Drei Magier und eine Margarita - Annette Marie - E-Book
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Drei Magier und eine Margarita E-Book

Annette Marie

4,7

Beschreibung

Gefeuert, pleite, mit einem Bein in der Obdachlosigkeit – ich bin offiziell verzweifelt genug, um auf die Stellenanzeige für einen dubios klingenden Barkeeperjob zu antworten.Die Gäste in diesem Pub sind irgendwie … speziell, und meine Probeschicht geht vom ersten Moment an den Bach runter. Doch statt mich hochkant rauszuschmeißen, bieten sie mir den Job an.Wie sich herausstellt, ist der Pub eine Gilde. Und die drei attraktiven Typen, die ich mit einer Margarita überschüttet habe? Das sind Magier.Offenbar ist eine Barkeeperin, die sich nichts bieten lässt, genau das, was diese Gilde braucht – oder es hat seine Gründe, dass niemand sonst hier arbeiten will. Für jemanden, der Magie bis eben für nicht existent gehalten hat, stecke ich plötzlich ganz schön tief drin ...

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buettner

Man kann sich nicht von der Lektüre losreißen

Super spannend, habe ohne Pause durchgelesen und freue mich auf den nächsten Band.
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die_lesendeNachteule

Man kann sich nicht von der Lektüre losreißen

Wundervolles Buch, tolle Protagonisten. Spannend und fesselnd von der ersten Seite an. Definitiv eine Leseempfehlung.
00

Beliebtheit




ANNETTE MARIE

DREI MAGIER UND EINE MARGARITA

GUILD CODEX: SPELLBOUND 1

Aus dem Englischen von Jeannette Bauroth

Über das Buch

Gefeuert, pleite, mit einem Bein in der Obdachlosigkeit – ich bin offiziell verzweifelt genug, um auf die Stellenanzeige für einen dubios klingenden Barkeeperjob zu antworten.

Die Gäste in diesem Pub sind irgendwie … speziell, und meine Probeschicht geht vom ersten Moment an den Bach runter. Doch statt mich hochkant rauszuschmeißen, bieten sie mir den Job an.

Wie sich herausstellt, ist der Pub eine Gilde. Und die drei attraktiven Typen, die ich mit einer Margarita überschüttet habe? Das sind Magier.

Offenbar ist eine Barkeeperin, die sich nichts bieten lässt, genau das, was diese Gilde braucht – oder es hat seine Gründe, dass niemand sonst hier arbeiten will. Für jemanden, der Magie bis eben für nicht existent gehalten hat, stecke ich jedenfalls plötzlich ganz schön tief drin ...

Über die Autorin

Annette Marie schreibt leidenschaftlich gern Fantasy mit starken Heldinnen und hat eine Schwäche für spannende Abenteuer und verbotene Liebesgeschichten. Auch Drachen findet sie faszinierend und baut sie deshalb in (fast) jeden ihrer Romane ein.

Sie lebt in der eisigen Winterwüste (okay, ganz so schlimm ist es nicht) von Alberta in Kanada, zusammen mit ihrem Mann und ihrem pelzigen Diener der Dunkelheit – alias Kater – Caesar. In ihrer Freizeit steckt sie oft ellbogentief in einem Kunstprojekt und vergisst dabei gern mal die Zeit.

Die englische Ausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Three Mages and a Margarita« bei Dark Owl Fantasy.

Deutsche Erstausgabe März 2024

 

© der Originalausgabe 2018: Annette Marie

© Verlagsrechte für die deutschsprachige Ausgabe 2024:

Second Chances Verlag, Inh. Jeannette Bauroth,

Hammergasse 7–9, 98587 Steinbach-Hallenberg

 

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Wiedergabe in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Alle handelnden Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

 

Umschlaggestaltung: Makita-Diandra Hirt

 

Lektorat: Julia Funcke

Schlussredaktion: Daniela Dreuth

Satz & Layout: Second Chances Verlag

 

ISBN E-Book: 978-3-98906-023-4

ISBN Klappenbroschur: 978-3-98906-022-7

 

 

www.second-chances-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Titel

Über die Autorin

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

KAPITEL 1

Wenn man einen Job behalten will, muss man drei einfache Regeln befolgen: Pünktlich sein. Sich anstrengen. Und keine Kunden angreifen.

Ich zwang mich zu einem höflichen Lächeln, als die Frau an Tisch sechs mit ihren Wurstfingern schnippte, obwohl ich bereits auf dem Weg zu ihr war, ein schweres Tablett mit Getränken auf dem Arm. Sie deutete mit fuchsiaroten Klauen auf ihren Teller.

»Bei meiner Pasta war kein Fleisch dabei!«, verkündete sie im Tonfall einer empörten viktorianischen Gouvernante.

Ich betrachtete ihren Teller. Darauf herrschte tatsächlich ein schockierender Mangel an Hühnerbrust, wenn man bedachte, dass die zusammen mit dem Rest der Mahlzeit an den Tisch geliefert worden war. Ich wusste das, weil ich den Hilfskellner damit gesehen hatte. Der Tellerrand war mit einigen Streifen Cremesoße verschmiert.

Ein Blick auf den Teller ihrer Begleiterin zeigte mir, dass auch sie Pasta Alfredo bestellt hatte, und wow, in der Mitte lag eine große Portion gegrillter Hühnerbrust, welche die Frau mit Höchstgeschwindigkeit in sich reinschaufelte. So als könnte sie sie dadurch verschwinden lassen, bevor mein armes kleines Kellnerinnenhirn die Unverhältnismäßigkeit der Menge erfasste.

»Das ist völlig inakzeptabel!« Die erste Frau wedelte mit der Hand, um meine Aufmerksamkeit von dem verdächtigen Haufen Geflügel abzulenken. »Ich hoffe, Sie erwarten nicht, dass ich für ein Gericht bezahle, bei dem die Hauptzutat fehlt!«

Ich verlagerte das Gewicht des schweren Tabletts auf meinem Arm, musterte sie wortlos und bedachte ihre Mitverschwörerin dann mit dem gleichen Blick. Glaubten die beiden wirklich, mit dieser Masche hätte es vor ihnen noch niemand versucht? Als sie unruhig zu werden schienen, lächelte ich die hühnerbrustlose Frau strahlend an. »Was war noch mal genau das Problem, Ma’am?«

»Auf … bei mir war kein Hühnchen dabei.«

Ich schnalzte spielerisch mit der Zunge, als würden wir alle über einen Insiderscherz schmunzeln, und zwinkerte der anderen Frau zu. »Dann scheint Ihre Freundin ja blitzschnell mit der Gabel zu sein. Sie haben nicht mal gemerkt, wie sie das Hühnchen von Ihrem Teller genommen hat.«

Ich zwang mich zu einem Lachen und trat einen Schritt zurück, wobei die drei Cola, zwei Bier und der Eistee auf meinem Tablett gefährlich wackelten. Sechs durstige Gäste warfen mir vom Nachbartisch aus flehende Blicke zu, und ich konnte praktisch sehen, wie mein Trinkgeld immer mehr schrumpfte, je länger sie warten mussten.

Die hühnchenlose Frau starrte mich an, und hinter ihren dicht beieinanderstehenden Augen schienen sich rostige Rädchen zu drehen. Ich hatte ihre alberne Lüge aufgedeckt und ihr einen schmerzlosen Ausweg angeboten. Sie müsste jetzt nichts weiter tun, als die Klappe zu halten und sich rasch ein wenig Protein zurückzuholen, bevor ihre Freundin alles verschlungen hatte. Heute würde es keine Gratismahlzeit für sie geben.

Doch stattdessen blies sie sich auf wie ein Ochsenfrosch und deutete mit einer ihrer pinkfarbenen Klauen auf meine Brust.

»Was wollen Sie damit andeuten?« Ihre erhobene Stimme durchdrang das fröhliche Hintergrundgeschnatter der anderen Gäste im dicht besetzten Café. »Ich habe Ihnen erklärt, dass auf meinem Teller kein Hühnchen war. Wollen Sie mich etwa als Lügnerin bezeichnen?«

Ja, ganz genau das wollte ich. »Da muss ich Sie missverstanden haben«, erwiderte ich beruhigend und senkte die Stimme, als könnte ich damit ihre steigende Lautstärke ausgleichen. »Ich habe angenommen, dass Sie sich einen Spaß machen, weil Ihr Hühnchen offensichtlich mit auf dem Teller Ihrer Freundin liegt.«

»Wie können Sie es wagen!«

Ah, okay, das hätte ich vermutlich nicht sagen sollen. »Ich lasse Ihnen in der Küche gerne noch eine Hühnchenbrust zubereiten, gratis.«

»Ich bezahle dieses Essen nicht. Nachdem Sie so unhöflich zu uns waren, bezahlen wir für gar nichts.«

»Ich verstehe. In diesem Fall muss ich die Managerin holen.« Mit der freien Hand zog ich den Teller mit dem Extra-Hühnchen-Special unter der Gabel ihrer Tischnachbarin hervor.

»Was machen Sie da?«, wollte die wissen.

»Sie hat gesagt, dass Sie für nichts bezahlen, also hab ich …«

»Ich bin noch nicht fertig!«

»Haben Sie vor, es zu bezahlen?«

Die Gabel immer noch in der Luft, blickte sie zu ihrer wutschnaubenden Begleiterin. Wieder drehten sich Rädchen. Die beiden Frauen hatten vermutlich seit dem Kindergarten nicht mehr so viel nachdenken müssen.

»Stellen Sie den Teller zurück!«, bellte die erste Frau. »Und holen Sie sofort Ihre Managerin!«

Ich gab ihrer Begleiterin das Essen wieder, was mein Getränketablett erneut zum Wackeln brachte. Der unsichtbare Trinkgeldzähler über dem Tisch mit den durstigen Gästen stand jetzt im negativen Bereich. Vermutlich würde ich ihnen am Ende Geld für ihre Getränke geben müssen.

»Ich schicke die Managerin vorbei«, murmelte ich und wandte mich ab. »Genießen Sie Ihre Gratismahlzeiten. Für diese Riesenportion könnte ein zweiter Magen nicht schaden.«

»Haben Sie mich gerade mit einer Kuh verglichen?«

Der empörte Aufschrei ließ alle Gespräche im Café abbrechen. Oh, verdammt. Ich verzog das Gesicht und drehte mich wieder zu ihr um. »Da müssen Sie mich falsch …«

»Ich habe überhaupt nichts falsch verstanden!«, brüllte sie regelrecht. »Sie haben mich eine Kuh genannt! Wo ist die Managerin?«

»Äh.« Ich ließ den Blick über die Tische schweifen, wo der Aufruhr die Dinnerhektik zum Stillstand gebracht hatte. Keine Managerin in Sicht, aber auf meinen panischen Blick hin lief eine Kellnerin in die Küche. »Lassen Sie mich nur rasch …«

»Wir gehen. Ich bezahle nicht dafür, dass man mich beleidigt und sich über mich lustig macht.« Die Frau stand auf und hatte beinahe Schaum vor dem Mund vor lauter selbstgerechter Wut. Ihre Begleiterin schob sich schnell einen letzten Bissen Hühnchen hinter die Kiemen, bevor sie ebenfalls aufstand.

»Wenn Sie nur einen Moment warten würden«, versuchte ich es erneut. »Gleich wird die Managerin …«

»Aus dem Weg!« Ihre dicke Hand schoss vor und schob mein Getränketablett beiseite.

Es kippte, und alle sechs Getränke ergossen sich über meine Brust. Flüssigkeit durchtränkte meine weiße Bluse, und Gläser zersprangen auf dem Boden, sodass Scherben gegen meine Beine flogen, während Eiswürfel unter die Tische rutschten.

Jeder, der mich länger als eine Stunde kennt, hat eine ungefähre Vorstellung von meinem Temperament. Und mit »ungefähre Vorstellung« meine ich, dass ich genauso gut ein Neonschild mit der Aufschrift »Leicht explosive Rothaarige, bitte Vorsicht!« auf dem Kopf tragen könnte. Oder, im Hinblick auf meine Ex-Freunde: »Fang nichts mit unberechenbaren Rotschöpfen an«.

Ich gebe mein Bestes, okay? Ich halte den Mund, lächle höflich und lasse die Managerin jedem Betrüger eine Gratismahlzeit spendieren, weil »die Kunden immer recht haben« oder so ähnlich.

Aber manchmal reagiere ich, ohne nachzudenken.

Und genau deshalb knallte ich, in meiner von eiskalter Flüssigkeit getränkten Bluse, der Frau mein tropfendes Tablett vors grinsende Gesicht.

Das Plastik traf sie mit einem alarmierenden Knack seitlich am Kopf, und sie stolperte rückwärts, dann fiel sie auf ihren gut gepolsterten Hintern. Der Mund stand ihr offen, die Augen fielen ihr beinahe aus dem Kopf, und Cola und Bier und ein paar Tropfen Eistee glitzerten auf ihrer Wange.

Vorher war es im Restaurant schon ruhig gewesen, aber jetzt herrschte tödliche Stille.

»Sie hat mich zuerst geschubst«, erklärte ich, und meine Stimme hallte durch das Schweigen. »Das haben alle gesehen, oder?«

An dem Tisch mit den durstigen Gästen nickte ein Paar im mittleren Alter zögerlich, und einer der Männer dort grinste und streckte den Daumen nach oben. Ich spürte fünfzig Augenpaare auf mir, als ich in tropfnasser Bluse und Schürze über die Frau hinweggriff, die beiden Teller mit der Pasta hochnahm und auf mein leeres Tablett stellte.

Die Frau starrte vor sich hin, aber ich ging erst gar nicht davon aus, dass ich ihr buchstäblich ein wenig Verstand eingebläut hatte. Sobald ihr Schock abgeklungen war, würde sie anfangen zu schreien. Oder zu jaulen. Die Chancen standen fünfzig-fünfzig.

»Ich habe Sie nicht als Kuh bezeichnet«, informierte ich sie. »Aber ich hätte Sie eine Lügnerin nennen sollen. Sie haben im Hinblick auf Ihr Essen gelogen, und dann haben Sie mich angegriffen. Ich muss Sie bitten zu gehen.«

Ihr Gesicht nahm eine lila Farbe an, und die Augen traten noch weiter hervor.

»Sehen Sie’s positiv«, sprach ich fröhlich weiter. »Sie haben Ihr Essen umsonst bekommen, genau wie Sie wollten. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, und bitte beehren Sie uns nie wieder.«

Mit den beiden Tellern auf dem Tablett marschierte ich an ihr vorbei und ignorierte den Eiswürfel in meinem Ausschnitt. An allen Tischen erhob sich Geflüster, während ich in Gedanken mitzählte.

Ich kam bis drei, bevor der Lärm losbrach. Jaulen. Ich hatte es gewusst.

Die Managerin schoss aus der Küche; ihr Blick war heiß genug, um allein damit die angeblich fehlende Hühnerbrust zu grillen. Ich duckte mich und schlüpfte durch die Schwingtür nach hinten. Sobald ich die Küche betreten hatte, jubelten die zwei Köche auf.

»Direkt ins Gesicht!«, sagte Neil lachend und wedelte mit einem Pfannenwender in Richtung des kleinen Fensters in der Tür, an dem er zweifellos mit der Nase geklebt hatte, sobald draußen das Geschrei begann. »Wow, Tori, bist du noch zu retten?«

»Warum werde ich das dauernd gefragt?«, murmelte ich und stellte das Tablett ab. Dann untersuchte ich meine nackten Beine und sandalenbekleideten Füße auf Glassplitter.

»Ich kann nicht fassen, dass du …«

»Tori.«

Ich zuckte zusammen. Die Cafébesitzerin stand am Ende der Küche, die Arme verschränkt und die Miene so dunkel wie ihr Kaffee. Mir drehten sich die Eingeweide um, aber ich straffte die Schultern und marschierte zuversichtlich auf sie zu. Im Gästebereich war die hühnchenlose Frau inzwischen von Jaulen zu Kreischen übergegangen.

»Mrs Blanchard, ich kann das erklären …«

»Hast du einen Gast geschlagen?«

»Sie hat mich zuerst geschubst.«

Mrs Blanchard schob ihre Brille mit Drahtgestell nach oben und schloss kurz die Augen. »Tori, ich habe dir schon mehr als einmal gesagt, wenn ein Gast dir Schwierigkeiten macht, holst du die Managerin.«

»Das wollte ich ja, aber sie …«

»Ich habe dich letzte Woche verwarnt, nachdem du eine unserer Stammkundinnen einen gerupften Mäusebussard genannt hast, und zwar in ihrem Beisein!«

»Sie hat mich dauernd als magersüchtig bezeichnet! Jedes Mal, wenn ich vorbeigegangen bin, hat sie …«

»Ich habe dich verwarnt«, wiederholte Mrs Blanchard über meinen Protest hinweg, »und dir eine letzte Chance gegeben. Du bist fleißig, und ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, um dir bei deinen … Problemen entgegenzukommen, aber ich kann keine Kellnerin beschäftigen, die Gäste angreift.«

»Einen Gast«, korrigierte ich mit niedergeschlagenem Murmeln. »Nur einen. Ich werde es nie wieder tun, das verspreche ich.«

»Es tut mir leid, Tori.«

»Mrs Blanchard, ich brauche diesen Job unbedingt. Bitte, geben Sie mir noch eine Chance.«

Sie schüttelte den Kopf. »Lass deine Schürze hier. Deinen letzten Scheck kannst du am Zahltag abholen.«

»Mrs Blanchard …«

»Ich muss draußen helfen, die Lage zu beruhigen.« Sie ging um mich herum. »Bitte nimm die Hintertür.«

Ich ließ die Schultern sinken und blickte ihr hinterher. Draußen war es ruhig geworden, was vermutlich bedeutete, dass die Managerin das arme Anschlagsopfer mit Entschuldigungen und Gutscheinen überhäuft hatte. Ich versuchte, mir nicht den Gesichtsausdruck der Hühnchenfrau vorzustellen, wenn sie erfuhr, dass die wild gewordene Kellnerin gefeuert worden war.

»Ach Mensch.« Neil stellte sich neben mich an den Geschirrspüler. »Das ist Mist. Tut mir leid, Tori.«

»Nun ja«, erwiderte ich schleppend. »Überrascht bin ich eigentlich nicht.«

Ich band meine Schürze auf, fischte den halb geschmolzenen Eiswürfel aus meinem Ausschnitt und warf ihn in die Spüle.

»Äh, Tori? Man sieht deinen BH.«

»Ja, das soll es geben. Schon mal was von Wet-T-Shirt-Wettbewerben gehört?« Ich schaute ihn böse an. »Das war keine Einladung zum Anstarren.«

Er riss seinen Blick los. »Soll man unter weißen Blusen nicht auch weiße Unterwäsche anziehen?«

»Bist du jetzt unter die Modeexperten gegangen?« Ich gab nicht zu, dass er recht hatte oder dass meine Weiße-Blusen-freundliche Unterwäsche im Korb mit den schmutzigen Klamotten lag. Genauso wenig schaute ich nach unten, um zu prüfen, wie sichtbar genau mein pinkfarbener BH mit den kleinen schwarzen Herzen darauf war. Ich wollte es gar nicht wissen.

Nachdem ich mein Trinkgeld aus der Tasche meiner Schürze gekramt hatte – magere zweiundzwanzig Dollar, da meine Schicht erst vor einer Stunde begonnen hatte –, reichte ich den nassen Stoff an Neil weiter. »Nun, ich schätze, man sieht sich.«

»Ja. Komm vorbei und besuch uns, okay?«

»Klar«, log ich. Als könnte ich je an den Ort zurückkehren, wo ich einem Gast eins mit dem Tablett verpasst hatte.

Nach einem halbherzigen Winken machte ich kurz im Pausenraum halt, um meine Handtasche und meinen Schirm zu holen, dann verschwand ich wie gewünscht durch die Hintertür. Regen trommelte auf den Asphalt und brachte die matschigen Pfützen zum Tanzen. Ich umrundete den stinkenden Müllcontainer und folgte der engen Gasse bis zur Hauptstraße.

Fröhliche Musik drang aus dem Café, als ein Pärchen hineinging. Die hell erleuchteten Fenster wirkten warm und einladend, und alles schien wieder zum Normalzustand zurückgekehrt zu sein. Eine Kellnerin brachte gerade dampfende Teller zu einem Tisch voller erwartungsvoller Gäste.

Der kühle Regen fiel mir aufs Gesicht und verwässerte den hässlichen braunen Fleck auf meiner Brust, doch ich spannte den Schirm nicht auf. Wenn man schon meinen pinken BH sah, dann auch richtig, verdammt noch mal. Wet T-Shirt im Extremmodus.

Ich machte auf dem Absatz kehrt und marschierte den Gehweg entlang. Der Heimweg würde lange dauern, aber wenigstens zögerte ich so den unausweichlichen Moment hinaus, in dem ich meinem Vermieter beichten musste, dass ich meinen Job verloren hatte. Wieder einmal.

KAPITEL 2

Ich schloss die Wohnung auf und streckte den Kopf hinein. »Justin?«

Keine Antwort. Mit einem erleichterten Seufzen verriegelte ich die Tür hinter mir, verstaute meine Handtasche im Schrank und stellte meine Sandalen zum Trocknen auf die Fußmatte. Meine nackten Füße quietschten auf dem Linoleum, als ich den kurzen Flur zum Wohnzimmer entlangging, das an eine offene, vollgestopfte Küche angrenzte. Das durchgesessene blaue Sofa hatte schon bessere Tage gesehen, und an einem Ende lag sorgfältig zusammengefaltetes Bettzeug.

Vor dem Fenster stapelten sich vier abgenutzte Kartons, die all meine weltlichen Besitztümer enthielten. Ich schnappte mir den überquellenden Wäschekorb, der obenauf stand, und trug ihn hinüber zu dem Einbauschrank, in dem sich übereinander Waschmaschine und Trockner befanden. Während ich die Waschmaschine belud, ging ich in Gedanken meinen Kontostand durch. Würde mein letzter Gehaltsscheck für die Miete reichen? Vielleicht … solange ich den Rest des Monats über nichts aß.

Zu guter Letzt zog ich noch meine Arbeitsklamotten aus, warf sie mit in die Trommel und stellte die Maschine an. Anschließend kehrte ich zu den Kartons zurück, holte meinen letzten sauberen BH heraus – flammend rot mit Spitzenverzierung und normalerweise für besondere Gelegenheiten reserviert –, dann wühlte ich nach einem Paar Leggings und schlüpfte hinein.

Als ich gerade ein Top herausfischte, hallte das Geräusch des aufschnappenden Riegels durch den Flur. Mit einem Aufschrei zerrte ich mir das Top über den Kopf und hatte es eben geschafft, als ein Mann den Kopf vom Flur hereinstreckte, die Augenbrauen überrascht hochgezogen.

»Tori! Du bist aber früh zu Hause.«

»Hi, Justin.« Ich rang mir ein Lächeln ab. »Wie war’s bei der Arbeit?«

Er trug noch seine Uniform – eine dunkelblaue Hose und ein gleichfarbiges Hemd mit dem eingestickten Polizei-Emblem auf der Schulter. Normalerweise stand ich auf Männer in Uniform, doch auf Justin traf das nur bedingt zu. Nicht, dass er mit seinen grünbraunen Augen und den kurzen braunen Haaren nicht attraktiv gewesen wäre. Aber, nun ja, er war mein Mitbewohner. Und mein Vermieter. Und mein älterer Bruder.

»Anstrengend«, gab er zu. »Ich hasse diese Frühmorgenschicht, aber mit ein bisschen Glück werde ich bald befördert.«

»Ganz bestimmt.«

Er knöpfte sich das Hemd auf, sodass das schwarze T-Shirt darunter zum Vorschein kam. »Was war bei der Arbeit los? Du hast übrigens dein Oberteil falsch herum an.«

Ich blickte an mir hinab. Mist, er hatte recht.

»Wieso bist du schon zu Hause? Bist du krank?«

»Nein …«, murmelte ich und zog an meinem Pferdeschwanz.

»Tori«, stöhnte er. »Nicht schon wieder. Du wurdest gefeuert, oder?«

Ich nickte.

Er stieß geräuschvoll den Atem aus. »Was ist diesmal passiert?«

Ich erzählte ihm die Geschichte durch die Tür zu seinem Zimmer, wo er die Kleidung wechselte. Beim Reden zog ich die Arme aus dem weiten gestreiften T-Shirt und drehte es richtig rum. Justin tauchte wieder auf, mit grimmiger Miene, die durch den kurzen Bart, den er sich auf meinen Vorschlag hin hatte wachsen lassen, nur noch betont wurde. Das war eine hervorragende Idee gewesen. Er wirkte damit so viel mehr wie ein tougher Polizist.

»Sie hat dich geschubst und die Getränke verschüttet? Dafür hätte sie rausgeschmissen werden sollen!«

»Wäre sie vielleicht auch … wenn ich ihr nicht mit dem Tablett eins übergebraten hätte.«

Er setzte sich auf einen Barhocker vor der Küchenarbeitsplatte, die als unser Esstisch fungierte. »Wie machst du das nur, Tori? Jeder schwierige Gast im Umkreis von zehn Meilen landet immer automatisch in deinem Zuständigkeitsbereich.«

»Vielleicht bringe ich das Schlechte in den Menschen zum Vorschein.« Ich ließ mich aufs Sofa fallen. »Oder es ist Magie.«

Er verdrehte die Augen.

»Oder Aliens«, überlegte ich weiter. »Oder magische Aliens!«

Er schnaubte, widersprach mir aber nicht. Ganz egal, wie oft er sich weigerte, sich auf das Thema einzulassen, ich würde ihn weiterhin damit aufziehen, bis er wieder klar denken konnte. Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass mein eigener Bruder zu einem riesigen Magie-Verschwörungstheoretiker geworden war. Eher würde ich an Aliens glauben.

»Es tut mir echt leid, Justin«, fuhr ich deutlich ernster fort. »Ich besorge mir sofort einen neuen Job, damit ich nicht mit der Miete in Rückstand gerate.«

»Ich sage dir jeden Monat seit deinem Einzug, dass du keine Miete zu zahlen brauchst. Ich freue mich über deine Gesellschaft.«

»Das Leben in Downtown ist unglaublich teuer.« Ich fügte nicht hinzu, dass meine Anwesenheit hier während der vergangenen acht Monate verhindert hatte, dass seine Freundin einzog. Außerdem hielt er es aus, dass ich mit meinem ganzen Kram seine Zweizimmerwohnung vollstellte.

»Ach, sei nicht traurig, Tori. Du findest schon einen neuen Job, das war schließlich nach jedem …« Er brach ab. Vermutlich war ihm aufgegangen, wie wenig ermutigend es war, mich daran zu erinnern, dass ich innerhalb von acht Monaten sechs Stellen verloren hatte. »Im Nullkommanichts hast du was Neues.«

»Ja«, stimmte ich ohne jede Begeisterung zu.

Er blickte sich in der blitzsauberen Küche um. Das war mein kleiner Beitrag zu unserer Wohngemeinschaft, an dem ich wie eine Putzmittel anbetende Nonne festhielt. Justin grinste mich an. »Komm, wir bestellen uns heute was zu essen.«

»Ich sollte mein Geld lieber sparen, wo ich …«

»Ich lade dich ein.« Er nahm sein Handy. »Das Übliche?«

»Gern«, antwortete ich voller Schuldgefühle. Ich würde morgen das Bad besonders gründlich putzen, um mich zu revanchieren. Danach würde er aus dem Waschbecken essen können – falls er das wollte.

Während er unsere Bestellung aufgab, wühlte ich meinen Laptop unter einem Stapel Socken hervor, die aufs Zusammenlegen warteten. Dann setzte ich mich damit aufs Sofa und rief den Browser auf. Wenig überraschend hatte ich die Seite mit den Jobangeboten schon bei meinen Favoriten abgespeichert.

Innerhalb einer Woche würde ich eine neue Stelle finden, und wenn ich dafür meine Seele verkaufen musste.

***

Vor dem Schaufenster holte ich noch einmal tief Luft und lächelte mein Spiegelbild an. Lächeln, entspannen. Lächeln, entspannen. Ich musste fröhlich und selbstbewusst aussehen, nicht niedergeschlagen und erschöpft. Meine grünbraunen Augen, die denen meines Bruders so sehr ähnelten, wirkten beinahe schwarz, doch selbst das schmutzige Glas konnte das feurige Rot meines Haars nicht abschwächen. Mit einer Hand knetete ich meinen Pferdeschwanz, um den Locken ein bisschen mehr Sprungkraft zu verleihen, aber das war hoffnungslos.

Ich trat einen Schritt vom Fenster zurück und blickte in den Himmel. Die Sonne schien hell, und eine Brise aus Richtung Norden brachte über die wenigen Querstraßen hinweg den salzigen Geruch des Ozeans mit sich. Auf den charmanten Gehwegen aus roten Backsteinen spazierten Menschen an altmodischen Straßenlampen und Häuserfronten im viktorianischen Stil vorbei. Gastown war das älteste Viertel der Stadt, ein beliebtes Touristenziel voller Cafés und Restaurants.

Auf der anderen Seite der Kreuzung befand sich eins dieser Cafés. Die gelben Sonnenschirme davor wirkten wie ein Garten aus monsterhaften Blumen, und zwischen den Tischen wuselten Kellnerinnen in efeufarbenen Blusen herum. Obwohl es erst vier Uhr nachmittags war, war das Café bis auf den letzten Platz besetzt. Dass der Ansturm zum Abendessen normalerweise erst viel später begann, spielte dort wohl keine Rolle.

Voll besetzt war ein gutes Zeichen. Das bedeutete, dass sie viel Servierpersonal brauchten.

Ich übte noch einmal mein Lächeln, ging dann über die Straße und betrat das klimatisierte Café.

»Hi«, begrüßte ich die Hostess fröhlich. »Ist Ihre Personalmanagerin heute da?«

»Ja«, erwiderte die Frau in gelangweiltem Ton. »Ich habe sie schon gerufen. Sie können bei den anderen warten.«

Sie deutete zur Seite. Dort standen zwei Frauen in meinem Alter in schickem, geschäftsmäßigem und doch lässigem Outfit und hielten wie ich je eine Mappe in der Hand. In den Lebensläufen darin wimmelte es vermutlich nicht von ein- bis zweimonatigen Einsätzen als Kellnerin, die alle ohne Empfehlungsschreiben geendet hatten. Verdammt.

Ich stellte mich trotzdem dazu, und als die korpulente Personalmanagerin verschwitzt und unfreundlich dreinblickend endlich auftauchte, wartete ich, bis ich dran war.

»Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen«, sagte ich zu der Frau im mittleren Alter, nachdem die anderen Bewerberinnen fort waren. »Ich kann sehen, dass Sie viel zu tun haben, und werde Sie nicht lange aufhalten. Ich wollte lediglich meinen Lebenslauf hier abgeben.«

Ich reichte ihr das einseitige Dokument, das sie ohne jede Begeisterung überflog.

»Wir haben eine offene Stelle, und falls wir interessiert sind, werden wir …« Sie kniff die Augen zusammen. »Winnie’s Café? Das war Ihre letzte Arbeitsstelle?«

Mir wurde flau im Magen. »Ja, das stimmt.«

»Tori Dawson …«, murmelte sie, als ob sie in ihrem Gedächtnis kramte. Dann ließ sie den Arm sinken, sodass mein Lebenslauf jetzt auf Höhe ihrer Knie baumelte. »Tut mir leid, ich habe leider keine Arbeit für Sie.«

»Aber Sie haben doch gerade gesagt …«

Die Frau blickte abwesend in den Gastraum, bevor sie sich wieder mir zuwandte. »Vielleicht sollten Sie es mal mit einer anderen Branche versuchen. Ich glaube, das Gastgewerbe ist nichts für Sie.«

»Was meinen Sie damit?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Sie haben einen gewissen Ruf. Nur wer hinter dem Mond lebt, wird Sie für ein Restaurant einstellen.«

Ich sank in mich zusammen. »Wirklich?«

»Möglicherweise ist der Einzelhandel eher was für Sie.« Sie gab mir den Lebenslauf zurück. »Wareneingang und -ausgang könnte zu Ihnen passen.«

»Aber … der Einzelhandel liegt mir auch nicht«, murmelte ich vor mich hin, da sie bereits gegangen war. Ich legte das Blatt zurück in meine Mappe und stapfte hinaus auf die Straße. Passanten rempelten mich an, und ich schlüpfte in eine schattige Nische neben einer Backsteinwand, von wo aus ich ausdruckslos die niedlichen Läden auf der anderen Straßenseite betrachtete. Bei den meisten Jobs im Einzelhandel ging es für meinen Geschmack zu langsam zu. Eine gelangweilte Tori geriet in deutlich mehr Schwierigkeiten als eine beschäftigte Tori. Das war eine weitere Lektion, die ich auf die harte Tour gelernt hatte.

Aber wenn niemand in der Innenstadt mich als Kellnerin anstellen würde, was blieb mir dann übrig? Entweder musste ich mich außerhalb der Kernzone nach Arbeit umsehen, was einen teuren Fahrschein und lange Pendelwege mit sich bringen würde, oder ich bewarb mich für eine Einsteigerposition in einer völlig neuen Branche. Doch ohne Erfahrung – und Trinkgeld – würde ich nicht genug verdienen, um mir endlich eine einigermaßen anständige eigene Wohnung zu suchen. Ich würde noch weitere acht Monate auf Justins Couch übernachten müssen. Oder das College abbrechen, sobald das Semester vorbei war.

Stöhnend massierte ich mir die Schläfen. Aufgeben war keine Option. Ich würde mich bei den wenigen verbliebenen Stellen auf meiner Liste bewerben und hoffen, dass die Personalverantwortlichen dort zur seltenen Spezies der Hinterm-Mond-Wohner gehörten. Anschließend würde ich nach Hause fahren und einen neuen Schlachtplan entwickeln. Irgendeine Lösung würde ich schon finden.

Als ich aus der Nische heraustrat, wehte eine kühle Meeresbrise die Straße entlang und wirbelte Staub, Blätter und Müll auf. Röcke flogen hoch, Sonnenschirme wackelten gefährlich, und ein Blatt Papier traf mich mitten ins Gesicht.

Fluchend klaubte ich es mir von der Nase und betrachtete es, um abzuschätzen, ob ich mir das Gesicht desinfizieren musste. Gerade wollte ich das Blatt wegwerfen – ja, Müll auf die Straße schmeißen ist nicht gut –, als mir das Layout des Textes darauf auffiel. Kein Wunder, dass es mir bekannt vorkam, immerhin hatte ich die ganze Woche lang eine Stellenanzeige nach der anderen angestarrt.

Vielleicht hatte es eine der schicken, perfekten Kandidatinnen aus dem Café fallen lassen. Garantiert würde ich nirgendwo einen Job ergattern, wo die beiden sich bereits beworben hatten, doch ich las die Anzeigen trotzdem. Es waren drei Stück. In der ersten wurde eine Kassiererin für eine Bank mitten in Downtown gesucht. Die verwarf ich sofort. Ich war vieles, aber »ruhig« gehörte nicht zu meinen hervorstechendsten Eigenschaften, und in jeder Bank, die ich kannte, ging es so ruhig zu wie auf einem Friedhof um Mitternacht.

In der zweiten Annonce suchte eine Rechtsanwaltskanzlei nach einer Rezeptionistin. War es in Kanzleien ruhig? Ich hatte da keine Erfahrungswerte. Wenn ich so darüber nachdachte, war es eigentlich überraschend, dass mich bisher noch niemand verklagt hatte. Allerdings war ich mir sicher, dass Kanzleien in dieselbe »Ruhig, gediegen, Stock im Hintern«-Kategorie fielen wie Banken. Also auch ein Nein.

Mit zusammengekniffenen Augen las ich die dritte Anzeige. Barkeeperin? Viel Erfahrung hatte ich damit nicht, aber ich hatte schon mehrmals in verschiedenen Restaurants hinter der Bar gestanden. Und Barkeeperinnen konnten – im Gegensatz zu Kellnerinnen – dreisten Kunden eher raten, sich ihre miese Art dorthin zu stecken, wo die Sonne nicht hinschien.

Aber … die Adresse. Ich drehte mich in Richtung Osten und schluckte schwer. Der besagte Pub schien sich in Downtown Eastside zu befinden, einem großen Viertel, vor dem die halbe Einwohnerschaft der Stadt viel zu viel Angst hatte, um es zu betreten.

Ich holte mein Handy heraus und gab die Adresse ein. Hm, okay, er lag am westlichen Rand von Downtown Eastside, das war nicht ganz so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Tatsächlich war er nur sechs Querstraßen entfernt, allerdings außerhalb des sicheren Charmes von Gastown. Vielleicht war das weit genug, dass man dort noch nichts von Tori Dawson, der Kellnerin von Untergang und Verzweiflung, gehört hatte. Einen Versuch war es wert, und wie hieß es in dem guten alten Sprichwort? Wer gar nicht erst antritt, hat schon verloren.

Hoffnungsvoll stopfte ich das Flugblatt in meine Handtasche, klemmte mir meine Bewerbungsmappe unter den Arm und ging in Richtung Osten, immer der roten Backsteinstraße nach.

Enttäuschenderweise endeten die Backsteine kurz darauf, aber die Straße wurde weiterhin von putzigen Ladengeschäften in drei- und vierstöckigen Häusern gesäumt. Als ich gerade anfing, ein gutes Gefühl für die ganze Sache zu entwickeln, kam ich an einem leeren Schaufenster vorbei. Und dann an noch einem. Einen Block weiter waren die Türen unbeschriftet und die Fenster abgeklebt. Die Zahl der Passanten war auf eine Handvoll geschrumpft, und die gingen sehr zügig.

Mit hoch erhobenem Kinn machte ich größere Schritte, wobei meine schicken, aber bequemen Sandalen klatschend auf dem Gehweg auftrafen. Ob ich darin rennen könnte, wenn ich müsste? Vermutlich. Angst war ein großartiger Motivator.

Bisher fürchtete ich mich noch nicht, doch als ich an einem schweren Maschendrahtzaun mit Stacheldrahtspitze vorbeilief, befielen mich erste Zweifel. Vielleicht sollte ich umkehren. Die wenigen verbliebenen Läden hatten dicke Gitter vor den Fenstern. Selbst wenn es hier tagsüber sicher war, wie würde es nach einer Spätschicht aussehen? Vorausgesetzt, ich bekam die Stelle.

In Gedanken hörte ich wieder die Personalmanagerin aus dem Café: Nur wer hinter dem Mond lebt, wird Sie für ein Restaurant einstellen. Pah. Wenn ich mich für den Weg zur Arbeit mit Pfefferspray bewaffnen musste, dann war das eben so.

Ich erhöhte mein Tempo und marschierte auf die nächste Kreuzung zu. Eigentlich musste ich schon ganz in der Nähe des Pubs sein, aber ich entdeckte lediglich einen Motorradladen namens »BIKES« und ein Tattoostudio mit Gittern vor den Fenstern und der Tür. Ich holte mein Handy heraus, überprüfte noch mal die Wegbeschreibung, bog um eine Ecke, ging zwanzig Meter weiter und blieb stehen.

Vor mir befand sich eine schwarze Tür in einem dunklen Eingang ohne Lampe darüber. Verblichene Buchstaben in einer altenglisch anmutenden Schrift wiesen den Pub als das »Crow and Hammer« aus. Darunter war ein schwarzer Vogel mit ominös gespreizten Flügeln gemalt, der auf einem kunstvoll gestalteten Holzhammer hockte.

Bei dem würfelförmigen Gebäude waren die Fenster im ersten und zweiten Stock vergittert. Der nördliche Nachbar war ein kleineres Haus mit zugenagelten Fenstern und Absperrband vor der Tür. Auf der anderen Seite lag ein beengter Parkplatz mit einem Müllcontainer und zwei Autos darauf. Mein Blick kehrte zu der gemalten Krähe mit den gespreizten Flügeln zurück.

Einatmen. Ausatmen. Okay. Ich schaffe das. Mit diesem Gedanken trat ich in den dunklen Eingang und griff nach der Tür.

KAPITEL 3

Bevor meine Finger die abblätternde Farbe berührten, spülte das überwältigende Bedürfnis, umzukehren und zu verschwinden, wie ein Eimer eiskaltes Wasser über mich hinweg. Ich wollte nicht hier sein. Der Drang zur Flucht ergriff mich wie eine Krankheit. Überall auf der Welt wäre ich in diesem Moment lieber gewesen, und wenn ich nicht sofort verschwand, würde ich … Was? Vom bösen Mann hinter der Tür gefressen werden?

Verdammt, seit wann war ich so ein Feigling? Mit zusammengebissenen Zähnen packte ich den Knauf und riss die Tür auf.

Sobald ich eingetreten war, verschwand das Nervenflattern, allerdings sah es im Inneren kein bisschen vertrauenerweckender aus. Freigelegte Deckenbalken, Holzpaneele und dämmriges Licht verliehen dem Raum das Ambiente eines englischen Pubs, und er war viel kleiner, als er von außen wirkte. Die Tische und Barhocker reichten insgesamt für ungefähr fünfzig Gäste. Stühle standen herum, als wäre eine wilde Horde durch die Eingangstür gestürmt, und obwohl es mehr oder weniger sauber war, hing ein merkwürdiger rauchiger Geruch über dem Raum. Es roch nicht nach Zigaretten oder Drogen, auch nicht nach Holzrauch, doch irgendwas war da.

Oh, und nicht zu vergessen – es war niemand hier. Auch wenn es für Abendessensgäste noch zu früh war, ein leerer Raum war im Gastgewerbe kein gutes Zeichen.

Da ich zu tough – oder zu dickköpfig – war, um mich wieder nach draußen zu schleichen und so zu tun, als wäre ich nie hier gewesen, ging ich einfach weiter. Die Tür war nicht verschlossen gewesen, also war der Pub geöffnet, richtig? Ich bahnte mir einen Weg zwischen den Stühlen hindurch und marschierte auf die Bar im hinteren Bereich zu. In der Mitte der Wand dahinter hing ein massiver Streithammer aus Stahl, das Metall war eingekerbt und angelaufen, der Holzgriff dunkel. Ich betrachtete den Hammer skeptisch und hoffte, dass er fest verankert war.

Ich legte meine Bewerbungsmappe auf die dicke Holzbar und versuchte, durch die Schlitze in den Saloontüren dahinter zu spähen. »Hallo?«

Irgendwo hinter den Türen antwortete eine gedämpfte Stimme. Es war also doch jemand hier. Jemand, der offenbar beschäftigt war. Ich wartete und trat dabei von einem Fuß auf den anderen. Da ich sowieso nur herumstand, schob ich den Barhocker neben mir unter die Tresenkante. Dann zog ich den daneben an Ort und Stelle. Und da ich schon einmal dabei war, richtete ich auch die anderen aus. Das war gleich viel besser.

Nach einem Blick auf die Saloontüren stellte ich auch den Tisch neben mir ordentlich hin. Was für ein Chaos.

Die Türen schwangen auf, und aus dem Raum dahinter stürzte eine Frau mehr oder weniger herein. Sie war klein, mollig und ungefähr zehn Jahre älter als ich. Ihre dunklen Haare hatte sie zu einem unordentlichen Knoten aufgedreht, und ihr Pony hatte blaue und rote Strähnen. Sie umklammerte einen Stapel Hefter, der so dick war, dass die Papiere darin beinahe herausfielen, und blickte sich hektisch um, bevor sie mich entdeckte.

»Wer bist du denn?«, platzte es aus ihr heraus.

Begrüßte sie alle ihre Gäste so? Kein Wunder, dass niemand hier war.

Ich setzte mein professionelles Lächeln auf und nahm meine Bewerbungsmappe in die Hand. »Hi, mein Name ist Tori Dawson. Ich bin wegen der Stelle als Barkeeperin hier.«

»Ach ja?« Sie warf ihren Stapel Hefter auf die Theke und musterte mich stirnrunzelnd von oben bis unten. »Normalerweise stellen wir keine Leute ein, die einfach hereinschn…«

»Kann ich meinen Lebenslauf hierlassen?«, unterbrach ich sie und schlug meine Mappe auf.

»Clara!«, rief jemand von hinten. »Wo bist du hin? Hey!«

Das panische Funkeln in den Augen der Frau wurde stärker. »Ja, ja«, sagte sie zu mir. »Lass ihn einfach hier. Ich brauche wirklich dringend jemanden, aber ich hab momentan überhaupt keine Zeit, mir das anzuschauen. Morgen …«

»Clara!«

»Ich komme!«, rief sie über ihre Schulter. »Tut mir leid – Tracy, richtig?«

»Tori.«

»Ich stecke bis zum Hals in Arbeit. In weniger als einer Stunde kommen die Leute her, und der Gefrierschrank hat gestern Abend den Geist aufgegeben, und Cooper hat sich wieder krankgemeldet …«

Ein lautes Krachen aus dem Hinterzimmer unterbrach sie, gefolgt vom wütenden Fluchen eines Mannes. »Oh Gott, was ist jetzt wieder passiert?«

Sie rannte durch die Tür nach hinten, die Papiere blieben vergessen auf der Bar zurück. Ich zuckte mitfühlend zusammen. Mir war es auch schon mal so gegangen – zu wenig Personal, alles lief schief, und wie es aussah, hatten sie am Abend auch noch eine Veranstaltung.

Als ich meinen Lebenslauf auf ihre Hefter legte, hörte ich laute Geräusche aus dem hinteren Bereich – Geklapper und hektische Gesprächsfetzen zwischen Clara und dem Mann. Ich betrachtete das Chaos. Die Hälfte der Stühle war ja sogar umgekippt! Kurz entschlossen schob ich die Tische zurecht und stellte die Stühle ordentlich daran. Innerhalb von zehn Minuten hatte ich den Gastraum in Ordnung gebracht. Mit einem zufriedenen Nicken nahm ich meine Mappe mit den übrigen Lebensläufen von der Theke.

In diesem Moment kehrte Clara zurück und griff nach ihren Heftern. Als sie mich sah, stoppte sie ruckartig und runzelte verwirrt die Stirn. Ich verzog das Gesicht. Wie unangenehm. Ich hatte eigentlich fort sein wollen, bevor sie zurückkam.

Mit weit aufgerissenen Augen betrachtete sie die wiederhergestellte Ordnung. »Was hast du …«

»Ich hab nur rasch ausgeholfen«, erklärte ich hastig. »Bin schon weg. Viel Erfolg bei Ihrer Veranstaltung heute Abend.«

»Danke«, murmelte sie.

Ich drehte mich um, verfluchte mich innerlich wegen der peinlichen Situation und ging eilig auf die Tür zu.

»Warte!« Clara kam um die Theke gesaust, meinen Lebenslauf in der Hand. »Hast du irgendwelche Erfahrungen als Barkeeperin, Tori?«

»Nicht viel«, gab ich zu, als sie neben mir stand. »Aber ich kenne mich hinter der Bar aus, ich lerne schnell, und ich bin fleißig.«

Clara nickte und überflog meinen Lebenslauf. »Du hast keine Empfehlungen.«

»Äh … ja.«

»Hast du heute Abend schon etwas vor?«

Ich blinzelte. »Heute Abend?«

»Ich weiß, wie unorthodox das ist.« Ihre Worte flossen alle ineinander, so schnell brachte sie sie heraus. »Aber ich habe sowieso schon alle Hände voll zu tun, und um sechs haben wir ein volles Haus. Wenn du eine Schicht übernehmen kannst, zahle ich dir hinterher den Lohn in bar aus. Denselben Stundenlohn wie meinem letzten Barkeeper.«

Ich horchte auf. Eine bezahlte Schicht und die Gelegenheit, mich zu beweisen, ohne den ganzen Bewerbungsgesprächsmist durchlaufen zu müssen? »Klar, gerne.«

Clara sackte erleichtert in sich zusammen. »Wunderbar. Legen wir los.« Sie machte mir ein Zeichen, ihr zu folgen. »Heute Abend findet unser monatliches Treffen statt, und alle werden dabei sein. Ramsey und ich kümmern uns um die Essensbestellungen, und du bist für die alkoholischen Getränke zuständig. Ich helfe dir, so gut ich kann. Sobald alle versorgt sind, wird es ruhiger, aber zwischen sechs und sieben geht es mit Sicherheit hektisch zu.«

Auf halbem Weg um die Theke herum blieb sie stehen. »Ich bin übrigens Clara Martins. AGM.«

Assistant General Manager? Endlich hatte ich mal Glück. Ich hatte meinen Lebenslauf der stellvertretenden Chefin in die Hand gedrückt.

Ich schüttelte ihre Hand, dann führte sie mich durch die Saloontüren nach hinten in eine enge Küche mit Edelstahlarbeitsplatten.

»Ramsey!«, rief sie. »Komm her!«

Ein großer Kerl kam von der anderen Seite herein. Er war schlank, schlaksig, und seine schwarzen Haare waren auf der einen Seite kurz geschnitten, während ihm der Rest stachelig gestylt bis unters Kinn reichte. Um seinen Hals hingen schwere Ketten, und er trug mehr Eyeliner als ich.

»Ramsey, das ist Tori. Sie interessiert sich für den Job als Barkeeperin, daher hilft sie heute Abend aus.«

Ramsey verzog den Mund. »Ist das überhaupt erlau…«

»Wir brauchen unbedingt Unterstützung«, unterbrach ihn Clara. »Und dann können wir auch gleich sehen, wie sie mit der Gang zurechtkommt.«

Das mit der Gang meinte sie doch hoffentlich nicht wörtlich?

»Okay«, gab Ramsey unsicher zurück. Er betrachtete mich, als wollte er herausfinden, wie zerbrechlich ich war. »Willkommen im Chaosclub.«

Ich bekam gar nicht erst die Chance, über die mögliche Bedeutung seiner Begrüßung nachzudenken, bevor Clara meine Aufmerksamkeit verlangte. Sie gab mir eine Führung in Höchstgeschwindigkeit durch die Küche, die Kühlkammer sowie die Lagerräume und zeigte mir den ausgefallenen Gefrierschrank und die Eiswürfelmaschine. Abgesehen von einem vollgestopften Büro war das alles. Es gab nicht mal einen Pausenraum.

Zehn Minuten später stand ich mit einer Schürze in der Hand hinter der Bar, während Clara davonsauste. Ramsey bereitete in der Küche Essen vor, ich war also offiziell auf mich allein gestellt.

Ich band mir die Schürze um, die sowohl den unteren Teil meiner weißen Bluse als auch den oberen Teil meines knielangen Bleistiftrocks bedeckte. Gut, dass ich meine bequemen Sandalen trug. Ich schrieb Justin eine Nachricht, dass ich spät nach Hause kommen würde, dann machte ich mich an die Arbeit.

Zuerst wischte ich alle Oberflächen auf, um und hinter dem Bartresen ab. Ich suchte die Abtropfmatten und legte sie aus, dann holte ich einen Kübel Eiswürfel aus dem hinteren Bereich und leerte ihn ins Becken. Anschließend überprüfte ich die Flaschen unter dem Tresen, probierte die Schankpistolen aus und suchte alle Grundzutaten aus dem Kühlraum und der Vorratskammer zusammen.

Mithilfe von Ramsey fand ich die Garnierzutaten und bereitete Zitronen, Limetten, Oliven, Minze und Petersilie vor. Weil ich keine passenden Behälter dafür entdeckte, steckte ich sie jeweils in ein Longdrinkglas. Als ich die gerade aufreihte, kam Clara hereingerauscht. War sie irgendwann mal nicht in Eile?

»Oh, gut, du bist also bereit?« Sie tippte auf den Touchscreen an der Kasse. »Heute Abend geht alles aufs Haus, du musst deshalb nur eingeben, was du ausgeschenkt hast.«

Ich verbarg meine Enttäuschung. Gratisgetränke bedeuteten kein Trinkgeld. »Wie haltet ihr es mit dem Altersnachweis für Alkohol?«

»Ach, du musst dir keine Ausweise zeigen lassen. Wir bedienen hier nur Mitglieder.« Clara rieb nervös die Hände aneinander und zog die Brauen zusammen. »Was neue Gesichter angeht, können sie ein wenig … Aber alles wird gut! Lass dir nichts gefallen. Und ich bleibe in der Nähe. Falls es Probleme gibt, rufst du einfach.«

Probleme? Vielleicht war mir mein Ruf doch vorausgeeilt. Ich setzte ein selbstbewusstes Lächeln auf. Kein Zögern von meiner Seite, wo mir dieser Probelauf doch die Stelle verschaffen konnte.

Clara erwiderte mein Lächeln eher vorsichtig als erfreut, dann sauste sie in die Küche und rief nach Ramsey. Ich wischte mir die feuchten Handflächen an der Schürze ab. Die Bar vorzubereiten, war einfach gewesen, es war der Rest, mit dem ich kaum Erfahrung hatte. Nervös rief ich auf dem Handy eine Website mit Drinkrezepten auf.

Die große Uhr an der Wand zeigte halb sechs an. Es war immer noch nichts los. Ich betrachtete die Tische und die dunklen Wände. Wie viele Leute wollten sie hier reinquetschen? Eine breite Treppe in einer Ecke führte in die erste Etage, aber da Clara nichts darüber gesagt hatte, war das für meine Aufgabe an diesem Abend wohl nicht wichtig.

Als die Eingangstür krachend aufflog, zuckte ich zusammen.

Zwei Männer kamen herein. Ich entspannte mich wieder. Sie trugen zwar Bärte, aber keine »Bikergang«-Bärte. Einer sah ganz durchschnittlich aus – dunkle Haare, ein paar weiße Strähnen im Bart, Mitte dreißig –, der andere war untersetzt und muskulös. Seine Haare waren an den Seiten geschoren und die blonden Deckhaare zurückgekämmt. Sein Alter schätzte ich auf Ende zwanzig.

Ich lächelte einladend, als sie sich der Bar näherten. Allerdings reagierten sie darauf eher unfreundlich, indem sie mich anstarrten, als wäre ich ein ein Meter siebzig hohes Unkraut, das zwischen den Dielenbrettern hindurchgewachsen war.

»Hi«, flötete ich. »Was kann ich euch …?«

»Wer bist du?«, fragte der Erste scharf.

»Ich … mein Name ist Tori.« Als sie das nur noch misstrauischer zu machen schien, fügte ich hinzu: »Ich helfe heute Abend als Unterstützung für Clara aus.«

Beide entspannten sich, als hätte ich damit das Codewort genannt.

»Ich nehme einen Whiskey Sour.«

»Bourbon on the rocks.«

»Okay.« Atemlos nahm ich zwei Whiskeygläser und gab Eiswürfel hinein. Der Bourbon war leicht, aber beim zweiten Drink übertrieb ich es mit dem Whiskey. Nun ja, da bekam er eben was für sein Nicht-Geld. Ich reichte die beiden Gläser über die Theke und gab die Drinks ins System ein. Als ich aufsah, öffnete sich die Tür gerade erneut.

Ein weiterer Mann Mitte vierzig hielt zwei jüngeren Männern Mitte zwanzig die Tür auf. Die erreichten die Bar zuerst, und …

»Wer bist du?«

Was hatten diese Leute bloß? Als wäre ich komplett unbefugt hier. Die wachten ja eifersüchtiger über ihr Revier als Teenager an einem WLAN-Hotspot.

»Ich helfe heute Abend als Unterstützung für Clara aus«, testete ich meinen neuen magischen Satz noch einmal.

Auch diese drei waren daraufhin deutlich weniger feindselig und bestellten Drinks – Gott sei Dank einfache. Der ältere Mann lächelte, als ich ihm seinen Old Fashioned reichte.

Ich war noch nicht ganz fertig damit, die Getränke einzugeben, als schon die nächste Gruppe eintraf. Drei Frauen Anfang zwanzig, alle mit Haaren in unterschiedlichen Blondtönen. Eine trug ihre hellen Haare in einem welligen Bob, eine als lange, goldblonde Lockenmähne, und eine hatte ihre schulterlange Frisur in einem erschreckenden Bananengelb gefärbt.