Das Kaufhaus der Träume - Lee Mi-ye - E-Book
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Das Kaufhaus der Träume E-Book

Lee Mi-ye

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Beschreibung

Penny wohnt in einem ganz besonderen Dorf. Betreten kann man es nur, wenn man eingeschlafen ist. Dann gibt es viel zu sehen: An einem Food-Truck kann man schlaffördernde Naschereien kaufen. In einer dunklen Gasse hat Maxim, der Produzent der Albträume, seine Werkstatt. Ein geheimnisvoller Mann wohnt in einer Hütte in einem Schneegebirge, und Elfen entwerfen Träume, in denen man fliegen kann. Viele weitere Attraktionen erwarten die Schlafenden, der Kundenmagnet aber ist das Kaufhaus von Dollargut, in dem Penny hoch motiviert arbeitet. In dem fünfgeschossigen Holzbau wimmelt es von Kunden. Das Kaufhaus erfreut sich aber nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren höchster Beliebtheit. In jeder Etage kann man eine bestimmte Sorte von Träumen finden: teure und beliebte Träume, limited editions und Vorbestellungen, allgemeinere Träume mit kleinen alltäglichen Ereignissen wie Kurzreisen, einer Feier mit Freunden oder ein leckeres Essen, aber auch innovative Träume mit viel Action. Sogar für Kurzweiliges ist gesorgt: In der dritten Etage gibt es spezielle Träume für den Mittagsschlaf. Die Bezahlung erfolgt über die Gefühle, die die Kunden nach dem Traum haben. "Das Kaufhaus der Träume" besteht aus mehreren Episoden, die die persönlichen Geschichten der Kunden und ausführliche Beschreibungen der Traumwelt beinhalten: So möchte eine Frau nur Träume kaufen, in denen der Mann vorkommt, für den sie heimlich Gefühle hegt. Ein Mann in einem Patientenhemd möchte einen ganz bestimmten Traum als Vorbestellung für seine Hinterbliebenen. Mithilfe der Träume gelingt es den Kunden, ihre Verletzungen zu heilen, ihre Sehnsüchte zu stillen oder ihre Ängste zu überwinden.

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Lee Mi-ye

DAS KAUFHAUS DER TRÄUME

Roman

Aus dem Koreanischenvon Kyong-hae Flügel

Der Druck dieses Buches wurde durch die finanzielle Unterstützungdes Literature Translation Institute of Korea ermöglicht.

1. eBook-Ausgabe 2022

Originalausgabe

달러구트 꿈 백화점

Dallergut Dream Department Store: The Dream You Ordered is Sold Out

Copyright © 2020 by Lee Miye

Originally published by Sam & Parkers, Co., LTD.

All rights reserved

German Translation Copyright © 2022 by Golkonda Verlag

German edition is published by arrangement with Golkonda Verlag,

München through BC Agency, Seoul.

Copyright der deutschen Ausgabe

© 2022 Golkonda in der Europa Verlage GmbH, München

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich,

nach der Vorlage des Originals, © jadit

Lektorat: Silwen Randebrock, Berlin

Layout & Satz: Margarita Maiseyeva, Donaueschingen

Konvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 978-3-96509-054-5

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzesist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesonderefür Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen unddie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. DerNutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.golkonda-verlag.com

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort der Autorin

Prolog: Die außergewöhnliche Geschichte des dritten Jüngers

1. Der Tag des großen Andrangs

2. Leitfaden für Verliebte

3. Präkognitive Träume

4. Traumreklamation

5. Die Generalversammlung

6. Der Bestseller des Monats

7. Yesterday und die Benzol-Formel

8. Vermarktung der Testversion Andere Leben

9. Traum eines anonymen Kunden

Epilog 1: Vigo Myers’ Vorstellungsgespräch

Epilog 2: Speedos perfekter Tag

VORWORT

Warum verbringen die Menschen ein Drittel ihres Lebens mit Schlafen? Wieso träumen sie? Träume – diese wundervollen und bizarren Szenen, von denen man kaum glauben kann, dass sie dem eigenen Kopf entsprungen sind. Sei es ein ganz besonderer Mensch, der regelmäßig in den Träumen erscheint, oder Orte, an denen man selbst noch nie gewesen ist. All dies wirkt im Traum so lebendig – und soll nur von unserer Fantasie oder von unserem Unterbewusstsein geschaffen sein? Diese Gedanken, die sich vermutlich jeder schon einmal gemacht hat, habe ich immer mit mir herumgetragen. Etwa so wie mein Lieblingskuscheltier.

Unerschöpfliche Neugier hat der Menschheit zu erstaunlichen Entdeckungen verholfen, aber unser Wissensdurst kann nie vollständig gestillt werden. Je mehr wir verstehen oder wissen, desto stärker wird die Neugier und umso komplexer werden die Fragen. Doch der Wunsch nach einfachen Antworten bleibt bestehen.

Diese unbegreifliche Lücke, die einen Tag vom nächsten trennt, fand ich schon lange unglaublich interessant. Die Erkenntnis, dass meine Fantasien die Realität liebevoll ergänzen, ließ mich glücklich diese Geschichte niederschreiben.

Sie handelt von einer Stadt, die man nur dann betreten kann, wenn man eingeschlafen ist. Dort kann man an einem Foodtruck schlaffördernde Naschereien kaufen. Die Noctilucas sorgen dafür, dass die eingeschlafenen Gäste nicht nackt herumlaufen, indem sie ihnen Morgenmäntel überwerfen. In einer Gasse kreiert Maxim in seiner abgedunkelten Werkstatt die sogenannten Albträume. Ein anderer geheimnisvoller Traumhersteller wohnt in einer Hütte im Schneegebirge, und eine Produzentin namens Aganap Coco schafft Träume, in denen die Zukunft vorhergesagt wird. Träume, in denen man fliegen kann, gibt es nur bei den Leprechaun-Feen. Viele weitere Attraktionen erwarten die Schlafenden, der Kundenmagnet aber ist das Kaufhaus der Träume von Dallergut, in dem jede Etage bestimmte Sorten von Träumen bereithält und jeder Traum individuell verpackt im Regal steht.

Dieses Buch besteht aus mehreren Episoden. Sie erzählen die persönlichen Geschichten der Kunden des Kaufhauses und beschreiben ausführlich die Traumwelten. Ich hoffe, dass Ihnen Dallerguts Kaufhaus gefällt. Die Geschichten sollen Ihnen den Alltag etwas versüßen und dazu beitragen, dass Sie jede Nacht tiefen Schlaf finden und schön träumen. Das wäre mir eine große Freude.

Lee Mi-ye

PROLOG

Die außergewöhnliche Geschichtedes dritten Jüngers

Penny sitzt in einem bequemen T-Shirt am Fenster in der ersten Etage ihres Stammcafés. Wie immer bei großer Luftfeuchtigkeit kräuseln sich ihre halblangen Haare. Erst heute Morgen hat sie vom Kaufhaus der Träume die Nachricht bekommen, dass die Sichtung der Bewerbungsunterlagen abgeschlossen und sie zum Vorstellungsgespräch nächste Woche eingeladen sei. Um sich auf die Fragen vorzubereiten, hat sie aus der Buchhandlung nebenan alle möglichen Bücher zum Thema Interview und Eignungstests mitgenommen und arbeitet diese nun durch.

Doch seit einer Weile stört ein Mann am Nachbartisch ihre Konzentration. Er trinkt in einem kuscheligen Morgenmantel Tee und wippt nervös mit seinem Fuß unterm Tisch auf und ab. Seine Schlafsocken sind so kunterbunt, dass Penny von ihnen abgelenkt wird.

Mit geschlossenen Augen nippt er an seiner Tasse. Jedes Mal, wenn er über sie pustet, weht ein erfrischender Waldduft zu ihr herüber. Garantiert ist das eine erlesene Mischung, die er gegen seine Müdigkeit trinkt.

»Hm, lecker … warm … nachschenken … wie viel?«, murmelt er wie im Schlaf, bevor sein Fuß wieder zu wippen beginnt.

Schließlich verrückt Penny ihren Stuhl so, dass sie seine bunten Socken nicht mehr sehen kann.

Im Café sitzen viele Gäste in ihren Schlafanzügen. Neben der Treppe hockt eine Frau in einem Leihmorgenmantel und kratzt sich am Nacken. Sie scheint sich nicht ganz so wohlzufühlen und schüttelt sich ab und zu.

Die Stadt hat sich seit jeher durch ihr umfangreiches Angebot an schlafbezogenen Produkten einen Namen gemacht. Erst dadurch wurde sie zu einer anziehenden Großstadt. Die Einwohner sind daran gewöhnt, dass sich Fremde in Schlafsachen unter sie mischen. Das gilt natürlich auch für Penny, die hier geboren und aufgewachsen ist.

Sie nimmt einen Schluck ihres inzwischen kalten Kaffees. Bitter rinnt er durch ihre Kehle, dabei hat sie das Gefühl, dass der Lärm der Umgebung, der sie bis eben noch nervös gemacht hatte, nun nachlässt und die Luft ihren Körper sanft einhüllt. Es war eine gute Entscheidung, den Aufpreis für die zwei Teelöffel Beruhigungssirup zu zahlen. Sie zieht eins der Bücher auf dem Tisch wieder näher zu sich heran und liest erneut die Aufgabe, über deren Lösung sie bis eben nachgedacht hatte.

Frage: Welcher der folgenden Produzenten gewann bei der Verleihung für den Traum des Jahres 1999 den Grand Prix? Wie lautet der Titel? Wählen Sie die richtige Antwort.

a.Kick Slumber – der Traum, in dem man als Schwertwal den Pazifik durchquert

b.Yasnooze Otra – der Traum, in dem man eine Woche als Elternteil lebt

c.Wawa Sleepland – der Traum, in dem man vom All auf die Erde blickt

d.Doze – der Traum, in dem man mit einer historischen Persönlichkeit einen Tee trinkt

e.Aganap Coco – der Traum, in dem einem kinderlosen Ehepaar Drillinge vorausgesagt werden

Grübelnd kaut Penny an ihrem Kugelschreiber: 1999 ist schon ziemlich lange her, also können junge Produzenten wie Kick Slumber und Wawa Sleepland nicht richtig sein. Sie streicht die beiden Antwortmöglichkeiten durch. Was ist mit dem Traum von Yasnooze Otra? Wenn Penny sich nicht irrt, war der Traum, in dem man eine Woche als Elternteil lebt, vor nicht allzu langer Zeit erschienen. Schon bevor er rauskam, hatte man dafür viel Werbung gemacht. Die Sätze des freudestrahlenden Models hatten sich in Pennys Gedächtnis eingegraben: »Reden Sie sich nicht den Mund fusselig, wenn Ihre Kinder nicht gehorchen. Sorgen Sie nur dafür, dass sie eine Woche lang als Elternteil in diesem Traum leben!«

Sie schwankt zwischen den letzten beiden Antwortmöglichkeiten hin und her und entscheidet sich letztendlich für den Drillinge-Traum von Aganap Coco. Sie markiert e und will nach der Kaffeetasse greifen.

In diesem Moment tapsen die Pfoten eines über und über mit Fell bedeckten Tieres über die Aufgabensammlung. Penny erschrickt so, dass sie fast ihre Tasse umgeworfen hätte.

»Falsch, die richtige Antwort ist a«, sagt das Tier, ohne auch nur zu grüßen. »Im Jahr 1999 hat Kick Slumber debütiert und sich gleich den Grand Prix geholt. Das war legendär. Ich habe sage und schreibe sechs Monate lang darauf gespart, sein Werk zu kaufen. Ich hatte vorher noch nie einen dermaßen realistischen Traum in meinem Leben. Es war so herrlich, mit Flossen durch das Wasser zu gleiten. Und erst diese atemberaubende Sicht unter dem Meer! Wie habe ich mich nach dem Aufwachen geärgert, nicht als Schwertwal geboren zu sein! Penny, Kick Slumber ist ein Genie. Weißt du, wie alt er damals war? Er war erst 13.« Das Tier klingt so stolz, als wäre es sein eigenes Verdienst gewesen.

»Assam, du bist das.« Penny schiebt ihre Tasse weit von sich weg. »Woher wusstest du, dass ich hier bin?«

»Vorhin habe ich dich mit einem Berg Bücher aus der Buchhandlung kommen sehen. Ich wusste sofort, dass du hierherkommen würdest. Zu Hause lernst du ja nie.« Assam mustert den Bücherstapel. »Du bereitest dich auf ein Vorstellungsgespräch vor?«

»Woher weißt du denn das schon wieder? Ich selbst habe das doch erst heute Morgen erfahren.«

»Wir Noctilucas wissen über alles Bescheid.«

Assam ist eines der Noctilucas, die in dieser Gasse dafür sorgen, dass keiner der eingeschlafenen Gäste nackt herumläuft. Ihre Aufgabe besteht darin, ihnen Morgenmäntel überzuwerfen. Die übergroßen Vorderpfoten mit den langen Nägeln eignen sich hervorragend, um viele Mäntel zu transportieren. Es ist schon beinahe ironisch, dass sie es selbst gar nicht nötig haben, sich anzuziehen, da ihr Fell so dicht ist. Penny ist davon überzeugt, dass es angenehmer ist, von einem wuscheligen freundlichen Tier, das ebenfalls unbekleidet ist, den Morgenmantel gereicht zu bekommen, als von einem gut angezogenen Menschen.

»Darf ich mich setzen? Meine Füße tun weh, ich bin heute viel zu viel gelaufen.«

Noch bevor Penny antworten kann, lässt Assam sich ihr gegenüber fallen. Sein buschiger Schwanz hängt neben der Rückenlehne nach unten.

»Die Fragen sind zu schwer.« Penny überprüft ihre falsche Antwort. »Assam, wie alt bist du eigentlich, dass du das alles weißt?«

»Es gehört sich nicht, einen Noctiluca nach seinem Alter zu fragen«, ziert sich Assam. »Früher habe ich für eine Anstellung in einem Geschäft auch mal ziemlich viel gelernt. Dann wurde mir klar, mehr für diesen Bereich geeignet zu sein.« Er tätschelt dabei die Mäntel, die er über seine Schulter geworfen hat. Dann fährt er fort: »Aber egal. Unsere schusslige Penny ist zum Vorstellungsgespräch für das Kaufhaus der Träume von Dallergut eingeladen. Dass ich das noch erleben darf! Tja, wenn man lange genug lebt …«

»Ich muss in einem früheren Leben wohl irgendetwas Gutes vollbracht haben«, erwidert Penny, weil sie es tatsächlich für ein Wunder hält, beim Bewerbungsprozess bisher noch nicht ausgeschieden zu sein.

Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass das Kaufhaus der Träume von Dallergut, ein prunkvolles Gebäude im klassischen Stil, als das Wahrzeichen der Stadt gilt. Außerdem ist es eine sehr beliebte Arbeitsstelle für junge Menschen. Das Jahresgehalt ist hoch, und für das Wohlergehen der Mitarbeiter gibt es verschiedene Prämien. So dürfen sie sich zum Beispiel an Geburtstagen kostenlos einen teuren Traum aussuchen. Die Vorzüge sind endlos. Aber keiner davon ist bedeutender als die Ehre, bei Dallergut zu arbeiten.

Alle Einwohner dieser Stadt kennen die Geschichte von Dallerguts Abstammung und Vorfahren, denn seine Familie gehörte zu ihren Gründern. Schon bei der Vorstellung, mit ihm zusammenzuarbeiten, schwillt Penny das Herz in der Brust an.

»Ich wünsche mir so sehr, angenommen zu werden«, sagt Penny mit fest aneinandergepressten Händen.

»Sag mal, bereitest du dich dafür nur mit diesen Büchern vor?« Assam begutachtet die Unterlagen aus verschiedenen Blickwinkeln und legt sie wieder auf den Tisch.

»Ich dachte, ich sollte alles auswendig lernen, was es zu lernen gibt: die Biografien der fünf legendären Produzenten, die meistverkauften Träume in den letzten zehn Jahren oder Kundenstatistiken auf Grundlage der Zeitzonen. Zu den Zeiten, für die ich mich beworben habe, kommen viele Kunden aus Asien und dem westlichen Teil Australiens. Ich habe mich auch mit den Zeitzonen und der Datumsgrenze befasst. Weißt du, warum die Gäste vierundzwanzig Stunden lang unsere Stadt besuchen? Darf ich es dir erklären?«

Penny ist so Feuer und Flamme, dass sie gleich eine Rede halten könnte. Assam aber lehnt kopfschüttelnd ab.

»Dallergut wird keine solchen belanglosen Fragen stellen. So etwas weiß doch jeder dahergelaufene Schüler.«

Penny ist entmutigt. Tröstend klopft ihr Assam mit seiner Pfote auf die Schulter.

»Mach dir keine Sorgen, Penny. Ich habe viel von ihm gehört. Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber ich kenne eine Menge Leute, denn ich arbeite in dieser Gasse schon länger als zehn Jahre.«

Noch bevor Penny ihn erneut nach seinem Alter fragen kann, fährt er eilig fort:

»Dallergut mag rätselhafte Unterhaltungen über Träume. Ich schätze mal, er wird keine Fragen stellen, auf die er eine klare Antwort bekommen könnte. Wie auch immer, ich bin eigentlich gekommen, um dir etwas zu geben.«

Assam wirft alle Mäntel von seiner Schulter und beginnt zu suchen. Nachdem er eine Weile im Mantelberg herumgewühlt hat, fischt er ein Bündel heraus. Als er es auspackt, kommen viele Schlafsocken zum Vorschein.

»Nein, das ist es nicht. Die sind für Gäste mit kalten Füßen. Warte, hier, gefunden!«

Assam zieht ein kleines dünnes Buch aus dem Bündel. Auf dem festen hellblauen Einband steht der aufwendig mit Gold verzierte Titel:

DIE GESCHICHTEÜBER DEN GOTT DER ZEITUND SEINE DREI JÜNGER

»Das Buch habe ich ja ewig nicht mehr gesehen!«

Penny erkennt es auf den ersten Blick. Jedem, der hier aufgewachsen ist, geht es wahrscheinlich genauso. Es ist eine Art Pflichtlektüre für alle Kinder dieser Stadt.

»Vielleicht wird Dallergut etwas fragen, was mit dieser Geschichte zu tun hat«, sagt Assam. »Zum Beispiel, wie du sie fandest und was du darüber denkst. Wenn du sie als Kind gelesen hast und danach nicht wieder, dann lies sie lieber noch einmal sorgfältig durch. Die Geschichte ist für Dallergut sehr wichtig, weißt du?« Assam rückt mit seinem Stuhl näher und beugt sich vertraulich vor. »Ich verrate dir ein Geheimnis: Alle Mitarbeiter in seinem Kaufhaus sollen von ihm ein Exemplar dieses Buches als Geschenk bekommen haben.«

»Ist das wahr?« Hastig greift Penny nach dem Werk.

»Aber natürlich! Wie viel muss es ihm bedeuten, wenn er es sogar seinem Personal schenkt? Oh! Ich muss jetzt wieder an die Arbeit.«

Assams Blick schweift zum Fenster hinter ihr, das zur Terrasse zeigt.

»Ich glaube, ich habe gerade jemanden gesehen, der nur in Unterhosen herumläuft.«

Seine braune Nase zuckt. Eilig sammelt er die herumliegenden Mäntel ein, und Penny hilft ihm, die Schlafsocken in das Bündel zu stopfen.

»Penny, viel Glück beim Vorstellungsgespräch. Und erzähl mir unbedingt, wie es gelaufen ist, ja?« Assam steht auf und kann seinen Blick nicht vom Fenster abwenden. »Zumindest scheint er heute eine Unterhose anzuhaben. Ein Glück«, murmelt er.

»Ich danke dir, Assam.«

Als würde er »keine Ursache« sagen wollen, wedelt er mit seinem flauschigen Schwanz von links nach rechts und rennt die Treppe hinunter.

Sanft fährt Penny mit der Hand über das Buch. Assam hat recht. Warum ist sie nicht selbst auf dieses Buch gekommen? In dieser Geschichte werden der Anfang des großen Geschäftsviertels, die Gründung dieser Stadt und die Eröffnung des Kaufhauses der Träume von Dallergut beschrieben. Wenn er viel Wert auf die Historie legt, kann sich dieses Buch als sehr nützlich erweisen.

Entschlossen klappt Penny die Aufgabensammlung zu, stopft sie energisch in ihre Tasche und trinkt den restlichen Kaffee. Dann setzt sie sich aufrecht hin und schlägt das Buch auf.

DIE GESCHICHTEÜBER DEN GOTT DER ZEITUND SEINE DREI JÜNGER

Es war einmal der Gott der Zeit, der die Lebenszeit der Menschen verwaltete. Eines Tages aß er wie gewohnt gemütlich zu Mittag, als er erkannte, dass ihm selbst nicht mehr so viel davon blieb. Er ließ seine drei Jünger kommen und teilte ihnen diese Tatsache mit.

Der erste Jünger, kühn und entschlossen, fragte den Meister, was noch zu tun sei. Der zweite, mit Sanftmut gesegnet, weinte wortlos, während er sich an die Zeit mit ihm erinnerte. Der dritte schließlich wartete still auf die nächsten Worte des Meisters.

»Mein dritter Jünger, ich frage dich. Du bist immer so besonnen und rücksichtsvoll. Wollte man die Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einteilen und verwalten, welchen Teil würdest du übernehmen?«

Nach kurzem Überlegen antwortete er, dass er dem ersten und zweiten Jünger Vorrang für die Entscheidung gewähren wolle und den übrigen Teil nehmen werde.

Der erste, energisch, wie er war, wollte sich die Chance nicht entgehen lassen und verkündete, er entscheide sich für die Zukunft. Er fügte noch hinzu: »Bitte befreie mich von den Erinnerungen, damit ich die Zukunft besser verwalten kann.«

Schon immer glaubte er, dass es am besten sei, schnell zur Zukunft zu gelangen, ohne sich von der Vergangenheit aufhalten zu lassen. Der Gott der Zeit übergab ihm die Zukunft und stattete ihn auch mit der Fähigkeit aus, das Geschehene schnell zu vergessen.

Der zweite Jünger sagte leise, dass er die Vergangenheit nehmen wolle. Er war der Meinung, dass es die Erinnerungen waren, die alle glücklich machten. Man würde keine Leere oder Einsamkeit fühlen, wenn man nur all seine Erinnerungen hätte. Der Gott überreichte ihm die Vergangenheit und dazu die Fähigkeit, sich an alles lange erinnern zu können.

Nun sah der Gott der Zeit den dritten Jünger an. Er hielt die Gegenwart in der Hand. Verglichen mit der Zukunft und der Vergangenheit war sie viel kleiner und spitzer. »Wirst du auf die Gegenwart, auf den Augenblick achtgeben?«

»Nein, Meister«, antwortete der dritte bestimmt. »Verteilt die Gegenwart gerecht an alle Menschen.«

Der Gott der Zeit war verwundert. »Soll das heißen, du hast während deiner Lehre bei mir keine der Zeiten besonders geschätzt?«, fragte er enttäuscht.

Da fasste der dritte Jünger all seinen Mut zusammen. »Am liebsten mag ich die Zeit, in der alle eingeschlafen sind. Während des Schlafs hängt man weder an der Vergangenheit, noch sorgt man sich um die Zukunft. Ich denke, das ist die beste Zeit. Wenn sich die Menschen an ihre glückliche Vergangenheit erinnern, denken sie nicht unbedingt an die Zeit, die sie schlafend verbracht haben. Und wer sich eine glorreiche Zukunft verspricht, wartet nicht darauf einzuschlafen. Umso weniger erkennen die Schlafenden, dass ihre Gegenwart tief im Schlaf versunken ist. Wie könnte ich mir als unzulängliches Wesen die Aufgabe zutrauen, diese bemitleidenswerte Zeit zu verwalten?«

Der erste Jünger lachte ihn wegen dieser Antwort innerlich aus, der zweite war etwas überrascht. Denn beide hatten die verschlafene Zeit immer für nutzlos gehalten. Doch der Gott erwiderte dem dritten, dass er ihm gern diese Zeit überlassen wolle. Er fragte die anderen: »Darf ich von eurer Zeit die Zeit des Schlafes heraustrennen und sie an den dritten geben?«

Ohne zu zögern, antworteten die beiden: »Selbstverständlich.«

Schließlich bekamen die drei ihre Zeit und verabschiedeten sich.

Am Anfang waren der erste und der zweite Jünger mit ihren vom Gott der Zeit verliehenen Fähigkeiten sehr zufrieden.

Der erste Jünger und seine Gefolgsleute wollten alle unbedeutenden Ereignisse der Vergangenheit vergessen und ihre Heimat hinter sich lassen. Voller Freude schmiedeten sie Pläne, in ein großes Land zu ziehen und sich dort für eine glorreiche Zukunft anzusiedeln.

Der zweite Jünger und seine Anhänger waren ebenfalls vergnügt. Sie hingen an der Vergangenheit und erinnerten sich in Glückseligkeit an ihre jungen schönen Gesichter und an ihre gemeinsamen wunderbaren Erlebnisse.

Ihre Freude war jedoch nur von kurzer Dauer.

Die Erinnerungen an die Vergangenheit, die der erste Jünger und seine Anhänger allesamt vergessen hatten, weil sie nur noch an die Zukunft dachten, waren so zahlreich, dass sie sich wie Nebel Schicht um Schicht zusammenzogen. In diesem dichten Nebel konnten sie nicht einmal mehr ihre Freunde und ihre Familie erkennen. Nachdem alle Erinnerungen an ihre geliebten Menschen verschwunden waren, konnten sie sich auch nicht entsinnen, weswegen sie von ihrer Zukunft geträumt hatten. Sie konnten keine Sekunde vorausdenken, geschweige denn in eine fernere Zukunft sehen.

Die Situation beim zweiten Jünger war nicht besser.

Er und seine Anhänger waren in ihre schönen Erinnerungen eingeschlossen, so konnten sie den Fluss der Zeit, die vorbestimmte Trennung und den Tod nicht akzeptieren. Sie hatten weiche Herzen, und ihre Tränen fielen ununterbrochen auf die Erde, sodass eine riesige Höhle entstand. Die verweichlichten Menschen versteckten sich darin und kamen nicht mehr heraus.

Der Gott der Zeit beobachtete alles und wartete, bis alle eingeschlafen waren. Im Mondschein schlich er in ihre Schlafzimmer. Er holte das spitze Element der Gegenwart aus seiner Brust, packte es fest und schnitt die Schatten von den eingeschlafenen Menschen.

Dann ging er in die Dunkelheit hinaus, in einer Hand die abgeschnittenen Schatten, in der anderen eine leere Flasche. Zuerst füllte er die nebelartig trüben Erinnerungen, die der erste Jünger und dessen Anhänger weggeworfen hatten, in die Flasche. Anschließend nahm er die Tränen vom zweiten und dessen Gefolgsleuten auf den Arm.

Zuletzt schlich er zum dritten Jünger.

»Meister, was führt Euch mitten in der Nacht hierher?«

Wortlos stellte der Gott die mitgebrachten Dinge auf den Tisch. Eins nach dem anderen, zuerst die eingeschlafenen Schatten, dann die Flasche mit den vergessenen Erinnerungen und schließlich die Tränen.

Der Jünger, der die Absicht seines Meisters erahnen konnte, fragte: »Wie kann ich Euch mit diesen Dingen helfen?«

Statt einer Antwort nahm der Gott die eingeschlafenen und schlaff herunterhängenden Schatten und steckte sie in die mit Erinnerungen gefüllte Flasche. Die Schatten taumelten darin hin und her und versuchten die Augen zu öffnen. Daraufhin ließ der Gott Tränen in die Flasche tropfen.

Da geschah etwas Wundersames. Die Tränen wurden die Augen der Schatten, sie öffneten sie und begannen, sich in den Erinnerungen lebhaft umherzubewegen.

Der Gott der Zeit reichte seinem dritten Jünger die Flasche mit den Schatten und den Erinnerungen. Dann sagte er: »Sorge dafür, dass die Schatten für die Menschen wach bleiben können, während sie schlafen.«

Obwohl der Jünger ausgesprochen weise war, konnte er die Worte seines Meisters nicht genau verstehen. »Meint Ihr, ich soll bewirken, dass die Menschen während des Schlafs auch denken und fühlen können? Wie würde ihnen das helfen?«

»Die Erinnerung an die Erfahrungen, die die Schatten nachts für die Menschen machen, wird diejenigen mit einem weichen Herzen, wie es der zweite Jünger trägt, härter machen. Und sie wird Leichtsinnige wie den ersten Jünger am nächsten Morgen daran erinnern, was sie nicht vergessen sollen.«

Der Gott merkte, dass seine Zeit nun zu Ende ging.

Während er durchsichtiger wurde, rief sein Jünger: »Meister, bitte lehrt mich mehr. Wie soll ich den Menschen all das begreiflich machen? Ich weiß nicht einmal, wie ich es nennen soll.«

Da antwortete der verblassende Gott lächelnd: »Sie müssen es nicht verstehen. Es ist sogar besser, wenn sie es nicht tun. Sie werden von allein herausfinden, wie sie damit umgehen sollen.«

»Bitte gebt ihm wenigstens einen Namen. Soll ich es als Wunder bezeichnen? Oder als Trugbild?«

»Nenne es Traum. Von nun an werden Sie deinetwegen jede Nacht träumen.«

Mit diesen Worten verschwand der Gott der Zeit.

Penny schlägt das Buch zu. Sie fühlt sich seltsam. Die Geschichte kommt ihr genauso fremd und aus der Luft gegriffen vor wie damals, als sie sie als Kind zum ersten Mal las. Sie klingt wie ein Märchen. Andererseits ist ihr durchaus bewusst, wie viele unbegreifliche Dinge auf der Welt geschehen, die man nicht versteht, wenn man nicht an sie glaubt. Man wird aus dem Nichts geboren und stirbt von einem Moment zum nächsten. Man nimmt auch den Fluss des Lebens hin, genauso wie alle, die in dieser Stadt wohnen, diese Geschichte akzeptieren. Menschen träumen tatsächlich, und »Das Kaufhaus der Träume«, das der dritte Jünger vor langer, langer Zeit gegründet hatte, wurde von Generation zu Generation weitervererbt, bis heute zu Dallergut. Das sind die Beweise für die Echtheit der Geschichte.

Wieder einmal fühlt sich Dallergut für Penny wie ein Mythos an. Die Vorstellung, dass sie in ein paar Tagen ein Vorstellungsgespräch hat, bei dem sie sich mit ihm allein unterhalten wird, erfüllt sie halb mit Vorfreude, halb mit Nervosität. Ein kurzer Schauer überzieht sie. Für heute sollte sie sich besser auf den Heimweg machen.

Sie packt alles ein, doch das Buch, das Assam ihr gegeben hat, legt sie keine Sekunde aus der Hand. Bis zum Vorstellungsgespräch liest sie es immer und immer wieder, bis sie es auswendig kann.

Schließlich ist der entscheidende Tag gekommen. Penny findet sich überpünktlich im Kaufhaus der Träume an der Kreuzung ein und sieht sich in der Lobby nach dem Büro von Dallergut um.

Manche Leute hier tragen ausgeleierte T-Shirts und kurze weite Hosen als Schlafsachen, andere sind in Leihmorgenmäntel gehüllt, die sie von einem Noctiluca bekommen haben. Viele sehen sich die Angebote für die Träume in den Regalen an.

»Das ist der Neue von Kick Slumber. Ein Traum, in dem man zu einer Galapagos-Riesenschildkröte wird. Mal sehen. Sogar die Kritiker haben 4,9 Sterne gegeben! Ein Tiefsee-Spektakel innerhalb und außerhalb des Schildkrötenpanzers … hm. Keine Ahnung, was mir diese Einschätzung bringen soll«, spricht ein Kunde vor sich hin, der in einer sternenbedruckten Schlafhose vor dem Regal »Beste Neuerscheinung« steht. Mit einer Traumschachtel in seiner Hand scheint er intensiv darüber zu grübeln.

Penny muss innerhalb der nächsten zehn Minuten in Dallerguts Büro sein, das irgendwo im Erdgeschoss liegt. Sie blickt sich überall um, aber nichts sieht wie das Büro des Inhabers aus. Sie würde gern die Mittfünfzigerin hinter der Rezeption fragen, doch die telefoniert ununterbrochen. Auch die anderen Angestellten in Leinenschürzen sind so beschäftigt, dass sie Penny keines Blickes würdigen.

»Mama, ich glaub, ich bin geliefert! Die Fragen waren alle total blöd. Ich habe die Entwicklung der Träume in den letzten fünf Jahren und alles über die Branche sorgfältig recherchiert, aber das hat ihn überhaupt nicht interessiert!«, schimpft eine vorbeigehende Frau am Telefon.

Sie muss eine Bewerberin sein, die gerade das Vorstellungsgespräch hinter sich gebracht hat.

An die Frau gewandt, versucht Penny verzweifelt die Worte: »WO. IST. DAS. BÜ – RO?« mit ihren Lippen zu formen. Unwirsch zeigt die Frau nach oben und verschwindet zwischen den Menschen.

Dort, wohin sie gezeigt hat, führt eine Holztreppe, von der schon die Farbe abblättert, in den ersten Stock. Bei genauer Betrachtung befindet sich rechts von der Treppe eine halb offene Tür, an der ein Zettel flattert: Vorstellungsgespräch. Die Handschrift auf dem Zettel ist schlampig. Man hat den Eindruck, dass die Tür zu einem Klassenzimmer einer alten Schule führt.

Um sich zu sammeln, atmet Penny ruhig ein und aus. Unsicher, ob sie richtig ist, klopft sie aus Höflichkeit an die bereits offene Tür.

»Oh, kommen Sie herein«, sagt jemand mit einer kräftigen Stimme, die ihr vertraut vorkommt.

Sie kennt sie von gelegentlichen Interviews und Radioauftritten. Die Stimme gehört zweifelsohne zu Dallergut.

»Entschuldigen Sie bitte.«

Der Raum ist noch kleiner, als sie vermutet hat. Hinter einem langen Schreibtisch kämpft Dallergut gerade mit einem alten Drucker.

»Willkommen. Es tut mir wirklich leid, aber ich brauche noch ein Momentchen. Immer, wenn ich etwas ausdrucken will, bleibt das Papier stecken.«

Er trägt ein elegantes Hemd und ist viel größer und schmaler als im Fernsehen oder in Zeitschriften. Die lockigen Haare sind etwas zerzaust und grau meliert.

Mit Gewalt zieht er ein Papier aus dem Drucker, das wie die Bewerbung von Penny aussieht. Die ist nun ganz zerknittert und sogar ein wenig eingerissen. Ein Stück davon ist bestimmt im Drucker geblieben, trotzdem macht Dallergut einen zufriedenen Eindruck.

»Endlich, da haben wir’s.«

Penny geht auf ihn zu, und er reicht ihr seine faltige schmale Hand. Sie wischt ihre vor Nervosität feuchten Hände schnell an ihrer Kleidung ab und ergreift sie.

»Guten Tag, Herr Dallergut, ich bin Penny.«

»Schön, Sie kennenzulernen. Ich habe mich auf Sie gefreut.«

Obwohl sein Büro einer schäbigen Abstellkammer ähnelt, strahlt er selbst Eleganz aus. Seine dunkelbraunen Augen leuchten wie die eines kleinen Jungen und strafen sein Alter Lügen. Schnell wendet sie den Blick ab, denn sie fürchtet, ihn zu lange angestarrt zu haben.

Das Büro ist voller Kisten, gefüllt mit Träumen. Manche Boxen sehen aus, als würden sie schon sehr lange dort liegen. Sie haben etwas Feuchtigkeit angezogen und wirken klamm. Aber manche scheinen auch recht neu zu sein und sind mit glänzendem Packpapier umhüllt.

Als wollte er ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich lenken, zieht Dallergut mit einem lauten Geräusch seinen Metallstuhl heran und setzt sich hin.

»Nehmen Sie bitte dort Platz.« Dallergut zeigt auf einen Stuhl. »Machen Sie es sich bequem. Hier sind meine Lieblingskekse, greifen Sie zu.« Er reicht ihr lecker aussehende Nusskekse.

»Vielen Dank.«

Nach einem Bissen merkt sie, dass die Spannung in ihren Schultern nachlässt und die Luft angenehm kühl wird. Merkwürdigerweise kommt ihr das fremde Büro vertraut vor. Sie fühlt sich, als ob sie in ihrem Lieblingscafé eine Tasse mit einem Extraschuss des Beruhigungssirups getrunken hätte. In diesem Keks steckt bestimmt eine besondere Kraft mit großer Wirkung.

»An Ihren Namen«, beginnt er, »erinnere ich mich ganz genau. Ihre Bewerbungsunterlagen sind beeindruckend. Das Beste war der Satz: ›Ganz gleich, wie toll ein Traum sein mag, ein Traum bliebt ein Traum.‹«

»Ja? Ach, das, das ist …«

Penny erinnert sich, ihrer sonst nicht besonderen Bewerbung einen provokanten Satz hinzugefügt zu haben, um Eindruck zu hinterlassen. Hat er sie etwa eingeladen, weil er diesen Grünschnabel sehen wollte, der mutig solche Unterlagen eingereicht hatte? Das hätte sie sich eigentlich schon denken können, als sie mit ihren nicht wirklich außergewöhnlichen Anlagen weiterkam.

Besorgt studiert sie Dallerguts Miene. Glücklicherweise sieht er nicht so aus, als würde er sie frech finden. Ernst und interessiert betrachtet er sie.

»Es freut mich, dass Sie das beeindruckt hat«, sagt sie vorsichtig und versucht, seine Gedanken zu erraten.

»Nun, kommen wir zum Thema.« Als ob er sich eine Frage überlegen würde, hebt er den Kopf und blickt zur Zimmerdecke hinauf. »Was halten Sie von Träumen? Erzählen Sie freiheraus.«

Penny schluckt. Das ist aber schwierig zu beantworten. Sie atmet tief durch und versucht, sich an die Musterlösung aus den Büchern zu erinnern.

»Nun ja, in Träumen erlebt man, was in Wirklichkeit nicht möglich ist, und der Traum ist das Äquivalent eines unglaublichen Ereignisses, und als solches …«

Sie hält inne, als sie seinen enttäuschten Gesichtsausdruck registriert. Da fällt ihr ein, dass andere Bewerber vor ihr die gleiche Antwort gegeben haben müssen.

»So habe ich mir die Person, die diese Zeilen geschrieben hat, nicht vorgestellt.« Dallergut zupft an den Bewerbungsunterlagen herum, ohne Penny eines Blickes zu würdigen.

Instinktiv erkennt sie, dass sie sich mit ihrer Antwort gerade eben ins Aus geschossen hat. Sie hat das Gefühl, als würde sich eine dunkle Wolke über ihrem Kopf zusammenbrauen. Irgendwie muss sie die Kurve kriegen. Also fährt sie fort: »Selbst wenn man im Traum alles Mögliche erlebt, kann ein Traum nie zur Realität werden!«

Jetzt weiß sie nicht einmal mehr, was sie da redet. Sie ist nur besessen davon, etwas anderes als die anderen zu sagen. Dallergut scheint das so zu wollen. Und wenn sie bisher nur deshalb nicht ausgeschieden ist, weil ihm der Satz »Ein Traum bleibt ein Traum« gefallen hat, dann muss sie jetzt konsequent dabei bleiben. »Ich bin der Meinung, dass selbst ein guter Traum nach dem Aufwachen ins Nichts verblasst.«

»Aus welchem Grund?« Er sieht ernst aus.

Sie gerät in Verlegenheit. Es gibt natürlich keinen triftigen Grund für ihre Improvisation. Obwohl es sich nicht gehört, stopft sie den übrig gebliebenen Keks in ihren Mund, kaut hastig und schluckt ihn hinunter, um durch dessen Kraft etwas Unterstützung zu bekommen. »Es gibt keinen besonderen Grund. Ich habe gehört, dass die Kunden die meisten Träume vergessen. Darum meine ich, dass ein Traum nur ein Traum ist und nach dem Aufwachen nichts übrig bleibt. Genau deshalb stört ein Traum auch die Wirklichkeit nicht. Dass der Traum sich nicht auf das wirkliche Leben auswirkt, dieses Maß finde ich gut.«

Penny schluckt. Sie hat geantwortet, was ihr gerade in den Sinn kam. Denn sie dachte, das wäre immer noch besser, als sich anzuschweigen. Hat diese Antwort den Gesprächsfluss unterbrochen?

»Nun gut. Ist das alles, was Sie zu Träumen sagen möchten?«, fragt er teilnahmslos.

Sie beschließt, wenn es für sie sowieso schlecht aussieht, alles anzubringen, was sie vorbereitet hat. Wenn sie aus diesem Büro geht, wird sie nie wieder eine Gelegenheit dazu bekommen.

»Bevor ich herkam, habe ich ›Die Geschichte über den Gott der Zeit und die drei Jünger‹ gelesen. In der Geschichte wollte der dritte Jünger die Zeit des Schlafes verwalten, obwohl die anderen kein Interesse daran hatten.«

Penny kann an seinem Gesicht erkennen, dass Assams Empfehlung von unschätzbarem Wert gewesen war. Endlich sieht Dallergut sie wieder mit interessiertem Blick an.

»Ich konnte die Entscheidung des dritten Jüngers eigentlich nicht nachvollziehen. In der Zukunft stecken grenzenlose Möglichkeiten, alles kann geschehen. Und in der Vergangenheit gibt es viele wertvolle Erfahrungen. Die Hoffnung für die Zukunft und die Lehren aus der Vergangenheit, das sind zwei Sachen, die sehr wichtig für das Leben in der Gegenwart sind.« Dallergut nickt kaum merklich, während Penny fortfährt: »Was ist im Vergleich dazu der Schlaf? Während wir schlafen, geschieht nichts. Menschen liegen nur in ihren Betten und die Zeit vergeht. Man könnte es als Erholung bezeichnen, doch viele sehen diese Zeit bestimmt als Verschwendung an. Im gesamten Leben schläft man schließlich mehrere Dutzende Jahre. Dennoch vertraute der Gott der Zeit dem dritten, seinem Lieblingsjünger, die Zeit des Schlafes an. Er sollte dafür sorgen, dass die Menschen im Schlaf träumen. Warum hat er das getan?«, fragt sie sich selbst, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. »Jedes Mal, wenn ich über Träume nachdenke, hole ich mir diese Frage ins Gedächtnis: Warum schlafen die Menschen und warum träumen sie? Ich denke, es liegt daran, dass alle Menschen unvollkommen sind und jeder auf seine eigene Weise dumm. Diejenigen, die wie der erste Jünger nur nach vorn schauen, und die, die wie der zweite Jünger an der Vergangenheit hängen, beiden kann es passieren, dass sie etwas Wichtiges übersehen. Deshalb hat der Gott dem dritten Jünger die Zeit des Schlafes überlassen, damit er ihnen helfen kann. Wissen Sie, warum? Ein erholsamer Schlaf lässt die Sorgen von gestern wie Schnee im Sonnenschein dahinschmelzen, und die Kraft für heute kommt wieder. Genau das ist es. Ganz gleich, ob man traumlos schläft oder einen guten Traum träumt, den man in diesem Kaufhaus gekauft hat, jeder nutzt die Zeit des Schlafes, um das Gestern zu verarbeiten und sich auf das Morgen vorzubereiten. Aus dieser Sichtweise ist die Zeit des Schlafes nicht mehr nutzlos.«

Penny hat ihre Antwort gut verpackt. Sie bewundert sich selbst, dass ihr heute alles so leicht über die Lippen gegangen ist. Sie wird nun selbstbewusster und will mit einer Redensart beeindrucken: »Meiner Meinung nach … gleichen Schlaf und Traum … in diesem sich hektisch fortsetzenden linearen Leben einem Komma, das vom Gott der Zeit gesetzt wurde!«

Zufrieden beendet sie ihren Monolog. Dallerguts Gesichtsausdruck ist schwer zu durchschauen. Vielleicht waren ihre letzten Worte einen Tick zu künstlich. Sie hätte aufhören sollen, als es gut lief.

Nun herrscht bleierne Stille. Hinter der Tür wimmelt es von Kunden, doch Dallerguts Büro gleicht einer isolierten Zelle, weit entfernt von all dem Trubel. Auf einmal ist Penny durstig.