Das Kristallzepter - Désirée Rickenbacher - E-Book

Das Kristallzepter E-Book

Désirée Rickenbacher

0,0
16,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Als Miriya von Ihrer Hoheit, Königin Raika von Kirk-Wana, vollkommen unerwartet an den Hof beordert wird, entscheidet sich die junge Frau kurz entschlossen, dem Ruf Folge zu leisten und das Einhornzüchterdorf Ke-Inda hinter sich zu lassen. Gemeinsam mit ihrem wilden Einhorn Sternensilber reist sie in die Hauptstadt, wo die Königin ihr eine Aufgabe von großer Bedeutung anvertraut: Finde das Kristallzepter! Also macht sich Miriya gemeinsam mit dem Kommandanten der Palastwache, Keyan, und Salina von den Feenvölkern auf, dieses mysteriöse Zepter zu finden. Bald realisiert sie nicht nur, dass Keyan mehr als ein bloßer Reisegefährte für sie ist, sondern auch, dass die Aufgabe mehr von ihr abverlangt als erwartet … Kann das Schicksal des Landes ihre Verluste aufwiegen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 710

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Impressum 2

Widmung 3

Kapitel I 4

Kapitel II 26

Kapitel III 51

Kapitel IV 83

Kapitel V 107

Kapitel VI 128

Kapitel VII 154

Kapitel VIII 184

Kapitel IX 214

Kapitel X 242

Kapitel XI 261

Kapitel XII 285

Kapitel XIII 308

Kapitel XIV 333

Kapitel XV 356

Kapitel XVI 375

Kapitel XVII 394

Kapitel XVIII 421

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-049-5

ISBN e-book: 978-3-99131-050-1

Lektorat: Laura Oberdorfer

Umschlagfoto: Tanja Schenker

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

…für meine Freunde:für Tanja S., das Bundesrad, für Marie-Ashley, Tony und Michi, die mir trotz zweier Jahren „Fernbeziehung“ treu geblieben sind, und für Hiroyo, Katrin und Bibi, meine Japanerinnen ;)

…für meine Familie, die mich immerdabei unterstützt hat, weiterzuschreiben, trotz des Schreibmaschinengeklappers um fünf Uhr in der Früh.

…und für Hercules, meinen kleinen, vierbeinigen Seelenfreund, der trotz Schreibmaschinenlärm stets friedlich schnurrend unter meinem Pult im Sitzsack geschlafen hat.

Kapitel I

Vom Mädchen und dem Einhorn

Die Sonne ging eben über einem pferdekopfförmigen Bergkamm auf und ihre Strahlen schossen in das kleine Dorf unter dem Berg. Sie beleuchteten die ebenerdigen Häuser mit den Strohdächern und die geräumigen Ställe mit den weitläufigen, umzäunten Koppeln. Auf den Koppeln grasten friedlich die Einhörner. Sie waren weitaus feingliedriger als gewöhnliche Pferde, ihr Fell schimmerte perlweiß und die Sonnenstrahlen brachen sich in den engen Windungen ihrer goldenen Stirnhörner. Ihre sanftmütig funkelnden Augen waren von einem tiefen, leuchtenden Blau und ihre Mähnen und Schweife waren lang und lockig. Der leichte Wind spielte mit den Strähnen. Unter einem uralten, knorrigen Baum stand ein etwa siebzehn Sommer altes Mädchen. Die Sonne beschien die schlanke, zierliche Figur des Mädchens, das nur in ein leichtes, hellbraunes Kleid gehüllt war, bei dem die Säume in Fetzen hingen. Das Kleid reichte bis knapp unter die Knie und die Ärmel bis an die Armbeugen. Die Haut des Mädchens war bronzebraun gebrannt und das dichte Haar schulterlang. Es war lackschwarz und schimmerte seidig im Morgenlicht, während die ersten Sonnenstrahlen blaue Reflexe in die leicht gewellten Strähnen zauberten.

„Miriya, komm sofort her!“, durchbrach ein Ausruf die morgendliche Stille. Das Mädchen drehte sich um. Es hatte eine ovale Kopfform mit vollen, kühn geschwungenen Lippen und einer kleinen Nase. Die Augen waren groß und rehbraun, die Lider dicht bewimpert. Ein selbstbewusstes, trotziges Funkeln schimmerte in den Augen. Das Mädchen hatte eine hohe Stirn und hohe, wohlgeformte Wangenknochen, die seinem Gesicht einen eleganten, erhabenen Ausdruck verliehen.

„MIRIYA!“, brüllte die Stimme und einige Einhörner hoben beunruhigt die edlen Köpfe. Das Mädchen lief leichtfüßig und kaum hörbar in ihren abgelatschten Ledermokassins. Vor einem der kleinen Häuschen stand eine dürre Frau mit Hakennase und stechenden Augen. Das Mädchen schob trotzig die Unterlippe vor.

„Miriya, du solltest schon lange die Ställe ausmisten. Wenn du nicht schleunigst im Stall bist, setzt es was“, drohte die Frau giftig. Miriya wagte nicht, etwas zu erwidern. Sie fühlte sich müde und war nicht zu hitzigen Debatten aufgelegt. Die halbe Nacht hatte sie Bohnen gerüstet und gewaschen. Die Frau wischte sich die Hände an der schmutzigen Schürze ab und knallte Miriya die Türe vor der Nase zu. Diese stapfte wütend in den Stall, nahm sich eine Mistgabel und begann, wie eine Besessene im Heu herumzustochern. Einhörner waren reinliche Tiere, die nur auf Gras ihre Geschäfte erledigten. Deshalb war Miriyas Aufgabe sinnlos und Hinaya wusste das auch. Aber der Frau bereitete es höllischen Spaß, die elternlose Miriya herumzuhetzen. Hinaya lächelte zufrieden, wenn die Einhornzüchter Miriya mit Aufgaben zuschütteten und sie dann am Abend völlig abgekämpft nach Hause kam, nur um dort entsetzt einen riesigen Korb voller Bohnen oder andere langwierige Arbeiten vorzufinden, die sie dann auch noch erledigen musste. Hinaya war Miriyas Vormund und sie gewährte ihr nur dann ein Dach über dem Kopf, wenn Miriya ihr gehorchte. Ironischerweise hatte das Haus, in dem die beiden wohnten, Miriyas Eltern gehört. Es war Hinaya ohne ihre Zustimmung als „Entschädigung“ versprochen worden für ihre Vormundschaft. Das Mädchen lockerte energisch das Stroh auf und als es danach aus dem Stall kam, klebten Strohhalme in seinen Haaren und auf dem Kleid. Sie wusch sich am Brunnen das Gesicht und trank ein paar Schlucke. Ihre Eltern, die ebenfalls im Einhornzüchterdorf Ke-Inda gelebt hatten, waren vor etwas mehr als zwei Sommern einem Basilisken zum Opfer gefallen. Miriyas Trauer saß noch immer tief und schürte ihren Hass gegen Hinaya.

Nach und nach erwachte das Dorf der Einhornzüchter zum Leben; die Erwachsenen trieben ihre Herden auf die Außenweiden, die Kinder lockerten das Stroh in den Ställen auf und die Frauen wuschen Wäsche, die sie an langen, zwischen den Häuschen aufgespannten Leinen zum Trocknen aufhängten oder sie gerbten Leder und schwatzten miteinander. Niemand kümmerte sich um die verstrubbelte Miriya. Elternlose Kinder wurden gemieden, sie galten als Hexen und man nahm an, dass sie das Unheil über ihre Eltern gebracht hatten. Miriya ertrug diese Geringschätzigkeit scheinbar gelassen, doch in ihrem Herzen tat es immer einen schmerzlichen Stich, wenn die Dorfbewohner schnell ihre Blicke abwandten oder die Mädchen, mit denen sie früher gespielt hatte, davonstoben, sobald sie sich näherte. Das wiederum bereitete Hinaya teuflische Freude. Sie war nach dem Tod von Miriyas Eltern unfreiwillig zu ihrem Vormund erklärt worden, da niemand diese Aufgabe übernehmen wollte und nur äußerst widerwillig hatte sie diese „Bürde“ akzeptiert. Bis Miriya in einem Sommer volljährig wurde, würde sie bei Hinaya bleiben müssen.

„Miriya, schlag keine Wurzeln! Mach die Wäsche rasch, sonst bekommst du kein Mittagessen“, bellte die alte Kuh und drückte dem Mädchen ein Bündel Wäsche in die Arme, das so schmutzig war, dass Miriya entsetzt keuchte und die Wäsche fallen ließ.

„Du ungeschicktes, dummes Ding“, heulte Hinaya, „heute bekommst du gar nichts zu essen!“

Das genügte Miriya. Sie drehte sich auf den Fersen um, schwang sich über den Holzzaun, der das ganze Dorf umgab und rannte los. Das letzte, was sie hörte, war Hinayas kreischendes Geschimpfe.

Der Wind riss Miriya die Haare nach hinten und sie tanzten wie eine blau-schwarze Flagge hinter dem rennenden Mädchen her. Ke-Inda lag am Fusse des Pferdekopfberges In-Haya. Der Berg war ein einsamer Ausläufer eines mächtigen Gebirgszuges, der das ganze Land durchquerte. Er hieß In-Nuya. Am Fuße der Hügelkette zog sich eine smaragdgrüne, fruchtbare Ebene dahin. Vereinzelte dichte Wälder wechselten sich mit hohem Savannengras, glitzernden Seen und Schilfwäldern ab. Miriya suchte Zuflucht in „ihrem“ Wald. Es war ein dichter Schilfwald, der halbmondförmig um einen winzigen Teich wuchs. Dort, umgeben von sich im Winde wiegendem Schilf, fühlte sie sich geborgen. Stundenlang konnte sie die verschiedenen Teichbewohner beobachten und studieren. Sie konnte sich mit Tieren aller Art verständigen, hatte gelernt, ihr Verhalten richtig zu deuten und ihre Stimmen zu verstehen. Und die Tiere verstanden sie, akzeptierten sie in ihrem Territorium und führten sich äußerst zutraulich auf, wenn Miriya sich in ihren Schlupfwinkel zurückzog. Vermutlich spürten sie instinktiv, dass Miriya ein Kind der freien Natur war, wild und selbstständig. Ke-Inda fühlte sich mehr und mehr wie ein Gefängnis an und seit ihre Eltern nicht mehr waren, wuchs dieses beklemmende Gefühl von Tag zu Tag. Miriya lernte viel von den Tieren, viel mehr als sie es je von den Menschen in ihrem Dorf gelernt hatte. Sie konnte sich so leise bewegen wie eine Wildkatze, war biegsam und gelenkig wie das Schilf, das leise raschelnd im Wind tanzte, sie konnte Tierstimmen nachahmen und wusste viel über die Flora und Fauna. Auch hatten ihre Beobachtungen der Natur sie gelehrt, ihren Instinkten zu vertrauen und auf ihren Körper zu hören. Nach dem Spurt aus dem Dorf war Miriya keineswegs erschöpft, denn sie hatte gelernt, ausdauernd und geduldig zu sein. Vorsichtig schlug sie sich durch das Schilf zu einem platten Stein, der mitten im Schilfwald lag. Sie setzte sich auf den warmen Stein und genoss die Sonne, beobachtete die Fische, Frösche, Schlangen und Vögel, die sich am Teich tummelten. Zerbrechlich anmutende Seerosen trieben wie kleine Schiffchen auf der Wasseroberfläche und Libellen mit schillernden Flügeln und geschäftige Bienen nutzten sie als Rastplätze.

Gegen Nachmittag verließ Miriya ihr lauschiges Plätzchen. Sie wanderte durch das kniehohe, smaragdgrüne Savannengras und warf sich der Länge nach auf den Boden, sobald sie Einhornzüchter sah. Wenn sie sich entfernten, stand Miriya auf und ging weiter. Es wurde heiß und die scharfen Konturen ihrer Umgebung verschwammen flirrend. Geflügelte Wühlmäuse, die sie Markis nannten, flogen piepsend durch die Luft. Sie liebten heiße Luft, weil sie dann ihre dünnen Flügel besser schlagen konnten.Das Gras strich um Miriyas Oberschenkel. Manchmal begegnete sie wilden Einhörnern, die kleiner, robuster und dunkler waren als ihre hochgezüchteten, domestizierten Verwandten. Ihr Fell war bläulich-weiß, das Horn silbrig und breiter gewunden. Auf einer Flanke trugen sie hell- und dunkelblaue Muster, die schon bei ihrer Geburt da waren und wie der menschliche Fingerabdruck von Tier zu Tier einzigartig waren. Die Augen wilder Einhörner waren dunkelblau, beinah schwarz und strahlten feurig die Freiheit und den Stolz der energischen Tiere aus. Miriya fand, dass wilde Einhörner schöner waren als ihre gezüchteten Verwandten. Doch sie liebte alle Tiere genauso wie sie waren und mochte deshalb natürlich auch die zahmen Einhörner. Miriya wanderte zu einer tiefen Schlucht, in der es angenehm kühl war. Ein tosender Bergbach strömte hier aus dem In-Nuya. Er stürzte metertief von einer vorstehenden Felsnase in ein ausgewaschenes, kreisrundes Becken. Die ganze Schlucht war üppig mit Pflanzen und Bäumchen bewachsen und es lebten viele Tiere dort. Hinter dem Wasserfall spitzte sich die Schlucht zu und endete. Wassertropfen spritzten durch die angenehm warme Luft wie funkelnde Perlen. Sonnenstrahlen brachen sich in den Tropfen und ließen sie regenbogenfarben schimmern. Für Miriya war dies ein magischer Ort. Sie hatte ihn Ka-Nuya getauft. An diesem verzaubert anmutenden Plätzchen wohnten auch kleine Elfen. Für die meisten Geschöpfe sahen sie wie kleine, wandelnde Lichtpunkte aus, doch wer sich die Zeit nahm, sie näher zu betrachten, sah schillernde Libellenflügel, zierliche, in Blätter gewickelte Körper, lange, helle Locken und spitze Gesichter. Außer den Elfen und all den anderen Geschöpfen wohnte hier auch Sternensilber. Sternensilber war ein wildes Einhorn, das Miriya gefunden hatte, als es noch ganz klein war. Es war schrecklich verwundet gewesen und bis auf die Knochen abgemagert. Miriya hatte sich seiner angenommen, das Fohlen gepflegt und gefüttert und zugeschaut, wie es zu einem stattlichen Hengst herangewachsen war. Sternensilber war groß für ein wildes Einhorn, robust und kräftig gebaut. Die Muster, die seine Flanke schmückten, waren kreisförmig und die Verletzungen, mit denen Miriya den Hengst als Fohlen gefunden hatte, waren zu unregelmäßigen Narbenwülsten geworden, die die Kreise durchfurchten. Das Tier hatte schmale, filigran anmutende Fesseln und die volle, lange Mähne wogte in dichten Wellen über den anmutig gebogenen Hals. Miriya hatte farbige Wollbänder in die Mähne geflochten, zusammen mit kleinen Glöckchen und glücksbringenden Amuletten. Der Schweif war ebenfalls voll und wellig und berührte beinahe den Boden. Alles, Mähne, Schweif und Fell, hatte einen seidigen, gesunden Glanz. Miriya hatte ursprünglich angenommen, dass das Tier sie als ausgewachsenes Einhorn verlassen, sich einer Kleingruppe Junghengsten anschließen und mit ihnen herumziehen würde, wie das bei wilden Einhörnern üblich war. Stattdessen war Sternensilber bei dem Mädchen geblieben. Es schien als habe der Hengst sie als das einzige Mitglied seiner Herde akzeptiert und angenommen, und für Miriya war er ebenfalls das einzige Familienmitglied, das ihr noch geblieben war. Sie liebte ihn mehr als alles andere auf der Welt, eine Liebe, die Sternensilber erwiderte. An diesem Nachmittag kam er Miriya entgegen. Er schnaubte rau, wie immer, wenn er seine Schwester begrüßte. Sie hob die Arme und schlang sie fest um den Hals des Einhorns, das zärtlich mit den samtweichen Nüstern in ihrem Haar wühlte. In Miriyas Haaren befanden sich dieselben farbigen Wollbänder, dieselben kleinen Glöckchen und Amulette. Ihre Mutter hatte sie ihr eingeflochten, mit Hilfe ihres Vaters, der ihr die kleinen Objekte reichte, während sie flocht. Seit Kurzem trug Miriya auch einige Zöpfchen mit kleinen, schillernden Federn im Haar, um ihre Verbundenheit mit der Natur zu demonstrieren. Im Dorf rümpfte man die Nase ob so viel Eigenart, niemand hatte viel für Miriyas außergewöhnlichen Kopfschmuck übrig. Doch das Mädchen trug ihn mit Stolz, denn er stammte aus den Händen ihrer Eltern, genauso wie die vielen Bänder aus bunten Holzperlen, geschliffenen Halbedelsteinen und Leder, die sie um den Hals und die Handgelenke gebunden hatte. Miriya machte sich daran, auch Sternensilber einige Zöpfchen mit Federn in die Mähne zu flechten und als sie damit fertig war, artete ein zärtlich gemeinter Stups des Hengstes in ihr Hinterteil in ein ausgelassenes Spiel aus, bei dem sie sich gegenseitig mit Wasser bespritzten, Miriya laut lachend und johlend, Sternensilber freudig schnaubend. Es wurde langsam Abend und die Sonne versank in einem Meer aus rosarotem Licht und goldenen Wolkenfetzen hinter dem Horizont. Bis anhin hatte Miriya Sternensilber jeweils schweren Herzens sich selbst überlassen –der Hengst war wild und konnte in der freien Natur bestehen. Und obwohl es ihr immer beinah das Herz brach, wenn sie sich verabschieden musste, da Sternensilber ihr folgen wollte und sie ihn meistens nahezu gewaltsam daran hindern musste, sie zu begleiten, hatte sie sich bis jetzt noch nie dazu durchringen können, ihn einfach mitkommen zu lassen. Sie war sich nicht sicher, wie die Dorfbewohner auf das Tier reagieren würden. Doch vor Kurzem hatte sie endlich den Entschluss gefasst, Sternensilber mitzunehmen. Schließlich war er stark und unzähmbar, wenn man ihn nicht als Freund gewinnen konnte und als Wildtier wusste er sich sehr wohl zu verteidigen. Also sprang sie geschmeidig auf Sternensilbers Rücken und lenkte ihn mit den Knien und sanftem Druck in Richtung Dorf. Das Tier schien zu ahnen, dass es endlich mitkommen durfte, freudig und erwartungsvoll richteten sich die spitzen Ohren nach vorn. Miriya ließ ihn gewähren, als er sich ungestüm aufbäumte. Ihre Körper verschmolzen im letzten Licht der untergehenden Sonne und Sternensilber machte einen mächtigen Satz, bevor er in einen weichen, fließenden Galopp verfiel. Miriya konnte spüren, wie sich seine Muskeln unter dem bläulich-weißen Fell spannten, spürte unter ihren Schenkeln die breiten Stränge, als er ausholte und mit weiten, federleichten Sprüngen über die Savanne raste. Das Mädchen jauchzte überglücklich, während der Luftzug ihr Gesicht peitschte, ihre Haare flattern ließ und ihr Sternensilbers Mähne ins Gesicht wehte. Das Einhorn spürte ihre Freude, teilte sie. Er stieß ein Wiehern aus, kraftvoll und wunderschön. Sie hatte sich tief über seinen Hals gebeugt, die Beine entlang seinem geschmeidigen Körper an das seidige Fell gepresst und die Hände mit einigen Strähnen seiner Mähne umwickelt. Miriya ritt nie mit Sattel und Zaumzeug, denn Sternensilber war wild und sollte sich das auch bewahren. Nur sie, seine Schwester, duldete er auf seinem Rücken und das war auch gut so.

Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen in einem bronzenen Schein über die Ebene und betonte Miriyas Hautfarbe. Das Dorf kam langsam in Sicht, Kleinherden perlweißer Einhörner schritten mit ihren Hirten auf die Stallungen zu. Sternensilber verfiel in einen federnden, leichten Trab, doch als er die domestizierten Tiere überholte, bäumten sich einige auf, andere wieherten schrill oder schnaubten freudig. Sie konnten die ungebremste Freiheit des Wildtieres und seiner Reiterin spüren. Die Hirten staunten mit offenen Mündern. Sternensilber beschleunigte plötzlich explosionsartig, Miriya spürte, wie sein Rücken sich kraftvoll bog. Dann sprang er graziös und voller Anmut über das Gatter und landete weich und sicher. Seine Flanken hoben und senkten sich nach diesem wilden, übermütigen Ritt. Er wandte sich um, hob den prächtigen Kopf und in diesem Augenblick schoss ein letzter, verirrter Sonnenstrahl über die Savanne und brach sich regenbogenfarben in den breiten Windungen des silbernen Stirnhornes.

Sternensilber drehte den schönen Kopf und fegte Miriya dabei beinahe mit seinem Horn, das ungefähr so lang wie ihr Unterarm war, von seinem Rücken. Die Dorfbewohner standen da und glotzten das Mädchen auf dem wilden Einhorn an. Ihre ungläubigen Blicke waren verständlich, schließlich hatte niemand je ein wildes Einhorn geritten, geschweige denn gezähmt. Sie galten als gefährlich, da man sie für unberechenbar und bösartig hielt, und waren eigentlich tabu. Niemand wagte sich an wilde Einhörner heran und wenn die Hirten ihnen mit den Herden begegneten, riefen sie die Zuchteinhörner zusammen und galoppiertenauf ihnen davon. Und nun war da Miriya, dieses seltsame Waisenmädchen, auf einem jener unberechenbaren, wilden Einhörner. Ein Raunen ging durch die Menge, Kinder drängten sich zwischen den Beinen der Erwachsenen hindurch, um einen Blick auf das Einhorn und seine Reiterin erhaschen zu können. Der aufgehende Vollmond schickte sein silbernes Licht hernieder und ließ das bläulich-weiße Fell des Tieres unheimlich schimmern. Die fremdartigen Fellzeichnungen auf der Flanke traten hervor, als der Mond darauf schien. Ein Schatten glitt über die Gesichter der anwesenden Menschen und Miriya begriff mit einem Schlag, dass sie die Lage unterschätzt hatte. Die Leute in dieser Gegend hatten elternlose Kinder schon immer als magische Wesen, gar Hexen, abgestempelt, und Miriya hatte ihnen nun den endgültigen Beweis geliefert, würden die meisten Einhornzüchter doch die Zähmung eines wilden Einhorns eindeutig für Hexenwerk halten.Darauf hätte sie eigentlich früher kommen können, dachte sie ärgerlich. Dann schwang sie sich zaghaft von Sternensilbers Rücken. Es gab ohnehin kein Zurück mehr, mit den Folgen musste sie nun leben.Solange Sternensilber dabei nichts zustieß, würde sie alles ertragen, dachte das Mädchen, straffte stolz den Rücken und schritt an den gaffenden Leuten vorbei. Das wilde Einhorn folgte seiner Schwester. Ihm war die geladene Stimmung nicht entgangen und er beugte den Kopf und ließ die Ohren wachsam spielen. Die Dorfbewohner wichen sowohl vor ihr wie auch vor dem Einhorn zurück, eine Mischung aus Respekt, Angst und Verachtung auf den Gesichtern. Vor der Eingangstüre zum Haus ihrer Eltern stand Hinaya, mit verkniffenem Mund und geballten Fäusten wartete sie auf Miriya. Diese schritt trotzig auf die dürre Frau zu und wollte an ihr vorbeigehen. Doch Hinaya trat einen Schritt zur Seite, holte aus und verpasste dem Mädchen eine schallende Ohrfeige. Sternensilber stieß einen leisen, überraschten Laut aus. Fassungslos starrte Miriya ihren Vormund an, während die versammelten Leute ihre Zustimmung kundtaten. Sternensilber schnaubte unruhig und warf den gehörnten Kopf hoch. Seine pechschwarzen, glänzenden Hufe stampften auf dem Boden auf, was die Dorfbewohner nervös zurückweichen ließ. Miriya indessen hielt sich die brennende Wange. Sie wollte nicht weinen, nicht vor all den Leuten und vor Hinaya, aber der Schmerz und die Demütigung brannten beinah ebenso stark wie ihre schmerzende, pochende Wange und ihr Schädel dröhnte.

„Geh sofort auf dein Zimmer. Da bleibst du und wehe du kommst raus, dann bekommst du noch mehr Schläge“, keifte Hinaya und holte erneut aus. Miriya duckte sich unter der heransausenden Hand, sie lief leichtfüßig mit Tränen des Schmerzes und der Scham in den Augen in ihr Zimmer, wobei sie die Zimmertüre laut zuknallte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Hinaya blitzschnell den Schlüssel aus ihrer Schürze hervorholen und das Mädchen in ihrem eigenen Zimmer einsperren würde.

„NEIN, SPERR WIEDER AUF!“, schrie Miriya und warf sich gegen die Türe. Doch Hinaya und die anderen Leute lachten nur hämisch.

Es war Mitternacht geworden, samtschwarze Nacht umfing Ke-Inda. Alles war ruhig, die Einhörner in ihren Stallungen schliefen oder zupften Heu aus den bereitgestellten Raufen. Ein Käuzchen schrie leise. Wolken hatten sich wie unförmige Wollknäuel über den Himmel verteilt, Sterne schimmerten hie und da. Als die Wolkendecke aufriss, schickte der Mond sein bleiches Licht hernieder. Es beleuchtete ein zusammengerolltes Bündel im kleinen Zimmerchen eines Hauses. Miriya lag zusammengekauert auf dem Boden ihres Gefängnisses und schluchzte. Aber sie hatte eine Entscheidung getroffen, einen Entschluss, der schon lange überfällig gewesen war. Als sie sicher war, dass Hinaya sich schlafen gelegt hatte, stand sie auf und sah nach, ob der Schlüssel noch im Schlüsselloch steckte. Sie hatte Glück. Also schob sie eine dünne Decke durch den Spalt unter der Türe und stocherte so lange im Schlüsselloch herum, bis der Schlüssel auf die Decke fiel. Dann zog sie die Decke sorgfältig zurück und nahm den Schlüssel an sich. Miriya trat an den klapprigen Schrank in ihrem Zimmer heran und wollte ihn aufmachen, ehe ihr einfiel, dass das sowieso keinen Wert hatte –Kleider besaß sie keine, bis auf das, was sie am Leibe trug und sie hatte praktisch keine sonstigen Besitztümer außer ihren Erinnerungen. Nur etwas verblieb ihr noch zu tun. Sie schloss die Zimmertüre auf und schlich in den Wohnraum. Dort ging sie zu dem großen Schrank. Darin gab es ein Geheimfach, das sie mit ihren Eltern angelegt hatte. Eine kindliche Spielerei, sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sehr sie sich darüber gefreut hatte und schwelgte einen Moment in dem Gefühl der Glückseligkeit und Verbundenheit, das sie mit ihren geliebten Eltern geteilt hatte. Es hatte ihr stets Genugtuung verschafft, zu wissen, dass Hinaya, die ihr gierig alles genommen hatte, was ihre Eltern hinterlassen hatten, keine Ahnung hatte, dass sich direkt unter ihrer Nase dieses Geheimfach befand mit den einzigen Gegenständen ihrer Eltern, die Miriya wirklich etwas bedeuteten. Sie langte hinter die Schrankwand und zog eine Holzplatte hervor. Darauf befestigt befanden sich diese wertvollen Gegenstände. Wertvoll, da sie mit liebevollen, glücklichen Erinnerungen an ihre Eltern verknüpft waren. Da war ein einfacher, jedoch kunstvoll verzierter Dolch mit Scheide und eine Steinschleuder mit einem Beutel voller Steine; Dinge die sie von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte, der ihr einige Grundlagen zur Selbstverteidigung und zur Jagd mit der Steinschleuder beigebracht hatte in der Ansicht, dass dies Fähigkeiten waren, die seiner Tochter vielleicht eines Tages nützlich sein könnten. Er hatte nicht Unrecht. Dann waren da noch sorgfältig zusammengerollt ein weicher Ledergürtel mit einer dazugehörigen, robusten Seitentasche und eine schwere, bronzene Armspange, verziert mit Halbedelsteinen und Einkerbungen in der Form eines galoppierenden Pferdes, die sie sich um den Oberarm klemmte. Diese Gegenstände hatte ihr ihre Mutter gegeben, die Armspange war ein Erbstück. Miriya fädelte die Dolchscheide auf den Gürtel, schlang ihn sich dann um die Hüfte und steckte die Steinschleuder mitsamt dem Beutel voller Steine in die Seitentasche, die am Gürtel befestigt war. Sie setzte die Holzplatte zurück an die Ausgangsposition und wandte sich zum Gehen. Über der Eingangstüre hingen Glocken, die Hinaya angebracht hatte, um immer über Miriyas Bewegungen informiert zu sein und die ein unbemerktes Ein- und Ausgehen unmöglich machten. Deshalb schlich das Mädchen in ihr Zimmer zurück, schloss wieder ab und schob den Schlüssel unter dem Türspalt hindurch, als wäre er zufällig aus dem Schloss gefallen. Sie trat ans Fenster, wobei sie sich ein langes, widerstandsfähiges Seil, das sie auf ihrem Weg in den Wohnraum gefunden hatte, um den Oberkörper schlang. Dann pfiff sie leise eine rasche, kurze Tonfolge und schon kurze Zeit später tauchte Sternensilber nahezu geräuschlos vor ihrem Fenster auf. Wo er sich bis anhin aufgehalten hatte, konnte das Mädchen nicht sagen, aber er war offensichtlich klug genug gewesen, sich in der Nähe zu halten und auf ihr Zeichen zu warten. Miriya stieg mühelos aus dem Fenster direkt auf den Einhornrücken. Sie ließ Sternensilber im Schritt gehen, beugte sich geschmeidig herunter, um das Gatter zu öffnen und hinter sich zu schließen. Sie warf einen letzten Blick auf das Haus und das Dorf, in dem sie eine glückliche, erfüllte Kindheit hatte erleben dürfen, bis zu jenem schrecklichen Tag, an dem ihre Eltern nicht wiedergekommen waren und sie in ein schwarzes Loch aus Trauer und Unterdrückung gesunken war. Endlich hatte sie genug Kraft gesammelt, das alles hinter sich zu lassen. Ohne ihre Eltern bedeutete ihr der Ort nichts mehr. Sie wandte das Gesicht der Savanne zu, die wie ein samtener, leicht wogender Teppich vor ihr lag. Mit einem kurzen Nicken verabschiedete sie sich von ihrer Kindheit, drückte Sternensilber die Fersen sanft in die Seiten und sie galoppierten davon. Nur der Mond war Zeuge ihrer Flucht.

Das Savannengras wisperte und wogte wie ein silbergraues Meer. Der Mond sandte sein gedämpftes Licht durch wabernde Wolkenfetzen. Der kleine Teich, an dem Miriya am Tag zuvor in der Sonne gelegen hatte, schimmerte glatt wie ein Spiegel. Sternensilber galoppierte ausgelassen weiter. Er war erleichtert, dass er dieses seltsame, feindselige Dorf hinter sich lassen und dabei seine Schwester davontragen konnte. Miriya indessen spürte, wie ein schweres Gewicht von ihren Schultern donnerte. Mit jedem Galoppsprung, der sie weiter weg vom Dorf trug, konnte sie befreiter aufatmen. Kaum zu glauben, dass sie es zwei Sommer lang ausgehalten hatte. Doch ein bizarres Gefühl der Verpflichtung und die Angst, ihre Eltern „im Stich zu lassen“ hatten sie gelähmt und unfähig gemacht, sich von ihrer vormals vertrauten Umgebung zu lösen. Nun, in der Natur auf Sternensilbers Rücken fühlte sie sich unendlich frei. Nachtaktive Wesen huschten durch das wippende Gras, flogen piepsend durch die kühle Nachtluft oder kletterten elegant durch die mit Silberlicht überzogenen Bäume. Runde Augen leuchteten in der Dunkelheit wie kleine Laternen. Bis jetzt war Miriya hellwach und freudig erregt gewesen, doch jetzt holte sie langsam der Schlaf ein. Sternensilber hatte seinen Gang verlangsamt und trottete mit wiegenden Schritten gemächlich durchs Savannengras. Mehrmals musste er anhalten, um Miriya wieder aufsteigen zu lassen, weil sie vor lauter Müdigkeit vom Rücken des Einhorns gerutscht war. Als sie schließlich in Ka-Nuya ankamen, glitt das Mädchen im Halbschlaf von Sternensilbers Rücken und ließ sich in die dichten Farnwedel plumpsen, wo sie endgültig einschlief. Sternensilber begrüßte mit einem freundlichen Schnauben die Elfen, die wie Glühwürmchen in seine Mähne flogen und ihn spielerisch an den Haaren zogen, bis er sie mit seinem Atem fortpustete. Kichernd überschlugen sich die kleinen Geschöpfe in seinem warmen Atemwind und ließen ihre filigranen Flügel flattern. Der Hengst ließ sich schließlich neben seiner Schwester nieder, und bettete seinen gehörnten Kopf neben den ihren in die Farne.

Miriya sah das Sonnenlicht durch ihre geschlossenen Lider. Es roch nach Wasser und Gras, sie hörte das Tosen eines Wasserfalls und spürte, wie Farnwedel sie im Gesicht kitzelten. Benommen öffnete sie die Augen, als ein Schatten sich vor die Sonne schob. Entsetzt kniff sie ihre Augen wieder zu –ein grelles, regenbogenfarbenes Licht war ihr wie eine Raubkatze ins Gesicht gefahren. Sie hob die Hand vor die geschlossenen Augen, um sich vor dem grellen Licht zu schützen. Es hatte sich tief in ihre Augen gebohrt und für einen Moment sah sie farbige Kreise und Punkte tanzen. Doch dann wurde das Vogelgezwitscher von einem rauen, kurzen Laut durchbrochen und sie spürte Sternensilbers weiche Nüstern in ihrem Gesicht, während seine verzierte Mähne ihren Hals kitzelte. Sofort schlug das Mädchen die Augen auf und blickte direkt in Sternensilbers feurige Augen, die unter den vollen, dichten Wimpernkränzen schimmerten wie Onyx mit einem Blaustich. Sie schlang die Arme um den kräftigen Hals des Einhorns und ließ sich von ihm auf die Beine ziehen. Die Schönheit Ka-Nuyas blendete sie einen Moment, genau wie zuvor schon Sternensilbers Horn im Sonnenlicht. Vögel sangen ausgelassen in den üppig mit grünem Laub bewachsenen Bäumchen, Elfen schwirrten kichernd und sich überschlagend durch die Luft und kleine Säugetiere jagten einander spielerisch durch die Farnwedel, die sich im Sonnenlicht bereits vollständig entrollt hatten. Auf Findlingen rund ums Wasser sonnten sich kleine Echsen und der Wasserfall fiel mit einem melodischen Rauschen in das kleine Steinbecken, das er im Laufe der Zeit kreisrund ausgeschliffen hatte. Die Wassertropfen, die einen feuchten Film in der Luft um den Wasserfall bildeten, reflektierten das Sonnenlicht in schillernden Regenbogenfarben und trotz der Sonnenwärme war es in der Schlucht angenehm kühl. Dies veranlasste Miriya dazu, ein Bad im Steinbecken zu nehmen, wohlig seufzend wusch sie sich den Schweiß und Schmutz von der Haut und aus den Haaren und genoss das Prickeln, das das kalte Bergwasser verursachte. Sternensilber stand ruhig und geduldig neben dem kleinen See und zupfte Gräser zwischen den Farnen hervor, die er träge kauend verspeiste. Miriya tauchte unter und als sie das Gesicht hob und die Wasseroberfläche sich wie ein sonnendurchfluteter Glasteppich über ihr ausbreitete, spürte sie, wie die Schmerzen, die Zweifel und Ängste davongespült wurden wie zuvor der Schmutz und Schweiß, der wie ein Film auf ihrer Haut gehaftet hatte. Sie hätte vor Glück weinen mögen. Stattdessen stieg sie aus dem Wasser, schüttelte die Haare aus und ließ sich dann von der Sonne trocknen, während sie ihr Kleid energisch wusch, es kräftig auswrang und zum Trocken an eines der Bäumchen hängte. Ein sanfter Windstoß kam auf und spielte mit dem Kleidungsstück, das so sauber war wie schon lange nicht mehr. Elfen schwirrten herbei und saugten genießerisch die Nässe aus dem Stoff, der sich in der Sonne erwärmte. Bienen, Hummeln und Schmetterlinge flogen durch die vom Blumenduft erfüllte Luft und taten sich am Nektar der Flora in der Schlucht gütlich. Miriya fuhr sich mit den Fingern durchs trocknende Haar. Es war nun seidenweich und geschmeidig, ihr Haarschmuck setzte bunte Akzente zwischen dem bläulichen Schwarz ihrer Wellen. Miriya seufzte erneut wohlig und streckte sich auf den warmen Steinen aus. Sternensilber indessen hatte sich in den Schatten hinter dem Wasserfall zurückgezogen und döste im Stehen vor sich hin. Als sie hungrig wurde, suchte sie Früchte und Nüsse zusammen, von denen sie wusste, dass sie nicht giftig waren. Ihre Mutter hatte sie bisweilen mitgenommen auf Streifzüge und gemeinsam waren sie durch die umliegenden Ländereien gewandert und ihre Mutter hatte ihr vieles gezeigt und erklärt. Sternensilber war dazu übergegangen, sich genussvoll stöhnend im seichten Uferwasser zu wälzen und sie schaute ihm dabei zu, während ihr der Saft einer besonders reifen Frucht übers Kinn tropfte. Miriya fühlte sich wie im Paradies. Nie wieder würde sie nach Ke-Inda zurückkehren.

Zur gleichen Zeit traf eine Gruppe von zwölf berittenen Männern in Ke-Inda ein. Sie trugen die dunklen Uniformen der königlichen Palastwache und waren braun gebrannt. Über ihren breiten Schultern trugen sie kunstvoll verzierte Lederköcher mit schwarz befiederten Pfeilen und lange Bögen. Ihre Reittiere waren gewöhnliche Pferde, kräftige, gut gebaute Tiere, die mit ihrenin behauenem Silber eingefassten Zaumzeug und Sätteln erhaben und edel aussahen. Sie spürten die Anwesenheit dutzender Einhörner und warfen neugierig die Köpfe in die Luft. Die Reiter, die Autorität und Strenge ausstrahlten, stiegen auf dem Dorfplatz in der Mitte Ke-Indas ab. Während einige die Pferde hielten, lösten sich zwei Reiter aus der Gruppe. Sie waren allesamt hochgewachsene, muskulös gebaute Männer und die Dorfbewohner, die neugierig auf den Dorfplatz strömten, hielten einen respektvollen Abstand ein. Die beiden Männer liefen zielstrebig auf das einzige Häuschen zu, dessen Türpforte von zwei aus Holz geschnitzten Einhörnern gesäumt war. Es war das Haus des Dorfoberhaupts Gildo. Er öffnete nur widerstrebend die Türe. Obwohl Ke-Inda als einziges anerkanntes Dorf für die Einhornzucht mit ganz Kirk-Wana Handel betrieb, blieben die eigenbrötlerischen Dorfbewohner Fremden gegenüber stets misstrauisch. Zwar standen sie unter dem königlichen Schutz der Hauptstadt, doch Einhörner waren kostbar und man konnte nie vorsichtig genug sein. Gildo trug sein langes, mit grauen Strähnen durchwirktes Haar im Nacken zu einem Knoten geschlungen, durch den er ein abgebrochenes Einhornhorn gesteckt hatte. Seine Kleidung zeugte von seiner Vormachtstellung im Dorf und das Stirnband aus Leder, das er tief in die Stirn gezogen trug, wies ihn zusätzlich als Oberhaupt des Dorfes aus. Er senkte zum Gruß sein Haupt. Der Mann, der an die Türe geklopft hatte, erwiderte den Gruß kurz und knapp und drängte sich dann an Gildo vorbei ins Haus. Das Dorfoberhaupt schaffte es kaum, seine Überraschung zu verbergen, als der Reiter ihn dabei an der Schulter ins Haus dirigierte und die Türe hinter sich schloss. Der zweite Reiter postierte sich breitbeinig vor der Türe. Die Dorfbewohner tuschelten hinter vorgehaltenen Händen. Die Reiter der Palastwache standen still und ungerührt da wie Statuen aus poliertem Holz, die rechten Hände ruhten auf den Schwertknäufen, die sie an einem Ledergurt um die Hüften trugen. Die langen Schwerter in den geprägten Lederscheiden sahen gefährlich aus und niemand wagte es, sich den Fremden zu nähern. Im Haus drehte sich der fremde Mann zu Gildo um und fixierte das Dorfoberhaupt mit einem stechend scharfen Blick.

„Seid gegrüßt, Gildo von Ke-Inda. Die Königin schickt uns. Sie will wissen, ob sich in diesem Dorf ein Mädchen mit bunten Haaren aufhält.“

Gildo fuhr zusammen. „Ihr meint Miriya?“

Der fremde Reiter zuckte mit den Schultern. Ihm war kein Name bekannt, nur diese eine Beschreibung.

„Die Beschreibung scheint auf jemanden zuzutreffen. Führt mich zu ihr“, verlangte er. Die natürliche Autorität in seiner Stimme ließ Gildo erneut zusammenzucken. Er nickte und führte den fremden Mann zu Hinayas Häuschen.

„Hinaya, wo ist Miriya?“, fragte das Dorfoberhaupt drängend, kaum hatte die Frau die Türe geöffnet. Ihm waren die Männer der Palastwache nicht geheuer und er wollte sie so schnell wie möglich loswerden.

„Sie ist weg, abgehauen“, keifte Hinaya giftig, „mit dem verfluchten Einhorn.“

Miriya prüfte, ob ihr Kleid schon getrocknet war und streifte es dann über. Sie fühlte, wie der Stoff, der zuvor starr vor Dreck gewesen war, sich jetzt sanft an ihre Haut anschmiegte und ihre zierliche Statur betonte. Miriya fühlte sich wie neu geboren, sie sprang mit Sternensilber herum, spielte Fangen mit Seidenhörnchen, die ihr laut schäkernd entwischten und dabei ihre langen, buschigen Schwänze mit dem cremefarbenen, seidenweichen Fell schnippten. Sie fing vorsichtig Elfen ein, die sie dann auf der flachen Hand hielt, wo die kleinen lustigen Geschöpfe grinsend saßen und die Beinchen baumeln ließen. Sie waren mindestens ebenso neugierig auf Miriya, wie das umgekehrt der Fall war und schleppten am späten Nachmittag kirschartige Früchte für Miriya herbei, die so schwer schienen, dass sie dabei jeweils beinah abstürzten. Am Abend ging der Mond als eine silberne Scheibe am dunkelblauen Himmel auf. Sein Licht verwandelte den Wasserfall in flüssiges Silber. Die Sterne erschienen zaghaft, zumeist verborgen hinter bauschigen, dunklen Wolken mit ausgefransten Rändern. Sternensilber pustete Miriya seinen warmen Atem in den Nacken und stupste sie kurz und hart in den Rücken. Er hatte den ganzen Tag mehr oder weniger stehend zugebracht und wollte jetzt Auslauf. Und seine Schwester sollte ihn begleiten. Miriya hatte nichts dagegen einzuwenden. Geschmeidig wie eine Katze sprang sie auf Sternensilbers Rücken und ließ ihn gewähren. Der Hengst streckte sich, ließ seine Muskeln unter dem seidigen Fell spielen. Er trat aus der Schlucht heraus, hielt kurz die Nase witternd in den sanften Wind. Dann spürte Miriya, wie sich sein gesamter Körper einer Springfeder gleich spannte und mit einem mächtigen Satz galoppierte das Einhorn los. Der Wind wehte dem Mädchen ins Gesicht und ihr Herz jauchzte vor Glück. Sie beugte sich vor, wickelte einige Strähnen seiner Mähne um ihre Finger und überließ sich ganz dem Zusammenspiel der Muskeln und Sehnen, dem weichen Auf und Ab, als der Hengst weit ausholte und über die Savanne schoss. Es fühlte sich an, als wären sie eins, als gäbe es keinen Unterschied mehr zwischen ihrem Körper und dem seinen. Miriya vertraute dem Tier blind und er bedankte sich dafür, indem er ihr ebenfalls sein ungeteiltes Vertrauen und vollkommene Treue schenkte. Am kleinen Teich blieb Sternensilber auf einmal stehen. Das Schilf wogte wie silberne Flutwellen im sanften Wind. Miriya ließ sich vom Einhornrücken gleiten und sah auf die glatt daliegende, silbern schimmernde Oberfläche des Teiches hinaus. Sternensilber legte ihr von hinten den Kopf auf die Schulter und gemeinsam genossen sie die Nacht. Doch plötzlich veränderte sich die Atmosphäre; Tiere stießen kurze, scharfe Warnrufe aus, dann verstummten alle Geräusche. Der Wind schien schärfer zu werden und fauchend von allen Seiten zu kommen. Wellen brachen die zuvor glatte Oberfläche des Gewässers vor ihnen, das Schilf schien warnend zu winken. Der nächste Windstoss fuhr heulend durch das Schilfmeer. Dann konnte Miriya es riechen; der herbe Geruch von nassem Fell. Sie konnte das Klicken von Klauen hören, das heisere Atmen eines Raubtieres. Sternensilber spannte sich an, die Ohren wachsam in Richtung des Raschelns gerichtet, die Augen aufmerksam funkelnd. Während Pferde und Zuchteinhörner Fluchttiere waren, hatten sich Wildeinhörner im Verlauf der Evolution eine aggressivere Haltung angewöhnt. Sie wussten sich zu verteidigen, wussten um ihre harten Hufe und kraftvollen Zähne und wie sie Gebrauch machen konnten von ihrem Stirnhorn, das bei Zuchteinhörnern viel weicher und filigraner war und gerne mal abbrach.

Direkt vor ihnen teilte sich auf einmal der Halbmond des Schilfwaldes und ein großer Schatten glitt daraus hervor. Der Mond beschien struppig nasses, grau-weißes Fell, schimmernde Reisszähne und gelbe Augen. Ein gewaltiges Tier flog durch die Luft, trennte Miriya von Sternensilber und landete knurrend vor dem Mädchen im aufspritzenden Wasser. Schaurige Krallen gruben sich in die feuchte Erde des Teichufers. Ein riesiger Schattenwolf stand vor Miriya, die erschrocken erstarrte. Er reichte ihr bis fast an die Brust, seine gelb leuchtenden Augen, die das Mondlicht brachen, befanden sich auf ihrer Augenhöhe. Er knurrte leise und bedrohlich, die hochgezogenen Lefzen entblössten lange, elfenbeinfarbene Reisszähne. Schattenwölfe waren gefürchtet, sowohl von Menschen wie auch von Tieren und allen anderen Geschöpfen. Sie waren viel größer als gewöhnliche Wölfe und galten als erschreckend intelligent und blutrünstig. Im Gesicht und entlang den Seiten der stromlinienförmigen Körper wiesen Schattenwölfe charakteristische, schwarz-graue Fellzeichnungen auf, um den Hals und die Schultern hatten sie, ähnlich einer Löwenmähne, einen Kranz langen Fells. Eigentlich waren diese gefürchteten Raubtiere beheimatet im Tal der Hin-Kia, es war äußerst selten, dass die Tiere in ihrer Suche nach Nahrung die Pässe von In-Nuya überwanden und Streifzüge durch die Savannen und Ebenen Kirk-Wanas unternahmen. Sichteten Bewohner Schattenwölfe, wurden unverzüglich die Hin-Kia benachrichtigt, um Jagd auf die Tiere zu machen. Es war noch nie vorgekommen, dass Schattenwölfe bis in das Gebiet von Ke-Inda vorgedrungen waren und Miriya stand starr vor Entsetzen da und wagte nicht, sich zu rühren. Wie hypnotisiert blickte sie dem Tier in die gelben, gereizt funkelnden Augen. Dies schien den Wolf aggressiver zu machen. Sein Schwanz peitschte durch die Luft, als er sich duckte und knurrend das Mädchen ansprang. Ein schmerzlicher Ruck durchfuhr sie und drückte jegliche Luft aus ihren Lungen, als die riesigen Pfoten auf ihre Schultern trafen und sie zu Boden rissen. Heißer Atem strich über ihr Gesicht, er trug den metallenen Geruch von Blut mit sich, während Sabber auf ihre Stirn tropfte. Die Pfoten hielt er weiterhin auf ihre Schultern gepresst, die Krallen kurz davor in ihre Haut einzudringen. Sein Gewicht hinderte sie daran, Luft zu holen und sie keuchte panisch. Das Tier fixierte sie mit diesem stechenden, hungrigen Blick. Plötzlich durchzuckte beide ein Schlag. Der Wolf wurde von Miriya weggeschleudert und landete jaulend im Teich. Wasser spritzte auf und schäumte, als Sternensilber in den Teich sprang, die Zähne gefletscht, die Ohren gefährlich am Kopf angelegt. Diamantharte Hufe wirbelten durch die Luft. Der Schattenwolf, offensichtlich verblüfft ob der schmerzhaften Gegenwehr, sprang auf und entging knapp den Hufen, die seinen Schädel hätten eindrücken können. Stattdessen zog sich Sternensilbers Rücken zu einem kraftvollen Bogen zusammen, er kam mit den Vorderbeinen auf und trat gleichzeitig mit den Hinterhufen aus. Der so überraschte Wolf wurde in die Seite getroffen und erneut durch die Luft geschleudert. Das Einhorn bäumte sich auf, Mähne und Schweif gesträubt, ein angriffslustiger Funken in den Augen. Der Schattenwolf, überfordert mit dem drohend über ihm stehenden Tier, wandte sich um und trat lautlos den Rückzug an. Sternensilber schnaubte. Als er zurück auf die Vorderbeine fiel, bebte die Erde. Er blieb einen Moment stehen, wie um sich zu vergewissern, dass der Wolf auch wirklich weg war, dann kehrte er zu Miriya zurück, die sich in der Zwischenzeit aufgerappelt hatte und mit ihrer Steinschleuder bewaffnet dem Einhorn zu Hilfe hatte eilen wollen.Nicht, dass sie mit der Steinschleuder viel Schaden hätte anrichten können, dachte sie beeindruckt, als ihr geliebter Bruder durchs Wasser watete und ihr die nassen Nüstern ins Gesicht drückte.

„Alles gut“, sagte sie, „mir ist nichts geschehen.“ Sie drückte dem Hengst zum Dank einen Kuss auf die Nüstern. Da sah sie etwas in der Erde neben der Stelle schimmern, an der der Schattenwolf sich auf seiner Flucht durchs Schilf geschlagen hatte. Ein weiteres Merkmal, das Schattenwölfe von ihren kleineren Verwandten abhob, waren die langen, säbelzahnartigen Eckzähne, die sie zu jenen gefürchteten Jägern machten, die sie waren. Auf ihren Hetzjagden brachten sich die Wölfe nah an ihre Opfer heran und schlitzten ihnen mit diesen schaurigen Zähnen die Seiten auf. Miriya hob den abgebrochenen Eckzahn auf. Er machte einen leichten Bogen, lief am Ende spitz zu und hatte eine fein gezackte, messerscharfe Linie hinten. Sternensilber schnüffelte neugierig am Zahn. Dann veranlasste ein Geräusch die beiden dazu, die Köpfe zu heben. Ein hochgewachsener Mann war fast lautlos erschienen. Er hatte lange, lackschwarze Haare, dunkle Augen und trug Tierfelle als Kleidung. Ein Köcher mit Pfeilen und ein geschwungener Bogen hingen über der Schulter. Seine Augen wanderten wachsam umher.

„War das eben ein Schattenwolf?“, wollte er besorgt wissen. Dann sah er den Eckzahn in ihrer Hand.

„In welche Richtung ist er gegangen?“, fragte der Mann weiter. Er trug mehrere Seile um den Oberkörper geschlungen, und einen dicken Holzpfosten, an dem ein Netz befestigt war. Miriya wies ihm die Richtung und er nickte ihr dankend zu.

„Nicht viele überleben den Angriff eines ausgewachsenen Schattenwolfes. Schattenwölfe zögern nie, wenn sie Beute schlagen. Du musst etwas Besonderes an dir haben“, sprach der Mann wohlwollend. Er schenkte Sternensilber einen bewundernden Blick, „ich habe noch nie gehört, dass wilde Einhörner gezähmt werden können, doch dieses scheint dir zu vertrauen.“

„Ich habe ihn nicht gezähmt. Er ist mein Freund und Bruder“, antwortete Miriya schlicht. Ihr Gegenüber hob eine Augenbraue, ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel und erhellte sein Gesicht.

„Das ist eine gute Einstellung. Du scheinst tatsächlich etwas Besonderes zu sein“, meinte er. Dann nahm er den Köcher und Bogen von seiner Schulter und hielt beides dem Mädchen hin. „Du hast mir heute geholfen. Ich möchte dir dies geben. Mögen sie dir eines Tages ebenfalls helfen, Hin-Taya.“

„Hin-Taya …?“, brachte Miriya verblüfft heraus.

„Es bedeutet ‚Mädchen, das mit den Tieren spricht‘“, antwortete der Mann. Er drückte der überraschten Miriya seine Gaben ohne weitere Worte in die Hände, nickte ihr zum Abschied freundlich zu und wollte gehen.

„Gedankt sei dir“, sagte Miriya, „aber das kann ich unmöglich annehmen.“ Er hielt kurz inne, erneut wanderte seine rechte Augenbraue in Richtung seines gleichmäßigen Haaransatzes. „Natürlich kannst du. Ich bestehe darauf.“ Dann richtete sich sein Blick auf die Armspange um ihren Oberarm. Er stutzte und tippte sie sanft an.

„Diese Armspange wurde von meinem Volk geschmiedet. Nicht viele gelangen in den Besitz eines so seltenen Schmuckes. Pass gut auf dich auf, Hin-Taya, die mit der Natur spricht.“ Er griff in eine verborgene Tasche, zog einen kleinen Gegenstand heraus und reichte auch das dem Mädchen. „Eines Tages wirst du dies brauchen. Jetzt lebe wohl, Hin-Taya. Auf das wir uns wiedersehen.“

Und mit diesen Worten ließ er Miriya stehen und verschwand beinah lautlos in der Schneise, die der Schattenwolf bei seinem Rückzug in das Schilf geschlagen hatte. Miriya wollte ihm hinterherrufen, aber als sie sich umdrehte, war er schon außer Sicht. Sie besah sich den kleinen Gegenstand, den er ihr in die Hand gedrückt hatte. Es war eine aus einem Schattenwolf-Eckzahn geschnitzte, kunstvoll verzierte Flöte mit drei Blaslöchern. Als das Mädchen probeweise hineinblies, entlockte sie dem Instrument etwas, das wie ein melodisches Heulen klang. Sie steckte die Flöte in die Gürteltasche und warf einen Blick auf Köcher, Pfeile und Bogen. Der Köcher war aus geprägtem Leder gemacht, die Pfeile mit bunt gefärbten Federn befiedert. Der Bogen war schlicht und aus poliertem Holz gefertigt. Dennoch lag er leicht in der Hand, wohl auch dank der geschwungenen Form. Sie hängte sich den Köcher über die Schultern, hakte den Bogen ein. Den Eckzahn, den sie gefunden hatte, befestigte sie an einem der Lederbände um ihren Hals, wo er zwischen Holzperlenketten und Leder knapp unterhalb ihrer Schlüsselbeine hing.Was für eine seltsame Begegnung, dachte sie verwundert. Mit einem Schattenwolf, der durch die Savanne strich, mochte sie nicht weiter Spazierengehen. Stattdessen schwang sie sich auf Sternensilbers Rücken und lenkte ihn zurück nach Ka-Nuya, wo sie erneut müde in die Farne glitt und in einen tiefen Schlaf fiel.

Kapitel II

Von fremden Reitern

„Ihr werdet dieses Mädchen suchen, bis ihr es gefunden habt. Wir sind ganz bestimmt nicht vergebens gekommen“, sagte der fremde Reiter mit Nachdruck. Er warf der unsympathischen, alten Hexe, die wie eine übergroße Krähe im Türrahmen stand, einen drohenden Blick zu, der sie zusammenzucken ließ, als hätte er ihr stattdessen eine Ohrfeige gegeben.

„Wir behalten uns vor, hier zu warten, bis Ihr das Mädchen gefunden habt“, wandte er sich nun an Gildo, der zutiefst unglücklich mit der Entwicklung der Dinge zu sein schien.

„Natürlich. Wir werden Euch und Euren Männern das Gästehaus richten“, antwortete er und beugte den Kopf, während der Reiter an ihm vorbeitrat.

„Sie ist nicht hier. Wir warten“, wies er die wartenden Männer an. Schon kurze Zeit später waren die Pferde abgeschirrt und mit Heu und Wasser versorgt und die Männer der Palastwache bezogen ihr Lager im Gästehaus. Die Bewohner Ke-Indas sahen die Fremden, die so plötzlich aufgetaucht waren und nach dem Waisenmädchen suchten, nur mit schrägen Blicken scheu an.

Miriya wachte auf, weil sie Wassertropfen auf ihrem Gesicht spürte. Sie öffnete die Augen und schaute in einen sturmgrauen Himmel, in dem der Wind weiße Wolkenfetzen vor sich hertrieb wie verirrte Schafe. Es regnete große Tropfen. Sternensilber stand unter einem Felsvorsprung und wieherte leise. Miriya schlüpfte ebenfalls unter das natürliche Regendach, kurz bevor der Himmel seine Schleusen öffnete und einen wolkenbruchartigen Regenfall niederprasseln ließ. Riesige Tropfen landeten klatschend auf Bäumen und Farnwedeln und wühlten die glatte Oberfläche des Sees auf. Kleine Wellen rollten plätschernd gegen das Ufer. Die Wolkenfetzen hatten sich unterdessen zu riesigen, schwarz-grauen Wolkentürmen zusammengeschlossen. Ein verästelter Blitz durchzuckte plötzlich den tobenden Himmel, für einen Herzschlag war alles in ein unheimliches, grelles Licht getaucht. Donner grollte dröhnend seine Antwort auf den Blitz. Der Boden schien zu beben, das Savannengras wogte und bog sich fauchend im schneidenden Wind. Elfen schwirrten panisch umher. Für Geschöpfe ihrer Größe waren die Regentropfen brutale Geschosse, wurden sie davon getroffen, konnten sie abstürzen oder gar erschlagen werden. Die meisten hatten sich rechtzeitig unter Felsvorsprüngen und in dichten Baumkronen verkrochen, doch einige, vom Nektarduft der Blumen wie berauscht, waren sitzengeblieben und vom Regen überrascht worden. Miriya beobachtete mit Respekt das unheimliche Naturschauspiel. Sie hielt sich die Ohren zu und drückte sich gegen Sternensilbers wärmende Flanke. Der Hengst hatte seine empfindlichen Ohren angelegt, schien aber nicht übermäßig beunruhigt. Plötzlich rollte ein gigantischer Blitz mit einem scharfen, sirrenden Geräusch übers Firmament und schlug krachend irgendwo in der Richtung ein, in der sich Ke-Inda befand. Miriyas Herz schien einen Schlag auszusetzen. Bei allen negativen Gefühlen, die das Einhornzüchterdorf in den letzten zwei Sommern seit dem Tod ihrer Eltern in dem Mädchen entfacht hatte, so war es doch ihre Heimat, in der sie glückliche Stunden als Kind und junge Erwachsene verlebt hatte. Auch waren ihr die Einhörner keineswegs gleichgültig. Sie stand da wie betäubt, mit offenem Mund, die Hände immer noch über ihren Ohren und sah hilflos zu, wie der schwarze Rauch eines lodernden Feuers sich in den sturmgrauen Himmel schraubte. Sie musste sich unbedingt vergewissern, dass niemandem, ob Mensch oder Tier, etwas geschehen war.

Die Dorfbewohner hatten alle Hände voll zu tun. Ein riesiger Blitz war fauchend in einen der Ställe gefahren und hatte ihn angezündet. Verletzt oder tot war glücklicherweise niemand, nicht einmal ein Einhorn. Schnell bildeten die Einhornzüchter im Regenschauer eine Kette zum Dorfbrunnen und reichten sich Holzeimer voll Wasser, um die Flammen zu bekämpfen. Die Männer der Palastwache behielten die Lage im Auge, schienen aber vorerst nicht gewillt, ins Geschehen einzugreifen. Ihr Kommandant stand mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen gelehnt da und beobachtete das geschäftige Treiben mit hochgezogenen Augenbrauen, sein Vizekommandant stand neben ihm und stopfte eine kleine, elegant geschwungene Pfeife. Die Einhörner bockten, stiegen auf die Hinterbeine und wieherten schrill und ängstlich. Sie gebärdeten sich wie toll, während die Reittiere der Palastwache sich nach einem anfänglichen Schockmoment beruhigt hatten und jetzt ruhig dastanden und Regen und Wind trotzten. Als die Lage aussichtslos wurde, befahl der Kommandant der Palastwache dann doch, dass man den Dorfbewohnern aushelfen solle. Schweigend bildeten sie eine zweite Kette und bekämpften den Brandherd von einer zweiten Seite. Das Feuer brannte trotz des starken Regens munter weiter und frass sich geschäftig durch Strohdach und Holzbalken des Stalles. Der starke Wind verteilte glühende Aschefetzen und plötzlich stand auch Hinayas Hausdach in Flammen. Die dürre Frau sprang schreiend herum und kreischte um Hilfe, was dem Anführer der Palastwache trotz allem Anstand und aller Zurückhaltung ein kurzes Grinsen entlockte. Die unsympathische Alte sah erneut wie eine übergroße, gerupfte Krähe aus, die orientierungslos herumhüpfte und allen im Weg stand. Gegen Abend hörte der Regen auf, der Wind nahm ab und die Wolken teilten sich, um der tiefstehenden Sonne einen Blick auf die verkohlten Überreste des Stalles und Hinayas Hauses zu gewähren. Zwei weitere Häuser waren ein Opfer der Flammen geworden, selbst mit tatkräftiger Hilfe der Palastwache hatte man dies nicht verhindern können. Wehklagend standen die Besitzer der Häuser vor den Ruinen und sammelten das zusammen, was sie aus dem Flammenmeer hatten retten können. Am lautesten klagte das alte Weib. Sie rang sich die Hände und schluchzte trocken. Die Luft war nun kühl und klar, wie vom Gewitter gereinigt und roch leicht salzig. In Ka-Nuya wagte man sich aus den Schlupfwinkeln. Miriya sprang kurzentschlossen auf Sternensilbers Rücken und lenkte ihn durch die regennasse, leicht dampfende Savanne. Der Teich, bei dem sie letzte Nacht auf den Schattenwolf getroffen war, hatte das umliegende Ufergebiet überflutet und sah schlammig und aufgewühlt aus. Sternensilber fiel in seinen weichen, wiegenden Schritt und sie näherten sich langsam dem Dorf der Einhornzüchter.

Hinaya war schluchzend vor den verkohlten Überresten ihres Häuschens zusammengebrochen. Jegliche Hoffnung auf Rettung hatte sie verlassen, als sie gesehen hatte, dass nicht einmal die Männer der Palastwache etwas gegen die Flammen in ihrem Häuschen hatten ausrichten können. Nun standen sie neben der wehklagenden Frau und musterten diese etwas abschätzig. Strikt dazu ausgebildet, in Notsituationen nicht die Nerven zu verlieren, konnten sie das Verhalten der älteren Person nicht nachvollziehen oder billigen. Die anderen Familien, die ihre Häuser verloren hatten, hatten sich längst gefangen und begonnen, alles, was sie hatten retten können in die zur Verfügung gestellten Übergangsunterkünfte zu verfrachten. Die Reiter hatten ihr Bestes getan und das Feuer schließlich zähmen können. Es hatte eine Weile gedauert, aber schlußendlich hatte man gemeinsam alle Brandherde auslöschen können. Nun standen die Dorfbewohner von Ke-Inda fassungslos um die verkohlten Überreste dessen, was am Morgen noch hübsche Holzhäuser mit sorgfältig angebrachten Strohdächern gewesen waren. Während die Einhornzüchter sich in erster Linie darauf konzentrierten, den Betroffenen zu helfen, sich um die verstörten Einhörner zu kümmern oder das Ausmaß der Schäden abzuschätzen, wandten sich die Blicke der Palastwache einer plötzlichen Eingebung folgend ab von der Zerstörung, hinaus auf die Ebene jenseits der Umzäunung, die das Dorf umschloss. Nachdem das von der Sonne erhitzte Gelände durch den Regen merklich abgekühlt worden war, zogen nun glitzernde Nebelschwaden auf. Das Sonnenlicht der tiefstehenden Sonne filterte durch die Nebelfetzen und ließ sie milchig verschwimmen. Plötzlich wandten sämtliche Pferde und viele Einhörner ihre Köpfe, die Ohren gespitzt, die Nüstern witternd in die Luft gestreckt. Die lärmigen Aufräumarbeiten und das geschäftige Treiben im Dorf kamen zum Erliegen, als alle auf einmal still wurden. Umrisse zeichneten sich in den Nebelschwaden ab, langsam schälten sich Formen daraus hervor. Ein wildes Einhorn schritt in majestätischer Erhabenheit auf das Dorf zu. In die lange Mähne waren Amulette, farbige Bänder, kleine Glöckchen, die kaum hörbar waren und Zöpfchen mit Federn eingeflochten. Das sanfte, durch die Nebelschwaden gedämpfte Licht ließ das silberne Horn leuchten. Die Männer der Palastwache standen wie versteinert, die Dorfbewohner staunten mit offenen Mündern. Auf dem Rücken des wilden Einhorns wurde die zierliche Gestalt eines Mädchens sichtbar. Sie saß stolz, hoch aufgerichtet mit kerzengeradem Rücken ruhig und selbstsicher ohne Sattel und Zaumzeug auf dem mächtigen Tier. Ihre bronzebraune Haut schimmerte golden im Licht der untergehenden Sonne, das seidig schimmernde blau-schwarze Haar war auf die gleiche Weise verziert wie die Mähne ihres Reittieres. Ein Raunen ging durch die Menge, als Miriya das Gatter passierte und von Sternensilbers Rücken glitt. Das Einhorn hielt sich dicht hinter ihr, so dicht, dass sie die Wärme seines Körpers auf ihrem Rücken spüren konnte. Die Männer der Palastwache verneigten sich leicht. Ihr Kommandant trat vor und wollte etwas sagen, doch Hinaya, die sich bei Miriyas Anblick wieder gefasst hatte, schnitt ihm kreischend das Wort ab.

„Was fällt dir eigentlich ein, einfach so auf deinem verfluchten Einhorn zu verschwinden?! Das wird Konsequenzen haben, du –“ Ihre Schimpftirade wurde vom Anführer ungeduldig im Keim erstickt, als er die Alte bestimmt zur Seite schob, weg von dem hübschen Mädchen. Sie sah ihn erstaunt aus großen, dicht bewimperten Augen an. Alles schwieg und starrte Miriya an.

„Du musst Miriya sein“, sagte der Kommandant. Seine Stimme hatte einen angenehmen, wenn auch ein wenig heiseren Klang und die sanfte Bestimmtheit, mit der er sprach, wies darauf hin, dass er es gewohnt war, dass seinen Befehlen Folge geleistet wurde.

„Mein Name ist Keyan und ich komme aus Kirk-Wana, der Hauptstadt. Königin Raika schickt mich, dich zu ihr zu geleiten“, fuhr der hochgewachsene, breitschultrige, junge Mann fort. Er beugte kurz den Kopf zum Gruß. Seine Wortwahl und sein Tonfall ließen keine Zweifel daran, dass Miriya keine Wahl blieb, als ihn zu begleiten. Er schien in ihren Augen einen Anflug Widerwillen zu erkennen.

„Morgen werden wir aufbrechen. Und du wirst mit uns nach Kirk-Wana kommen“, fügte er mit Nachdruck hinzu. In den braunen Augen des Mädchens tauchte ein belustigtes, herausforderndes Funkeln auf. Als Kommandant der Palastwache wagten nicht viele Menschen es, Keyan so kühn in die Augen zu schauen und obwohl sie sich eben erst begegnet waren, kam er nicht umhin, von ihr fasziniert zu sein. Ihre singende, dunkle Stimme durchbrach seine Gedanken und er merkte erstaunt, dass er abgeschweift war.

„Und was will Ihre Majestät Königin Raika von mir?“, wollte Miriya wissen. Ihre Augen fixierten seinen Blick und obwohl sie ihm nur bis knapp an die Nasenspitze reichte, hatte er das Gefühl, dass sie auf Augenhöhe sprachen.

„Das hat Ihre Majestät mir nicht offenbart. Es schien Ihr wichtig zu sein, dass wir dich so schnell wie möglich finden und zu Ihr bringen“, antwortete er schließlich. Ein Anflug von Misstrauen glitt über ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den vollen Lippen. Ihr Einhorn schüttelte leicht den herrlichen, gehörnten Kopf. Sie schien ihre Optionen sorgfältig abzuwägen. Keyan hielt unwillkürlich die Luft an, bis sie endlich kurz nickte.

„Dann sollten wir Ihre Majestät wohl nicht mehr warten lassen“, sagte sie schlicht und er, der Kommandant der Palastwache, spürte verwundert, dasssieihnsoeben aus ihrem Gespräch entlassen hatte. Gertenschlank und biegsam wie Schilf im Wind stand sie einen Augenblick reglos vor ihm, dann drehte sie sich ihrem Einhorn zu und flüsterte ihm leise Worte zu, die selbst Keyan, der direkt vor ihr stand, nicht zu hören vermochte. Das Einhorn wieherte leise und schnaubte so rau, dass den umstehenden Menschen eine Gänsehaut über den Rücken fuhr. Sternensilber hob den Kopf und blickte Keyan forschend an, als der junge Mann Miriya mit einer Geste einlud, ihm zu folgen. Dem wachen Auge des Kommandanten entging nicht, wie Hinaya Miriya hasserfüllt anblickte. Er beugte sich kaum merklich vor und sagte leise: „Wenn diese Hexe Hand an dich anlegt, kann sie was erleben.“

Da wandte das Mädchen ihm ihr hübsches Gesicht zu und grinste ihn an. Keyan erwiderte das Grinsen. In dieser Nacht schlief Miriya zusammen mit den Männern der Palastwache im Gästehaus, neben dem Feuer, das die Reiter aus Kirk-Wana zum Kochen geschürt hatten. Während der Feuerschein die blauen Reflexe in ihrem Haar tanzen ließ, schlief sie friedlich dicht an Sternensilber gepresst, der es sich nicht hatte nehmen lassen, seiner Schwester in das Haus zu folgen. Die Männer musterten respektvoll das Mädchen, das es geschafft hatte, sich ein wildes Einhorn zum Freund zu machen.

Am nächsten Morgen zogen Nebelschwaden dicht über dem Savannengras dahin, man sah kaum bis zum anderen Ende des Dorfes. Die Sonne leuchtete fahl und gedämpft durch eine dichte Wolkenschicht und tauchte deren Ränder in goldenes, dunstiges Licht. Schon früh am Morgen, als es noch dunkel gewesen war, hatte Keyan sowohl seine Männer wie auch Miriya geweckt. Das Mädchen fand sich etwas verwirrt auf hartem Boden vor, jemand hatte ihr im Laufe der Nacht seinen Umhang als Decke überlassen und der weiche, warme Stoff fiel schwer von ihren Schultern, als sie sich benommen aufrichtete. Sternensilber blies ihr als Morgengruß freundlich seinen warmen Atem ins Gesicht. Miriya hob den schweren Umhang auf und blickte sich fragend um.

„Du hast mit den Zähnen geklappert“, erklärte ein Mann, der in der allgemeinen Geschäftigkeit des Aufbruchs plötzlich neben ihr auftauchte. Er hatte die aschblonden Haare im Nacken mit einem Lederband zusammengefasst und seine kornblumenblauen Augen funkelten lustig, während er den dargebotenen Umhang an sich nahm und ihn sich wieder um die breiten Schultern schlang.

„Habt Dank“, meinte Miriya. Dann kam Keyan und drückte beiden je eine Schüssel mit dampfendem Inhalt in die Hand. Es stellte sich als eine Art Brei heraus, der würzig und scharf war und jegliche Schläfrigkeit vertrieb. Miriya war sich indessen nicht sicher, ob sie dieses Lebensmittel wirklich mochte. Keyan bemerkte ihren skeptischen Blick und musste ob der krausgezogenen Nase unwillkürlich grinsen.

„Soll sehr gesund sein“, meinte er bloß und nahm dem Mädchen, das ihn zweifelnd anblickte, die leere Schale aus der Hand.

Als die Sonne es endlich geschafft hatte, sich durch die Wolken zu arbeiten, brachen die Männer der Palastwache auf. Miriya schloss sich ihnen ohne Umschweife an. Im Einhornzüchterdorf bleiben kam für sie ohnehin nicht in Frage und wenn die Königin sie sehen wollte, würde sie sich wohl oder übel an den Hof begeben müssen, ungeachtet der mysteriösen Umstände. Verweigerung würde nicht geduldet werden. Miriya ritt wie gehabt ohne Sattel und Zaumzeug auf Sternensilber. Keyan hatte sie geheißen, neben ihm zu reiten. Die anderen elf Reiter ritten in kleinen Gruppen hinter ihnen, sprachen, lachten und scherzten ungezwungen miteinander und waren doch wachsam. Miriya, die sich die Palastwache immer als ernste, schweigsame, strenge Zeitgenossen ohne Humor und Persönlichkeit vorgestellt hatte, musste überrascht ihre Vorurteile revidieren, als sie sah, wie locker und doch diszipliniert die Männer sich verhielten. Die meisten wollten von Miriya auch nicht mit den üblichen Höflichkeitsfloskeln und Respektsbekundungen angesprochen werden, sondern bestanden auf informellen Umgangsformeln. Miriya war das nur recht, sie konnte mit der blumigen, unterwürfigen Sprache bei Hofe wenig anfangen und störte sich auch nicht daran, dass alle sie mit ihrem Namen und „du“ ansprachen.

Die Nebelschleier schienen sich vor dem bläulich-weißen Wildeinhorn und dem prächtigen Rappen, den Keyan ritt, zu teilen. Ab und an drangen nun Sonnenstrahlen durch die Wolkenwand. Miriya konzentrierte sich auf Sternensilbers Horn, das die gelegentlichen Strahlen schimmernd brach und regenbogenfarbig zurückwarf. Der nachtschwarze Rappe mit dem seidigen Fell neben ihr schien ob des Einhorns nicht im Geringsten aus der Ruhe gebracht zu sein. Anmutig trug er seinen Reiter mit gleichmäßigen, weichen Schritten durch das Nebelmeer. Während Keyans Männer weiterhin fröhlich schwatzten und einander derbe Scherze zuriefen, ritten der Kommandant und das Mädchen schweigend nebeneinander her. Gegen Nachmittag verflüchtigen sich die Nebelschwaden endgültig und gaben den Blick frei auf In-Nuya, den riesenhaften Gebirgszug. Wie eine gewundene, graue Wand schlängelte er sich dahin und hatte scheinbar keinen Anfang und kein Ende.

„Überqueren wir In-Nuya?“, brach Miriya neugierig das Schweigen. Sie war noch nie so weit weg von Ke-Inda gewesen und alles fühlte sich neu und aufregend an. Für sie bestand das Land Kirk-Wana aus weiten Ebenen mit smaragdgrünen, kniehohen Wiesen, dichten Wäldern, mit Seen, Tümpeln und Flüssen, mit Schilfwäldern und Schluchten wie Ka-Nuya. Der Anblick friedlich grasender Einhörner gehörte für sie ebenso dazu, wie der Anblick der auf ihre Holzstöcke gestützten Hirten, die sich leise miteinander unterhielten, sich mit Schnitzereien beschäftigten oder vor sich hindösten. Nun würde sie also ein ganz anderes Kirk-Wana kennenlernen. Und nicht zuletzt die Hauptstadt Kirk-Wana, die viele Einhornzüchter nicht ein einziges Mal in ihrem Leben besuchten.

„Ja. Wir werden über den In-Kara gehen“, bestätigte Keyan und als er Miriyas blanke Miene sah, fügte er erklärend hinzu, „das ist einer der tiefer gelegenen Gebirgspässe und er liegt am nächsten.“ Das war das erste Mal seit ihrem Aufbruch, dass sie ein Wort miteinander gewechselt hatten.