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Die 36-jährige Fotografin Julia reist für einen Werbeauftrag nach Schottland, wo sie auf den faszinierenden US-Schauspieler Kevin trifft. In seinem kleinen Schloss an einer Steilküste kommen sich die beiden näher. Doch die junge Liebe steht auf Messers Schneide. Nicht nur ihre beste Freundin Rose gefährdet die Bezienung durch einen fatalen Fehler unabsichtlich, auch Lord Liam fährt starke Geschütze auf, um die beiden auseinanderzubringen und Julia für sich zu gewinnen. Dabei schreckt er auch nicht vor Erpressung zurück. Am Ende muss Kevin alles auf eine Karte setzen … wird er den Kampf um Julia gewinnen?
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Seitenzahl: 685
Veröffentlichungsjahr: 2016
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von Ida Uhlich
Das kleine Paradies Ida Uhlich published by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de Copyright: © 2015 Ida Uhlich ISBN 978-3-7375-8452-4 Cover & Konvertierung: Sabine Abels / www.e-book-erstellung.de
Julia saß vor ihrem Laptop und starrte auf die gerade geöffnete E-Mail. Mit großen Augen las sie immer wieder die Zeilen ... Aufgrund ihrer interessanten Bewerbung, würden wir uns freuen, wenn Sie am 21.06.2009 zu uns nach Schottland kommen würden. Wir würden uns gerne von Ihren Talenten selber überzeugen und laden Sie zu einem 1-wöchigen Foto-Shooting ein. Bitte melden Sie sich bei meiner Teamassistentin Susan McKinsey....
Immer und immer wieder flogen ihre Augen über diese Zeilen. Sie konnte es nicht fassen.
Sie sprang auf und suchte verzweifelt ihr Telefon. Wie immer, hatte sie es verlegt und wie immer suchte sie es. Nach einigen Minuten und mehreren Schimpfwörtern, sah sie es in der Küche neben dem Herd liegen.
»Oh shit, da bist du ja, du kleines Ding. Ich hasse Versteckspielen!«
Sie wählte die Kurztaste 1.
Am anderen Ende ertönte eine schläfrige Stimme.
»Jaaa?«
Kaum vernahm sie einen Laut, mehr konnte man zu diesem Jaaa nicht sagen, legte sie auch schon los. Ohne Luft zu holen, ließ sie ihrer Aufregung freien Lauf. Am anderen Ende war ihre beste Freundin Rose.
»Oh Rose, stell dir nur vor. Ich habe eine E-Mail von Mr. John bekommen. Er will, dass ich eine Woche nach Schottland komme, um dort mein Können unter Beweis zu stellen. Er schickt mir sogar Flugtickets und lässt mich vom Flughafen abholen. Ist das nicht irre?«
Gähnend fragte Rose: »Hey, du hast ihm dein Bild geschickt, oder?«
Verwirrt antwortete sie: »Ja, na und? Das war eine Bewerbung, da muss ich doch ein Bild mitschicken.«
»Kein Wunder, dass die dich dann sehen wollen«, sagte sie tonlos.
Kopfschüttelnd saß Julie vor dem Hörer und klopfte mit dem Finger dagegen.
»Halloooo? Gehen sie bitte aus der Leitung und lassen sie meine beste Freundin ran. Die, die mir immer geduldig zuhört und keine blöden Reden schwingt.«
Am anderen Ende der Leitung gluckste es.
»Okay, bin schon leise. Erzähl weiter.«
»Na ja, da schreibe ich mir-nichts-dir-nichts eine Bewerbung und glaube keine Sekunde daran, dass die mich nehmen und nun steige ich nächste Woche bereits in den Flieger. Ich weiß gar nicht, warum die mich nehmen? Ich...«
Sie wurde diesmal wirsch unterbrochen.
»Moment! Stopp! Was heißt hier, du hast keine Sekunde daran geglaubt, hä? Die wären schön blöd, wenn die so ein Talent nicht erkennen. Und... wenn du weiter so ein blödes Zeug redest, dann hole ich die andere wieder ans Telefon.«
Julia musste lächeln. Rose war einmalig und sie konnte sich immer auf sie verlassen. Viele Schicksalsschläge hatte die Freundschaft wachsen lassen. Rose war, im Gegensatz zu Julia, die Verrückte. Julia dagegen die Ruhigere. Beide ergänzten sich prima.
»Hör mal, du fliegst doch da nicht alleine hin?«
Besorgt klang jetzt die Stimme am anderen Ende.
»Warum denn nicht? Das ist eine Arbeit wie jede andere.«
»Wie bitte? Spinnst du? Du fliegst nach Schottland. Das ist nicht gerade um die Ecke. Wenn du Hilfe brauchst, dann kann ich nicht schnell genug bei dir sein. Julia, das ist zu weit weg.«
Julia verdrehte die Augen und starrte genervt an die Decke.
»Julia, verdrehe jetzt nicht die Augen! Ich meine es ernst!«
»Oh man Rose, wie machst du das? Woher weißt du...«
»Schatz, ich kenne dich einfach zu gut. Und deswegen mache ich mir auch Sorgen. Du kannst nicht mal alleine zum Bäcker gehen, ohne ein Chaos zu verursachen. Möchtest du, dass die Schotten nie wieder Deutsche ins Land lassen?«
»Nun hör aber auf. So schlimm bin ich nicht. Außerdem sind meistens die Anderen schuld... erinnerst du dich?«
sagte Julia entrüstet und schmiss das Telefon aufs Sofa. Sie hörte eine kreischende Stimme, die allerdings von weit her an ihr Ohr drang. Grinsend nahm sie den Hörer wieder an ihr Ohr.
»Waaas?«, fragte sie entnervt.
»Wehe, wenn du mich wieder wegschmeißt«, polterte Rose.
Beide mussten lachen.
»Julia, ich meine es doch nur gut mit dir. Ich gebe zu, dass meistens die Menschen in deiner Umgebung unlogische und eigenartige Sachen machen und du dann in eine Beschützer-Verteidigungs-Rolle rutschst. Doch irgendwie musst du daran beteiligt sein. Vielleicht dringst du ja in ihre Gedanken ein und gibst absurde Kommandos?«
»Rose, was für Kommandos? Außerdem, was soll schon passieren?«
»Frage mich lieber nicht, denn ich könnte dir so einiges aufzählen.«
»Okay, dann möchtest du also, dass ich mir so eine super Gelegenheit durch die Lappen gehen lasse?«
»Also bevor du mich wieder wegwirfst... nein, natürlich nicht. Aber ich habe ein blödes Gefühl dabei. Ich kann dir nicht sagen wieso.«
»Rose, das ist doch nicht das erste Mal, dass ich ohne dich fahre. Außerdem, wenn du ehrlich bist, passieren mir solche Dinge nur, wenn ich deinen Hintern retten muss.«
Am anderen Ende gluckste es wieder.
»Oh Gott, du hast ja recht. Aber ich möchte trotzdem nicht, dass du allein fährst.«
»Rose, du kannst doch im Moment nicht weg. Deine Chefin, für die du Vertretung machst, kommt erst in 2 Wochen zurück. Außerdem, wie sieht das denn aus, wenn ich mit einer Freundin anreise, hä?«
»Schon gut, schon gut.«
Es war einen Moment still. Julia hörte nur ein lautes Schnaufen. Sie wartete ungeduldig. Sie wusste, Rose überlegte und wollte nicht gestört werden.
»Julia, ich habe eine Idee.«
»Na endlich, ich dachte schon du wärst eingeschlafen.«
»Julia, hör mir jetzt zu!«
»Jaaaaa, erzähl schon.«
»Also, ich werde meinen Stiefvater Tom, der zurzeit in London ist, anrufen. Der kennt da einen Lord McDerby in Aberdeen. Bei ihm wirst du dich melden, oder sogar übernachten. Hast du nicht gesagt, dass das Anwesen von diesem Mr. John in der Nähe von Aberdeen liegt?«
»Ja, aber der Typ ist mir doch auch fremd. Dann kann ich doch auch bei Mr. John übernachten?«
»Der Typ ist dir fremd aber nicht mir und meinem Stiefvater. Ich brauche diese Sicherheit! Oder ich komme mit! Du hast die Wahl!«
Sie überlegte kurz und versuchte dagegen zu halten.
»Das sieht doch blöd aus, wenn ich zu Mr. John sage, dass ich gerne in ihrem Team mitarbeite, aber ich bleibe nicht beim Team. Du weißt doch, wie es beim Shooting so zugeht. Das kann manchmal bis in die Nacht hinein gehen.«
Sie grummelte vor sich hin und machte einen Schmollmund.
Rose wurde lauter: »Wir brauchen gar nicht zu diskutieren, Julia. Ich rufe gleich morgen meinen Stiefvater an und dann gebe ich dir die Adresse.«
Sie ließ keine Widerrede zu. Julia verfluchte ihre Hilflosigkeit. Wieso konnte sie nur für andere stark sein und nie für sich?
»Na gut. Aber eines sage ich dir, wenn das nicht gut ankommt, dann übernachte ich dort wo auch die anderen aus dem Team sind.«
»Ja, ja, Kleines.«
»Oh Gott ich hasse es, wenn du „Kleines“ sagst.«
»Gute Nacht Kleines und bis Morgen. Leg dich jetzt wieder schlafen. Es ist mitten in der Nacht und ich brauche, im Gegensatz zu dir, meinen Schönheitsschlaf.«
Sie legte einfach auf und ließ Julia mit ihren Gedanken alleine.
Frechheit! Ich bin kein „Kleines“! Ich werde es ihr beweisen, dass ich auch ganz gut auf mich alleine aufpassen kann. Wir werden ja sehen, wer hier recht behält. Pah!
Sie ging ins Schlafzimmer und schmiss sich aufs Bett. Vor Aufregung konnte sie jedoch nicht einschlafen und so ging sie nochmals alles gedanklich durch. Sie hatte sich wirklich kaum Chancen ausgerechnet. Okay, sie war gut als Fotografin, doch es gab so viele, die besser waren.
Haben die mich wirklich wegen meines Aussehens genommen?
Sie verwarf diese Frage sofort wieder.
Mein Aussehen hat damit bestimmt nichts zu tun. Ich bin eine gute Fotografin!, entschied sie.
Sie sprang wieder auf und ging ins Bad. Sie blickte ihr Spiegelbild an und rümpfte die Nase. Skeptisch zog sie die linke Braue hoch. Ihre Augen waren von einem so dunklen braun, dass sie, wenn sie wütend wurde, eine schwarze Farbe annahmen. Sie hatte ein kleines rundes Gesicht und eine Stupsnase. Sie passte proportional zu dem Rest. Ihre Lippen waren voll und sie hatte blendend weiße Zähne. Ihr Teint war rein und leicht gebräunt. Das hatte sie von ihrem spanischen Großvater. Sie blickte missmutig in den Spiegel und steckte sich die Zunge raus.
Laut sagte sie: »Von wegen ich brauche keinen Schönheitsschlaf. Die ganze Woche würde nicht dafür reichen.«
Sie knipste das Licht aus und legte sich wieder ins Bett.
Am nächsten Morgen besorgte sie sich Lektüre von Schottland und von der Umgebung, wo das Anwesen stand. Sie wusste nicht viel über Mr. John. Nur, dass er stinkreich war und ab und zu für ebenso stinkreiche Leute Foto-Shootings veranstaltete. Das war sozusagen sein Hobby. Er hatte ein riesiges Haus auf dem Anwesen und es wurde gerne für Promotionszwecke genommen. Was man nicht so alles machte, wenn man vor lauter Geld Langeweile hatte? Ihr konnte das ja egal sein. Die Arbeit war bestimmt sehr spannend und sie konnte viel lernen. In seinem Team waren nur die Besten. Ihr wurde mulmig bei diesen Gedanken. Würde sie allem gerecht werden? Oder würde sie sich blamieren? Sie holte tief Luft und wollte schon fast die Sache in Gedanken absagen, da stieß sie mit Edgar zusammen. Er war mehr als ein guter Nachbar und immer zur Stelle. Er bekam von Rose jedes Mal eine detaillierte Instruktion, wann und wo er auf sie achtgeben sollte.
»Hey, nicht so schnell.«
Sie war erleichtert, ihn angerempelt zu haben und nicht einen Fremden.
»Oh Gott Edgar, ich hab dich gar nicht gesehen. Ich war so tief in meinen Gedanken.«
»Was ist denn passiert? Du hast ja ganz rote Wangen.«
Das war auch etwas, was sie an sich hasste. Immer wenn sie aufgeregt war, bekam sie rote Wangen. Er schaute sie besorgt an. Sie hakte ihn unter und erzählte ihm alles. Sie musste aufblicken, da er mit seinen 1,90m um genau 30 Zentimeter größer war als sie. Er sah verdammt gut aus. Er hatte dunkles Haar und braune Augen. Er war schlang, nach Rose Ansicht zu schlank. Julia war es dagegen egal. Sie nahm ihn so wie er war. Sie wollte nie die Menschen ändern. Trotz des guten Aussehens, lebte er eigenartigerweise sehr zurückgezogen. Weder Julia noch Rose konnten dies verstehen oder wussten warum. Sowie Julia das Thema ansprach, zog er eine Mauer um sich herum. Gemeinsam gingen sie in das Cafe an der Ecke. Sie hatten dort einen Stammplatz und setzten sich.
»Ich freue mich für dich, ehrlich! Doch du fliegst nicht alleine dort hin, oder?«
Sie stieß ein Zischen aus: »Oh Gott, fang nicht du auch noch an.«
Er legte den Kopf schief und lächelte sie an.
»Lass mich raten.... Rose?«
»Jaaaa, natürlich Rose! Sie kann es nicht lassen, mich ständig zu bemuttern.«
»Sie meint es doch nur gut. Sie macht sich halt Sorgen.... So wie ich«, legte er nach.
»Ich werde das allein durchziehen. Und es wird alles gut gehen. Ich mache mir mehr Gedanken um mein Können. Das ist ein sehr starkes Team. Sie sind alle sehr bekannt in unseren Kreisen. Ich habe eher Angst zu versagen.«
»Nun hör aber auf, ja. Du hast dir auch bereits einen Namen gemacht. Denk nur an deine Ausstellung. Die ist doch super gelaufen. Das hat sich bestimmt rumgesprochen.«
Er lächelte sie an und nahm ihre Hand.
»Sei unbesorgt. Du wirst es ihnen zeigen, da bin ich ganz sicher!«
Sie war froh über die Worte. Sie bestärkten sie darin, doch den Auftrag anzunehmen. Und... alleine nach Schottland zu fliegen.
»Und wenn sie mich nicht mögen?«
»Was für eine blöde Frage!«, sagte er vergnügt.
Skeptisch schaute sie ihn an und zog ihre Augenbraue hoch.
»Julia, jeder andere sollte sich diese Frage stellen. Aber doch nicht du! Ist dir denn noch nie aufgefallen, dass du nur einen Raum betreten musst und du hast zweidrittel der Leute im Sturm erobert.«
Mit fester Stimme sagte sie: »Du übertreibst!«
Er schüttelte den Kopf. Genau das mochte er an ihr. Sie war in allem fast perfekt ohne es zu wissen. Und so benahm sie sich auch. Vielleicht war das ja der Grund, warum ihr die Herzen zuflogen?
»Nein, ich übertreibe nicht. Überleg mal, kannst du mir spontan sagen, mit welchen Leuten du nicht klar kommst?«
Schnell, viel zu schnell antwortete sie: »Und ob. Da wäre der... na ja der eine bei der Ausstellung... oder letztes Jahr bei der Silvesterfeier... oder in meiner Ausbildung, da war...«
Er hob die Hand und stoppte damit ihren Versuch Menschen zu finden, die auf der Nicht-gemocht-werden-Liste standen.
»Das ist jetzt ein Witz, oder? Du erwähnst drei Leute innerhalb der letzten 10 Jahre? Hast du denn nie darüber nachgedacht, warum dich die meisten Leute mögen?«
»Tun sie doch aber nicht!«
Er schüttelte den Kopf.
»Julia, bleib einfach so wie du bist. Mach dir um Gotteswillen keine Gedanken darüber, ob sie dich mögen oder nicht. Glaub mir, sie werden nicht nur deine Arbeit lieben.«
Er sagte dies sehr ernst und drückte ihre Hand etwas.
»Okay, Themawechsel«, sagte sie schnell und zog ihre Hand zurück.
Er musste lächeln.
»Was ist?«
»Das sagst du immer, wenn es für dich zu unangenehm wird.«
»Na und. Ich könnte ja auch sagen, hör auf mit der Schschschsch...«
Er legte ihr einen Finger auf den Mund.
»Sag es nicht. Das würde nicht zu dir passen. Zu Rose schon eher.«
»Oh ja, da hast du absolut Recht!«
»Warum fährt sie nicht mit? Das würde mich beruhigen.«
»Oh, sie muss ihre Chefin vertreten. Sie kommt erst übernächste Woche wieder. Sie soll sich das auf keinen Fall vermasseln. Du weißt doch, ihre Chefin möchte nächstes Jahr auf Rente gehen. Sie wäre die perfekte Nachfolgerin. Auch Dr. Schmidt würde sie gerne auf den Posten sehen.«
»Kann ich gut verstehen. Sie ist eine echte Perle!«
Er musste schmunzeln.
»Ist dir schon einmal aufgefallen, dass du genau diesen Ausdruck und ein Schmunzeln im Gesicht hast, wenn du von Rose sprichst?«, neckte sie ihn.
Sie wusste, dass er sie faszinierend fand.
Er kratzte sich verlegen am Kopf.
»Oh man, fällt das so auf?«
»Hmmmm, ein wenig.«
»Okay, Themawechsel!«, imitierte er sie.
Sie lachte auf und nahm jetzt seine Hand.
»Schon gut Ed. Aber irgendwann reden wir mal darüber. Versprochen?«
Er nickte nur und rief die Kellnerin zum Bezahlen.
Die Woche verging schnell, doch sie hatte alles geschafft. Sie konnte sogar ihren letzten Auftrag fertig stellen und war mit sich und der Arbeit zufrieden. Selbst wenn im Privatleben so einiges schief ging, im Berufsleben ist sie ein Profi. Alle, die mit ihr zusammen arbeiten, schätzen sie.
Die Abschiedsszene auf dem Flughafen glich eher einer bevorstehenden 5-monatigen Weltreise als einer 1-wöchigen Schottlandreise. Rose gab ihr noch so viele Tipps und Ratschläge mit auf dem Weg, dass ihr schon ganz schwindelig wurde. Nachdem Rose auch noch den Finger hob, um ihre Drohung auszusprechen, dass sie sofort kommen würde, wenn ihr jemand wehtut, reichte es Julia.
»Rose hör auf! Du benimmst dich ja schlimmer als es meine Mutter getan hätte.«
Rose war abrupt still und Julia tat es bereits leid, sie so angefahren zu haben. Sie schlang schnell ihre Arme um ihre „beste Freundin“ und flüstere ihr ins Ohr.
»Ich melde mich, sowie ich meine Koffer vom Band genommen habe, versprochen! Ich werde mich auch täglich bei dir melden und Bericht
erstatten. Ich werde mich auf nichts Spontanes einlassen und immer vor einer Entscheidung alles klar überdenken. Also ich meine, wenn es um Männer geht.«
Sie grinste Rose lieb an und küsste sie auf die Wange. Dann verschwand sie hinter der Passkontrolle.
Ed wusste nicht genau, wie er Rose trösten sollte und sagte verlegen: »Nu ist sie weg!«
Rose wischte sich die eine Träne weg und blickte auf. Sie war zwar größer als Julia, doch auch sie musste zu ihm aufblicken.
»Oh Ed, was mache ich jetzt nur ohne sie? Es ist ja nicht nur, dass sie mir fehlt, sondern ich bin jetzt alleine.«
Das sagte sie so traurig, jedoch wiederum so lustig, dass er lächeln musste. Reflexartig legte er seinen Arm um ihre Schulter und zog sie zu sich ran.
Leise sagte er: »Du bist nicht allein Rose, ich bin doch da.«
Verblüfft über so viel Zärtlichkeit in seiner Stimme, stand ihr Mund weit offen.
Julia genoss den Flug und entspannte sich. Noch eine gute Eigenschaft, die sie hatte. Die Herausforderung konnte noch so groß sein, nervös wurde sie immer erst kurz vor dem Arbeitsbeginn. Dies wiederum machte Rose oft nervös. Manchmal arbeiteten sie zusammen. Julia als Fotografin und Rose als Assistentin in der Agentur von Dr. Schmidt; Werbemanagement. Sie lehnte sich zurück und las ihre Klatsch-Zeitschriften. Sie musste sich auf die Stars und Sternchen vorbereiten. Ihr neuer Auftrag hatte ja mit ihnen zu tun. Sie wusste nichts genaues, jedoch ging es immer um irgendeinen Promi. Nach der Landung und der Abholung ihres Koffers, löste sie ihr Versprechen ein und rief Rose an. Es klingelte nur 1x, Rose war sofort dran.
»Hey Kleines, du bist also gut in Aberdeen gelandet?«
Bei dem Wort Kleines zuckte sie zusammen.
»Oh nein, Kleines versucht gerade aus dem brennenden Flugzeug rauszukommen.«
»Julia! Hör auf mit dem Scheiß! Ich find das nicht witzig!«
»Schon gut, schon gut. Es ist alles in Ordnung. Es ist nichts passiert. Ich stehe hier in der großen Ankunftshalle und stell dir vor, ich habe sogar meinen Koffer gefunden. Keiner hat mich angesprochen und ich habe keinen verletzt. Bin ich gut oder bin ich gut?«
Julia grinste und stand in Gedanken neben Rose. Sie konnte sich ihre Mine genau vorstellen und musste kichern. Sie bemerkte nicht, dass sich ein Mann näherte. Er blieb vor ihr stehen und wartete höflich. Unbemerkt und auf Abstand. Er wusste nicht, ob er sie ansprechen sollte. Er war unsicher, ob sie die Person ist, die er abholen sollte.
Julia kreischte vergnügt, als sie das Gemeckere von Rose vernahm. Sie drehte sich dabei um und stolperte über ihren Koffer. Sie verlor das Gleichgewicht und wäre der Länge nach hingeknallt, wenn der Fremde sie nicht aufgefangen hätte. Sie spürte starke Arme um ihre Taille und vernahm ein leises Lachen. Noch in seinen Armen hob sie ihren Kopf nach hinten und blickte in zwei kristallblaue Augen. Für zwei, drei Sekunden erstarrte sie und versuchte sich dieses Bild vorzustellen.
Der Koffer unter ihren Füßen, ihr Oberkörper gegen seine Brust, die Haare wirr im Gesicht und der Mund offen.
Ein ganz normales Julia-Willkommens-Bild!
»Oh...«, entfuhr es ihr leise.
Er stellte sie ohne Mühe wieder auf die Beine. Sie zog ihre Klamotten wieder gerade und sagte verlegen: »Danke! Es tut mir leid, dass ich sie genötigt habe, mich aufzufangen.«
Seine Stimme war tiefer als sie angenommen hatte.
»Gern geschehen! Sind sie Julia Montana?«
Auf seiner Stirn bildeten sich drei Falten und seine Augen kniff er zusammen, so dass sie nur noch einen Strich bildeten. Für einen Moment dachte sie, dass er die Augen geschlossen hatte.
»Ja, die bin ich!«
Sichtlich erleichtert, dass er die richtige Person angesprochen hatte, streckte er seine Hand aus.
»Ich bin Kevin Brown, also Kevin. Ich bin hier um dich abzuholen. Leider war der Chauffeur von Jack, äh ich meine Mr. John, unabkömmlich.«
»Oh...«, entfuhr es ihr wieder.
Oh Gott,er denkt bestimmt, ich bin bescheuert. Mensch Julia, reiß dich zusammen und bilde ganze Sätze.
»Okay, dann fährst du mich also zu Lord McDerby?«
Er legte seine Stirn wieder in Falten und fasste sich verlegen an die Stirn.
»Nein, das muss ein Missverständnis sein. Ich soll dich zum Anwesen mitnehmen.«
Sie überlegte kurz. Das fing alles schon wieder eigenartig an und sie musste grinsend an Rose denken. Durch ihr Lächeln war er nun erst recht skeptisch.
Pikiert und etwas lauter als gewollt, fragte er: »Bist du doch nicht Julia Montana?«
Sie legte ihren Kopf schief, stemmte ihre Arme gegen die Hüfte und fragte verblüfft: »Würde ich sonst mit dir mitgehen?«
»Ja! Du wärst nicht die erste«, schnaubte er verächtlich.
»Vielleicht wäre ich es aber doch!«, konterte sie.
Sie biss sich auf die Lippe und verstand seine Andeutung nicht. Unsicher schaute sie ihn an und wartete auf eine grimmige Reaktion. Wie sie so dastand, frech und doch unbeholfen, schlicht und doch interessant, einfach und doch undurchschaubar, verursachte sie in ihm ein kleines Gefühl von Neugier. Er konnte die Frauen, die sich um Promis rissen, nicht ausstehen. Jack wusste es und trotzdem lud er immer wieder einige Mädels ein, damit er sich amüsieren sollte. Jack fand nämlich, dass er viel zu wenig Frauenkontakt hatte. Er war froh, dass diese Frau anscheinend nicht dazugehörte. Er wollte Jack diesen Gefallen erst nicht tun, da er dachte, er solle wieder so eine affektierte Schnecke abholen. Doch Jack hatte ihn angefleht für den Chauffeur einzuspringen. Erst als Jack hoch und heilig versprochen hatte, dass es kein Model oder Ähnliches sein würde, willigte er ein. Er hatte sowieso gerade hier in Aberdeen zu tun. Nun stand er vor dieser Frau, die ihn anscheinend nicht erkannte, oder nicht erkennen wollte und die nicht aussah wie eine aufgedonnerte Promijägerin.
Die Pause dauerte ihr zu lange und skeptisch fragte sie: »Äh... du wurdest doch von Mr. John beauftragt mich abzuholen?«
Dabei zog sie die linke Braue hoch.
Süß, fand er und brachte nur ein zaghaftes Nicken zustande.
Hoffentlich entpuppt sie sich nicht doch noch als Nervensäge. Das wäre schade, da ich gerade anfange sie zu mögen.
Er war so in seinen Gedanken vertieft, dass er sie ansah, nein er starrte sie an. Julia wurde langsam nervös.
»Mr. Brown? ...äh, ich meine Kevin, ist alles in Ordnung? Soll ich lieber ein Taxi nehmen? Das macht mir wirklich nichts aus. Ich möchte dich nicht davon abhalten, etwas Wichtigeres zu tun.«
Tsss, das sind ja mal ganz neue Töne, dachte er. Diese Frau zog ein Taxi ihm vor.
Schnell sagte er: »Nein, nein, ich habe Jack versprochen dich abzuholen. Ich halte meine Versprechen.«
Sie nickte und wollte ihren Koffer nehmen. Doch er kam ihr zuvor und griff danach.
»Danke, aber ich kann das auch alleine.«
»Ich zweifle nicht daran!«
Er lief grinsend vor und sie musste sich anstrengen, dass sie Schritt halten konnte.
Was für ein komischer Mensch, dachte sie. Verdammt gutaussehend, aber eigenartig. Oh Gott, hoffentlich wird das hier nicht die größte Verarsche aller Zeiten. Ich werde Rose gleich anrufen, wenn ich angekommen bin. Sie wird sich bestimmt Gedanken machen, weil ich vorhin so schnell auflegt habe.
Kaum hatte sie das zu Ende gedacht, klingelte ihr Smartphone. Ein Blick aufs Display bestätigte ihre Vermutung.
Rose!
Sie ließ es klingeln und machte große Schritte, da der Abstand zwischen ihnen bereits größer wurde. Kevin drehte sich um.
»Möchtest du nicht rangehen?«
»Oh nein, ich rufe später zurück. Rennen und telefonieren geht gar nicht!«
Erst jetzt bemerkte er, dass sie Schwierigkeiten hatte, hinterher zu kommen.
»Entschuldige«, sagte er grinsend, »ich laufe zu schnell?«
»Nein, ist schon okay.«
Sie log und er sah es ihr an. Er drehte sich zur Seite und zeigte mit der Hand zu einem Auto.
»Wir sind schon da.«
Er öffnete ihr die Tür und sie stieg ein. Das war kein Auto, das war eine sündhaft teure Limousine. Er startete und sie hörte nichts. Rein gar nichts. Sie fragte sich, ob es überhaupt einen Motor gab. Sie blickte aus dem Fenster und betrachtete die Häuser und Straßen. Sie spürte, dass er sie beobachtete. Das machte sie nervös.
Um überhaupt etwas zu sagen, denn die Stille war fast unerträglicher als seine Blicke, fragte sie: »Wie lange müssen wir denn fahren?«
Er wandte sich wieder dem Verkehr zu und manövrierte das große Schlachtschiff gekonnt durch die Straßen.
»Ca. 1 Stunde. Wenn wir aus der Stadt heraus sind, fängt der schöne Teil Schottlands an.«
»Oh, Schönheit findet man auch hier«, sie zeigte mit der Hand zum Fenster, »man muss sie nur erkennen. Sie ist überall.«
Ihre Antwort gefiel ihm. Das war kein hochnäsiges Geschwafel. Sie hatte ihre eigene Sicht.
»Warst du schon einmal in Schottland?«
Sie schüttelte mit dem Kopf. Sie fuhren gerade über eine Brücke und sie schaute fasziniert hinunter zum Fluss. Plötzlich schrie sie: »Kannst du hier anhalten, oder ist es verboten?«
»Was hast du vor?«
»Ich möchte fotografieren.«
Ihre Augen leuchteten und ihre Wangen wurden rot. Wenn sie ein gutes Motiv erkannte, war sie immer sehr aufgeregt. Wie ein kleines Kind, das gerade etwas Neues zum Spielen gefunden hatte.
»Kein Problem!«
Er bremste langsam ab. Währenddessen holte sie bereits die Kamera aus dem kleinen Koffer. Sie zappelte herum und er sagte lächelnd: »Lass mich wenigstens anhalten.«
»Fällt mir schwer, aber ich warte!«
Der Wagen stand und sie sprang raus. Er schüttelte den Kopf und stieg dann auch aus. Er lief ihr nach und stellte sich hinter sie. Er versuchte krampfhaft ein schönes Motiv zu erkennen. Jedoch sah er nur Wasser und Häuser, die sich kaum im Fluss spiegelten, da die Oberfläche durch den leichten Wind krisselig war.
»Was fotografierst du in Gottesnamen da nur?«
Sie ließ sich nicht stören und schoss vier Bilder. Beim ersten Bild legte sie ihren Oberkörper über die Brüstung und fokussierte nur das Wasser an. Er machte einen Schritt nach vorne und hielt sie am Arm fest. Erschrocken fuhr sie herum.
»Ich dachte schon, du wolltest springen?«, sagte er etwas panisch.
»Sehr witzig!«
Sie drehte sich wieder um und schoss das nächste Bild aus der Hocke.
»Warum durch das Geländer, wenn du oberhalb freie Sicht hast?«
»Weil ich die reine Schönheit einfangen möchte.«
Für das dritte Bild musste sie zwei Schritte zurücktreten. Sie stieß an seine Brust und er wich nicht zurück. Sie bemerkte es vor Eifer gar nicht. Er atmete tief ein… sie roch verdammt gut und ihre Haare kitzelten ihm am Hals. Es war für ihn eine eigenartige Situation. Es war schon lange her, dass er eine fremde Frau so dicht hat an sich herankommen lassen. Zu allem Ärger von Jack.
»Was fotografierst du jetzt?«, fragte er neugierig.
»Siehst du dort hinten den Baum, wo der Ast leicht das Wasser berührt?«
Er beugte sich ein wenig hinunter und legte sein Kinn auf ihre rechte Schulter. Nun hatte er die gleiche Sichthöhe wie sie. Leicht berührte er ihre Wange. Sie roch noch immer gut.
»Ja, jetzt schon!«
»Der Ast wirft einen Schatten. Da das Wasser aber keine glatte Oberfläche hat, ist der Schatten verzerrt. Dadurch wirkt das Motiv sehr bizarr.«
Für das vierte Bild, drehte sie sich blitzschnell um und drückte ab. Kevin starrte noch in Richtung Baum. Verwirrt schaute er sie an.
»Warum mich?«, brummte er.
»Weil du jetzt das erste Mal ein entspanntes Gesicht hast. Kein Zusammenkneifen der Augen, keine Falten an der Stirn und kein grimmiger Blick.«
»Ich habe grimmig geschaut?«
Nun war er doch ein wenig irritiert. Sie lächelte nur.
»Kann ich sie sehen?«
»Moment, ich zeig sie dir gleich.«
Geduldig wartete er.
»So, fertig!«
Sie wollte zum Auto marschieren, doch er protestierte.
»Hey, du wolltest mir doch die Bilder zeigen.«
»Ja doch, im Auto.«
Etwas verwirrt, da ihn sonst nie einer warten ließ, lief er ihr hinterher. Kaum saß er, da hielt sie ihm die Kamera hin. Er starrte auf die Bilder und konnte es nicht fassen. Er erkannte die Motive kaum wieder. Bewundernd starrte er sie an.
»Hey, du hast wirklich ein geschultes Auge für die Schönheit.«
Sie schüttelte ihren Kopf.
»Was hast du erwartet? Ich bin Fotografin. Das ist die Voraussetzung für diesen Beruf.«
Sie packte sorgsam ihre Kamera wieder in den Koffer.
»Ja schon, aber es gibt auch viele Schauspieler, die nicht schauspielern können.«
»Wieso den Vergleich mit Schauspielern?«
»Weil ich mich da auskenne.«
Wieder hob sie die Braue und er musste grinsen. Er fand das einfach zu süß.
Vorsichtig fragte sie: »Wieso, bist du auch einer?«
»Hmhmm.«
»Ein richtiger? Ich... ich meine ein bekannter?«
Er nickte ruhig und beobachtete sie von der Seite. Sie schaute auf ihre Schuhe und flüsterte in Deutsch: »Mist, verdammter... Da schaue ich mir die blöden Klatschblätter an und erkenne ihn nicht.«
Was sie nicht wusste... er konnte deutsch. Also grinste er in sich hinein und ließ sie in dem Glauben, dass er nichts verstand. Sie biss sich auf die Lippen und schaute verlegen zu ihm.
»Ein echter Promi also?«
Er nickte wieder ganz ruhig und fand das recht amüsant. Sie wiederum flüsterte weiter in Deutsch.
»Na toll, das nenne ich doch mal einen super Start. Ohne Fettnapf geht bei mir aber auch gar nichts.«
Er hielt an einer roten Ampel und fragte: »Hey, was redest du da?«
Verlegen blickte sie auf ihre Hände, die ständig auf und ab wippten, als wenn sie Musik hören würde. Sie wechselte wieder ins Englisch.
»Oh entschuldige bitte, das war unhöflich von mir. Aber ich ärgere mich darüber, dass ich nicht weiß, wer du bist.«
Er ignorierte ihre Verlegenheit.
»Ist schon okay. Oftmals wäre es mir sehr recht, wenn die Leute mich nicht erkennen würden. Also mach keine große Sache daraus.«
Sie hielten wieder an einer roten Ampel. Sie wandte sich zu ihm und fragte verlegen: »Darf ich es noch einmal versuchen? Ich meine, wenn du mich mal anschauen würdest?«
Diesen Wunsch erfüllte er ihr sehr gerne.
»Aber ohne Stirnrunzeln und ohne die Augen zuzukneifen«, verlangte sie schnell.
Er grinste. Er war Schauspieler, das dürfte wohl kein Problem sein. Er schaute sie an und versuchte so lässig wie möglich auszusehen. Sie flog mit ihren Augen über die Stirn, zur Nase, über die Wangenknochen zum Mund und dann blickte sie in seine Augen. Dies machte sie so hochkonzentriert und mit weitaufgerissenen Augen, dass er schallend lachen musste. Verwirrt und wütend starrte sie ihn an: »Was ist?«
Er konnte noch immer nicht aufhören zu lachen. Die Ampel schaltete auf grün und er fuhr rasant an.
»Oh man, habe ich etwas Falsches gemacht?«
Vor Lachen konnte er kaum sprechen: »Nein,.... nein ehrlich nicht... hast du nicht... aber du hast ausgesehen, als wenn du gerade eine Skulptur ausgebuddelt hättest und sie nun nach dem Wert prüfen wolltest.«
Er grinste noch immer. Sie wurde knallrot und legte ihre Hände vors Gesicht. Sie dachte nur ‚Oh lieber Gott, mach, dass er nicht mehr da ist. Bitte, bitte!‘.
Sein grinsen hörte nicht auf. Vorsichtig ergriff er ihre Hand und drückte sie sanft runter.
»Hey, bist du noch da?«
»Nein, Scotty beamt mich gerade weg.«
Er hielt ihre Hand weiterhin fest.
»Oh nein, bleib bei mir. Du bist so... so amüsant.«
»Danke! So nett hat das noch keiner umschrieben.«
»Hey, schau mich an.«
Sie schüttelte ihren Kopf.
»Bitte! Ich lach auch nicht mehr, versprochen!«
»Glaub ich dir nicht!«
»Ich sagte doch vorhin schon, ich halte meine Versprechen.«
»Pah, ich kenne dich doch gar nicht. Das kann jeder sagen.«
Sie blickte schmollend aus dem Fenster. Die Verlegenheit trieb ihr die Hitze ins Gesicht. Ihre Wangen glühten.
Erst jetzt bemerkte sie, dass er ihre Hand noch hielt. Ohne ihn anzuschauen fragte sie: »Bekomme ich meine Hand wieder?«
»Nein. Erst wenn du mich anschaust.«
»Okay, behalte sie. Ich brauche sie nicht.«
Sie hörte ihn nicht lachen, aber ihre Hand vernahm ein Vibrieren.
»Du lachst schon wieder. Toll deine Versprechen!«, zischte sie.
»Nein«, versuchte er sich rauszureden, »das ist der Motor.«
»Von wegen, das Auto hat gar keinen Motor. Ich höre nichts!«
Er kicherte und sie blickte ihn wütend an.
»Höre bitte auf zu lachen!«
»Okay, okay... Hey, ich mach es wieder gut.«, sagte er schnell.
Er ließ ihre Hand los, bremste kurz ab und wendete.
»Was hast du vor?«
»Lass Dich überraschen!«
»Habe ich schon erwähnt, dass ich Überraschungen hasse?«
»Nein, aber das wäre auch egal.«
»Na super. Der Tag wird immer besser.«
Sie schielte zu ihm rüber. Sein breites Grinsen verhieß nichts Gutes.
»Nun sag schon, wohin fahren wir? Wartet Mr. John denn nicht auf uns?«
Sie fühlte sich plötzlich unwohl. Wer weiß, wo er sie hinbrachte.
»Oh ja, stimmt! Danke!«
Er nahm sein Smartphone aus der Brustinnentasche und wählte. Nach ein paar Sekunden: »Hi Jack. Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich Julia etwas später zu dir bringe. Wir werden gegen 15:00 Uhr da sein. Ist das okay?«
Es war einen Moment still.
»Das erzähle ich dir später.«
Wieder Stille.
»Nein!«
Stille.
»Das kannst du ihr alles nachher erzählen. Ich werde noch mit ihr Essen gehen und komme dann zu dir.«
Er legte auf. Ihr Unbehagen wuchs. Jetzt wollte er auch noch essen mir ihr gehen.
»Bitte sage mir, was du vorhast.«
Ihre Stimme klang zaghaft und unsicher. Sie versank förmlich in ihrem Sitz und verschloss die Arme vor ihrer Brust. Er dagegen fühlte sich wohl. Er genoss ihre Anwesenheit und die Leichtigkeit mit ihr zu reden.
»Vertrau mir! Du wirst es nicht bereuen. Ich sagte doch, ich mach es wieder gut.«
Sie stieß die Luft schnell aus: »Puh, ich glaube das ist zu viel für den ersten Tag.«
»So wie ich meine Versprechen halte, so kannst du mir auch vertrauen«, versuchte er sie zu beruhigen.
»Das sagte der Kater zur Maus?«
Es sollte ironisch klingen, verfehlte jedoch die Wirkung… er musste wieder schmunzeln.
»Ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich meine sorgenvolle Freundin anrufe«, lenkte sie ab.
»Nur zu.«
Sie nahm das Smartphone und wählte wieder die 1. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, begann der Redeschwall von Rose.
»Kleines, bist du verrückt? Warum bist du nicht ran gegangen? Ich wollte schon Scotland Yard anrufen. Was ist denn passiert? Warum wurden wir unterbrochen? Ich kann nicht glauben...«
»Hey Rose, schön deine liebliche Stimme zu hören«, unterbrach sie Rose forsch.
Wenn sie Deutsch sprach, fühlte sie sich sicher. Schließlich war sie hier in Schottland und es war kaum vorstellbar, dass hier einer Deutsch sprach. Am allerwenigsten der sonderbare Mann, der neben ihr saß.
»Ist alles in Ordnung? Nun rede schon.«
»Also wenn du mich zu Wort kommen lassen würdest, könnte ich reden«
Am anderen Ende schnaufte jemand.
»Mir geht es gut. Ich wurde auch, wie versprochen, vom Flughafen abgeholt. Ich sitze jetzt im Auto und wir fahren zum Anwesen... glaube ich jedenfalls. Es ist nichts passiert und ich habe es wieder geschafft, niemanden zu verletzen.«
»Braves Mädchen. Und, sieht er gut aus... ich meine der Typ, der dich abgeholt hat?«
Julia stöhnte und trotz der deutschen Sprache flüsterte sie: »Oh man Rose. Ist es wichtig wie er aussieht? Frage lieber, ob er nett ist.«
»Oh Gott Julia. Ist er etwa nicht nett? Hast du noch das Pfefferspray, dass ich dir gegeben habe?«
»Jaaa doch. Das brauche ich aber nicht. Er ist ja nett.«
»Mensch Julia, erschrecke mich doch nicht so. Dann sieht er also doch gut aus? Nun sag schon... ist er ein Sahneschnittchen?«
Julia musste grinsen. Sie drehte sich weg von ihm und flüsterte so leise wie sie konnte: »Herrje Rose, du bist unmöglich. Jaaaaa, er ist ein Sahneschnittchen.«
Kevin grinste in sich hinein. Schön zu wissen, was sie über ihn dachte. Dass er seine Deutschkenntnisse vor ihr verheimlichte, war zwar nicht okay, aber sehr amüsant für ihn. Er wollte unbedingt, dass es so blieb.
»Wie heißt er denn?«
Sie drehte sich kurz zu ihm und ihre Blicke trafen sich. Sie konnte nicht verhindern, dass sie rot wurde.
»Kevin Brown«, sagte sie mit fester Stimme und sein Blick hielt ihrem kurz stand.
Es herrschte am anderen Ende totale Stille.
»Hey Rose, bist du noch dran?«
Dann ein lautes Atmen.
»Rose? Alles klar bei dir?«
Dann ein lautes Kreischen. Julia erschrak und ihre Braue schoss wieder nach oben. Süß... einfach nur süß, dachte er und wich jetzt ihrem Blick nicht für eine Sekunde aus.
Sie rief ihm erschrocken zu: »Hey, Augen nach vorne, du fährst Auto.«
Brav aber kopfschüttelnd folgte er ihrem Befehl. Er fand diese Fahrt mehr als amüsant.
»Sage mal Kleines, er hat nicht zufällig wahnsinnsblaue Augen, einen supersüßen kleinen Mund, kurze braune Haare, ist groß und ist sehr höflich?«
»Ja, ja, ja, ja und ja“, antwortete sie knapp und gelangweilt auf die fünf Fragen.
«Oh Gott Kleines, ich werde gleich ohnmächtig. Ich glaube das alles nicht.«
»Was ist denn?«
»Du schnallst das nicht, oder? Das ist Kevin Brown. Klingelt es da nicht bei dir?«
»Du kennst ihn?«
Nun begann ihr Puls zu rasen. Sie erkannte, dass der Anruf peinlich enden würde. Und jetzt, wo sie seinen Namen genannt hatte, wusste er auch ohne Deutschkenntnisse, worum es ging. Sie verfluchte sich und ihre Ängstlichkeit. Sie hätte bestimmt nicht angerufen, wenn sie nicht so ein Angsthase gewesen wäre.
»Natürlich kenne ich ihn und du auch. Denke an die Serie Deadly Lies... der Hauptdarsteller.«
»Ich muss auflegen. Ich rufe dich heute Abend noch mal an. Hab dich lieb.«
Ohne auf die Antwort zu warten, beendete sie das Gespräch und warf das Smartphone verärgert in ihre Tasche. Das war wieder mal typisch für sie. Sie sah den Wald vor lauter Bäume nicht. Sie drehte sich zu ihm um und fauchte: »Hättest du mir nicht einfach sagen können, wer du bist?«
»Hab ich doch! Aber... schade, dass du es jetzt weißt.«
»Warum?«
»Weil ich befürchte, dass du jetzt anders bist. Nicht.... nicht mehr so natürlich«, gestand er sanft. Seine Stimme war wie Samt.
Oh Gott, Julia. Bleibe stark und bleibe sauer, dachte sie.
»Hmmm. Natürliche Wesen stehen dir also nicht oft zur Verfügung?«
»Eher selten!«
Seine Antwort kam verbittert rüber. Ihr Ärger verflog.
»Und hier bei Mr. John ist alles anders? Hier bekommst du was du suchst?«
Er verlangsamte die Geschwindigkeit und hielt auf einer kleinen Auffahrt. Er suchte ihren Blick und hielt ihn fest. Ein kleines Lächeln umspielte seinen Mund.
»Na ja, sagen wir mal so. Wenn er nicht gerade irgendwelche Promis einlädt, oder Frauen, die mir das Leben versüßen sollen... ja dann, dann finde ich hier Ruhe. Dann kann ich einfach nur Kevin sein.«
»Hmmm, verstehe! Aber dann hast du einen wirklich schlechten Zeitpunkt abgepasst. Denn ich soll Fotos von einem Promi machen. Da werden bestimmt viele schöne Frauen dabei sein.«
»Ich weiß, schlechtes Timing. Das ist Jack´s Schuld... aber egal. Komm, ich möchte dir was zeigen.«
Sie zögerte. Er schnallte sie ab und rief ihr beim Aussteigen zu: »Vergiss deine Kamera nicht!«
Das war Musik für ihre Ohren. Eilig griff sie nach der Tasche und folgte ihm. Erst jetzt sah sie, dass sie vor einem kleinen Haus standen. Es war alt und sah baufällig aus. Jedenfalls von außen. Ringsherum wucherte das Unkraut und die Bäume waren klein, aber wuchsen in die Breite. Er wartete geduldig und hielt ihr die Hand hin. Sie nahm sie spontan und ließ sich führen.
»Wo gehen wir hin?«
»Warte, gleich siehst du es.«
Er zog sie behutsam hinter sich her. Seine Hand war warm und der leichte Druck verstärkte sich, als sie über eine kleine Brücke liefen. Sie bestand aus vielen kleinen Steinen und sah fast so aus, als wenn sie von Kinderhand gebaut wurde. Etwas schief und total uneben. Man musste höllisch aufpassen, dass man nicht stolperte.
»Dürfen wir das denn überhaupt? Das ist doch bestimmt Privatbesitz.«
»Ja, ist es!«
»Und? Dürfen wir es betreten?«
»Ja, es gehört mir?«
»Oh!«, sagte sie überrascht.
Sie liefen über eine kleine Wiese, die von Hecken umsäumt war. Am Ende mussten sie sich bücken, um durch eine mit Unkraut überwucherte Holztür hindurchgehen zu können. Ab und zu drehte er sich um und schaute nach ihr.
Sie hob jedes Mal die Hand und sagte: »Ist schon okay!«
»Bin ich wieder zu schnell?«
»Nein!«
Hinter der Holztür bot sich ein Bild, das sie nie vermutet hätte. Als wenn hinter dieser alten Holztür eine andere Welt anfing. Sie sah eine riesige Wiese, die leicht anstieg. Rechts und links türmten sich kleine Steingebilde, die mit Moos bewachsen waren. Selbst die kurzen Baumstämme waren damit bedeckt. Es war eine unendliche Landschaft, die unsagbar viele Grüntöne freigab. Am Ende der Wiese sah sie das Meer. Sie ließ seine Hand los und versuchte schnell an die Kamera zu kommen.
»Hey, langsam. Die Aussicht rennt uns nicht weg.«
Er half ihr, da sie immer hektischer wurde.
»Ja schon, aber das Licht ist gerade so, wie ich es brauche. Bitte beeile dich!«
Sie griff nach der Kamera und kniete sich nieder. Sie schoss in allen Richtungen. Danach lief sie langsam näher an das Ende der Wiese heran, während sie unentwegt abdrückte. Er beobachtete sie vergnügt. Er hatte diesen Ort schon lange nicht mehr betreten und war überrascht, wie schön er noch immer war. Lag das an ihr?
Ihre Begeisterung steckte an. Er setzte sich auf einen Stein und beobachtete sie mit gemischten Gefühlen und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen. Sie kletterte auf einen Stein, sie ging in die Hocke und im nächsten Moment stand sie wieder auf. Sie suchte mit ihren Augen nach immer neuen Motiven. Zwischendurch schoss sie auch Fotos von ihm. Oder er von ihr. Sie lief zu ihm und kniete sich vor ihm hin.
Es sprudelte aus ihr heraus: »Oh Gott Kevin, ich habe noch nie so ein schönes Fleckchen Erde gesehen. Ich kann gar nicht aufhören zu fotografieren... das alles gehört dir wirklich?«
»Jaaa«, sagte er lachend.
»Unglaublich!«
Sie sprang aufgeregt auf. Ihre Wangen glühten.
Er hielt sie am Handgelenk fest und fragte besorgt: »Hey, geht es dir gut? Nicht dass du mir hier umkippst.«
»Mir geht es traumhaft gut! Und das Haus? Gehört dir das auch?«
»Hmm... wieso?«
»Wohnst du hier manchmal?«
»Nein.«
»Nein? Ich meine, das ist doch paradiesisch hier. Warum suchst du die Ruhe bei deinem Jack, wenn du sie hier hast?«
»Das frag ich mich auch oft«, sagte er leise und eher zu sich als zu ihr. Er hielt noch immer ihr Handgelenk fest und sie machte eine Kopfbewegung in diese Richtung.
»Was?«
»Meine Hand? ... kann ich sie haben?«
»Oh, sorry. Natürlich.«
Verlegen ließ er sie los, setzte sich wieder ins Gras und sah ihr einfach nur zu. Sie ging langsam in Richtung Meer und vergewisserte sich, durch einen kurzen Blick in seine Richtung, ob er auch noch da war. Sie lief dicht an eine kleine Steinmauer heran und stützte sich ab. Sie blickte nach unten. Es ging steil abwärts. Die Klippe war, im Gegensatz zu der Landschaft hier oben, sehr karg. Einige riesige Felsbrocken lagen im Wasser und die Gischt peitschte an ihnen hoch. Sie drehte sich um und schrie: »Wie tief geht es hier runter?«
»30 Meter.«
Er stand auf und lief zu ihr. Vor Aufregung wurde ihr nicht bewusst, dass sie sich immer weiter über die Steinmauer lehnte. Er griff nach ihren Schultern und zog sie sachte zurück.
»Vorsicht, es ist zu gefährlich! Es kann vorkommen, dass sich Steine lösen.«
Sie trat einen Schritt zurück und stieß gegen seine Brust. Sie drehte den Kopf zu ihm und blickte ihn mit großen dunklen Augen an.
»Danke, dass du mir das gezeigt hast! Es ist einfach traumhaft hier... und... du hast es wieder gut gemacht, es sei dir verziehen.«
Er grinste.
»Na, das war ja leicht!«
»Ich kann gar nicht lange böse sein«, gestand sie verlegen.
Er nahm ihre Hand und zog sie weiter vom Abhang weg.
»Du machst mich nervös, wenn du so dicht dran stehst.«
»Oh Gott, du hörst dich schon an wie.....«
»Wie dein Freund?«
»Neiiin, wie meine Freundin Rose.«
Wie auf Kommando klingelte ihr Smartphone. Das war bestimmt Rose. Schlechtes Timing fand sie und ignorierte es.
»Willst du wieder nicht rangehen?«
»Nein«, sagte sie knapp.
»Wieso nicht? Vielleicht ist es dein Freund, der nur wissen möchte, ob es dir gut geht?«
Sie verdrehte die Augen.
»Hmm. Wenn du wissen möchtest, ob ich einen Freund habe, dann frage mich doch einfach.«
»Okay, hast du einen Freund?«, schoss es aus seinem Mund.
»Nein!«, gestand sie und lief an ihm vorbei.
Schmunzelnd lief er ihr nach und war froh über ihre Antwort und erstaunt über sich selbst, dass er ihr solch eine Frage gestellt hatte.
»Hey, hast du Hunger?«
»Ein wenig.«
»Super, ich kenne hier in der Nähe ein schönes kleines Restaurant. Das liegt direkt am Meer. Warte, ich zeig‘s dir.«
Er lief auf den kleinen Felsen zu, der links von ihnen lag. Er war nicht groß und man hätte ihn auch als Tisch nutzen können, wenn er nicht in der Mitte ein kantiges Loch gehabt hätte. Er sprang ohne Anstrengung hoch und bot ihr die Hand zur Hilfe an.
»Komm! Von hier oben kannst du das Restaurant sehen.«
Sie hing sich ihre Kamera um den Hals und griff nach seiner Hand. Er umschloss sie fest und zog sie kraftvoll, aber behutsam zu sich hoch.
»Sei vorsichtig, dass du nicht in das Loch fällst«, ermahnte er sie.
Sie nickte und er zog sie nah an sich heran. Ihre Blicke trafen sich und er musste schlucken.
Leise fragte sie: »Das Restaurant???«
Er räusperte sich. »Ach ja, das Restaurant. Schau, dort drüben. Siehst du die Klippe, die weit ins Meer ragt?«
Er zeigte mit der Hand in die vermeintliche Richtung.
»Ja, ich sehe es. Das liegt ja am äußersten Rand der Klippe. Aber nicht so hoch wie hier, oder?«
»Nein, aber hoch genug um sich in den Tod zu stürzen.«
Sie zog die Braue hoch. Er musste grinsen.
»Wieso sagst du das?«
»Damit du gewarnt bist und nicht so dicht an die Steinmauer herangehst.«
Sie stieß ihn in die Seite und er verlor das Gleichgewicht. Mit einer gekonnten Drehung sprang er hinunter und griff dabei ihre Hand. Sie kreischte auf: »Neeeiiiiiin!«
Zu spät.
Beide landeten gleichzeitig auf ihren Füßen, jedoch stolperte Julia und er verstärkte seinen Griff. Langsam zog er sie hoch und schaute in zwei lachende Augen. Sie grinste über das ganze Gesicht und kicherte unentwegt.
Kopfschüttelnd sagte er: »Was machst du nur?«
»Du bist schuld, schließlich hast du mich mit runtergezogen«, erwiderte sie gespielt empört.
Sie entzog sich seinem Griff und kicherte weiter.
»Du hast Recht, es tut mir leid.«
Übertrieben verbeugte er sich, um seine Entschuldigung noch zu unterstreichen.
»Schon gut, schon gut!«, sagte sie schnell, damit er nicht auch noch auf die Idee kam, auf die Knie zu fallen.
Sie liefen zurück zum Auto und er fand es schade, dass er nicht mehr ihre Hand hielt.
Sie schaute auf ihre Armbanduhr und fragte vorsichtig: »Es ist schon 14:00h. Kommen wir nicht zu spät zu mit Mr. John?«
Er blickte kurz auf die Uhr im Auto.
»Das ist nicht so schlimm. Ich rufe nach dem Essen noch mal an, dann ist er beruhigt.«
»Ich möchte nicht gleich am ersten Arbeitstag Ärger bekommen. Das kann ich mir nicht leisten.«
»Oh, ich bin mir sicher, dass er dir alles verzeihen wird.«
Das sagte er so sicher, dass sie aufhorchte. Er biss sich auf die Lippe und verfluchte sich. Er hatte laut gedacht, sie sollte es gar nicht hören. Denn er wusste, dass Jack sie mit offenen Armen aufnehmen wird. Schon alleine deswegen, weil sich ein „Kevin“ für „sie“ interessierte. Aber dies konnte er ihr wohl kaum sagen. Also lenkte er ab, bevor sie Fragen stellen konnte.
»Aber du hast Recht, ich werde kurz anrufen.«
Er nahm sein Smartphone und sie beobachtete ihn.
»Hi Jack. Wir sind jetzt erst auf dem Weg zum Restaurant. Es kann also später werden.«
Julia hielt die Luft an um eventuell die Antwort von dem „Jack“ zu hören. Vergeblich.
»In Little Castle!«
Nun hörte sie doch etwas. Mr. John schrie förmlich ins Telefon: »Das glaub ich jetzt nicht!«
»Hör zu, ich erzähl dir später alles. Bye«, sagte Kevin schnell und tippte auf den roten Hörer.
Er stieß die Luft pfeifend aus und versuchte seine Verlegenheit mit Coolness zu überspielen. Es misslang und er ärgerte sich.
Verdammt, ich bin Schauspieler. Warum kann ich meine Verlegenheit vor ihr nicht verbergen?
Sie fragte vorsichtig: »Ist es dir peinlich, dass du mit mir dort warst?«
»Nein!«
Seine Stimme klang hart.
»Also ich kann schweigen. Wenn du nicht möchtest...«
»Hey«, unterbrach er sie diesmal sanfter, »ich habe es dir gerne gezeigt. Jack kann es ruhig wissen.«
Sie fuhren schweigend weiter und Julia schaute aus dem Fenster. Die Straße führte direkt am Meer entlang; oberhalb der Klippen. Julia fand es atemberaubend. Nach 5 Minuten bog er in einen kleinen Weg ein, der hinauf zur Klippe führte.
Er fuhr langsamer und sagte: »Es wird dir dort gefallen.«
»Schöner, als dein kleines Paradies?«
Er lachte. »Nein, anders!«
Er mochte es, wie sie über Little Castle sprach. Auch er empfand es als paradiesisch. Sie parkten hinter dem Haus. Er half ihr aus dem Auto, hielt ihr die Tür vom Restaurant auf und beim Hineingehen umfasste er ihre Taille. Sie schmunzelte und er bemerkte es.
»Was ist?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Du bist so... na ja... so höflich.«
»Ist das etwas Schlimmes?«
Verlegen kratzte er sich am Kopf. Bevor Julia antworten konnte, stand plötzlich ein Mann vor ihnen. Er war Ende 50 und hatte noch volles, aber fast weißes Haar. Er hatte ein rundliches Gesicht und einen klaren Blick.
»Hey Kevin, schön dich mal wieder hier bei uns zu sehen«, sagte er freundlich und umarmte ihn väterlich.
Kevin erwiderte lächelnd: »Hallo Adam! Ja, es ist schön mal wieder hier zu sein.... Julia, das ist Adam.... Adam, das ist Julia.«
Er gab Julia die Hand und begrüßte sie sehr herzlich: »Julia, es freut mich sie hier begrüßen zu können.«
Sie lächelte ihn freundlich an.
»Adam, hast du noch ein Tisch direkt am Fenster frei?«
Er eilte voraus und sagte im Gehen: »Aber natürlich Kevin. Sogar deinen Lieblingsplatz.«
Kevin schob Julia sanft vor sich her. Sie drehte sich kurz um und flüsterte: »Ihr seid hier alle verdammt höflich. Und... du hast Recht. Es gefällt mir hier.«
Er grinste zufrieden. Das Restaurant war sehr gemütlich eingerichtet. In warmen Erdtönen und vielen Holzbalken. Obwohl der Raum sehr groß war, standen nur wenige Tische darin. Sehr großzügig angeordnet, so dass man ungestört reden konnte, ohne vom Nachbartisch gestört zu werden. Die Fenster gewährten einen Blick auf das, im Moment, unruhige Meer. Das Haus stand fast am Ende der Klippe und zwischen Hauswand und Steinmauer waren es nur 3 Meter.
Adam zog ihr den Stuhl vor und verteilte die Speisekarten: »Darf ich schon etwas zu trinken bringen?«
»Was möchtest du trinken Julia?«
»Einen Milchkaffee, bitte.«
»Aber gern. Kevin? So wie immer?«
»Ja, Danke Adam.«
Er verschwand lautlos und Julia beugte sich zu Kevin hinüber.
»Du bist oft hier?«
Er räuspert sich und antwortete lächelnd: »Na ja. Es gab mal eine Zeit, da war ich regelmäßig hier. Das ist aber schon lange her. Adam freut sich immer, wenn ich mal wieder vorbeischaue.«
»Das hat man gemerkt. Seine Augen glänzten ja richtig.«
»Er ist ein guter Freund meines Vaters. Ich kenne ihn schon seit meiner Kindheit.«
»Bist du eigentlich Schotte?«
»Nein, ich bin in England geboren. Als ich drei war, sind meine Eltern nach Amerika gezogen. Sie haben aber ihre Freunde nie aus den Augen verloren. Ich mache, wie du ja bereits schon weißt, oft hier Urlaub, bzw. nehme ich mir eine Auszeit vom Promirummel in Amerika.«
Adam kam mit den Getränken und fragte Julia höflich: »Gefällt es ihnen hier in Schottland?«
»Oh, ich bin erst vor wenigen Stunden angekommen«, sie schaute zu Kevin und zwinkerte ihm zu. Sein Puls raste.
»Aber das, was ich bis jetzt gesehen habe, ist einfach so paradiesisch, dass mir manchmal die Worte fehlen.«
Adam lächelte zufrieden und zu Kevin gewandt sagte er: »Ihr würde Little Castle bestimmt gefallen.«
Sie schwieg und er schaute ihr tief in die Augen und sagte: »Davon spricht sie!«
Adam schaute von einem zum anderen und dann breitete sich ein glückliches Lächeln auf seinem Gesicht aus. Er legte seine kleine Hand auf Kevins Schulter und drückte sie kurz.
»Das ist gut so, mein Sohn!«, sagte er gerührt und verschwand.
Erst jetzt löste er seinen Blick von Julia und schaute verstohlen auf seine Hände. Sie bemerkte wieder die beklemmende Stimmung und sagte: »Du hättest es ihm nicht sagen müssen. Ich habe es extra nicht erwähnt. Nur du weißt, was ich beschreibe, wenn ich paradiesisch sage.«
»Das war auch sehr freundlich von dir. Wir müssen es aber nicht verheimlichen, ehrlich. Es kann wirklich jeder wissen, dass wir dort waren.«
»Okay! Wie du willst.«
Er berührte kurz ihre Hand. »Nun erzähl von dir ein wenig.«
»Oh je, da gibt es nicht viel zu erzählen. Mein Leben wird neben deinem recht langweilig klingen.«
»Das glaube ich nicht«, sagte er ruhig. „Okay, dann frage ich dich aus.«
Sie grinste und verdrehte die Augen. Sie stützte ihren Kopf mit den Händen ab und sagte: »Okay, was willst du wissen? Ich bin bereit!«
»Also... wo bist du geboren.«
»Hmm, das ist einfach. In Berlin.«
»Wo lebst du?«
»In Berlin.«
»Wo leben deine Eltern?«
»Meine Eltern leben nicht mehr.«
»Das tut mir leid. Bitte verzeih!«
Er nahm spontan Ihre Hand und hielt sie ganz fest. Er wollte sie nicht mehr loslassen und sie ließ es zu; leicht errötet. Sie musste sich eingestehen, dass sie seine Berührungen als sehr angenehm empfand. Schnell sagte sie: »Ist schon gut, das konntest du ja nicht wissen.«
Er schwieg und deshalb sprach sie weiter.
»Meine Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich war gerade 13 und ein unausstehlicher Teenager. Mein Onkel, der Bruder meines Vaters, hat mich großgezogen. Es wäre ungerecht zu sagen, dass ich mit ihm nicht glücklich war. Meine Eltern haben mir aber trotzdem sehr gefehlt. Ich liebe meinen Onkel über alles. Er ist ein warmherziger und gütiger Mensch. Ich habe ihm viel zu verdanken. Auch, dass ich meinen Traumberuf ausüben kann, ist allein sein Verdienst. Er hat mich immer in allem unterstützt. Er sagte immer ‚Julia, du weißt immer am besten, was für dich gut ist. Ich vertraue dir‘. Sein größtes Opfer allerdings war, dass er für mich nach Deutschland gezogen ist. Er verkaufte das Haus meiner Eltern und wir zogen in eine kleine Eigentumswohnung. Das restliche Geld hat er für mich angelegt. Erst als er der Meinung war, dass ich alleine klar komme, ist er wieder nach Spanien gezogen.«
»Es war wirklich sehr gütig und selbstlos von deinem Onkel, dass er sich um dich gekümmert hat.«
»Oh ja. Er hat ein großes Herz. Ich habe meine Eltern vermisst, aber keine Liebe.«
»Du bist auch sehr warmherzig und eine außergewöhnliche Frau. Deine Eltern wären stolz auf dich.«
»Hmm, vor allem darüber, dass ich Katastrophen anziehe?«, scherzte sie verlegen. Auf sein Kompliment war sie nicht vorbereitet. Außerdem konnte sie von jeher nicht mit so etwas umgehen.
»Sag das nicht, oder bin ich eine Katastrophe?«
Er zeigte mit der rechten Hand auf sich. Mit der linken hielt er ihre noch immer fest und dachte auch nicht im Traum daran, sie loszulassen.
»Nein, du nicht! Aber die Woche ist ja noch nicht vorbei.«
»Ich werde vielleicht die ganze Woche da sein. Soll ich auf dich aufpassen?«
Nichts würde er lieber tun. Dann müsste er ständig in ihrer Nähe sein. Der Gedanke war verlockend. Sie ignorierte seine Frage. Stattdessen stellte sie selber eine.
»Bist du fertig mit dem Verhör?«
Er legte seinen Kopf schief.
»Noch lange nicht. Aber wir werden erst einmal das Essen bestellen, nicht dass du mir kraftlos vom Stuhl fällst. Schließlich musst du noch viele Fragen beantworten.«
Plötzlich stand Adam neben ihr. Genau im richtigen Moment. Sie zuckte ein wenig zusammen, da sie ihn nicht hat kommen sehen. Konnte er etwa alles mithören?
Kevin sah ihren fragenden Blick und sagte ruhig: »Er ist ein Profi, weißt du. Er kann an unserer Körperhaltung genau erkennen, wann wir bestellen wollen.«
Adam verdrehte die Augen und stupste Kevin leicht an.
Zu Julia gewandt fragte er höflich: »Was möchtest du essen, Julia?«
»Oh, ich hätte gerne den Zander in Weißweinsoße.«
»Gute Wahl! Den nehme ich auch.«
Er nickte ihm zu und Adam verschwand so leise, wie er gekommen war.
Sie beugte sich wieder leicht über den Tisch und flüsterte: »Es ist ein wenig unheimlich.«
Er beugte sich auch vor und sein Gesicht war jetzt nur noch 20 cm von ihrem entfernt. Er versuchte nicht laut zu atmen, um sich nicht zu verraten, wie aufgewühlt er war. Diese Frau brachte so ziemlich alles an ihm außer Kontrolle. Wie schafft sie das nur?
»Warum flüsterst du?«, fragte er in einer normalen Lautstärke.
»Er kann uns bestimmt hören«, sagte sie weiter flüsternd.
Er passte sich ihrem Flüsterton an.
»Nein, kann er nicht.«
»Er kann Gedanken lesen?«, rät sie weiter.
»Nein, kann er nicht!«
»Dann liest er von den Lippen ab?«, fragte sie ungeduldig.
»Nein, kann er auch nicht.«
Er musste grinsen. Sie war echt amüsant. Und die Nähe zu ihr fand er aufregend. Er hoffte, dass sie noch lange flüsterte.
»Kevin Brown, erzählen Sie mir jetzt endlich, wie er das macht?«
»Na gut. Er hat einen magischen Stein in der Tasche. Wenn er warm wird, dann weiß er, dass die Gäste bestellen wollen.«
Verwirrt und noch leiser fragte sie: »Echt?«
Er riss sich zusammen, um nicht loszulachen: »Quatsch! Keine Ahnung, wie er es macht.«
»Blödmann!«, sagte sie laut und schmiss ihm die Serviette ins Gesicht. Jetzt musste er doch laut lachen.
Adam eilte herbei und fragte Julia: »Ist alles in Ordnung? War Kevin unhöflich zu ihnen?«
Kevin kniff leicht die Augen zusammen und wartete gespannt auf ihre Antwort.
»Oh nein«, sagte sie und hielt seinem Blick stand. »Ich muss mich entschuldigen. Es war nur ein Reflex.«
Adam schaute Kevin, der immer noch grinste, besorgt an: »Kevin, vermassle es nicht.«
Nun blickte Julia zu Adam. Was sollte er nicht vermasseln? Wieso der besorgte Blick? Kaum war Adam außer Sichtweite, fragte sie neugierig: »Was meint er damit... vermassle es nicht?«
Er zuckte mit den Schultern.
»Keine Ahnung? Ich kann auch keine Gedanken lesen.«
Sie wurde langsam wütend.
»Halt, ich weiß es. Du schleppst hier jede Frau her? Ist es das? Ohrfeigen dich die Frauen dann immer zum Schluss und rennen raus? Ich meine, ich könnte die Frauen verstehen? Ich bin kurz davor.«
Er lachte und sagte lässig: »Du bist lustig. Ich glaube, mich hat schon lange keine Frau mehr so oft zum Lachen gebracht, wie du. Und nein... du bist die erste Frau nach 3 Jahren, die ich hier... wie sagtest du? ...die ich hier herschleppe.«
»Oh!«
Es entstand eine kleine Pause.
»Wieso sollte ich dir glauben?«
»Frage Adam!«, sagte er laut und zeigte in Richtung Bar.
»Schscht«, zischte sie. »Ist ja schon gut. Ich glaub dir ja!«
Siegessicher lehnte er sich entspannt zurück. Um seinen Mund lag das berüchtigte charmante Lächeln, für das so manche Frauen sterben würden, um nur einmal von ihm so angelächelt zu werden. Sie wurde verlegen, denn auch sie konnte sich seinem Charme nicht entziehen. Sie schob den Stuhl zurück.
Erschrocken fragte er: »Hey, wo willst du hin?«
»Für kleine Mädchen?«
»Sorry. Ich dachte schon, du wolltest gehen.«
»Mach nur weiter so und ich werde es vielleicht noch tun... nach der Ohrfeige.«
Ihr Lächeln allerdings überzeugte ihn, dass sie es nicht ernst meinte. Trotzdem stand er mit ihr auf, höflich wie er war, und wartete mit dem sich wieder Hinsetzen, bis sie hinter der Tür verschwand. Kaum saß er, kam Adam zu ihm. Neugierig und kurz vor dem Platzen fragte er: »Wer ist sie? Wo hast du sie kennen gelernt? Erzähl schon, ansonsten muss ich sie fragen.«
Kevin war darauf gefasst. Schließlich kannte er Adam gut genug um das vorauszusehen. Er holte tief Luft und sagte lächelnd: »Oh man Adam, ich kenne sie wirklich erst seit zwei Stunden. Ich habe nur Jack einen Gefallen getan und sie vom Flughafen abgeholt. Sie wird für eine Woche für Jack arbeiten. Dass sich das so entwickelt hat, ist reiner Zufall.«
Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und sprach weiter.
»Es ist so einfach mit ihr zu reden. Sie sieht mich als Mensch. Sie bringt mich zum Lachen. Und... sie bringt mich total aus der Fassung, wenn sie mich so ansieht wie sie mich ansieht.«
Es bildeten sich wieder die Falten auf seiner Stirn. Verlegen blickte er zu Adam. Der legte wieder väterlich die Hand auf seine Schulter und sagte ohne Umschweife: »Sie ist eine reizende Person. Ich mag sie schon deshalb, weil ich dich schon lange nicht mehr so unbeschwert habe lachen hören. Sie vermag etwas, was uns allen bis jetzt nicht gelungen ist. Ich bin froh, dass du es zulässt.«
»Hmmm. Ich bin selber überrascht, dass es mir bei ihr so leicht fällt. Ich dachte nämlich am Anfang, dass sie wieder eine von diesen Frauen ist, die ich Jack zu verdanken habe. Aber gleich von der ersten Sekunde an, spürte ich, dass sie anders war.«
Kevin sah von der Seite, dass Julia auf den Tisch zusteuerte. Schnell sagte er zu Adam: »Bitte lass dir nichts anmerken. Ich möchte nicht, dass sie ihre Natürlichkeit ablegt. Denn gerade das ist es, was ich so faszinierend an ihr finde.«
Bevor er ging flüsterte er Kevin zu: »Versprochen!«
