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Ein kleines, erbauliches Buch über die großen Fragen unserer Welt, die Reise eines Menschen zu sich selbst. Der junge Beduine Abdel Mansur wächst in der Wüste auf. Yusuf, sein Vater, nimmt ihn mit zu einer Handelsreise von Timbuktu bis nach Marrakesch und lehrt ihn auf dem Weg innere Gelassenheit und die Freude am nächtlichen Sternenhimmel. Eines Tages bricht Abdel allein in den Norden auf. Die Reise führt ihn bis nach Europa, wo sich die Weisheiten seiner Heimat als überaus wertvoll erweisen und wo Abdel schließlich sein Glück findet.
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Ramón Villeró
Das Lächeln der Erde
Aus dem Spanischen von Hanna Grzimek
Ihr Verlagsname
Ein kleines, erbauliches Buch über die großen Fragen unserer Welt, die Reise eines Menschen zu sich selbst.
Der junge Beduine Abdel Mansur wächst in der Wüste auf. Yusuf, sein Vater, nimmt ihn mit zu einer Handelsreise von Timbuktu bis nach Marrakesch und lehrt ihn auf dem Weg innere Gelassenheit und die Freude am nächtlichen Sternenhimmel. Eines Tages bricht Abdel allein in den Norden auf. Die Reise führt ihn bis nach Europa, wo sich die Weisheiten seiner Heimat als überaus wertvoll erweisen und wo Abdel schließlich sein Glück findet.
Ramón Villeró wurde 1955 in Andorra geboren. Nach dem Jurastudium in Barcelona arbeitete er zehn Jahre lang als Anwalt in Andorra. Nebenbei begann er zu fotografieren, veröffentlichte einen Roman und zahlreiche Artikel. Seit 1990 ist er als freier Journalist tätig und wurde als solcher mehrfach ausgezeichnet. Das Afrika, über das er schreibt, kennt er aus eigener Erfahrung.
Dieses Buch ist den Kindern gewidmet.
«Der Geist des Tals stirbt nicht,
das heißt das dunkle Weib.
Das Tor des dunklen Weibs,
das heißt die Wurzel von Himmel und Erde.
Ununterbrochen wie beharrend wirkt es ohne Müh.»
Lao Tse1
«Habe die Füße auf dem Boden und den Kopf im Himmel. Bist du des Nachts unterwegs, so betrachte die Sterne; achte darauf, wann der Mond zunimmt und wann er abnimmt, und lerne die Sternenbilder zu orten. Schlafe hin und wieder unter freiem Himmel: mit dem Rücken auf der wärmenden Erde, die Augen gen Himmel gerichtet.
Sprichst du mit jemandem, so versetze dich für einen Moment in seine Lage, stell dir vor, du wärest er. Du wirst ihn dann besser verstehen.
Auch wenn es dich Mühe kostet, bewahre immer einen Funken Freude in deiner Seele; Freude steckt an und verbindet die Menschen.
Versuche, die Kinder zu begreifen, tauche so tief wie möglich ein in ihre Welt; auch sie bewohnen die Erde. Wenn du einem Kind begegnest, betrachte es aufmerksam und lächle ihm zu.
Behandle die Menschen so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest. Deine Welt wird schöner, heimischer werden. Erwarte keine Wunder von anderen und verzeihe ihnen ihre Vergesslichkeit. Vertraue dir selbst und höre nicht auf Wahrsager und Heilkünstler. Ernähre dich so gut wie möglich: gesund, vernünftig und ohne Übermaß. Der beste Arzt ist dein eigener Körper, er kennt dich am besten.
Denke daran, dass stille Menschen oft intuitiv handeln. Achte ihr Schweigen und schätze ihre Gesellschaft wie die eines gesprächigen Menschen. Große Ideen erwachsen aus Ruhe und Besinnung.
Erkenne Gott in allen Göttern und in allen Kulturen an. Allah, Jahwe, Buddha oder Krishna entstammen demselben Prinzip.
Halte deinen Körper in Bewegung. Wenigstens eine halbe Stunde täglich atme frische Luft und gehe spazieren. Bist du allein, so sprich hin und wieder mit Tieren und Pflanzen. Lies und betrachte in aller Ruhe die Menschen um dich herum. Beobachte den Lauf des Lebens und die Bewegung der Welt. Beschenke dich hin und wieder selbst mit dem Anblick einer schönen Landschaft in den Bergen oder am Meer.
Schreibe und male, auch wenn du glaubst, es nicht gut zu können. Schreiben wird dir dabei helfen, dich kennenzulernen. Zeichnen und Malen werden deinen Geist entspannen.
Und du wirst sehen, dass dein Leben erstrahlt; du wirst fühlen, wie deine Beine leichter werden und dein Bewusstsein sich weitet. Vielleicht wirst du die Welt nicht ändern können, doch du wirst beginnen, etwas über dich selbst zu erfahren.»
«Andere versuchen, auf dem Mond zu landen, während wir uns noch immer darum bemühen, das nächste Dorf zu erreichen.»
Julius Nyerere, früherer Staatspräsident von Tansania
Mein Vater lehrte mich: Wenn du dich selbst kennst, so bestimmen die Gesetze deines Lebens die ganze Welt, und diese Gesetze gelten unabhängig vom Lauf der Zeit.
Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts galt Timbuktu noch immer als Ausgang aus der Wüste. Die Luft war klar und der Himmel tiefblau. Mit Salz beladene Karawanen kamen von den Salinen aus Lyil und Teghazza oder aus dem bedeutenden Sijilmassa-Zentrum weiter nördlich an der Grenze zu Marokko und hielten einige Tage vor der Stadt Rast, bevor sie weiter nach Süden zogen.
Die bloße Nähe einer Karawane erregte meine Phantasie und ließ mich, Abdel Mansur, jüngster Sohn Jusufs, von fremden Ländern träumen, die sich jenseits der Wüste oder weiter im Süden befanden, dem Lauf des Nigers folgend. Ich glaubte, dass ich eines nicht allzu fernen Tages nach Addis Abeba reisen oder den Großen Erg überqueren, das Atlasgebirge erreichen und mich von dort auf den Weg nach Europa machen würde.
Ibrahim, mein Scheich und Meister – der mich lehrte, den Koran zu lesen, mir von Jesus Christus, von Buddha, aber auch von Homer, von Troja und Odysseus erzählte –, sagte, genau wie mein Vater, sehr oft, dass es im Leben wichtig sei, sich selbst zu kennen, obwohl ich mich, wenn ich ehrlich bin, während meiner Kindheit und Jugend immer gefragt habe, wie das anzustellen sei und ob es wohl eine bestimmte Methode dafür gebe.
Den Staub der Wüste konnte man spüren, er war allgegenwärtig, bedeckte die Haut und sammelte sich in den Augenhöhlen. Er rief Juckreiz hervor, man konnte krank davon werden.
Die Erkenntnis war ein viel heikleres Thema. Sie war nicht greifbar, nicht formbar. Es war einem Menschen nicht anzusehen, ob er sich selbst kannte. Auch schienen Erkenntnis und Krankheit in keinerlei Zusammenhang zu stehen.
Ich wurde von Ibrahim unterrichtet und ging außerdem auf die Französische Schule. Man brachte mir algebraische Formeln bei, ich konnte mir die Welt auf der Landkarte vorstellen, erfuhr von anderen Lebensformen, vertiefte mich in die Geschichte und in die Lehre des Korans. Doch meine eigene Haut zu durchdringen und zu sehen, was sich darunter befand, gelang mir nicht. Lernen und Kultur sind eine Sache, etwas ganz anderes ist es, sich selbst zu kennen.
Ibrahim sprach von Geduld und der Notwendigkeit, Bücher zu lesen und anderen zuzuhören, um etwas über das Leben zu erfahren.
«Herr, wie lernt der Mensch sich selbst kennen?», fragte ich eines Abends meinen Vater, nachdem wir auf der Reise zum Markt nach Gossi unser Lager auf den Anhöhen von Gourma aufgeschlagen hatten.
Mein Vater Jusuf, bereits ein alter Mann, schien über diese Frage nachzusinnen und ließ sich mit der Antwort Zeit. Er fuhr fort, den Tee zuzubereiten. Dann bot er mir ein Glas an, bitter und stark, bediente sich selbst und machte sich an den zweiten Aufguss.
«Welchen Mond haben wir heute?», fragte er nach einer Weile.
«Zunehmenden Mond», antwortete ich, ohne nachzudenken.
«Du kannst ihn in diesem Moment nicht sehen. Woher weißt du, dass er zunimmt?», fragte er sanft.
«Vor einer Weile, bevor er hinter den Dünen unterging, stand er noch am Himmel», erwiderte ich.
