Das Kanuhaus - Hatto Zeidler - E-Book

Das Kanuhaus E-Book

Hatto Zeidler

4,7

Beschreibung

In einem Bootsschuppen weit außerhalb der Stadt Eberbach am Neckar ist nach dem Krieg eine Familie untergekommen. Sie stammt aus Böhmen und ist mit ihrem Pferdefuhrwerk auf der Flucht von Saaz nach Pforzheim dort gestrandet. Die sechs Vertriebenenkinder fallen bei den pfälzisch sprechenden Eberbachern schon deshalb auf, weil sie anfangs den Dialekt nicht verstehen und sich selbst hochdeutsch ausdrücken. Aber auch sonst gibt es etliche Schwierigkeiten, mit denen die Familie bei ihrer Integration im Neckartal fertig werden muss. Hatto Zeidler berichtet in den teils heiteren, teils nachdenklichen Geschichten von den Schwierigkeiten, in der ungewohnten Umgebung zurechtzukommen. Seine Geschichten sind in leichtem Ton erzählt, zeigen aber auch deutlich die Probleme einer zugezogenen, mittellosen Großfamilie in einer badischen Kleinstadt. Sie entwerfen ein plastisches Bild der Nachkriegszeit. Ein Buch zu einem stets aktuellen Thema, auch zum Vorlesen und als Geschenk bestens geeignet.

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Seitenzahl: 324

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Hatto Zeidler

DASKANUHAUS

Erlebnisse einerFlüchtlingsfamilie

Dr. phil. Hatto Zeidler, geboren 1938, lebte bis 1945 in Saaz an der Eger (heute Žatec in Tschechien). Nach Kriegsende floh die Familie mit ihren fünf Kindern nach Westen. Die Flucht endete in Eberbach am Neckar. Hatto Zeidler studierte Pädagogik, Soziologie und Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg, anschließend arbeitete er als Lehrer. Von 1974 bis 2003 war er Dozent an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Heute ist er freischaffender Bildhauer und Autor und wohnt bei Maulbronn.

1. Auflage 2017

© 2017 by Silberburg-Verlag GmbH,

Schönbuchstraße 48, D-72074 Tübingen.

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Anette Wenzel, Tübingen,

unter Verwendung von Fotografien

aus dem Privatbesitz von Hatto Zeidler.

Lektorat: Gertrud Menczel, Böblingen.

Bildnachweis: Stadtarchiv Eberbach: S. 153;

alle anderen Fotos stammen aus dem Privatbesitz

der Familie Zeidler (Autor und Geschwister).

Druck: Gulde-Druck, Tübingen.

Printed in Germany.

E-Book im EPUB-Format: ISBN 978-3-8425-1764-6

E-Book im PDF-Format: ISBN 978-3-8425-1765-3

Gedrucktes Buch: ISBN 978-3-8425-2026-4

Besuchen Sie uns im Internet

und entdecken Sie die Vielfalt

unseres Verlagsprogramms:

www.silberburg.de

INHALT

I

Geschichtenaus Saaz

 

Ladung, Schlimme Kinder, Schweigen lernen, Das Päckchen, Einen Namen haben, Einkaufen lernen, Gefahrvolle Heimkehr und Flucht, Die Tüte Apfelsinen

II

Geschichtenaus der Zeit im Kanuhaus

 

Zwingenberg, Schnitzmesser, Chess games, Bouchala, Sprechen lernen, Wasser, Die Sache mit den Graupen, Schnucki, Der Halbkreis, Nächtens, Unruhige Nacht, Der Göck, Der Rauberger, Die Sache mit dem Rothaarigen, Esskastanien, Frau Wybert, Nüsse, Hungerzeiten, Fische, Unser täglich Brot, Grüßen lernen, Interruption, Laubsägezeit, Schwimmen lernen, Klavierspielen lernen, Lesen lernen, Der Brief, Reinlichkeit, Wullewatz, Über die Neckarbrücke

III

Geschichtenvom neuen Haus

 

Der Platz an der Sonne, Die Sache mit dem Kürbis, Der Kammriese, der Ristriese und der Mann aus der Fremde, Båchns Kniadl, Die beiden Großväter und der »Vogel des Jahres« 2002, Huulzscheitla, Die Integration, Kurzer Kürbisbericht, Stille Nacht, Schlagraum, Schlittschuhfahren, So eine Art Passion, Skifahren lernen, Schrauben lernen, Rudern lernen, Werfen lernen, Flüchtlingstauben, Mohrenköpfchen, Die Sache mit den Marzipankartoffeln, Mistelzweig und Sternenflimmern, Cadillac

I

GESCHICHTEN AUS SAAZ

Im Sommer 1939, ich war noch kein Jahr alt, sind wir von Wien nach Saaz in Böhmen gezogen und haben dort bis zum 8. Mai 1945 gewohnt. An diesem Tag begann die Flucht nach Westen. Aus jener Zeit sind mir noch Erlebnisse deutlich in Erinnerung an eine Kindheit, auf die immer häufiger die Schatten des Zweiten Weltkriegs fielen.

Ladung

Im Kriegswinter 1943 muss es gewesen sein. Wir haben damals in Saaz an der Eger gewohnt. Die Mutter war mit uns Kindern nach Ladung in den Winterurlaub gefahren. Ich war noch nicht in der Schule.

Ladung war ein winziges Dorf auf dem Kamm des Erzgebirges. Wir sind mit der Bahn nach Komotau gefahren und weiter nach Görkau und danach mit einem Omnibus immer weiter in den Schnee hinein, denn es gab ungeheuer viel Schnee damals. Sogar in Saaz war schon viel Schnee gewesen, aber je weiter wir ins Erzgebirge kamen, umso mehr Schnee lag überall.

Der Vater war nicht mitgefahren, denn der war im Krieg. Am Schwarzen Meer war er. In Noworossijsk.

Was sollte er denn da?

Die Mutter wusste es nicht.

Wir wohnten also eine Zeit lang beim Herrn Richter. Der Herr Richter war der Bürgermeister von Ladung. Er hatte einen Bauernhof. Das war ein großes Haus mit einem Kuhstall nebenan. Das Haus war ganz anders als unser Stadthaus in Saaz. Es war ja auch ein Bauernhaus.

Herr Richter hatte um das Haus herum einen schmalen Weg aus dem Schnee herausgeschaufelt, sodass man ums Haus herumgehen konnte und damit man zum Stall hinüberkonnte, denn der Schnee reichte bis hinauf zur Dachrinne.

Für den Herrn Richter gab es viel Arbeit, denn die Kühe haben ja auch im Winter Hunger, wenn draußen überall hoher Schnee liegt. Sie haben jeden Tag Hunger und das Kühefüttern macht Arbeit, das Melken und das Ausmisten erst recht. Damals hatten sie noch nicht die heutigen Kurzställe mit Wasserspülung. Da standen die Kühe noch auf Stroh und es sah gemütlich aus, wenn sie sich auf das saubere Stroh legten.

Im Stall war ein Mann, der half dem Herrn Richter. Wenn er sprach, konnten wir kein Wort verstehen. Der Mann versorgte die Kühe.

Warum spricht der so komisch, dass wir ihn nicht verstehen können, fragten wir die Mutter.

Die sagte, das sei ein Gefangener, ein Russe, den die deutschen Soldaten gefangen hätten, und der müsste jetzt beim Herrn Richter im Stall arbeiten, weil der Sohn vom Herrn Richter im Krieg sei.

Aber wenn der Sohn vom Herrn Richter von den russischen Soldaten gefangen wird, sagten wir, dann muss er vielleicht dort beim Vater von unserem Gefangenen im Stall arbeiten.

Das kann schon sein, sagte die Mutter, aber so sei das eben im Krieg.

Hätten denn die beiden Söhne nicht lieber gleich zu Hause bleiben können und jeder bei seinem eigenen Vater im Stall arbeiten, wollten wir wissen, das wäre doch viel einfacher.

Nein, das geht nicht, sagte die Mutter, das versteht ihr noch nicht, Kinder.

Und weil so viel Schnee lag, dass man nirgendwo hinkonnte in Ladung, waren wir Kinder jeden Tag im Bauernhaus oder im Stall. Da haben wir uns angefreundet mit dem russischen Gefangenen, denn der war sehr freundlich zu uns Kindern.

Einmal hatte er gerade den ganzen Stall ausgemistet und überall neues, sauberes Stroh ausgebreitet, da machte eine der Kühe Anstalten, ihren Kuhdreck auf das frische Stroh fallen zu lassen, und da tat der Russe etwas, wofür wir ihn bewunderten, aber worüber wir auch sehr lachten, mein großer Bruder und ich: Er breitete die Hand flach aus, hielt der Kuh den Hintern zu und rief laut etwas in den Stall, das wir nicht verstanden – und wirklich: Das Stroh blieb sauber.

Fürs Erste.

Dann aber hat der Russe etwas gemacht, wofür wir ihn ins Herz geschlossen haben, mein Bruder und ich: Er schnitzte uns ein sehr eigentümliches Spielzeug, ein Pferd mit angehängtem Wagen. Das war unser größter Schatz, aber leider haben wir ihn zurücklassen müssen in Saaz, als wir am 8. Mai 1945 als Flüchtlinge Saaz verließen im Pferdewagen Richtung Pforzheim.

Seitdem habe ich nie wieder dieses russische Kinderspielzeug gesehen, hatte es längst vergessen, bis ich es in Moskau wiedergesehen habe, in einer Vitrine im Volkskundemuseum.

Da habe ich es sofort als unser Ladunger Spielzeug wiedererkannt, das der gefangene russische Mann für uns Kinder geschnitzt hatte. Das war eben so ein Spielzeug, wie es alle Russen kennen.

Und so will ich ihm hier einen imaginären Dank abstatten, der ihn bestimmt nie erreichen wird, auch wenn er noch leben sollte, im Kaukasus vielleicht, wo die Menschen so alt werden wie sonst nirgendwo auf der Welt.

Schlimme Kinder

Anfänglich war ich kein schlimmes Kind. Das heißt, ich bin nicht von vornherein als schlimmes Kind auf die Welt gekommen. Aber dann, damals im schönen Saaz, ich war noch nicht einmal in der Schule, vollzog sich der Wandel.

Schuld an der Verwandlung vom guten zum schlimmen Kind war mein älterer Bruder, der schon ein stolzer ABC-Schütze war, während ich noch mit meinem Kinderdreirad um das Haus herumfuhr. Runde für Runde.

An der Südseite des Hauses standen dicht an der Wand die schönen Spalierbäume des Großvaters, Birnbäume, kunstvoll gezogen und aufs Sorgsamste gepflegt.

Auf jeder meiner Dreiradrunden kam ich natürlich auch an den Spalierbäumen mit den noch grünen Birnen vorbei, aber niemals wäre ich auf die geniale Idee gekommen, auf die mein Bruder mit Leichtigkeit kam.

Allzu gerne hätten wir uns eine Birne abgepflückt, aber das war nicht möglich, weil der Großvater den Diebstahl sofort bemerkt hätte auf seiner abendlichen Runde um das Haus, denn er schien jede einzelne von ihnen zu kennen, sprach auch halblaut mit den Bäumen, wie uns schien, aber vielleicht zählte er auch nur die Birnen und wir verstanden das Plattdeutsch nicht, das er dabei gebrauchte.

»Schlimme Kinder«.

Dann teilte mir mein Bruder seine Idee mit: Er schlug vor, die Birnen von der Rückseite her abzunagen, sie aber hängen zu lassen, dann würde der Großvater die Untat nicht bemerken, wenn er von der Arbeit im Landratsamt zurückgekehrt war und seine abendliche Runde drehte. Ich war begeistert, und wir machten uns sofort an die Arbeit.

Die Birnen schmeckten schon ziemlich süß und ließen sich auch gut abnagen mit unseren spitzen Kinderzähnchen. Man musste sie nur gut festhalten während des Nagens, damit sie nicht etwa abrissen. Wenn wir eine Birne bis zum Kernhaus hin hohlgenagt hatten, kam die nächste an die Reihe, und als wir die höher hängenden nicht mehr erreichen konnten, stiegen wir auf mein Kinderdreirad. Mit der Zeit hatten wir auf diese Weise sämtliche Birnen von hinten her abgefressen.

Der schwarze Tag kam mit der Ernte. Als der Großvater seine Schützlinge abnehmen wollte, um sie in die bereitgestellten und mit feinem Papier ausgelegten Kisten sorgsam einzusortieren, damit sie ja keine Druckstellen bekämen und im Keller ungehindert zu Ende reifen konnten, bis sie goldgelb und butterweich geworden waren, um dann, vor Weihnachten, Stück für Stück auf den sonntäglichen Tisch zu kommen als ganz besondere Leckerbissen in jener kargen Zeit der Lebensmittelkarten – als er sie vorsichtig umfasste, da griff er um die Birnen herum ins Leere.

Wir hatten uns im oberen Stockwerk des Hauses versteckt, waren unter die Betten gekrochen und verhielten uns mucksmäuschenstill. Da hörten wir von unten herauf das ungeheure Gebrüll, dessen Worte wir nicht verstanden, weil der Großvater auf Plattdeutsch brüllte, dass alles erzitterte. Nachdem er uns unten nicht fand, suchte er uns im Garten und im Gartenhäuschen und dabei verrauchte sein erster Zorn.

Als es unten wieder ruhig war, trauten wir uns hervor. Der Großvater ergriff uns sofort an den Ohren, er war ja der einzige Mann in der Familie und für unsere Erziehung zuständig, weil der Vater im Krieg war, und brachte uns laut und bedrohlich schimpfend in den Keller, schloss den Lattenverschlag auf, den einzigen verschließbaren Raum im Keller, und sperrte uns ein.

Es war dunkel im Keller. Nur durch einen kleinen Lichtschacht drang etwas Tageslicht in unser Gefängnis. Aber Angst hatten wir nicht, der Großvater würde uns schon wieder herausholen und freilassen, wenn wir unsere Strafe abgesessen hätten, vielleicht schon vor dem Abendessen, dachten wir.

In dieser schwierigen Situation kam mein Bruder wiederum mit Leichtigkeit auf eine Idee, auf die ich nie gekommen wäre: Als sich nämlich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er die Gunst der Stunde und entdeckte in den Regalen die Gläser mit dem eingemachten Stachelbeerkompott. In seinem Zorn hatte uns der Großvater in dem sonst immer verschlossenen Vorratskeller eingesperrt.

Der Bruder zeigte mir, wie man an der herausstehenden Gummilasche des Gummirings der Einmachgläser ziehen musste, um sie aufzubekommen. Ich musste zwar mit aller Kraft ziehen, aber zuletzt zischte dann die Luft in das Glas und es ließ sich ganz leicht öffnen. Jeder von uns aß ein ganzes Glas des köstlichen Stachelbeerkompotts, das es sonst nur zum sonntäglichen Nachtisch in kleinen, genau zugeteilten Portionen gab, und wir fühlten uns wie im Schlaraffenland, von dem unsere Mutter uns vorgelesen hatte. Die leergegessenen Gläser versteckten wir hinter der Kartoffelkiste.

Als es draußen ganz dunkel war, kam der Großvater herunter und ließ uns frei. Er sagte etwas auf Plattdeutsch von einer »gerechten Strafe« und »nie wieder«, aber da waren wir schon oben im Haus.

»Warum esst ihr denn nichts zum Abendbrot?«, fragte die Mutter voller Besorgnis.

»Das ist schon gut so«, sagte der Großvater zufrieden, »denen ist die Strafe auf den Magen geschlagen.«

Schweigen lernen

Damals in Saaz ist es gewesen. Damals, im Sommer 1944. Ich war fünf Jahre alt und noch nicht in der Schule, aber ich erinnere mich genau.

Die Tür zum Zimmer meines Großvaters war nicht fest zugezogen wie sonst immer, sondern stand einen Spalt breit offen. Etwas Seltsames war es, was mich in das Zimmer hineinzog, das wir Kinder sonst nie betraten. Ich steckte den Kopf durch die Tür und erblickte etwas, was mich in größtes Erstaunen versetzte: Der Großvater saß auf dem Stuhl vor seinem Tisch, aber er war nicht zu sehen. Ich sah nur seine Füße mit den Hauspantoffeln. Alles andere war unter einer dicken Wolldecke versteckt, die der Großvater über sich geworfen hatte, und darunter war er verschwunden. Das Seltsamste aber war für mich, dass eine leise, helle Stimme mit dem Großvater sprach, während er kein Wort sagte. Es musste auch eine ganz winzige Person sein, denn man sah ja deutlich die Konturen des Großvaters, aber nicht die des zweiten Menschen, der leise mit dem Großvater sprach.

Ohne einen Laut von mir zu geben, ging ich wieder aus dem Zimmer hinaus und berichtete meiner Mutter den Vorfall. Sie machte große Augen, wurde sehr ernst und sagte zu mir, ich dürfe auf keinen Fall mit irgendeinem fremden Menschen über meine Beobachtung reden. Wenn ich das täte, sagte sie, dann kämen fremde Männer von der Hitlerpartei und würden den Großvater mitnehmen und wir sähen ihn nie wieder. Das Wort »Partei« kannte ich damals noch nicht, aber es hat für mich seit jener Zeit etwas unangenehm Beängstigendes, weil eben die fremden Männer von der Partei meinen geliebten Großvater bedrohen konnten.

Sie erklärte mir, dass der Großvater etwas täte, was bei hoher Strafe verboten sei, und die Stimme, die ich gehört hätte, sei kein Mensch, die hätte mit Großvaters Radiobastelei zu tun.

Das Wort »Feindsender« hat die Mutter nicht gebraucht, denn ich hätte es damals ja auch nicht verstanden.

Ich bekam einen Riesenschreck, weil ich mir ausmalte, wie fremde Männer von der Hitlerpartei in unser Haus eindrängen und unseren über alles geliebten Großvater abholten und wie sie ihn vielleicht schlagen würden, mit Peitschen, wie die Mutter gesagt hatte, und wie er eingesperrt werden würde bei Wasser und Brot, jahrelang womöglich – oder noch Schlimmeres würde ihm passieren!

Es war mir auch völlig unverständlich, was Verbotenes dabei sein sollte, dass der Großvater eine fremde Stimme hörte, aber ich habe die Sache nicht weiter hinterfragt, sondern mich an die Verhaltensregeln der Mutter gehalten und bis zum heutigen Tag niemandem davon erzählt.

Als wir dann aus Saaz wegfuhren mit dem Pferdewagen, am 8. Mai 1945, Richtung Egerland, blieben der Großvater und die Großmutter winkend am Tor zurück. Sie blieben zurück, um auf das Haus in Saaz aufzupassen, denn ein Haus mit allen Sachen darin kann man ja nicht allein zurücklassen. Das leuchtete uns Kindern ein.

Als wir nach Jahren wieder etwas von unserem geliebten Großvater hörten, da hieß es, dass tschechische Männer gekommen seien und hätten ihn abgeholt und geschlagen und getreten und er hätte mit allen anderen deutschen alten Männern aus Saaz nach Postelberg gehen müssen auf der Landstraße, und wer nicht mehr weitergekonnt hätte, der sei am Straßengraben erschossen worden von den tschechischen Männern. Mit Genickschuss. Und als wir ihn dann endlich auch wiedersahen, den Großvater, da war er für uns kaum wiederzuerkennen. Klapperdürr war er geworden, hatte keine Zähne mehr und er ging ganz krumm.

Weihnachten 1944. Meistens Fliegeralarm.

»Weshalb geht der Großvater so krumm?«, fragte ich die Mutter. »Sein Steißbein ist gebrochen«, sagte sie, »die fremden Männer haben es ihm mit ihren Stiefeln abgetreten und sie haben ihm auch die Zähne eingeschlagen. Aber sind wir froh darüber, dass wir ihn wiederhaben und dass er mit dem Leben davongekommen ist. Sprich also nicht davon!«

Das Päckchen

In Saaz, damals 1943, als ich noch nicht zur Schule ging, noch längst nicht zur Schule ging, da war immer wieder die Rede von einem Mann, der »Vater« genannt wurde.

Das sei unser Vater, aber er habe in den Krieg gemusst und irgendwann würde er schon wiederkommen nach Saaz, wenn der Krieg aus sei.

Wir Kinder kannten diesen Mann nicht, von dem immer wieder als »Vater« die Rede war. Er gehörte nicht zur Familie, denn er war ja auch nie da.

Der Großvater, der war jeden Tag da, wenn er von der Arbeit kam. Der gehörte zur Familie. Und die Großmutter, die ihm das Essen bereitete, die war auch jeden Tag da. Die gehörte auch zur Familie.

Aber der »Vater« nicht. Den kannten wir ja nicht. Der spielte keine Rolle bei uns Kindern in Saaz. Der war nicht da.

Aber dann, 1943 muss es gewesen sein, da bekamen wir ein Päckchen, nicht groß, in grauem Papier verpackt und mit einer Schnur außen herum.

Wir Kinder hatten noch nie ein Päckchen gesehen, denn die Familie hatte noch nie eines bekommen.

Die Mutter las, was auf dem Päckchen stand, und sagte dann bedeutungsvoll, das Päckchen sei vom »Vater«, er habe es aus Russland geschickt, aus Russland, wo er im Krieg war als Soldat.

Vorsichtig knotete sie die Schnur auf, die könne man wieder brauchen, sagte sie, legte sie sorgsam beiseite und entfernte dann die äußere Papierhülle.

Zum Vorschein kam eine Schachtel aus grauer Pappe und in dieser verbarg sich nun, was uns der Vater aus dem Krieg geschickt hatte.

Wie gebannt schauten wir alle zu, als die Mutter die Schachtel öffnete.

Obenauf lagen zwei längliche Rollen aus leichtem Papier, in die etwas eingewickelt war. Auf der einen Rolle war der Name meines älteren Bruders geschrieben, auf der anderen mein Name, den mir die Mutter vorlas, weil ich ja noch nicht lesen konnte.

Vorsichtig packten wir die Papierrollen aus und zum Vorschein kamen zwei große, tote Heuschrecken, jede aus ihrer Papierrolle.

Es war eine Riesenüberraschung, denn die Heuschrecken waren viel größer als die kleinen, die wir aus unserem Garten kannten und die so schwer zu fangen waren für uns Kinder, ja, die wir sozusagen überhaupt nicht erwischten. Und da dachte ich, was doch unser Vater im fernen Russland für ein geschickter und flinker Mann sein musste, dass er diese riesengroßen Heuschrecken hatte fangen können. Er hatte sie sogar ausgestopft mit Papierkrümeln und mit Moos und auf unsere Fragen sagte die Mutter, die Soldaten hätten im Krieg manchmal viel Zeit und sie müssten oft auf irgendetwas warten und da könnten sie auch einmal Heuschrecken ausstopfen.

Und dann dachte ich wieder an diesen fremden Mann, der für uns zwei große Heuschrecken gefangen hatte, und er hatte sie ausgestopft, und dass er sie zu uns nach Saaz geschickt hatte, weil er an uns dachte, sogar in Russland, und was wir vielleicht für eine Freude haben könnten, mein größerer Bruder und ich, an den ausgestopften Heuschrecken.

Die toten Heuschrecken hatten eine schwärzlich-braune Farbe, die langen Fühler hatte der Vater ihnen an den Körper angelegt, damit sie nicht abbrächen, und ganz deutlich kann ich mich an die kantigen Köpfe der Heuschrecken erinnern, an die großen, toten Glotzaugen, an die gewaltigen Kieferzangen und an die großen Sprungbeine, mit denen sie ihre weiten Sprünge machen konnten, viel weiter als unsere heimischen kleinen Heuschrecken, die ja aber auch schon so weit springen konnten.

Die russischen Heuschrecken hatten sogar Flügel, aber die waren angelegt und nicht ausgebreitet und die Mutter sagte uns, dass sie damit kilometerweit fliegen könnten. Wir sollten aber die Flügel der toten Heuschrecken nicht aufklappen, sonst brächen sie womöglich ab.

Nun muss man aber sagen, dass die Heuschrecken ziemlich merkwürdig gerochen haben, unangenehm könnte man fast sagen oder vielleicht auch geheimnisvoll, und die Großmutter sagte: »Die stinken!«

Aber mochten sie nun riechen, wie sie wollten, die Heuschrecken waren ein Schatz und wir waren stolz, mein großer Bruder und ich, auf unsere ausgestopften Heuschrecken aus Russland.

So klein ich damals auch noch war, so besaß ich doch schon eine Art Schatztruhe, also, genauer gesagt, es war eine Schublade in einem Nachttischchen, das im Flur stand. Die Mutter hatte mir die Schublade zugedacht und darin sammelte ich meine Schätze: Bunte Kieselsteine, ein Stück Draht, Schneckenhäuser aus dem Garten, ein rotes Glas von einem Fahrradrücklicht, das einen wundervollen roten Schein erzeugte, wenn man es vors Auge hielt, und eine kleine, leere, dunkelblaue Blechdose, auf der etwas mit weißer Schrift stand, was ich damals nicht lesen konnte. Heute weiß ich, dass es das Wort »Nivea« war, und diese Dose, das war ja das Geheimnisvolle und Besondere, roch so seltsam angenehm, wenn man sie öffnete. Jeden Tag habe ich die Schublade immer wieder aufgezogen, die Dose herausgenommen, sie geöffnet und mich an dem Duft erfreut. Es war der letzte Rest einer weißen Creme, die den Duft verströmte, und als ich die Großmutter eines Tages daran riechen ließ, sagte sie: »Pfui, dat riecht ja ranzig!«

Das Wort »ranzig« kannte ich nicht, aber so, wie es die Großmutter sagte, konnte es nichts Gutes bedeuten. Ich war dennoch weiterhin von dem Duft in meiner Schatzkiste begeistert.

In diese Schublade legte ich nun als Prunkstück die ausgestopfte russische Heuschrecke. So konnte ich abwechselnd an der ranzigen Creme und an der Heuschrecke riechen, und was das Sonderbare dabei ist: Beide Düfte sind mir bis heute unvergesslich geblieben.

Bleibt noch zu sagen, dass in dem Päckchen auch noch ein Stück Schokolade war, Blockschokolade, wie die Mutter sagte, aber die war ganz weiß ausgeblüht, weil sie auf dem weiten Weg von Russland nach Saaz ein paar Mal warm geworden sein musste, wie die Großmutter sagte. Aber zum Kochen könne man sie noch gut nehmen, und sie musste es ja wissen, denn als junge Frau hatte sie in der Schokoladenfabrik Feodora in Tangermünde gearbeitet.

»Bekommt man im Krieg Schokolade?«, fragte ich die Mutter, denn bei uns in Saaz gab es keine, und da sagte sie, die Soldaten bekämen manchmal eine »Ration« und seine Ration, die hätte der Vater zu uns nach Saaz geschickt, anstatt sie selbst zu essen.

Da war ich wieder voll von Bewunderung und Dankbarkeit für den unbekannten Mann, der uns aus Russland die herrlichen Heuschrecken und die Ration Schokolade geschickt hatte.

Am 7. Mai 1945 kam der Vater auf völlig rätselhafte Weise aus dem Krieg zu uns nach Saaz zurück. Er besorgte dann sofort einen Pferdewagen mit zwei Pferden. Der wurde noch am gleichen Abend gepackt.

Am Morgen des 8. Mai, als der Vater die Mutter und uns fünf Kinder zur Flucht aus Saaz auf den Wagen aufsteigen hieß, da blieben auch meine Schätze im Haus zurück, die Kieselsteine, der Draht, die rote Glasscherbe und die Niveadose. Nur die Heuschrecke hielt ich in der Hand, als ich auf den Wagen aufstieg. Das war der größte Schatz. Aber irgendwann muss ich auf dem Wagen eingeschlafen sein und die Heuschrecke muss mir aus der Hand gefallen sein, denn als ich erwachte, war die Heuschrecke weg und war nicht mehr aufzufinden, so sehr ich auch nach ihr suchte. Und damit war auch das letzte Stück aus meinem Kinderschatz verloren.

Nach Saaz sind wir nie wieder zurückgekommen, aber oft genug – wenn auch nur in Gedanken – ziehe ich im Saazer Flur die Schublade mit meinen Schätzen auf und denke, wie ich doch als Kind so reich gewesen bin.

Einen Namen haben

Dann, eines Tages – im Sommer 1944 muss es gewesen sein, denn ich war noch nicht in der Schule und nachts saßen wir fast regelmäßig im Luftschutzkeller – passierte etwas ganz Seltsames. Die Mutter sagte, wir müssten jetzt etwas auswendig lernen, nämlich unseren Namen und die Adresse unserer Wohnung, und das müssten wir hersagen können, mitten in der Nacht und wie aus der Pistole geschossen.

Und so erfuhr ich zu meiner Verwunderung, dass ich nicht nur Hatto hieß, sondern dass ich noch einen ganz anderen Namen hatte, nämlich »Zeidler«, und das kam mir schon seltsam vor, war ich doch bis dahin mit meinem Namen völlig zufrieden gewesen und hatte er ja auch für alles vollkommen ausgereicht.

Aber jetzt hieß ich auf einmal nicht mehr nur Hatto, sondern »Hatto Zeidler, wohnhaft in Saaz, Kudlichstraße einseinundzwanzig, neue Nummer fünfunddreißig, geboren am dreizehnten September neunzehnhundertachtunddreißig«.

Das musste ich dauernd vor mich hinsagen. Es war der erste Text, den ich auswendig konnte, damals, als ich noch nicht in der Schule war.

»Zeidler«, dieses Wort hatte ich noch nie gehört, aber jetzt sollte dieses fremde Wort auf einmal zu mir gehören, und zwar für immer. Ich musste mich mit diesem Wort anfreunden, ob ich wollte oder nicht.

Auch andere höchst seltsame Dinge erfuhr ich in diesen Tagen, denn auch die Mutter sagte, sie habe einen Namen, sie heiße Gertrud. »Gertrud«, das klang so völlig fremd in meinen Ohren. Ich konnte es kaum glauben, dass meine Mutter nun auch noch »Gertrud Zeidler« heißen sollte.

Aber nicht genug damit, auch der Großvater und die Großmutter, die zusammen mit meiner Mutter mir die liebsten Menschen überhaupt waren, veränderten sich in diesen Tagen nachhaltig, ja sogar meine Geschwister veränderten sich und letztlich veränderte auch ich mich selbst. Etwas Neues trat zwischen uns und es war fast wie eine Art Verwandlung, die in unserer Familie vor sich ging. Der Großvater hieß nicht mehr nur »Großvater«, sondern Wilhelm Benecke, die Großmutter hieß Therese Benecke, die Mutter Gertrud Zeidler und so schob sich zwischen unsere bis dahin direkte und unangetastete Liebe der Name wie etwas Fremdes, etwas Neues, etwas Ungewohntes, etwas, das eine Distanz schuf, denn der Großvater war ja nun nicht mehr nur der vertraute Großvater, sondern war auch noch der fremde Wilhelm Benecke.

Da war für mich als Fünfjährigen nun alles neu zu bedenken, denn auch mein älterer Bruder und meine jüngere Schwester mussten ihr Sprüchlein auswendig lernen, sie hießen ja nicht mehr einfach Ulf und Ingrid, sondern auch noch »Zeidler, wohnhaft in Saaz, Kudlichstraße einseinundzwanzig, neue Nummer fünfunddreißig«. Die beiden kleinsten Geschwister konnten noch nicht richtig sprechen, die jüngere Schwester tat sich schwer mit ihren zweieinhalb Jahren, und oft musste sie abgehört werden, bis sie das herausbrachte mit der »Kudlichstraße einseinundzwanzig, neue Nummer fünfunddreißig«.

Es fragte keines von uns Kindern, weshalb die Mutter uns unsere Namen und Adressen auswendig lernen ließ, ja wir mussten sogar lernen, dass unser Vater Josef hieß, und den kannten wir doch gar nicht, weil er im Krieg war.

Aber die Mutter sagte, es könne durchaus sein, dass wir als Familie getrennt würden, »auseinandergerissen« hat sie gesagt, und dann müsse jeder seinen Namen und seine Adresse wissen und auch die der nächsten Anverwandten. Und man müsse eben wissen, dass der Großvater nicht nur »Großvater« hieße, sondern eben »Wilhelm Benecke«.

Wir Kinder konnten uns zwar nicht vorstellen, wer uns auseinanderreißen sollte und warum denn auch, aber die Mutter verlangte es, war ganz unerbittlich, bestand darauf, und so konnte ich mitten in der Nacht, selbst wenn ich voller Angst im Luftschutzkeller saß, auf Kommando sagen: »Ich heiße Hatto Zeidler, wohnhaft in Saaz, Kudlichstraße einseinundzwanzig, neue Nummer fünfunddreißig, geboren am dreizehnten September neunzehnhundertachtunddreißig«.

Gebraucht haben wir unseren auswendig gelernten Text zum Glück nicht, aber ich kann ihn sogar heute noch, mitten in der Nacht und wie aus der Pistole geschossen.

Wie viele von den Adressen, unter denen ich schon gewohnt habe im Leben, sind vergessen, wie viele bringe ich nur mit langem Nachdenken wieder zustande, manche habe ich ganz vergessen. Nur die eine weiß ich jederzeit, und es ist ausgerechnet die, wo ich doch nicht mehr wohne seit dem 8. Mai 1945, dem Tag, als uns der Vater auf einem Pferdewagen hinausfuhr aus der »Kudlichstraße einseinundzwanzig, neue Nummer fünfunddreißig«, für immer hinausfuhr aus dem schönen Saaz, auf der Flucht in Richtung Westen.

In Saaz.

Einkaufen lernen

»Passt gut auf, wenn ihr über die Straße geht! Schaut links und rechts, dass kein Auto kommt. Bleibt nicht stehen mitten auf der Straße, sondern geht zügig hinüber auf die andere Seite und bleibt dann auf dem Gehweg!«

Das sagt man heute den Kindern, wenn sie in die Schule gehen oder wenn sie aus dem Haus gehen zu ihren Freunden und Spielkameraden.

Und das habe ich ja auch immer gesagt zu meinen Kindern. Wenn sie zum Beispiel ins Dorf hinuntergegangen sind zum Einkaufen, denn auf den Straßen ist es doch immer gefährlich wegen der Autos und den Fahrern oder Fahrerinnen, die viel zu schnell daherkommen.

Das war aber nicht immer so. Man kann sagen, dass es – geschichtlich gesehen – erst seit Kurzem so ist, also etwa seit 1970, als die Motorisierung aller Menschen angefangen hat.

Vorher waren die Straßen für die Kinder da und natürlich auch einmal für die Bauernwägen, die von Kühen oder Pferden gezogen wurden, und die waren nicht gefährlich für Kinder, die auf der Straße Fußball gespielt haben.

Ein Sozialraum sei die Straße früher gewesen, sagt man.

Ein Sozialraum für alle und besonders für die Kinder.

Als ich fünf Jahre alt war, da war mein großer Bruder schon sieben und er konnte bereits lesen und schreiben und zählen, und deshalb hat er auch schon kleinere Einkäufe in der näheren Umgebung des Hauses machen dürfen.

Zum Beispiel beim Kaufmann Hüttl.

Und ich habe mitgedurft, obwohl ich doch noch nicht einmal in der Schule war, aber zum Kaufmann Hüttl sind wir immer gerne gegangen, weil das so ein wunderbarer Laden war mit lauter geheimnisvollen Sachen in geheimnisvollen Behältern in hohen Regalen an den Wänden. Der Laden war ja nicht groß, also man könnte auch sagen, dass es ein kleiner Laden war, aber unbedingt muss man sagen, dass der Herr Hüttl sehr freundlich war, sogar zu uns Kindern. Und dabei haben wir keinen Großeinkauf gemacht, sondern kleine Besorgungen, und meistens haben wir ja nur Milch gekauft mit unserer Milchkanne.

Hierbei muss man bedenken, dass dies im Jahr 1944 gewesen ist, und damals hat es zum einen noch gar keine Autos gegeben und zum anderen hat die Verpackungsindustrie noch nicht alles beherrscht so wie heute, wo man alles und jedes in kleinen und fertig abgepackten Mengen eigenhändig aus dem Regal nehmen kann. Denn der Herr Hüttl hat keinen Selbstbedienungsladen gehabt, sondern er selbst hat alle Kunden bedient. Ist auch auf die Leiter gestiegen zu den oberen Schubladen, um dort etwas herauszuholen.

Die heutigen Selbstbedienungsläden und gar die Discounter auf der grünen Wiese hat es damals noch nicht gegeben. Die sind ja auch erst so ab dem Jahr 2000 überall auf den grünen Wiesen hingestellt worden, mit einem großen Parkplatz davor, weil man eben heute mit dem Auto zum Einkaufen fährt und nicht mehr zu Fuß in einen Laden geht.

Das war einmal, das mit dem Zufußgehen!

In Saaz hat es jedenfalls 1944 noch keinen einzigen Selbstbedienungsladen gegeben und einen Discounter schon lange nicht.

Wir sind aber immer sehr gerne zum Kaufmann Hüttl gegangen, nicht nur, weil er uns so freundlich angeredet hat, sondern er hat uns auch beim kleinsten Einkauf etwas zum Naschen gegeben, meistens ein kleines bisschen Sauerkraut auf einem Stückchen Papier. Das haben wir besonders gerne gegessen und alle anderen Kinder auch.

Die heutigen Selbstbedienungsläden haben aber trotzdem ihre Vorteile, das muss man ja zugeben, denn beim Kaufmann Hüttl hat es immer ziemlich lange gedauert, bis er ein Kilo Mehl aus dem großen Mehlsack in eine Papiertüte gefüllt hatte mit der kleinen Mehlschaufel, und dann hat er es ja auch noch abgewogen, und zwar mit so einer Waage, die zwei stehende Waagschalen hatte. Auf der einen Seite hat er das Gewicht draufgestellt und auf der anderen die Mehltüte. Aber er hat ziemlich genau gewusst, wie viel ein Kilo ist, und dann hat es doch nicht so lange gedauert. So eine Waage mit einem Zeiger hat er damals noch nicht gehabt und eine Waage mit elektronischem Display erst recht nicht. Also, da ist es schon ein Vorteil, wenn heute das Mehl fertig abgepackt im Regal steht und du kannst es selbst herausnehmen. Abgewogen ist es auch schon und alles andere ist ja auch schon abgepackt in kleinen handlichen Portionen, alles das, was der Herr Hüttl hinter seiner Theke für die Leute vor deren Augen abgepackt hat.

Und es war ja auch gut, dass es der Herr Hüttl gemacht hat, denn stell dir vor, vier eilige Hausfrauen schaufeln gleichzeitig aus einem großen Mehlsack Mehl in ihre kleinen Papiertüten. Da siehst du leicht ein, dass das nicht geht und dass es ein Vorteil war, wie es der Herr Hüttl gemacht hat.

Der war ein alter Herr und stand immer mit seinem weißen, sauberen Kittel hinter der Theke und hat uns durch seine Brillengläser freundlich angefunkelt.

Wenn wir ihm gesagt hatten, was wir einkaufen sollten, haben wir ihm die Lebensmittelkarten gegeben, und da hat er vor unseren Augen mit der Schere sehr geschickt herausgeschnitten, was wir wollten, und hat es in eine dreieckige Papiertüte gefüllt oder in eine viereckige, wenn die dreieckige zu klein war.

Sogar die Milch hat er eigenhändig für uns abgefüllt in unsere Milchkanne.

Es war nämlich in seinem kleinen Laden so eine Stelle, wo die große, schwere Milchkanne stand. Die konnte bestimmt nur von zwei starken Männern getragen werden, wenn sie voll war.

Und das muss man sich so vorstellen: Der Milchkäufer kommt mit seiner eigenen kleinen Milchkanne in den Laden vom Herrn Hüttl. Ohne Milchkanne kann er nämlich gar keine Milch kaufen.

Die Milchkannen waren entweder aus Aluminium oder aus emailliertem Eisenblech, blau oder weiß emailliert, und die meisten waren für zwei Liter Milch. Das war damals die normale Größe.

Dann stellt der Kunde seine Milchkanne auf die Theke.

Der Herr Hüttl hat über seiner großen Milchkanne an der Wand die Schöpfmaße hängen. Das sind zylindrische Gefäße aus Aluminium mit einem langen, gebogenen Griff. Das kleinste ist für einen Viertelliter, dann kommt das Halblitermaß und als letztes das Litermaß. Diese Schöpfmaße haben etwa die Form wie eine heutige Rotweinflasche, aber ohne den Ansatz mit dem Flaschenhals.

Dann füllt der Herr Hüttl die Milch in unsere Milchkanne, gibt uns jedem mit freundlichen Worten eine »Prise« Sauerkraut auf einem Stückchen Papier und wir gehen vergnügt mit der Milch nach Hause.

Die Großmutter wartet schon auf uns und hat auf dem Küchentisch ihre Zentrifuge angeschraubt. In die gießt sie die Milch hinein und dann dreht sie an der Kurbel und die Zentrifuge dreht sich sehr schnell. Dabei trennen sich die Sahneteilchen vom Rest der Milch. Die Sahne lässt sie extra in ein kleines Gefäß laufen, der Rest ist dann Magermilch.

Wenn die Großmutter nach ein paar Tagen genug Sahne gesammelt hat, stellt sie das hölzerne Butterfass auf den Küchenfußboden, füllt die Sahne hinein und dann geht das Butterstampfen los, das »Buttern«. Der Stößel hat an seinem unteren Ende einen durchlöcherten Holzteller und den muss man so lange auf- und abbewegen, bis die Butterklümpchen oben auf der Buttermilch schwimmen. Die Großmutter fischt die Butterklümpchen heraus und knetet daraus eine Butterstolle, also einen faustgroßen Klumpen aus Butter. Dann bekommt jeder, der beim Buttern mitgeholfen hat, ein Butterbrot als Belohnung.

Die Großmutter hat diese Art der Milchverarbeitung aber bestimmt aus ihrer Tangermünder Heimat mitgebracht, wo sie auf dem Land aufgewachsen ist. Ich glaube fast, dass das Zentrifugieren der Milch in den Saazer Stadthäusern eher unüblich war.

Dann, an einem Tag im Frühjahr 1945 ist es gewesen, der Schnee war aber schon weggetaut, hat sie uns wie üblich zum Milchholen geschickt zum Kaufmann Hüttl. Weit ist das ja wirklich nicht gewesen: Das Stück die schnurgerade Kudlichstraße entlang und dann rechts abbiegen in Richtung Stadtmitte.

Und dann hat die Mutter wie immer gesagt: »Passt auf, wenn ihr die Straße entlanggeht, dass keine Tiefflieger kommen. Wenn ihr einen hört, dann springt sofort in einen Vorgarten hinein oder in einen Hauseingang und werft euch flach auf den Boden!«

Aber das hat sie ja immer gesagt, die Mutter, schon seit meiner Einschulung im Herbst 1944 hat sie das gesagt, und dass ich auf dem Schulweg auf Tiefflieger aufpassen soll. Da haben wir uns zuerst nicht viel dabei gedacht, aber dann hat man immer mehr gehört von Tieffliegern, die Jagd auf Menschen machen, und man hatte auch gehört, dass ein Tiefflieger in einem Saazer Hopfenfeld drei Gymnasiasten aus Karlsbad erschossen hat, die dort bei der Hopfenernte geholfen haben.

Da hat man dann schon Angst gehabt.

Und als wir an diesem Tag im Frühjahr zurück sind vom Kaufmann Hüttl mit der vollen Milchkanne und waren vergnügt wie immer, da war auf einmal ganz plötzlich so etwas in der Luft hinter uns und mein Bruder schreit wie verrückt »Tiefflieger«, stößt mich in die Toreinfahrt und schon liegen wir dort auf der Erde und hinter uns auf der Kudlichstraße kracht es fürchterlich und es ist ein wahnsinniges Sausen in der Luft von den Splittern, die herumfliegen.

Dann ist der Flieger weg und wir rennen weinend nach Hause die paar Häuser weit.

Die Großmutter hat später die Milchkanne von der Straße geholt und die hatte ein langes Loch an der einen Seite und das blaue Email war überall abgesplittert.

Von diesem Tag an haben wir nicht mehr beim Kaufmann Hüttl einkaufen dürfen.

Gefahrvolle Heimkehr und Flucht

In Saaz hatten den Großvater die beiden unordentlichen Grasstreifen rechts und links entlang der Einfahrt in den Hof schon lange gestört. Nun machte er sich im Frühjahr 1945 an die Arbeit, grub alles um, harkte es glatt und säte neues Gras ein. So hatte er schon bald zwei makellose grüne Grasflächen, mit denen die mittlere Fahrspur gesäumt wurde. Wir Kinder durften Großvaters neu angelegte Grasflächen auf keinen Fall betreten. Das gäbe Abdrücke in der weichen Erde, sagte er, und so blieben wir auch immer schön auf dem mittleren Weg, denn Großvater war der Herr im Haus und er war die wandelnde preußische Ordnung. Die beiden neuen Grasstreifen waren seine erklärten Lieblinge. Vom Naturell her, das kann ich heute aus der Rückschau sagen, passte er nicht so richtig zu seinem böhmischen Schwiegersohn.

Dieser war 1945 mit einem Verwundetentransport von der Krim nach Wiener Neustadt gekommen, hatte an der Front eine Rückgratverletzung erlitten, und das sei sein Glück gewesen, sagte er, denn sonst wäre er nie und nimmer bis ins Lazarett von Wiener Neustadt zurückgekommen.

Halbwegs genesen bekam er einen Marschbefehl nach Elbekosterlitz – irgendwo in der Nähe Dresdens – zu einem Ersatzbataillon, um dort gegen die anrückende Rote Armee zu kämpfen. Um nach Elbekosterlitz zu kommen, musste er die ganze Tschechei von Süden nach Norden durchqueren, und zwar am 4. oder 5. Mai 1945. Die SS war noch überall und ebenso die Feldgendarmerie. Trotzdem wich er von der vorgeschriebenen Route ab und fuhr am 6. Mai über Prag nach Saaz und nicht nach Elbekosterlitz, um zu seiner Familie zu gelangen.

Das war genau genommen Fahnenflucht, und er wäre auch noch am 7. Mai, einen Tag vor der bedingungslosen Kapitulation, von der SS oder der Feldgendarmerie standrechtlich erschossen worden, hätte man ihn aufgegriffen. Am 7. Mai erschien er in Saaz. Das letzte Stück musste er wegen zerbombter Schienen zu Fuß zurücklegen. Seine Uniform hatte er unterwegs vergraben, ein Mann hatte ihm Zivilkleider gegeben.

Am Morgen des 8. Mai fuhr dann ein großer Bauernwagen rückwärts in unseren Hof. Zwei riesige Pferde waren eingespannt. Ein junger Mann von einem nahegelegenen Bauernhof wollte zusammen mit uns für 14 Tage ins Egerland ausweichen, bis sich die Lage in Saaz geklärt hätte, und hatte den Wagen zur Verfügung gestellt. So hatten wir nun einen Bauernwagen mit zwei Pferden und wir hatten auch einen Kutscher, denn mein Vater konnte damals kein Pferd anschirren und auch kein Pferdefuhrwerk fahren.