Das konkrete Leben - Sarah Trentzsch - E-Book

Das konkrete Leben E-Book

Sarah Trentzsch

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Beschreibung

Wäre Abiturientin Toni ein Element, wäre sie Feuer. Sie brennt für ihre politischen Ideale und setzt sich leidenschaftlich ein für die Rechte von Frauen. Auf einer Party begegnet sie Jona und ist auf den ersten Blick schockverliebt. Auf einer Demo treffen sie sich wieder und dann immer häufiger, bis Toni an nichts anderes denken kann. Nur Jona. Die mit den intensiven Augen. Die mit der ungebrochenen Aufmerksamkeit. Und die mit den vielen Geheimnissen. Wohin verschwindet sie immer wieder? Wovor hat sie Angst? Je mehr Toni wissen will, desto mehr entzieht sich Jona. Erst nach und nach findet Toni heraus, dass Jona sich vor ihrer Familie verstecken muss und die Lebensrealität der Freundin sehr weit entfernt ist von dem, wofür sie so engagiert kämpft. Die beiden jungen Frauen müssen ihre Beziehung zwischen Freiheit und Verzicht neu ausloten.

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sarah Trentzsch

Das konkrete Leben

Roman

Jaron Verlag

SARAH TRENTZSCH, geboren 1977, arbeitet als Koordinatorin bei der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen und ist freiberuflich tätig als Psychosoziale Beraterin. Sie ist Autorin des Sachbuchs »Wofür wir Töchter unsere Mütter brauchen«. »Das konkrete Leben« ist ihr Romandebüt. Sie lebt in Berlin.

Das Zitat auf Seite 69 stammt aus: Lea Ypi: Frei

(5. Auflage, 2022), Berlin: Suhrkamp, S. 66

Das Zitat auf Seite 195 stammt aus: Christa Wolf: Kassandra

(2000), München: Luchterhand, S. 265

1. Auflage 2025

Jaron Verlag GmbH, Erdmannstr. 6, 10827 Berlin

[email protected], www.jaron-verlag.de

© 2025 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

Umschlaggestaltung: Manja Hellpap, typografie.berlin unter Verwendung eines Motivs von rawpixel/pxhere

Satz: Prill Partners | producing, Barcelona

Lithografie: Bild1Druck GmbH, Berlin

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

ISBN: 978-3-95552-086-1

Für Anna

So the Eyes accost – and sunder

In an Audience –

Stamped – occasionally – forever –

So may Countenance

Entertain – without addressing

Countenance of One

In a Neighboring Horizon –

Gone – as soon as known –

Emily Dickinson

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

Dank

1. Kapitel

Mayas Kinn zeigte quer über die Tanzfläche auf die andere Seite des Clubs. »Du wirst beobachtet«, schrie sie in Tonis Ohr. Mayas Gesicht leuchtete lilagrün im Stroboskoplicht und ihre Augen funkelten amüsiert. »Die mit den kurzen Strubbelhaaren.« Sie beugte sich über die Bar und gab ihre Bestellung auf.

Boys don’t cry dröhnte aus der Box neben Toni. In Zeitlupe drehte sie sich zur Tanzfläche und scannte die gegenüberliegenden Sessel. Tatsächlich sah sie zu ihr herüber. Gerade eben hatten sie im Bad nebeneinandergestanden und sich beim Händewaschen im Spiegel angesehen, ohne eine Miene zu verziehen. Jetzt saß sie da drüben, die Strubbelhaarige, ziemlich lässig, ein Bein über das andere gelegt, drehte eine Zigarette und ließ den Blick schon wieder schweifen. Toni nahm von Maya eine Rum-Cola entgegen und sie stießen ihre Gläser aneinander. Maya trank die Hälfte in einem Zug aus und hob eine Augenbraue. »Sie tut es schon wieder.«

Toni grinste. Wenn ihre beste Freundin sich betrinken wollte, würde es ein lustiger Abend werden. Nüchtern stand Maya meist an eine Wand gelehnt herum und ignorierte jeden Versuch, Blickkontakt aufzunehmen. Beschwipst alberten sie teeniemäßig bis zum frühen Morgen. Einmal hatte Maya mitten auf der Tanzfläche den Skorpion gemacht, eine Yogafigur für Fortgeschrittene. Die Frau war ein Phänomen.

Toni hatte Lust zu tanzen, aber Maya nickte wieder zur anderen Seite. Toni sah sich um. In dem Moment driftete der Blick ihrer Beobachterin weiter, als wäre sie eines von vielen Exponaten, an denen eine vorbeischlendert und es im nächsten Moment wieder vergisst. Erstaunlicherweise war Toni sich sicher, dass sie gemeint war und nicht Maya, die Prinzessin. Gegen Mayas rote Lockenmähne war Toni mit ihrem blonden Pferdeschwanz üblicherweise nicht so der Hingucker. Eines ihrer Lieblingsstücke setzte ein, Reggae-Pop von Rihanna. Toni deutete das als Zeichen. Warum nicht, war ja nur Spaß. Sie gab Maya ihr Glas. »Ich geh da jetzt hin.«

Auf der Tanzfläche wurde es schlagartig voll. Toni schlängelte sich am Rand zur anderen Seite. Ab und an schaute sie rüber. Womöglich blickte die Unbekannte zurück, doch je näher Toni kam, desto unklarer war, ob sie sich nicht getäuscht hatte. Vielleicht war ihrer Beobachterin nicht mal bewusst, dass sie ihr Bier auf einer queeren Soliparty trank. Von Nahem wirkte sie viel weniger selbstsicher und irgendwie zerbrechlich. Fast verließ Toni der Mut, aber sie wollte auch nicht kneifen. Als sie endlich vor ihr stand, legte die Strubbelhaarige, wahrscheinlich war sie in ihrem Alter oder etwas älter als siebzehn, ihren Kopf auf die Seite und musterte Toni von unten nach oben. Die Zigarette hatte sie nicht angezündet. Stattdessen tippte sie damit einen Takt auf ihre Jeans.

»Hey«, sagte Toni laut, um die Musik zu übertönen. Ihre Stimme verriet ihre Aufregung nicht. Sie war es gewohnt, fremde Menschen anzuquatschen und in unverfängliche Gespräche zu verwickeln, vollkommen unromantisch, eher in politischer Absicht oder einfach so zum Zeitvertreib. Toni mochte das irgendwie, Shitchat ohne Sinn und dann doch unerwartet mit Tiefgang. Sie sei die geborene Lokalpolitikerin, sagte Maya manchmal. Eine, die in Innenstädten Flyer verteilt und Leute vollquatscht. Tonis beste Freundin redete nicht so viel mit Fremden.

Diese Fremde hier fuhr sich durch den Pony und legte ihre Augen frei. Sie sah auf und grinste. Das kam wie ein Schock für Toni und setzte sich wie ein Schlag in ihre Magengrube. »Hast du eine Zigarette?«, fragte sie schnell. Ihr ursprüngliches Anliegen verflüchtigte sich. Irgendwas hatte sie ausgehebelt. Stumm reichte der Strubbel mit den intensiven Augen Toni die Selbstgedrehte und nahm ein Feuerzeug aus der Hosentasche. Toni musste sich runterbeugen. Eigentlich war Rauchen auf der Tanzfläche verboten, aber diese Zigarette war ein verdammter Segen. Nach zwei Zügen hatte sie sich gefangen. Die Fremde hatte den hypnotischen Blick gesenkt und sie somit aus ihrer Erstarrung entlassen. Jetzt konnte Toni sie abchecken. Ihre Haare waren kurz, dunkel und durcheinander. Sie trug einen schwarzen Kapuzi, weite Jeans und Turnschuhe, ein bisschen wie ein Skater. Andererseits hatte sie was von einem Teenager auf Trebe, so verloren und abgerockt. Sie schien nichts zu erwarten von Toni und nicht irritiert von ihrer Anwesenheit. Beides entspannte Toni unmittelbar und sie holte einen Flyer aus ihrer Hosentasche. Die Fremde nahm ihn entgegen, nickte knapp, sah aber nicht drauf.

»Tja dann«, sagte Toni und ihr Gegenüber hob den Kopf. Sie schenkte Toni noch mal so einen Blick, der sie erneut aus dem Takt brachte. »Wenn du Bock hast, komm vorbei. Demo zum Frauentag«, stammelte sie und räusperte sich. Toni zog noch einmal an der Zigarette, warf die halb gerauchte Kippe auf den Boden und trat sie aus. »Wir gehen auf die Straße für unsere Rechte.« Sie zögerte, dann erklärte sie schnell: »Und für queere Sichtbarkeit.«

Langsam breitete sich ein Grinsen auf dem Gesicht vom Strubbel aus. »Okay«, erwiderte sie. Es klang nicht wie eine Zusage, auch nicht nach Zustimmung. Es klang amüsiert. Toni kam sich albern vor. Ganz klar, sie hatte es verpatzt. Fuck. Die schwarzen Wände wurden in ein rotes Scheinwerferlicht getaucht und der Song war vorbei. Es fiel Toni wahnsinnig schwer, sich abzuwenden und sie zurückzulassen, fast wie ein körperlicher Schmerz. Gleichzeitig wollte sie nichts lieber als weg und Trost finden bei Maya, die sicher alles beobachtet hatte und jetzt genau die zwei Sätze sagen würde, die sie wieder aufpäppeln und ein reinigendes Gelächter auslösen würden.

Zehn Tage später im Gedränge der Demo fiel Toni die Partybekanntschaft und ihr eigener peinlicher Auftritt wieder ein. Hoffentlich würde sie ihre obercoole Beobachterin aus dem Club nie wieder treffen. Blöderweise war Maya heute nicht mitgekommen, um sich darüber lustig zu machen, aber Yasmina und Salome und ein paar andere aus ihrer Frauengruppe waren da und checkerten irgendwo rum.

In der Nacht hatte es nochmal gefroren, aber langsam wurde es warm. Der kalte blaue Himmel ließ alle Umrisse klar hervorstechen. Toni streifte ihre Kapuze ab und öffnete den Reißverschluss ihrer Jacke. In genau einem Monat waren Osterferien. Vielleicht könnten Maya und sie was Aufregendes machen. Zum Wegfahren würde das Geld nicht reichen, aber irgendeine Aktion planen oder ein Buch schreiben oder irgendwas Verrücktes. Toni hatte das Gefühl zu platzen – vor Energie und Tatendrang oder weil endlich was passieren musste, das größer war. Der achte März leitete immerhin die wichtigste Jahreshälfte ein, von den Osterferien bis zu den Herbstferien mit einem Höhepunkt im Sommer. Ab jetzt folgte eine politische Aktion auf die nächste, dann hatte sie Geburtstag, und dann irgendwann kamen endlich die Sommerferien mit Maya und den anderen.

Neben ihr pfiff eine Demonstrantin in eine Trillerpfeife und Toni zuckte zusammen. Von der anderen Seite sprach sie jemand an. Toni blieb abrupt stehen. Auch ihre Beobachterin aus dem Club blieb stehen, sodass die anderen aus der Demo ihnen ausweichen mussten.

»Hallo«, sagte die Frau mit den ausdrucksvollen Augen, richtete sie aber auf den Boden, auf den sie ihre Kippe fallen ließ. Sie hatte wieder den schwarzen Kapuzi an, trug die Kapuze über dem Kopf und steckte die Hände in ihre Skaterjeans. Toni sah sich um, dann berührte sie den Arm vom Strubbel und bedeutete ihr, weiterzugehen. Vor Aufregung fingen ihre Schläfen an zu pochen. Hatte sie überhaupt Hallo gesagt? Sie erinnerte sich nicht, und jetzt war es zu spät für eine Begrüßung. »Ich bin Toni.« Förmlich reichte sie ihr die Hand und für ein paar Schritte liefen sie so, Hand in Hand, mit Blick auf den Asphalt. Toni ließ zuerst los. »Jona«, sagte die Fremde. Jona, dachte Toni. Sie sah zu ihr rüber und Jona sah zurück, für einen Augenblick jedenfalls, mit Haaren über den Augen und einem leichten Grinsen.

»Ey, da bist du ja!« Yasmina stieß Toni an. »Wir sind weiter vorne. Da ist viel mehr los. Komm!«

»Was?« Toni dachte angestrengt nach. Yasmina und Salome, die hatte sie fast vergessen. Und die Gruppe. Gerade jetzt passte das gar nicht. Sie musste Yasmina loswerden. »Ich komme gleich.«

»Hältst du mal?« Yasmina gab Toni ein Schild mit der Aufschrift § 218 abschaffen! Sie fing an, in ihrem Rucksack zu kramen, und holte einen Stapel Flyer raus. »Hier. Verteil’ mal welche. Wir sind vorne hinterm Lauti. Da ist beste Stimmung. Komm!« Yasmina griff Tonis Hand und zog sie mit. Toni riss sich abrupt los und Yasmina sah sie überrascht an.

»Jetzt nicht!«

In dem Moment registrierte Yasmina Jona und sah zwischen ihnen hin und her. Ihr goldener Nasenring blitzte in der Sonne. Sie nahm Toni das Schild ab und nickte knapp. Dann drängelte sie sich durch die Reihen davon.

»Euer Pamphlet?«, fragte Jona.

»Äh naja, Infos zu den Paragrafen 218 und 219a. 19a wird endlich gekippt und 18 muss folgen.« Sie gab Jona einen Flyer. »Das Abtreibungsverbot, du weißt schon. Das muss weg.« Die Musik brach ab und eine Rede knisterte aus dem Lautsprecher, die kaum zu verstehen war. Eine Aktivistin sprach über die Situation von Frauen in der Ukraine. Jona hatte den Flyer kaum angeschaut, faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Hosentasche. »Dafür demonstriert ihr?«, fragte sie, als gehörte sie nicht dazu. Wenn die Demo sie nicht interessierte, war sie wohl ihretwegen hier, dachte Toni. Sie freute sich absurd darüber, dass Jona sich mehr für sie als für ihr politisches Anliegen zu interessieren schien. Ihr wurde schwindelig. »Ja, auch«, antwortete sie.

Die Demo bog von der schmaleren Friedrichstraße auf den breiten Boulevard Unter den Linden ein und lief auf das Brandenburger Tor zu. Laute Musik setzte wieder ein.

»Was ist das für eine Demo?«, fragte Jona und kam dabei nah an Tonis Ohr. Ihre Hände berührten sich aus Versehen. Toni zuckte zurück. Von Jona ging eine unerwartete Wärme aus. »Der 8. März?«, fragte sie verwirrt. Sie rieb sich ihren Handrücken. Wie von einem Radiator. Erst die Augen, jetzt die Hände. Was ging hier ab? Sie räusperte sich. »Der internationale Frauenkampftag. Wir demonstrieren für Frauenrechte als Menschenrechte. Gegen Krieg und Unterdrückung, weltweit.«

Jona schwieg.

»Deswegen ist heute frei, ich meine ein Feiertag«, erklärte Toni weiter. Jona warf ihr einen kurzen Blick zu und fing an, eine Zigarette zu drehen. Sie liefen dicht nebeneinander. Vor ihnen skandierten ein paar Frauen empowernde Parolen und andere fielen ein. Jona hielt ihr eine Zigarette hin und Toni schüttelte den Kopf. Ihre Schläfen hämmerten, aber sie war glücklich. Erstaunlicherweise war sie einfach nur froh, diese wortkarge Fremde so nah bei sich zu haben, auch wenn die von gar nichts eine Ahnung hatte. Eigentlich war es sogar gut, wegen der Lautstärke nicht weiter quatschen zu müssen. Denn Toni hatte überhaupt keine Lust, über Politik zu sprechen, nicht jetzt, nicht mit Jona. Außerdem, ihr Smalltalk-Repertoire schien in Jonas Nähe komplett leergefegt zu sein.

Irgendwann kam Salome und kündigte den Treffpunkt an, von wo sie alle weiterziehen wollten. Sie hatte Glitzer im Gesicht und rote Wangen vor Aufregung. Salome war sowas wie die Schaltzentrale ihrer Gruppe und hielt alle Fäden in der Hand. Wie ein Hütehund musste sie die Truppe zusammenhalten und hatte zugleich immer schon das nächste Ziel im Blick.

»Die Zwillinge haben dich gesucht«, sagte Toni, was nur so halb stimmte. »Echt? Wo?« Salome kniff die Augen zusammen und versuchte, über die vielen Köpfe hinweg irgendwen zu erkennen. Die Demo war am Pariser Platz angekommen und die Leute standen herum oder verstreuten sich. Die Demonstranten vermischten sich mit den Touristen am Brandenburger Tor. Menschen mit Plakaten in der Hand standen neben Gruppen mit Selfiesticks, was ziemlich grotesk aussah.

»Weiß nicht. Kippen holen, Pinkeln, die anderen suchen …« Toni schielte zu Jona, die rauchte und unbeteiligt in die Ferne sah. Salome hatte jemanden entdeckt. »Bis gleich, Tonino. Wir müssen unbedingt nachbesprechen.«

Toni zog den Reißverschluss ihres Parkas zu und schob die Ärmel über die Hände, obwohl ihr warm genug war. Zeit gewinnen, dachte sie und dann, scheiß drauf, jetzt oder nie. »Willst du mitkommen? Ich häng noch mit meinen Mädels ab.«

Jona sah auf, ernst und direkt, dann schüttelte sie den Kopf. Aber sie verabschiedete sich nicht und blieb, wo sie war. Wow, dachte Toni und scharrte mit einem Fuß, komplizierte Kommunikation hier. »Gibst du mir deine Nummer?«, fragte sie. Alles andere würde sie bereuen, für immer und ewig. Immerhin hätte sie es versucht. Scheitern gehörte halt dazu, nicht weiter dramatisch.

»Klar.« Jona holte ihr Handy aus der Hosentasche und sah Toni erwartungsvoll an. Toni diktierte ihre Nummer und Jona klingelte sie an.

»Bis dann … Toni«, sagte Jona. Ein flüchtiges Grinsen huschte über ihr Gesicht und sie warf Toni einen letzten direkten Blick zu. Dann ging sie davon.

»Bis dann.« Toni sah ihr nach, bis Jona zwischen den Menschen verschwand. Genauso plötzlich, wie sie aufgetaucht war, war sie in der Menge abgetaucht, ohne sich von irgendwem oder irgendetwas ablenken zu lassen, ohne irgendeinem Lärm oder Gewusel Aufmerksamkeit zu schenken.

In Tonis Hand meldete sich ihr Telefon. Im Gruppenchat kamen die ersten Beschwerden rein.

Toni, wir warten!

Geht weiter – schwing deinen süßen Arsch rüber.

Heute noch!

2. Kapitel

In den Türrahmen gelehnt beobachtete Toni, wie Jona ihr Zimmer untersuchte. Flüchtig blätterte sie in einem Buch auf Tonis Schreibtisch, schob Notizzettel von einer Ecke zur anderen, strich mit dem Finger über Fotos, die an der Schranktür klebten, überflog herumliegende Postkarten und nahm einen Flyer vom Nachttisch, den sie aufklappte und anschaute. Kurz warf sie Toni einen Blick zu, der irgendwas verbarg, und legte den Flyer wieder weg. Toni wurde einfach nicht schlau aus ihr. Jona sah aus wie ein Rätsel, bewegte sich wie ein Junge und demonstrierte eine Gleichgültigkeit, die sie ihr nicht abnahm.

»Wir wollen aufklären über Menschenrechte und wie die von LGBTIQ verletzt werden in vielen Ländern«, kommentierte sie den Flyer. »Dafür demonstrieren wir auf der Pride in Frankfurt und Słubice an der deutsch-polnischen Grenze.«

»Aha.« Jona grinste nur. Sie nahm ein Foto von Maya und Toni aus dem schmalen Bücherregal neben dem Schreibtisch und musterte es lange. Auf diesem Foto hatte Toni ihren speziellen Blick, behauptete Maya. So entschlossen und wild. Als hätte sie keine Hemmungen zuzuschlagen, wenn ihr jemand blöd käme. Was ein guter Effekt war, aber eine absolute Täuschung. Ihre Kraft speiste sich nicht aus einem speziellen Mut, sondern aus irgendeiner unbekannten Quelle.

Jona stellte das Bild zurück und blieb an dem Poster über dem Schreibtisch hängen. Darauf war der verpixelte Kopf einer vermummten Frau zu sehen, über dem fett in pink stand: Frauen bildet Banden.

»Die Situation in Polen ist schlimm. Polen ist übelst homophob. Ich meine, ist halt nicht überall Berlin, ne?«

»Ist das polnisch?« Jona zeigte auf den Flyer.

»Ja.«

»Kannst du polnisch?«, fragte sie, während sie das Fenster öffnete und sich auf das Fensterbrett setzte. Die Wohnung lag im zweiten Stock. Ein Bein ließ sie nach draußen baumeln, das andere stemmte sie in den Rahmen. Mit einer Hand fuhr Jona sich durch den Pony, ihr Gesicht hielt sie in die frische Luft. Dann holte sie aus der Brusttasche von ihrem Hemd eine einzelne selbstgedrehte Zigarette und zündete sie an. Wenn sie nicht so extrem lässig aussehen würde, dachte Toni, hätte man den Eindruck, sie wäre unsicher. Sie sah auf die Uhr. Ihre Mutter würde erst in einer halben Stunde kommen. Sie ging zu Jona rüber und nahm ihr die Zigarette aus dem Mund. »Polnisch ist meine Muttersprache.« Den Rauch pustete sie an Jonas Nasenspitze vorbei und sah auf die regennasse Straße runter. Cool konnte sie auch. Sie schielte zu Jona, die zu spät wegschaute. Auf der Party vor vier Wochen war Toni überzeugt gewesen, dass Jona lesbisch ist und dieses Hinschauen, Wegschauen eine Masche der Eroberung. Zugegebenermaßen hatte sie damit ihr Interesse geweckt.

»Du bist Polin?« Jona griff nach der Zigarette, die Toni ihr hinhielt und wieder wegzog. Ihr rätselhaftes Date sollte sie ansehen. Aber Jona griff nach ihrem Handgelenk, nahm ihr die Zigarette ab und rauchte weiter, ohne den Blick zu heben. Den Qualm pustete sie nach draußen in den kalten Abend. Lautes Hupen übertönte den rhythmischen Reggae vom Nachbarn untendrunter und mündete in den Lärm aufbrausender Motoren. Tonis Wohnhaus lag an einer viel befahrenen Kreuzung kurz vor der Autobahnzufahrt.

Langsam verlor sie die Geduld. Was wollte dieses seltsame Mädchen? Offensichtlich hatte sie kein Interesse an Politik, sie wollte nicht knutschen, und auch sonst kamen keine Vorschläge zum Zeitvertreib. Das war schon ihre dritte Verabredung, seit sie auf der Demo Nummern getauscht hatten, zwei Mal im Park und jetzt bei ihr zu Hause. Möglicherweise stand Jona einfach nicht auf Frauen und suchte stattdessen eine Freundschaft. Das war bei Mädels manchmal nicht so leicht auseinanderzuhalten.

»Ich nicht, aber meine Mutter«, nahm Toni die Frage auf, ließ sich auf ihr Bett fallen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Vielleicht musste sie noch deutlicher werden. Normalerweise war sie keine, die Frauen aufriss, aber Jona provozierte sie.

»Und die hat nichts dagegen?«

»Dass ich mich für Frauenrechte einsetze?«

Jona sah auf. »Zum Beispiel.«

»Ich darf es nur nicht Omi erzählen.« Toni lachte. »Die hat mich schon enterbt, als ich verkündet habe, lesbisch zu sein.« Toni seufzte. »Das ist schwer. Jetzt muss ich auf die Aussteuer mit polnischem Bettzeug und Porzellan der vorletzten Jahrhundertwende verzichten.« Sie streifte ihre Schuhe von den Füßen und ließ sie durch das Zimmer fliegen.

»Echt? Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dir einen Antrag gemacht.« Jona schenkte ihr einen direkten Blick und sie lachten zusammen.

»Antonia!«, rief Magdalena aus dem Flur. Toni zuckte zusammen und verfluchte das immer perfekte Timing ihrer neugierigen Erzeugerin. Jona schmiss die Kippe aus dem Fenster, zog ihre Jacke an und Toni brachte sie zur Tür. Die Unbefangenheit war wieder weg. Toni hatte keine Ahnung, ob sie einen Scherz gemacht hatte oder ob der verpasste Heiratsantrag eine Anspielung auf ihre sexuelle Orientierung war. Homo sein war schließlich nichts Besonderes in Berlin und auf keine Codes angewiesen. Vielleicht war es nur ein Witz wie die, die sie mit Maya ständig machte.

Vor der Wohnungstür drehte Jona sich um und sah sie mit dieser Ernsthaftigkeit an, die Toni direkt ins Herz fuhr und dort einen fast stechenden Schmerz verursachte. Dann hob sie lässig eine Hand zum Gruß und ließ Toni sprachlos zurück.

Als Jona weg war, setzte Toni sich zu ihrer Mutter in die Küche und leistete ihr Gesellschaft beim Kochen. Magda hatte ihre Haare frisch blondiert, weil sie meinte, ihr natürliches Blond habe die Farbe von gemasertem Holz angenommen. Am Wochenende hatte Toni auf dem Badewannenrand gesessen und ihr beim Färben zugeschaut. Während ihre Mutter sich die Schmiere in die Haare strich, musste Toni an Ronan denken, den Typen, den Magda seit einem Jahr datete. Er war die Sorte von Mann, für die Frauen ihre Erscheinung in Formen pressen, die sie von Natur aus nicht haben. Es ärgerte Toni, wenn ihre Mutter sich kleiner machte, als sie war. Es half nicht einmal. Ronan dachte nicht daran, sich für sie von seiner Frau zu trennen. Und Toni hatte gesehen, wie er ihre beste Freundin Maya anschaute. Maya, die es gewohnt war, Aufmerksamkeit für ihr Äußeres zu bekommen, hatte das Toni zuliebe ignoriert. Manchmal musste Toni sich echt zusammenreißen, freundlich zu ihm zu sein und nicht ihren beängstigenden Blick aufzusetzen. Trotzdem lachte ihre Mutter in Ronans Gesellschaft viel, und manchmal alberten sie wie verliebte Teenager. Wahrscheinlich sahen Menschen über einiges hinweg, wegen der Gefühle und so Unaussprechbarem, egal in welchem Alter.

»Wollte Maya nicht mit uns essen?« Magda schnitt eine Paprika auf und wusch sie von allen Seiten, löste die Kerne aus der Mitte und schüttelte ihre Hände über dem Becken ab.

»Das war Jona. Sie musste los. Ich habe sie nicht gefragt.«

»Aus der Schule?«

»Wir haben uns auf einer Party kennengelernt.«

»Aha.«

»Es war so eine Art Date, glaube ich.«

»Oh.« Magda drehte sich um. Toni saß am Küchentisch und schob Krümel vom Frühstück zu kleinen Häufchen zusammen. Ihre Mutter stand an der Platte neben dem Herd, wo sie das geputzte Gemüse abgelegt hatte. Es roch nach heißem Fett und Knoblauch.

»Und? Trefft ihr euch wieder?«

»Mal schauen. Ist noch zu früh, das zu sagen.«

»Gefällt sie dir, ja?«

»Mama!« Toni verdrehte die Augen. Dabei hatte sie recht, Jona gefiel ihr.

»Naja, über Verhütung muss ich mir bei dir glücklicherweise keine Gedanken machen.«

»Also echt, Mama …« Toni fegte die Krümel vom Tisch, als Magda sich abwandte. »Hast du eigentlich mal darüber nachgedacht, mich abzutreiben?«, fragte sie aus einem spontanen Impuls heraus, lehnte sich dabei gegen die Wand, stellte die Füße auf den Stuhl und wickelte die Arme um die Beine. Nachdenklich musterte sie Magda von den blonden Haaren, die mit einer Art Klammer am Hinterkopf zusammengehalten wurden, über ihren geraden Rücken, den runden Po hinunter zu den kleinen Füßen, die in flauschigen Hausschuhen verschwanden. Schon oft hatte sie sich gefragt, ob ihre Mutter einmal was anderes vorgehabt hatte, als unterbezahlt zu schuften und gleichzeitig alleine ein Kind großzuziehen. Für einen Moment hielt Magda in ihrer Bewegung inne. Fast ein bisschen ruckartig fuhr sie fort, schob die Zucchiniwürfel vom Brettchen in die Pfanne, regelte die Herdplatte runter, öffnete den Kühlschrank, holte die Sahne heraus. »Wieso fragst du mich das, Schatz?«

»Nur so.«

Das Fett in der Pfanne zischte. Magda setzte den Deckel drauf und drehte sich um. Sie nahm Tonis Gesicht in beide Hände und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Wenn es so wäre, hätte ich es mein Leben lang bereut.«

»Warum? Ist doch kein Ding.« Toni schob Magdas Hände weg und stand auf. »Dann wärst du jetzt vielleicht Ärztin und würdest dir nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie Ronan deine Haare findet.«

»Wieso sagst du sowas?« Magda drehte sich wieder zum Herd, und Toni hatte ein schlechtes Gewissen. Das Letzte, was sie wollte, war, ihre Mutter zu kränken. Es war ja nicht ihre Schuld, dass Frauen sich immer entscheiden mussten und es doch niemanden rechtmachen konnten. Deswegen wollte sie selbst alles anders machen, hundert Pro hinter jeder ihrer Entscheidungen stehen und sich von niemandem von ihren Träumen abhalten lassen. Sie stellte sich hinter ihre Mutter, nahm sie in den Arm und küsste ihre blondierten Haare. »Przykro mi, Mamutschka. War nicht so gemeint.«

Unzufrieden verließ Toni die Küche. Vielleicht hätte sie Jona zum Essen einladen sollen.

3. Kapitel

»Soll ich ihr schreiben oder soll ich es lassen?« Seit Tagen wartete Toni auf eine Nachricht von Jona, weil sie zu stolz war, ihr hinterherzulaufen. Diesmal war es Jonas Sache, sich zu melden. Toni hatte sie zur Demo eingeladen, Toni hatte nach ihrer Nummer gefragt, Toni hatte sie zu ihren ersten drei Dates kontaktiert. Okay, Jona hatte immer sofort geantwortet und immer positiv, aber trotzdem.

»Du nervst.« Maya schloss ihr Rennrad auf und schob es neben Toni her. »Entweder du akzeptierst, nicht nach einem Monat schon gestalkt zu werden, was auch seinen Charme hat, oder du gibst es auf, weil sie zu unengagiert ist.« Die letzten Strahlen der Frühjahrssonne verschwanden hinter dem monumentalen Schulgebäude, und es wurde schlagartig frisch. Unzufrieden studierte Toni die einsilbigen Textnachrichten der letzten Wochen. Sie stand auf Frauen wie Jona, androgyn, wortkarg, unprätentiös, aber diese hier war einfach nicht greifbar.

»Wahrscheinlich ist sie zu kompliziert für eine wie dich«, klugscheißerte ihre beste Freundin weiter. »Was willst du mir damit sagen?« Toni steckte das Handy in den Rucksack und hakte sich bei Maya ein. Maya hatte ihre Lockenmähne zu einem wilden Knoten hochgesteckt. Sie trug eine nagelneue taillierte Lederjacke in der Farbe ihrer rostroten Haare und sah aus wie ein Model. Toni legte den Kopf auf ihre Schulter und schnupperte an ihrer Jacke.

»Ich meine, du bist zu bodenständig für eins von diesen postmodernen Subjekten.« Maya blieb an der Kreuzung stehen, an der sich ihre Wege trennten. Tonis Wohnblock war zu Fuß nur eine Viertelstunde entfernt, und heute hatte sie keinen Bock auf Radfahren gehabt. Sie hatte wenig Lust, Maya zu verabschieden und den Nachmittag ohne sie und ihre Weisheiten zu verbringen. Widerwillig ließ sie von ihr ab.

Alle die sie kannten, hielten sie für das Ehepaar in ihrem Freundeskreis. Wenn sie zusammen etwas entschieden, orientierten sich die anderen daran, und Toni war die einzige, die Maya Mai nennen durfte. Sie hatte ihr den Spitznamen verpasst, als sie sich in der achten Klasse im Französischunterricht neben sie gesetzt hatte und ihrem Namen einen französischen Klang geben wollte. »Maiá«, hatte sie geflachst und ihrer Nachbarin zugezwinkert. Die hatte die rostroten Augenbrauen hochgezogen und aus dem Fenster gesehen. Damals war Maya noch nicht lange in der Klasse gewesen und hatte kaum Kontakte. Toni fand sie interessant. Sie schien auf niemanden angewiesen zu sein, war freundlich und unnahbar zugleich. Am spannendsten fand Toni, dass Maya ihre Intelligenz nicht versteckte. Wenn im Unterricht eine kniffelige Frage gestellt wurde, wartete sie kurz, ob sich vielleicht mal jemand anderes hervortun wollte, meldete sich dann mit einem knappen Handzeichen und gab eine tiefgründige Antwort.

»Du bist bestimmt ein Mai-Mädchen, oder? Haben deine Eltern das geplant?«, hatte Toni sie provoziert. »Es gibt nichts, das meine Eltern nicht planen«, hatte Maya erklärt. »Dann nenn ich dich Mai«, hatte Toni entschieden. »Mai heißt auf Italienisch nie«, hatte Maya geantwortet. Von da an waren sie immer zusammen, Maya, die Klassenbeste ohne erkennbare Mühe, und Toni, die Anführerin ohne Gefolgschaft.

Weil Toni Redebedarf hatte und es bei den Römers im Kühlschrank immer extravagante Essensreste gab, waren sie doch wieder zu Maya gelaufen. Gemeinsam lagen sie auf dem Futon. Maya blätterte in einer Zeitschrift, in der Theaterstücke besprochen wurden, während Toni in Mayas Skizzenbuch kritzelte. Sie kolorierte gerne die Zeichnungen, die ihre Freundin von Häusern und Straßenzügen anfertigte. Es war ungerecht verteilt, Maya vereinte zu viele Talente und Attraktionen in einer Person. Die Teller mit türkischem Meze vom Vortag hatten sie leergegessen und unters Bett geschoben. Im Hintergrund lief Mayas Chillout-Playlist und sie hatten die Heizung aufgedreht. Draußen wurde es langsam dunkel.

Toni grübelte immer noch darüber nach, was Maya vorhin über Jona gesagt hatte. »Wieso überhaupt postmodern?« Toni wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab. »Was hast du eigentlich gegen Jona?«

»Ich kenn sie doch gar nicht. Aber Unverbindlichkeit ist eben Lifestyle, total hip und cool. Wir sind sooo selbstbezogen und nicht mehr aufeinander angewiesen. Glauben wir jedenfalls.«

»Was redet sie für wirres Zeug?«, lachte Toni und warf Maya das Skizzenbuch auf ihre Zeitschrift. »Zeichnest du mir eine orthodoxe Kathedrale? Ich male sie pink an und schicke sie meiner Oma zu Weihnachten. Wenn das nicht postmodern ist, weiß ich auch nicht.« Toni sprang auf, machte ein paar Verrenkungen, die eine Art Breakdance simulieren sollten und stieg vom Bett.

»Das ist nicht postmodern, Süße, sondern Teenager-Art.« Maya legte das Skizzenbuch beiseite und blätterte weiter in ihrer Zeitschrift.

»Ich bin ein Teenager.«

»Aber in zwei Monaten bist du offiziell erwachsen.«

»In zwei Monaten und zweieinhalb Wochen«, korrigierte Toni. Sie wickelte sich den Schal um den Hals und hielt inne. »Weißt du, sie ist gar nicht hip und cool, sondern ungewöhnlich … Von ihr geht was Warmes aus … wie … wie von einem Radiator.«

Maya lachte laut und schallend. Wenn sie so lachte, hüpfte Tonis Herz vor Freude. »Doch. Achte drauf.« Sie schnappte sich Mayas Daunenjacke.

»Wenn Jona ein Radiator ist, bist du ein offenes Feuer.«

»Hä?«

»Du glühst nicht, du brennst.« Maya grinste. »Gerade ganz besonders. Ich sehe es an deinem Schönheitsfleck.«

Toni wurde rot. Sie warf ein Kissen nach Maya.

Weil es an diesem Abend Anfang April kalt war und ihr Feuer sie nicht ausreichend wärmte, stülpte sie sich Mayas Mütze über den Kopf. »Ich hau ab. Wir sehen uns morgen.« Toni schlich durch das zweistöckige Haus die Treppen hinunter. Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen und bückte sich, um in das angrenzende offene Wohnzimmer spähen zu können. Mayas Mutter Antje saß mit einem Glas Rotwein in der Hand und einer offenen Gerichtsakte auf dem Schoß auf dem Sofa und las. Ein Stapel weiterer Akten und ihre ausgestreckten Beine lagen auf dem niedrigen Holztisch. Sie war sieben Jahre älter als Magdalena, sah aber jünger aus, drahtig und elegant, mit einem Netz von Falten um die Augen, wenn sie lachte, und leicht heruntergezogenen Mundwinkeln, wenn sie konzentriert las. Toni konnte nicht nachvollziehen, warum Maya jedes Mal sarkastisch wurde, wenn sie über ihre Mutter sprach. Auf Socken tappte sie die Treppe weiter hinunter bis zum Hauseingang, Stein war absolut lautlos. Auf der untersten Stufe zog sie ihre Turnschuhe an, aber an der Haustür kehrte sie noch einmal um, ging um die Treppe herum und schaute ins Wohnzimmer. Im Hintergrund lief leise Klaviermusik. In einer Vase auf der Anrichte standen weit aufgeblühte gelbe Lilien und dufteten penetrant.

»Tschüß, Antje«, rief Toni vom Flur in den Raum. Antje zuckte zusammen und sah auf. Sie blinzelte die Freundin ihrer Tochter ratlos an und schien sich zu fragen, wer sie war. Das wäre, als würde sie ihre eigene Tochter nicht erkennen, so oft war Toni in ihrem Haus. »Hallo Toni! Du gehst schon?«, fragte sie dann doch ziemlich aufgeräumt. »Ist spät für ein Schulkind.« Toni grinste. Verständnislos sah Antje sie an und nickte. Dann runzelte sie die Stirn. »Ist Maya noch auf?«

Toni seufzte. Von ihrer Mutter hatte Maya ihren Humor jedenfalls nicht geerbt.

4. Kapitel

Am Wochenende verbrachten Magda und Toni einen Mutter-Tochter-Abend zusammen. Gelegentlich wünschte sich Magda das. Toni wusste, ihre Mama hatte immer ein schlechtes Gewissen, zu wenig Zeit für sie zu haben. Wenn Toni studieren und eine Familie gründen würde, wäre es mit den gemeinsamen Abenden vorbei, erklärte Magda gerne. Woher sie die Gewissheit nahm, dass Toni eine Familie haben würde, war ihr schleierhaft, noch dazu als Lesbe. Toni hatte nicht den Eindruck, dass Magda ihre Enkel als Produkte der Reproduktionsmedizin fantasierte.

Während Magda kochte und Toni den Film aussuchte, wurde sie von ihrer Mutter ausgefragt. »Hast du deine Jona wiedergesehen? Ist es was Ernstes?«

»Hmh. Nee. Nicht wirklich.«

»Ach so, alles klar. Dann weiß ich ja Bescheid.« Magda schob das Blech mit Pizza in den Ofen und klopfte sich die Hände ab.

»Mann, Mama! Da gibt’s halt nichts zu wissen.«

»Ihr habt also Schluss gemacht?«

»Was denn Schluss gemacht? Wir sind ja nicht verlobt«, erwiderte Toni barsch. »Du verstehst das nicht. Es waren halt Dates und keine … keine …«

»Du hast sie gern, hm?«, sagte Magda sanft.

»Ach, Scheiße!« Toni sprang auf und holte zwei Teller aus dem Schrank. »Woher soll ich das wissen? Ich kenne sie kaum. Ich weiß gar nichts über sie.« Sie legte Besteck auf die Teller und strich unnötigerweise die Tischdecke glatt. »Zupełnie nic«, fügte sie an und betonte jedes Wort nachdrücklich.

Magda schwieg einen Moment, dann seufzte sie magdamäßig, was meistens eine kleine Rede ankündigte. Für große Reden war sie glücklicherweise nicht der Typ. »Du hast noch viel Zeit, den passenden Menschen zu finden.« Sie fing an, die übriggebliebenen Zutaten in den Kühlschrank zu räumen. »Du weißt, ich würde dich nicht eintauschen, aber man muss nicht alle Fehler der Eltern nachmachen.«

Toni hatte es nicht vor. Sie fragte nicht nach, aber mit Fehler meinte ihre Mutter wohl die Affäre mit Tonis Vater. Sowas würde bei Toni jedenfalls nicht zu einer ungewollten Schwangerschaft führen. Außerdem hatte sie noch nicht mal mit Jona geknutscht. Und dazu würde es offenbar auch nicht mehr kommen. Das Gespräch deprimierte sie. Ihre Mama war eine kluge Frau, aber nicht gerade eine Autorität für gelungene Liebesbeziehungen. Die Beziehung zu Tonis Vater war jedenfalls nicht von Dauer gewesen, obwohl Magda ihn wohl sehr geliebt hatte. Zu Lebzeiten hatte Toni ihn nicht kennengelernt, und jetzt war er tot. Hinterlassen hatte er ihr angeblich ihre Impulsivität und einen Schönheitsfleck auf der Wange, die einzigen Merkmale, die sie – ihrer Ansicht nach – von anderen gewöhnlichen Menschen unterschied. Toni vermisste ihren unbekannten Vater nicht. Magda war die beste Mutter der Welt und gab alles und noch mehr, um ihre Tochter glücklich zu machen. Aber manchmal, ganz selten und schon längere Zeit nicht mehr, fragte Toni sich, warum sie so wenig über ihren Vater wusste und ob mehr Kenntnisse etwas verändert hätten.

Die Pizza aßen sie auf dem Sofa vor dem Fernseher. Toni hatte einen düsteren schwedischen Thriller ausgesucht, in dem ein Serienkiller Frauen ermordete. Wegen der starken Ermittlerin, nicht wegen der ewigen Wiederholung männlicher Gewalt gegen Frauen. Für Magda waren solche Filme zu aufregend, und sie schlief jedes Mal aus Protest ein.