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Martin Osterberg hat Eltern und einen Bruder, aber er will mit ihnen am liebsten nichts zu tun haben. Denn bis er selbst eine Familie gründet, verbindet er damit nichts Liebevolles, sondern vor allem Sprachlosigkeit und Ablehnung. Heute Anfang Fünfzig beschreibt er beklemmend und ohne Larmoyanz, was viele Männer seiner Generation erlebten: Die emotionale Verwahrlosung und Kälte einer Zweckgemeinschaft, in der materieller Wohlstand und Leistung wichtig sind, die Väter meist abwesend oder desinteressiert und die Mütter hilflos. Was in der Kindheit beginnt und in der Pubertät eskaliert, setzt sich im Erwachsenenalter fort: Sein Vater bezeichnet ihn bei einem seiner seltenen Besuche als »Arschloch«, seine Mutter schweigt. Er braucht fast ein ganzes Leben, um sich von seinen Eltern und deren Bild von ihm zu lösen.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für meine drei Frauen
ISBN 978-3-492-96586-6März 2017© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017Covergestaltung: zero-media.net, MünchenCovermotiv: Getty Images, Silke WeinsheimerDatenkonvertierung: Uhl+Massopust, Aalen
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Ich bin ein Arschloch. Ich weiß das aus allererster Hand. Mein Vater hat es mir gesagt. Der soll ruhig wissen, hat er zu seiner Frau, meiner Mutter gesagt, dass er ein Arschloch ist. Er hat auf meiner Couch gesessen, in meinem Wohnzimmer, neben meiner Frau. Er hat mich angeschaut, als hätte er bloß festgestellt, dass das Wetter auch schon mal besser war. Er hat nicht gelächelt, er hat sich nicht entschuldigt, er hat nichts weiter gesagt. Ich habe auch nichts gesagt. Ich habe gedacht: Ja, du auch.
Dann hab ich noch einen Schluck Weißwein genommen. Von demselben Weißwein, von dem mein Vater ein paar Schlucke zu viel genommen hat. Der Weißwein stammt von ihm, einmal im Jahr, kurz vor Weihnachten, kommt eine Direktlieferung vom Lieblingswinzer meines Vaters. Jetzt aber ist es Spätsommer, meine Eltern sind zu Besuch. Sie sind 400 Kilometer mit dem Auto gefahren, sie haben Leckereien mitgebracht, sie haben Gastgeschenke verteilt, dann haben sie sich zum Abendessen hingesetzt, und mein Vater hat das erste Glas Wein getrunken. Nach dem Essen sind alle auf die Couch umgezogen, um weiter Wein zu trinken. Irgendwann war die erste Flasche leer, und ich habe eine zweite aus dem Keller geholt. Als die zweite Flasche leer war, hat mein Vater gesagt, ich soll noch eine dritte holen.
Also bin ich in den Keller gegangen, und dort im Keller war ein Moment Zeit, um nachzudenken. Es war kühl, und es war ruhig, und ich wusste, dass nun bald der kritische Pegel erreicht sein würde, bei dem mein Vater nicht mehr kühl und ruhig sein würde. Dass bald der Augenblick kommen musste, in dem ihn das Gefühl übermannen würde, nicht laut, aber sehr selbstgewiss ein paar Wahrheiten verkünden zu müssen.
Ich wusste noch nicht genau, welche Wahrheiten. Ob eine über Menschen mit einer anderen Hautfarbe als er, ob eine über die Juden, ob über gierige Banker oder grüne Politiker oder irgendwelche andere Idioten aus einer Welt, in der alle Idioten waren außer meinem Vater. Vielleicht würde er auch eine Wahrheit verkünden über jemanden, den ich gut kannte, vielleicht eine über mich. Ich wusste nicht, was kommen würde. Aber ich wusste nur zu gut, dass etwas kommen würde. Ich wusste auch, ich würde es nicht verhindern können.
Trotzdem wusste ich, was zu tun war. Ich besitze Erfahrung aus unzähligen Scharmützeln und Schlachten. Ich bin ein Veteran des Krieges zwischen mir und meinem Vater.
Im Keller pustete ich den Staub von der Weinflasche und nahm mir vor, das zu tun, was ich immer tat, wenn der Waffenstillstand gebrochen zu werden drohte: ignorieren und den Abend möglichst schnell beenden.
Denn so schnell wird aus dem kalten Krieg gewöhnlich kein heißer mehr. Nicht mehr. Nach all den Jahren, all den offenen Feldschlachten, den demütigenden Niederlagen und den demoralisierenden Pyrrhussiegen sind die Kombattanten müde. Ab und an startet Nordkorea mal wieder eine Testrakete, der Süden reagiert mit einem halbherzigen Manöver oder schickt die Diplomaten in die Spur. Eines ist klar: Diese Teilung wird niemals überwunden werden, aber trotzdem bleiben die beiden Länder auf ewig miteinander verbunden, auf ewig dazu verdammt, immer mal wieder einen Abend zusammengepfercht auf einer Couch zu verbringen.
Zurück auf der Couch aber versagte die bewährte Strategie. An diesem Abend brach an der schwerbewachten Grenze wieder einmal eines der selten gewordenen Gefechte aus. Die dritte Flasche war geleert, die Hemmungen gefallen, die Munition lag bereit. Diesmal waren die Enkeltöchter dran. Mein Vater meinte, meine große Tochter, seine Enkelin, solle sich doch gefälligst regelmäßiger bei ihm telefonisch melden. Die Enkelin war nicht da, sie besitzt längst ein eigenes Leben in einer anderen Stadt, also verteidigte ich meine Tochter. Wie alle in diesem Alter sei sie halt nicht allzu verlässlich, sagte ich, auch bei uns, ihren Eltern, würde sie sich nur selten melden. Was alte Säcke wie wir so treiben, sagte ich, das würde sie im Moment eher weniger interessieren. Ansonsten sei sie doch ein wundervolles, wohlgeratenes Mädchen, das gerade beginne auf eigenen Beinen zu stehen.
Doch mein Vater wollte das nicht hören. Er wollte überhaupt nichts hören, zuhören war noch nie seine Stärke. Mein Vater wollte bloß etwas loswerden, denn poltern und meckern und andere zurechtweisen, das sind seine großen Stärken.
Anrufen solle die Enkeltochter, sagte mein Vater, und die Stimme schleifte schon ein wenig vom Alkohol, mindestens einmal wöchentlich solle sie anrufen, alles andere interessiere ihn nicht. Was er denn mit ihr zu besprechen habe, wollte ich wissen. Nichts, sagte mein Vater, aber sie solle sich gefälligst melden. Ich sagte, dann solle er sich doch bei ihr melden, wenn er etwas mit ihr zu besprechen habe, was immer das auch sei. Das war der Moment, in dem ich zum Arschloch wurde.
Nicht, dass mich das überrascht hätte. Es war ja nicht das erste Mal.
Ein Arschloch genannt zu werden, das ist zwar nicht gerade Alltag, aber es kommt doch immer wieder vor. Mein Vater hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Wird er doch noch mal sagen dürfen. Nur seine Meinung. Und da mein Vater auch der Meinung ist, dass er immer recht hat, gibt es auch keinen Anlass, sich für irgendetwas zu entschuldigen.
Deswegen verletzt es mich schon lange nicht mehr, ein Arschloch genannt zu werden. Ich bin es ja gewohnt. Und außerdem, das habe ich im Laufe der Jahrzehnte gelernt, bin ich in ausnehmend guter Gesellschaft. Denn die Welt meines Vaters ist bevölkert von Arschlöchern und Idioten. Die Kollegen, die er hatte, bevor er Rentner wurde. Die Freunde, die er seltsamerweise immer noch hat. Politiker sowieso, Künstler, Sportler und Manager, die im Fernsehen generell, und überhaupt die da oben, aber auch die, die gerade im Weg rumstehen, die, die ihre Millionen nicht verdienen, und die, die arm sind, weil sie es nicht besser verdienen. Alles Arschlöcher.
Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater mal über jemanden gesagt hätte: Das ist ein toller Typ. Den kann ich gut leiden. Der ist interessant, schlau oder wenigstens nicht ganz verkehrt. Mehr als friedliche Koexistenz scheint ihm grundsätzlich verdächtig. Jemand, der ihm ein gutes Essen hinstellt, wird dafür nicht gelobt. Über Künstler sagt er, das könne er auch. Ins Theater geht er nicht, weil, was soll er denn da. In der Oper, in die er gehen muss, weil seine Frau da hinwill, schläft er ein. Schwarze sind faul, Juden sind geldgierig, Flüchtlinge wollen nur sein Geld.
Solch ein Weltbild macht auch vor der engsten Verwandtschaft nicht halt. Die eigene Frau hält er für unterbelichtet. Die eigenen Enkelkinder sind ihm zu fett und zu undankbar. Den einen Sohn findet er faul und dumm. Und der andere Sohn, also ich, erhält den Ritterschlag: Der ist ein Arschloch.
Ich bin es also gewohnt. An diesem Abend allerdings traf der altbekannte Vorwurf wieder ins Ziel. Vielleicht weil ich ihn schon länger nicht mehr gehört hatte, vielleicht weil der Wein mich dünnhäutiger gemacht hatte. Also stand das Arschloch auf von der Couch und ging erst einmal raus aus dem Wohnzimmer, raus aus der Situation. Sonst sagt das Arschloch noch etwas, was es später bereuen würde. Was womöglich beweisen könnte, dass das Arschloch tatsächlich ein Arschloch ist.
Ich öffnete die Haustür, trat hinaus, schloss die Tür und setzte mich auf die Stufen. Einen kurzen Moment dachte ich, vielleicht sollte ich wieder mit dem Rauchen anfangen. Jetzt eine Zigarette, das wäre schön. Was anderes zu tun haben. Nicht nachdenken müssen. Dem Rauch nachsehen, die Wärme in der Lunge spüren. Aber nach der einen Zigarette wäre ich ein gewesener Exraucher und mein Vater trotzdem immer noch da.
Ich sah hinaus ins Dunkel. Hinterm Haus standen die Bäume still. Am liebsten wäre ich davongerannt. So lange um den Block gelaufen, bis mein Vater weg war. Aber er wäre nicht weg, wenn ich zurückkäme, er würde immer noch auf der Couch sitzen. Und wenn er nicht mehr auf der Couch säße, wenn er heimgefahren wäre in das Kaff, das auch ich einmal mein Zuhause genannt habe, auch dann wäre er nicht wirklich weg. Mein Vater wird immer bei mir sein, ob ich will oder nicht. Doch, so eine Zigarette wäre jetzt schön.
So als Arschloch fragt man sich natürlich: Muss das sein? Warum tut man sich das noch an? Könnte man so einen Vater nicht einfach zum Teufel jagen? Geht das überhaupt: Kann man sich nicht scheiden lassen von seinen Eltern?
Es sind Fragen, die ich mir schon lange stelle. Sehr lange.
Nicht, dass mein Vater sich selbst großartig finden würde. Ich weiß nicht, wie mein Vater sich selbst findet. Vielleicht hält er sich insgeheim auch für ein Arschloch. Dass er sich selbst hasst, das würde immerhin erklären, warum er den Rest der Welt so hasst. Warum er andere erniedrigen muss, um sich selbst zu erhöhen. Warum mein Vater so ist, wie er ist.
Das Licht über der Haustür ging aus. Solange ich mich nicht rührte und den Bewegungsmelder auslöste, würde es auch nicht wieder angehen. Ich saß im Dunkeln, keiner konnte mich sehen, ich hoffte zu verschwinden und fragte mich: Warum tut man sich das an? Warum verbringt man Zeit mit Menschen, die man am liebsten von hinten sieht? Kann man seine Eltern nicht abschaffen? Dem eigenen Erzeuger kündigen? Die Gefühle, die guten und die schlechten, einfach entsorgen? Endlich Auf Nimmerwiedersehen sagen?
Die Luft war feucht, es hatte geregnet an diesem Abend. Ich wollte nicht wieder zurück. Ich wusste, ich muss. Dieser Mann ist mein Vater. Aber ist er mein Vater? Was ist ein Vater? Ich bin ein Vater. Ich weiß, wie das geht. Ich weiß, mein Vater weiß es nicht.
Ich wusste, ich muss da wieder rein. Ich wusste, ich kann so lange hier sitzen, wie ich will, mein Vater wird nicht verschwinden. Er wird wieder nach Hause fahren, aber er wird mich nie verlassen. Obwohl – oder gerade weil – ich mich von ihm verlassen fühle.
Draußen auf der Treppe fragte ich mich, über was dort drinnen gerade gesprochen wurde. Wahrscheinlich saß mein Vater still auf der Couch und seine Schwiegertochter versuchte ihm zu erklären, warum man den eigenen Sohn nicht Arschloch nennt. Dass man versucht, Menschen, die man liebt, nicht zu verletzen. Dass ich doch eigentlich ein ganz prima Sohn geworden sei, dass sie das jedenfalls findet, weil sie sonst schon längst nicht mehr mit mir zusammen wäre. Mein Vater aber würde, ich sehe es vor mir, nur mit verschränkten Armen auf der Couch sitzen und seiner Schwiegertochter teilnahmslos in die Augen blicken. Er würde nichts sagen. Er wusste es ja besser. Sein Sohn ist nun mal ein Arschloch, das wird man ja wohl mal sagen dürfen, wenn es doch stimmt.
Ich versuchte mir die Situation vorzustellen, die Kälte kroch mir langsam in die Arschbacken, und ein tiefes, erschütterndes Gefühl der Heimatlosigkeit ergriff mich. Ein Gefühl, das ich nur zu gut kannte. Ja, ich habe eine Familie, die ich mir selbst aufgebaut habe, eine zweite Familie, die lange nicht perfekt, aber sehr viel besser ist als das, was ich kannte, aber trotzdem niemals meine erste Familie werden kann. Wohin, fragte ich mich, gehe ich, wenn alles zusammenfällt? Wer stellt dann keine blöden Fragen, sondern versteht mich auch ohne Worte? Wo ist das Loch, in dem ich mich verstecken kann?
Nicht bei meinen Eltern. Die haben mich schon nicht verstanden, als ich noch versucht habe, mit ihnen zu reden. Alle anderen, so scheint es, besitzen noch eine erste Heimat. Sie wissen, dass sie zu ihren Eltern gehen können, egal, was passiert. Sie wissen, dass es noch ein Zuhause gibt, wenn das Zuhause, das sie sich selbst gebaut haben, zerbrechen sollte. Sicher, ich könnte zurückgehen, dorthin, wo ich herkam. Mein Vater würde die Tür öffnen, meine Mutter würde ein Bett beziehen, aber ich würde nicht nach Hause kommen. Denn ich vertraue meinen Eltern nicht. Mir fehlt dieses Gefühl, ihnen alles sagen zu können und es dort in guten Händen zu wissen. In den Arm genommen zu werden, egal, was ich angestellt habe. Das Gefühl, keine Fehler machen zu können.
Einmal, ein einziges Mal nur, stand mein Vater vor mir und wollte wissen: Was habe ich dir getan? Es war ein trüber Morgen vor einigen Jahren, niemand außer uns beiden wach. Wir standen in der Küche in dem Haus, das mein Vater gebaut hat, an der Wand die weder braunen noch grünen Fliesen, die nach Jahrzehnten immer noch so glänzten, als hätte er sie erst an Tag zuvor angeklebt. Was habe ich verbrochen?, fragte er in einer Mischung aus Verzweiflung und Wut. Was hat mein Sohn gegen mich? Es war mehr Wut als Verzweiflung. Ich versuchte trotzdem, es zu erklären. Ich redete von meinen Gefühlen, von seinem Desinteresse. Ich redete davon, dass ich mich immer missverstanden fühlte, bisweilen sogar ignoriert. Davon, dass er mich und andere klein macht, davon, dass er nie einen Fehler zugegeben habe. Ich redete davon, dass es halt manchmal so ist, dass Menschen nicht miteinander können, auch wenn sie miteinander verwandt sind. Er sagte, er verstehe das nicht, ich solle nicht so daherlabern, sondern doch mal bitte konkret werden und erklären, was ich gegen ihn hätte. In der Küche roch es wie immer nicht nach Essen, sondern nach Putzmittel. Ich fragte ihn, ob er denn schon mal darüber nachgedacht habe, was sein Anteil an unserem gestörten Verhältnis sein könne. Er sagte, genau darüber hätte er nachgedacht, aber keinen Fehler bei sich entdecken können.
So war es immer, dachte ich, während ich draußen saß und fror und versuchte, meine Gefühle zu ordnen. Denn kann ich mich wirklich beschweren über meinen Vater? Kann ich ihm sagen: Du liebst mich nicht? Wenn ich doch weiß, mein Vater würde sagen: Doch, ich liebe dich. Habe ich dir nicht alles gegeben, alles ermöglicht? Hattest du es etwa schlecht? Nein, ich hatte das, was man eine sorgenfreie Kindheit nennt.
Ich kann mir ja denken, ich kann vermuten, wer schuld ist. Die Vergangenheit, die Zeiten, die Umstände. Der Vater meines Vaters und der große Krieg. In einem kleinen Berliner Theater lief jahrzehntelang ein Stück mit dem Titel »Ich bin’s nicht, Adolf Hitler ist es gewesen«. Ich habe das Stück nie gesehen, das Publikum bestand vor allem aus Schulklassen auf Klassenfahrt in Berlin. Aber immer, wenn ich den Titel las, musste ich an meinen Vater denken. An die Sprachlosigkeit und die emotionale Verkrüppelung und Inkompetenz. Adolf war schuld, irgendwie. Eine Erklärung, eine Entschuldigung, aber auch kein wirklich tröstlicher Gedanke.
Denn man ist trotzdem auf ewig mit jemandem zusammengesperrt, mit dem man freiwillig keine zwei Stunden würde verbringen wollen. Mit jemandem, von dem man vor allem weiß, dass man nicht so sein will wie er. Obwohl man ihm so ähnlich ist.
Trotzdem: Ich glaubte, ich hätte ein Verfahren gefunden, mit dem ich den Rest unserer gemeinsamen Tage ohne große Verwerfungen überstehen könnte. Wenn Freunde, deren Eltern gerade gestorben waren, klagten, dass so vieles nicht gesagt worden sei, dass sie sich noch gern versöhnt hätten, gab ich den Abgeklärten. Hätte auch nichts genutzt, sagte ich dann, ich habe meinem Vater alles gesagt, was ich sagen wollte, ich habe ihn einen Rassisten genannt, einen Antisemiten und einen lieblosen Klotz. Und das alles vollkommen zu Recht. Genutzt hat es trotzdem nichts. Es gab keine Entschuldigungen, erst recht keine späte Zuwendung. Es wird sie auch niemals geben. Ich würde sie auch gar nicht mehr haben wollen.
Aber ich muss jetzt wieder da rein. Weil es nun doch zu kalt wird hier draußen auf der Treppe. Weil der Abend irgendwie zu Ende gehen muss. Weil noch jeder Abend irgendwie zu Ende gegangen ist. Weil ich weiß, dass wir die Sache einfach totschweigen werden. Weil der Schmerz und die Wut und die Erinnerungen sowieso niemals verschwinden werden.
Mehr als drei Jahrzehnte arbeite ich mich an meiner Herkunft ab. Immerhin eines habe ich gelernt: Man kann Eltern hassen, verabscheuen und ablehnen. Man kann den Kontakt abbrechen oder ans andere Ende der Welt ziehen. Aber man kann ihnen nicht kündigen. Man kann seine Eltern nicht abschaffen. Auch wenn sie dann eines Tages wirklich weg sein sollten, seine Eltern wird man ein Leben lang nicht mehr los. Damit muss jeder klarkommen. Ich tu’s ja auch.
Ich habe einen Vater.
Ich habe eine Mutter.
Ich habe einen Bruder.
Ich fühle nichts.
Ich bin 49 Jahre alt. Ich bin ein Arschloch.
Ich bin drei Jahre alt, und ich gehe unter, und dies ist meine früheste Kindheitserinnerung. Vielleicht ist es auch nur die Erinnerung anderer. Die meiner Mutter. Die der Mutter meiner Mutter womöglich. Die meines Bruders nicht, der war noch zu klein, noch kleiner als ich, ein Baby. Die meines Vaters auch nicht, der war gar nicht dabei. Jedenfalls nicht in meiner Erinnerung, so porös und unzuverlässig sie sein mag, ob aus zweiter Hand oder doch aus erster.
Ich weiß nicht, ob ich mich wirklich erinnern kann, erinnern können sollte. Ich war drei Jahre alt. Vielleicht auch erst zwei. Nein, ich muss drei Jahre alt gewesen sein, mindestens drei, denn mein Bruder ist anwesend in dieser Erinnerung, und er kann schon stehen, sogar laufen. Auch wenn ich nicht weiß, woher die Erinnerung kommt, im Laufe der Jahre ist sie ganz sicher zu meiner eigenen geworden. Bruchstücke, einzelne Sätze, Erinnerungsfetzen. Der Rest ist vielleicht bloß meine eigene Fantasie. Details, mit denen ich das wenige ausschmücke, auspolstere, das verbürgt ist in der schmalen Familienüberlieferung einer Familie, in der nie viel gesprochen wurde über das, was war, oder das, was ist. Eine Familie, in der, wenn ich so zurückdenke, überhaupt nie viel gesprochen wurde über das, was wichtig gewesen wäre.
Aber trotz alledem, diese eine Erinnerung in mir ist sehr lebendig. Ich erinnere, wie sich das Wasser schließt über mir. Ich erinnere sogar kleine Schaumkronen. In meiner Erinnerung steigen Luftbläschen auf neben mir. Ich gehe unter.
Über mir die Wasserunterfläche. Nennt man das so? Die Wasseroberfläche von unten. Langsam rückt sie in die Ferne. Ein fremder, ein ungewohnter Anblick, aber, so fühlt sich die Erinnerung an, seltsamerweise kein erschreckender Anblick, eher faszinierend. Das erinnere ich: Ich schaue interessiert nach oben, wie sich das Wasser über mir schließt. Ich habe keine Angst, gar keine. Ich habe Vertrauen. Mir kann nichts passieren. Ich gehe unter, aber ich weiß nicht, was das bedeutet. Ich sehe das Wasser über mir und neben mir und unter mir. So kann, so muss es gewesen sein.
Wirklich wissen kann ich nicht, ob es so gewesen ist. Es ist nur meine Erinnerung.
Aber ich weiß, dass es das eine Bild gibt. Das Bild ist das Einzige, woran ich mich tatsächlich fest und unwiederbringlich erinnern kann oder vielleicht doch nur erinnern können will. Das Bild der geschlossenen Wasserunterfläche, durch die eine Hand sticht. Das Wasser und die Hand, das sehe ich vor mir, klar und deutlich. Die geschlossene, noch leicht schwappende Wasserfläche, die fünf Finger der Hand, die sich recken. Das ist das erste Bild, an das ich mich zu erinnern glaube. Das ist das Bild, mit dem meine Erinnerungen einsetzen. Das ist der Moment, in dem mir mein Leben beginnt. Als hätte ich erst an diesem Tag, in dieser Sekunde die Augen geöffnet, nicht schon gut drei Jahre zuvor.
Die Hand rettet mich. Sie packt mich am Arm und zieht mich aus dem Wasser. Ich liege neben dem Schwimmbecken auf den Fliesen. Die Fliesen sind kalt. Ich sehe die blinden Fenster des Schwimmbads, ich sehe die schwitzenden Scheiben. Eisblumen von innen. Ich weiß: Wenn man die Hand ans Fenster hält, droht sie festzufrieren. Draußen, hinter den Eisblumen ist tiefster Winter. Meine Mutter ist da, die Mutter meiner Mutter, mein Bruder, der Bademeister, dessen Hand mich aus dem Becken gezogen hat. Mein Vater ist nicht da. In meiner Erinnerung tragen meine Mutter und ihre Mutter, die mein Bruder und ich Großmutter nennen, um sie unterscheiden zu können von der Mutter meines Vaters, die wir Oma nennen, keine Badeanzüge, sondern ganz normale Straßenkleidung, obwohl ich die beiden doch sehe im Schwimmbad neben dem Becken neben mir. Wenn ich so zurückdenke, dann ist es vielleicht doch nur ein Traum.
Wir sind in Klosters im Winterurlaub. Klosters liegt in der Schweiz in den Bergen. Es hat wahnsinnig viel geschneit. Es ist ein guter Winter, um Ski zu fahren. Der Schnee reicht bis an den Balkon im ersten Stock des Hauses, das mein Vater gemietet hat und in dem wir alle wohnen, mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und meine Oma, die wir Großmutter nennen. Das Haus hat ein Erdgeschoss und einen ersten Stock und heißt hier in der Schweiz Chalet. Das Chalet ist sehr hoch, jedenfalls vom Balkon im ersten Stock aus betrachtet. Der Balkon hat ein Geländer aus dunkelbraunen, geschwungenen Holzlatten. Der Schnee ist so hoch und so weich, dass ich auf das Geländer klettern und von dort in den Schnee springen darf. Ich lande ganz weich und wühle mich wieder aus dem Schnee, der so leicht und trocken ist, dass er am Nacken in meinen Anorak rieselt, sich festsetzt auf den Rändern der Socken, die aus meinen Winterschuhen ragen, und einen festgebackenen, weißen Kranz bildet in den Zwischenräumen zwischen Handschuh und Anorakärmel. Ich klopfe mich ab, renne ums Haus zur Eingangstür, durch den Flur zum Treppenhaus. Großmutter ruft mir hinterher: Bringt doch nicht den ganzen Schnee mit rein. Ich renne die Treppe hinauf, hoch aufs Geländer, und wieder hinab in den Schnee. Raus aus dem Schnee, die Treppe hoch. Mach doch wenigstens die Tür zu hinter dir, ruft Großmutter. Es ist kalt, ich schwitze, ich glühe, ich bin glücklich.
Großmutter fährt Auto. Es ist die einzige Erinnerung, die mir geblieben ist, in der die Mutter meiner Mutter Auto fährt. Später, ansonsten, eigentlich immer war sie eine alte Frau, die sagte: Ich habe einen Führerschein, ich gebe den auch nicht zurück, aber ich weiß, wann man ihn nicht mehr benutzen sollte.
Ich hatte keinen Führerschein, das Lenken eines Autos war mir eine Geheimwissenschaft, ich bewunderte jeden wie Großmutter, meinen Vater oder meine Mutter, der Auto fahren konnte und durfte. Erwachsene durften Auto fahren, alle Erwachsenen fuhren Auto. Ich verstand nicht, warum meine Großmutter nicht mehr Auto fahren wollte.
Von der Mutter meines Vaters, die wir Oma nannten, habe ich gar keine Erinnerung behalten, in der sie Auto fährt. Die Mutter meiner Mutter fuhr mit der Straßenbahn, die Mutter meines Vaters wurde von meinem Vater oder meiner Mutter dorthin gefahren, wohin sie musste. Sie musste nicht oft irgendwo hin. Ich weiß nicht einmal, ob Oma jemals einen Führerschein hatte. Sie wurde 1900 geboren, wahrscheinlich hatte sie nie einen.
Aber Großmutter fuhr Auto, zumindest damals noch in diesem einen Urlaub in Klosters. Großmutter fährt mich zum Skikindergarten. Mein Bruder darf auch mitfahren, aber er darf nicht in den Skikindergarten, er ist noch zu klein. Der Skikindergarten ist eine abgesteckte Fläche auf einem flachen Hügel. Ich tapse auf meinen kurzen Ski den Hügel hinauf. Großmutter steht neben der abgesteckten Fläche und schaut mir zu, mein Bruder rennt hinter der orangenen Absperrung den Hügel hinauf und rollt sich dann seitlich wieder hinab. Wenn sich mein Bruder langweilt, geht Großmutter mit ihm spazieren und schaut mir nicht mehr zu.
Ich habe keine Skistöcke. Die anderen Kinder im Skikindergarten haben auch keine. Ich stelle mir vor, es wäre einfacher, den Hügel hinaufzutapsen, wenn ich Stöcke hätte. Aber Stöcke haben nur Erwachsene. Die Skilehrerin hat welche, die sie unter ihre linke Achsel klemmt, wenn sie neben mir hält, um mir mit der Rechten beim Aufstehen zu helfen, wenn ich umgefallen bin. Wenn ich wieder stehe, tapse ich weiter den Hügel hinauf. Wenn ich oben angekommen bin, drehe ich mich mit kleinen Schritten und passe auf, dass meine beiden Skier dabei nicht übereinanderkommen, weil ich sonst umfallen würde. Wenn ich mich umgedreht habe, ruckele ich mit den Skiern, bis sie von selbst rutschen, und passe auf, dass ich nicht nach hinten umfalle. Wenn ich zu schnell werde, stelle ich die Ski steil an und bremse. Das heißt Schneepflug, hat die Skilehrerin gesagt, als sie mir und den anderen im Skikurs gezeigt hat, wie wir bremsen sollen. Wenn ich den rechten Ski steiler anstelle, fahre ich eine Rechtskurve. Wenn ich den linken Ski steiler anstelle, fahre ich linksherum. Seit dem zweiten Tag im Skikindergarten fahre ich den flachen Hügel in Kurven hinunter.
Wenn ich und die anderen im Skikindergarten ein paarmal den flachen Hügel hinaufgetapst sind und ein paarmal im Schneepflug den flachen Hügel hinuntergerutscht sind, stehen Großmutter und mein Bruder wieder neben der Absperrung. Mittagspause, sagt die Skilehrerin. Ich und die anderen setzen uns seitlich in den Schnee und drücken mit unseren Handschuhhänden auf den Hebel unserer Skibindung, bis sie aufgeht. Wenn sie nicht aufgeht, kommt die Skilehrerin angefahren, klemmt ihre Stöcke unter die Achsel und öffnet meine Skibindung. Ich nehme meine beiden Skier und lege sie am Eingang des Skikindergartens nebeneinander ab. Großmutter, mein Bruder und ich gehen in ein Restaurant. Großmutter trinkt Kaffee. Ich esse einen Kaiserschmarrn, mein Bruder bekommt etwas von meiner Portion ab.
Wenn wir am Nachmittag zurück ins Chalet kommen, sind mein Vater und meine Mutter schon wieder zurück vom Skifahren. Sie sind noch ganz verschwitzt, haben rote Backen und ihre Haare sind genauso verwuschelt wie meine, weil wir alle den ganzen Tag eine Mütze getragen haben. Wie war’s im Kindergarten?, fragt meine Mutter. Und mein Vater sagt: Bist du den Idiotenhügel runtergefahren?
Wenn die Sonne nicht scheint, dann schneit es, und meine Mutter hat eigentlich keine Lust, Ski zu fahren. Man sieht da oben doch die Hand vor den Augen nicht, sagt sie dann. Da oben ist oben auf dem Berg. Oben auf dem Berg liegt noch viel mehr Schnee als hier unten im Tal in Klosters. Oben auf dem Berg dürfen nur Skifahrer mit Stöcken Ski fahren. Da oben, sagt mein Vater, ist das Wetter viel besser, die Wolken hängen doch bloß hier unten im Tal. Meine Mutter grummelt, aber sie fährt dann doch mit meinem Vater, meiner Großmutter, meinem Bruder und mir mit dem Auto vom Chalet zur Talstation der Gondel. Mein Vater und meine Mutter steigen aus dem Auto aus, mein Vater holt seine Skier und die Skier meiner Mutter vom Dachgepäckträger. Meine Mutter holt ihre Stöcke und die meines Vaters aus dem Kofferraum. Mein Vater geht mit den Skiern zur Talstation, ein Paar Ski links in der Hand, das andere Paar rechts, als wären sie Spazierstöcke. Meine Mutter trägt die vier Stöcke. Großmutter setzt sich ans Steuer, dann fährt sie meinen Bruder und mich zum Skikindergarten.
Mein Vater und meine Mutter fahren mit der Gondel, weil der Weg auf den Berg zu weit ist, um hinaufzutapsen. Eine Gondel ist eine Kabine aus Metall, die aus einem Stahlseil den Berg hinaufgezogen wird. In eine Gondel passen ungefähr fünfzig Leute rein. Wenn mein Vater und meine Mutter oben auf dem Berg angekommen sind, dann müssen alle aus der Gondel aussteigen. Oben auf dem Berg ist das Wetter manchmal tatsächlich besser. Dort oben fahren nur Skifahrer mit Stöcken, und es gibt Schlepplifte und Sessellifte, mit denen mein Vater und meine Mutter einen gar nicht flachen Hügel hinaufgezogen werden, damit sie den Hügel wieder herunterfahren fahren können. Mein Vater sagt, dass es sehr schwer ist, mit dem Schlepplift zu fahren, weil man jemanden finden muss, der genauso groß ist wie man selbst, und mit dem muss man dann gleichzeitig nach einem hölzernen Stecken greifen, und den hölzernen Stecken muss man sich dann unter den Po klemmen, und dann wird man den Hügel hinaufgezogen. Das ist schwer, sagt mein Vater. Fast noch schwerer ist es, mit dem Sessellift zu fahren. Man muss gut Ski fahren können, um mit dem Lift fahren zu können, sagt mein Vater. Sonst fällst du hin, und der Lift muss wegen dir anhalten. Gestern ist deine Mutter umgefallen im Schlepplift, und alle mussten auf sie warten, bis der Lift wieder losfahren konnte.
Das musstest du wohl unbedingt erzählen, sagt meine Mutter. Sie guckt meinen Vater beleidigt an, aber ich weiß, dass sie gar nicht richtig beleidigt ist, dass sie das nur spielt. Meine Mutter ist eine schlechte Schauspielerin. Mein Vater lacht.
Also, sagt mein Vater, wenn du mal gut Ski fahren kannst, dann darfst du auch mit der Gondel auf den Berg fahren.
Wenn es sehr viel schneit, sind die Löcher, die ich am Tag zuvor in den Schneeberg vor dem Balkon gesprungen habe, am Morgen schon wieder verschwunden. Wenn es so viel schneit, dann hat der Skikindergarten geschlossen und meine Mutter noch weniger Lust, nach oben auf den Berg zu fahren. Dann fährt mein Vater allein nach oben auf den Berg. Bevor er geht, sagt er: Einer muss ja wenigstens den Skipass abfahren. Meine Mutter sagt nichts. Mein Vater guckt meine Mutter beleidigt an, aber ich weiß, dass er das nicht spielt, weil mein Vater kein guter Schauspieler ist. Er ist auch kein schlechter Schauspieler, mein Vater würde niemals schauspielern.
Mein Vater fährt allein auf den Berg mit der Gondel. Er kann vielleicht die Hand vor Augen nicht sehen, aber er fährt so gut Ski, dass er trotzdem Ski fahren kann.
Unten bei uns im Tal schneit es so stark, dass man die Türen im Chalet nicht aufmachen darf, weil es sonst ins Chalet hereinschneien würde. Weil man die Türen nicht aufmachen darf, kann ich nicht die Treppe hochrennen, auf das Geländer des Balkons im ersten Stock klettern und in den Schnee springen. Ich renne trotzdem die Treppe hinauf, und weil ich nicht vom Balkongeländer springen kann, renne ich die Treppe wieder hinunter. Komm, wir gehen ins Schwimmbad, sagt meine Mutter zu meiner Großmutter, da kann sich der Junge austoben.
Als wir ins Schwimmbad kommen, ist es dort viel wärmer als draußen. Die Luft riecht auch ganz anders als andere Luft. Am Ausgang der Umkleide halten meine Mutter und meine Großmutter ihre Füße unter eine kleine Dusche. Meine Mutter stellt meinen Bruder vor die kleine Dusche und hält zuerst einen seiner Füße und dann den anderen unter die Dusche. Jetzt du, sagt meine Mutter. Ich strecke einen Fuß aus, meine Mutter drückt auf einen Knopf über der Dusche und auf meinen Fuß stechen lauter kleine Nadeln ein, die aber nicht richtig wehtun. Es kitzelt ein bisschen, aber nicht so, dass ich lachen müsste. Jetzt den anderen, sagt meine Mutter, und ich strecke den anderen Fuß vor.
Wir gehen zum Planschbecken, sagt meine Mutter zu meiner Großmutter, meinem Bruder und mir.
Meine Bruder und ich können noch nicht schwimmen, obwohl wir im vergangenen Jahr am Meer waren, in Jugoslawien. Wir sind zum Strand gegangen, und mein Vater hat mir einen Schwimmflügel auf den einen Arm und einen Schwimmflügel auf den anderen Arm geschoben. Dann hat er zuerst den einen Schwimmflügel und dann den anderen aufgepustet, bis der Schwimmflügel ganz fest auf meinem Arm saß. Dann durfte ich zum Wasser gehen. Mein Bruder hat keine Schwimmflügel bekommen, mein Bruder durfte nicht ans Wasser, er konnte da noch nicht mal laufen.
Das Planschbecken ist flach. Mein Bruder kann stehen im Planschbecken, wenn ihn meine Mutter an den Händen hält. Manchmal lässt meine Mutter die Hände meines Bruders los, dann hebt er seine Arme, und wenn dann jemand spritzt und er sich erschrickt, dann wackelt er, aber er fällt nicht um, weil meine Mutter ihn unter den Armen fasst und festhält.
Die Wände des Schwimmbads bestehen fast nur aus Fenstern. Die Fenster sind alle beschlagen, sind nicht mehr durchsichtig, sondern irgendwie grau. Ab und zu läuft ein Tropfen von oben nach unten über das beschlagene Fenster, das sieht dann aus, als würde ich meinen Finger durchs Graue ziehen. Wenn man mit der flachen Hand ein kleines Guckloch in die Scheibe wischt, kann man durch die Fenster gucken, um zu sehen, wie hoch der Schnee draußen liegt. Wenn man die Hand lange auf die Fensterscheibe legt, wird sie ganz kalt. Wenn man die Hand zu lange auf die Fensterscheibe legen würde, denke ich, würde sie festfrieren, aber das will ich lieber nicht ausprobieren.
Der Unfall war, so lebendig ich ihn auch erinnere, in meiner Familie nie mehr als ein kurzer Erinnerungssatz ohne Einzelheiten. Der Martin, der wäre, als er klein war, ja beinahe mal ertrunken. Niemand hat gesagt: Zum Glück ist das ja nicht passiert. Irgendwann verschwand selbst diese dürre Erinnerung aus der kargen Familienfolklore. Ich weiß nicht, wie der kleine Martin damals zum tiefen Becken gekommen ist. Ich weiß auch nicht, warum ich zum tiefen Becken gegangen bin. Was hat der Bademeister gesagt, hat er mit mir geschimpft? War meine Mutter wütend, oder hat sie sich Vorwürfe gemacht? Wie hat mein Vater reagiert, hatte er Sorgen um seinen Sohn? Alles weg. Oder vielleicht auch nie da gewesen.
Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht habe ich auch nicht gefragt. Es ist nicht einfach, Antworten zu bekommen in meiner Familie. Wahrscheinlich habe ich erst gar nicht gefragt. Ganz bestimmt habe ich nicht gefragt. Die Antworten hätten mir womöglich nicht gefallen. Weil in den Antworten vielleicht kein Schnee, der bis zum Balkon reicht, vorgekommen wäre, keine Eisblumen hinter den beschlagenen Scheiben, keine ausgestreckte Hand, die durch die Wasserunterfläche sticht. Keine dramatische Rettung, kein Schritt ins Licht, kein Augenaufschlag ins Dasein. Kein erstes Bild, das es wert wäre, erinnert zu werden. Kein besonderer Beginn für ein hoffentlich bedeutsames Leben.
Später, Jahre später, werde ich immer wieder denselben Albtraum träumen. Alles ist weiß in meinem Albtraum, aber das Schwarze droht das Weiße zu verschlucken. Das Schwarze wölbt sich schleimig über das Weiße, aber eigentlich hat es keine Konsistenz. Das Weiße wird immer weniger, aber bevor es ganz verschwindet, wache ich auf. Ich bin stolz auf diesen Albtraum. Niemand sonst, denke ich, träumt so einen abstrakten Albtraum.
Vielleicht, denke ich, ist der Albtraum auch eine unbewusste Erinnerung an dieses erste Bild, mit dem mein Leben beginnt. Es ist, denke ich, der Beweis, dass ich damals im Winterurlaub in Klosters im Schwimmbad wenn auch nicht beinahe ertrunken, so doch zumindest einmal kurz untergegangen bin und sich die Wasserunterfläche über mir für einen Augenblick tatsächlich geschlossen hatte. Es wäre der Beweis dafür, dass mein Leben mit einer dramatischen Geste begann.
Nach zwei Wochen war der Skiurlaub in Klosters zu Ende. Mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und ich sind mit dem Auto nach Hause gefahren. Großmutter ist mit dem Zug gefahren, weil sie nicht mehr ins Auto gepasst hätte, weil wir unser ganzes Gepäck einpacken mussten, und zwischen meinem Bruder und mir auf dem Rücksitz, dort, wo sonst auf dem Weg zur Talstation der Gondel meine Großmutter gesessen hatte, nun eine große Tasche stand.
Als wir wieder zu Hause waren, hat mein Vater beim Abendessen gesagt, ich sollte mal besser schwimmen lernen. Ein paar Tage später hat meine Mutter gesagt, sie habe sich erkundigt und ich würde ab nächster Woche einen Schwimmkurs machen. Dann hat mich meine Mutter jede Woche zum Schwimmkurs in ein Schwimmbad gefahren, bis ich schwimmen konnte. Ja, so war es wohl. Bestimmt war es so.
Ich bin fünf Jahre alt, und ich habe Schmerzen. Fürchterliche Schmerzen. Schmerzen, wie ich sie noch nie hatte. Ich liege gekrümmt auf der Couch im Wohnzimmer, drücke mein Gesicht in den weichen, synthetischen, grünen Plüsch und möchte schreien. Aber ich schreie nicht. Ich wimmere bloß. Ich drücke meine Hände in meinen Schoß, winde mich um die eigenen Fäuste, die Schmerzen lassen nicht nach. Ich strecke mich, drehe mich um mich selbst, vom Rücken auf den Bauch, vom Bauch auf den Rücken, die Schmerzen werden nur schlimmer.
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