Das Lächeln von Kleopatra - Albert Morava - E-Book

Das Lächeln von Kleopatra E-Book

Albert Morava

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Beschreibung

Jan begegnet unverhofft der Pragerin Ella und entdeckt in sich ungeahnte Emotionalität, die zu einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung führt. Nach knisternden erotischen Turbulenzen zwischen den Beiden und trotz Missbilligung beider Familien heiratet das Paar. Wird Ella zur Frau seines Lebens, die er sucht?

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Albert Morava

Das Lächeln von Kleopatra

oder die Wahrheit über eine Hochzeit

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1 Das Mondschaf

2 Pogrom

3 Lermontov

4 Die Braut

5 Die Sommerweihe

6 Kleopatras Lächeln

7 Eine Reise ins Glück

8 Sie kam aus Samarkand

9 Einen Tag zu spät

10 Die Wahrheit über eine Hochzeit

Impressum neobooks

1 Das Mondschaf

                                                                    Der Winter verabschiedete sich mit heftigen Regenfällen, auf die kurze Sonnenabschnitte folgten. Die Luft roch bereits nach Frühling; irgendwann sichtete man über den Dächern der Studentenkolonie die ersten Schwalben und es war soweit. Der Frühling kam.

 Nachdem Tamara plötzlich aus seinem Leben verschwunden war, tröstete Jan sich mit Bücherlesen und gelegentlichen, kleinen Liebschaften, die zu nichts führten. Insgeheim hoffte er auf eine neue Wende in seinem Leben, das ihm jetzt eregnislos und grau schien. Gelegentlich spielte er auch wieder Gitarre und träumte davon, in einem der vielen Prager Kellertheater als Sänger oder Schauspieler - und sei es auch nur mit einer kleinen Nebenrolle - unterzukommen.

Ein beliebtes und auch durch Fernsehprogramme landesweit bekanntes Theater nannte sich Semafor; ein kleines Kellertheater direkt am Wenzelsplatz, geschickt gemanagt von zwei Prager Künstlern, die mit der Quadratur des Kreises im sozialistischen  Ambiente umzugehen wussten. Mit staatlicher Unterstützung wurde die kleine Bühne vollständig renoviert und technisch auf den letzten Stand der damaligen Zeit gebracht. 

 Der wohl prominenteste Gast aller Zeiten war der afroamerikanische Trompetenspieler und Sänger Louis Armstrong genannt Satchmo, der seine musikalische Karriere als Jungmusiker in den Freudenhäusern von New Orleans der Dreißiger Jahre begann. Satchmo hatte Glück und war damals schon durch seine - mit aufreizend rauher Stimme vorgetragenen -  Gesänge weltberühmt. Im Semafor war er wohl nur zum Spaß aufgetreten, nicht wegen Geld. 

 In diesem Theater bewarb er sich einmal - vor seiner Ankunft in Prag - als Sänger. Der Mann, der ihn damals am Klavier begleitete, und noch keine Vierzig war, hatte gerade noch sechs Jahre zu leben. Diie Gunst der Regierung währte nicht lange und einer der Gründer - der musikalische Vater des Theaters - starb später an Gasvergiftung. Man munkelte von Selbstmord.

 Jan sang unvoreingenommen ein paar eigene, recht einfache Kompositionen mit tschechischen Texten, sämtlich im verpönten Stil der schwarzen amerikanischen Stars jener Zeit, wobei er gefühlsmäßig alles gab.

 Die Jury ließ ihn nach dem Auftritt wissen, er habe Talent, mit dem er viel Geld verdienen könnte. Die Voraussetzung für eine Mitwirkung im Theaterteam wäre allerdings der ständige Aufenthalt in Prag. Doch damals hatte Jan keine Unterkunft in Prag. Daran scheiterte letztendlich auch die Vision einer Sängerkarriere. 

 Seinen Eltern gefiel diese Initiative nicht; sie war kaum mit seinen Plänen vereinbar, Anglistik an der Karlsuniversität zu studieren.

  "Sänger sein ist keine richtige Existenz. Da kannst du gleich zum Zirkus gehen", meinte seine Mutter, obwohl es ihr andererseits schmeichelte, dass Jan Talente zuerkannt  wurden.

 Nach seiner Ankunft in Prag hätte Jan einen zweiten Versuch mit Semafor versuchen können. Dies hätte jedoch bedeutet, dass er seine übrigen Interessen und vor allem auch das Studium hätte aufgeben müssen, bevor er es begonnen hatte. Den Traum, irgendwann als Akrobat mit einem Zirkus herumzuziehen, träumte er als fünfjähriges Kind, doch jetzt war der Zirkustraum ausgeträumt und der Kommentar seiner Mutter zeigte seine Wirkung. Außerdem bot Prag viel Neues und er wollte sich nicht sofort in einer Richtung festlegen.

Der Theaterimpuls war nicht stark genug. Nichtsdestoweniger war der Wunsch nach einer echten Herausforderung unterschwellig immer da - so wie die Frage nach dem Sinn und dem Ziel des Lebens.

 Auch die kalifornischen Beatniks bissen sich damals an diesem Thema fest; Jack Kerouac schrieb seine Dharma Bums  und Jindra, Jans Freund und eruierter Lebenskünstler spreizte einmal im Gespräch mit Jan seine Arme auseinander, als wollte er die ganze Welt umarmen und verkündete::

 "Zen !....Der Weg ist das Ziel." 

 Doch die Philosophie des Zen-Buddhismus war mehr als alles Andere nur eine literarische Modeerscheinung. Später hielt auch Jan sich für einen Dharmabummler und fühlte sich angezogen von der fernöstlichen Philosophie und Kultur.

                                                                ******

 An einem Morgen zwischen Neujahr und dem Dreikönigstag  wurde Jan durch den Geräuschpegel des Remington geweckt, der aus irgendwelchen Gründen doppelt so stark war als sonst. Kurz darauf schien es, dass jemand das Nebenzimmer betreten hatte, das Nat, der Mediziner, zu der Zeit allein bewohnte.

 Jan hörte dumpfe, unklare Geräusche und eine Frauenstimme; tuschelnd und undeutlich sprach sie, mit gelegentlichem Lachausbrüchen. Jemand schien dort das Fenster aufzumachen, - die Fensterrahmenhalterung  quietschte -, und dann wieder zuzumachen.

 Jan schaute auf seinen Wecker. Es war zehn Uhr morgens, Nat rasierte sich diesmal später als sonst. Das Fenster im Nebenzimmer quietschte wieder, was Jan dazu brachte, das Fenster in seinem eigenen Zimmer anzusehen. Er stand auf und schob die vergilbte Gardine zur Seite; das Fenster war vollständig beschlagen - wie ein Spiegel im gut beheizten Badezimmer mit dampfender Badewanne. Mit dem Zeigefinger machte er einen horizontalen  Strich auf der beschlagenen Glasscheibe, dann von der Mitte der Linie ausgehend einen senkrechten Strich. Ein T - wie Tamara. Und er schrieb: Tamara. Allein, Tamara gab es nicht mehr.

 Mit dem Ärmel seines Schlafanzugs wischte er ein kleines Stück Beschlag am oberen Fensterteil weg und sah durch. Draußen herrschte dichter Nebel, der sich nur langsam lichtete; einige graue Krähen hüpften vor dem Fabrikeingang herum, auf der Suche nach Nahrung.

 An der Tür klopfte es und Nina, die Putzfrau, trat herein, mit einem trockenen Wischtuch in der Hand.

 "So ein Nebel", sagte sie. "Trotzdem wird jetzt das Fenster geputzt".

 "Der Nebel kommt aus Russland ", meinte Jan.

 "Unsinn! Nur bei uns in der Ukraine kommt der Nebel aus Russland. In Prag kommt der Nebel aus Deutschland."

 "Von der Meteorologie her mag es stimmen ", gab Jan zu und runzelte leicht die Stirn.

  Trotz der Kälte draußen war es im Zimmer warm, Nina hatte einen leichten, grauen Arbeitskittel an, mit zwei großen Taschen. In der linken Tasche, die etwas ausgebeult war, schien sie etwas zu verbergen.

 Sie trat resolut ans Fenster heran und machte Anstalten, es aufzumachen. Mit einer kräftigen Handbewegung wischte sie Tamaras Namen lachend weg. Der Wischlappen wurde nass . Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, stützte sich mit den Hüften am Fensterrahmen ab und öffnete das Fenster. Sie hatte muskulöse, leicht behaarte Waden und trug keine Kniestrümpfe. Energisch wischte sie das Fensterglas von beiden Seiten ab bis es richtig blank war. 

"So", sagte sie, "jetzt blickst du wieder durch".

"Tja", sagte Jan, "Ihren Durchblick möchte ich haben. Was haben Sie eigentlich in der Tasche, stört es nicht beim Arbeiten?"

 "Ein Geschenk von dem jungen Mann nebenan", sagte sie stolz. "Einen Remington! Zwar gebraucht, aber er funktioniert. Wir haben ihn soeben ausprobiert."

 Sie zog den Rasierapparat aus der Tasche und schaltete ihn ein; leise und zufrieden summte er wie eine glückliche Katze.. Sie stellte ihr linkes Bein auf einen Stuhl und fuhr damit mit einer liebevoll-sinnlichen Bewegung über ihre Wade. Der Kittel verrutschte und öffnete sich in der Mitte. Jan schaute verlegen weg. 

 "Mein Sohn kann ihn brauchen", sagte sie "und du auch." Mit einer beiläufigen, mütterlich anmutenden Handewegung strich sich über Jans Stoppelkinn. " Und der Junge nebenan hat jetzt einen neuen".

 "Nat?"

 "Ja. Der Dunkelhaarige. Der andere ist ja noch nicht da, der Blonde."

 "Kommen Sie morgen ! Der hat sicher auch was zu verschenken."

 "Was?"

 "Vielleicht eine Jeans."

 "Jeans? Mein Sohn würde sich freuen."

 Sie steckte den Rasierapparat in die Tasche, machte die Tür auf und verschwand.

 Im Nebenzimmer verstummten die Remingtongeräusche. Nat, der ebenfalls von der Schauspielerei träumte, übte sich jetzt im Rezitieren von Gedichten aus einem seiner Lieblingsbücher. Mit heiterer, sonorer Stimme deklamierte er:

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.

Es harrt und harrt der großen Schur.

Das Mondschaf.

Das Mondschaf rupft sich einen Halm

und geht dann heim auf seine Alm.

Das Mondschaf.

Nat liebte dieses tragikomische Scherzstück aus der Galgendichtung von Christian Morgenstern. An seiner Seelenverbundenheit mit dem Dichter war nicht zu zweifeln. Und die große Schur passte irgendwie auch zu seinem Remington. Nach den ersten zwei Strophen wurde seine Stimme tragisch:

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:

"Ich bin des Weltalls dunkler Raum."

Das Mondschaf.

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.

Sein Leib ist weiß, die Sonn' ist rot.

Das Mondschaf.

Er räusperte sich und klappte das Buch zu. Draußen ging endlich eine kühle, gelbe  Sonne auf, der Nebel hatte sich gelichtet. Jan hörte dieses Gedicht nicht zum ersten Mal, er kannte es bereits.

                                                               ********

 Im  Nationaltheater seiner Kleinstadt wurde in seiner frühen ein Gastspiel eines der kleinen Theater Prags aufgeführt:  die Galgendichtung des Münchner Poeten Morgenstern - darunter Das Mondschaf. 

( Morgenstern galt in seiner Zeit als sozialkritisch und starb später an Tuberkulose. Seine Galgendichtung  wurde mit der Tonkulisse von Händels barocker Musik  präsentiert. Im Anschluss auf die Rezitation wurde die Entstehung und die handwerkliche Herstellung verschiedener Arten von barocken Streichinstrumenten erklärt. 

Zu Morgensterns Poesie wurde angemerkt, dass diese Poesie in Nazi-Deutschland als unerwünscht galt, da Morgenstern im Verdacht war, jüdisches Blut zu haben. Dieses Blut konnte nicht nachgewiesen werden. )

 Die roten Plüschsessel im Saal waren so bequem, dass sie zum Einschlafen verführten. Das war auch einem von Jans Professoren passiert, der sogar zur Belustigung der Schüler während der Vorstellung einschlief und schnarchte. 

 In der Pause flanierten die Schüler und die Professoren beiderlei Geschlechter im Foyer des Theaters, allesamt festlich angezogen. 

2 Pogrom

                                                                  Jans Vater, der als parteiloser Arzt in seiner Heimatstadt praktizierte, hatte die Galgendichtung in seinem  Bücherschrank; sie stand dort in einer Eintracht  neben Adolf Hitlers Mein Kampf.  Dieses Buch wurde Jans Eltern im Jahr 1944 zur Vermählung von der deutschen Reichsverwaltung der Stadt geschenkt, allerdings musste das Brautpaar vorher durch entsprechende Nachforschungen nachweisen, dass unter den Vorfahren der Familie keine Juden waren. Juden wurden keine gefunden, Jan war kein Jude. Bei ihm zu Hause waren die Juden so gut wie nie ein Thema gewesen, nur gelegentlich wurden sie in verschiedenen Zusammenhängen erwähnt.

 Seine Mutter, die ausgezeichnet Geige spielte, obwohl sie keine professionelle Violistin war, war angetan von der  jüdischen Volksmusik und dem Geigenspiel jüdischer Interpreten. Jans Vater hatte als Arzt viele jüdische Kollegen. Die Juden waren anders, sie waren interessant, manchmal wurden sie beneidet.

 In  der Kleinstadt  gab es ein historisches Stadtviertel, welches den verhängnisvollen Namen der Judengassen trug. Hier war es auch im Sommer immer dunkel und kalt, die verwinkelten Straßen waren schmal und ohne Sonne. Die Judengassen waren feucht und voll übler Gerüche. Somit ging Jan so gut wie nie hin; hier wohnten nur die Benachteiligten und die Armen. Auch zugereiste Landfahrer aus der Slowakei wurden gelegentlich hierher umgesiedelt. Freilich war es damals völlig ausgeschlossen, dieses vernachlässigte und gottverlassene Stadtviertel als ein  "Ghetto " zu bezeichnen.

 Mit zwölf Jahren gehörte Jan zu den Klassenbesten, er hatte nur einen Rivalen, der als  Sohn eines Parteibonzen bei der Benotung meistens immer noch eine Spur besser abschnitt. Insbesondere tat Jan sich aber beim Vorlesen von komplizierten Texten aus dem Russischen hervor - durch nahezu akzentfreie Aussprache dieser melodischen Sprache.

 Außerdem fiel  er den Lehrern durch schlagkräftige Antworten in anderen Fächern auf; daher schauten einige Klassenkameraden zu ihm auf - mit gelegentlicher Bitte um Hilfe.

 Benda, ein kleiner Einzelgänger, der kaum Freunde unter den anderen Jungs hatte,  kurzsichtig, mit auffallend rotem Haar, war einer von denen, die nur zu gerne von Jan abschrieben. Jan ließ dies zu, mehr denn aus Mitleid als aus Hilfeinstinkt - zumal Benda  andauernd unbeholfen um seine Freundschaft buhlte.

Benda kam samstags nie zum Unterricht, seine Eltern ließen es nicht zu, er wohnte in den Judengassen.

 Den sonnigen Junitag, an dem die Klasse vor den Sommerferien den üblichen Schulausflug in die waldreiche Umgebung der Kleinstadt unternahm, sah Jan jetzt klar vor sich. 

 Ein ausgedehnter Spaziermarsch auf löchrigen Waldwegen, die von dicht nebeneinander stehenden hohen Nadelbäumen überschattet waren, hauptsächlich Blaufichten, aber auch Tannen-und-Kieferbäumen, war ein wichtiger Bestandteil dieser Marschübung. 

 Als Folge von Frühnebel, der sich nicht schnell genug lichten wollte und so durch anhaltende Bodenfeuchtigkeit - zur Freude von lokalen Pilzsammlern - zum raschen Sprießen von Waldpilzen beitrug, waren die Waldwege stellenweise feucht. Gegen Mittag erreichte die Gruppe eine Waldwiese, die gut geignet für eine Picknickpause war. 

 Hier gab es auch einige übrig gebliebene Baustämme von gefällten, bereits bemoosten  Bäumen, die noch nicht abransportiert worden waren; dort ließen sich einige Jungs mit ihren Rucksäcken nieder, um sich auszuruhen und sich für den weiteren Marschfortang zu stärken.Jan setzte sich mit seinem Brötchen auf einen abgesägten Baustumpf  nahe der Gruppe, die sich um den Gruppenführer scharte. Es wurde gelacht und derbe Witze wurden erzählt. 

 Benda blieb jedoch abseits der Gruppe stehen und legte seinen Rucksack bedächtig auf den Boden, ohne sein Essen auszupacken. Fieberhaft begann er, größere, herumliegende Äste zu sammeln - hiervon gab es am Waldrand genug - und schleppte sie an einen dicken Baumstumpf heran, auf dem es sich bequem sitzen ließ.In Kürze hatte er es geschafft, den Stumpf derart zu überdachen, dass eine kleine klapprige Holzhütte mit provisorischem Freisitz daraus wurde. Glücklich und zufrieden setzte er sich darauf und packte sein Essen aus. Während er aß, winkte er einladend Jan zu, um herzukommen und mit ihm zusammen in seiner Hütte das Essvergnügen zu teilen. 

 Doch Jan zögerte. Er sah, dass der Anführer der Gruppe Bendas Holzbau bereits bemerkt hatte und etwas zu den anderen sagte, was er nicht gut hören konnte. Daraufhin folgte ein schallendes Gelächter. Der Anführer, ein grobschlächtiger Bursche - um einen Kopf größer als die anderen Jungs -  ging, zusammen mit dem harten Kern der Gruppe, auf Bendas Hütte zu. Dort gab es  einen kurzen Wortwechsel, begleitet von weiterem Gelächter. Ohne dass Benda etwas tun konnte, wurde seine kuschelige Hütte dem Erdboden gleichgemacht. 

Während der Anführer mit drohender Gebärde auf Benda einredete, wurden einzelne Äste  entnommen und weggeworfen. Benda musste hilflos der totalen Zerstörung seiner Hütte zusehen. 

Nach vollbrachter Tat ging die Gruppe wieder und Benda blieb auf seinem Baumstumpf wie versteinert sitzen. Jan trat näher, um mit ihm ein beruhigendes  Wort zu  wechseln.

 "Was wollten die eigentlich von dir?", fragte er, um etwas zu sagen, wenngleich die Frage überflüssig  war. Benda saß da, am Boden zerstört und mit gesenktem Kopf. Das Gesicht voller Tränen, weinte er leise vor sich hin.

3 Lermontov

          Die Gastwirtschaft Zur goldenen Gans, wo er am Gründonnerstag einkehren wollte, war nicht mehr weit; er schritt behutsam weiter durch den Nebel, der die schmalen Gassen der Kleinseite wie   ein vom gelblichen Licht der Gaslaternen verfärbter Schleier umhüllte. Die Wirtschaft war gerammelt voll. Der einzige freie Platz, den er noch finden konnte, war ein bescheidener Stuhl an einem großen, ungedeckten Tisch zusammen mit einer 
großen Gruppe von Besuchern aus Russland.
 Jan wurde neugierig. Trotz der allgegenwärtigen Symbole der Freundschaft und  Brüderlichkeit des Landes mit der Sowjetunion hatte er nie die Gelegenheit gehabt, mit echten Russen  zu sprechen. In seiner Stadt gab es einfach keine, außerdem war das Image Russlands - nicht nur unter Jans gleichaltrigen Freunden - katastrophal. 
Viele Russenwitze machten die Runde.   Seine Freunde mochten Amerika und schwärmte von Kennedy als Staatsmannsidol,über den Russen Chruschtschow wurde nur gelacht. Es war die Zeit  der Kubakrise und kurz 
darauf  wurde Kennedy erschossen. 
 Nun befand er sich unverhofft unter gut zwanzig Sowjetmenschen; ihm gegenüber saß ein älteres Ehepaar, Mann und Frau, beide Russen. Das asiatisch anmutende Gesicht des Mannes hatte viele Falten, weißhaarig war er. Seine Frau war wohl viel jünger, aber mit Kopfttuch. Sieh mal da, Babuschka, dachte Jan, das russische Grossmütterchen.
 Jans Großvater, der im ersten Weltkrieg unter österreichischen Fahnen gegen das Russland   des Zaren Nikolai als Kanonenschütze kämpfte - wobei er fast das Gehör verlor - , brachte aus der russischen Gefangenschaft ein kleines, abgegriffenes Lehrbüchlein des Russischen nach Hause zurück. Fasziniert von den andersartigen Buchstaben des russischen Alphabets, lernte Jan als sechsjähriger Bub im Selbststudium Russisch, kopierte die Buchstaben in ein anderes Heft und lernte sie auswendig. Damit schrieb er dann sein erstes geheimes Tagebuch, zwar nicht auf Russisch, nein, er schrieb in seiner Muttersprache, aber mit russischen Buchstaben.
 Der Kellner kam und das Russenpaar bestellte zweimal russischen Borschtsch, diese durch  Zugabe von roter Beete blutrot gefärbte deftige Kohlsuppe, die damals in Prag recht beliebt war.
Selbst in dieser Traditionswirtschaft, wo hauptsächlich typisch böhmische Gerichte wie Schweinebraten mit Kohl und Knödeln serviert wurden, konnte man russischen Borschtsch bekommen..
 Jan bestellte nur eine Kleinigkeit: sein Monatswechsel war knapp war und ab der Mitte des  Monats herrschte die Ebbe  in seiner Kasse.
" Für mich russische Eier mit Mayonnaise, Herr Ober", sagte er mit etwas Ironie zum Kellner,  als er nach seinem Wunsch gefragt wurde.
Der Kellner konnte sich das Lachen kaum verbeissen. "Mit Brot? " Brot gab es üblicherweise  gratis zu allen Speisen, so konnte man richtig satt werden.
"Ja, mit viel Brot." Das gefiel dem Ober nicht mehr. "Hör mal", sagte er, " wenn du viel  Brot essen willst, geh’ doch zu den Barmherzigen Brüdern ins Kloster"
 Der offensichtliche Altersunterschied - der Kellner war ein schlechtgelaunter Glatzkopf um  die Fünfzig - rechtfertigte das Duzen. Und Klöster gab es auch noch einige in Prag, sie wurden geduldet.
"Nichts für Ungut", sagte Jan. Ich nehme danach noch einen Wodka."  Wodka war der billigste Schnaps.
"Wenn es dich sattmacht", meinte der Kellner lakonisch und ging. 
Der bejahrte Russe, der Jan gegenüber saß und ihn mitunter neugierig beäugte, sprach  ihn plötzlich auf Russisch an und fragte ihn, ob er aus Prag sei.
"Ich bin nicht aus Prag", sagte Jan, "aber jetzt wohne ich hier".
"Prag ist eine schöne Stadt", meinte der Russe. "Viele schöne Häuser gibt es hier."
"Ja, und wo seid ihr her?"
"Wir sind aus Chabarovsk."
"Chabarovsk ?"
Damit konnte Jan nichts anfangen. Keine Ahnung, wo dieser Ort etwa sein konnte, Russland ist  ein großes Land.
"In Südsibirien. Sibirjaci sind wir."
"Dort ist es wohl sehr kalt", meinte Jan.
"Nur im Winter", belehrte ihn freundlich  der Russe. "Im Sommer ist es warm, ja sogar heiss,   über 30 Grad."
"Das ist in Prag eine Ausnahme", sagte Jan. " Hier ist es  im Sommer nie zu heiß und im  Winter nie zu kalt. Im Sommer regnet es viel und im Winter schneit es auch schon mal, aber der Schnee bleibt nicht auf den Straßenliegen, schmilzt schnell und wird zu Matsch."
 Das Gespräch über das Wetter war nur der Anfang, weiterer Meinungstausch, wenn auch  ohne Tiefgang, folgte. Der Mann hieß Ivan und seine Frau Natascha. 
 Als Soldat im zweiten Weltkrieg  - jetzt war er schon pensioniert - kämpfte er an der russischen Front in der Mandschurei gegen die Japaner, die er hasste..
" Das ist ein Volk", sagte er, "wie eine Schlange."  Dem konnte Jan sich nicht anschließen,  da er sich mit dem Gedanken herumtrug, schon bald das Studium der Bohemistik an den Nagel zu hängen und sich statt dessen im viel aufregenderem Fach, so dachte er, der Japanologie einzuschreiben.
.“Warum hast du einen Bart?“ fragte Ivan ihn irgendwann.
Jan war um eine Antwort verlegen; ihm schwebten Bilder von vollbärtigen rusischen  Leibeigenen vor.
.“Trägt man bei euch keine Bärte mehr?“
 “Nein. Das ist rückständig. Wir sind jetzt wie die Amerikaner, ohne Bart. Und ins Weltall
fliegen wir auch!“  Ivans Stolz war nicht zu bremsen, doch das Gespräch stockte plötzlich,  es fehlte an Themen.
"Und wie fühlt ihr euch bei uns? " fragte Jan, bevor sie gingen.
"Wie zu Hause!“
Nachdem die Russen weg waren, blieb er noch eine Weile bei seinem Wodka sitzen. Enttäuscht sinnierte er über die slawische Melancholie, von der sein  Russischlehrer  
manchmal sprach. Die sibirjaci hatten keine Spur davon. 
 Der besagte Lehrer war übrigens ein hervorragender Russist und Kenner der russischen   Literatur, die er liebte. Dostojewski, Gogol, Lermontov...ja vor allem war es Lermontovs Poesie, die er versuchte, seinen nicht an Poesie sondern am Fußball interessierten Schülern nahezubringen.
 Anstatt russische Gramatik zu erklären, setzte er sich in der Klasse hin und  las Lermontovs Gedichte vor:
 .... ..weiß schimmert das einsame Segel in des Meeres blauem Dunst....
 Und so weiter. Hinterher hatte man über Lermontovs kurzes Leben gesprochen.   Zarensoldat  im russischen Kaukasuskrieg war er, Gedichte geschrieben, sich wegen einer Frau duelliert und im Duell gestorben.
Ein echter Russe! 
Der Russischlehrer war übrigens parteilos und aus diesen und jenen Gründen wollte  die Schulleitung ihn loswerden, was irgendwann auch geschah. Gerüchte über seine Neigung zum Glücksspiel gingen um, es hieß, er wäre ein Zocker.
  Er verlor seine Stelle, seine Wohnung, seine Frau, zog in eine kleine Dachkammer und es war  unklar, wovon er eigentlich lebte. Mit dreiunddreißig Jahren starb er an Krebs.

4 Die Braut

                                                                     Gegen Ende des Wonnemonats Mai wurde es in Prag vorsommerlich warm.   In den pittoresken barocken Kirchen, fanden nun nicht nur Maimessen - diese, so wie die gesamte römisch - katholische Kirche waren damals geradeso halbherzig geduldet -, sondern mitunter auch Maikonzerte statt. In diesem besonderen Ambiente kam insbesondere klassische Barockmusik gut an: Bach, Händel, Telemann, Vivaldi. 
 Die Kirchen waren voll - nicht nur von Touristen auf der Jagd nach sehens- und- hörenswürdigen musikalischen Attraktionen - auch viele einheimische Musikliebhaber waren dabei. Die Tschechen sind ein musikalisches Volk.
 In den Prager Stadtgärten - nun voll von blühenden Büschen und Bäumen - wurden Konzerte unter freiem Himmel veranstaltet; für Jan, dem dierMusik viel bedeutete, ein guter Grund für ausgedehnte Spaziergänge im Grünen mit musikalischem Hintergrund. Angeboten wurden meist als Kammermusik arrangierte, leichtere Operettenstücke der klassischen oder späten Romantik: Brahms, Mozart, Verdi. 
 Die Vorführungen  fanden auf gelegentlich mit Blumen geschmückten Freibühnen statt, die genug Platz für ein Quartett mit Sänger oder Sängerin boten.
 Einmal gelang es Jan einen Sitzplat direkt in der ersten Reihe vor der Konzertbühne zu erlangen; an jenem Nachmittag wurden  im Wallensteiner Palaisgarten ausgewählte Operettenarien angeboten, vorgetragen von angehenden Absolventen des Prager Konservatoriums. Die Veranstaltung galt als nur halbprofessionell, der Eintritt war frei. 
 Die blonde Sängerin, die direkt vor ihm auf der Bühne stand und ihm bekannt vorkam, suchte unentwegt seinen Blickkontakt und schien nur für ihn zu singen. Ihr Glanzstück war eine bekannte Arie aus der Traviata von Verdi. Sie war eine gute Sopranistin, aber in den höheren Stimmlagen etwas unsicher, - was wohl keinem der Zuhörer auffiel, außer Jan.   Mit einem Ausdruck von Zuversicht lächelte er sie an.
 Nach Ende der Veranstaltung stand sie da mit einem Blumenstrauß in der Hand, den ihr wohl ein anonymer Bewunderer aus dem Publikum hatte zukommen lassen.
 Jan, so wie einige andere, ging auf sie zu. Sie reichte ihm etwas förmlich die Hand, wohl um sich für die Blumen zu bedanken. Es war ein bunt gemischter Blumenstrauß, in dem die klassischen, roten Rosen überwogen.
 "Wir kennen uns doch!"
 Jan überlegte. Das gekonnt à la Marilyn Monroe geschminkte Gesicht, die üppige, blonde Haarpracht und die Lachgrübchen um den Mund kamen ihm zwar bekannt vor, doch er wusste nicht warum. Hatte er sie vorher schon gesehen? Wann? Und wo?
 "Bei den Hells Angels singe ich nicht mehr."
  Es war Ella, das Mädchen aus der Straßenbahn und Theologiestudentin. Jetzt erinnerte er sich plötzlich an alles, an das kurze Gespräch in der alten Trambahn, die Begegnung mit der Band. Doch seitdem war einige Zeit vergangen, in der viel passiert war - und sein musikalisches Interesse am Mitspielen in einer Prager Rockband, hielt sich jetzt in Grenzen. 
 "Der Blumenstrauß ist nicht von mir", sagte er.
 Sie lachte  - etwas gezwungen. Jan fiel ihre hohe Sopranstimme dadurch besonders auf.
 "Ich weiß, von wem er ist."
 "Ein schöner, reicher Blumenstrauß.."
 "Von wem ist er?"
 Ihre zierliche Hand mit langen, farblos lackierten Fingernägeln strich gleichgültig über die noch nicht ganz aufgegangenen Rosenknospen.
 "Von  Jeremias."
  "Jerry?" Jan erinnerte sich an das nichtssagende Gesicht des Jungmanagers der Hells Angels.
  "Ja. Jetzt hat er für sein Konzert in der Spiegelkapelle im Klementinum eine aus London eingeflogene Sängerin engagiert und hat wohl ein schlechtes Gewissen."
 Jan kam sich  verdutzt vor und die Gleichgültigkeit mit der sie ihm, den sie kaum kannte, dieses erzählte, überraschte ihn.
 "Engländerinnen sind in Prag eine Seltenheit. Hat sie etwas Besonderes an sich oder hat Jerry deine Stimmlage nicht mehr gepasst?"
 Ella streichelte nachdenklich die Blumenknospen.
 "Eigentlich ist Ivana aus Prag, ist aber von ihren jüdischen Zieheltern in London großgezogen worden. Jetzt pendelt sie zwischen London und Prag. Ihr Englisch ist akzentfrei und obwohl sie mehr mit dem Körper als mit der Stimme singt, kommt sie als britisches Showgirl bei den Leuten hier gut an. Besser als ich", erklärte sie. Die Stimme klang emotionslos, zwischendurch kicherte sie sogar. 
 "Außerdem gefällt mir die moderne Pop - Musik aus England nicht wirklich. Mir gefällt Gospelmusik, die passt zur Kirchenakustik viel besser als sein Kuschelrock", sagte sie kritisch
 "Ja", sagte Jan, "tanzen soll man in den Kirchen nicht."
 "Nicht in der Spiegelkapelle des Klementinums."
 "Wird das Rockonzert dort stattfinden?"
 "Ja, wenn nichts dazwischen kommt."
Sie schritten beide langsam zum großen Ausgangstor des Wallenstein - Palais auf einem der mit weißem Kieselstein bestreuten Fußwege, an blühenden Gartenbüschen vorbei. Ellas Stöckelschuhe mit hohen Absätzen blieben dann und wann im Boden stecken.
 "Darf ich mich bei dir einhängen?" fragte sie.
 Sie lehnte sich an seine Schulter an und das war sein erster, wenn auch nicht gsnz hautenger Körperkontakt mit ihr. Er empfand ein Gefühl des Vertrauens, welches irgendwoher kam, er wusste nicht woher. Auch Körperlichkeit keimte gedämpft auf, doch in dem Augenblick empfand er eher eine Art geteilte Intimität.
 Als sie das Palaistor hinter sich gelassen hatten und auf der Straße standen, nahm Jan ihre Hand und drückte sie leicht -  als möchte er sich von ihr verabschieden. Instinktiv behielt er ihre kleine Hand etwas länger in seiner als beim Abschiedsgruß üblich. Sie löste den langen Händedruck nicht  auf und lächelte.
 "Sehen wir uns bald wieder?" fragte er. " Es gibt so viele Dinge über die wir reden könnten."
 "Du kannst mich noch bis zur Straßenbahnhaltestelle begleiten."