Das kleine Café der magischen Minuten - Shiori Ota - E-Book

Das kleine Café der magischen Minuten E-Book

Shiori Ota

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Beschreibung

Ein Roman wie eine perfekte Tasse Kaffee: Wärmend. Tröstend. Heilend. »Das Café der magischen Minuten« ist der 2. Band der inspirierenden Healing Novel um Frau Hayaris magisches Café in Japan. Haben wir nicht alle schon falsche Entscheidungen getroffen? Dinge getan – oder gelassen – die wir bereuen? Wer Frau Hayaris zauberhaftes kleines Café am Rand des Parks von Sapporo betritt, erhält eine besondere Chance. Denn für die 4 Minuten und 33 Sekunden, die die Barista für die Zubereitung der perfekten Tasse Kaffee benötigt, können ihre Gäste in die Vergangenheit reisen. Als die junge Himari ihre beste Freundin bei einem Autounfall verliert, bleibt ihre Welt stehen. Ihr einziger Wunsch ist es, den Unfall ungeschehen zu machen. Kann Frau Hayari ihr helfen? Und was ist mit der Frau, die sich bei einem unnötigen Streit mit ihrer Schwester entzweit hat? Eine Tasse Kaffee. 4 Minuten und 33 Sekunden. Dein Moment, um etwas Wertvolles zu erkennen. Tröstlicher Wohlfühlroman für alle, die heilende Literatur wie »Frau Komachi empfiehlt ein Buch« lieben Shiori Ota entführt uns in ihrem 2. magischen Roman erneut in »Das kleine Café der zweiten Chancen« im japanischen Sapporo. Lass dich mitnehmen auf eine liebevolle Reise zu berührenden Momenten, die Trost spenden und Hoffnung geben.

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EPUB
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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Shiori Ota

Das kleine Café der magischen Minuten

Roman

Aus dem Japanischen von Anemone Bauer

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Haben wir nicht alle schon falsche Entscheidungen getroffen? Dinge getan – oder gelassen – die wir bereuen? Wer Frau Hayaris zauberhaftes kleines Café am Rand des Parks von Sapporo betritt, erhält eine besondere Chance. Denn für die 4 Minuten und 33 Sekunden, die die Barista für die Zubereitung der perfekten Tasse Kaffee benötigt, können ihre Gäste in die Vergangenheit reisen.

Als die junge Himari ihre beste Freundin bei einem Autounfall verliert, bleibt ihre Welt stehen. Ihr einziger Wunsch ist es, den Unfall ungeschehen zu machen. Kann Frau Hayari ihr helfen? Und was ist mit der Frau, die sich bei einem unnötigen Streit mit ihrer Schwester entzweit hat?

Eine Tasse Kaffee. 4 Minuten und 33 Sekunden. Dein Moment, um etwas Wertvolles zu erkennen.

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Personen

Ouvertüre: Die Hexe von Kaffee und Zeit

Erste Tasse: Pavane – der Tanz für die Zurückgebliebenen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Intermezzo

Zweite Tasse: Ricordanza mit Butter und Zucker

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Dritte Tasse: Etüde in A-Dur

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Finale

Personen

Himari MISAKI: Geht in die siebte Klasse. Von klein auf hatte sie eine Begabung fürs Klavierspielen und wurde an ein Musikinternat nach Großbritannien geschickt. Doch ein Unfall machte die erhoffte Karriere als Pianistin zunichte, und so musste sie nach Japan zurückkehren und lebt nun in Sapporo. Durch einen Zufall entdecktsie, dass in ihr die Kraftder »Zeitwächter« schlummert. 

Hayari TASE: Die Inhaberin und Barista des Kaffeeladens Tacet Yuguredo in Sapporo. Sie ist als »Hexe« und Zeitwächterin bekannt. 

Herr HIGURE: Mitinhaber und Röstmeister des Tacet Yuguredo. Auch er ist ein Zeitwächter und Besitzer des Hundes Mokka. 

Tsukiko KAZAMI: Himaris Klassenkameradin. Sie kam durch einen Unfall ums Leben, doch Himariänderte die Vergangenheit und machte ihrenTod ungeschehen. 

Ryuta KAZAMI: Tsukikos Zwillingsbruder. 

Chihaya CHITOSE: Himaris Klassenkamerad. Ein etwas mysteriöser Junge. 

Die Zeitwächter: Personen, die die Fähigkeit besitzen, Menschen, die große Reue empfinden, für vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden in die Vergangenheit reisen zu lassen. Diese Chancekannmannur einmal im Leben nutzen. Die Zeitwächter selbst können nicht in ihre eigene Vergangenheit reisen. 

Ouvertüre: Die Hexe von Kaffee und Zeit

 

 

 

 

 

 

 

 

Sag mal, Hayari … warum nennt man dich eigentlich eine Hexe?«, fragte ich Hayari, die Inhaberin und zugleich Barista des Cafés, als sie sich gerade eine Tasse aufbrühte.

Es war ein klarer, sonniger Nachmittag Ende Juni. Nach der Schule war ich wie so oft im Tacet Yuguredo vorbeigekommen und trank eine eiskalte Kaffeesoda – genau das Richtige an einem Sommertag wie diesem.

»Wie kommst du darauf, Himari?«

»Also … wenn Herr Higure das sagt, versteh ich’s ja irgendwie. Aber niemand weiß doch von deiner besonderen Fähigkeit. Warum nennt man dich trotzdem eine Hexe?« Auch Frau Sugiura, die mir das Tacet gezeigt hatte, hatte gesagt, dies sei das Café einer Hexe. Vielleicht, weil der Kaffee hier einfach zu gut ist – das hatte sie gemeint. Aber ob das wirklich alles war? Ich war mir da nicht so sicher.

»Tja, wer weiß das schon«, sagte Hayari, die gerade eine kupferfarbene Kaffeekanne in der Hand hielt, mit einem leisen Lächeln. Sie neigte leicht den Kopf.

»Vielleicht wegen des Fotos an der Wand?« Herr Higure, ihr Geschäftspartner, der im Tacet für das Rösten der Bohnen zuständig war, wollte uns mit seinem Einwurf offenbar in die richtige Richtung lenken.

»Stimmt«, sagte Hayari.

»Ein Foto?«, fragte ich überrascht. Ich sah mich um. Die Wände des Cafés waren mit nostalgischen Postern im amerikanischen Retrostil geschmückt. Alles drehte sich um Kaffee – es gab nichts, was auf Magie oder Hexerei hindeutete. Doch neben der alten Standuhr fiel mir eine Stelle auf: ein matter rechteckiger Abdruck an der Wand, genau in der Form eines Rahmens. Es wirkte, als würde dort etwas fehlen.

»Ach, richtig … Ich habe das Bild abgenommen, weil ich den Rahmen reparieren wollte, und dann hab ich’s einfach vergessen.«

Hayari verschwand kurz nach hinten. Als sie zurückkam, hielt sie einen Bilderrahmen aus dunkelbraunem Holz in der Hand. Die Farbe erinnerte mich an frisch geröstete Bohnen. Bevor sie das Bild wieder an seinen Platz neben der Uhr hängte, zeigte sie es mir.

»Wann wurde das aufgenommen?«

»Vor dem Krieg. Ich glaube, es war in der Meiji-Zeit.«

Das Foto war alt, schwarz-weiß. Darauf war eine Frau mit weich gewelltem, hochgestecktem Haar in einem gestreiften Kimono. Sie stand vor einer riesigen, zylinderförmigen Maschine – fast wie ein mechanisches Ungetüm – und hielt lächelnd eine kleine Tasse in der Hand.

»Der erste Barista Japans war wohl Kiyoshi Negishi, der ab 1994 in Italien gelernt hat. Aber noch viel früher, in der Meiji-Zeit, soll eine Frau nach Italien gereist sein – im Kimono – und dort Kaffee aufgebrüht haben. Eine eigenwillige, faszinierende Frau.«

»War das deine Großmutter? Oder Urgroßmutter? Sie sieht dir verblüffend ähnlich.« Ich starrte das Foto an, denn die Ähnlichkeit war wirklich überwältigend.

»Vielleicht hat ja irgendwann jemand diesen Scherz gemacht – dass ich eine Hexe bin, die nicht altert.«

»Dann bist du also die Hexe von Kaffee und Zeit.«

»Oh … das klingt ziemlich elegant.« Hayari lachte leise.

»Und mit dieser seltsamen Maschine hat sie Kaffee gemacht?« Ich deutete auf das zylinderförmige Ungetüm mit der abgerundeten Kuppel auf dem Foto. Es sah aus, als hätte man einem alten Hydranten Arme und Beine verpasst.

»Ja. Das ist eine Bezzera. Eine Espressomaschine, erfunden von Luigi Bezzera und weiterentwickelt von Desiderio Pavoni. Ich habe sie zum ersten Mal auf der Weltausstellung in Mailand gesehen und mich augenblicklich verliebt.« Hayari sprach mit leiser, schwärmerischer Stimme. Heute wirkte die Form der Maschine fast kurios, aber bei antiken Stücken war das oft so. Sie hatten ihren ganz eigenen Zauber. Wie die alte Wanduhr im Café – voller Geschichte, voller Zeit.

Und genau solche Dinge schienen zu Hayari zu passen.

Die Hexe von Kaffee und Zeit.Ein schöner Gedanke. Während ich sie beobachtete, wie sie das alte Foto mit einem fast zärtlichen Blick betrachtete, wiederholte ich den Ausdruck still in meinem Herzen.

Erste Tasse: Pavane – der Tanz für die Zurückgebliebenen

 

 

 

 

 

 

 

 

1

Chitose aus meiner Klasse hielt sich wie immer abseits. Für jemanden im ersten Jahr der Mittelschule war er auffallend klein, aber es wirkte nicht so, als würde er gemobbt oder absichtlich ausgeschlossen. Er schien sich einfach selbst von allen fernzuhalten.

Chiba, der in der Klassenliste direkt hinter ihm kam, versuchte immer wieder, sich mit ihm anzufreunden. Doch Chitose ging nie richtig darauf ein. Er hielt sich ganz offensichtlich auf Abstand. Gleichzeitig war er nie gemein, er machte niemandem das Leben schwer und sagte nichts, was ihn unbeliebt machen könnte. Er schien einfach an nichts interessiert zu sein, was in der Klasse passierte. Fast so, als wäre er gar nicht wirklich hier.

Ich konnte nicht genau sagen, warum, aber aus irgendeinem Grund ließ mich Chitose nicht los. Und dennoch mochte ich ihn nicht besonders.

Dieses Gefühl … diese seltsame Unstimmigkeit … Ich konnte sie lange nicht in Worte fassen – doch jetzt wusste ich es. Jetzt verstand ich endlich, warum er sich so sehr von anderen fernhielt.

»Dass ausgerechnet du ein Zeitwächter bist, hätte ich nie gedacht, Chitose …«

»Echt nicht? Ich hab bei dir sofort einen … Geruch wahrgenommen.«

»Einen Geruch?«

»Schwer zu erklären … Aber du riechst nach diesem Café.«

Unwillkürlich schnupperte ich an meiner Kleidung.

»Nein, nicht so …« Chitose seufzte leicht genervt. »Die Leute aus dem Café haben gesagt: Zeitwächter ziehen einander an.«

»Zeitwächter … ziehen einander an?«

»Ja. Sie erwachen erst dann, wenn sie in einen von einem anderen Wächter veränderten Zeitfluss geraten.«

»Verstehe …«

»Selbst wenn ein Zeitwächter in die Vergangenheit reist und den Lauf der Zeit verändert, erinnert er sich weiterhin an eine Zukunft, die nun nicht mehr existiert. Er ist eine Singularität im Fluss der Zeit.«

Was er mit »Geruch« meinte, war mir zwar nicht ganz klar, aber ich hatte selbst dieses seltsame Gefühl bei Chitose gespürt. Und so verstand ich irgendwie, was er sagen wollte.

»Du kennst das Tacet also auch.«

»Ja. Ist schon etwas her … Es gab da mal eine Sache.«

»Was denn?« Ich wollte es genauer wissen und hakte nach. Aber Chitose sagte nichts weiter dazu.

»Und … seit wann …?«

»Wie, ›seit wann‹?«

»Na ja … seit wann weißt du, dass du ein Zeitwächter bist?«

»Das merkt man irgendwie.«

Mit einem Blick, als fände er die Frage seltsam, breitete er vage die Arme aus.

»Wie bitte?«

»Bei dir war’s bestimmt auch so – so in der fünften oder sechsten Klasse, oder? Du bist ja auch eher klein.«

Ich wusste nicht genau, worauf er hinauswollte. Ja, ich war nicht gerade groß. Aber aus dem Mund von jemandem, mit dem ich kaum ein Wort gewechselt hatte, klang das einfach … unangenehm.

»Und was hat das jetzt damit zu tun, dass ich klein bin?«

»Hä?« Jetzt war es Chitose, der mich verwirrt ansah.

Ein seltsames Schweigen breitete sich zwischen uns aus. In diesem Moment gingen zwei Mädchen aus der Parallelklasse an uns vorbei, warfen uns neugierige Blicke zu und gingen kichernd weiter.

»Ist auch egal. Gehen wir lieber woanders hin.«

Chitose verzog das Gesicht. Offenbar war ihm das Getuschel ebenso unangenehm wie mir. Ich wurde rot bis über beide Ohren. Allein die Vorstellung, dass jetzt vielleicht irgendein komisches Gerücht die Runde machte … Ich nickte rasch – und war heilfroh über seinen Vorschlag.

»Dann … gehen wir ins Tacet und …«

»Nope.«

Noch bevor ich den Satz beenden konnte, schnitt Chitose mir das Wort ab.

»Was? Wieso nicht?«

»Auf keinen Fall. Und überhaupt … die da wollen gar nicht, dass man die Vergangenheit ändert.«

»Ach so … ja. Stimmt. Herr Higure ist vielleicht eine Ausnahme, aber Hayari sagt immer, ein Zeitwächter sollte nur beobachten …«

»Hmpf. Die hält sich für Gott, oder?«, murmelte Chitose verächtlich. Ich sah ihn überrascht an.

»Chitose?«

Hatte er denn etwas gegen Hayari und Herrn Higure? Und warum hatten sie mir nie von ihm erzählt? Dass es einen weiteren Zeitwächter gab?

»Ist doch egal, wo wir reden. McDonald’s oder so reicht.«

»Ähm … ja. Klar.«

Er drehte sich um und lief zielstrebig zum Schultor. Ohne viel zu sagen, folgte ich ihm, ein paar Schritte hinter ihm. Er wirkte entschlossen, fast ruppig. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass er sich mit Hayari gut verstehen würde. Wahrscheinlich würden die beiden sofort streiten, wenn sie sich begegneten.

Oder vielleicht hatten sie das bereits. Was würde sie wohl sagen, wenn ich einfach mit ihm in die Vergangenheit reiste? Würde sie wütend werden?

Aber … ich konnte das doch nicht einfach so stehen lassen. Nur weil ich die Vergangenheit verändert hatte, war ein Baby gestorben. Ich war schuld … das einfach zu ignorieren, wäre unmenschlich. Selbst wenn ich es für Tsukiko getan hatte …

Gleichzeitig nagte die Angst an mir: Was, wenn eine erneute Veränderung der Vergangenheit die Situation schlimmer machen würde?

Diese Zweifel tauchten immer wieder in meinem Kopf auf und hielten mich davon ab, den nächsten Schritt zu wagen. Ob ich Chitose irgendwie dazu bringen konnte, noch einmal darüber nachzudenken? Während ich damit haderte, waren wir am Ario-Einkaufszentrum am Bahnhof Naebo angekommen.

Wir suchten uns einen Platz im Food Court, an einem Fensterplatz in der Nähe von McDonald’s. Ich war nervös. Am frühen Abend war das Einkaufszentrum voller Leben und Lärm.

Das Quengeln eines Babys formte sich in meinem Kopf zu B-A-As, das Vibrieren der Pager, die anzeigten, dass Bestellungen abholbereit waren, klang für mich wie ein Fis. Immer wenn ich innerlich aufgewühlt war, verwandelten sich die Geräusche der Welt in Noten.

Chitose bestellte ein einfaches Egg-Cheeseburger-Menü. Ich wollte eigentlich nur Pommes und ein Getränk, aber der Kassierer sagte mir, dass das günstigste Menü billiger wäre.

Die Pommes waren goldgelb, noch dampfend heiß und genau richtig gesalzen. Ich steckte mir eine in den Mund, spürte die Hitze, biss hinein – außen knusprig, innen weich. Ein Traum.

Ich wollte gerade sagen: »Boah, die sind heute echt mega.« Aber der Mensch, dem ich das sonst gesagt hätte, war heute nicht dabei. Heute war ich nicht mit Tsukiko hier.

»Was ist?« Chitose musste meinen Gesichtsausdruck bemerkt haben und sah mich fragend an.

»Nichts … ich dachte nur, dass die Pommes ziemlich gut sind.«

»Klar. Die sind ja auch frisch aus der Fritteuse.«

»Hier … hier hab ich zum ersten Mal mit Tsukiko – Kazami-san – zusammengesessen. Einfach so, was gegessen und geredet.«

Nur einen Tisch weiter. Der Blick aus dem Fenster fast identisch … In mir verschoben sich Erinnerungen und Zeit – wie zwei Fäden, die sich plötzlich ineinander verdrehten.

»Ja … ihr habt immer so ausgesehen, als hättet ihr Spaß zusammen«, sagte Chitose leise. Seine Stimme war ungewohnt sanft.

Plötzlich schossen mir die Tränen in die Augen und liefen mir über die Wangen.

»W… was ist denn jetzt los?«

»Es ist nur … der Gedanke, dass sich noch jemand außer mir daran erinnert, dass Tsukiko und ich Freundinnen waren …«

Es war nur das. Aber es machte mich einfach glücklich. Unendlich glücklich.

Rund um uns aßen die Menschen mit Appetit, lachten, unterhielten sich. Und ich saß da, mitten in all diesem Trubel – und weinte.

Chitose wirkte sichtlich überfordert. Er wusste offenbar nicht, wie er damit umgehen sollte. Er kramte kurz in der Tasche und zog ein zerdrücktes Päckchen mit diesen dünnen, fusseligen Papiertaschentüchern heraus, die man als Werbegeschenk in der Fußgängerzone bekam. Er hielt es einen Moment lang unschlüssig in der Hand, dann reichte er mir stattdessen ein paar der Papierservietten von McDonald’s.

Seine hilflose Geste war irgendwie rührend, und ich musste lachen.

»Wenn sie dir wirklich so wichtig ist, dass du deswegen weinst … dann sprich sie halt wieder an.«

»So einfach ist das nicht.«

Wenn es das wäre, hätte ich es längst getan.

Ich erinnerte mich. An Tsukikos Beerdigung.

An den lautlosen, kalten Regen. An die feuchte, abgestandene Luft im Trauersaal, durchzogen vom schweren Duft der Räucherstäbchen. An das leise Rascheln der Gebetskette, an das getragene Murmeln der Trauergäste und daran, wie fehl am Platz ich mich in dieser Welt fühlte.

An Ryuta, ihren Zwillingsbruder, an ihre Mutter, an all die Gesichter voller Schmerz.

Eine Vergangenheit, die nicht mehr existierte – und doch lag sie plötzlich wieder über mir, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet. Ich bekam Angst.

»Ich … ich will hier weg«, flüsterte ich schließlich. »Wenn ich Tsukiko noch einmal sehe … ich könnte es nicht ertragen.« Ich tupfte mir mit der rauen Serviette das Gesicht ab, dann sah ich zu Chitose. Er schaute mich an, als wolle er etwas sagen, aber schließlich nickte er nur.

»Okay.« Dann stand er auf, um sich eine Papiertüte zu holen, damit er das Essen mitnehmen konnte. Ich blieb sitzen, schloss die Augen und wartete, bis mein Herz wieder etwas ruhiger schlug.

Dann verließen wir das Einkaufszentrum und setzten uns auf eine der Bänke im Hopp-Park ganz in der Nähe. Wir waren kaum ein paar Minuten gelaufen, und doch waren die Pommes schon kalt geworden. Labbrig. Trocken.

Ich hatte keinen richtigen Hunger, aber ich aß trotzdem weiter. Ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte. Chitose schwieg ebenfalls und mümmelte langsam an seinem Burger.

Statt unserer Stimmen hörte man nur das A-G, A-G der krächzenden Krähen.

Er war schnell fertig – und weil ich eh kaum Appetit hatte, reichte ich ihm meinen Burger. Ich wollte einfach, dass er noch eine Weile nichts sagte. Aber irgendwann war auch dieser Burger verschwunden und selbst die weichen Pommes, die beim Anfassen wie schlaffe Fragezeichen wirkten.

»Willst du die Zeit wirklich verändern?« Ich konnte die Stille nicht länger ertragen. Wenn ich weiter schwieg, hatte ich Angst, was er als Nächstes sagen würde. Also stellte ich die Frage zuerst.

»Und du willst einfach alles so lassen, wie es ist?«

»Aber … Hayari hat gesagt, dass es keine gute Idee ist.«

Die Aufgabe der Zeitwächter sei es, Menschen mit tiefen Reuegefühlen für einen kurzen Moment über die Schwelle der Zeit zu führen. Aber sie sollten niemals aktiv in die Vergangenheit eingreifen – nur beobachten. Nichts weiter.

Er gab ein tonloses, völlig emotionsloses »Heh« von sich.

»Sie sagt, dass die Anzahl der Leben festgelegt ist … und manchmal würden die Götter auf grausame Weise die Bilanz ausgleichen.« Ich senkte den Blick. »Und ich habe das Gefühl, die Götter mögen mich nicht. Wenn ich versuche, etwas zu verändern, mache ich es am Ende vielleicht nur noch schlimmer.« Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Doch Chitose antwortete nicht. Stattdessen zeigte er auf einen Abfallhaufen neben der Bank.

»Sag mal … welche von denen gefällt dir am besten?«

»Was?«

»Die Ameisen. Die, die da auf dem Müll herumkrabbeln. Welche findest du am sympathischsten?«

»I… ich … keine Ahnung?«

Was sollte diese Frage? Die Ameisen waren klein, schwarz, wimmelten durcheinander – sie sahen alle gleich aus. Es waren einfach Ameisen. Ich wusste nicht einmal, welche Art das war. Und selbst wenn … Wie sollte ich unter all diesen winzigen Lebewesen eine einzige auswählen?

»Und genau so ist es für die Götter.«

»Was?«

»Na ja, manchmal werfen sie dir vielleicht Futter hin. Manchmal zertreten sie dich aus Versehen. Oder sie finden dich lästig und wollen dich loswerden. Aber glaubst du wirklich, ein Gott schert sich um jeden Einzelnen? Dass er sich merkt, wer wer ist?« Er lachte abfällig. »Reine Selbstüberschätzung.«

»A-aber ich … ich hab mein ganzes Leben lang …«

»Du redest nicht über die Götter«, unterbrach er ruhig. »Du redest über dich. Nicht Gott will nicht, du willst nicht. Du benutzt Gott bloß als bequeme Ausrede, um die Verantwortung abzuschieben.« Seine Worte waren nicht laut. Aber sie trafen mich tief.

Chitose bückte sich, hob den Abfall auf, schüttelte die Ameisen ab und stopfte ihn in seine leere McDonald’s-Tüte.

Ich sah ihn fassungslos an. Er sah aus wie ein Grundschüler, und doch wirkte er in diesem Moment so viel erwachsener als ich. Erstaunlich klar, erschreckend ruhig.

»Natürlich gibt es Momente, in denen sich das Schicksal nicht ändern lässt, egal, wie oft man es versucht. »Der Bilanzausgleich, von der sie im Café spricht, ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Manchmal spürt man wirklich, dass das Gleichgewicht wiederhergestellt wird. Aber das ist nicht immer der Fall.«

»Dieses Mal wissen wir es erst, wenn wir es versuchen.«

Ich schwieg.

»Das Baby, das gestorben ist – es wäre ursprünglich gar nicht gestorben. Es ist nur gestorben, weil du Kazamis Vergangenheit verändert hast. Und du willst mir ernsthaft sagen, das lässt dich kalt?«

Natürlich tat es das nicht. Wie könnte es? Ein Leben, das eigentlich weitergegangen wäre – und das meinetwegen geendet hatte. Weil ich Tsukiko gerettet hatte, hatte ich ein anderes Leben ausgelöscht.

Diese Wahrheit lastete auf mir wie ein Stein. So schwer, dass ich kaum noch atmen konnte.

»Hey, komm schon. Ich hab nie gesagt, dass du schuld bist.«

Chitose ruderte plötzlich zurück, fast verlegen, als hätte er gemerkt, wie sehr mich seine Worte getroffen hatten.

»Mach dir keinen Kopf. Ich an deiner Stelle hätte wahrscheinlich genau dasselbe getan … Auch wenn ich ehrlich gesagt keine Lust mehr auf so was habe. Deshalb halte ich mich von anderen meistens lieber fern.«

»Hm …«

Chitose war vermutlich ein Mensch mit einem guten Herzen.

Was er sagte, klang zwar oft einmal grob, aber zwischen den Zeilen spürte man Verständnis und Mitgefühl.

Gleichzeitig war er ein Realist – kompromisslos und pragmatisch.

Ob ich irgendwann ebenfalls so sein konnte? So ruhig, so abgeklärt, so bereit, Dinge einfach zu akzeptieren?

»Wie dem auch sei«, sagte er schließlich. »Jetzt, wo ich weiß, dass du die Zeit verändert hast, werde ich sie noch einmal verändern. Ob dir das passt oder nicht. Denn wenn jemand leidet und ich etwas tun kann, dann tu ich es. Und wenn du nicht mitkommst, dann mach ich es eben allein.«

»Spinnst du?« Doch bevor ich weiterreden konnte, unterbrach er mich schroff. »Der einzige Grund, warum ich dich überhaupt frage, ist, weil ich verhindern will, dass Kazami wieder stirbt. Deshalb versuche ich, dich miteinzubeziehen.«

»Ah …«

Natürlich. Wenn er wirklich wollte, konnte Chitose allein jemanden finden, den er in die Vergangenheit schickte. Er könnte auch ohne mich die Zukunft verändern.

»Aber … wir wissen nicht, was dann passieren wird.«

»Und schlimmer als jetzt? Ganz ehrlich, wie soll es denn noch schlimmer werden? Und selbst wenn – das macht es nur einfacher, die Vergangenheit erneut zu ändern. Dann gibt es mehr Leute, die verzweifelt genug sind, um es zu versuchen. Die Angehörigen eines neuen Opfers, zum Beispiel.«

In die Vergangenheit kann man nur einmal reisen. Doch wenn die Dinge schlimmer enden als zuvor, würde es nur noch mehr Menschen geben, die alles dafür tun würden, es ungeschehen zu machen. Es war eine brutale Logik – nüchtern und vollkommen pragmatisch. Typisch Chitose. Und gleichwohl jagte mir seine Logik einen Schauder über den Rücken.

»D… das mag sein … aber es fühlt sich einfach nicht richtig an.«

Wenn man die Vergangenheit änderte, verschwand alles, was danach kam, als hätte es nie existiert.

»Es spielt keine Rolle. Egal, wie oft wir sie verändern, am Ende bleibt die Zukunft, die übrig bleibt, die einzig wahre.«

Ich sagte nichts. Herr Higure hatte einmal gesagt, dass jeder Zeitwächter seine eigenen Regeln hatte. Ich kannte nur die von Hayari. Und nach allem, was mit Tsukiko passiert war, fühlte es sich richtig an, sie zu glauben.

Aber jetzt, da ich Chitose so überzeugt reden hörte, begann alles in mir zu wanken.

Was war richtig? Was war falsch? Doch eins war klar: »Wenn wir die Vergangenheit verändern … besteht dann nicht die Möglichkeit, dass Tsukiko wieder einen Unfall hat?«

»Eben deswegen rede ich ja mit dir – um genau das zu verhindern«, sagte Chitose, sichtlich gereizt.

Ich atmete tief durch. Ich musste mich entscheiden. Oder hatte ich innerlich aufgegeben?

»Also gut. Was soll ich tun?

»Erzähl mir alles. Was damals passiert ist. Zwischen dir und Kazami. Wie ihr die Vergangenheit verändert habt.«

Und ich erzählte.

Ich erzählte, bis das Licht des Tages langsam verblasste und sich der Abend leise über die Welt legte.

Ich erzählte ihm von den Melodien, die ich als Kind in Obihiro gespielt hatte. Von Michael Endes Büchern, vom weißen Glücksdrachen, von Sandwiches und Apfelschnitzen. Von Tsukiko, die ich so gerngehabt hatte. Und von Ryuta.

2

Am nächsten Nachmittag saßen wir wieder im Park, um unseren Plan zu besprechen.

Chitose hatte Zeitungsausschnitte mitgebracht. Darin stand, dass bei dem Unfall der Fahrer des Wagens sowie ein Baby im Kinderwagen ums Leben gekommen waren. Außerdem lag ein weiterer Mann, ein Angestellter, mit schweren Verletzungen im Koma.

Das Foto vom Unfallort zeigte verstreute Windeln, ein zerknittertes Mulltuch, eine große Tragetasche und einen völlig zerquetschten Tortenkarton einer nahe gelegenen Konditorei.

Trotz all der Verwüstung waren eine aus Sahne geformte weiße Blume und eine kleine Zuckerfigur eines Babys unversehrt geblieben. Ich konnte den Blick nicht davon abwenden. Mir stockte der Atem, obwohl auf dem Bild kein einziger verletzter Mensch zu sehen war.

»Der Angestellte ist auch in Kazamis Zeitlinie gestorben«, sagte Chitose leise. »Vielleicht gehört er zu denen, die man nicht retten kann.«

»Ein Ausgleich … der Götter?«

»Ob’s ein Ausgleich ist, weiß ich nicht. Es geht nicht nur um Leben und Tod. Manchmal verändert sich die Zukunft, und plötzlich begegnen sich Menschen wieder, die längst auseinandergehen sollten. Ich mag dieses Wort Schicksal nicht. Aber es gibt Dinge, die kann selbst die Zeit nicht trennen. Verbindungen, die sich nicht lösen lassen. Begegnungen, die sich nicht ausradieren lassen.«

Als ich Chitose so reden hörte, fragte ich mich unwillkürlich, wie oft er wohl schon in die Vergangenheit gereist war. Und dann kam mir noch ein anderer Gedanke.

»Du erinnerst dich aber echt gut. An den Unfall, bevor die Vergangenheit verändert wurde. Warum?«

»Na ja …« Er zögerte. »Es war der Unfall, bei dem jemand aus unserer Klasse gestorben ist. So was bleibt einem im Gedächtnis, ob man will oder nicht.«

»Oh …« Als ich seinen Blick sah, wurde mir bewusst, wie unsensibel meine Frage gewesen war.

»Außerdem«, fügte er nach einem Moment leiser hinzu, »bei Unfällen, Verbrechen oder Katastrophen versuche ich, mir so viel wie möglich zu merken.«

»Aber du hast doch nicht vor, alle Opfer zu retten, oder?«

»Natürlich nicht.«

Ich sah ihn fragend an. »Aber manchmal … rettest du jemanden. Nach welchen Kriterien entscheidest du das?«

Er schwieg.

»Chitose?«

Sein Blick wurde nachdenklich, er legte die Stirn in Falten und verschränkte die Arme. »Ich kann es nicht genau erklären, aber … manchmal spüre ich eine Art Wind.«

»Einen Wind?!«

»Nicht wirklich ein Wind, aber … so eine Art Strömung, die mich lenkt.«

Er suchte nach den richtigen Worten, hielt inne und sah mich an.

Dann seufzte er und winkte ab. Schließlich seufzte er leise und zuckte die Schultern. »Ist einfach so. Man merkt es.«

»Hm … Hayari hat mal von einem ›aufdringlichen Südwind‹ gesprochen. Ist das so was?«

»Keine Ahnung.«

Sobald ihr Name fiel, wurde er wieder einsilbig. Wie immer.

Also hatte er bei diesem Unfall ebenfalls diesen Wind gespürt? Ein unmerklicher Impuls, der alles in Bewegung setzte.

»Jedenfalls … falls es geht, sollten wir diesen Angestellten auch retten. Aber unsere drei wichtigsten Ziele bei dieser Reise sind folgende: Erstens, das Baby und seine Mutter beschützen. Zweitens, die Zahl der Opfer so gering wie möglich halten. Und drittens, Kazami aus allem heraushalten.«

So einfach, wie Chitose es klingen ließ, war das alles sicher nicht.

»Dann heißt das also … wir reisen mit der Mutter des Babys in die Vergangenheit, richtig?«

»Ja. Am hilfreichsten wären eigentlich die Angehörigen des Fahrers. Wenn wir den Unfall von vornherein verhindern könnten … Aber der Fahrer ist in beiden Zeitlinien gestorben.«

Zu nah an den Mittelpunkt des Todes heranzugehen sei gefährlich, erklärte Chitose.

»Wir können nirgendwohin reisen, wo unser eigenes Leben in Gefahr ist. Aber manchmal … kommt man trotzdem nur knapp davon. Man hat mir gesagt, dass es Situationen gibt, in denen man überlebt – aber nicht unversehrt.«

»Hat dir das Hayari gesagt?«

»Nein. Der Hunde-Kerl.«

Der Hunde … Er meinte wohl Herrn Higure, den Mann mit dem ruhigen Blick und der sanften Stimme und seinem Hund Mokka an der Seite.

»Und außerdem«, fuhr Chitose fort, »reicht manchmal eine winzige Veränderung aus, um die Zukunft völlig umzulenken. Deshalb sollte man immer nur so wenig wie möglich eingreifen. Dieses Mal ist das Ziel: Wir suchen die Mutter des Babys – und verhindern, dass sie an diesem Tag an den Unfallort geht.«

»Aber … wir wissen gar nicht, wo sie ist.«

»Doch. Das habe ich bereits herausgefunden.«

»Was? Wie hast du das herausgefunden?«

Ich war völlig baff, doch Chitose erklärte es so, als wäre es das Normalste der Welt: »Heute findest du vieles über Social Media oder lokale Foren raus. Oder klassisch über den Nachruf in der Zeitung. Und manchmal reicht’s, wenn man sich mit einer redseligen Kassiererin im Supermarkt unterhält. Je größer ein Unfall oder ein Vorfall war, desto eher lässt sich etwas herausfinden.«

»Machst du das … regelmäßig?«

»Nicht immer. Aber wenn’s sein muss, ja.«

»Allein?«

»Wie viele Zeitwächter glaubst du, laufen hier auf der Straße rum?«

»Stimmt auch wieder …«

Während ich mich im Tacet auf Hayari und Higure verließ, machte Chitose alles selbst. Und obwohl er manchmal eher wie ein Grundschüler wirkte, strahlte er in diesen Momenten eine Entschlossenheit aus, die ihn erwachsener erscheinen ließ als mich.

»Aber … ist das nicht gefährlich?«

»Und wenn schon. Dann ist das eben meine Bestimmung.«

»Warum gehst du so weit?«

Für einen Moment sah er mich scharf an, fast wie ein Blitz. Dann wandte er den Blick ab.

»Egal. Komm, wir gehen. Je früher, desto besser.«

»Warum?«

»Weil frischer Schmerz wie ein Riss in der Zeit ist. Wenn die Wunde noch frisch ist, ist der Weg zurück am leichtesten. Und … bei besonders schlimmen Unfällen oder Verbrechen kommt es manchmal vor, dass sich jemand das Leben nimmt.«

Ich schwieg. Die Luft schien für einen Moment stillzustehen.

»Na ja … im schlimmsten Fall können wir dann eben die Zeit eines Hinterbliebenen nutzen. Das ist sogar eine zusätzliche Chance.« Chitose sagte es beiläufig, fast schon gleichgültig – und ich spürte, wie sich mir innerlich etwas zusammenzog. Ich stellte keine weiteren Fragen. Solche Sätze waren genau das, was ich an ihm einfach nicht mochte.

Schweigend machten wir uns auf den Weg zu der Adresse, die Chitose herausgefunden hatte, zu der Frau, deren Baby bei dem Unfall ums Leben gekommen war.

Das Mädchen hieß Rena Kashima, ihre Mutter: Sayuri Kashima.

Dank Internet und Straßenansichten konnten wir uns vorher ein Bild vom Wohnviertel machen. So fanden wir den Weg ohne Probleme.

Es war ein kleiner, moderner Reihenhauskomplex mit drei nebeneinanderliegenden Häusern. Wir wussten nicht, in welchem genau die Familie Kashima lebte, aber zum Glück standen an allen drei Eingängen Namensschilder.

Ganz links: Kashima.

»Und jetzt? Wir sind da …«

»Ich übernehme das Reden«, sagte Chitose ruhig. »Du musst nichts sagen, wenn du nicht willst. Wichtig ist nur, dass du mir nicht in die Quere kommst. Und wenn ich dich brauche, spielst du einfach mit.«

»Ähm … o-okay …«

Würde das wirklich so einfach klappen? Sollten wir nicht vorher genauer besprechen, wie wir vorgehen wollen? Ich wollte gerade etwas sagen, da hatte Chitose schon die Klingel gedrückt.

Keine Reaktion.

»Zu der Uhrzeit ist sie vielleicht unterwegs – fürs Abendessen einkaufen oder so.«

Er wirkte nicht im Geringsten enttäuscht.

»Es ist irgendwie seltsam, findest du nicht? Egal, wie traurig man ist, egal, wie weh es tut – man hat trotzdem Hunger.«

»Seltsam? Wieso? Du lebst doch. Dann ist es klar, dass du auch essen musst.«

Chitose sah mich schräg an, als hätte ich gerade etwas ausgesprochen, das für ihn völlig unlogisch war. Aber für mich hatte es sich genau so angefühlt nach meinem Unfall. Und erst recht nach Tsukikos Tod.

»Also … was jetzt? Gehen wir wieder?«

»Hm …«

»Vielleicht wohnt sie im Moment gar nicht hier.«

Der Unfall war nicht lange her. Vielleicht war sie vorübergehend zu ihren Eltern gezogen. Vielleicht war alles noch zu frisch. Ein Teil von mir verspürte fast Erleichterung bei dem Gedanken. Ich schlug vor, an einem anderen Tag wiederzukommen.

»Ist ’ne ruhige Nachbarschaft hier. Wenn wir zu lange rumstehen, könnten wir auffallen.«

Chitose nickte, als hätte er genau denselben Gedanken gehabt. Er drehte sich um, schien sich zum Gehen zu wenden, doch dann blieb er plötzlich stehen.

Sein Blick war auf eine Frau gefallen, die einen Stoffbeutel in der Hand hielt. Sie sah uns misstrauisch an.

»Frau Kashima?«

»Ja? Kann ich euch irgendwie helfen?«

Sie wirkte, als wäre sie Ende zwanzig – in etwa so alt wie Hayari. Sehr schmal, fast schon erschreckend dünn. Nein, nicht zart. Ausgezehrt.

Man sah die feinen Linien an ihrem Hals, die hervorstehenden Knochen, ihre Handgelenke schienen beinahe zerbrechlich. Ihr Haar hatte sie einfach im Nacken zusammengebunden. Und doch hatte ich das Gefühl, dass sie früher einmal sehr auf ihr Äußeres geachtet hatte. Dass sie eigentlich eine Frau war, die Wert auf Details legte.

Ihre Turnschuhe waren zwar deutlich abgetragen, aber sauber. Fast so, als wolle sie wenigstens an etwas festhalten, das nicht völlig durcheinandergeraten war.

»Also … wir waren an dem Tag, bei dem Unfall … wir waren dort«, begann Chitose ruhig.

»Ich verstehe«, antwortete sie, ohne ihn auch nur anzusehen. Ihr Blick ruhte stattdessen auf mir.

»Und … falls es Ihnen nichts ausmacht … wir würden gern die Hände falten. Einfach … kurz still stehen. Für Ihr Kind«, sagte Chitose ernst, fast ein wenig förmlich. Ich beeilte mich, ebenfalls betroffen zu wirken, und senkte den Kopf.

Frau Kashimas Blick wanderte zu meiner linken Hand – der, die seit dem Unfall immer verbunden war. Der Hand, mit der ich nie wieder Klavier spielen konnte.

»Ich verstehe … Im Haus gibt es nur noch ein Foto. Aber wenn euch das reicht – bitte, kommt doch herein.«

»Oh …«

»Das Butsudan, also der Ahnenalter, und die Urne stehen alle im Haus der Familie meines Mannes«, erklärte Frau Kashima leise. »Darum habe ich hier nichts.«

Wir waren nicht gekommen, um zu beten. Doch Chitose schien einen bestimmten Grund zu haben – also nahmen wir ihre Einladung an und traten ein.

Der kleine Altar stand auf einer Kommode in zartem Mintgrün.

In der Mitte befand sich ein Foto aus einem Fotostudio, eingerahmt von weißem Papier mit der Aufschrift Feier zum hundertsten Tag. Daneben standen ein Familienfoto in einem Glasrahmen und ein digitaler Bilderrahmen.

Außerdem lag dort ein bunter, weich wirkender Ball aus Silikon oder Vinyl mit netzartiger Oberfläche. Daneben eine einzelne kleine Sonnenblume.

»Sie hat ja noch nicht einmal Beikost gekriegt … Es gibt kaum etwas, das ich ihr opfern könnte.« Sie seufzte. Es war der Tag nach der Feier zum hundertsten Lebenstag gewesen, erzählte sie.

Uns fehlten die Worte. Schweigend legten wir die Hände zusammen und verneigten uns vor dem Foto.

Aus dem Augenwinkel sah ich Chitoses Gesicht – ernst, still und von einer Konzentration erfüllt. Mich überkam ein drückendes Schuldgefühl und zugleich das unerschütterliche Bewusstsein einer Aufgabe.

Dieses Leben war so winzig gewesen. Egal wie – wir mussten diesem Kind seine Zukunft zurückgeben.

»Möchtet ihr vielleicht eine Tasse Kaffee?«

Die unerwartete Frage riss uns aus unseren Gedanken.

»Ach so«, sagte sie mit einem kleinen, verlegenen Lächeln, »wahrscheinlich trinkt ihr noch gar keinen Kaffee. Dann vielleicht lieber Tee? Mit Milch und Zucker?«

»Ah, bitte machen Sie sich keine Umstände! Wirklich nicht nötig!« Chitose hob hastig die Hände, und ich nickte eifrig. Dabei durchströmte mich plötzlich die Sehnsucht nach einem dieser süßlich-herben Milchkaffees aus dem Tacet.

»Schon gut, lasst mich nur«, meinte sie freundlich und führte uns zum Sofa. Schließlich brachte sie den Tee doch, rubinrot, klar und mit einem feinen, wohltuenden Duft. Während sie Milch und Zucker reichte, sah sie mich prüfend an.

»Geht es euch beiden gut? Keine schlimmeren Verletzungen?«

»Nein … nichts Ernstes.«

»Das ist wirklich gut zu hören. Eure Familien müssen sich schrecklich gesorgt haben.« Sie senkte den Blick, ihre Stimme klang gedämpft und schwer. Mir zog sich das Herz zusammen.

»Es tut mir leid«, sagte ich unwillkürlich. Ich hatte sie, die Mutter des Opfers, im Glauben gelassen, ich hätte mir bei demselben Unfall die Hand verletzt, und nun sorgte sie sich um mich. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag.

»Ach was … ist schon gut. Hauptsache, jemand ist mit dem Leben davongekommen. Ich bin sicher, selbst der Fahrer würde das so sehen. Niemand wollte, dass jemand zu Schaden kommt.«

Die Ursache des Unfalls war ein Sekundentod des Fahrers gewesen – in der Zeitung hatte gestanden, es sei eine Aortendissektion gewesen. Ein Mann Anfang dreißig, jung noch, ohne bekannte gesundheitliche Probleme.

»Weil es so unerwartet aufgetreten ist … war es wohl unvermeidbar, oder?«

»Ja.«

Frau Kashima nickte auf Chitoses leise Frage. Doch kaum hatte sie geantwortet, verzog er das Gesicht.

»Sie sind … erstaunlich gefasst.«

»Findest du?«

»Ja, irgendwie schon …«

»Du meinst, ich klinge, als ginge mich das alles gar nichts an? Als wäre ich keine Betroffene, sondern Außenstehende?«

Überrascht von ihrer direkten Frage schwieg Chitose und presste die Lippen zusammen.

»Schon gut«, sagte sie sanft. »Weißt du, ich bin gar nicht so traurig. Auch nicht wirklich verzweifelt.«

Sie lächelte – ruhig, beinahe milde. Keine Bitterkeit lag darin, sondern eine Müdigkeit, die sich mit einem Hauch von Frieden vermischte.

»Wie bitte?«

»Natürlich war der Unfall ein Schock. Aber das, was ich jetzt am stärksten empfinde, ist … Erleichterung.«

Sie hob die Teetasse an die Lippen, hielt inne und schwieg. Das Lächeln blieb, doch es war eines, das ebenso gut ein leises Weinen hätte sein können. Dann trank sie einen Schluck und begann zu sprechen.

*

»Wisst ihr … ich hatte nach der Geburt eine postnatale Depression. Nun, nein – das sagen zumindest die Leute in meinem Umfeld. Ich glaube nicht, dass es wirklich das war. Es war nicht nur eine vorübergehende Sache. Es ging nicht um den Hormonhaushalt oder Stress oder Ähnliches … Ich glaube, mir fehlt einfach der Mutterinstinkt.

Egal, wie viel Zeit verging, ich fand meine Tochter nie süß. Ich konnte mein eigenes Kind nicht gernhaben. Ganz gleich, wie hübsch ich sie anzog. Es machte mir zwar Freude, im Geschäft die winzigen Kleidchen auszusuchen, aber das Anziehen selbst war nur Routine. Ich sah sie an und empfand nichts. Keine Zärtlichkeit, keinen Stolz.

Auf Fotos war sie entzückend. Auf Bildern konnte ich sie lieben. Aber sobald ich sie in den Armen hielt, erlosch dieses Gefühl.

Dieses kleine, unablässig schreiende Wesen kam mir vor wie ein kleines Monster. Ich hasste es, Mutter zu sein. Und schlimmer noch: Ich mochte Rena nicht.

Ich hatte ein Jahr Elternzeit genommen, und mein Mann kam wegen seiner Arbeit erst spät nach Hause. Die langen Stunden allein mit ihr waren eine Qual.

Du fragst dich vielleicht: Warum haben Sie dann überhaupt ein Kind bekommen? Ich habe Kinder immer gemocht. Ich liebe Tiere. Ich hätte nie gedacht, dass ich mein eigenes Kind nicht lieben könnte. Im Gegenteil – ich war überzeugt, sie würde das Kostbarste in meinem Leben werden. Aber das war sie nicht.

Natürlich weiß ich, dass nicht jede Frau eine Heilige ist. Und dennoch heißt es, dass der Körper einer Mutter sich allmählich auf ihr Kind einstellt, dass Liebe mit der Zeit wächst. Aber bei mir … war das anders.

Das Leben mit meiner Tochter war von Anfang an nur schwer zu ertragen.

Jeder Tag fühlte sich an, als würde mich etwas Unsichtbares erdrücken. Mein Kopf war leer, mein Herz war leer – und doch war die Zeit wie dichter, zäher Ton, der jede Lücke ausfüllte. Ich war kurz davor, einfach unter allem zusammenzubrechen.

Mein Mann war ganz anders. Er liebte unsere Tochter von Herzen. Obwohl er viel arbeitete, versuchte er, so oft wie möglich für sie da zu sein. Er bemühte sich wirklich.

Wenn er freihatte, widmete er sich ganz ihr. Er war ein liebevoller, aufmerksamer Vater. Er war liebevoll, aufmerksam, und auch zu mir war er geduldig, als er merkte, dass ich nach der Geburt so oft in tiefe Schwermut fiel. Er versuchte, mir zu helfen.

Er liebte Rena. Und er liebte mich. Und vielleicht war es gerade diese Liebe, die ihn irgendwann erkennen ließ, was ich selbst nicht einmal in Worte fassen konnte: dass zwischen ihm und mir etwas nicht stimmte.

Er begriff, dass mein Zustand kein vorübergehendes Stimmungstief war. Keine hormonelle Schieflage. Er verstand – auch wenn ich es nie ausgesprochen hatte –, dass ich unser Kind nicht liebte.«

*

»Und dann«, flüsterte Frau Kashima, »kam der Unfall.«

Sie holte zitternd Luft, als hätte sie für einen Moment das Atmen vergessen.

»Ich habe es nicht mit Absicht getan. In diesem Augenblick … ich war wie erstarrt vor Angst. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich dachte, ich würde sterben. Ich konnte nichts tun. Nicht einmal die Hand heben.«

Sie senkte den Blick. Ich glaubte ihr. Ich wusste genau, wie sich so etwas anfühlte. Ich erinnerte mich an meinen eigenen Unfall. An das Gefühl, wie gefangen im eigenen Körper zu sein. Als würde man in einem Albtraum stecken, in dem der Körper einem nicht mehr gehorcht. Doch ihr Mann hatte ihr das nie verziehen.

»Er ist kein schlechter Mensch«, sagte sie leise. »Er war einfach … gebrochen. Der Schmerz war zu groß.«

Er hatte sein geliebtes Kind verloren – und die Frau, die neben ihm gestanden hatte und es hätte beschützen sollen, blieb fast unverletzt. In seinem Innersten, das wusste sie, war daraus eine schreckliche Gewissheit geworden: Seine Frau hatte ihre Tochter nicht geliebt. Und das, was er früher nur verdrängt hatte, wurde nun zur unumstößlichen Wahrheit.

»Aber er wollte keinen Streit«, fuhr sie fort. »Er hat mich nie angeschrien. Er ist auch nie laut geworden. Er ist einfach gegangen.«

Er konnte nicht bleiben. Nicht in einem Haus voller Erinnerungen. Nicht bei der Frau, die – in seinen Augen – das Kostbarste in seinem Leben verloren hatte, weil sie es nicht beschützt hatte.

Er nahm alles mit. Die Urne, das kleine Foto auf dem Altar, die Spielsachen, selbst die Decke, mit der Rena als Baby zugedeckt worden war. Und er ging zurück zu seinen Eltern.

»Er sagte«, flüsterte sie, »wenn ich Rena wirklich geliebt hätte – so, wie eine Mutter es tun sollte –, dann hätte ich mich, ohne zu zögern, vor sie geworfen. Er sagte, dann hätte ich sie gerettet. Und deshalb … glaubt er, dass nicht der Fahrer unsere Tochter getötet hat. Sondern ich. Ich war schuld.«

»Das … das ist … nicht richtig.«

Man konnte den verstorbenen Fahrer vielleicht nicht verantwortlich machen – aber Frau Kashima die Schuld zu geben, war einfach ungerecht.

»Doch … vielleicht schon«, sagte Chitose leise. »Wenn einen ein Schmerz trifft, der zu groß ist, um ihn zu ertragen, dann braucht man etwas, das man hassen kann, um weiterleben zu können.«

Frau Kashima sah ihn überrascht an, nickte dann langsam, als hätte sie seine Worte verstanden.

»Ja … vielleicht. Und weißt du, ich glaube, das ist in Ordnung so. Wenn mein Mann ein wenig Frieden findet, indem er mich hasst, dann soll es so sein.«

Wie traurig das klang. Ich musste unwillkürlich die Stirn runzeln, doch sie schenkte mir ein sanftes, beinahe tröstliches Lächeln.

»Schon gut, mach dir keine Sorgen. Seit mein Kind gestorben ist und mein Mann gegangen ist, bin ich allein. Und weißt du was? Jetzt ist es still. Ruhig. Friedlich.«

»Aber …«

»Nein, wirklich. Ich habe keine Angst mehr vor dem Urteil anderer, vergleiche mich nicht mehr in sozialen Netzwerken mit Frauen, die alles richtig machen. Ich muss mein schreiendes Kind nicht mehr stundenlang im Arm halten und dabei selbst in Tränen ausbrechen. Jetzt ist es ruhig. Endlich ruhig. Vielleicht ist das so besser. Ich war keine gute Mutter. Ich hätte nie Mutter werden sollen.«

Das Licht des späten Nachmittags färbte den Raum rotgolden. Die Sonne warf lange Schatten über den Tisch, und der Umriss ihrer Tasse zeichnete sich scharf auf der Holzfläche ab. In dieser stillen, leeren Wohnung lächelte Frau Kashima – ein Lächeln, das zugleich Frieden und Schmerz in sich trug.

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