.“
Inneres der Synagoge, ca. 1930
Predigt
„Geehrteste Festversammlung! Geliebte Genossen der hiesigen Israeliten-Gemeinde! ‚Gesegnet sei, wer da kommt im Namen des Herrn! Wir segnen Euch aus dem Hause des Herrn‘ (Psalm 118, 26). Mit diesen Worten, mit welchen einst die Priester im heiligen Gottestempel zu Jerusalem die Tempel-Wallfahrer zu empfangen pflegten, mit diesen Segensworten begrüßen wir Euch Alle, die Ihr hier versammelt seid.
Ihr alle seid ja hierher gekommen im Namen des Herrn, Theil zu nehmen an der Feier eines Festes, das seinem ganzen Charakter nach ein Fest des Herrn ist, wie ja diese Räume Seiner Anbetung und Verehrung ausschließlich geweiht sind.
Geliebte Genossen der hiesigen Israeliten-Gemeinde! Wenn es Euch heute vergönnt ist, Euere erste eigenthümlich erworbene Betstätte ihrer heiligen Bestimmung zu weihen, so treten gewiß manchfache Erinnerungen aus den Jahren der dahin geschwundenen Vergangenheit vor Eure Seele, insbesondere die Erinnerung an die Zeit, in welcher es Keinem unseres Bekenntnisses, und wäre er der Würdigste und Achtbarste gewesen, gestattet wurde, in hiesiger Stadt, wie in so manchen andern Orten unseres Landes, in welchen bis dahin keine Israeliten gewohnt hatten, einen ständigen Wohnsitz zu gründen. Erst vor etwas mehr als einem Jahrzehnt wurde dieser Glaubensbann von den Schultern der Israeliten unseres Landes gelöst; mit der vollen bürgerlichen und staatlichen Gleichberechtigung mit allen Genossen unseres theuren Vaterlandes wurde denselben auch das unbeschränkte freie Niederlassungsrecht gewährt. Großherzog Friedrich, der Edle und Hochherzige, war es, der im Einverständnisse mit einer erleuchteten und gerechten Regierung und Volksvertretung die letzten Fesseln brach, die bis dahin noch um seine israelitischen Unterthanen geschlungen waren. Seitdem hatten sich auch die Thore der hiesigen Stadt den Israeliten zur ständigen Niederlassung erschlossen. Und nachdem Einzelne von dem ihnen verliehenen Rechte Gebrauch gemacht hatten, wuchs die Zahl der hier neu angesiedelten Israeliten allmählig bis zu dem Grade, dass es Euch vor ungefähr einem Jahrzehnt möglich geworden, eine israelitische Religionsgemeinde in hiesiger Stadt zu gründen.
Und wenn Ihr heute Euch dieser Feier dankbar vor Gott freuet, so fühlt Ihr Euch gewiß Gott nicht blos dafür zum Dank verpflichtet, dass er Euch half, diese Betstätte gründen – wir haben diesem Dankgefühl bereits Ausdruck verliehen – nein, auch dafür, dass Er, von dem wir in einem unserer täglichen Gebet sagen ‚Er verscheucht die Dunkel der Nacht vor dem anbrechenden Morgenlichte des Tages‘, dass er auch die Nacht der Unduldsamkeit, der Glaubensausschließung und Glaubensanfeindung Israel gegenüber verscheucht hat vor dem angebrochenen Morgenlichte der Glaubensachtung, der Humanität, der Gerechtigkeit.
Ja, Ihm, ‚in dessen Hand die Herzen der Fürsten und Völker sind gleich Wasserbächen, die er lenkt wohin er Wohlgefallen hat‘ (Spr. Sal. 21, 1), sei dafür Dank, Preis und Ehre! Amen!
Geliebte! Nachdem wir nun den Gefühlen, die unsere Herzen in dieser freudig ernsten Stunde mächtig bewegend durchströmen, Worte geliehen, lasset uns unsere Aufmerksamkeit betrachtend lenken auf die hohe Bedeutung des hohen Werths unserer Gotteshäuser, und zwar:
1. im Hinblick auf das geschichtlich festgestellte Bedürfnis derselben,
2. im Hinblick auf die heilige Bestimmung derselben, und endlich
3. im Hinblick auf deren heiligenden Einfluss auf unsern Sinn und Wandel im Leben.
Wir legen unserer Betrachtung ein Schriftwort zu Grunde, das im zweiten Buch Mosis, Kap. 25 V 8 also lautet: ‚Und sie sollen mir ein Heiligthum errichten, auf dass ich in ihrer Mitte wohne.‘
(Es folgt die theologische Auslegung. Dann:)
So übet denn Liebe und Gerechtigkeit gegen Jeden Eurer Mitmenschen weß’ Glaubens und Bekenntnisses er auch sein möge. Und wie die Gründung dieser Stätte die Frucht des Friedens ist, der seither in Eurer Mitte gewaltet – denn ohne ein friedliches einträchtiges Zusammenstreben und Zusammenwirken hättet Ihr das Opfer fordernde Werk nicht vollbringen können – so möge aus dieser Stätte wieder ausströmen ein befruchtender Himmelsthau zur Pflege und Erhaltung des Friedens unter Euch. Aber nicht nur unter Euch pflegt und erhaltet den Frieden, sondern mit allen denen, mit welchen Ihr durch irgend ein Band, sei es ein staatliches, bürgerliches oder gesellschaftliches, inniger verbunden seid. Und gewiß, wenn von Euch in alle Kreise, in welchen Ihr in Gemeinschaft mit Euren Mitmenschen lebt, hinaustönt der heilige Ruf nach Liebe und Gerechtigkeit, so wird, so muß, wir sind dessen überzeugt, derselbe Ruf als treuer Widerhall Euch stets entgegentönen. Das Vorurtheil und die Engherzigkeit , welche zwischen Menschen und Menschen eine Scheidewand bilden oder erhalten möchte, weil sie verschiedene Vorstellungen und Anschauungen haben über das höchste Wesen und demgemäß ihm in verschiedener Weise den Zoll ihrer Verehrung und Anbetung weihen – dieses Vorurtheil und diese Engherzigkeit wird allmählig verschwinden vor dem Lichte besserer Erkenntnis, menschenwürdiger Erleuchtung. Man wird allmählig lernen, gegenseitig den Menschen in dem Menschen achten, unbekümmert um das, was er denkt und fühlt über das höchste Wesen und die ihm zu weihende Art der Verehrung. Und wie Ihr, die Angehörigen verschiedener Bekenntnisse, heute hier einträchtig beisammen sitzt, vereint durch das eine Euch Alle beherrschende Gefühl der Verehrung des gemeinsamen Gottes und Vaters, dem dieses Fest geweiht ist, so möge auch draußen im Leben sich ein ähnliches Bild einträchtigen, durch gegenseitige Liebe befestigten Zusammenlebens bei Euch stets darstellen und erhalten, jenes herrliche Bild, das der heilige Psalmdichter mit den Worten zeichnet: ‚Siehe wie gut und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen‘ (Psalm 133), Brüder, nicht blos Brüder durch Blut und Abstammung, nicht blos Brüder durch Bekenntnis und Glauben, nein, Brüder, durch die Gott entstammte Liebe vereint, Menschenbrüder im weitesten Sinne dieses heiligen Namens. Und gewiß, wo dieses Bild sich darstellt, da erfüllt sich auch das am Schluße jenes Psalms beigefügte Segenwort: ‚Denn dort – wo die Liebe erglüht, wo der Friede erblüht –, entbietet Gott Segen und Leben auf ewig.‘ Das walte der gütige Gott durch die Kraft und die Erleuchtung, die von ihm kommen. Er thue es zur Ehre und Verherrlichung seines großen und heiligen Namens, der gepriesen sei von nun an bis in Ewigkeit! Amen!“
Schlussgebet
„(…) Wir bitten Dich, ‚segne, behüte und beschütze unsern deutschen Kaiser König Wilhelm, sowie den Fürsten unseres Landes, unsern Großherzog Friedrich. Durch Deine Huld erhalte sie und bewahre sie vor jeglichem Leid, Verdruß und Schaden, und wo sie sich hinwenden, laß sie glücklich sein‘ (aus dem sabbathlichen Synagogengebet). Unterstütze sie in der Erfüllung ihrer hohen Herrscherberufe durch die Kraft Deiner Gnade. ‚Deinem himmlischen Gnadenschutze empfehlen wir auch unsere deutsche Kaiserin Königin Augusta, die Fürstin unseres Landes, unsere Großherzogin Luise, sowie die gesammte Kaiserliche und Großherzogliche Familie und deren erhabenen Fürstenstämme‘ (aus dem sabbathlichen Synagogengebet).
