Das Klimaparadox - Peter Carstens - E-Book

Das Klimaparadox E-Book

Peter Carstens

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Beschreibung

Greta hat recht: Der Klimawandel passiert nicht irgendwann und anderswo – wir stecken mittendrin! Klimaexperte Peter Carstens beschreibt das ganze Ausmaß der Katastrophe, auf die wir zusteuern: Wetterextreme, Artensterben, Gesundheitsschäden, Konflikte und Migration. Doch es ist paradox: Während der Kollaps des Klimas durch Wetterkapriolen und Umweltkatastrophen in unser Bewusstsein dringt, wird die Kluft zwischen Wissen und Handeln immer größer. Nicht nur die Wirtschaft, Regierungen und Weltklimakonferenzen versagen dabei, die größte Herausforderung der Gegenwart zu bewältigen. Sondern wir alle. Peter Carstens zeigt schonungslos Ausreden und Rechtfertigungsmuster auf, die uns davon abhalten, am Klimaschutz mitzuwirken. Sein ungewöhnliches Plädoyer lautet: Wir sollten Trauer zulassen und den Mut haben, ehrlich zu sein. Und endlich handeln.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 140

Veröffentlichungsjahr: 2020

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PETER CARSTENS

DAS KLIMA PARADOX

PETER CARSTENS

DAS KLIMA PARADOX

Warum wir lieber im Chaos versinken, als das Klima zu schützen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Originalausgabe

1. Auflage 2020

© 2020 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Dr. Annalisa Viviani

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer

Umschlagabbildung: Photobank gallery/Shutterstock.com

Abbildungen im Innenteil: © World Wide Fund For Nature (WWF),

Living Planet Report 2018 (Diagramme); bodom/Shutterstock.com (Foto)

Satz: Helmut Schaffer, Hofheim a. Ts.

Druck: CPI books GmbH, Leck

eBook: ePubMATIC.com

ISBN Print 978-3-7423-1257-0

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0947-8

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0948-5

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Inhalt

Wer steht denn da auf dem Schlauch?

So hilft uns die Psyche, mit Widersprüchen umzugehen

Unterwegs nach Dystopia: Kleine Chronik des Klimaalarms

Eisberg voraus: Mit Volldampf auf Kurs »Vier Grad«

Die Welt im Jahr 2100

Bloß keine Panik: 20 Floskeln, mit denen wir unsere Untätigkeit rechtfertigen

»Das mit dem Klimawandel ist gar nicht so sicher!«

»Ist doch schön, wenn’s wärmer wird!«

»Deutschland ist nur für 2 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich.«

»Was Einzelne machen, bringt nichts!«

»Der Flieger fliegt auch ohne mich!«

»Sollen doch andere anfangen!«

»Was bringt es, wenn ich verzichte?«

»Wer soll das bezahlen?«

»Wir haben drängendere Probleme!«

»Fünf vor zwölf ist es doch schon seit 50 Jahren!«

»Den Menschen ist immer etwas eingefallen!«

»Aber die Industrie, die Airline, die Reederei macht doch schon ganz viel!«

»Da sollen sich mal die Profis drum kümmern!«

»Das Leben ist schon kompliziert genug!«

»Das Ozonloch haben wir auch kleingekriegt!«

«Wie kommt Greta eigentlich zurück?«

»Ich lass’ mir doch kein schlechtes Gewissen einreden!«

»Toll, dass diese jungen Leute sich politisieren!«

»Man wird sich doch mal was gönnen dürfen.«

»Es ist eh alles zu spät!«

Schweigen

Jetzt mal ehrlich: Der Weg zur Klima-Haltung

Wo sind eigentlich Vergangenheit und Zukunft geblieben?

Moment mal: Wollen wir so weiterleben?

Zwischenbilanz: Wer ist denn nun schuld? Und was hilft?

Fridays for Future und Extinction Rebellion: Bedeutet mehr Druck auch mehr Wirkung?

Alles hängt von dir ab!

Literaturtipps

Nachweise

Über den Autor

9 Punkte für das Klima

Seien Sie ehrlich. Auch zu sich selbst.

Die 4-Grad-Welt ist nicht lustig …

… aber niemand muss »das Klima« (oder »die Welt«) retten.

Lassen Sie Trauer zu.

Gehen Sie demonstrieren …

… am besten für Klimagerechtigkeit, für maximal 1 Tonne CO2 pro Kopf, für die 2000-Watt-Gesellschaft etc.

Lassen Sie sich nicht einreden, Sie könnten nichts tun.

Verbünden Sie sich mit Menschen, denen man nicht erst alles erklären muss.

Seien Sie die Veränderung, die Sie in der Welt sehen möchten.

Wer steht denn da auf dem Schlauch?

Alle wollen das Klima schützen. Aber manchmal wundert man sich doch:

Zeitungen und Nachrichtenportale schreiben um die Wette über »Flugscham«. Trotzdem wird immer mehr geflogen. Und zwar ganz unverschämt: In Deutschland berappen nicht einmal 1 Prozent aller Flugreisenden die paar Extra-Euro für schadensbegrenzende Klimaschutzmaßnahmen.1

Vor der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt protestierten im September 2019 etwa 25 000 Menschen für eine nachhaltige Mobilität und gegen Großstadtdschungel-Geländewagen. Trotzdem verdient sich die Industrie eine goldene Nase an SUVs: Mittlerweile ist schon jede dritte Neuzulassung ein rollender Ego-Booster.2 Tendenz: steigend.

Ebenfalls im September 2019 strömen in Deutschland 1,4 Millionen Menschen auf die Straßen, um von der Regierung mehr Engagement für das Klima zu fordern. Die präsentiert am selben Tag ihr sogenanntes Klimapaket. Nachdem er sich einen Einblick verschafft hatte, bezeichnete der Klimaforscher Mojib Latif es als »Sterbehilfe fürs Klima«.

Irgendetwas passt da nicht zusammen. Haben die Regierung und die Wirtschaft nicht verstanden, was auf dem Spiel steht? Oder hat die Gesellschaft etwas falsch verstanden? Stehen wir3 vielleicht alle, jede und jeder Einzelne von uns, auf dem Schlauch, mit dem wir den Brand löschen wollten?

Auch wenn das Erdklima heute so viel mediale Aufmerksamkeit bekommt wie nie zuvor, auch wenn das Thema mittlerweile wahlentscheidend ist – die oben genannten Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen. Und sie zeigen, dass auch wir Bürgerinnen und Bürger uns widersprüchlich verhalten, wenn wir shoppen gehen oder unseren nächsten Urlaub buchen. Das ist nicht nur so ein Gefühl. Es zeigt sich auch ganz nüchtern in der Statistik.

Freiwillige vor: Wer will Klimagerechtigkeit?

Jede/r Deutsche erzeugt im Schnitt fast 12 Tonnen klimaschädliche Gase.4 Klar: Manche haben ein Vielfaches davon auf der Uhr, andere viel weniger.5 Insgesamt aber stagniert dieser Durchschnittswert schon seit Jahren auf hohem Niveau. Die Ursachen liegen auf der Hand: Wir fahren und fliegen zu viel herum, wir haben zu große Wohnungen (die sechs Monate im Jahr geheizt werden müssen, meist mit Öl oder Gas), wir kaufen zu viel Plastik-, Elektro- und Nahrungsmittelschrott aus aller Herren Länder. Im internationalen Vergleich gehören wir damit zu den unrühmlichen Spitzenreitern. Aber die Amerikaner sind noch viel schlimmer? Stimmt: Die USA liegen mit fast 16 Tonnen (nur CO2) noch weiter vorn. Wenn wir es ernst meinen mit dem Klima, sollten wir uns daran allerdings nicht orientieren.

1 Tonne CO2 (das entspricht einem Hin- und Rückflug von Hamburg nach Kreta): So viel dürfte jeder Erdenbürger höchstens pro Jahr in die Atmosphäre entsorgen, ohne dass das Klimasystem kollabiert. Die Idee dahinter ist die der Klimagerechtigkeit. Zu Ende gedacht, ist sie wahrscheinlich revolutionärer als alles, wofür Menschen jemals auf die Straße gegangen sind – oder sogar ihr Leben riskiert haben.

So richtig schlüssig hat diese Frage noch niemand beantwortet: Mit welchem Recht sollten wir Bewohner der reichen Nationen ein Vielfaches der Emissionen ärmerer Länder in die Atmosphäre blasen? Gase, von denen wir heute wissen, dass sie nicht einfach nur die Atmosphäre aufheizen; sondern die dazu führen werden, dass Hunderte Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen. (Und zwar vor allem Menschen – das ist das Zynische an der Tragödie –, die selbst am wenigsten zum Temperaturanstieg beigetragen haben.) Dass ganze Inseln und Küsten verschwinden, Wüsten sich ausbreiten, Brunnen versiegen, Äcker versalzen. Dass Tier- und Pflanzenarten für immer verschwinden. Was berechtigt uns, den Planeten in ein Wirklichkeit gewordenes Endzeitszenario zu verwandeln?

So viel ist klar: Danach gefragt, würde wohl niemand zugeben, die Erde in eine Wirklichkeit gewordene Dystopie verwandeln zu wollen. Auch nicht Donald Trump oder der Chef irgendeines Kohlekonzerns. Und doch wird das Ergebnis unseres kollektiven Handelns genau das sein: Wir verwandeln die Erde sukzessive in einen Ort des Schreckens und der Ungerechtigkeit. Zumindest deutet heute alles darauf hin.

Das Paradoxe dieser Situation bestätigt der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber immer wieder in einem kleinen Privatexperiment. Er stellt den Zuhörern seiner Vorträge in aller Welt drei Fragen. Die Antworten sind, unabhängig vom Erdteil, immer dieselben: »Glauben Sie, dass es Ihnen heute besser geht als Ihren Großeltern?« – Zustimmendes Nicken. »Glauben Sie, dass es Ihren Enkeln besser gehen wird als Ihnen jetzt?« – Kopfschütteln. »Finden Sie das gerecht?« – Betretenes Schweigen.

Der Mensch ist nicht von Natur aus schlecht oder egoistisch. Im Gegenteil: Homo sapiens ist sogar nur darum so unglaublich erfolgreich (wenn man seine Ausbreitung über den ganzen Erdball, seine exponentielle Vermehrung, inklusive der Verdrängung und Vermarktung anderer Tierarten, als Erfolg werten will), weil er sich sozial verhält. Weil wir gemeinsam Probleme lösen und dafür das Wissen anderer nutzen, auch das unserer Vorfahren. Und weil wir vorausschauend handeln. Meistens, jedenfalls.

Doch ausgerechnet in einem kritischen Moment seiner beispiellosen Erfolgsstory scheinen genau diese beiden Kernkompetenzen des Menschen zu versagen.

»Ihr klaut uns unsere Zukunft!«

Den Punkt mit der Zukunft hat die Fridays-for-Future-Bewegung erkannt. Sie knüpft mit ihrer Argumentation an Schellnhuber an, wenn sie in Richtung Energiekonzerne und Bundesregierung skandiert: »Ihr klaut uns unsere Zukunft!« Man kann darüber streiten, ob heute 16-Jährige, die in Deutschland aufwachsen, wirklich »keine Zukunft« haben werden. Aber es geht ja auch um unsere Enkel und um nachfolgende Generationen. Viele von denen, die heute jung sind, spüren, was in der Luft liegt: Dass der Zenit unseres materiellen Wohlstands überschritten ist. Dass es von jetzt an bergab geht. Dass sich eine Epoche ihrem Ende nähert, die mit der blutigen Zäsur der beiden Weltkriege begann – und binnen wenigen Jahrzehnten eine Überfluss- und Wegwerfgesellschaft hervorbrachte.

Fridays for Future legt den Finger in die Wunde: Es geht nicht um ein paar Tonnen CO2 mehr oder weniger, sondern um eine Menschheitsfrage: Wie wollen und können wir auf diesem Planeten zusammenleben? Welche Werte leiten uns dabei? Die gute Nachricht ist: Diese Werte müssen wir nicht erst erfinden. Wir haben sie längst, zum Beispiel in Gestalt der Menschenrechte.6 Wollen wir damit mal Ernst machen? »Benehmt euch wie Erwachsene!«, ruft die 16-jährige Greta Thunberg den – überwiegend männlichen – Staatenlenkern der Welt zu. Stimmt, das wäre was!

Die Politik wird das Problem nicht lösen

In einem Punkt aber irrt Fridays for Future. Denn »die Politik« ist mit dem Problemkomplex der Klimaerwärmung mindestens genauso überfordert wie jeder Einzelne von uns. (Wer dafür noch einen Beweis brauchte, bekam ihn mit dem sogenannten Klimapaket der Bundesregierung im September 2019.) Zwar ist es richtig und wichtig, von der Regierung zu verlangen, dass sie ihren Job macht. Im deutschen Grundgesetz, Artikel 20a7 steht, »der Staat« solle »die natürlichen Lebensgrundlagen« (und übrigens auch »die Tiere«) schützen. Es gibt aber so viele andere Gesetze, Rechte und Interessen, dass »der Staat« praktisch auch das genaue Gegenteil tun kann. Und es auch tut.

Er lässt zum Beispiel zu – Polizeischutz inklusive –, dass mitten im Land der Energiewende und der Umweltweltmeister Bürger enteignet und zwangsumgesiedelt, dass Dörfer und Kirchen abgebaggert und uralte Wälder zerstört werden. Nur damit Kohleunternehmen an den dreckigsten aller Energieträger gelangen können. Und das auch noch gesetzlich garantiert bis zum Jahr 2038. Das ist demokratisch legitimiert – und paradox. Denn um ein Klimadesaster abzuwenden, bleiben uns wahrscheinlich nur noch wenige Jahre Zeit.

Zudem fühlt sich nicht nur die deutsche Regierung – als Repräsentant des Staates – einem kapitalistischen Wachstumsmodell verpflichtet (sie ist es auch tatsächlich: per Gesetz8). Das wachstumsorientierte Wirtschaften hat nun zwar vieles möglich gemacht, auf das wir heute zu Recht stolz sind. Etwa die freiheitlich-demokratische Grundordnung und eine beispiellose Freiheit des Individuums. Aber mittlerweile hat sich auch herumgesprochen, dass grenzenlose Expansion und Ausbeutung von Mensch und Natur den Planeten an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben. Dass in einer Welt der endlichen Ressourcen und Abfall-Lagerkapazitäten unbegrenztes Wachstum schon theoretisch unmöglich ist. Unterdessen schieben sich die gesellschaftlichen Akteure aus Politik und Wirtschaft, Bürgerinnen und Bürger gegenseitig den Ball zu: Tut endlich was! Das Ergebnis ist bislang dürftig. Es scheint, als würden sich alle gegenseitig blockieren.

Moment – kennen wir das nicht irgendwoher? Vielleicht von uns selbst?

Sicher: Aufgeschreckt durch den Protest, bekennen sich immer mehr Menschen zum Klimaschutz. Viele wollen zum Beispiel weniger Fleisch essen – oder sogar ganz darauf verzichten. Nicht schlecht! Aber was ist mit dem Rest ihrer privaten Klimabilanz? Auf 1 Tonne CO2 kommen wir damit nicht. Wir sind als Individuen eingewoben in eine Gesellschaft, in der unablässige Steigerung und Verschwendung nicht die unrühmliche Ausnahme, sondern die Regel ist, sogar als erstrebenswert gilt.9 Auch wenn das auf keinem Plakat steht: Die Freitagsdemos richten sich auch gegen unseren eigenen Lebensstil.

Mit dem Klimawandel kommen auf die Menschheit plötzliche und brutale – Forscher sprechen auch von disruptiven – Veränderungen zu. Um sie abzuwenden, braucht es jetzt einen gesellschaftlichen Wandel, den wohl nicht einmal grüne Spitzenpolitiker herbeiführen könnten. Das können nur wir selbst, jede und jeder Einzelne. »Es hängt ausschließlich von Ihnen ab, ob sich etwas verändert«10, meint der Sozialpsychologe und Vordenker Harald Welzer.

Grünes Konsumieren ist nur ein Alibi

Damit ist allerdings gerade nicht jene Haltung gemeint, die statt der Politik oder der Wirtschaft dem Konsumenten die Verantwortung für mehr Nachhaltigkeit in die Schuhe schiebt. Plastik und Giftstoffe vermeiden, Energie sparen: Für praktisch jede Konsumhandlung gibt es mittlerweile Tipps, wie wir es besser, smarter, grüner machen können. (Auf der Erzeugerseite hat sich eine ganze Industrie rund um den ergrünten Konsum angesiedelt.) All das unter dem Motto: »Fang einfach mit irgendetwas an! Du wirst sehen, es ist leicht und macht Spaß!« In Wahrheit aber sind Verhaltensänderungen, die wirklich etwas bringen, überhaupt nicht leicht. Und darum ist das Frustrationspotenzial dieser Maxime enorm.

Auch die nächste Eskalationsstufe, das Moralisieren nach dem Motto: »Mit diesen Tipps rettest du die Welt« (als müsste irgendjemand die Welt retten), führt notwendigerweise in eine Sackgasse. Denn wer ernsthaft überzeugt ist, die Welt retten zu müssen, wird bald nicht nur von sich, sondern auch von den meisten seiner Mitmenschen enttäuscht sein. Und sich abwenden. »Der Weg von ›Ich muss die Welt retten!‹ zu ›Soll sie doch untergehen!‹ ist kürzer, als man auf den ersten Blick meinen möchte«,11 schreibt der Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer. (Das ist übrigens auch der Grund, warum Sie in diesem Buch keine Verhaltens- oder Einkaufstipps finden. Bücher, Broschüren und Webseiten dazu gibt es genug.)

Das Problem ist nicht, dass wir nicht wissen, wie es besser geht. Sondern, dass es uns gelingt, wider besseres Wissen an einem zerstörerischen Wohlstandsmodell festzuhalten.

Der Klimaleugner in uns

Wie das geht? Klimawandel-Leugner machen es vor, die der kompletten scientific community öffentlich widersprechen – offenbar ohne Angst davor, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Aber auch Hipster aus Berlin-Friedrichshain bringen es fertig, zwischen zwei Schlucken öko-fairem Kaffee aus dem Pappbecher News über das Abschmelzen der Polkappen zu konsumieren, um dann – immer noch kopfschüttelnd – eine Woche Ägypten für 143 Euro zu buchen. Beides klingt unlogisch, ist aber Alltag in Deutschland. Jeder kennt solche oder ähnliche Situationen und Handlungsweisen. Der Unterschied zwischen den beiden Beispielen ist kein prinzipieller, sondern nur ein gradueller.

Wer bezweifelt, dass es überhaupt einen Klimawandel gibt (in Deutschland sind das nach einer Umfrage aus dem Jahr 2016 immerhin 16 Prozent der Menschen12), oder dass er von Menschen verursacht ist, entledigt sich damit aller nur denkbarer Konsequenzen für sein Tun: Wenn es keine Erwärmung oder keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Emissionen und Klimaänderung gibt, dann haben wir keine Verantwortung. Und müssen nichts an unserem Verhalten ändern. Sehr einfach. Und sehr durchsichtig. Komplizierter wird es bei denen, die die Warnungen der Forschung anerkennen – und trotzdem weiterfliegen. Sie leugnen zwar nicht die Fakten, wohl aber die eigene Verantwortung. Und werden so zu Klimaleugnern zweiten Grades. Beiden gemeinsam ist, dass sie völlig normal sind, psychiatrisch gesehen.

So hilft uns die Psyche, mit Widersprüchen umzugehen

Die menschliche Psyche ist kein Computer, der bis ins Detail nachvollziehbar bei einem Input A einen Output B erzeugt. Wir haben zum Beispiel ein angeborenes Talent darin zu sehen, was in unser Bild der Wirklichkeit passt – und zu ignorieren, was wir gar nicht so genau wissen wollen.13 Man nennt das auch selektive Wahrnehmung oder, wenn es darum geht, Fakten und Informationen gezielt auszublenden: selektive Unaufmerksamkeit. Und was nicht so recht zu unserem Bild von uns selbst und der Welt passen will, wird passend gemacht.

Confirmation bias nennen das Kognitionspsychologen, zu Deutsch auch Bestätigungsfehler oder – treffender – Bestätigungsverzerrung. Zum Beispiel antworten Menschen, die ohnehin von der Existenz des Klimawandels überzeugt sind, wenn man sie nach Wetterveränderungen in ihrer Region fragt: Es sei wärmer geworden. Wer den Klimawandel für eine Erfindung hält, wird antworten: Es sei kälter geworden.14 Eine praktisch unerschöpfliche Quelle für eine solche Anpassung der Realität an die eigenen Überzeugungen und Erwartungen sind »soziale« Netzwerke wie Facebook. Hier bekommt jeder vorgeschlagen, wovon er oder sie (nach Berechnung des Algorithmus) ohnehin schon überzeugt ist. Willkommen in der Filterblase!

Nur auf den ersten Blick verblüffend ist das Ergebnis einer Studie amerikanischer Forscher: Sie konnten nachweisen, dass Personen mit einer konservativen, marktliberalen Einstellung ihr Klimawissen sogar gezielt nutzen, um Skepsis an der Erderwärmung zu streuen.15 Das zugrunde liegende Motiv ist klar: Kommt uns bloß nicht mit Verboten und Regulierungen für Klima und Umwelt!

Verführerisch ist auch die leichte Verfügbarkeit von Erfahrungen (availability bias). Wenn man Menschen an einem ungewöhnlich heißen Tag anspricht, werden sie mehrheitlich von der Existenz eines menschengemachten Klimawandels überzeugt sein. An einem kalten Tag dagegen sinkt diese Zustimmung, obwohl sich an den Daten und Prognosen der Klimaforschung in der Zwischenzeit gar nichts geändert hat.16 Für diesen Effekt sorgt eine Besonderheit unseres Denkens: Wir bewerten persönliche Erfahrungen und Erlebnisse (Hitze, Kälte, Unwetter) höher als unsinnliche Informationen – zum Beispiel langjährige Temperaturreihen mit unmerklichen Veränderungen.