2,99 €
Das Küchenfenster ist eine Reihe von Kindheitserinnerungen aus Oberstdorf. Die erfrischende Reise führt zurück in eine Zeit in der Kinder frei lebten solange sie zum Essen wieder daheim waren. Zwischen Bergseen, Schnee und Kurgästen wuchsen sie in Freiheit auf
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2021
Im Arm meines Vaters und meiner Mutter entdeckte ich meine Welt. Vor dem offenen Küchenfenster im zweiten Stock der Villa Gschwender in der Nebelhornstrasse.
„Schau, Butz, da drüben ist die Frau Vogler, die ihre Hühner füttert in ihrem Garten.“
„Schau da rennt der Albert mit seine Feuerwehruniform und springt auf sein Fahrrad. Und da laufen schon die ersten Gäst zur Nebelhornbahn.“
„Schau, Butz das ist der Herr Pfarrer der da sein Fahrrad schiebt.“
Ingrid LL Weissenberger
DasKüchenfenster
und andere Geschichten
Kindheitserinnerungen aus Oberstdorf
Copyright © 2021 Ingrid LL Weissenberger
Publisher: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
ISBN
Paperback:
978-3-347-21216-9
Hardcover:
978-3-347-21217-6
eBook:
978-3-347-21218-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrecht-lich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffent-liche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen National-bibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Fúr Sierra und Eden
Inhalt
Das Küchenfenster 1
Das Küchenfenster 2
Das Küchenfenster 3
Das Küchenfenster 4
Das Küchenfenster 5
Das Küchenfenster 6
Das Küchenfenster 7
Das Küchenfenster 8
Das Küchenfenster 9
Das Küchenfenster 10
Das Küchenfenster 11
Das Küchenfenster 12
Das Küchenfenster 12b
Die Trettach
Der Dutt
Das Fahrrad
Die Washküche
Das Haus Tanneck
Der Staubsauger
Der Freibergsee
Der Gallusmarkt
Der Krimi
Der Winnetou
Die Turnstunde
Sonntag am Söllereck
Kurgäscht
Papas neue Hose
S Lädle
S Nähkäschtle
Photo
Die Hörzu
Der Wecktag
Der Emmentaler Blitz
Der Küchenherd
Die roten Schuh
Wenn ich als Kind früh aufwachte und aus dem Küchenfenster schaute, wenn der Himmel über dem Rubihorn gerade rosig wurde, sah ich oft zwei ganz alte Schwestern, die unten auf der Nebelhornstrasse in die Berge gingen. Ihre Bergschuhe waren schwer, aber sie liefen geräuschlos. Im Winter hatten sie am Rucksack die Skier mit Steigfellen.
Das Küchenfenster
Ich steck gerade mein letztes Schulheft in den Ranzen, als ich meinen Namen hör. Schnell mach ich das Küchenfenster auf. Ein Schwall von warmer Luft kommt in die Küche. Er riecht nach nassem Staub und erzählt vom Sommer. Am Nebelhorn schaut der letzte Schnee aus wie Gold. Unten an der Strasse stehen meine Freundinnen.
“Beeil Dich. Wir kommen zu spät.”
Ihre Fahrräder glänzen in der Sonne. Heute is ein grosser Tag. Wir fahren zum ersten Mal wieder mit dem Fahrrad in die Schule. Der Schnee ist weg, Das Kies und das Salz von der Strasse gewaschen. Das ganze Wochenende haben wir die Räder geputzt. Mit der Paste aus der verschrumpelten alten Tube haben wir das Chrom so poliert, dass wir uns darin sehen können. Als ich aus der Küche renn, erwischt mich Mama. Ich muss eine Strickjacke anziehen.
“Aber Mama, es ist doch Frühling.”
Als ich die Treppe hinunterrenne, hör ich noch etwas von Wetterumschl……… Und dann bin ich draussen. Meine Freundinnen lachen, die Fahrräder glänzen und die Sonne wärmt das Dorf. Beim Vogler in der Schneiderei, unterhalb der Strasse, schneiden Albert und sein Vater mit grossen Scheren den Stoff für einen Anzug. Wir wollen gerade über die Strasse, als wir den Lastwagen hören. Voll mit Kies rast er um die Kurve. Mit weiten Augen rennen wir auf die andere Seite und beeilen uns loszufahren. Unsere Eltern haben uns gewarnt. Da kommen jetzt Laster mit Anhänger. Der Luftzug dazwischen kann einen leicht mit hineinziehen. Also Absteigen und das Fahrrad auf den Geh steig ziehen. Aber wir radeln so schnell, dass wir schon an der Stempflekreuzung sind, bevor der nächste kommt. Ab und zu ein Auto und sonst Stille. Ich halte an und zieh die Strickjacke aus. Ganz durchgeschwitzt bin ich. Ich klemm sie vorsichtig in den Gepäckständer. So ein Strickjackenärmel hat schon mehrere vom Fahrrad geschmissen als er sich in den Schpeichen verhängt hat. Und die schöne neue Jacke wär auch verrissen. Ich träum davon so ein Körble zu haben, das man hinten einklemmt für den Schulranzen und die Jacke.
Um den Bahnhof herum sind schon mehr Schüler. Beim Fischer auf der Terrasse prosten ein paar Abiturklässler auf den Frühling. Auf der geraden Strasse lassen wir es sausen. Wir strecken unsere Füss aus und unsere Haare fliegen im Wind. Die Föhnwolken in einem strahlendblauen Himmel zeigen uns die Richtung. Ich lache als ich mich an unseren ersten Schultag erinnere.
Wir hatten damals solche Angst zu spät zu kommen. Grad an dem Tag hatte uns ein Wolkenbruch erwischt. Zwischen Gartenhägen, Stacheldrat und Wiesen gab es keinen Unterstand. Die Tropfen waren schwer und eiskalt. Zu rennen hatte schliesslich gar keinen Sinn mehr. Patschnass standen wir vor der geschlossenen Glastür. Dahinter lief Herr Kosik vorbei und wollte eigentlich garnicht aufmachen. Aber dann hatte er gesehen, wie nass wir waren. Er hatte uns sogar heisse Schokolade gemacht, um uns aufzuwärmen, bevor die anderen Schüler hereinströmten. Wir waren über eine Stunde zu früh da.
Während wir unsere Fahrräder abstellen, machen wir Pläne. Am nächsten Sonntag werden den wir eine Fahrradtur machen. An der Iller entlang nach Fischen.
Als ich am nächsten Tag das Küchenfenster aufmach schimpft Mama, weil ich die erste Wärme vom Küchenherd hinauslasse. Unten auf der Strasse stehen meine Freundinnen im Schnee und schauen unter ihren Kapuzen heraus.
Das Küchenfenster 2
Am Ostersamstag sitzen wir alle in der Küche. Am Fenter laufen die Tropfen herunter und fallen aufs Fensterbrett. Der Himmel hängt so dunkel und schwer, dass sogar beim Vogler das Licht an ist in der Scneiderei. Der Dampf in der Küche riecht nach Essig. Mama hat grad noch die letzten Farbtabletten im Lädle erwischt. Der Küchentisch hat zwei Lagen Allgäuer. Eine Stückle Speck liegt auf seinem Fettflecken. Auf dem Küchenherd steigt der Dampf auf vom Topf voll weisser Eier. Mir tut der Hals weh vom Eier ausblasen. Auf der Anrichte steht der Osterstrauss. Mama hat es wieder geschafft grad zu Ostern Palmkätzle und Forsitzienblüten auf ihrem Strauss zu haben. Mitten im Winter und im Schnee hat sie die Zweigle geholt. Ich hänge mein erstes Ei an den Forsitzienzweig. Das Wasser in der alten Glasvase ist schon voller Wurzeln.
Mein Jesus ist mir nicht gut gelungen. Aber dafür hab ich gelbe Blumen aufs Ei gemalt. Papa sitzt da mit seinem alten Malkasten von Aquarellfarben. Der Pinsel hat nur ein paar Haare. Langsam entsteht eine ganze Landschaft mit unseren Bergen und Wiesen. Und mittendrin der Jesus und seine Mutter unter dem Kreuz. Ich möcht das Ei so gern morgen mitnehmen in die Kirche und es weihen lassen. Die Wahrheit ist, ich möchte damit angeben, weil es so schön ist. Aber Oma hat gesagt ein leeres Ei weihen zu lassen…..und hat dabei den Kopf geschüttelt. Mama holt das erste gekochte Ei aus der roten Farbe. Es glänzt auf dem Löffel. Wir strahlen alle. So ein schönes rot ist es diesmal. Ein kleiner Kurgast darf den Speck drauf reiben und verbrennt sich die Finger. Und das blaue ….?
“Ahhh”, sagen alle.
Nach und nach ist der Tisch voller Eier in allen Farben. Ich kann es kaum erwarten morgen mit Oma und meinem Körble in die Kirche zu laufen. Vor dem Küchenfenster fallen die ersten Tropfen.
Wir sind jeden Tag mit dem Fahrrad in die Schule gefahren. Auch wenn Mamas Scneeglöckle wieder weiss auf weiss da standen und das Rad unsere Füss mit Schneematsch bespritzt hat. Mit dem Ranzen und dem Schirm sind wir gefahren und sassen den ganzen Morgen mit nassen Schuhen da. Aber wir haben es nicht aufgegeben.
Als ich am Montag Morgen in die Küche komm, leuchtet das Fenster. Vom Grünten her kommt ein starker Wind das Tal herauf. Unten stehen meine Freundinnen mit ihren Fahrrädern. Sie grinsen stolz. Jetzt kommt doch der Sommer.
Das Küchenfenster 3
Meine Freundinnen trampeln die Stiege herauf und sind ganz aufgeregt. Heute machen wir endlich eine Tour. Eine Brotzeit haben sie dabei und eine Sprudelflasche voll Himbeersirup mit Wasser. Mit einem neuen Gummi, damit sie nicht ausläuft wie beim letzten Mal. Sie lehnen sich zum Fenster hinaus.
“Schau wie schön der Himmel ist. Sogar der Herr Pfarrer fährt mit dem Fahrrad.”
“Herr Pfarrer”, ruft die eine.
Bis in den zweiten Stock hören wir wie seine Bremse quietscht. Sorgfältig steigt er ab und schaut herum. Dann steigt er wieder auf.
“Herr Pfarrer”, ruft die Freundin wieder.
Der Herr Pfarrer hält wieder an und dreht sich um. Keiner ist auf der trockenen Strasse.
Schliesslich schaut er in den Himmel hinauf und fährt weiter. Wir halten uns alle den Mund zu, weil wir so lachen müssen und gerade da kommt Papa in die Küche.
“Was, nach Fischen wollts Ihr. Überm
Söllereck stehen schon die Wolken. Weiter als auf den Kühberg könnts Ihr heut nicht fahren.”
“Gruben”, schlägt eine vor.
Aber an dem Krach vom Kieswerk will keine vorbei. Ausserdem sind die Laster zu gefährlich.
“Da bin ich ganz erschottert”, sagt eine und wir lachen wieder bis uns die Luft ausgeht.
Gestern morgen hab ich ganz vorsichtig die Tür aufgemacht. Zum Ostersonntag hängt uns Oma immer einen Zopfkranz an die Türklinke. Ein Stückle ist noch da. Mit einer dicken Schnitte Butter wird das jetzt meine Brotzeit. Ich hol eine der gefalteten Papiertüten aus der Schublade und auf gehts zum Kühberg. Den Zick Zack Weg hinauf schieben wir. Als wir oben aus dem Wald kommen, hat sich unsere ganze Welt verändert. Der Himmel ist riesig und das Dorf klein. Wir fühlen uns viel grösser da heroben mit unserer Schule im Hintergrund und den Dächern von all den Häusern, in denen unsere Freunde wohnen. Wir sitzen auf grossen Steinen, weil sonst doch der Hintern noch nass wird. Ein paar Häsle rennen vorbei. Vom Dorf herauf kommen ein paar Laute und sonst ist Stille. Auf dem Heimweg rasen wir die Strasse hinunter zur Sprungschanze und dann noch schneller den Berg hinunter. Die Kälte vom Faltenbach her brennt in den Augen. Der Wind bläst sogar durch das Jäckle, auf das die Mama bestanden hat.
Mein Fahrrad hab ich in den Keller gebracht und ich lehne mit Papa auf dem Sims vom Küchenfenster. Die Nachbarinnen kämpfen mit den Leintüchern auf der Leine. In der Ferne blitzt es schon. Die ersten Tropfen fallen schwer auf die Nebelhornstrasse und lassen dunkle Flecken. Der Geruch vom nassen Staub steigt herauf, der Geruch vom Sommer.
Das Küchenfenster 4
Sommer ist erst wenn das Moorbad offen ist. Aber schön warm ist es jetzt schon. Das Fenster ist weit offen und ich mach meine Hausaufgaben auf dem Küchentisch. Von der Strasse herauf kommen die Stimmen der Kurgäste, auf dem Weg zur Nebelhornbahn.
In unseren neuen Sommerkleidern fahren wir jeden Tag mit dem Rad in die Schule. Bis jetzt noch mit Kniestrümpfen und Jäckle. Die Tour nach Fischen haben wir schliesslich doch gemacht, an der Iller entlang. Und auch nach Gruben sind wir geradelt, aber über den Kühberg. Sogar am Freibergsee waren wir, weil das Moorbad schon so lang braucht, bis es endlich aufmacht. Wir haben ganz trotzig unsere Badeanzüge angezogen und sind vorsichtig, ausserhalb der geschlossenen Badeanstalt, ins Wasser gegangen. Bis zu den Knien, dann hatten wir Wadlkrämpfe und sind schnell wieder raus. Wir haben fast bis zu den Fahrrädern gezittert. Das dürfen die Eltern natürlich nicht wissen. Die Freundin hat am letzten Samstag schliesslich die Geschichte mit dem Herr Pfarrer gebeichtet. Am Sonntag hat er uns ganz traurig angeschaut. Enttäuscht sah er aus. Mir wärs lieber gewesen, er wäre sauer. Im Garten blühen schon die Tulpen und darunter liegen, in vielen Farben, die Schalen der geweihten Eier. Papas Stolz, sein Birnbaum, hat auch schon Blüten.
Die Mathe Aufgaben sind schon furchtbar schwer. Da hör ich die Glocke. Schnell geh ich zum Fenster. Und da kommt schon der Albert und schubst sein Fahrrad auf die Strasse. Wie ein Cowboy auf sein Ross springt er aufs rollende Rad. Im Fahren knöpft er die Uniform zu. Irgendwo brennt es in Oberstdorf. Gleich danach hört man die Sirenen. Wie damals als das Bergkristall abgebrannt ist. Ich stand mit Mama im Garten Zwischen Horles Bäumen konnten wir das Feuer sehen. Und da kam auch schon der Wagen von der Feuerwehr, ganz langsam am Berg entlang.
Und dann hielt er an. Er war auf dem schmalen Weg im Schnee steckengeblieben. Ich war noch ganz klein, aber seitdem hab ich Angst vorm Feuer.
Frau Vogler, Alberts Mama, füttert ihre Hühner im Garten. Wenn ich gross bin, will ich auch Hühner haben. Ich möcht so gern wissen, ob das, was die Lausbuben gesagt haben, wahr ist. Sie haben behauptet, dass der Dotter von den Eiern grün wird, wenn die Hennen Maikäfer fressen. Eine ganze Schuhschachtel von den Käfern haben sie gesammelt und heimlich Voglers Hennen gegeben. Aber nach der Geschichte mit dem Pfarrer, sag ich lieber nichts und beug mich wieder über meine Mathe Aufgaben. Ach, wenn doch das Moorbad endlich auf wär.
Das Küchenfenster 5
Und plötzlich ist er da, der Sommer. Wir lassen alle Fenster offen, aber die Zugluft kommt nicht. Die Hitze sitzt im Talkessel. Wir betteln jeden Tag um Hitzefrei. So ein extra Tag Freiheit wäre wie ein Geschenk. Das Moorbad ist endlich offen. Wir stehen am Beckenrand. Wir haben es so geplant, dass wir all zusammen reinspringen, aber wir traun uns nicht. Da |kommt doch so ein Lausbub und schmeisst uns rein. Im Fallen hör ich die Pfeife vom Bademeister. Die Welt ist moosgrün von unten gesehen. Zitternd klettern wir aus dem Becken. Wir legen uns auf unsere Handtücher und warten darauf, dass uns die Sonne aufwärmt. Bloss die Füss tun wir später ins Wasser, während wir an den Weissen Mäusen lutschen bis sie ganz lang und dünn sind. Auf dem Rückweg verreiss ich mein Kleid, als wir beim Anwander über den Zaun steigen. Das Kleid ist vom letzten Sommer und alleine krieg ich den Reissverschluss nicht mehr zu.
In der Schule fühlt sich mein Sommerkleid an wie Sandpapier. Wir haben unseren ersten Sonnenbrand. Eine Woche später ziehen wir uns gegenseitig die alte Haut ab. Wir schauen wer das grösste Stück erwischt.
Es ist jetzt so heiss, dass wir die Fenster Tag und Nacht auflassen. Abends sitzen wir auf dem Küchensofa. Mama macht das Licht aus zum Fernsehen. Zwei Schnaken schweben zum Fenster herein und machen den Krimi noch grusliger.
Ein schreckliches Geschrei weckt mich auf in der Nacht. Ich renn durch die Wohnung zum Küchenfenster. Mitten auf der Strasse laufen Kurgäste vom Trettachstüble.
“Oh Du schöner We he he sterwald”,
schreien sie.
Die Ruhe kommt langsam wieder. Der Vollmond macht die Nachbarschaft zu einem blau- weissen Bild.
