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In "Das Kind" entführt Ernst Eckstein die Leser in die komplexe Welt der kindlichen Psyche und der elterlichen Verantwortung. Mit einem eindringlichen, oft poetischen Stil verbindet er psychologische Einsichten mit einer tiefen Humanität. Die narrative Struktur wurde von der Literatur der Jahrhundertwende beeinflusst, was sich in der intensiven Charakterzeichnung und der präzisen Wahrnehmung von gesellschaftlichen Fragen widerspiegelt. Eckstein erforscht die Spannungen zwischen Individuum und Gesellschaft und beleuchtet die Herausforderungen, denen sich Eltern in der Erziehung ihrer Kinder gegenübersehen. Ernst Eckstein, geboren 1861, war nicht nur Prosaautor, sondern auch ein leidenschaftlicher Psychologe und Pädagoge, dessen eigenen Erfahrungen als Lehrer und Vater ihn nachhaltig prägten. Diese tiefen Einblicke in die inneren Konflikte und Fragen der Kindheit lassen sich direkt in seine Werke übertragen. Ecksteins literarische Karriere ist auch von einem weiten Spektrum an sozialkritischen Themen geprägt, die er mit Feingefühl und einem scharfen Blick für Details behandelt. "Das Kind" ist nicht nur ein Buch über Erziehung, sondern auch eine herzliche Aufforderung, sich mit den eigenen Kindheitserinnerungen und den damit verbundenen Gefühlen auseinanderzusetzen. Es empfiehlt sich für Leser, die die Zusammenhänge zwischen Kindheit, Bildung und Identität verstehen und reflektieren möchten. Diese Lektüre ist ein wertvolles Werkzeug für Eltern, Pädagogen und alle, die das Kind in sich selbst neu entdecken wollen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Graf Authenried trat, zur Abfahrt gerüstet, ins Speisezimmer, wo sich die übrigen Hausgenossen gerade vom Frühstück erhoben. Er selbst hatte in großer Hast ein paar Tassen Thee hinunter gestürzt, einen Zwieback zerbröckelt und Hals über Kopf Toilette gemacht, um noch rechtzeitig den Personenzug in Hoyersbrück zu erreichen. Der Landauer mit den zwei Edelrappen stand seit zehn Minuten schon vor der Einfahrt.
»Amüsiert euch gut!« sagte der Graf und stülpte den braunen Filz mit den Spielhahnfedern über das volle, etwas ungebändigte Haar. »Gegen halb neun bin ich, so Gott will, zurück! Somsdorff, ich bitte mir aus, daß Sie nicht gar zu viel musizieren und Litteratur schwatzen, wenigstens nicht vor den Bücherregalen! Führen Sie meine Frau hübsch hinaus in den Park; meinetwegen nach Gehlberg oder den Fluß entlang! Von dem ewigen Sitzen wird sie noch melancholisch. Hörst du, Adele? – Adieu! Adieu, lieber Somsdorff! Adieu, Kleine! Adieu, Miß Harriet!«
Das alles ward eilig und wie im Bann einer gewissen Zerstreutheit hervorgestoßen. Die letzten Worte galten der fünfjährigen Tochter des Hauses und ihrer englischen Gouvernante, die sich jetzt ehrerbietig verneigte, nachdem die Thüre längst schon hinter dem Grafen ins Schloß gefallen. Das Kind hatte nur flüchtig genickt und »Gute Reise!« gemurmelt; es mochte wissen, daß sein Papa kein Freund von Umarmungen und ähnlichen Sentimentalitäten war, besonders nicht, wenn er sich so mitten im Strudel seiner »fachmännischen« Interessen befand.
Und diese Interessen nahmen ihn jetzt wieder völlig in Anspruch. Mit Leib und Seele ritt er sein Steckenpferd, über dem er fast alles vernachlässigte, was sonst den Menschen wichtig und teuer ist: die leidige Numismatik[1].
Gräfin Adele wenigstens hatte der sonst so harmlosen Wissenschaft dieses Epitheton beigelegt: denn die Münzkunde verschlang bei Gerold Graf Authenried mehr und mehr den Gatten, den Vater, den Menschen.
Es war eine Monomanie, gegen die sich mit ruhiger Vernunft ebensowenig ankämpfen ließ, als mit Freundlichkeit oder vollends mit Trotz[1q]. Ab und zu ebbte die Monomanie; dann kamen Tage der Ausspannung, die der Geselligkeit und dem Sport, vornehmlich der Jagd, gewidmet, oft auch mit Zechgelagen und sonstigem unerquicklichen Treiben ausgefüllt wurden. Für die Familie aber hatte Graf Gerold nichts übrig; sobald er sich mit Adele und seinem Töchterchen auch nur für Stunden allein sah, ergriff ihn eine seltsame Unrast, ein Drang, diesen Kreis zu erweitern, Elemente hereinzuziehen, die ihn besser und stärker beschäftigten, als die sanfte, in seiner Gegenwart etwas schweigsame Frau und das blonde, plappernde Püppchen. Uebrigens fing auch die kleine Josefa schon an, ihr lebhaftes Plauderbedürfnis einzudämmen, sobald sich der Vater zeigte, und ganz zu verstummen, sobald sie ihn unter dem Bann seiner Numismatik wußte. Die fremde Vokabel war ihrem Ohre geläufig geworden, noch eh' ihre Lippen sie aussprechen konnten[2q].
Graf Authenried wollte über Hoyersbrück nach Groß-Zeschau, der benachbarten Kreisstadt, wo vor kurzem der alte Rektor der berühmten Lateinschule Alma Ruperta, Professor Doktor Justus Spelhagen, Verfasser eines epochemachenden Werkes »De aureo Caracallae«, verstorben war und eine zwar kleine, aber sehr wertvolle Münzsammlung hinterlassen hatte, die heute zur öffentlichen Versteigerung gelangte. Der Pfarrer von Hoyersbrück, der sich gleichfalls für Numismatik interessierte, hatte den Grafen zuerst auf diese schöne Gelegenheit, sein Münzkabinett zu vergrößern, aufmerksam gemacht und sich erboten, ihn nach dem Schauplatze der Auktion zu begleiten, was Authenried mit großer Lebhaftigkeit acceptierte, schon deshalb, weil er so während der mehrstündigen Fahrt im Coupé einen Genossen hatte, mit dem er den Katalog der Sammlung ausführlich besprechen und Ansicht um Ansicht verständnisvoll austauschen konnte.
Auch Leo von Somsdorff, der jetzt mit Gräfin Adele, der kleinen Komteß und der englischen Gouvernante im Speisezimmer zurückblieb, war nur auf dem Wege über die Numismatik in die bevorzugte Stellung aufgerückt, deren er sich bei Graf Authenried unleugbar erfreute. Somsdorff war Diplomat und Historiker. Mehrere Jahre lang der deutschen Botschaft in Sankt-Petersburg attachiert, hatte er dort die geschäftliche Praxis, vor allem aber das flirrende, von schalster Genußsucht durchsetzte Treiben der Petersburger Gesellschaft so gründlich kennen gelernt und mit so großem Erfolg die Rolle des eleganten Eroberers gespielt, daß ihm dies ganze zwar emotionsreiche, aber innerlich öde Leben plötzlich zuwider ward. Er nahm seinen Abschied, fest entschlossen, so bald als möglich zu heiraten und sich dann irgendwo als Privatdozent für neuere und neueste Geschichte zu habilitieren. Carriere im gewöhnlichen Sinne des Wortes brauchte er nicht zu machen; im Besitz eines ansehnlichen Vermögens war er vollständig unabhängig.
Da vertrat ihm das Schicksal in Gestalt der Gräfin Adele unerwartet den Weg, den er sich vorgezeichnet. Bei einem Diner in der Hauptstadt, wo sich die Authenrieds während der hohen Saison aufhielten, hatte er die kaum dreiundzwanzigjährige Frau kennen gelernt, und schon in der ersten Minute all seine trefflichen Vorsätze über Bord geschleudert. Das hübsche, hochblonde Mädchen, das ihm die Dame des Hauses nicht ohne Absicht als Partnerin zugeteilt hatte, fand ihn an diesem Tag von empörender Monotonie; die andere Seite, ein übermütiges junges Geschöpf, das allenthalben Triumphe zu feiern gewohnt war, urteilte noch vernichtender. Selbst der Hausfrau, die doch um zehn oder zwölf Plätze von Somsdorff entfernt saß, entging es nicht, daß der sprühende Kavalier, der sonst mit tändelnder Leichtigkeit ein ganzes Kollegium von Damen zu unterhalten wußte, diesmal völlig verwandelt schien und erst gegen Schluß der Tafel – nachdem er sich insgeheim einen Feldzugsplan zurechtgelegt hatte – wieder ein wenig auftaute.
Dieser Feldzugsplan paßte weit mehr zu dem Geist und der Tonart seiner Sankt-Petersburger Vergangenheit, als in den ernst-idyllischen Traum des deutschen Privatdozenten. Ein dunkles Gefühl, daß sein Rückfall etwas Beschämendes habe, drückte ihm zwar zu Anfang die Brust; als er jedoch, während der Kaffee gereicht wurde, neben dem Sessel Adelens wie zufällig Platz nahm und mit jeder Minute andachtsvoller dem Klang ihrer Stimme lauschte, die so reich und so klar an sein Ohr schlug, und dennoch wieder so mild verschleiert, wie ein süßes Geheimnis: da war es aus mit den letzten Zuckungen seines Gewissens; der Don Juan von einst lebte mit drohender Allgewalt wieder auf; die Leidenschaft schlug ihm in rasender Lohe über dem Haupt zusammen.
Natürlich war er ja Menschenkenner genug, um sich zu sagen, daß diese Frau nicht in eine Kategorie gestellt werden dürfe mit den halbasiatischen Edeldamen, die sich ihm häufig genug an den Hals geschleudert, noch eh' er mit einigem Ernste um sie geworben hatte. Aber die wundersamen Erfahrungen in der russischen Metropole hatten ihn doch zu gründlich verdorben, als daß er die Möglichkeit eines Mißerfolges überhaupt erst in Frage gezogen hätte. Dort gab es nur offene Städte, hier stand er einer wohl verteidigten Festung gegenüber; er mußte die Taktik ändern: das war der Unterschied.
Je länger sein Zwiegespräch mit Gräfin Adele sich ausdehnte – man ließ die beiden geflissentlich ungestört – desto entschiedener kam er zur Ueberzeugung, daß hier die äußerste Vorsicht geboten sei. Jede Leichtfertigkeit des Tons, jede sonst vielleicht zündende Keckheit schien ausgeschlossen. Trotz der lebhaften Teilnahme, die sie bekundete, wenn er ihr, fast wider Willen ernst werdend, seine Ideen über Gesellschaft und Litteratur, über Leben und Kunst, über Menschen und Dinge entwickelte, trotz der Wärme, die manchmal blitzartig ihren herrlichen Augen entstrahlte, war doch die Gräfin ganz offenbar von jener Unnahbarkeit eingehüllt, die sich nicht wehren zu müssen glaubt, weil der Gedanke des Angriffs ihr vollständig fern liegt.
Somsdorff durchschaute das schließlich; doch die Erkenntnis heilte nicht seine Leidenschaft. Im Gegenteil: je mehr er die Schwierigkeit dieser Eroberung einsah, um so glühender sann er auf ihre Verwirklichung. Die Eitelkeit des verwöhnten Frauenlieblings bäumte sich auf; die halbe Stunde, die er mit Gräfin Adele verplaudert hatte, war ausreichend gewesen, um den leidlich vernünftigen Freiersmann in das klägliche Wirrsal einer längst überwundnen Epoche der Frivolität und der Haltlosigkeit zurückzuschleudern.
Den Rest des Tages verbrachte er fast ausschließlich in der Nähe des Grafen Authenried. Mit der Findigkeit des Verliebten hatte er sofort ausgespürt, wo der Herr Graf am schnellsten zu packen sei, was ohnedies nicht schwer hielt, da dieser widerspruchsvolle Sonderling, der sonst so verschlossen war, just in dem einen Punkte das Herz auf der Zunge trug. Somsdorff besaß schon als Historiker immerhin mehr numismatisches Wissen, als die meisten Personen, die Gerold mit irgend einem interessanten oder uninteressanten Problem festzunageln versuchte. Kurz, beim Abschied in der Garderobe war die »Freundschaft« zwischen den beiden Männern so gut wie besiegelt, und Somsdorff hatte dem Grafen versprechen müssen, im Frühjahr nach Schloß Authenried-Poyritz zu kommen, um die gräfliche Sammlung und die nicht minder merkwürdige Bibliothek zu bewundern.
Das hatte sich in den letzten Tagen des März ereignet. Anfang April war die Familie Authenried nach Paris und von da nach Brüssel gereist, wo der Graf allerlei wissenschaftliche Zwecke verfolgte, während die Gräfin mit großem Eifer nach einer französischen Gouvernante suchte, einem Gegenstück zu der vortrefflichen, anspruchslosen und äußerst zuverlässigen Engländerin Miß Harriet. Die Gräfin hegte nämlich die Ansicht, es sei für ihre Josefa zweckmäßig, beide Sprachen frühzeitig nebeneinander zu hören, und ihr Gemahl, obschon er diese Meinung nicht teilte, ließ ihr in allen Erziehungsfragen vollständig freie Hand. – Adele fand nicht, was sie beanspruchte; bei der unendlichen Zärtlichkeit ihres Mutterherzens legte sie an den Charakter und das Wesen der Damen, die ihr in Vorschlag gebracht wurden, einen vielleicht gar zu kritischen Maßstab. Um so befriedigter schien der Herr Graf. Die Herren vom Institut de France, denen er seine Aufwartung machte, waren die Liebenswürdigkeit selbst gewesen, sehr im Gegensatze zu einem berühmten deutschen Professor, der ihn, bei aller äußern Höflichkeit, nicht hinlänglich ernst genommen, sondern sogar das impertinente Wort »Dilettant« gebraucht hatte. Auch in Brüssel war ihm das meiste nach Wunsch gegangen, bis auf die gar zu kostspielige Erwerbung einiger Prachtstücke, die jetzt allerdings zu den Perlen seiner famosen Sammlung gehören und dem Somsdorff kolossal imponieren würden.
Kaum auf Schloß Authenried-Poyritz angelangt, schrieb er dem jungen Historiker, – und zwei Tage später, am zehnten Mai, langte der ehemalige Attaché, alle Träume seiner Petersburger Vergangenheit in der Seele, mit Sack und Pack an.
»Ein paar Wochen müssen Sie bleiben!« hatte der Graf geschrieben, – und »Nur zu gern!« dachte der fieberglühende Unhold, als bei dem Namen »Graf Authenried« die schlanke, volle Gestalt Adelens mit den tiefschwarzen Augen und dem bezaubernden Lächeln um den süßen, küßlichen Mund lebenswahr vor ihm auftauchte.
Nun war er fast eine Woche schon hier, hatte die Sammlung des Grafen Stück für Stück eifrig studiert und glossiert, einen Enthusiasmus entwickelt, der selbst dem Grafen manchmal zu stark erschien, und sich mit jedem Tag unauflöslicher in das Netz verstrickt, das die Schönheit und mehr noch die undefinierbare weibliche Anmut Adelens über sein thörichtes Herz warf.
Merkwürdigerweise hatte der Graf seinen Gast während der letzten Zeit wenig in Anspruch genommen. Authenried schien sich in seinem Mitteilungsdrange erschöpft zu haben. Vielleicht auch fürchtete er, einen so schätzbaren und verständnisvollen Gesinnungsgenossen durch Uebertreibung sich abspenstig zu machen. Somsdorff hatte doch jedenfalls noch andere Interessen, die Pflege und Nahrung verlangten: er selbst, Graf Authenried, empfand ja zuweilen eine Art Ueberdruß, der ihn veranlaßte, das Bibliothekzimmer und die Sammlungsräume grundsätzlich wochenlang zu meiden, sich Ferien zu gönnen, wie er sich ausdrückte, und diese Ferien in derber Genußfreudigkeit auszunützen. Mochte der junge Mann daher bummeln, während Graf Authenried jetzt nach der Kreisstadt fuhr! Mochte er unter den großen Ulmen des Parks seine türkische Cigarette rauchen, mit Josefa Ball spielen, mit Adele über Händel und Bach schwatzen und sich ein wenig die Flügel bei ihr verbrennen!
Graf Authenried mußte in der Betonung der Worte »Adieu, lieber Somsdorff!« etwas von diesem letzten Gedanken, vielleicht unwissentlich, ausgedrückt haben; denn Somsdorff fühlte sich, wie er sie jetzt in sich nachklingen ließ, unbehaglich, nagte ein wenig die Lippen und warf der Gräfin, die sich just mit Josefa beschäftigte, einen forschenden Blick zu. Hielt ihn dieser unbegreifliche Mensch mit der kalt berechnenden Stirn und dem gutmütig scheinenden Lächeln für so ungefährlich, daß er ihn gleichsam einlud, einen Sturm zu versuchen? Oder war er seiner Gemahlin so absolut sicher? Wie standen die zwei überhaupt? Graf Gerold zählte kaum vierzig Jahre; Adele war im April vierundzwanzig geworden. Bei dem stattlichen, frischen, eigentlich auch ganz sympathischen Aeußern des Grafen konnte daher von einem Mißverhältnis in dieser Beziehung durchaus nicht die Rede sein. Im Verkehr mit Adele war er wohl nicht gerade herzlich, aber doch ebenso wenig schroff oder unfreundlich. Daß Ehemänner nicht recht zu würdigen scheinen, welch einen köstlichen Schatz sie in ihrer Gattin besitzen, das gehörte zu den Alltäglichkeiten. Vielleicht spielte Graf Authenried die Rolle des Gleichgültigen nur der Welt gegenüber?…
Leo von Somsdorff beschloß, bei nächster Gelegenheit über diese gewichtigen Fragen ins klare zu kommen. Adele hatte ihm während der kurzen Zeit seiner Anwesenheit so viel Vertrauen entgegengebracht, daß er eine diskrete Andeutung wohl riskieren konnte, um so mehr, als er bis jetzt ja mit keiner Miene aus der für zweckentsprechend erkannten Rolle ehrlicher, wunschloser Freundschaft herausgetreten war, ihr nicht einmal bei der ersten Begrüßung die Hand geküßt oder sie sonst mit auffälligen Galanterieen umgeben hatte. Vielleicht that es ihr wohl, nach Jahren des Duldens und Schweigens einmal ihr bekümmertes Herz auszuschütten. Daß dieses Herz heimlich bekümmert war, obschon er die Ursache nicht mit Bestimmtheit enträtseln konnte, das ließ er sich durch alles, was etwa dagegen sprach, nicht wegdemonstrieren. Für die nötige Stimmung zur Beichte wollte er sorgen. Hatte die Stimmung ihr Werk gethan, waren die Worte gefallen, die ihn zum Mitwisser ihrer Geheimnisse machten, dann wurde aus dem selbstlosen Freund im Handumdrehen der zärtliche Tröster, dem sich die Schluchzende blindlings zu eigen gab.
»Miß Harriet,« klang jetzt die Stimme Adelens, »drücken Sie auf die Klingel! Bitte, zweimal!«
In der Thüre erschien das Kammermädchen.
»Frida, den Gartenhut für die Kleine! Miß Harriet, ich überlasse Sie heut Ihrem Schicksal! Sie werden nicht böse sein, den Vormittag mit Ihrem Homer zu verbringen! Sie liest nämlich seit einigen Tagen die Ilias…«
»In der Ursprache?« fragte Leo von Somsdorff.
»Oh, no!« stammelte Harriet errötend. »In deutsch.«
»Sind Sie bereit?« wandte die Gräfin sich freundlich zu ihrem Gast. »Das Wetter ist herrlich, – ein Frühlingstag. … Ich begreife uns nicht, daß wir nicht gleich den Thee auf der Veranda genommen…«
»Es waren nur dreizehn Grad,« sagte die Engländerin. »Unsre Josefa möchte sich doch wohl erkältet haben. Augenblicklich bei fünfzehn ordne ich an…«
Gräfin Adele trat in die prächtige Vorhalle, die nach dem Park führte. Sie warf einen Blick auf das Thermometer.
»Kaum glaublich, wie schnell die Temperatur jetzt steigt!« sprach sie zu Herrn von Somsdorff. »Der Nachmittag wird sogar heiß werden. Kommen Sie!«
Ihr Kind bei der Hand fassend, schritt sie die aristokratisch breiten Marmorstufen der großen Freitreppe hinunter, langsam und königlich, und dennoch in jeder Linie schwellende, hingebungsvolle Weichheit, mädchenhaft liebliche Unbewußtheit. Es lag wirklich etwas Madonnenhaftes in ihrer Art – nur ohne das Ewig-Ueberirdische, das wir sonst wohl mit diesem Begriff zu verbinden gewohnt sind. Das lichtblaue Sergekleid, der große, bändergeschmückte Strohhut, das glatte, schwer-goldene Armband über dem dänischen Handschuh, der hellrot gefütterte Atlasschirm, den sie von Zeit zu Zeit hin und her drehte, – das alles verlieh ihr einen bestrickenden Hauch von weltlicher Eleganz, von Freude am Schönen, man hätte fast sagen mögen: von lockender, frauenhafter Gefallsucht.
Leo von Somsdorff war vor Entzücken außer sich. Ach, und wie sie sich jetzt zu dem plaudernden Kind neigte und ihm Antwort gab, während die sammetschwarzen, oft so nachdenklich melancholischen Augen vor Mutterglück leuchteten! Wie schön sie war und wie gut, wie hold und begehrenswert!
Fünf Minuten lang ging er so neben ihr her, keines Wortes mächtig. Man schritt an dem großen Teiche vorüber, in dessen Mitte ein armsdicker Strahl haushoch emporsprang. Der Morgenwind trieb einen leisen Sprühregen über die Wasserfläche; die Maisonne warf in die stiebenden Tropfen ihr Licht; ein Regenbogen malte sich traumhaft gegen das Grün der Platanen. Josefa jubelte. Sie zeigte nicht übel Lust, sich von der schützenden Hand der Mama zu lösen und näher zur Balustrade zu treten. Die Gräfin jedoch hielt sie fest, warnte sie vor der Nixe, die allzudreiste Kinder hinabziehe, erinnerte sie an die Geschichte vom Sturmvogel, die Miß Harriet jüngst mit so grausiger Anschaulichkeit erzählt hatte, und erhielt das Versprechen, die Kleine werde sich nie an die Brüstung heranwagen.
Leo von Somsdorff hörte das schweigend mit an, hatte auch keinen Blick für das Blütenmeer, das sich jetzt von beiden Seiten aufthat, für die Pracht der Syringen, die Knospenfülle des Rotdorns, die duftige Anmut der kaum erschlossenen Akazien, sondern lauschte nur immerzu dem Klang dieser wonnigen Frauenstimme, bis ihm die Gräfin, als man das Parkthor erreicht hatte, durch einen scherzhaften Vorwurf seine Wortkargheit zum Bewußtsein brachte.
»Verzeihen Sie,« bat er; »ich hörte eifrig mit zu. Was ist das für eine Geschichte vom Sturmvogel?«
»Eine sehr ernsthafte,« sagte die Gräfin mit einem Seitenblick auf Josefa. »Nicht wahr, Kleinchen? Erzähl' sie doch mal!«
»Ach, jetzt…!« schmollte das Kind mit einem flehenden Augenaufschlag. »Ich möchte jetzt Blumen pflücken…«
»Nun, wie du willst! Aber such' nur die schönsten, und rauf' mir nicht gleich so die halbe Wiese hinweg! Nein, weiter links! An dem Bach dort holst du dir nasse Füße!«
Josefa sprang eilends davon.
»Es ist nichts mit dem Sturmvogel,« sagte die Gräfin, als nun das Kind außer Hörweite war. »Eine Historie zum Abschrecken, so gut und so schlecht, als hundert andre. Ich glaube, Miß Harriet, die treue Seele, hat sich das Märchen aus eigner Kraft konstruiert, denn es paßt wie angegossen auf unsre lokalen Verhältnisse, – hier auf den Teich mit den steinernen Balustraden, dort auf den Fluß. Merkwürdig, daß Josefa so viel Sympathie fürs Wasser zeigt.«
»Vielleicht nur deshalb, weil man sie gar zu fern davon hält. Ich sah auf dem Teiche, der doch groß genug dazu wäre, keinerlei Fahrzeug. Weshalb läßt man die Kleine nicht gondeln?«
»Um Gottes willen!«
