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Zwei Leichen, ein Serienmörder und nur noch sieben Tage Zeit. Hauptkommissar Harald Janus steht kurz vor seiner Pensionierung. Vierzig Jahre lang mordet der Karma-Killer schon im Ruhrgebiet. Öffentlichkeit und Presse feiern den Karma-Killer als modernen Helden, weil er Menschen ermordet, die es verdient haben und da weitermacht, wo die Polizei und die Justiz hilflos zusehen müssen. In Polizeikreisen geht das Gerücht herum, dass der Karma-Killer ein Polizist sein könnte, aber Ermittlungen in den eigenen Reihen sind heikel, deswegen ist niemand dieser Spur nachgegangen - bis die Zielfahnderin Julia Brandt in den Fall hineingezogen wird. Aber da ist es bereits zu spät - denn Janus verfolgt eigene Pläne mit dem Karma-Killer.
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2017
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KASPAR LUNT
DAS
KARMA
VERZEIHT
NICHTS
THRILLER
Verlagsgruppe HaWI
Orte und die Namen der handelnden Personen sind
zufällig ausgewählt.
1. Auflage
Copyright © der Originalausgabe 2016 by Kaspar Lunt
Copyright © der eBook-Ausgabe 2016
Copyright © der Taschenbuch-Ausgabe 2016
Umschlaggestaltung: HaWI
Layout/Bild: Pixabay
Lektorat: HaWI
ISBN e-Book: 978-3-7427-9269-3
ISBN Taschenbuch: 978-1520226675
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Kontakt & Info
www.kasparlunt.com
Für meine drei Mädels –
ich liebe euch.
INHALT
Prolog
Teil I: JANUS
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Teil II: FOLIE à DEUX
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Teil III: DAS ERSTE OPFER
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Epilog
Danksagungen
Social Media
An euch verachtenswerte Menschen,
Ihr, die das Leben in all seiner Vielfältigkeit und Individualität missachtet, Unwahrheiten und Illusionen predigt, für die eure Mitmenschen mit ihrem Leben bezahlen. Ihr zahlt meinen Preis für eure Unwissenheit, Einfältigkeit und Blindheit – ich werde euch finden und richten, mit dem Leben bezahlen lassen, das Ihr bei anderen so schändlich verleugnet, einfach nicht respektiert, als sei es nichts oder nur weniger wert.
Euer Ende wird der Anfang für eine bessere Welt sein…
Der Karma-Killer
29. März 2015
Deine Augen sehen die Welt anders.
Du fühlst es in dir, dieses Gefühl, das sich aufwärts frisst. Erst ist es nur eine Ahnung in deinen Eingeweiden, die sich langsam vom Magen aus in Richtung Mitgefühl vorkämpft. Auf dem Weg zu deinem Gewissen verwandelt sich diese Ahnung in einen Brechreiz, in puren Hass, der deinen Körper verlassen muss, weil du die Welt und die Gesellschaft, so wie du sie siehst, am liebsten wieder auskotzen möchtest.
Eine Welt mit lauter abstoßenden Menschen, die sich in ihrer unreflektierten Selbstgefälligkeit suhlen, dabei sind sie nichts weiter als die Nahrung des bulimiekranken Lebens, das sie wieder erbricht, sobald ihre erbärmliche Existenz zu Ende ist. Es wird sich nie etwas ändern, wenn du nichts unternimmst. Deinen Blick für die Abgründe der Menschheit trägst du schon dein ganzes Leben mit dir herum, leidest an einer besonders schlimmen Form von Gesellschafts-Brechsucht, siehst dich als gegenregulatorische Maßnahme, damit eine ungünstige Gesellschaftszunahme verhindert wird.
Du bist die letzte Bastion gegen diesen Abschaum, der dir tagtäglich als Verschwendung von Genmaterial auf der Straße begegnet. Heute wolltest du eigentlich nur einkaufen gehen, aber vor dir an der Kasse steht ein besonderes Exemplar von Genabfall, das dir keine Ruhe lässt.
Du siehst dem Mann tief in die Augen, merkst, wie deine Finger anfangen zu kribbeln, weil du das Geheimnis, das hinter seinen Pupillen lauert, sofort durchschaut hast.
Du lächelst diese Missgeburt freundlich an. Dieses überflüssige Exemplar der Gattung Mensch, ohne das die Welt ein Stück besser wäre. Am liebsten würdest du ihn gleich hier und jetzt umbringen, aber vor den Augen seiner Kinder tut man so etwas Schreckliches nicht, das weißt du besser als jeder andere.
Der Mann lächelt zurück, weil er nicht weiß, wie er deinen sezierenden Blick deuten soll. Seine sadistischen Augen lassen dir keine Ruhe – und da weißt du, dass du dein nächstes Opfer gefunden hast.
Du willst auf Nummer sicher gehen, aber die Gesichter seiner beiden Kinder nehmen dir deine letzten Zweifel. Du vergleichst die Familie dieser Missgeburt mit der Vorzeigefamilie, die vor ihnen in der Schlange steht und gerade bezahlt.
Von dem Glück, das du in dieser Familie beobachtest, ist in seiner Familie nichts zu sehen. Sein Sohn trägt ein Tuch um den Hals, die Würgemale sind nicht mehr gut zu erkennen, aber so oft wie du Menschen erwürgt hast, lässt du dich von der wahren Bedeutung dieser Flecken nicht täuschen.
Du bemerkst zu spät, dass du den Mann zu lange angesehen hast. Er wird misstrauisch und lässt dich nicht mehr aus den Augen. Es ist die Art von Chance, auf die sein Sohn gewartet hat. Ein paar Sekunden Freiheit von der Ungerechtigkeit des Lebens, das in einer Genlotterie die Schicksale ausknobelt. Sein Sohn nutzt das winzige Zeitfenster, das sich ihm bietet. Er ist wie gefesselt von der Vorzeigefamilie, weil er das Leben dieser normalen Menschen nicht versteht. Er beobachtet den blonden, gut gekleideten Jungen, der er hätte sein können, wenn er nicht das verschissene Pech hätte, er selbst zu sein.
Der Junge sieht dich kurz an, überprüft aber nur, ob sein Vater ihm ein paar weitere Sekunden Freiheit schenkt. Die Narben unter den Augenbrauen des Jungen erwecken dein Interesse. Diese Missgeburt ist nicht so dumm, wie sie aussieht, schlägt nur auf die Stellen am Körper seiner Kinder, die in der Schule die Aufmerksamkeit der Lehrer nicht erregen und zu unangenehmen Fragen führen würden.
Der Blick seines Vaters umgarnt dich wie ein Raubtier, wartet in Lauerstellung ab, bis der richtige Moment kommt, in dem die Beute einen dummen Fehler macht. Du weißt, dass du in Wahrheit das Raubtier bist, aber dir gefällt die Vorstellung, dass die Beute dieses Mal direkt in deinen Mund springt.
Du hältst seinem Blick stand, willst diesem armen Jungen seinen Moment nicht kaputt machen. Interessiert verschlingt der Junge jede Nuance der Bilderbuchfamilie, verfolgt, wie sein Ebenbild eines alternativen Lebens im letzten Moment einen Schokoriegel auf das Band wirft, obwohl sein Vater der Kassiererin schon das Geld gereicht hat.
Der Vorzeigevater lächelt seinen Sohn kurz an, tätschelt ihm die blonde Mähne und in seinem Blick ist so viel Liebe und Zuneigung, die der Sohn der Missgeburt nicht richtig einordnen kann. Er will auch dieses Gefühl spüren, das siehst du in seinen Augen, als er erneut überprüft, ob sein Vater dich noch anstarrt.
Es ist der Versuch eines Jungen, seine Sterne und sein Schicksal neu zu ordnen. Dieses Gefühl ist dir nicht fremd. Der Junge will sich eine neue Zukunft geben, fern ab der Niete, die er in der Schicksalslotterie gezogen hat und die ihm diese Missgeburt von Vater eingebrockt hat.
Du weißt, was jetzt kommt. Du siehst es an dem Blitzen in den Augen des Jungen. Sein Griff geht in Richtung Schokoriegel. Er legt einen der Riegel aufs Band, will dieses ihm fremde Gefühl spüren und ein bisschen davon festhalten, während die Vorzeigefamilie glücklich und zufrieden den Supermarkt verlässt und sich die Glastüren wie der Vorhang zu einer Utopie verschließen, von der noch ein Hauch in dem Jungen zurückbleibt.
Im Gegensatz zu seiner älteren Schwester – die ihren Bruder mit entsetzten Augen maßregelt und ihm signalisiert, er solle den Schokoriegel gefälligst wieder zurückpacken – hat der Junge seinen Traum von einem besseren Leben und einer besseren Familie noch nicht aufgegeben. Als seine Schwester den Schokoriegel vom Band nehmen will, hält der Junge demonstrativ seine Hände darüber. Nein, dieser Junge hat sich mit seinem Schicksal noch nicht abgefunden.
Die Parallelen zu deinem eigenen Leben machen dir für einen kurzen Moment Angst. Alte Gefühle fressen sich aus deinem Langzeitgedächtnis zurück in die Gegenwart, die deinen Blick für einen kurzen Augenblick schwach erscheinen lassen. Die Missgeburt fühlt sich als moralischer Sieger, das erkennst du an seinem triumphierenden Lächeln, während seine Augen kurz in Richtung seiner Kinder schnellen.
Ihm ist die Szene nicht entgangen, er sieht alles und weiß alles, ähnlich wie dein eigener Vater.
Die Mutter schaltet sich in den Streit ein, schaut ängstlich zu ihrem Mann und denkt, dass es noch nicht zu spät ist, um ihre Kinder zu schützen – aber dafür ist es längst zu spät und deswegen musst du auch sie töten. Sie erinnert dich an deine eigene Mutter, die untätig mit ihrem normalen Leben weitermachte, während du von deinem Vater auf seelische, körperliche und psychische Weise misshandelt worden bist, dazu gezwungen wurdest, mit drei Jahren Dinge anzusehen, die du bisher nicht einmal in den brutalsten Filmen gesehen hast, weil sich niemand so eine kranke Scheiße ausdenken kann.
Du hast dich damals selbst befreit, führst ein einigermaßen normales Leben. Dieses Geschenk willst du dem Jungen auch machen. Die Missgeburt grinst dich ein letztes Mal an, greift sich den Schokoriegel, ohne den Blick von dir abzuwenden und drückt ihn seinem Sohn in die Hand.
»Manchmal müssen wir unseren Kindern etwas Gutes tun, oder?«, sagt die Missgeburt zu dir und du weißt, was er damit meint.
Du nickst nur, kannst dir die Konsequenzen, die Zuhause auf den Jungen warten, ziemlich genau vorstellen, dafür braucht es nicht einmal Fantasie. Für den Moment mag der Junge glücklich sein, vielleicht glaubt er sogar an seine Chance auf eine bessere Zukunft, die du selbst auch gehabt hast, aber schließen sich die Türen zur Hoffnung erst einmal hinter ihm, verliert der Junge seinen Glauben an ein besseres Leben.
Du beobachtest, wie die Familie den Supermarkt verlässt. Du weißt, dass du bald mit dem Töten aufhören musst, aber diese Familie ist der perfekte Abschluss. Mit dieser Familie schließt sich der Kreis. Es ist, als würden deine Eltern ein zweites Mal sterben, aber dieses Mal hast du die Chance, das Leben dieser Kinder zu retten – aus diesem Grund folgst du der Familie unauffällig.
Du stehst mit deinen Einkaufstüten im strömenden Regen etwas abseits, beobachtest, wie der Vater seinem Sohn den Schokoriegel aus der Hand reißt, als er gerade hineinbeißen will. Die Missgeburt zerdrückt den Schokoriegel und schlägt seinem Sohn damit ein paar Mal direkt ins Gesicht, bis sich die Schokolade mit dem aus der Nase tropfenden Blut vermischt. Bis die Tränen des Jungen eins mit dem Regen werden, der in dicken Tropfen vom Himmel prasselt, und die Hoffnung des Jungen auf ein besseres Leben zerstören.
Seine Mutter wirft sich schützend vor den Jungen, aber es hat keinen Zweck. Das Brechen ihrer Nase hörst du bis auf die andere Straßenseite, bis in dein Versteck hinein, aus dem du heraus die Umgebung beobachtest. Du schaust dich auf der Straße um, ob jemand in der Nähe ist, aber keiner interessiert sich bei diesem Wetter für die Missgeburt auf der anderen Straßenseite, dessen Familie in ein paar Minuten einen Krankenwagen benötigt. Alle verkriechen sich unter ihren Regenschirmen. Es ist, als lebten alle Menschen in einem Kokon der Blindheit, nur du siehst die Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte, wenn nur genügend Menschen wie du wären.
Du suchst in deinen Einkaufstaschen nach etwas Brauchbarem und stößt dabei auf eine Dose Ravioli, die dein Abendessen werden sollte. Du hast noch nie jemanden mit einer Dose gefüllter Nudelspezialitäten getötet, aber für diese Missgeburt ist jedes Mittel recht.
Du willst gerade die Straße überqueren, um diesem Drecksvater mit dem Dosenfraß ein gebührendes Ende zu bereiten, als sich die Familie wieder in Bewegung setzt.
Dein Rendezvous mit ihm muss noch warten.
Du steckst dein Mittagessen wieder zurück in die Einkaufstüte, hängst dich an die Familie heran und verfolgst sie bis zu einem abgelegenen und heruntergekommenem Häuschen am Rande der Vorstadt. Im Vorgarten suchst du dir ein Plätzchen in der ersten Reihe.
Du beobachtest, wie die Lichter im Haus angehen, die Tragödie ihren Schleier lüftet und der zweite Akt beginnt. Die Missgeburt schickt seine Frau mit dem Einkauf in die Küche. Du verfolgst den Abgang der Mutter durch ein zweites Fenster, siehst, wie sie in der Küche einen Zusammenbruch erleidet, weil sie im Gegensatz zu dir weiß, was jetzt kommt.
Dein Blick wandert zurück zum anderen Fenster.
Der Sohn bekommt eine zweite Abreibung für den Schokoriegel, aber Schläge ins Gesicht sind der Missgeburt zu langweilig geworden. Seine Hand wandert in Richtung Genitalien. Die ältere Schwester steht wie ein Zinnsoldat regungslos daneben, erträgt mit leerem Blick, was der eigene Vater ihr und ihrem kleinen Bruder antut. Die Schreie des Jungen hörst du durch das geschlossene Fenster, du musst mit ansehen, wie die Missgeburt mit all seiner Kraft die Hoden des Jungen zu Brei quetscht. Danach öffnet er eine Tür, die offenbar zum Keller herunterführt, und du siehst tatenlos dabei zu, wie er seinen jämmerlich weinenden Sohn mit einem Tritt die Kellertreppe hinunterstößt.
Du weißt, dass jetzt die Kleine dran ist, die vielleicht elf oder zwölf Jahre alt sein mag und die bereits in der Pubertät ist. Die winzige Seele, die sich eben im Supermarkt noch in ihrem Körper befand, hat längst den Raum verlassen, das siehst du in ihrem Gesicht.
Die Missgeburt bleibt direkt vor seiner Tochter stehen. Du siehst, wie ihm der Sabber förmlich runterläuft, wie seine Zunge bei offenem Mund von rechts nach links schlackert. Am liebsten würdest du wegsehen, aber es ist wichtig, dass du dir alles ansiehst, jede Einzelheit dieses menschlichen Abgrunds erfasst.
Du beobachtest durch das kleine Fenster, wie er sie antatscht, ihr unters T-Shirt greift, um ihre Brüste zu massieren und als sie beginnt, ihrem Vater die Hose zu öffnen, um seiner Erektion Luft zu verschaffen, hast du genug gesehen.
Du setzt deine Skimaske auf, greifst in deine Einkaufstasche und holst die Ravioli raus.
Heute gibt es Ravioli mit Missgeburt, das neue Leibgericht der Kleinen, die gerade den Schwanz ihres Vaters in den Mund nehmen muss.
Du verschaffst dir mit deinem Werkzeug leise Zutritt zum Haus, schleichst dich von Hinten an dieses überflüssige Leben heran, das nie hätte geboren werden dürfen. Du stehst mitten im Wohnzimmer. Zwei Meter hinter der Missgeburt. Du riechst seinen Schweiß, den modrigen Gestank einer Kreatur, die das Leben nicht verdient hat.
Du umklammerst die Konserve.
Nein, mit gefüllten Nudelspezialitäten hast du wirklich noch nie jemanden umgebracht, aber vielleicht bringst du ihn nicht gleich sofort um, vielleicht lässt du dir ein wenig Zeit, damit er etwas von dem Leid zurückbekommt, das er seiner Familie angetan hat.
Die Kleine beendet das inzestuöse Vorspiel, weil sie dich bemerkt hat.
»Töten Sie meinen Vater oder helfen Sie mir dabei, ihn zu töten?«, fragt dich die Kleine.
Sie hat Schneid, das muss man ihr lassen.
»Was soll der Scheiß … «, keift die Verschwendung von Genmaterial, aber ein dumpfer Schlag bringt ihn zum Schweigen.
Du stehst eine Weile da, schaust die Kleine an.
Ihre Seele atmet erleichtert auf.
Du bildest dir ein, du könntest es hören. Zufriedenheit legt sich wie ein Orgasmus auf deine Sinne, durchströmt deinen Körper, weil dich das alles an deine eigenen Eltern erinnert.
Ein Wichser von Vater und eine blinde Mutter.
Der Kreis schließt sich.
Du forderst die Kleine auf, in den Keller zu ihrem Bruder zu gehen, drückst ihr die Dose Ravioli in die Hand und erklärst ihr, wie du dich um alles kümmern wirst. Du verschließt hinter der Kleinen die Kellertür und schiebst den Riegel vor.
Es muss ein guter Abschluss werden.
Das große Finale für dein Lebenswerk.
Du hörst das Schluchzen der Mutter in der Küche.
Sie ist zuerst dran.
Genau wie deine Mutter.
TEIL I
JANUS
31. März 2015
Das tote Fleisch der Leichen knirschte dumpf unter den Hufen. Jedes Mal, wenn ein Damhirsch auf den leblosen Körpern der Opfer rumtrampelte, zuckte es leicht im Auge von Hauptkommissar Harald Janus.
Die letzte Chance, den Fall seines Lebens zu lösen, von lebendem Hirschgulasch weich geklopft.
Das Karma hasste ihn, es zeigte ihm auf seine spezielle Art, dass die beiden Leichen, die im Wildgehege im Volkspark des Duisburger Stadtbezirks Rheinhausen lagen, wieder keine brauchbaren Spuren lieferten.
Janus hasste derartige Verzögerungen, die ihn von seiner Arbeit abhielten. Auf dem Rasen neben ihm stapelte sich ein recht ansehnlicher Haufen Kippen, weil die Wildhüter erhebliche Probleme damit hatten, den letzten Damhirsch von seinem Tatort wegzubekommen.
Er verfolgte die Bewegungen des Damhirsches, der im Zickzack durch das Gehege lief, einen Wildhüter nach dem anderen abschüttelte und im großen Stil alle Spuren an seinem Tatort zerstörte.
Warum er bereits mit den Kollegen von der Kriminaltechnik am Tatort sein wollte, wusste er nicht genau, aber bei diesem Fall hatte er so ein ungutes Bauchgefühl. Der Ablageort und die Platzierung der Leichen schrien förmlich nach dem Karma-Killer. Sollte sich seine Ahnung bestätigen, waren diese beiden Leichen die letzten Spuren und Hinweise, die er als Leiter der Duisburger Mordkommission vom Karma-Killer noch analysieren konnte.
Janus wippte ungeduldig von einem Bein auf das andere. Das Alles hier ging ihm nicht schnell genug. Ein Wildhüter landete bei dem Versuch, dem Damhirsch ein Seil um den Hals zu werfen, im Morast.
Diese elendigen Dilettanten schafften es tatsächlich noch, dass er in Rente ging, bevor er auch nur einen Blick auf den Tatort werfen konnte. In einer Woche hieß es für ihn Abschied nehmen, dann schickten sie ihn in den Ruhestand, aber er wollte nicht mit dem unschönen Gefühl in Rente gehen, etwas nicht erledigt zu haben – und der Karma-Killer-Fall ließ ihm einfach keine Ruhe.
Schlimm genug, dass das Damwild und die Wildhüter all die Spuren zertrampelten, die der Karma-Killer vielleicht am Tatort hinterlassen hatte, aber diese ganze Farce dauerte jetzt schon eine Stunde und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er diesen dämlichen Hirsch längst mit seiner Dienstwaffe abgeknallt und Gulasch aus ihm gemacht.
Der Hirsch wechselte erneut die Richtung, schüttelte seine Verfolger ab und galoppierte direkt auf Janus zu, der seine aufgerauchte Zigarette auf den Haufen neben sich schmiss und sie austrat. Er musste etwas unternehmen, sonst dauerte dieses Trauerspiel noch den ganzen Tag.
Janus hob den Riegel des Tores hoch, öffnete das Gatter und schob die Tür des Geheges so weit auf, dass der Hirsch ohne Probleme in die Freiheit flüchten konnte. Dann hob er seine Arme in die Höhe und wedelte wild mit ihnen hin und her, als ob er einem Passagierflugzeug beim Landeanflug in den Volkspark helfen wollte. Der Damhirsch behielt seinen Kurs bei, nahm Janus Angebot an und galoppierte direkt auf seine Freiheit zu.
»Ey, was machen Sie da, schließen Sie sofort wieder das Gatter«, brüllte einer der Wildhüter, aber Janus trat ein paar Schritte zur Seite und machte den Weg frei. Der Hirsch lief an Janus vorbei in Richtung Freiheit, fünf Meter hinter ihm folgte der Wildhüter, der Janus strafend ansah.
»Das wird Folgen für Sie haben, ich beschwere mich bei ihrem Chef«, schrie der Wildhüter im Vorbeilaufen, kam aber nicht dazu, sich weiter mit ihm zu beschäftigen, weil der Hirsch sich in Richtung Moerserstraße stadteinwärts aufmachte und Gefallen an seiner neugewonnen Freiheit fand.
»Ich bin selbst der Chef«, rief Janus dem Wildhüter hinterher. Dann gab er den Kollegen von der Kriminaltechnik ein Signal, dass sie an ihre Arbeit gehen sollten.
Die Kollegen starrten Janus noch mit offenen Mund an, fast so als leide er an Alzheimer – aber was sollten seine Vorgesetzten deswegen schon tun, ihn früher in Rente schicken, wenn sich dieser Wildhüterfutzi über ihn beschwerte? Nein, wegen einem blöden Damhirsch mit Sicherheit nicht.
In ein paar Tagen bei seiner Verabschiedung kramten seine Kollegen diese Geschichte mit Sicherheit wieder hervor, das wusste Janus, aber besser einen peinlichen Abschied und den Karma-Killer hinter Gittern, als mit dem Gefühl in den Ruhestand zu gehen, den Karma-Killer nur fast das Handwerk gelegt zu haben.
Die Kriminaltechniker legten einen Trampelpfad an, auf dem sich alle Kollegen den Leichen und dem Tatort nähern mussten, was reichlich absurd schien, in Anbetracht der Tatsache, dass vermutlich sowieso keine Spuren mehr um den Tatort herum aufgenommen werden konnten.
Janus ließ die Dinge seinen Lauf nehmen, fischte seine letzte Zigarette aus der Schachtel, klemmte sie sich hinters Ohr und sah dabei zu, wie die ersten Kriminaltechniker Fotos von der Leiche und der Umgebung schossen. In einem zweiten Schritt pflasterten sie die Leichen von oben bis unten mit Klebestreifen, für den Fall, dass der Täter Haare, Fasern oder andere Spuren von sich auf den Leichen hinterlassen hatte.
»Na Harry, ist ER es wieder?«, fragte plötzlich eine Stimme hinter ihm.
Der Rechtsmediziner Birger Schulz stellte sich neben Janus, beide starrten in Richtung Tatort.
»Aus der Ferne sieht die Anordnung und Inszenierung der Leichen wie bei den übrigen Fällen des Karma-Killers aus«, antwortete Janus, »aber aus der Ferne sehen wir beide auch noch wie junge Männer aus und nicht wie zwei alte Säcke, die ihr halbes Leben mit Leichen verbracht haben.«
Schulz lachte laut los und Janus musterte seinen Freund kritisch, der fast genauso lange wie er selbst für die Polizei arbeitete.
»Sorry Birger, ich korrigiere mich. Nur ich sehe aus der Ferne noch wie ein junger Mann aus.«
Schulz Lachen verstummte, er schaute an sich runter, konnte aber seine eigenen Füße nicht sehen, weil ihm sein dicker Bauch die Sicht versperrte.
»Sehr witzig, Harry. Komm, die Kollegen sind so weit, lass uns mal schauen, was wir da haben.«
Janus und Schulz folgten dem Trampelpfad zum Tatort. Schulz kniete sich direkt neben die erste Leiche, öffnete seinen Koffer und ging an die Arbeit.
»Wetten, dass es unser Mann ist«, raunte Schulz, »schau dir die Inszenierung der Leichen an.«
Janus reagierte nicht auf Schulz erste Einschätzung.
»Harry, hast du gehört oder bist du gedanklich schon in Rente?«
»Kennst du dieses Gefühl, wenn man so müde ist, noch so viel zu erledigen hat, aber einem einfach die Zeit fehlt. Ich bin ausgebrannt, Birger, möchte einfach nur schlafen, aber der Karma-Killer-Fall raubt mir den letzten Nerv.«
»Ich verstehe, was du meinst«, holte Schulz aus, »letztens habe ich mit meiner Enkelin zusammen mit ihren Puppen gespielt. Sie wollte wissen, was Opa beruflich macht, das habe ich dann mit ihren Puppen nachgespielt, beziehungsweise ich habe es versucht, bin dann aber leider, bevor die Puppenautopsie richtig losging, zu einer echten Autopsie gerufen worden und für mich existierte kein Unterschied mehr zwischen den Puppen meiner Enkelin und der Leiche auf meinem Tisch. So abgestumpft bin ich mittlerweile schon.«
»Glück gehabt, sag ich da nur.«
»Wer? Die Leiche oder die Puppen?«
»Nein, deine Enkelin, du Idiot«, sagte Janus, »nicht jeder findet Leichen so toll oder stellt mit Puppen eine Autopsie für eine Dreijährige nach.«
»Reine Gewöhnungssache. Anfangs verfolgen dich ab und zu die Gesichter deiner Klienten im Schlaf, aber später sind es nur noch die Gesichter der Leichen, von denen wir den Mörder nicht fassen konnten – und beim Karma-Killer passen die Gesichter so langsam nicht mal mehr in den Reisebus hinein, den ich in meinem Traum immer fahre, kurz bevor sich alle in Zombies verwandeln und mich auffressen.«
Janus schaltete ab, wie er es jedes Mal tat, wenn Schulz versuchte, seinen Job in eine Schublade mit Zirkusclowns und Kindergärtnerinnen zu stecken oder wenn er mal wieder von seinen verrückten Träumen berichtete.
»Wie lange sind wir jetzt schon hinter dem Karma-Killer her?«, fragte Schulz, der merkte, dass sein Freund ihm nicht zuhörte.
»Fast vierzig Jahre«, antwortete Janus in Gedanken versunken, »es ist fast so, als hätten wir zusammen angefangen, er mit dem Töten und ich mit meiner Jagd nach Mördern, aber bisher haben sich unsere Wege nie gekreuzt. Wir sind beide so gut in dem geworden, was wir tun, dass wir vor lauter Respekt für den anderen gelernt haben, uns aus dem Weg zu gehen. Der Karma-Killer macht keine Fehler.«
»Irgendwann macht jeder einen Fehler«, versuchte ihm Schulz Mut zu machen, »es ist nur eine Frage der Zeit.«
Janus inspizierte von der Mitte des Geheges aus den Tatort und erst als er sich ein Gesamtbild gemacht hatte, widmete er seine volle Aufmerksamkeit den Leichen.
»Wen hat es erwischt?«
»Stephanie und Thomas Letter, beide Mitte 40. Die Ausweise lagen wieder direkt auf der Stirn, nur bei der Frau auf dem Hinterkopf. Der Karma-Killer präsentiert uns seine Opfer, will uns förmlich sagen: Seht her, was ich euch hier wieder für Unmenschen vom Hals geschafft habe.«
»Hat er ein Rätsel hinterlassen?«
»Die Opfer wurden beide ausgeschmückt und post mortem bestückt, wie er es immer tut. Bei all den Hirschhaaren und Hufabdrücken ist ein eindeutiger Befund allerdings schwierig. Beim männlichen Opfer erkenne ich eine Platzwunde am Kopf, aber die tödlichen Verletzungen konzentrieren sich nach meinem bisherigen Erkenntnisstand auf die Wunde im Brustkorb.«
»Was sind das für Perforationen in der Wunde?«
»Ein Pfeil hat sein Herz aus kurzer Entfernung durchbohrt, danach wurde der Pfeil vermutlich wieder rausgezogen, wie aus den Perforationen des Gewebes hervorgeht, um ihn erst mit dem Apfel und der Nachricht zu präparieren und danach wurde ihm wieder alles zusammen zurück in sein Herz gesteckt.«
Janus las die Nachricht: Ein Vater ist gut, wenn er nicht trifft das eigen Fleisch und Blut.
Er beugte sich über die Leiche und interessierte sich besonders für die Anordnung der Opfer.
Die Hände des Mannes lagen ineinander gefaltet auf dessen Brust, umschlossen den Apfel, der penibel auf den Pfeil aufgezogen worden war, damit er nicht kaputt ging. Es war eine Eigenart des Karma-Killers, die Leichen so zu arrangieren, dass sie eine Botschaft ergaben. Meist ließ sich das Rätsel relativ leicht lösen, aber dieses Mal ergab die Anordnung auf den ersten Blick keinen Sinn. Der Mann lag friedlich auf dem Rücken, während die Frau auf dem Bauch und mit dem Gesicht in ihrer eigenen Blutlache lag.
»Was ist mit der Frau?«, fragte Janus.
»Schwer zu sagen, vor der Autopsie. Der Speer, der in ihrem Körper steckt, durchdrang mit heftiger Wucht ihr Schulterblatt, jemand stand auf ihr, rammte ihn mit voller Wucht von oben in ihren Körper, so dass er sich gut einen halben Meter in den Untergrund bohrte. Dafür ist eine enorme Kraftaufwendung notwendig. Sie war nicht sofort tot, das kann ich schon mal sagen, aber die genaue Todesursache weiß ich erst nach der Obduktion.«
»Was ist mit den verklebten Haaren an ihrem Hinterkopf und dem Kreuz auf ihrer Kleidung, dort, wo der Speer ins Schulterblatt eindrang?«
»Sieht nach Dreck aus, könnte aber auch ein halber Schuh- oder Hufabdruck sein. Was das Kreuz zu bedeuten hat, fällt in deine Zuständigkeit.«
»Wenn es ein Schuh- und kein Hufabdruck ist, spräche alles dafür, dass der Täter ihr erst den Speer in den Körper gerammt hat, damit sie nicht mehr weg kann. Danach hat er sie mit seinem Fuß am Hinterkopf mit dem Gesicht in die Pfütze gedrückt, so dass sie in ihrem eigenen Blut ertrinkt«, dachte Janus laut und ging dabei die einzelnen Schritte nacheinander durch, so wie es Golfer bei Probeschwüngen vor ihrem eigentlichen Schlag taten.
»Könnte sein, aber ertrunken wäre sie bei einem derartigen Tathergang nicht. Hilf mir bitte einmal kurz, die Frau umzudrehen«, bat Schulz.
Janus und Schulz drehten gemeinsam die Leiche der Frau um, damit der Rechtsmediziner ihr Gesicht und ihren Mund untersuchen konnte.
»Bingo«, freute sich Schulz, »sie hat Stauungsblutungen in der Gesichtshaut, den Augenbindehäuten und auf der Mundschleimhaut. Sieht nach Ersticken aus. Das ist typisch für Opfer, die in Bauchlage gefunden werden oder die erdrosselt wurden. In ihrem Fall hat sie der Täter wahrscheinlich in ihrem eigenen Blut erstickt, ohne dass sie sich großartig dagegen wehren konnte.«
Schulz legte die Frau behutsam zurück auf die Ausgangsposition und Janus trat ein paar Schritte zurück, um sich einen Überblick zu verschaffen. Für ihn war es das letzte Rätsel, das er untersuchen konnte.
Die letzten Spuren des Karma-Killers.
»Armbrust, Apfel, Speer, Kreuz«, murmelte Janus.
»Hast du schon eine Idee, was das Rätsel bedeutet?«, fragte Schulz.
»Tell und Siegfried«, schoss es aus Janus heraus.
»So wie Wilhelm Tell und Siegfried aus der Nibelungensage?«
»Richtig, der Karma-Killer hat ein Faible für Literatur, Sagen und Mythen. Der Pfeil, der den Mann direkt ins Herz getroffen hat, stammt aus einer Armbrust. Der Apfel und die Nachricht verweisen auf Wilhelm Tell, der vom Landvogt Hermann Gessler dazu gezwungen wurde, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen, weil er den Hut des Landvogts nicht gegrüßt hatte, der auf einer Stange steckte. So spielte es sich zumindest im Drama von Friedrich Schiller ab.«
»Ein Vater ist gut, wenn er nicht trifft das eigen Fleisch und Blut«, wiederholte Schulz die Nachricht, »aber in unserem Fall hat der Pfeil direkt ins Herz getroffen und wenn ich mich an meine Schulzeit noch richtig erinnere, hat Wilhelm Tell nur den Apfel aber nicht seinen Sohn getroffen.«
»Das stimmt, deswegen nennt es sich ja auch Rätsel, Birger. Wir müssen den Tatort als eine Art Gesamtbild verstehen. Die Inszenierung der Leichen liefert uns die Antwort auf das Rätsel des Karma-Killers.«
Janus trat einen weiteren Schritt zurück, um sich einen Überblick zu verschaffen.
»Siegfried der Drachentöter badete im Blut des Drachen und wurde dadurch unbesiegbar. An seinem Körper bildete sich eine undurchdringbare Hornhaut, bis auf eine kleine Stelle am Rücken, die während des Bads im Drachenblut durch ein Lindenblatt bedeckt wurde. Später verriet Kriemhild die Stelle an Siegfrieds Körper, an der er verwundbar war, indem sie mit einem Kreuz diese Stelle auf seiner Kleidung markierte.«
»Hier liegt aber kein Siegfried, sondern eine Frau«, unterbrach ihn Schulz.
»Nein, es ist eine Kriemhild, die wie Siegfried getötet wurde. Die Anordnung der Frau zeigt Verrat oder Mittäterschaft, eine Schuld, die durch ihre Ermordung getilgt wurde und auf der anderen Seite liegt ein Mann – ein Wilhelm Tell – der nicht den Apfel auf dem Kopf seines Sohnes, sondern direkt in sein Herz trifft. Der Karma-Killer sucht sich nie ohne Grund seine Opfer aus. Die Opfer machen sich alle einer Sache schuldig. Was will er uns bloß mit seinem Rätsel sagen?«, überlegte Janus – und plötzlich fügte sich jedes einzelne Puzzleteil in Janus Kopf zu einem Ganzen zusammen.
Er nahm die Ausweise der Opfer und rief über Funk die Leitstelle.
»Schicken Sie einen Wagen zur folgenden Adresse«, befahl Janus und gab die Adresse der Opfer über Funk durch, »die Kollegen sollen sich Zugang zum Haus verschaffen, nach einem Versteck oder einem Verließ im Keller oder dergleichen suchen und sagen Sie ihnen, dass Sie sich beeilen sollen, es ist Gefahr im Verzug.«
Schulz starrte Janus fragend an.
Nick Klein sah Schulz und Janus auf dem Feld stehen.
Er schlenderte durch den Matsch, ließ sich extra viel Zeit, denn je später er am Tatort ankam, desto weniger musste er sich die schwachsinnigen Theorien seines alten und senilen Kollegen anhören.
Nick hasste Janus, dessen arrogantes Auftreten, seine Rechthaberei und Besserwisserei, aber seine Vorgesetzten wollten, dass er von Janus lernte, was es hieß, die Duisburger Mordkommission zu leiten.
Seine Neugier, all seine Wissbegier, schlug nach den ersten Tagen unter Janus Fittichen schnell in Frustration um. Es gab von Janus nichts zu lernen.
Was sollte er auch von einem Mann beigebracht bekommen, der einen an seinen Geheimnissen und Ermittlungsmethoden nicht teilhaben ließ, der wilde und abstruse Theorien aus einem Zylinder hervorzauberte, die sich zumindest im Karma-Killer-Fall als richtig erwiesen hatten. In allen übrigen Fällen jedoch war es allein seiner Ermittlungsarbeit zu verdanken gewesen, dass sie die Täter erwischt hatten.
Für Nick war Janus nichts weiter als ein verblendeter, alter Mann, für den der Karma-Killer zu einer Art Bürde geworden war, die ihn blind für alles andere gemacht hatte.
Janus steckte sich eine Zigarette in den Mund und Nick wollte am liebsten wieder umdrehen, zurück zu Julia ins Bett gehen, weil er wusste, was dieses Ritual bei Janus zu bedeuten hatte. Einige Menschen steckten sich nach dem Sex als Zeichen der Befriedigung eine Zigarette an, Janus aber rauchte seine letzte Zigarette, wenn er ein Rätsel des Karma-Killers gelöst hatte.
Nick musste jedes Mal innerlich lachen, wenn er Janus und Schulz sah. Aus der Ferne wirkten Janus und Schulz wie Waldorf und Stadler aus der Muppet Show. Schulz ging als stark übergewichtige Version von Waldorf durch, dessen Halbglatze wie eine polierte Bowlingkugel glänzte, dazu ein Schnurrbart in Überlänge, der gefühlt so lang wie Schulz selbst aussah, wohingegen Janus wie die durchtrainierte Version von Stadler daherkam, der trotz seines fortgeschrittenes Alter noch volles Haar auf dem Kopf trug und bestens in Form war.
Zumindest in seinem Kopf war er frei. Nick stapfte durch den Morast des Damwildgeheges, ruinierte sich dabei seine neuen Wildlederschuhe, was ihm jedoch ziemlich egal war, denn er musste diese Farce nur noch ein paar Tage ertragen.
Janus und Schulz waren nur noch ein paar Meter entfernt. Nick zählte die Tage, Stunden und Minuten, ja sogar die Sekunden bis zu Janus Pensionierung. Wenn Janus endlich seinen Hut nahm, schrieb er als jüngster Leiter der Mordkommission Polizeigeschichte und sein erster Coup sollte die Ergreifung des Karma-Killers sein, der als erfolgreichster Serienmörder einen Platz in der deutschen Kriminalgeschichte sicher hatte.
»Hast du das Rätsel geknackt?«, hörte Nick den Leichenfledderer Schulz in Janus Richtung fragen, den er genauso wenig ausstehen konnte wie Janus selbst.
Schulz wies Janus darauf hin, dass das Rauchen an Tatorten verboten war, er stand jetzt direkt hinter ihnen und Nick war gespannt darauf, was Janus heute für ein weißes Kaninchen aus seinem Zylinder zauberte.
Janus steckte sich die Zigarette wieder hinters Ohr und legte direkt los, fast so als hätte er extra auf Nicks Ankunft gewartet.
»Siehst du die Handhaltung des Mannes dort. Das ist eine Mudra.«
»Eine Mudra? Was zur Hölle ist denn bitte eine Mudra?«, fragte dieser dämliche Schulz nach und ermutigte Janus dazu, noch weiter auszuholen.
