Das kleine Gestüt an der Ostsee - Luise Holthausen - E-Book
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Das kleine Gestüt an der Ostsee E-Book

Luise Holthausen

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Beschreibung

GÜNSTIGER EINFÜHRUNGSPREIS. NUR FÜR KURZE ZEIT! Ein spannender Ostsee-Liebesroman um ein Pferdegestüt und ein Familiengeheimnis  Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ex-Freund ist Riley in Bradebüll, einem kleinen Dorf an der Ostsee, untergetaucht. Hier am Meer kann ihre verletzte Seele heilen und sie ein neues Leben beginnen, davon ist sie überzeugt. Ihr Vorsatz, sich auf keinen Mann mehr einzulassen, gerät allerdings ins Wanken, als sie Hendrick kennenlernt, Juniorchef des Gestüts Hansen und Sohn des einflussreichsten Mannes im Ort. Riley und Hendrick verlieben sich Hals über Kopf ineinander – doch das Gestüt steht kurz vor dem Ruin und nicht nur in Rileys Vergangenheit gibt es dunkle Schatten, die sie beide jetzt einholen … Neuauflage: Erschien bereits 2020 unter dem Titel »Und irgendwann wird alles gut«.

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Bei »Das kleine Gestüt an der Ostsee« handelt es sich um eine Neuausgabe des 2020 im Piper Verlag erschienenen Titels »Und irgendwann wird alles gut« von Luise Holthausen.

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Das kleine Gestüt an der Ostsee« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

© Piper Verlag GmbH, München 2023

Redaktion: Friedel Wahren

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Traumstoff Buchdesign traumstoff.at

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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In diesem Buch sind Themen enthalten, die triggernd wirken können. Am Ende des Textes findet sich eine Aufzählung, die jedoch den Verlauf der Geschichte spoilern kann.

Wir wünschen ein bestmögliches Leseerlebnis.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Teil 1

1 Riley

2 Hendrick

3 Riley

4 Ein Mann

5 Riley

6 Riley

7 Hendrick

8 Patricia

9 Riley

10 Riley

11 Ein Mann

12 Riley

13 Hendrick

14 Riley

15 Hendrick

16 Riley

17 Riley

18 Riley

19 Riley

Teil 2

20 Ein Mann

21 Riley

22 Hendrick

23 Riley

24 Riley

25 Diane

26 Riley

27 Hendrick

28 Riley

29 Riley

30 Diane

31 Hendrick

32 Riley

33 Patricia

34 Riley

35 Tom

36 Diane

37 Riley

38 Riley

39 Hendrick

40 Riley

Teil 3

41 Riley

42 Diane

43 Riley

44 Diane

45 Riley

46 Riley

47 Riley

48 Hendrick

49 Hendrick

50 Riley

51 Tom

52 Riley

53 Riley

54 Hendrick

55 Patricia

56 Tom

57 Riley

58 Hendrick

59 Riley

60 Riley

61 Hendrick

Epilog Riley

Triggerwarnung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Teil 1

1 Riley

Wer ich bin? Sagen wir mal so – ich heiße Riley. Wenn mich jemand fragt, wie ich zu meinem Namen gekommen bin, dann antworte ich: Mein Vater war Ire und stammt aus der Familie O’Reilly, und meine Mutter nannte mich dann in einem Anfall von Wahnsinn Riley. Sie betont meine irischen Vorfahren sehr, auch wenn ich leider äußerlich nicht nach ihnen geraten bin. Denn nein, ich habe keine roten Haare und grünen Augen, sondern bin langweilig braunhaarig und habe graublaue Augen. Aber als Kind lebte ich in Irland, in einem kleinen Haus am Meer, und auch wenn wir später zur Familie meiner deutschen Mutter nach Berlin zogen, die Sehnsucht nach dem Meer bleibt in meinem Herzen verankert.

Schöne Geschichte, oder?

Malte Feldmann hat sie mir geglaubt, als ich mich bei seinem Provinzblatt bewarb. Ein paar harmlose veröffentlichte Artikel legte ich der Bewerbung als Referenz bei. Ich musste nur ein bisschen in meinem Archiv graben und ein bisschen etwas fälschen. Neben dem Namen noch das Datum, denn harmlose Artikel gibt es nur aus meiner Anfangszeit als Journalistin … und schon war ich in seinen Augen die ideale Besetzung für die ausgeschriebene Stelle. Jetzt darf ich Beiträge über den Kaninchenzüchterverein oder das Strandfest schreiben.

Ausgerechnet du, würde Tom sagen. Aber nein, an Tom darf ich nicht denken.

In Wahrheit bin ich ohne Färbung gar nicht braunhaarig, sondern blond. In Wahrheit war ich schon an vielen Orten auf dieser Welt, aber noch nie in Irland. In Wahrheit bin ich ein richtiges Großstadtkind. Hatte eine wilde Pubertät, mit Party, Sex und dem einen oder anderen Drogenexperiment und fand schließlich mein Ventil beim Schreiben. Schreiben, merkte ich, ist besser als jede Droge. Und bald stand mein Berufswunsch fest. Mein Idol war Edward Snowden und ich träumte davon, überall dorthin zu reisen, wo es brennt, und als investigative Journalistin zu arbeiten.

Gestrandet, welch doppelter Wortsinn, bin ich nun hier in Bradebüll an der Ostsee. Seit zwei Tagen wohne ich in einer winzigen Kate, in der nichts nach Umzug aussieht. Was vor allem daran liegt, dass meine gesamte Habe in eine Reisetasche passt. Wenn ich im Bad am Fenster stehe und mich auf die Zehenspitzen stelle, sehe ich von meinem neuen Heim aus ein Fleckchen Meer. Alles, was ich Feldmann gegenüber von wegen Liebe zum Meer und so gefaselt habe, stimmt nämlich. Ich hatte mich nach einem Zuhause gesehnt, und hier hätte es sein können.

Zur Ruhe komme ich trotzdem nicht. Meine Ängste sind alle mit mir gezogen.

Als ich an diesem Junimorgen erwachte, rauschte der Regen auf das Dach meiner Kate. Heute war mein erster Arbeitstag. Ich stand auf, stellte mich unter die Dusche, machte mir ein karges Frühstück und schaute hinaus in den trüben Tag, während ich meinen Kaffee aus einer angeschlagenen Tasse mit Weihnachtsmotiv trank. Es war die einzige Kaffeetasse, die ich in dem Küchenschrank, der nach einem frischen Anstrich schrie, gefunden hatte.

Ich wusste, warum es regnete. Ich war Expertin für dieses Wetter, ich konnte es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hervorrufen, und das auf ganz einfache Weise … ich brauchte nur ohne Schirm aus dem Haus zu gehen. Meine Trefferquote lag bei über achtzig Prozent. Und heute musste ich genau das tun. Ich besaß nämlich keinen Schirm mehr. Er lag in einem anderen Haus in einem anderen Land, zerschlagen im Müll.

Ich schrieb Neuen Schirm kaufen auf einen Zettel und pinnte ihn an den altersschwach ächzenden Kühlschrank, den ich neben dem anderen Mobiliar beim Einzug übernommen hatte. Dann schlüpfte ich in meine Regenjacke, schlug die Kapuze hoch und verließ das Haus.

Nun sagt sich das so einfach … das Haus verlassen. Für mich bedeutete das, den Stuhl von der Haustür wegziehen, der dort die Klinke blockiert, dann die Tür einen Spaltbreit öffnen, lauschen, einen Schritt nach draußen gehen, wieder lauschen, mich dabei nach allen Seiten umsehen. Und dann erst die Tür zuziehen und abschließen, doppelt, auch wenn ich wusste, das würde im Ernstfall nicht viel nutzen. Aber ich hatte noch kein Sicherheitsschloss. Dafür besaß ich Pfefferspray.

Mein Fahrrad lehnte an der Hauswand. Es war in einem beklagenswerten Zustand, völlig zerkratzt und verschrammt, aber es fuhr. Ich hatte es in Kopenhagen am Straßenrand gefunden und mithilfe aller Ersatzteile ausgebessert, die mir unterwegs in die Finger geraten waren. Seitdem hatte es mich zuverlässig und weit getragen.

Ich schwang mich auf den Sattel und radelte los. Der Regen schlug mir ins Gesicht, aber das machte mir nichts aus. Es gibt Schlimmeres als schlechtes Wetter. Das Meer rauschte und übertönte jeden Gedanken in meinem Kopf. Es rauschte immer lauter, und als mir ein Schwall Wasser über die ohnehin schon nassen Beine flutete, kapierte ich, dass das Rauschen von einem Auto kam, das an mir vorbei durch eine Pfütze bretterte.

»Verdammt!« Ich bremste abrupt und brauchte einen Moment, ehe ich wieder klare Sicht bekam. Mit einer Sekunde Zeitverzögerung setzte das Herzrasen ein. Wer saß in dem Auto? Fuhr es weiter, oder wendete es?

Ich lauschte angestrengt. Der Regen rauschte. Alles war gut.

Du kannst nicht vor allem und jedem Angst haben, sagte ich mir. Ich hatte meine Spuren so gut verwischt, niemand würde mich in diesem Kaff vermuten, niemand würde mich hier finden.

Und doch musste ich künftig besser aufpassen. Tagträume konnte ich mir nicht leisten.

Aufmerksamer als zuvor radelte ich weiter, in den Ort hinein. Ort heißt im Fall Bradebüll: Dorfplatz mit Kirche und schmucken Häuschen drumherum, eine Straße mit einigen Geschäften, ansonsten Bauernhöfe mit Ferienwohnungen. Der Regen ließ nach, je mehr ich mich dem Redaktionsbüro näherte. War ja klar. Die Straßen waren weitgehend leer. Bereits von Weitem bemerkte ich einen Labrador, der den Bürgersteig entlangrannte, außerdem einen stinkenden Trecker, dessen Motor einen Höllenlärm verursachte. Nichts also, was mir Sorgen bereiten musste.

»Tasso!«, brüllte eine Männerstimme von irgendwoher.

Der Labrador reagierte nicht, und als er mit weit ausgreifenden Sprüngen näher kam, sah ich, dass er eine flatternde blaue Leine hinter sich herzog. Ich bremste, um weder mit dem Hund zu kollidieren noch seine Leine in die Speichen zu bekommen, doch unmittelbar vor mir drehte er jäh in Richtung Straße ab. Wo der stinkende Trecker mit seinen Riesenrädern fröhlich auf ihn zurollte.

»Halt!«, brüllte ich, womit ich Hund und Traktorfahrer gleichzeitig meinte.

Keiner hörte mich.

Ich ließ den Lenker los und machte einen Kamikazesprung auf Tasso zu. Das Fahrrad krachte scheppernd zu Boden. Ich erwischte halb liegend gerade noch das alleräußerste Ende der Leine und umklammerte sie mit beiden Händen. Tasso versuchte einige Schritte, wobei er mich über den Bürgersteig schleifte, und jaulte laut. Ich jaulte auch. Der Trecker dröhnte an uns vorbei, so dicht, dass ich seinen Luftzug spürte. Hätte ich eine Hand freigehabt, hätte ich den Mittelfinger gezeigt.

»Sind Sie verletzt?« Hastige Schritte näherten sich, es folgte ein weiterer Sprühschauer. »Oh, verdammt, die Pfütze! Alles in Ordnung? Können Sie aufstehen?« Hände griffen nach mir.

»Lassen Sie das!« Mit einer raschen Bewegung wich ich aus und unterdrückte den Impuls, das Pfefferspray zu zücken. Mich durfte keiner anfassen ohne meine Erlaubnis, und die würde ich so schnell niemandem mehr geben. Falls überhaupt jemals wieder.

»Entschuldigung. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

»Alles okay.« Ich rappelte mich hoch. Vor mir stand ein junger Mann, dunkles Haar, Dreitagebart, verwegener Blick. Früher, als ich mich noch für Männer interessierte, hätte ich gesagt: Sieht gut aus.

»Danke, dass Sie meinen Hund gerettet haben!«, stieß er überschwänglich hervor.

»Keine Ursache.« Ich übergab ihm die Leine, wobei sich unsere Hände berührten. Ich biss die Zähne zusammen, aber diesmal zuckte ich nicht zurück. Dieser Mann würde mir schließlich nichts tun.

Der Hund hatte sich immer noch nicht richtig beruhigt und wedelte aufgeregt zwischen uns hin und her, dabei fiepte er leise. Sein Herrchen hob den Zeigefinger. »Schluss jetzt, Tasso, sitz!« Tasso schnaufte und schien nachzudenken, aber dann siegte die Erziehung, und er setzte sich neben die Pfütze.

»Tut mir leid«, entschuldigte sich sein Herrchen zum zweiten Mal. »Tasso benimmt sich sonst nicht so. Eigentlich läuft er ohne Leine und hört aufs Wort, aber seine Freundin Rosa …« Er wies auf die andere Straßenseite, wo unter dem Rand eines großen Hoftors eine gefleckte Schnauze herumschnuffelte. »Sie ist zurzeit sehr empfänglich für Rüden.« Er lachte. »Liebe macht blind, auch für den Straßenverkehr.«

Ich lachte nicht.

Nun wurde auch er ernst. »Ich bin übrigens Hendrick«, sagte er und streckte mir eine Hand entgegen. »Sie sind nicht von hier, oder?«

»Jetzt schon.« Ich ergriff seine Hand und schüttelte sie gerade so kurz, wie es noch höflich war.

Ein wissendes Grinsen glitt über sein Gesicht. »Ah, Sie sind die Neue vom Bradebüller Anzeiger.«

»Genau die.« Man kannte mich also schon, kaum war ich hier angekommen. Ich hatte nicht gut genug bedacht, dass ich in so einem Kaff natürlich sofort auffiel, weil ich die Neue, die Fremde war. In einer größeren Stadt wäre ich nicht so schnell aufgefallen. Andererseits … wer würde mich in einem Kaff vermuten? Und wer hinter einer braunhaarigen Langweilerin namens Riley mich?

»Sie haben meinen Hund gerettet. Wie kann ich Ihnen danken?«

»Das war doch selbstverständlich.« Ich hob mein Fahrrad auf, das jetzt ein paar Kratzer mehr hatte.

»Nein, ich bestehe darauf.« Er zückte eine Visitenkarte und überreichte sie mir. »Wie kann ich mich revanchieren?«

Wenn ich ablehnte, wurde ich ihn wahrscheinlich nie los. Ich steckte die Karte ein, ohne draufzuschauen, und dachte nach. »Sie können mir sagen, wo ich eine Sicherheitstür herkriege.«

»Eine was?« Er starrte mich an, als redete ich in einer unbekannten Sprache.

»Eine Sicherheitstür. Gegen Einbrecher.«

Er lachte herzlich. »In Bradebüll gibt’s keine Einbrecher.«

»Noch nichts von durchreisenden Banden gehört? Und können Sie für jeden Touristen, der seine Ferien hier verbringt, die Hand ins Feuer legen, dass er niemals lange Finger macht?«

Er sah aus, als hielte er mich für irre. »Der Baumarkt in der Nachbarstadt. Der dürfte so was haben«, sagte er nach einer Weile.

»Super, danke.« Ich schwang mich aufs Rad. »Ich muss dann mal los, sonst denkt mein Chef noch, ich hab’s mir mit der neuen Stelle anders überlegt.«

Er nickte. »Man sieht sich.«

»Tschüs. Und du pass in Zukunft besser auf«, ermahnte ich Tasso, der sofort freundlich wedelnd aufsprang, und tätschelte ihm kurz den Kopf. Bei Tieren habe ich keine Berührungsängste.

Dann radelte ich los. Ich hätte wetten können, dass Hendrick mir nachsah.

Ich betrat die Redaktion an meinem ersten Arbeitstag als gebadete Maus. Mein Haar war zerzaust und tropfte, meine Hose hatte ein Loch, und meine Schuhe quietschten vor Nässe bei jedem Schritt. Malte Feldmann, ein gemütlicher, quadratisch, praktisch, gut wirkender Mann mit ergrauendem Haar, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und musterte mich nachdenklich, als fragte er sich, wer ich eigentlich war.

»Riley«, half ich ihm auf die Sprünge. »Ich bin die neue Redakteurin.«

»Ich hätte Sie fast nicht erkannt«, meinte er.

»Ich war ohne Schirm unterwegs.«

»Bei einer steifen Brise nutzt der Ihnen sowieso nichts. Kaufen Sie sich lieber einen Südwester!«

»Guter Vorschlag.« Mit Feldmann würde ich auskommen, davon war ich überzeugt. Er strahlte eine unglaubliche Gemütlichkeit und Gelassenheit aus (später würde ich es Faulheit nennen). »Was gibt’s denn zu tun?«

Feldmann zog einen Block zu sich heran und schrieb Gestüt Hansen auf das oberste Blatt, dann riss er es ab und reichte es mir. »Das ist der Gutshof, auf dem Holsteiner Pferde gezüchtet werden. Nächste Woche Samstag ist dort große Party. Man feiert fünfundzwanzigjähriges Jubiläum. Ich hab schon mit dem Chef gesprochen, Presse ist willkommen. Ich dachte an eine größere Story, Vorabartikel, Interviews, Begleitberichte. Lassen Sie sich was einfallen.«

Das fing ja besser an als erwartet, besser jedenfalls als Strandfest und Kaninchenzüchterverein. Ich setzte mich an meinen neuen Arbeitsplatz und schaltete den Computer an. Während der fünf Minuten, die das altersschwache Teil zum Hochfahren brauchte, schaute ich mich in dem Raum um, der sich Redaktionsbüro nannte, aber wie eine verstaubte Amtsstube wirkte. Er beherbergte insgesamt drei Schreibtische, ein paar alte Stahlschränke, einen wackeligen Besuchertisch mit nicht zusammenpassenden Stühlen und eine integrierte Küchenzeile, auf der eine Kaffeemaschine vor sich hin röchelte.

Endlich erklärte sich mein Computer arbeitsbereit. Ich öffnete den Browser und tippte Gestüt Hansen in die Suchmaschine.

Es gab eine Homepage, und was mir fast als Erstes entgegenschaute, war meine Begegnung von vorhin: Hendrick.

2 Hendrick

Das Handy piepte kurz nach Sonnenaufgang. Bereits beim ersten Ton wurde Hendrick wach. Hastig griff er nach dem Gerät, stellte den Wecker aus und schlüpfte aus dem Bett. Er sammelte seine Klamotten vom Fußboden auf und zog sich, ungekämmt, unrasiert und ungeduscht, Jeans und T-Shirt über. Für alles andere fehlte ihm die Zeit.

Patricia hatte sich nicht gerührt. Sie lag auf der Seite, hatte die Augen geschlossen, das Gesicht farbenprächtig umrahmt von dunkelrotem Haar. Der Ansatz ihrer Brust blitzte unter dem Rand der Bettdecke hervor. Wie Hendrick wusste, war sie vollkommen nackt unter dieser Decke, dafür hatte er gestern Abend selbst gesorgt. Aber auch für eine Würdigung ihres schönen Körpers hatte er jetzt keine Zeit.

Tasso erwartete ihn schwanzwedelnd am Fuß der Treppe. In die oberen Räume durfte er nicht, und es war jeden Morgen ein Fest für ihn, wenn sein Herr wieder herunterkam.

»Ja, heute bin ich früh dran. Ich muss zum Stall.« Hendrick tätschelte seinem Hund den Kopf und griff nach der Leine. »Aber du darfst nur mit, wenn du dich benimmst. Nicht so wie gestern!«

Tasso hörte den Tonfall und setzte sich vorsorglich auf die Hinterbeine. Das kam bei den Menschen immer gut an, hatte er gelernt. Er legte den Kopf schief, als würde er überlegen, was am Tag zuvor eigentlich passiert war.

»Na komm, alter Junge!« Hendrick öffnete die Haustür. Nach dem verregneten Tag gestern zog heute ein schöner klarer Frühsommermorgen auf. Umso besser, da sparte er sich die Regenjacke. Er dachte an das nasse, zerzauste Geschöpf, das sich wegen Tasso in den Dreck geschmissen hatte, und grinste unwillkürlich. Vielleicht sollte er der jungen Frau zum Dank einen Schirm schenken.

Blöderweise wusste er nicht mal, wie sie hieß. Aber das würde er leicht herauskriegen, er musste nur den alten Feldmann in der Redaktion des Anzeigers fragen. Oder Magda Hinz, die ihre Kate an die junge Frau vermietet hatte. Ein bisschen zurückhaltend war die neue Dorfbewohnerin gewesen, fast spröde. Ganz anders als Patricia. Wieder grinste Hendrick. Pat konnte alles sein, von damenhaft bis zickig, aber zurückhaltend und spröde war sie nie. Ganz besonders letzte Nacht nicht.

Als Hendrick zum Stall hinüberging, waren diese Gedanken auf einmal wie weggewischt. Jetzt war er nur noch der junge Gutsherr, der sich um seine Pferde kümmerte. Kiara, die trächtige Stute, war am Abend zuvor so unruhig gewesen. Der unmittelbar bevorstehenden Geburt ihres Fohlens sahen alle auf dem Gestüt mit großer Spannung entgegen. Die Zuchtherde von Hansen war klein, aber fein. Gute Stuten, deren Fohlen in der Fachwelt begehrt waren. Im vergangenen Jahr hatte das Gut allerdings einige Rückschläge hinnehmen müssen. Scheinträchtigkeit, eine Frühgeburt, Krankheiten, die Tierarztkosten waren immens gewesen. Kiara würde als erste Stute in dieser schon fortgeschrittenen Jahreszeit ein Fohlen zur Welt bringen, aber zum Glück war ihre Tragzeit völlig problemlos verlaufen.

Ich hätte bei ihr bleiben sollen, dachte Hendrick, verärgert über sich selbst. Aber dann war überraschend Pat bei ihm aufgetaucht, in sehr aufgeheizter Stimmung, mit der sie ihn rasch angesteckt hatte. Eins hatte zum anderen geführt … Natürlich hätte der Stallbursche Sven, der auch nachts nach den Pferden schaute, ihm Bescheid gesagt, wenn Kiara Probleme gehabt hätte. Aber das machte es nicht besser. Er, Hendrick Hansen, war für die Tiere verantwortlich. Und sie lagen ihm sehr am Herzen.

Warum war er dann nicht im Stall geblieben? Sein Vater hatte wohl doch recht, er war einfach unzuverlässig. Und wenn sein Vater mitbekam, dass er die Stute alleingelassen und sich stattdessen mit einer Frau amüsiert hatte, würde er die Leitung des Gestüts nie an ihn abgeben.

Vom Auto des Tierarztes war weit und breit nichts zu sehen, immerhin. Ein gutes Zeichen. Hendrick zog die Stalltür auf und lauschte, versuchte die Atmosphäre zu erspüren. Alles schien ruhig, es herrschte keinerlei Aufregung. Nur das Schnauben und Knuspern der Pferde war zu hören.

»Platz, Tasso!« Er wies seinen Hund an, am Eingang liegen zu bleiben, und ging die Stallgasse entlang bis zu Kiaras Box, die ganz am Ende lag. Trotz des Dämmerlichts sah Hendrick auf einen Blick, dass die Tür zur Box nur angelehnt war.

»Sven?«, rief er halblaut.

Die Tür bewegte sich, und im Spalt erschien ein blonder Schopf, wobei nicht ganz auszumachen war, was auf dem Kopf Haar und was Stroh war. »Sie werden Augen machen«, grinste er.

Und dann sah Hendrick es auch. Kiara, eine helle Braune mit schwarzer Mähne und schwarzem Schweif, war nicht mehr allein in der Box. Vor ihr lag ein feucht glänzendes, noch etwas struppiges Fohlen im Stroh. Mit großer Geduld leckte sie sein Fell trocken.

»Verdammt, Sven, warum hast du mir nicht Bescheid gesagt?« Hendrick wäre am liebsten auf Kiara und ihr Fohlen zugestürzt, aber er konnte sich gerade noch zurückhalten. Die Tiere brauchten Ruhe. »Gutes Mädchen, tapferes Mädchen«, murmelte er und betrat die Box mit vorsichtigen Schritten.

Kiara bewegte die Ohren und schnaubte sanft, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen. Das Fohlen zappelte mit den Beinen.

»Ich hab versucht, Sie zu erreichen«, beteuerte Sven.

Hendrick zog sein Handy aus der Tasche. Verdammt, er hatte es auf Lautlos gestellt, gleich nach Pats erstem Kuss. Und die Anzeige der verpassten Anrufe hatte er auch übersehen.

»Es ging ganz schnell«, erklärte Sven. »Kaum hab ich mitbekommen, dass es losgeht, waren schon die Hufe zu sehen. Da wollte ich sie auch nicht alleinlassen.«

»Ja, das war richtig so, Sven. Danke.« Ein Durcheinander von Gefühlen überwältigte Hendrick. Er war sauer auf sich selbst, gleichzeitig hingerissen von dem Fohlen und erleichtert, dass alles glatt gegangen zu sein schien. Kiara sah nicht strapaziert aus, und das Fohlen wirkte auf den ersten Blick gesund. »Ruf den Tierarzt an und sag ihm, er soll sich das Kleine ansehen!«

»Alles klar. Soll ich dem Chef auch Bescheid sagen?«

Der Chef. Sein Vater. »Warte noch ein paar Minuten!«

Das Fohlen stemmte die Vorderhufe ins Stroh und wollte sich aufrichten, fiel aber gleich wieder um.

Von der Eingangstür her stieß Tasso einen dumpfen Laut aus. Im nächsten Moment schlug das Stalltor zu. Hendrick fuhr hoch. Absätze klapperten über den Boden. Nein, das war nicht sein Vater.

»Hier bist du!« Die dunkelrote Haarflut geriet in sein Blickfeld. »Ach, hallo, Sven! Was macht ihr denn hier?«

»Wir haben ein freudiges Ereignis«, stammelte Sven. Er gab sich Mühe, Patricia nicht allzu auffällig anzustarren. Sie trug nur Shorts und eine Bluse, die sie gerade mal halb zugeknöpft hatte. Das Haar wogte ihr um die Schultern, und sie wirkte verteufelt sexy. Ihr war anzusehen, dass sie direkt aus dem Bett kam und dass sie darin nicht nur zum Schlafen gelegen hatte.

Sie entdeckte das Fohlen und stieß einen kindlichen Jauchzer aus. »Warum hast du mir nichts verraten?«

Kiaras Kopf fuhr ruckartig hoch. Das Fohlen kippte ein zweites Mal um. Sven verzog sich diskret in den Hintergrund.

»Pst!« Rasch trat Hendrick zu Patricia in die Stallgasse und ergriff ihre Hand. »Aufregung ist nicht gut für die beiden.«

Eine Weile standen sie still und beobachteten, wie sich das Fohlen weiter abmühte, auf die Beine zu kommen. Kiara ermunterte es, indem sie es immer wieder anstupste. Endlich stand es, noch wackelig zwar, die Vorderbeine leicht gegrätscht, aber es stand.

Genau in diesem Augenblick meldete Tasso den nächsten Besucher. Wieder schlug das Tor, feste Schritte näherten sich.

»Guten Morgen, Chef«, grüßte Sven ehrerbietig.

Plötzlich schien der Stall zu schrumpfen: Sören Hansen, Herr des Gestüts, Pferdeliebhaber, Machthaber, Stratege, Patriarch, trat auf. Wo immer er das tat, veränderte sich die Atmosphäre, wurde der Raum kleiner und die Luft schwerer. Selbst Hendrick, der seinen Vater nun seit mittlerweile dreißig Jahren kannte und dem diese Ausstrahlung vertraut war, überkam bei seinem Erscheinen immer ein Hauch von Nervosität. Besonders heute.

»Wir haben Zuwachs bekommen, Vater.« Hendrick verschwieg, dass er die Geburt gar nicht mitbekommen hatte. Er wechselte einen Blick mit Sven, der unmerklich nickte. Sven würde nichts verraten.

Sörens kantiges Gesicht wurde weich. Er ging auf Kiara zu, strich ihr über den Hals und murmelte dabei leise Worte. Kiara schnaubte und senkte den Kopf, als habe sie gerade ihr Einverständnis erteilt, und Sören strich auch dem Fohlen über den Hals. Kiara vertraute ihm vollkommen. Niemand verstand sich so gut mit Pferden wie Sören. Die Verbindung zwischen ihnen war geradezu magisch.

Er wandte sich um, und sein Blick schweifte von Hendrick zu Patricia. Hendrick war sofort klar, dass sein Vater die Situation durchschaute.

Doch als er dann sprach, klang er völlig ruhig. »Patricia, möchten Sie das Kleine streicheln?«

Hendrick traute seinen Ohren nicht. Nicht nur, dass Sören keine inquisitorischen Fragen zur Geburt des Fohlens stellte, nicht nur, dass er sich jeglichen Kommentars über Pats leicht bekleidete Anwesenheit im Stall enthielt, jetzt lud er sie auch noch in die Box einer seiner geheiligten Mutterstuten ein!

Diesmal jauchzte Patricia nicht wie ein kleines Mädchen. Binnen Sekunden hatte sie sich in eine bodenständige, vernünftige Frau verwandelt. Mit ernster Miene trat sie zu Sören in die Box und streichelte auf seine Anweisung hin erst die Mutterstute, dann das Fohlen.

»Es ist ein Hengstfohlen«, stellte Sören fest. »Patricia, Sie dürfen seinen Namen aussuchen. Der Vater heißt Altan, der Name des Fohlens muss also auch mit A beginnen.«

»Welche Ehre«, hauchte Patricia. Sie überlegte, nach Hendricks Gefühl minutenlang, bis sie sich endlich äußerte. »Allegro. So soll sein Name sein.«

»Allegro, das klingt sehr schön.« Sören lächelte Patricia an, dann wandte er sich an Hendrick, und sein Lächeln schwand. »Was stehst du noch hier herum? Hast du mit den Vorbereitungen für das Fest nicht genug zu tun?«

Hendrick, noch immer wie vom Donner gerührt, nickte knapp und wandte sich zum Gehen. Patricia folgte ihm nicht.

3 Riley

Nun lebte ich also hier. Am Meer. Tatsächlich beruhigte mich das regelmäßige Rauschen der Wellen, das ich bis in meine Kate hörte. Für meine Verhältnisse schlief ich sogar gut, aber vielleicht half dabei auch das Küchenmesser, das nachts neben meinem Bett lag. Im Morgengrauen oder in der Abenddämmerung, wenn sonst niemand zu sehen war, zog es mich an den Strand. Ich liebte diese Einsamkeit, diesen Blick in die unendliche Weite. Dann konnte ich mir einbilden, es gebe keine Gefahren.

Jeden Tag radelte ich zu meinem Arbeitsplatz beim BradebüllerAnzeiger, dessen Redaktion nur aus mir, dem Redaktionsleiter Malte Feldmann und einem blassen, verhuschten Mädchen namens Karen bestand. Karen erledigte den Bürokram. Von den fünf Tagen, die ich jetzt hier arbeitete, hatte sie drei wegen Krankheit gefehlt, aber das schien Feldmann nicht zu stören. Viel Bürokram fiel wohl nicht an.

Auch sonst lief alles recht gemächlich. Feldmann saß sich an seinem Schreibtisch den Hintern platt, und ich hätte schwören können, dass in diesen fünf Tagen auch der Umfang seines Bauchs zugenommen hatte. Die meiste Zeit telefonierte er Anzeigenkunden hinterher. Das waren vor allem die örtlichen Geschäfte wie Bäcker, Metzger, Tante-Emma-Laden und ein paar Handwerker.

Außer Anzeigen standen in dem Blättchen auch sogenannte Artikel. Die meisten drehten sich um, ja, ich wiederhole mich, den Bäcker, den Metzer, den Tante-Emma-Laden und ein paar Handwerker. Feldmann schrieb diese Artikel höchstpersönlich, er nannte sie hochtrabend Reportagen. Ich hegte den Verdacht, dass er alte Artikel recycelte und etwas umschrieb und dass eigentlich immer dasselbe in der Zeitung stand.

Und dann gab es in Bradebüll noch das Gestüt mit seinem Obermotz Sören Hansen, der in diesem Kaff offenbar eine große Rolle spielte. Feldmann hatte zu ihm so etwas wie eine Standleitung. Einmal verschwand er zu einem »wichtigen Termin«, und als ich später heimradelte, sah ich die beiden im Strandcafé sitzen und eifrig palavernd ein Bier trinken. Mich wunderte es, dass dieser Herr Hansen einem Provinzjournalisten so viel Zeit widmete. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ein Gestütsbesitzer genug anderes zu tun hatte. Aber was wusste ich schon von der Provinz.

Ich selbst war mit dem Auftrag beschäftigt, das bevorstehende große Jubiläumsfest des Gestüts schreibend zu begleiten. Erstaunlich, dass Feldmann diese Arbeit nicht selbst an sich gerissen hatte. Aber vielleicht hätte ihn das zu viel Mühe gekostet.

Ich recherchierte zunächst die Geschichte des Gestüts. Es ging auf den kleinen Bauernhof von Hendricks Großvater zurück, der damals noch ganz gewöhnliche Landwirtschaft betrieben hatte. Als Sören Hansen den Hof übernahm, baute er nach und nach eine Herde mit Holsteinern auf, einer Sportpferderasse, die speziell in Norddeutschland gezüchtet wird. Inzwischen genoss das Gestüt überregional einiges Ansehen, es waren sogar schon Turniersieger aus seiner Zucht hervorgegangen. Nach etlichen An- und Umbauten hatte Sören vor zehn Jahren das alte Gehöft abreißen und ein neues Anwesen mit großem Haupthaus, mehreren Nebengebäuden und modernen Stallungen errichten lassen. Es gab nichts Vergleichbares im gesamten Umland.

Hansen selbst, Hendricks Vater, war der große Gönner von Bradebüll, ein Spender und Mäzen, der Schulprojekte förderte, einem Kindergarten mal eben die gesamte neue Einrichtung finanzierte, einem Bauern bei Missernte unter die Arme griff und sogar eine örtliche Galerie unterstützte. Ja, da staunt man, in Bradebüll gab es tatsächlich eine Kunstgalerie! Sie hatte zwar nur während der Sommersaison geöffnet, wenn die Touristen einfielen, aber immerhin.

Überhaupt hatte Hansen überall seine Finger drin, stellte ich fest. Egal, ob irgendwo etwas geplant, gebaut, umgebaut, eingerichtet oder auch nur beschlossen wurde, Hansen war beteiligt. Ohne ihn lief anscheinend nichts in Bradebüll.

Nachdenklich starrte ich auf den Bildschirm, auf dem ich mehrere Fenster mit Artikeln geöffnet hatte. Alle mit dem gleichen lobpreisenden Inhalt.

»Sitzt Sören Hansen eigentlich im Gemeinderat?«, fragte ich.

Feldmanns Stuhl knarrte, als er sich zu mir umwandte. »Nein, tut er nicht.«

Also keine offiziellen Ämter. Sören Hansen war nur ein stinknormaler Bürger. Eigentlich. Wenn man mal davon absah, dass er quasi ganz Bradebüll finanzierte.

»Und seine Frau?«

»Die ist schon vor Jahren gestorben, da war sein Sohn noch ein Kind.«

Meine Reporterseele jauchzte. Damit hatte ich doch den denkbar besten Einstieg in meine Artikelserie! »Seine heile kleine Welt wurde jäh erschüttert, als er seine Mutter in jungen Jahren verlor. Doch die Liebe zu den Pferden hat ihm den Lebensmut zurückgegeben«, fabulierte ich laut. Das war großes Kino! Perfekt!

»Nein«, raunzte Feldmann, nahm den Bleistiftstummel, auf dem er dauernd herumkaute, aus dem Mund und warf ihn auf den Schreibtisch. »Das können Sie so nicht schreiben.«

»Das wird die Leute rühren«, widersprach ich.

»Der Chef möchte darüber nichts lesen.«

»Der Chef?« Ich hatte gedacht, Feldmann sei der Chef. Oder meinte er den Leiter des überregionalen Verlagshauses, zu dem der Bradebüller Anzeiger gehörte?

»So nennt man Sören Hansen. Er ist der Chef.«

»Aber doch nur vom Gestüt, nicht von der Zeitung.«

»Ja, natürlich. Man nennt ihn trotzdem allgemein so.«

Aha. »Und weil der Chef nicht will, dass seine verstorbene Frau erwähnt wird, schreiben wir nicht über sie?«

»Wir sind rücksichtsvoll.«

»Wir sind Journalisten.«

»Wir sind rücksichtsvolle Journalisten. Also schreiben Sie was anderes.«

»Yes, Sir.« Zackig führte ich eine Hand zur Stirn.

Ich hatte es so gewollt. Ich hatte Provinzartikel schreiben wollen, weil ich mich hinter denen am besten verstecken konnte. Hatte ich gedacht. Dass diese Provinzartikel noch nicht einmal rührselig sein durften, sondern langweiliger als langweilig, hatte ich dagegen nicht gedacht. Und auch nicht gewollt.

Mit einem Ächzen hob Feldmann den dicken Hintern vom Stuhl und schlurfte an meinen Schreibtisch. Ich wappnete mich schon für einen Vortrag über die ehrenhafte Arbeit von Journalisten, unter der wir beide offensichtlich nicht dasselbe verstanden. Aber statt einer Predigt kam eine Frage. »Haben Sie überhaupt etwas Anständiges zum Anziehen? Sie müssen nächsten Samstag zum Jubiläumsfest.«

Ich blickte an mir hinunter. Jeans, T-Shirt, Sneakers. Ich dachte an den restlichen Inhalt meiner Reisetasche. Jeans, weitere T-Shirts, ein Pulli.

»So können Sie sich dort jedenfalls nicht sehen lassen«, stellte Feldmann fest.

»Ich geh mir was kaufen.«

»Aber fahren Sie in die Stadt. Hier finden Sie nichts für einen solchen Anlass.«

»Alles klar.« Das passte mir gut, ich musste sowieso in die Stadt. Ich brauchte noch Sicherheitsvorkehrungen für meine Tür. Es war so lästig, dauernd Möbel davorrücken zu müssen.

»Am besten ziehen Sie gleich los.« Feldmann kramte in seiner Tasche und zog ein zerfleddertes Portemonnaie heraus. »Ich zahl Ihnen einen Vorschuss auf Ihr Gehalt.« Er knallte mir vier grüne Scheine auf den Tisch.

Vierhundert Euro? Davon konnte ich einen kompletten Monat lang leben. Und das sollte ich für unnütze Klamotten ausgeben?

Ich sagte trotzdem »Danke« und steckte das Geld ein. Irgendein Schnäppchen würde ich schon finden. Dann konnte ich den Rest des Vorschusses in meine Spardose stecken. Für schlechte Zeiten. Diese Spardose hatte mich schon einmal gerettet.

Ich fuhr meinen Computer herunter und war schon fast an der Tür, als mir noch etwas einfiel. »Was halten Sie von einem Interview mit Hendrick Hansen, dem Erben des Gestüts?«

Diesmal nickte Feldmann gnädig. »Guter Vorschlag. Machen Sie das!«

»Gut, dann rufe ich ihn nachher an und vereinbare einen Termin.« Hendricks Karte steckte noch in meiner Hosentasche. Welche Fragen ich ihm zu stellen gedachte, musste ich Feldmann ja nicht unter die Nase reiben.

4 Ein Mann

Die Maschine landete mit nur unwesentlicher Verspätung. Die Passagiere drängelten trotzdem zum Ausgang, als könnten sie es kaum erwarten, das Flugzeug endlich zu verlassen.

Ihm konnte es egal sein, er hatte Zeit. Er hatte Geduld. Es war wichtig, dass er sich das immer wieder bewusst machte. Wenn man auf einer Mission war, durfte man nichts überstürzen und sich nicht von Stimmungen beeinflussen lassen. Das lenkte nur ab, trübte den Blick für das Wesentliche. Das hatte er oft genug erlebt. Aber er hatte seine Lektion gelernt. Ihm unterliefen keine Fehler mehr.

So wartete er gelassen als Letzter in der Schlange, bis er die Gangway betreten konnte. Alle anderen Passagiere stürmten den Weg zur Gepäckausgabe entlang, um sich strategisch günstig am Band aufzustellen. Välkommen till Stockholm Skavsza Airport, begrüßte ihn ein großes Schild in der Ankunftshalle. Welcome to Stockholm Skavsza Airport.

Fast behutsam legte er sich den Gurt seines Rucksacks über die Schulter und schritt zum Ausgang. Er musste auf keinen Koffer warten. Er reiste mit leichtem Gepäck.

5 Riley

Ich radelte zum Bahnhof, im Regen natürlich, und fuhr von dort mit der Regionalbahn in die Stadt. Während ich mit nassen Klamotten im Zug hockte und routinemäßig meine Umgebung checkte, rief ich Hendrick auf dem Handy an. Ich erkannte seine Stimme sofort wieder, als er sich mit einem »Hallo, hier Hendrick Hansen« meldete. Ich musste zugeben, ich mochte seinen lässigen Tonfall, als nähme er die ganze Welt nicht so ernst.

»Hier ist Riley«, sagte ich.

»Riley!« Erstaunlicherweise wusste er sofort, wer ich war. Er musste sich nach meinem Namen erkundigt haben. »Wie geht es Ihnen? Haben Sie sich von Ihrer Heldentat erholt?«

»Ja, alles in Ordnung. Die Waschmaschine hat die Spuren schon beseitigt.« Die Schrammen, die immer noch meinen Ellbogen zierten, verschwieg ich. »Weshalb ich anrufe, wir vom Bradebüller Anzeiger planen rund um das Jubiläum eine Artikelserie über Ihr Gestüt.«

»Das wird meinen Vater freuen.«

Schon wieder dieser Vater. »Und Sie?«

»Mich natürlich auch. Aber er ist der Chef vom Ganzen.«

Na klar, der Chef. »Ich würde gern ein Interview mit Ihnen führen. Haben Sie Zeit?«

»Für Sie habe ich immer Zeit, Riley.«

Was für ein Gesäusel! Aber immerhin schob er nicht wieder diesen allgegenwärtigen Chef vor. Also machte ich gleich Nägel mit Köpfen. »Ich bin gerade zum Klamottenkauf unterwegs in die Stadt, damit ich mich für Ihr Fest herausputzen kann. Aber am Nachmittag bin ich auf jeden Fall zurück. Passt Ihnen das?«

»Ja, perfekt. Führen Sie mir dann vor, womit Sie sich herausputzen?«

Blödmann. »Das bleibt geheim. Ich will doch die Spannung vor dem Fest nicht verderben.«

»Schade. Klingeln Sie nachher am Haus? Dann führe ich Sie auf dem Gestüt herum.«

Das passte mir überhaupt nicht. Auf dem Gut bestand die Gefahr, dem Chef in die Arme zu laufen. Und nach allem, was ich über ihn gehört und gelesen hatte, würde dann wahrscheinlich nur er noch reden, und mein Interview mit Hendrick konnte ich mir in die Haare schmieren. Zumindest halbwegs ehrliche Antworten. Mir war aber an seiner unverfälschten Aussage gelegen.

Ich wusste, dass ich Hendrick ehrliche Antworten entlocken konnte. Ich war gut in Interviews, ich hatte schon einige in meinem Leben geführt, auch brisante. Hendrick war nach meiner Einschätzung kein schwieriger Fall. Er war charmant, offen, witzig, und seinen Blicken bei unserer ersten Begegnung nach zu urteilen, mochte er mich. Na ja, wahrscheinlich mochte er alle Frauen. Aber ich hatte bei ihm ein Stein im Brett, ich hatte seinen Hund vor den Rädern eines Traktors gerettet. Ich war fest entschlossen, diesen Vorteil zu nutzen.

»Gehen wir ins Strandcafé«, schlug ich vor. Und als ich Hendricks Zögern spürte, spielte ich meinen Trumpf aus. »Die Gestütsführung können wir an einem anderen Tag machen.«

Damit hatte ich ihn. Die Aussicht, mir an gleich zwei Tagen seinen Charme vorführen zu können, überzeugte ihn. Wir verabredeten uns für sechzehn Uhr, dann beendete ich rasch das Gespräch.

Meinen Stadtausflug nutzte ich, um mir Sicherheitsriegel für Tür und Fenster zu besorgen. Ich kaufte mir alles im Baumarkt, einschließlich einer Bohrmaschine, damit ich alles selbst montieren konnte. Der Verkäufer, der mich beriet, war überzeugt, ich minderbegabtes Hausmuttchen besorge das alles für meinen handwerklichen Supermann, und sagte dauernd so Sachen wie: »Damit kriegt Ihr Mann das ganz leicht hin« und »Ihr Mann hat Glück, dass Sie ihm den Einkauf abnehmen«. Ich ließ ihn in dem Glauben. Mit Leuten, die ein dermaßen eingeschränktes Weltbild hatten, lohnten sich keine Diskussionen.

Danach kam der schwierigere Teil meines Stadtausflugs. Das Kleid. Dieses Scheißkleid. Ich hatte nichts gegen sexy Klamotten, aber mich festlich herauszuputzen, lag mir überhaupt nicht. Und in letzter Zeit war mir sowieso an praktischer, unauffälliger Kleidung gelegen. Dazu passte meine Uniform aus Jeans und T-Shirt perfekt.

Zuerst steuerte ich ein Kaufhaus an, aber das war eine Rundumpleite. Überwiegend billige Stoffe und schlechte Schnitte, und als ich ein paar Kleider anprobierte, traf mich beim Blick in den Spiegel beinahe der Schlag. Lieber würde ich doch in Jeans gehen, beschloss ich, als mich als meine eigene Großmutter zu verkleiden.

Ich versuchte es noch mit einem Hosenanzug, aber auch wenn die Verkäuferin »Toll! Der steht Ihnen wahnsinnig gut!« jubilierte, damit sah ich aus wie eine Businesstussi. Und das ging ja nun mal gar nicht.

Immerhin erstand ich im Kaufhaus einen Regenschirm. Er zeigte auch gleich heilsame Wirkung, denn als ich auf die Straße trat, riss gerade der Himmel auf, und die Sonne kam heraus. Wunderbar. Ich schloss für einen Moment die Augen und genoss das Gefühl der Wärme auf dem Gesicht.

Danach setzte ich das Unternehmen Herausputzen fort und irrte auf der Suche nach einem Bekleidungsgeschäft durch die Fußgängerzone. Ich war genervt und angespannt. Mir fehlte die Ruhe von Bradebüll, der Geruch des Meers, das Rauschen der Wellen. In der Stadt war es nur laut, voll und hektisch. Und ich fühlte mich unsicher, weil mir in dem Gewühl der Überblick fehlte. Jeder hätte mich hier beobachten und verfolgen können, ohne dass ich es merkte.

Was heißt jeder. Es ging ja immer nur um einen.

Es wurde Zeit, dass ich diesen dämlichen Klamottenkauf hinter mich brachte und wieder wegkam. Kurz entschlossen betrat ich eine Boutique.

»Kann ich Ihnen helfen?« Eine elfenhafte Gestalt, geschminkt wie ein Zirkusclown, schwebte auf mich zu. Die Frau betonte den Satz so, als wolle sie wissen, ob sie mir bei der Suche nach der Ausgangstür behilflich sein könne.

»Ich suche ein Kleid«, antwortete ich.

»Für welchen Anlass? Wie viel darf es kosten?« Unausgesprochener Zusatz: Haben Sie überhaupt Geld?

»Keine Ahnung. Ich brauche irgendwas zum Herausputzen.«

Die Elfe musterte mich von Kopf bis Fuß. Von den regenzerzausten Haaren bis zu den feuchten Latschen. »Ja, das ist nicht zu übersehen.«

Ein Schopf roter Haare wogte aus der Umkleidekabine neben uns. »Iris, kannst du mal schauen … Oh, du bist gerade beschäftigt.« Ein weiteres Augenpaar, das mich von Kopf bis Fuß musterte.

»Nein, es hat sich nur jemand in der Tür geirrt.« Die Elfe schmunzelte. Langsam fühlte ich mich wie Julia Roberts in Pretty Woman, in der Szene, als sie von hochnäsigen Verkäuferinnen aus einer Edelboutique gemobbt wird.

Die Rothaarige kam jetzt ganz aus der Kabine. Sie war mit ihrer Anprobe von was auch immer noch nicht fertig, denn sie trug nur eine offene Seidenbluse und Unterwäsche, aus dieser Art von Spitze, die mehr zeigt als bedeckt. Und was sie zeigte, sah gut aus, sehr gut. Schlank, aber kurvig. Hendrick hätte sicher vor Begeisterung durch die Zähne gepfiffen.

Wieso fiel mir in diesem Augenblick ausgerechnet Hendrick ein?

»Du bist unmöglich, Iris«, flötete die halb nackte Rothaarige. Mit zuckersüßer Stimme wandte sie sich an mich. »Kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen? Ich bin Stammkundin hier, ich kenne das ganze Sortiment.«

Irgendwie fand ich die Frau witzig. Zumindest war sie unkonventionell, wie sie so im Laden herumhüpfte, und unkonventionell gefällt mir immer. Vermutlich beging ich deswegen den Fehler, für den ich mich später in den Hintern hätte beißen können. Ich dachte, ach, was soll’s, spiel ich das Spiel eben mit. Denn dass es ein Spiel war, wusste ich sofort. »Ich brauche Abendgarderobe für ein Fest. Nicht zu aufgedonnert, nicht zu teuer.«

»Billig, natürlich«, murmelte Elfe Iris.

Die Halbnackte verschwand in einer dunklen Ecke des Ladens und kehrte mit einem scheußlichen Rüschenteil wieder, flaschengrün, Glitzerpailletten, Schleifchen am Kragen, das sie mir triumphierend vor die Nase hielt. »Das dürfte genau das Richtige für Sie sein.« Sie lachte spöttisch.

Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass das Spiel auf meine Kosten ging. Ausschließlich auf meine Kosten.

Ich unterdrückte den inständigen Wunsch, mein Pfefferspray aus der Tasche zu ziehen und der rothaarigen Schnepfe ins Gesicht zu sprühen, und antwortete stattdessen leichthin: »Ich bewundere Ihren Geschmack, aber das steht Ihnen besser. Schönen Tag noch die Damen.« Damit verließ ich den Edelschuppen mit hoffentlich gemessenen Schritten, auch wenn ich am liebsten gerannt wäre.

Fündig wurde ich dann übrigens in einem Secondhandladen. Mit einem klassisch geschnittenen schwarzen Cocktailkleid, tiefer Ausschnitt, schmaler Rock, Schlitz an der Seite, für dreißig Euro.

6 Riley

Ich brach zu spät zum Interview auf, weil ich noch die Sicherheitsriegel in meiner Wohnung montieren musste. Um Zeit aufzuholen, legte ich den Weg zum Strandcafé im Joggingtempo zurück, und mit Genugtuung merkte ich, dass ich dabei nicht außer Atem geriet. Ich konnte es also noch. Sowieso sollte ich wieder regelmäßig joggen, um auf jeden Fall fit zu bleiben.

Nach meinem unschönen Vormittag in der Stadt genoss ich die Meeresluft in vollen Zügen. Verrückt, wie wohl – beinahe hätte ich heimisch gesagt – ich mich in Bradebüll schon fühlte. Es war, als gönne mir das Leben hier eine Pause, als könne ich in jeder Hinsicht endlich mal wieder durchatmen. Ich war mir nur nicht sicher, was ich von diesem Gefühl halten sollte. War es gut oder schlecht? Keinesfalls durfte ich mich davon einlullen lassen.

Hendrick Hansen – oder auch: der Sohn vom Chef – saß schon im Strandcafé, eine Tasse Cappuccino vor sich auf dem Tisch, seinen Hund zu Füßen. Er hatte keinen Blick für das dank meines Regenschirms sonnenbeschienene, herrlich türkisblau funkelnde Meer, sondern tippte auf seinem Smartphone herum.