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Simon Below begibt sich mit diesem Buch auf den Weg, Eltern genauso wie Pädagogen und alle, die mit Kindern zusammen sind, wieder in ihre eigentliche Verantwortung zu führen. Denn Kinder brauchen verlässliche, stabile, emphatische und verfügbare Erwachsene an ihrer Seite. "Das kinderfressende System" zeigt uns, warum es so wichtig ist, uns nicht mehr nur vom Vergangenen und dem Außen leiten zu lassen und warum es so entscheidend für unsere Kinder ist, dass wir unsere eigenen Kindheitserfahrungen und Traumata aufarbeiten, um zurück zu unserer Intuition zu kommen und ihnen einen unbelasteten Start ins Leben zu ermöglichen. Die glückliche Kindheit und das zufriedene Erwachsensein beginnt im Bewusstsein der Eltern. Durch eine gelungene Mischung aus wissenschaftlichen Fakten, beruflichen und privaten Erfahrungen, Gesellschafts- und Systemkritik und viel Herz für unsere Kinder führt Simon Below uns in die innere Auseinandersetzung über die wirkliche Bedeutung unseres Daseins. Mit dem vorliegenden Buch "Das kinderfressende System" hat er sich ein hohes Ziel gesetzt. Er regt uns zum Umdenken an, bevor das System auf Kosten unserer Kinder und deren Kinder kollabiert. Er sagt uns nicht, was wir tun sollen, sondern legt uns nahe, nachzudenken, uns zu besinnen auf das, was Kindheit, Aufwachsen und Leben für uns ausmacht und was wir schließlich an unsere Kinder weitergeben. Er plädiert dafür, einzulenken, neu zu denken, eine Veränderung zu schaffen: eine Veränderung, die unsere Kinder und die nachfolgenden Generationen dringend brauchen, um gesund aufwachsen zu können.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2019
Simon Below
Das kinderfressende System
Danksagung
Ich bedanke mich hiermit ausdrücklich bei allen meinen bisherigen Klienten in der Kinder- und Jugendhilfe für die Erfahrungen, die ich mit ihnen machen durfte.
Ich danke meiner geschätzten Kollegin Christine Schlander für ihren Einsatz bei der Entstehung dieses Buches und vor allem möchte ich einen großen Dank an meine liebe Frau richten. Ohne ihren unermüdlichen Einsatz beim Lektorieren wäre ich niemals fertig geworden.
Simon Below
Das kinderfressende System
Wie ganze Generationen von ihrem Potential abgeschnitten werden und wie einfach es ist, etwas dagegen zu tun!
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
© 2019 Simon Below
Umschlaggestaltung:
Simon Below
Lektorat:
Stefanie Below
Verlag:
tredition GmbH, Hamburg
ISBN Paperback:
978-3-7482-4930-6
ISBN Hardcover:
978-3-7482-4931-3
ISBN E-book:
978-3-7482-4932-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Kapitel 1 – Kernkompetenzen des Menschen
Kapitel 2 – Bindungen und Bindungssysteme
Bindungssystem und Bindungsmuster
Das sichere Bindungsmuster
Das unsicher-vermeidende Bindungsmuster
Das unsicher-ambivalente Bindungsmuster
Das desorganisierte Bindungsmuster
Konzepte für eine sichere Bindungsentwicklung
Betrachtungen der heutigen Situation
Kapitel 3 – Theorie der Bindungsstörungen
Entstehung von Bindungsstörungen
Schutz- und Risikofaktoren für Bindungsstörungen
Schutzfaktoren
Risikofaktoren
Typologien von Bindungsstörungen
Konsequenzen für die Begleitung junger Menschen, die sich direkt aus der Bindungstheorie ergeben
Für Sozialpädagogen und Erzieher
Für Eltern
Anforderungen an pädagogische Fachkräfte
Bindungstheorie im Kindergarten und der Tagesbetreuung
Bindungstheorie in der Schule
Bindungstheorie in der Kinder- und Jugendhilfe
Kapitel 4 – Ethik, Empathie und moralisches Handeln
Betrachtungen der heutigen Situation
Kapitel 5 – Kreativität
Faktoren für die Förderung von Kreativität
Kreativitätsförderung durch Naturerfahrungen
Betrachtungen der heutigen Situation
Kapitel 6 – Emotionale Entwicklung
Umgang mit Emotionen – Emotionsregulation
Erleben von Widerständigkeit
Betrachtung der heutigen Situation
Kapitel 7 – Intuitive Elternschaft
Betrachtung der heutigen Situation
Kapitel 8 – Psychische Entwicklung
Betrachtungen der heutigen Situation
Kapitel 9 – Natur als ureigenster Raum der menschlichen Entwicklung
Die Erfahrungen von Lebens- und Alltagsbewältigung innerhalb eines naturnahen Raumes
Die Erfahrungen von Verantwortungsbewusstsein, Kompromiss- und Friedensfähigkeit innerhalb eines naturnahen Raumes
Die Erfahrungen von Kreativität und Selbstbeherrschung innerhalb eines naturnahen Raumes
Förderung der kognitiven Fähigkeiten durch den Aufenthalt in der Natur
Betrachtungen der heutigen Situation
Zusammenfassung und Ausblick
Quellennachweis
Literatur
Vorwort
Eltern zu sein, Kinder beim Aufwachsen zu eigenständigen, selbstbewussten und resilienten (widerstandsfähig gegen äußere Einflüsse) Persönlichkeiten zu unterstützen und sie auf ihrem Weg zu glücklichen und in sich ruhenden Erwachsenen zu begleiten und zu bestärken ist eine – wenn nicht sogar die größte – Herausforderung unserer Zeit. Dabei wissen wir heute mehr über kindliche Entwicklung als jemals zuvor. Im Internet finden wir unzählige Foren und Beiträge zu Kindererziehung und pädagogischem Handeln sowie neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien. Die Büchereien sind voll mit Fachliteratur über Entwicklungsschritte von Kindern und neurobiologischen Erkenntnissen, Ratgebern zu richtigem Erziehungsverhalten und Erläuterungen zu pädagogischen Ansätzen.
Dennoch haben heute nur noch knapp über 50% unserer Kinder eine sichere Bindung; Diagnosen von ADHS und Autismussprektrumsstörungen nehmen immer mehr zu, Depressionen und Burn-out bei Kindern und Jugendlichen sind auf dem Vormarsch, Gewalt in Kindergärten und an Grundschulen stehen auf der Tagesordnung und Ritalin und andere Psychopharmaka im Kindesalter sind heute keine Ausnahme mehr. In jeder Grundschulklasse findet sich mindestens eine Handvoll Kinder, die durch ihr Verhalten als sozial-emotional auffällig gilt und scheinbar nicht mehr in der Lage ist, in den Strukturen unserer Gesellschaft zurechtzukommen. Und hierbei finden häufig nur die Kinder Beachtung, die auf die Missstände durch massives Verhalten hinweisen. Die stillen, in sich gekehrten und angepassten Kinder, die stumm leiden, die hören und erkennen wir im Kindesalter kaum. Es stellt sich also die Frage, warum unsere Kinder trotz all unseres Wissens und der Bemühungen um ein gesundes Aufwachsen immer mehr Krankheiten und Auffälligkeiten entwickeln.
Ein Blick ins Tierreich zeigt uns, dass eigentlich alle Tierarten instinktiv in der Lage sind, ihren Nachwuchs artgerecht auf das Leben vorzubereiten, ihnen alle notwendigen Fähigkeiten mitzugeben, ohne jedoch jemals ein Buch über Schwangerschaft, Geburt oder Erziehung gelesen zu haben. Was können die Tiere, was in unserem menschlichen Miteinander scheinbar verloren geht? Geht es im Sinne unserer Kinder wirklich um Anleitungen auf Basis von Können oder Wissen oder geht es eher um Intuition und um das Erspüren und Erkennen natürlicher menschlicher Bedürfnisse?
Eltern brauchen nicht noch einen Ratgeber, der ihnen Handlungsweisen und Instrumente vorgibt, die sie abarbeiten können, um dann doch festzustellen, dass dem Kind etwas fehlt. Simon Below begibt sich mit diesem Buch auf den Weg, Eltern genauso wie Pädagogen und alle, die mit Kindern zusammen sind, wieder in ihre eigentliche Verantwortung zu führen. Denn Kinder brauchen verlässliche, stabile, empathische und verfügbare Erwachsene an ihrer Seite. „Das kinderfressende System“ zeigt uns, warum es so wichtig ist, uns nicht mehr nur vom Vergangenen und dem Außen leiten zu lassen und warum es so entscheidend für unsere Kinder ist, dass wir unsere eigenen Kindheitserfahrungen und Traumata aufarbeiten, um zurück zu unserer Intuition zu kommen und ihnen einen unbelasteten Start ins Leben zu ermöglichen. Die glückliche Kindheit und das zufriedene Erwachsensein beginnt im Bewusstsein der Eltern.
Durch eine gelungene Mischung aus wissenschaftlichen Fakten, beruflichen und privaten Erfahrungen, Gesellschafts- und Systemkritik und viel Herz für unsere Kinder führt Simon Below uns in die innere Auseinandersetzung über die wirkliche Bedeutung unseres Daseins. Mit dem vorliegenden Buch #x201E;Das kinderfressende System#x201C; hat er sich ein hohes Ziel gesetzt. Er regt uns zum Umdenken an, bevor das System auf Kosten unserer Kinder und deren Kinder kollabiert. Er sagt uns nicht, was wir tun sollen, sondern legt uns nahe, nachzudenken, uns zu besinnen auf das, was Kindheit, Aufwachsen und Leben für uns ausmacht und was wir schließlich an unsere Kinder weitergeben. Er plädiert dafür, einzulenken, neu zu denken, eine Veränderung zu schaffen: eine Veränderung, die unsere Kinder und die nachfolgenden Generationen dringend brauchen, um gesund aufwachsen zu können. Jeder, der dieses Buch liest, kann daraus den Teil mitnehmen, den er im Moment leisten kann. Und jede Veränderung in unserer Haltung und dem Verhalten gegenüber unseren Kindern, die dieses Buch erreicht – und sei sie noch so klein –, zählt. Wir werden durch diese Auseinandersetzung eine Entwicklung, die seit Generationen voranschreitet, zwar nicht sofort stoppen und die Welt von heute auf morgen verändern, aber wir können die Welt unserer eigenen Kinder heute glücklicher und harmonischer machen und die Entwicklung für die Zukunft mit den Werten und Erfahrungen, die wir ihnen mitgeben, als Teil des Ganzen mit zum Positiven wandeln.
Christine Schlander – Mutter, Sozialpädagogin und Fachkraft für bindungsbasierte Pädagogik und Beratung
Einleitung
In meiner Praxis in verschiedenen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe lässt sich seit Jahren der Trend erkennen, dass die Kinder und Jugendlichen, die von Hilfemaßnahmen betroffen sind, Entwicklungen aufweisen, die sehr besorgniserregend sind. So zeigt sich, dass wichtige Eigenschaften wie kreatives Denken, Lösungsorientierung, emotionale Kontrolle, ethisches und moralisches Handeln, die Wahrnehmung des eigenen Selbst, das Spüren des eigenen Körpers und der eigenen Bedürfnisse nicht mehr ausgeprägt sind. Kinderpsychiater wie Michael Winterhoff schlagen bereits seit langem Alarm. Auch im Schulbereich zeigt sich, dass die Einrichtungen immer mehr auf die Hilfe von externen Fachleuten angewiesen sind, die Einzelbetreuung stark zunimmt und dass Gewalt neue Formen annimmt. Aus einer größeren Perspektive betrachtet wird klar, dass sich die Entwicklungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche in den letzten Jahrzehnten stark verändert haben. Dazu ist vorwegzunehmen: Die jungen Menschen entwickeln sich genauso, wie es ihren Möglichkeiten entspricht, sie sind also nicht grundsätzlich anders als Kinder in anderen Zeiten und Epochen. Körperlich und materiell sind sie heute meist gut versorgt (was Hygiene, Ernährung und materielle Güter angeht), geistig und seelisch und auf emotionaler Ebene aber werden sie in unserer Gesellschaft geradezu mangelernährt. Aus diesem Grund zeige ich in diesem Buch die meiner Erfahrung nach stark betroffenen Bereiche menschlicher Entwicklung auf. Es verdichtet sich im Verlauf dieser Schrift die These, dass unsere moderne Gesellschaft und das gesellschaftlich-politische System, in dem wir leben, für eine menschenwürdige Entwicklung eines Kindes nicht geeignet sind. Es ist zu betonen, dass das Ihnen vorliegende Buch keinen Erziehungsratgeber darstellt. An Erziehungsmethoden mangelt es unserer Gesellschaft nicht, es mangelt an dem Bewusstsein, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um junge Menschen ins Leben zu begleiten und eine optimale Entwicklung der Fähigkeiten zu ermöglichen, die ein Mensch über Jahrtausende fast automatisch erworben hat.
Dieses Buch richtet sich in erster Linie an Eltern, jedoch ebenso an Fachleute wie Sozialpädagogen, Erzieher, Lehrer usw. Für Sie alle ist es von entscheidender Bedeutung, zu verstehen, dass die bisher sicher geglaubte #x2013; da nicht hinterfragte #x2013; gesunde Entwicklung junger Menschen in unseren Zeiten nicht mehr gegeben ist und dass dies soweit führt, dass wir uns als Menschheit quasi beginnen auszulöschen, wenn wir die Entwicklung der (im ersten Kapitel näher erläuterten) Eigenschaften unseren Kindern nicht wieder ermöglichen. In erster Linie liegt dies in der Verantwortung der Eltern, denn unser momentanes System ist nicht in der Lage, diese Aufgabe zu übernehmen, weder in Kindergärten, Schulen noch in außerschulischen Bildungsinstitutionen. In einer Gesellschaft, die finanzielle Belange grundsätzlich an erste Stelle setzt, in der Firmen auf die Lehrpläne und die Familienpolitik mehr Einfluss haben als Fachpersonal, obliegt es den Eltern, dafür zu sorgen, dass ihre Kinder sich gut entwickeln können. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, müssen Eltern in der heutigen Zeit jedoch ein Bewusstsein über die Grundlagen der menschlichen Entwicklung erhalten. Die Verunsicherung durch Institutionen und Ratgeber, durch sich aus dem öffentlichen Diskurs (der öffentlichen Meinung) entwickelnde Ansichten und Meinungen und die unsichere Lage in heutiger Zeit in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht fordern Eltern immer mehr dazu auf, die Entwicklung ihrer Kinder weniger den Institutionen zu überlassen und stattdessen die Familie wieder selbst zu stärken. Das ist es auch, was dieses Buch schaffen möchte: den Eltern wieder ein Bewusstsein darüber zu ermöglichen, das sie bemächtigt, ihre Kinder selbst auf dem Weg zu gesunden und starken Individuen zu begleiten. Das ist auch genau das, was es von einem Erziehungsratgeber unterscheidet. Ich überlasse es Ihnen, ob und wie sie die Erkenntnisse aus diesem Buch umsetzen. Natürlich gebe ich Anregungen, aber ich werde Ihnen kein fertiges Rezept an die Hand geben. Eltern müssen hierfür wieder beginnen, selbstverantwortlich zu handeln, denn wo die institutionelle Bevormundung uns hingeführt hat, sehen wir in der heutigen Welt mehr als genug. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Schwächen und Stärken ist dabei allerdings unerlässlich, daher kann dieses Buch auch schmerzhaft sein. Es kann Eltern allerdings auch ermächtigen, sich mit dem aktuellen wissenschaftlichen Diskurs auseinander zu setzen, da es auf wissenschaftlicher Basis geschrieben und somit prüfbar ist. Zu diesem Zweck sind die Kapitel so aufgebaut, dass zunächst eine theoretische Grundlage geschaffen wird, die es ermöglicht, die Auswirkungen auf die Realität besser nachzuvollziehen. Im weiteren Verlauf eines Kapitels werden dann die praktischen Folgen erörtert und ein Blick auf die Realität geworfen. Ein Kapitel ist so angeordnet, dass Ersteres von Letzteren klar unterschieden werden kann.
Beim aufmerksamen Lesen dieses Buches werden Sie feststellen, dass manche Bereiche sich ergänzen oder auf den gleichen Ansätzen basieren. Das ist der Tatsache geschuldet, dass wir Menschen recht komplex aufgebaute Wesen sind und viele Bereiche der Entwicklung miteinander verbunden sind. Körperlich verstehen wir dies zumeist recht gut, wissen wir doch, dass unser Gleichgewichtssinn im Ohr liegt und eine Störung desgleichen bei Kindern zur Folge hat, dass sie nicht so gut laufen lernen können, obwohl Beine und Muskeln, Wirbelsäule und Füße an sich völlig in Ordnung sind. Genauso verhält es sich auf emotionaler, geistiger und psychischer Ebene. Die meisten Erfahrungen, die Menschen machen können, haben Auswirkungen auf vielen Ebenen, daher liegen in diesem Buch keine Wiederholungen in den einzelnen Kapiteln vor, sondern, der ganzheitlichen Betrachtung geschuldet, Ergänzungen eines anderen Themengebietes. Dies zeigt uns aber auch, dass es schwierig sein kann, sich nur auf die Meinung eines Fachmannes auf einem Gebiet zu berufen. Verdeutlicht werden kann dies am Beispiel ADHS: Werden einerseits genetische Auslöser, Impfungen oder Umwelteinflüsse zugrunde gelegt, geht ein anderer Ansatz von einer schwerwiegenden Beziehungsstörung aus Ursache für ADHS aus und zeigt ADHS somit eher als Sympton, als als eigenständige Krankheit. Geklärt sind die wahren Ursachen nicht endgültig und obwohl die Argumente für die Beziehungsstörung einleuchtender sind, werden Kinder mit Medikamenten behandelt. Das Wissen um diese Zusammenhänge soll es Eltern ermöglichen, sich selbst wieder besser in die Diskussion mit Fachleuten und Institutionen einmischen zu können, denn es sind Ihre Kinder, liebe Eltern, und nicht die Kinder des Staates, der Gesellschaft oder der Pharmaindustrie.
Kapitel 1 – Kernkompetenzen des Menschen
Eine der Schlüsselfragen unserer modernen Gesellschaft lautet: Was müssen wir unseren Kindern mit an die Hand geben, um sie als für die Zukunft gerüstet betrachten zu können? Welche Fähigkeiten sind dies? Reichen die klassischen Schulfächer dafür wirklich aus?
Oft wird die menschliche Entwicklung am Bildungsbegriff festgemacht, daher soll im Folgenden zunächst beleuchtet werden, wie Bildung definiert wird und was diese mit dem Menschen anstellen soll.
„Der wahre Zweck des Menschen ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen“2. Dies ist die klassische Sichtweise auf Bildung, die sich während der Aufklärung in Deutschland herausgebildet hat. Demnach ist ein zentraler Punkt von Bildung die Entfaltung aller Möglichkeiten eines Individuums, und zwar harmonisch in allen Bereichen, nicht nur die kognitiven Möglichkeiten betreffend, sondern im „Zusammenhang von Kopf, Herz und Hand“3. Darin ist demnach auch die Entwicklung emotionaler und motorischer Fähigkeiten eingeschlossen. Ein Vertreter der gegenwärtigen Sozialwissenschaft, Günter J. Friesenhahn, sieht (2014) „Bildung als Zusammenspiel von unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten, z.B. auf kognitiver, sozial-emotionaler und handwerklich gestalterischer Ebene“4. Bildung umfasst demnach kognitive Kompetenzen, also Kulturtechniken, die es dem Individuum ermöglichen, sich den Wissensbestand einer Gesellschaft zu eigen zu machen; soziale Kompetenzen, die es dem Einzelnen ermöglichen, am gesellschaftlichen Leben und der Gestaltung der Gesellschaft teilzunehmen und innerhalb der Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen; emotionale Kompetenzen, die es dem Menschen erlauben, mit sich und seinen Emotionen und Gedanken umzugehen sowie praktische Kompetenzen, mit deren Hilfe der Mensch sich mit der stofflichen Welt auseinandersetzen kann5. Bildung bezieht sich demnach auf Fähigkeiten, die es in jedem Individuum zu fördern gilt, sie beschreibt einen Prozess, der in jedem Menschen selbst entstehen muss. Menschen sind hier Subjekt, Menschen können nicht gebildet werden, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten müssen sie selbst ausbilden, und an diesem Anspruch an Bildung muss sich das Bildungswesen orientieren6. Das Wiedergeben auswendig gelernter Inhalte beispielsweise wird dem grundlegenden Verständnis von Bildung nicht gerecht. Deutlich wird dies auch in Definitionsversuchen aus den 50er-Jahren. So schrieb Theodor Litt, Bildung ist „diejenige Verfassung des Menschen, die ihn in den Stand setzt, sowohl sich selbst als auch seine Beziehungen zur Welt in Ordnung zu bringen“7. Und Erich Weniger ergänzte, Bildung ist „der Zustand, in dem man Verantwortung übernehmen und zugleich dort, wo man sich sachverständig weiß, Vertrauen schenken kann“8. Beide Ansätze beziehen sich auf Fähigkeiten des Menschen, welche jeder Mensch aus sich selbst heraus entwickeln muss, und gehen in keiner Weise auf schulisch erworbenes Wissen ein. Auch im Rahmen der Kultusministerversammlung 1973 wurde eine Reihe von Zielen formuliert, und nur noch selten umformuliert, die die Befähigung zu einem selbstständigen Leben in den Vordergrund stellen. Diese Ziele fungierten als ein Auftrag an die Schulen, also an die Instanzen, die Bildung allgemein zugänglich machen sollen.
„Die Schule soll:
• Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten vermitteln,
• zu selbstständigem, kritischem Urteil, eigenverantwortlichem Handeln und schöpferischer Tätigkeit befähigen,
• zur Freiheit und Demokratie erziehen,
• zu Toleranz, Achtung vor der Würde des anderen Menschen und Respekt vor anderen Überzeugungen erziehen,
• friedliche Gesinnung im Geist der Völkerverständigung wecken,
• ethische Normen sowie kulturelle und religiöse Normen verständlich machen,
• die Bereitschaft zu sozialem Handeln und zu politischer Verantwortung wecken,
• zur Wahrnehmung von Rechten und Pflichten in der Gesellschaft befähigen,
• über die Bedingungen der Arbeitswelt orientieren“9.
Der Begriff „Erziehung“ ist hier als Bildungsauftrag zu verstehen; es könnte auch davon gesprochen werden, dass die Schule die Ausbildung dieser Fähigkeiten ermöglichen sollte.
Im elften Kinder- und Jugendbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren Frauen und Jugend aus dem Jahre 2002 ist folgender Auftrag an das Bildungswesen formuliert: Bildung „muss vielmehr zur Aneignung reflexiver und sozialer Kompetenzen beitragen, die es ermöglichen, wohlbegründet, verantwortlich zu handeln“10.
Das Verständnis von Bildung, sowohl zur Zeit der Aufklärung wie auch heute, beinhaltet „die Bemühungen,,das Zusammenleben der Menschen zu verfeinern‘ und,sich den Anforderungen der Zeit in einem positiven Sinn anzupassen‘“11.
Bildung gibt die Grundlagen, um Kompetenzen auszubilden, die Menschen dazu befähigen, mit sich selbst, der Gesellschaft, in der sie leben und Kulturtechniken wie Sprache, Lesen, Rechnen etc. zurechtzukommen.
Der deutsche Pädagoge Hartmut von Hentig hat folgende Charaktereigenschaften bzw. Fähigkeiten für gebildete Menschen dargelegt:
• „Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit
• Die Wahrnehmung von Glück
• Der Wille und die Fähigkeit sich zu verständigen
• Ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz
• Wachheit für letzte oder unentscheidbare Fragen
• Selbstverantwortung und Verantwortung in der res publica [der Republik, der Bürgerschaft, Anm. d. Verf.]“12
Aus den obigen Ausführung zur Bildung können Fähigkeiten herausgestellt werden, die Grundkomponenten zur Aneignung von Bildung darstellen. Auch Resilienz (Widerstandsfähigkeit gegen äußere Einflüsse) fördernde Faktoren wie Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit, Selbststeuerung, Soziale Kompetenz, Umgang mit Stress und Problemlösefähigkeiten spielen hier eine Rolle.
Bax erstellte eine „Liste von Zielen, die als eine Orientierung für die Gestaltung von Bildungsmaßnahmen dienen kann […]:
• Fähigkeiten der Lebens- und Alltagsbewältigung
• Verantwortungsbewusstsein, Kompromiss- und Friedensfähigkeit
• Kreativität und Selbstbeherrschung“13.
Für einen Menschen, der in der Lage ist, sein Leben selbst zu bewältigen und zu gestalten – der also fähig ist, Selbstständigkeit zu erreichen – werden Schwierigkeiten im Lebensalltag überwindbar. Er erlebt dadurch ein höheres Maß an Freiheit, wirkliche Freiheit (nach Hayek: Zustand, in dem ein Mensch nicht dem willkürlichen Zwang durch den Willen eines anderen oder anderer unterworfen ist), wie sie bereits zu Reformzeiten als Grundvoraussetzung für Bildung angesehen wurde. Maria Montessori führte in ihrer Konzeption aus: „Niemand kann frei sein, wenn er nicht unabhängig ist. Das Kind muß durch seine Betätigung zur Selbständigkeit gelangen. Bis das Kind drei Jahre alt geworden ist, sollte es sich in großem Maße frei und unabhängig haben machen können”14. Freiheit bedeutet hier, dass ein Kind seine Bedürfnisse ausdrücken kann und zum Großteil selbst in der Lage ist, seine Bedürfnisse zu erfüllen, d.h. es ist in der Lage zu wissen, was es gerne essen möchte, aber nicht den Kühlschrank zu füllen. Das Erkennen der eigenen Wirksamkeit, die Wahrnehmung des eigenen Selbst und der eigenen Individualität sind demzufolge ein wichtiger Schritt, die Selbstständigkeit zu erfahren. Wird diese Selbstständigkeit mit Vernunft in Handlung gebracht, geschieht Bildung, denn „durch selbsttätige, vernunftgeleitete Auseinandersetzung des Individuums mit der Welt werden Bildungsprozesse in Gang gesetzt“15.
Diese Betrachtungen von Bildung und des Bildungsbegriffes zeigen deutlich, dass eine Diskussion über Fähigkeiten geführt werden muss und nicht eine Diskussion über einzelne Bildungsinhalte. Die moderne Forschung geht der Frage nach, welche Fähigkeiten dies sind. Eine Strömung innerhalb dieser Diskussion geht davon aus, dass es bestimmte Werte und Verhaltensweisen gibt, die eindeutig mit nachhaltiger (erhaltender und nicht zerstörerischer) Entwicklung verbunden sind und die durch Experten identifiziert werden können. Dementsprechend müsste das Ziel nachhaltiger Entwicklung sein, ein Bewusstsein für Zusammenhänge zu schaffen und die entsprechenden Werte zu vermitteln.
Einer zweiten Strömung liegt ein ganzheitlicherer Ansatz zu Grunde. Dieser beinhaltet, bei Menschen die Fähigkeit zu fördern, selbst über ihre Entwicklung nachzudenken (oder vielleicht besser vorauszudenken?) und Antworten zu bewerten. Hier ist die eigene menschliche Entwicklung also eher ein gesellschaftlicher Lernprozess, bei dem eben nicht einzelne Experten vorgeben können, was die passende Antwort auf die Frage nach nachhaltiger Entwicklung ist; es geht um die Frage, welche Schlüsselkompetenzen unsere Kinder erlernen sollten, um die in der Zukunft auftretenden Probleme meistern zu können, denn die Antworten von heute zählen dann nicht mehr16. Einigkeit, um welche Kompetenzen es sich hier handelt, herrscht kaum, in Deutschland wird jedoch häufig auf das Konzept der Gestaltungskompetenz Bezug genommen: „Gestaltungskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, Probleme nicht nachhaltiger Entwicklungen erkennen und Wissen über nachhaltige Entwicklung wirksam anwenden zu können“17. Die Gestaltungskompetenz wird dabei in mehrere Teilkompetenzen aufgegliedert: „Kompetenz zur Perspektivübernahme, Kompetenz zur Antizipation, Kompetenz zur Disziplinen übergreifenden Erkenntnisgewinnung, Kompetenz zum Umgang mit unvollständigen und überkomplexen Informationen, Kompetenz zur Kooperation, Kompetenz zur Bewältigung individueller Entscheidungsdilemmata, Kompetenz zur Partizipation, Kompetenz zur Motivation, Kompetenz zur Reflexion auf Leitbilder, Kompetenz zum moralischen Handeln, Kompetenz zum eigenständigen Handeln, Kompetenz zur Unterstützung anderer“18.
Länderübergreifend werden die Kompetenz zum vernetzten Denken und Umgang mit Komplexität und das vorausschauende und kritische Denken als Schlüsselkompetenzen genannt, die „Individuen für das Verstehen zentraler Probleme der Weltgesellschaft und deren nachhaltigen Gestaltung benötigen“19. Für die Bildung von morgen, welche heute begonnen werden muss, ist demnach die Entwicklung von Schlüsselkompetenzen von Nöten, die „zu einer aktiven Gestaltung des Prozesses einer nachhaltigen Entwicklung befähigen“20. Dies führt zurück zu der Frage, ob diese Eigenschaften und Fähigkeiten tagtäglich tatsächlich gefördert werden, egal ob im Bildungssystem oder im Elternhaus. Doch soll zunächst einmal aus den vorangegangenen Darstellungen zusammengefasst und gruppiert werden, um welche Fähigkeiten es sich handelt, die eine menschliche Existenz ausmachen – oder besser, welche Fähigkeiten es einem Kind ermöglichen, sich zu einem Erwachsenen zu entwickeln, der in der Lage ist, sich zu erkennen, sein Leben zu gestalten und damit seines Glückes eigener Schmied zu werden.
Bindungsrelevante Eigenschaften (siehe Kapitel 2 und 3)
• Der Wille und die Fähigkeit, sich zu verständigen
• Kompetenz zum eigenständigen Handeln
• Kompetenz zur Motivation
• Kompetenz zur Partizipation
• Kompetenz zur Kooperation
Eigenschaften, die eine Ethik voraussetzen (siehe Kapitel 4)
• Verantwortungsbewusstsein, Kompromiss- und Friedensfähigkeit
• Kompetenz zur Bewältigung individueller Entscheidungsdilemmata
• Kompetenz zum moralischen Handeln
• Kompetenz zur Unterstützung anderer
• Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit
Eigenschaften, die Kreativität voraussetzen (siehe Kapitel 5)
• Kreativität
• Kompetenz zum Umgang mit unvollständigen und überkomplexen Informationen
• kritisches Denken
Eigenschaften, die Emotionsregulierung voraussetzen (siehe Kapitel 6)
• Kompetenz zur Perspektivübernahme
• Selbstbeherrschung
• Kompetenz zur Antizipation
• Kompetenz zur Reflexion auf Leitbilder
• Kompetenz zur Unterstützung anderer
• Die Wahrnehmung von Glück
Eigenschaften, die eine gesunde Psyche erfordern (siehe Kapitel 8)
• Selbstverantwortung und Verantwortung in der Gesellschaft
• Kompetenz zur Disziplinen übergreifenden Erkenntnisgewinnung
• Kompetenz zum Umgang mit unvollständigen und überkomplexen Informationen
• Fähigkeiten der Lebens- und Alltagsbewältigung
• Ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz
Am Beispiel der Fähigkeit zu kritischem Denken soll aufgezeigt werden, wie es geschehen kann, dass eine so grundlegende Eigenschaft verschwinden kann:
