Das Lachen der Sonne - Dennis Klofta - E-Book

Das Lachen der Sonne E-Book

Dennis Klofta

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Beschreibung

Im Labyrinth des eigenen Bewusstseins bleibt nur die Sonne als einziger Punkt der Orientierung. Geblendet schauen wir aufs Meer und sehen für einen kleinen Moment nur uns selber. Das Lachen der Sonne erzählt von Liebe und Angst, ihrem ständigen Konflikt. Eine symbolische Geschichte über einen jungen Mann, der auf See anheuert, um seinem Alltag zu entfliehen, sich dort verliebt, doch an seinen eigenen Emotionen scheitert.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dennis Klofta

Das Lachen der Sonne

Cover Artwork: Evita Slivowitz

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

(Prolog – Alraune)

(Kapitel 1 – Meridian)

(Kapitel 2 – Bahiah)

(Kapitel 3 – Der graue Regenbogenfisch)

(Kapitel 4 – Undine)

(Kapitel 5 – Ozellan – Die Augen der Meere)

(Kapitel 6 – Herzhöhlen )

(Kapitel 7 – Enténébrée)

(Kapitel 8 – Mäandern)

(Kapitel 9 – Bullauge – Der Sturm im Auge)

(Kapitel 10 – Nachtasyl)

(Kapitel 11 – Solea)

(Kapitel 12 – Weiße Zypresse)

(Kapitel 13 – Gehenna)

(Kapitel 14 – Arcanum)

(Kapitel 15 – Von Tauben und Stummen)

(Kapitel 16 – Traumlider)

(Kapitel 17 – Parallaxe)

(Kapitel 18 – Tiefseetauchen in Zeithöhe)

(Epilog – Arché)

Impressum neobooks

(Prolog – Alraune)

Die Stimme der Einsamen singt in einer anderen Sprache, als die der Alleingelassenen – –

Er saß im warmen Sand und hörte dem fernen Rauschen der Wellen zu – wie sie brechen, fallen und wieder aufstehen, um zu ihren ewigen Tanz zurückzukehren. Es sind nur ein paar salzige Tropfen, die im Sand hängen bleiben und leise in der Sonne gären. Auf diesen Tropfen saß er nun und lauschte ihren wilden Ursprüngen.

»Hff« – müde atmete er aus und ließ sich nach hinten fallen. Sanft sanken seine Ellenbogen in den Sand ein, als er sich wieder aufsetzte und in die falsche Stille hinaussah, wo jede Bewegung ihren Platz hat, wo es keinen Zweck gibt, sondern alles in Seelenruhe wieder in sich selbst einkehrt, wo die Wellen nicht brechen, sondern nur zu brechen scheinen, wo jedes Niederfallen mit einem sofortigen wieder Aufstehen verbunden ist. Er lachte auf.

»Wie merkwürdig ähnlich sich beide sind. Manchmal scheint es fast, als würde das Meer bis zum Himmel reichen. Was, wenn der Himmel nichts anderes als dein Spiegel ist? Dein tiefes Blau seine große Unendlichkeit und dein grelles Weiß, das den Stillstand nie gelernt hat, wie die Wolken ist –«

Er ließ sich erneut zurückfallen und atmete tief aus. Er war erschöpft. Müde und erschöpft von all den Fragen, die in seinem Kopf herumirrten. All den Fragen, auf die er keine Antwort fand und wusste, dass er keine Antwort finden würde. Diese Fragen kannten keine Antworten. Ihm war egal, wie weit der Himmel von ihm entfernt lag, welche Farbe ein Apfel hat oder wo genau in diesem Moment Norden oder Süden lagen. Das interessierte ihn alles nicht. Er wollte wissen, wohin die Wolken gehen, wenn sie nicht am Himmel stehen, warum auch der Himmel weint und warum der Mond nie alleine schläft. Dabei wusste er, wie absurd diese Fragen waren, aber genau aus diesem Grund wollte er eine Antwort auf sie finden oder zumindest irgendeinen Ausdruck für sie. Wenn er noch nicht einmal das Absurde begreifen konnte, wie sollte er dann erst das Alltägliche zu fassen bekommen?

»Fliegende Wellen, schlafende Wolken«

Er lachte, richtete sich mit einem Schwung wieder auf und sah noch ein letztes Mal zum Meer hinaus. Langsam verschwand die Sonne bereits in der blauen Flut und zerlief tief rot im schwimmenden Horizont. Dann drückte er sich mit Hilfe seiner Arme vom Boden ab und kehrte dem Meer, den Sand von sich klopfend, seinen Rücken zu.

Als er endlich seine Wohnungstür öffnete, warfen die Sterne bereits kleine kalte Schatten in sein Zimmer. Ohne sich niederzuknien, schlüpfte er aus seinem Schuhen, bevor er laut gähnend ins Badezimmer ging. Mit beiden Händen aufs Waschbecken gestützt, starrte er in den Spiegel vor ihm. Über ihm summte das matte Licht, das einen dunklen Schatten in sein Gesicht warf. Kleine Wassertropfen liefen sein Kinn herunter. Er schwieg. Er hätte duschen gehen sollen oder sich zumindest vernünftig waschen, doch er war einfach zu erschöpft; er wollte nur noch ins Bett. Stöhnend ließ er das Becken los, griff nach dem Handtuch, das neben dem Becken hing, fuhr sich damit grob übers Gesicht, hing es zurück und losch das sanfte Rauschen. Endlich im Bett starrte er noch kurz zur Zimmerdecke, bevor auch er in den Tiefen der Meere versank.

Ein Phosphor-Himmel liegt über der Stadt. Die Welt weht, badend in Demut, durch die kalten Häuserreihen. Im purpurroten Sonnenrauschen liege ich mitten in ihrem pochend kalten Kern. Im nebel-schimmernden Horizont fliegen Vögel, in leise weinenden Mustern, während die Stadt die leeren Melodien einer glühenden Dämmerung spielt. In die Leere blickend, streifend durch das graue Gewand der leblosen Stadt, liege ich zwischen Brücken, die über Seen treiben und Häusern, die bis zum Himmel reichen, ihn aber doch nicht greifen können. Langsam stolpere ich vorwärts – wie ein Fisch in einem Vogelschwarm, hilflos flüchtend von einer Wolke zur nächsten, um dann vom nächsten Windstoß, doch nur wieder in die kreischende Richtung gestoßen zu werden. Der Lärm ist ohrenbetäubend, so dass ich die Kälte der dämmernd rauschenden Sonne nicht spüre. Blind stolpernd im Wolkenparadies, gejagt vom Gekreische der Vögel, die mir hungrig auflauern, stoße ich gegen die Wände der Welt. Wie Steine in einem Glashaus stoßen sie gegen mich, werfen mich durch die Stadt, in meinem taumelnden Tanz der Unachtsamkeit. Angeschlagen von den Steinen, treibt der Wind mich immer tiefer in den Nebelhorizont. Ein Stein streift mein Bein. Ich falle – – – auf eine Insel im sonnen-getränkten Meer der Stadt. Nichts ist auf ihr zu sehen, nur ein Baum, der das Zentrum meines Käfigs bildet. Einsam und verlassen steht er da, halb erfroren in der kalten Sommernacht. Seine Augen, denen jedes Grün längst entwichen ist, blicken leer auf das graue Meer, das tonlos, drohend die farblose Insel zu fressen, vor sich hertreibt. Während Haie, in Vogelgestalten, um meine Insel treiben, fällt die Sonne von ihrem Thron. Um mich verfällt die Stadt nun vollkommen dem Nebel des Phosphor-Himmels.

Langsam flieht das salzige Wasser von meiner Brandung. Das Meer verschwindet und hinterlässt ein düsteres schwarzes Loch. Meine Insel bleibt, so einsam wie ihr Baum, als gelb-schwimmender Fleck im schwarzen Nebelmeer zurück. Die anbrechende Dunkelheit enthüllt rot-brennende Sterne. Wie gefangene Fische zappeln sie im grauen Netz, glühend rote Auge, die mich in der tiefen Nacht beobachten, drohen mich zu fressen. Sie greifen nach mir, mit schäumenden Mündern, flüstern mit leise-kreischenden Stimmen in mein Ohr. Das Flüstern einer Schlange, der Schrei eines neugeborenen Kindes der tief in mein Ohr eindringt, beginnt meine Sinne zu benebeln. Singend und tanzend dringen sie, mit ihrer bitter-süß gespaltenen Zunge, in mich ein. Mein Herz brennt in den lüsternen Küssen ihrer kalten Lippen, glüht auf im kristallenen Grün ihrer feuerroten Augen, rast im brennenden Schmerz der Leidenschaft. Plötzlich kreischen sie tief in meinem Kopf: »Wir kriegen dich! Wir haben dich! Wir lieben dich!« Ich kreische auf, springe, voll Panik, in den Nebel hinein und renne in die feuchte Wüste der Ebbe. Tiefer, immer tiefer hinein in die erbarmungslose Dunkelheit. Ich kann nicht fliehen, kann nicht entkommen – –

Doch plötzlich verstummen die kreischenden Stimmen. Ein wildes Rauschen vertreibt sie aus meinen Ohren. Ein merkwürdig, grell-scheinendes Licht durchbricht die dunkle Wand des Nebelmeers, feuerrot, wie ein Phönix der Unsterblichkeit. Oh du süße Gestalt, du Engel, Tränen rennen über mein Gesicht. Völlig frei tanzt sie in ihrem blumen-weißen Kleid des Glücks, durch die kalte Ozeannacht. Mein Atem steht still, keine Luft dringt ein noch aus. Ich fliege – – ertrunken in ihren tiefsten Tiefen, badend in der strahlenden Sonne ihres Lächelns. Die fliegende Leichtigkeit umgibt mein Herz, rauscht in jeden Tropfen meines Bluts, enthebt mich der Schwere der brennenden Augen, die mich in die Tiefen der Meere zu ziehen drohten. Tanzend, immer weiter tanzend, den immer selben Tanz des Glückes, der in alle Tiefen reicht und alles in die höchsten Höhen treibt, schwebt sie vor mir, schaut mir lächelnd in meine Augen. Sanft hält sie meinen Kopf, damit ich nicht davon fliege, schließt ihre Augen und führt ihre ewig lächelnden Lippen küssend auf meine Stirn. Wie von Helium getragen, stoße ich zum Himmel auf

»Heech-äh« Panisch rang er nach Luft. Hektisch atmete er in seine Brust. Schweiß tropfte von seinem Kinn. Blind starrte er an die weiße Wand vor ihm. Langsam kamen seine Augen wieder zur Besinnung.

Wie jeden Morgen brauchte er ein wenig Zeit, um sich vom Traum zu lösen und sich seiner Umwelt wieder bewusst zu werden. Er kannte das Spiel: jeden Morgen saß er schweißgebadet senkrecht im Bett und suchte hilflos nach seinem Traum, der noch irgendwo im Raum herumschwebte – erfolglos. Verwirrt richtete er sich auf und ging, noch völlig in Gedanken versunken, zum offenen Fenster. Schweigend lächelte ihn die Sonne an.

›Ganz ruhig dreht sie immer die gleiche Runde, tanzt immer den selben Tanz. Unerreichbar, von allem fern, strahlt sie selbst über die schrecklichsten‹ – er war gerade erst aufgewacht und schon störten ihn seine Gedanken.

Ein leichter Windzug schlug ihm ins Gesicht, dass er seinen Kopf leicht zur Seite neigte und sein Blick auf einen weißen Umschlag fiel, der ungeöffnet, fast unberührt, auf seinem Schreibtisch lag. Warm schien die Sonne auf das bleiche Holzgestell, das direkt unter seinem Fenster stand. Seufzend, drehte er sich um und verließ sein Zimmer, die kleine knarrende Holztreppe hinuntersteigend. Er setzte Wasser auf, ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen und starrte an die weiße Wand. Ungeduldig zappelte dort eine Spinne an ihrem eigenen Faden. Mit jedem weiteren Schritt verlor sie ihren Takt, so dass sie sich mehr stolpernd als tänzelnd fortbewegte, als würde sie sich in ihren eigenen Fäden verfangen. Er war unruhig, kippelte leicht mit dem Stuhl vor und zurück, wippte mit seinem Fuß auf und ab und atmete hastig ein und aus. Dann wurde die Stille von einem sanften Rauschen durchbrochen. Ganz leise kroch es aus seinem Versteck hervor. Er bewegte sich nicht, starrte einfach weiter, unruhig zitternd, an die Wand. Doch dann sprang er plötzlich auf, lief zum Tisch, griff nach dem dort liegenden Schlüssel und riss die Tür auf, die mit einem lauten Knall hinter ihm zufiel.

»Da laufen sie, alle im Gleichschritt voreinander her, hastig ihr Essen niederschlingend, während sie in Gedanken ihre Wohnungen gar nicht verlassen haben. Planlos, doch mit klarem Ziel hetzen sie durch die Stra-« – mit einem Husten lachte er kurz auf, »vor sich, nicht voreinander, unbewusst stolpern sie alle, gefangen in ihrer eigenen kleinen Welt, vor sich her. Überall kleine Welten, unglaublich, dass sie nicht ständig miteinander kollidieren«– ›aber Planeten kollidieren auch nicht miteinander, sondern sind alle ganz fest in ihrer Bewegung aufeinander abgestimmt. Jeder hat seinen Platz, wie in einem Fischschwarm, nur dass sie miteinander und nicht voreinander schwimmen, oder nicht?‹ Im Stillen hatten seine Gedanken, sein leises Gemurmel unterbrochen und weitergesponnen.

Die Stadt war voll, voll von Lärm und Leben. Kleine Kinder tobten unter sicherer Beobachtung ihrer Eltern an einem Brunnen, bespritzten sich mit Wasser, verliebte Paare, zogen sich gegenseitig, kämpfend um die Richtung ihrer Schritte, an den Händen hintereinander her, Geschäftsfrauen und -männer, trauten sich in ihrer Mittagspause aus den Büros, um ein wenig von der Sonne zu ergattern, begleitet vom lauten Gesang des Frühlings, den die Vögel aus breiter Kehle durch die Straßen schrien.

Er hatte sich auf eine kleine Bank direkt neben dem Brunnen niedergelassen und schaute die Stadt entlang. Er schwitzte. Heftig brannte ihm die Sonne direkt auf die Stirn, als hätte sie sich nur auf ihn fokussiert. Doch er war nicht der Einzige, der ihren brennenden Blick zu spüren bekam. Immer wieder ließen sich kleine Gruppen angestrengt von der Hitze auf die Bänke vor ihm fallen. Geduldig warteten sie dann, ohne eine Miene zu verziehen, darauf, sich wieder in den Schwarm einzuordnen, um erneut in der Masse zu verschwinden. Sein Blick war auf eine blonde Frau gefallen, die mit einem sturen Lächeln da-saß und sich nicht bewegte. Ihre Beine überschlagen, saß sie auf der Bank gegenüber von ihm. Auf der Bank neben ihr saß ein älteres Paar. Deutlich mitgenommen von der Hitze, ruhten sie sich dort aus. Leicht verwirrt schaute der alte Mann die Straße entlang, ohne dabei die Wasserflasche, die er in seiner Hand hielt, aus den Augen zu verlieren. Seine Frau hingegen, die ganz außen an der Bank saß und jeden Moment drohte von dieser zu fallen, beäugte misstrauisch all die Menschen, die aus den umliegenden Geschäften kamen. Als sein Blick dann wieder zurück zur anderen Bank fiel, war die blonde Frau verschwunden. Hastig schaute er hin und her –

›Sobald sie wieder im Schwarm verschwunden sind, haben sie ihre eigene Existenz wieder vergessen. Und wenn sie dann wieder ausbrechen sind sie überfordert – überfordert von der Wirklichkeit!‹

Überrascht von der plötzlichen Lücke auf der Bank war sein Blick kurz suchend auf den Boden gefallen, bevor er zur Bank zurückkehrte.

›Was ist es doch für eine unglaubliche Erleichterung, wenn das Warten ein Ende hat – – Wenn sie bloß wüssten, worauf sie warten.‹

Mit der Zeit wurde die Stadt leerer. Der Strom von Menschen löste sich langsam auf. Nur vereinzelte Paare, die sich im Netz der Sonne verfangen hatten, und ein paar einsame Wanderer waren noch unterwegs. Ein kleiner Spatz sprang vor seine Füße und schaute ihn mit seinen dunklen Augen an. Leicht neigte er seinen Kopf nach rechts und nach links, bevor er ihn aus seinem Blick ließ und auf den Boden nach Futterspuren suchte. Langsam hüpfte er von einer Stelle zur nächsten, ohne den Blick vom Boden zu heben. Suchend hüpfte er so einmal um den Brunnen herum, bis er wieder bei ihm angelangt war und ihn noch einmal schräg mit seinem dunklen Augen anschaute, bevor er wieder erfolglos davon flog.

›So viele Menschen sind an mir vorbei gelaufen und nur dieser kleine Vogel hat mich gesehen.‹

Ruhig beobachtete er den Vogel, wie er von einem Ort zum nächsten flog und überall nach etwas essbaren suchte, bis er hinter einem Dach verschwand.

»Ach du hast es leicht,«, murmelte er leise vor sich hin, »du musst nur deine Flügel ausbreiten und kannst davon fliegen, einfach flüchten vor diesem Chaos der Wiederholung, vor diesem Käfig, der sich langsam, aber sicher um einen schließt und dich, hat er dich einmal gefangen, nicht mehr los lässt. Ach du kleiner Spatz, für mich gibt es keinen Wind, der mich einfach so davon trägt. Meine Flügel sind so schwer, dass sie einen immer wieder auf den Boden drücken wollen und am Boden ist die Luft so unglaublich dünn, dass einem das Atmen schwer fällt – dabei habe ich solche Angst zu ersticken.«

Gedanken versunken sah er die Stadt entlang.

›Kein Wunder, dass sie mich nicht bemerken, wie sollten sie auch, wenn sie schon an sich selbst vorbeilaufen. Jeden Tag leben sie das immer gleiche Leben, sehen die immer gleichen Gesichter, machen die immer gleiche Arbeit und schlafen im immer gleichen Bett. Flüchten von einem Tag zum nächsten, in der Hoffnung, sich selbst nicht einzuholen. Deswegen ist ihnen der Boden auch so lieb, denn von dort fällt man nicht so hart.‹»Lauft nur! Lauft! –Platz heißt Flucht! Die Zukunft wird doch immer vor euch liegen.« ›Egal wohin du läufst, sie wird immer vor dir liegen.‹

Er blickte auf – vor ihm flog ein kleines Stück Papier, das leicht vom Wind getragen, über die Straße tanzte – und seufzte.

»Hier bin ich nur ein salziger Tropfen in einem Becken voll Süßwasser, ein süßer Tropfen im salzigen Meer. Ich kann nicht das Leben eines anderen leben, nur weil ich Angst habe vor einer Entscheidung! – einer Entscheidung, die längst entschieden ist.«

Da stand er nun vor seiner Zukunft, diesem weißen Fleck auf seinem Schreibtisch.

Es war bereits einige Zeit vergangen, seitdem er versucht hatte auf einem Schiff anzuheuern. Er wollte ausbrechen, die Ewigkeit spüren, den süßen Atem des Salzes riechen und die goldene Zunge der Dämmerung küssen. Er wollte jeden Morgen aus seinem Bullauge sehen und das Gefühl haben, dass die ganze Welt vor und hinter ihm liege. Frei zu sein, sich für eine Richtung entscheiden zu können. Doch dieses Vorhaben war gar nicht so einfach, wie er es sich vorgestellt hatte. Von ihrer Schwierigkeit hatte er sich bereits vor Jahren überzeugen dürfen. Ganz naiv hatte er damals ohne jede Ausbildung versucht Heuer zu finden. Natürlich versank dieser Versuch unbemerkt im Meer. Niemand interessierte sich für einen unerfahrenen Matrosen. Die romantischen Zeiten, wo jeder, sofern er kräftig genug war, einfach irgendwo anheuern konnte, waren längst vorbei. Die Welt war gewachsen und die Ozeane geschrumpft. Es war ihm also gar keine andere Wahl geblieben: wollte er aufs Meer, musste er sich darauf vorbereiten. Er hatte fast alle Hoffnung aufgegeben, sich mit seinem Käfig abgefunden, als dann ein Brief für ihn kam. Ein kleiner weißer Umschlag, der schon vor ein paar Tagen bei ihm angekommen war und seitdem auf seinem Schreibtisch lag – ungeöffnet. Jetzt stand er vor diesem Umschlag, der zu einem Fleck verkommen war und sich perfekt in den Rest seiner Wohnung integriert hatte. Starr vor Angst glotze er ihn an. Dann atmete er plötzlich tief durch, löste sich aus seiner Spannung, setzte sich auf den Stuhl vor dem Tisch und nahm völlig entspannt den Brief in seine Hand.

Langsam fuhr er mit seinen Fingerspitzen an den äußeren Kanten des Umschlages entlang, bevor er ihn mit einem leichten Schwung umdrehte und auf die Versiegelung blickte. Ohne klaren Gesichtsausdruck hielt er sie mit seinem Blick fest – Dann ging alles ganz schnell: mit einem gewaltigen Ruck riss er den Brief auf, so dass eine kleine Ecke vom Briefpapier mit hinfort gerissen wurde, zog hektisch, aus Angst den Mut zu verlieren, das Papier aus dem Umschlag und entfaltete es. Seine Hände zitterten. Seine Augen strömten über das Papier, rasten orientierungslos hin und her, bis er sich plötzlich zurückfallen ließ, stöhnend aufatmete und der Brief am Ende seines nun kraftlosen am Stuhlrand herunterhängenden Armes, langsam zu Boden segelte.

Ausdruckslos saß er da. In diesem Moment ging es ihm gar nicht mehr um den Brief, er war einfach nur erleichtert von dieser ihm alle Nerven-raubenden Aufgabe befreit zu sein. Er hatte sich den Brief auch gar nicht durchgelesen, sondern nur wild nach einem Ja oder Nein gesucht. Er war angenommen.

Langsam versank die Stadt im dämmernden Tag. Die letzten Sonnenstrahlen färbten die Häuserkanten in ein dunkel-leuchtendes Violett und der sanfte Sprühregen ließ die Luft glühend rot leuchten. Einsam flog eine Krähe über die in der Dämmerung verschwindenden Dächer.

In dieser Atmosphäre stand er am Fenster und schaute der Stadt beim Einschlafen zu. Kleine Spatzen hatten inzwischen die Plätze der spielenden Kinder am Brunnen eingenommen, singend tanzten sie auf dem Wasser. Immer noch liefen vereinzelt Menschen durch die Straßen, verlorene Wanderer des sterbenden Tages. Still blickte er auf die Blüten der Baumäste, die herausragende Kirche, die Häuserreihen, die durch das Licht in den Zimmern Einblicke in die Leben Unbekannter gaben – er liebte es in diese Fenster zu schauen und sich die Geschichten zu ihren Leben zu erzählen. Die Menschen wirken so unbefangen und unbeschwert, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, so selbstbewusst und frei. Ein gelber Kran ragte neben der Kirche hervor und kratze am goldenen Horizont in dem die Krähe schwamm. Leicht konnte er die Umrisse der umliegenden Landschaft erkennen und wenn alles einen, nur einen Moment lang schwieg, konnte er sogar das leise Rauschen des Meeres hören.

Reglos starrte er noch, als auch die letzten Strahlen der Sonne verschwunden waren und von den grellen Lichtern der Laternen ersetzt wurden, einige Zeit in die Finsternis hinein. Langsam legte sich ein breites und tiefes Lächeln auf sein Gesicht. Er war Glücklich – warum oder worüber war unwichtig.

(Kapitel 1 – Meridian)

Es gibt zu viele kleine Welten, die es einem unmöglich machen genau zwischen ihnen zu leben. Darin liegt die wahre Einsamkeit: Nicht seine eigene Welt zu sein.

Die Sonne stand direkt über dem Hafen und brannte heiß auf ihn nieder. In der Luft lag ein sanfter Sand- und Salzgeschmack. Verschwitzt und mit angestrengten Gesichtern quetschten sich die Menschen wild aneinander vorbei. Der Schweiß diente als wunderbares Schmiermittel, das die Reibungen verringerte und die Menschen wie nasse Fische in der Hand hindurchglitschen ließ. Es war Mittag, er hatte wenig geschlafen und keine Zeit mehr zum Essen gehabt. Verzweifelt stand er in der sich in alle Richtungen bewegenden Masse und suchte nach Orientierung. Er streckte sich, drückte sich mit seinen Zehen hoch, doch er bekam keinen Überblick. Er wusste nicht wie spät es war, er hatte keine Uhr dabei, er besaß nicht mal eine. Wie er rechtzeitig wach geworden war, wusste er selbst nicht. 13 Uhr stand im Brief – 13 Uhr was? Er überlegte, ob er jemanden fragen oder einfach in Richtung der drei großen Schiffe gehen sollte.

Unentschlossen schaute er in die Menge. In diesem Gewimmel war es eh vollkommen unmöglich jemanden zu fragen. Überall hingen Gesprächsfetzen in der Luft, flüchtige Blicke fielen von einem Ort zum nächsten und ständig stiegen sich die Menschen, auf der Suche nach etwas nicht Identifizierbaren, gegenseitig auf die Füße. Sie würde ihn einfach verschlucken und am anderen Ende wieder ausspucken. Er würde einfach zwischen den glitschigen, nassen Fischen hindurchtanzen, die ihm, am Boden zappelnd, Beifall klatschen würden. Zumindest dachte er das. Stattdessen prallte er einfach an der Masse ab, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Es gab keine Lücke, durch die er hätte hindurch tanzen können. Zurückgestoßen auf seinen alten Platz schaute er erneut, verzweifelt durch die Köpfe zu den Schiffen. Wenn er doch nur wüsste, wie spät es war – so stand er, gezwungen eine Lösung zu finden, vor der Menschenwand und suchte nach einem versteckten Weg. Sorgsam schaute er auf die Menschen, die an ihm vorbei strömten, konzentrierte sich auf jede einzelne Bewegung, jede einzelne Berührung. Langsam löste sich die wilde Masse auf, langsam nahm sie Struktur an, begann Sinn zu ergeben. Stück für Stück löste sie sich vor ihm auf und zergliederte sich in immer kleiner werdende Strömungen. Sie fing an sich vor ihm zu teilen, ihm ihre geheime Struktur preiszugeben. Es war keine sich auf wild durcheinander rennende Menschen beschränkende Masse mehr, keiner lief dort allein, wild oder willkürlich. Es waren kleine Gruppen, die alle zwar in eine eigene, aber bestimmte Richtung rannten. Während die Masse wild und gehetzt wirkte, wirkten die einzelnen Gruppen ruhig und entspannt. Es war eine gewaltige Struktur, die sich vor ihm öffnete, eine Struktur, die keine Regeln, kein Gesetz besaß. Ein natürliches Durcheinander, das nie ihre eigene Form verlor, getrieben von den verschiedenen Richtungen, den verschiedenen Zielen, die sich ständig schnitten, sich erstaunlicherweise aber nie tödlich verletzten. Immer wieder öffneten sich die ansonsten geschlossenen Ströme, um dem Gegenüber zu diesem wilden Tanz aufzufordern – kleine unscheinbare Gesten, ein Lächeln, ein freundlicher Blick, manchmal sogar eine konkrete Handbewegung, die jeden Einzelgänger mit in ihre eigenen Reigen einladen wollte, bevor sie sich wieder schlossen. Fast war es ein Kampf, um den neuen, den unbekannten Tänzer – ein Kampf, der von allen Seiten rief: Wer bist du? Lass mich dich kennenlernen! Diese Struktur eröffnete ihm einen unsichtbaren Weg durch die Masse, das Einzige, was er tun musste, war auf eine neue Lücke, eine neue Öffnung, eine Aufforderung zu warten.

Es dauerte nicht lange bis sich ihm die Chance zum Tanz bot. Eine hübsche junge Frau lächelte ihm freundlich zu, während sie hinter ihrem Freund, der die Richtung angab, hinterherlief. Schnell verstand er das geheime Zeichen und folgte den beiden. Jetzt war er selbst mitten in der Masse. Nacheinander folgte er Gruppe um Gruppe, wechselte bei jeder Gelegenheit seine Richtung, um immer der Gruppe zu folgen, die ihn näher an sein Ziel brachte. Mal war es eine Gruppe junger Frauen, mal eine Gruppe junger Männer, mal Familien, mal eingeschworene Paare. Er tanzte so viele Tänze, mit so vielen unterschiedlichen Paaren, dass er immer tiefer in Ekstase geriet und vor lauter Tanzen sein Ziel aus den Augen verlor, bis ihn die Masse am Ende doch, ganz unerwartet, wieder ausspuckte.

Kaum hatte ihn das Menschenmeer ausgespuckt, stand er verwirrt im Nichts. Plötzlich war es leer, er hatte Platz – –

Jetzt stand er direkt am Hafen, vor ihm, lagen die drei Schiffe. Wie kleine Wellen am Strand sich verlaufen und dann wieder zurück ins Meer flüchten, schwappte auch immer ein kleiner Teil aus der Masse heraus, schaute verwirrt um sich, bewunderte die großen Schiffe und stürmte wieder zurück in den Schutz der Masse, die ihn dankbar wieder verschluckte. Während er selbst noch von dieser Verwirrung eingenommen war, starrte er auf eine Gruppe, die im gebrochenen Chor nach einem Zurückgebliebenen rief, bis schließlich eine junge Frau den Verlorengegangenen an der Schulter packte und zurück zur Gruppe schleifte.

Er blickte, sich langsam um-sich-selbst-drehend, suchend umher und versuchte, sich nun wieder zu erinnern, was er eigentlich gehofft hatte hier zu finden. Hinter ihm lagen die großen Schiffe, heroisch, fast gewaltsam, ragten sie aus dem Wasser zum Hafen hinauf. Er drehte seinen Kopf und schaute sie über seine Schulter blickend an –

›Das soll meine Heimat werden – dieses Ungeheuer?‹

Von unten hinauf-schauend drückte sich ihre Gewalt noch stärker aus, als sie es sowieso schon tat. Jeden Augenblick drohten sie über ihn herzufallen, ihn zu verschlingen. Er wusste nicht, welches dieser Schiffe seine neue Heimat werden sollte, doch in diesem Moment waren es keine drei, sondern bloß ein einziges Schiff: sein neues Zuhause.

Es waren nur Sekunden gewesen, die er sie gesehen hatte, doch für ihn stand die Zeit immer noch still. Dabei hatte er sie gar nicht richtig gesehen. Eigentlich sah er nur einen Schatten in der schimmernden Sonne. Kein dunkler Schatten, wie er an der Wand hängt, sondern ein heller, ein brennender Schatten, der alles um sich herum in Dunkelheit hüllt.

Verschlossen lag seine Tasche in einer Ecke der kleinen Kajüte. Er lag auf dem kleinen Bett und streckte sich. Dabei machte er sich so lang, dass er sich mit seinen Armen an der Wand, die am Ende seines Bettes lag, abdrücken konnte. Dann ließ er die Wand los und verschränkte seine Arme über seiner Stirn. Sein Magen knurrte. Langsam machte sich der wenige Schlaf und das nicht stattgefundene Frühstück bemerkbar. Sein Atem dämmte sich. Er konnte spüren, wie seine Gedanken langsam von ihm wichen und in den Raum hinausflogen – er war kurz davor einzuschlafen. Dann richtete er sich wieder auf und setzte sich an den Rand des Bettes. Gekrümmt saß er da, seine Ellenbogen auf die Knie gestützt, so dass sich rote Flecken auf ihnen bildeten, und versteckte sein Gesicht hinter seinen Händen. Er hatte keine Zeit zu schlafen, er musste gleich auf dem Deck sein. Langsam richtete er sich auf und stolperte in den dunklen Flur. Wieder knurrte sein Magen.

›Seekrank am ersten Tag – und das obwohl wir noch nicht mal abgelegt haben.‹

Am Ende des Flures waren noch drei Stufen hinauf zum Deck zu bewältigen. Langsam drückte er sich die erste Stufe hoch, dann die zweite … dann grinste ihn die Sonne breit ins Gesicht. Reflexartig kniff er seine Augen zu und blieb stehen. Ungehindert brannte die Sonne auf das Deck und ließ es in der vor Hitze schwebenden Luft schwimmen.

»Willst du hier noch länger stehen bleiben oder gibt’s du noch den Weg frei?«

Ein breites Lächeln strahlte ihm entgegen.

»Danke.«, antworte das Lächeln und drückte sich an ihm vorbei. Leicht streiften sich ihre Körper, ein frischer Duft drang in seine Nase.

Er stand immer noch auf der letzten Stufe. Schweiß lief ihm über die Stirn, die Nase, das Gesicht. Er verlagerte sein Gewicht auf sein rechtes Knie und schaute ihr nach. Doch er sah sie nicht, zumindest nicht richtig. Alles was er sah, war ein verschwommener Umriss, ein verschwommener Schatten, der in der Sonne tanzte, anfing sich zu drehen und das ganze Deck dabei mit sich riss. Die ganze Welt drehte sich –

»Na kommst du auch endlich mal? Was war das denn da vorne?«

Er stand auf dem Deck, auf seinem Platz in der ordentlich aufgereihten Mannschaft. Verlegen nickte er nur mit dem Kopf. Im selben Moment begann der Kapitän mit der Begrüßung der Mannschaft. Erst jetzt bemerkte er, dass sie direkt vor ihm stand. Leicht links nur ein kleines Stück von ihm entfernt, direkt zwischen einem großen breiten Kerl und einer anderen Frau. Sie drehte leicht ihren Kopf in seine Richtung – – da war es wieder das Lächeln, dieses viel zu stille, vollkommen beruhigende Lächeln. Plötzlich fing er wieder an zu schwitzen. Sein Blick begann wieder zu schwanken. Langsam löste sich ihr Gesicht vor ihm auf, floss einfach in alle anderen Farben über. Nur die Sonne schien direkt auf ihn hinab. Ein kleiner greller Kreis. Ungebremst knallte sie auf ihn, schrie ihn an – oder lachte sie? Jetzt stieg auch der Schwindel wieder in ihm auf. Er konnte merken, wie er Sekunde um Sekunde die Kontrolle über sich verlor und immer wieder brüllte sein Magen dazwischen. Immer noch starrte er in ihre Richtung, obwohl er nicht mehr erkennen konnte, ob sie auch noch in seine starrte. Eigentlich wusste er gar nicht so genau in welche Richtung er überhaupt sah, waren seine Augen überhaupt noch geöffnet? Deutlich konnte er sie vor sich sehen. Sie lächelte ihn an: Hey alles in Ordnung bei dir?

»Hey,« leicht stupste jemand an seine rechte Schulter, »alles in Ordnung bei dir?«

Hektisch schüttelte er seinen Kopf und kam wieder zur Besinnung. »Ja, alles gut.«

»Bist du sicher, du siehst nämlich ganz schön fertig aus?«

Die Worte holten ihn wieder in die Gegenwart zurück. Er nickte kurz.

Er hoffte nur, dass er sich noch bis zum Ende zusammenreißen konnte und nicht schon vorher zusammenklappen würde. Doch dann war der Kapitän fertig und die Mannschaft löste sich wieder in Richtung der Kajüten auf.

»Hey, wo willst du denn so schnell hin?«, in seinem Rücken hörte er ihn noch lachen.

Wieder stolperte er, von einer Seite zur nächsten geworfen, den Flur entlang. Sein Atem keuchte vor ihm her, endlich die Tür – – –

Eine weiche Stimme schlägt gegen mein Ohr, rauscht in ihrer Muschel ewig fort. Sie blendet mich. Ich halte meine Hand schützend vors Gesicht. Langsam gewöhnen sich meine Augen an ihr grelles Licht. Ich sehe mich um – doch ich finde keinen Ton. Da ist kein Ton! Mein Blick fällt zu Boden, er strahlt, ganz weiß – Schnee? Nein, Sand, weißer Sand, von der Sonne reflektiert, erbleicht seine Farbe. Vor mir liegt eine kalte Wüste, ihr weißer Sand gärt wie Salz unter einem hell brennenden Himmel, einem sprechenden Himmel: »Na willst du hier ewig stehen?« Ein Lachen fliegt durch den Sand. Ich sehe dich nicht! Ich sehe mich um, aber ich sehe dich nicht!

Zwei kalte Hände stoßen in meinen Rücken, ich stolpere – Wo ist der Boden? – Mein Schritt rutscht, ich falle – Wo ist der Boden? Ein kalter Schlag trifft meinen Rücken, panisch reiße ich meinen Mund auf – Stille. Eine dicke Flüssigkeit füllt meine Lunge. Ein bitterer Geschmack von Chlor und Salz dringt in meine Nase ein, brennt in meinen Augen. Ein tiefes Blau umschlingt mich mit seinen gewaltigen Armen, zieht mich immer tiefer in seinen dunklen Schlund herunter. Ich falle, getragen von ihren warmen Armen, die mich nach unten ziehen. Seifenblasen fliegen an mir vorbei, zerbersten am kargen salzigen Himmel.

Dann stoße ich auf den Grund. Weiße, saubere Fließen bedecken ihn. Mit fest an meinen Bauch gezogenen Knien schaue ich zum Himmel. Ich sehe die Sonne; ihr verzerrtes Gesicht spiegelt sich auf der Oberfläche. Ein grelles Auge, das direkt hinter der Decke steht, mich beobachtet. Kleine Strahlen aus Licht schlagen auf den leicht schwankenden Himmel, tanzen in seinen Wellen. Ein kleiner, funkelnder Schatten liegt mir gegenüber, fliegt auf mich zu. Ein kleiner Fisch. Seine funkelnden Schuppen reflektieren die leuchtenden Arme der Sonne. Leicht schmatzend steigen kleine Bläschen aus seinem Mund, während er langsam und ruhig auf mich zu schwimmt. Dann, direkt vor meinen Nase, bleibt er stehen – – schielt mich stumm mit seinen runden weißen Augen an. Starr prallen unsere schwarzen Pupillen aufeinander. Eine Seifenblase kommt aus seinem Mund, schwebt langsam auf mich zu. Verzerrt und verschwommen sehe ich mein Gesicht in ihrem regenbogen-farbigen Spiegel. Sind das Buchstaben in ihr? Ich bewege mich nicht, traue mich nicht vor ihr zu fliehen. Sie kommt mir immer näher, fliegt ganz langsam auf mich zu, bis sie an meiner Nase zerplatzt. Eine weiche Stimme –

»Ach bist du auch wieder wach!«

Langsam drückte er sich mit tauben Armen vom Boden. Ein leises Stöhnen und ein dumpfer Schmerz durchfuhr sein Gesicht.

»Ich versteh gar nicht, warum du nicht auf deinem Bett liegen willst, das ist super bequem.«

Ein langer Faden Speichel lag auf dem Boden. Starr, abgestützt auf seinen beiden Armen, blickte er ihn an. Er überlegte – – was war passiert. War er wirklich schon wach oder träumte er noch? Er richtete sich auf und schaute sich, auf seinen Knien sitzend, im Raum um. Sein Kopf schmerzte. Mit geschlossenen Augen fasste er sich an die Stirn und atmete keuchend durch seinen geschlossen Mund aus. Dann sah er mit zugekniffenen Augen und schmerzverzerrtem Gesicht zu seinem Bett herüber, auf dem er, den Rücken an die Wand gelehnt, einen roten Apfel aß.

»Ach du hattest übrigens Besuch, während du geschlafen hast.Ja oder glaubst etwa der Korb wäre von mir?«

Sagte er auf dem Bett und biss genüsslich in den Apfel, der so saftig war, dass beim kauen kleine Tropfen auf seinen dunkelblauen Pullover fielen. »Der stand schon da,«, fuhr er mit vollen Mund und schmatzend fort, »als ich ins Zimmer gekommen bin.«

Er ließ seine Stirn los und legte beide Hände auf seine Beine. Erst wollte er etwas antworten, ließ es dann aber. Eigentlich verstand er auch immer noch nicht so genau, was hier eigentlich vor sich ging. Langsam drückte er sich hoch – – doch schon schoss wieder ein stechender Schmerz in seine Stirn. Schockartig stoppte er jede Bewegung, hielt sogar seinen Atem an und kniff seine Augen zu.

»Das Obst schmeckt übrigens klasse, super saftig.«

Langsam ließ das Hämmern in seinem Kopf wieder nach und er konnte sich endlich hinstellen. Ganz ruhig setzte er nun einen Fuß vor den Anderen und ging ganz vorsichtig zum Tisch. Kaum dort angekommen, sackte er auf den Stuhl davor zusammen. Nun baumelten seine Arme links und rechts an der Lehne herunter. Zum ersten Mal sah er jetzt auch die Schale, die auf seinem Tisch stand: zwei Äpfel, drei Bananen, Trauben und ein Pfirsich. Links klaffte eine Lücke zwischen den Äpfeln hervor. Er setzte sich wieder auf und griff nach einer Banane.

»Es ist schon etwas merkwürdig,«, sagte er weiter kauend auf dem Bett und schaute den Apfel an, »dass wir frisches Obst auf einem Schiff haben.« und biss in die letzte Ecke hinein, bevor er schmatzend fortfuhr: »Naja, wahrscheinlich nur für die ersten Tage. Wann kommen wir überhaupt am nächsten Hafen an?«

»… und du hast mich hier einfach auf dem Boden liegen lassen?«

»Du sahst so friedlich aus, da wollte ich dich nicht stören.«, er grinste.

»Ja eben, Idyllen sind für Träumer.«

Beide lachten.

(Kapitel 2 – Bahiah)

Wenn man weiß, dass man sein Zuhause verlassen muss, um man Selbst zu sein, weiß man auch, dass man nie wieder Zuhause sein wird, außer bei sich selbst. Aber was wenn man selbst ein Anderer ist? – und man ist immer ein Anderer.

Er saß auf dem Deck und schaute zum Meer hinaus. Ein roter Feuerball brannte über dem uferlosen, alles verschlingendem Blau. Das Meer war ruhig, kaum eine Welle traute sich es mit dem Schiff aufzunehmen. Still beobachtete er wie selbst die letzten Funken verschluckt wurden und eine lange Lichterkette ihren Platz einnahm.

› … Sterne … ‹

Noch nie hatte er einen so hell-leuchtenden Himmel gesehen. Er fühlte sich richtig, hier, in dieser Leere zwischen den Sternen, dem endlosem Himmel und ihrem tiefen Spiegel. Dachte er aber wieder an seine Kollegen und Kolleginnen, wie sie Karten spielten, sich unterhielten oder in ihren Zimmern vor ihren dunkel-leuchtenden Spiegeln saßen, dann fühlte er sich wieder fremd, einsam und verloren.

›In der Leere unter den Sternen gibt es keine Einsamkeit, es gibt nur das All – – – was das auch immer sein soll.‹

»Na willst du hier ewig Wurzeln schlagen.«

»Am liebsten ja, genau hier und nirgendwo anders .«, kam die Antwort ganz automatisch aus seinem Mund.

»Mit mir oder den Sternen?«, sie lachte leise.

»Was immer mir näher sein sollte.«, antwortete er in einem kaum hörbarem Seufzer und bereute es im gleichen Moment laut gedacht zu haben.

Mit verlorenen Augen schaute er aufs Meer hinaus, auf dem die kleinen funkelnden Sterne schwankten. Erst als sie schon längst, ihre Arme um ihre Knie geschlungen, neben ihm saß und er ihre warme Schulter an seiner spürte, schaute er zu ihr hinüber. Ruhig und mit entspanntem Blick schaute sie dort hin, wo er gerade noch hingestarrt hatte. Er lächelte, etwas unsicher. Ein kurzer stiller Moment entstand und er wandte sich wieder dem Meer zu, doch die Stille wurde nicht mehr leise. Jetzt, wo er sie einmal gefunden hatte, war sie da – er war nicht mehr allein.

Plötzlich spürte er ihren warmen Körper. Sie war näher an ihn herangerückt, schmiegte sich wärmend an ihn und holte ihn aus der Stille heraus, ohne dabei ihre Augen vom Meer abzuwenden: »Warum sitzt du hier ganz alleine?«

Er konnte nicht antworten, konnte ihr keine Wärme zurückgeben. Er fühlte sich allein, obwohl sie direkt neben ihm saß.

»Ich bin ja nicht allein.«

Von außen mussten sie aussehen wie ein Paar, das diesen ruhigen romantischen Abend genoss. Dabei wollte er – er wollte da sein, er wollte ihre Wärme erwidern, die nur ganz seicht zu ihm durchdrang. Doch er konnte sie einfach nicht spüren. Es lag zu viel Himmel und zu viel Meer zwischen ihnen.

»Nein, das mein ich nicht, ich meine jetzt, draußen in der Kälte. Alle anderen sind schon schlafen oder sitzen noch im Saal und unterhalten sich.«

Zwei Fremde, sie hatten sich vorher noch nie gesehen und nun saßen sie hier zusammen, eng aneinander geschmiegt.

»Ich weiß nicht – – es ist so … so ruhig und friedlich hier. Die Sterne klaren die Dunkelheit auf, alles ist klar und weit, frei, irgendwie –« und für einen kurzen Moment verschwand sein Blick erneut im Meer.

»Na ich geh dann mal lieber wieder rein. Ich hab morgen früh Schicht. Vielleicht sehen wir uns aber dann am Mittag, in der Kantine?«

»Ja, das wäre Klasse.«

»Super, ich freu mich. Bis morgen.« und zum letzten Mal für diesen Tag, für diese Nacht, lächelte sie ihn an und verschwand wieder im Schiffsrumpf.

Eine sanfte Wärme erfüllte ihn und er schaute ihr lange nach, starrte auf die bleiche Tür, die vom kleinen gelben Licht erhellt aus der Dunkelheit hervor trat, bis das Licht erloschen war und sie wieder in der Dunkelheit verschwand. Dann ließ er sich fallen und schaute in den klaren Sternenhimmel.

Über dem Meer lag ein blauer wolkenloser Himmel. Weiß schlugen die kleinen Wellen ans Schiffs. Bis auf eine leichte Strömung lag das Meer still und öffnete ihren endlosen Horizont. Sanft spiegelten sich die warmen Strahlen der Sonne im Wasser. Doch von all dem sah er nichts, er war unter Deck, im Maschinenraum. Leise sonorten die Maschinen vor sich hin und dank der Lüftung war die Luft hier unten wie an jedem anderen Ort. Nur das gelbe, leicht schweflige Licht konnte einem mit der Zeit Kopfschmerzen bereiten. Aber solange musste keiner hier unten bleiben. Trotzdem vermisste er ein Fenster – die Wolken, den Himmel, die Sonne – und wäre er alleine, wäre dieses leise Summen in der Stille zu einem Sturm geworden. Doch er war zum Glück nicht allein:

»Also, sie hat sich zu dir gesetzt und dann?«

»Ach, was weiß ich … nichts.« Er ging zwei Schritte vor ihm und bückte sich leicht zur Maschine herunter, während er hinter ihm lief und die Zahlen notierte.

»Wie? – Nichts?«

»Ja keine Ahnung … müssen wir wirklich jetzt darüber sprechen?«

»Was hast du überhaupt draußen gemacht, alleine?«

Die Chance, dass er verstehen würde, dass er sich nach ein wenig Einsamkeit, nach ein wenig Selbst sehnte, schien ihn doch zu gering, als dass er sich ihm anvertrauen wollte. Der Rückzug war Seins, niemand konnte, sollte oder durfte es verstehen – wie hätte es auch Seins sein können, wenn er es teilen oder bloß mitteilen könnte? Und selbst wenn, selbst wenn er es selber verstehen würde, wie hätte er es in Worte fassen können? Worte sind viel zu oberflächlich, sie können nur das Wiedergeben, was man fassen kann, das, was jeder kennt … aber das, das war selbst ihm unbekannt.

»Halloho, ich hab dich was gefragt?Na ist ja auch egal, lass was Essen gehen. Das war die letzte Maschine, den Wasserfilter können wir auch nacher sauber machen.«

» … auf jeden Fall meinte er, dass wir wahrscheinlich schon morgen Abend den nächsten Hafen erreichen werden.«

Mit nachdenklichen Augen starrte er auf die Teller, die sich hinter gelb-leuchteten Glaskästen versteckten und versuchte die konstante Stimme in seinem Rücken zu ignorieren.

»Mach's doch einfach so wie ich, immer das, was am besten aussieht.«, er warf sich eine Pommes in den Mund und griente ihn breit an.

Mit hochgezogener Augenbraue und leichtem Kopfschütteln griff er nach einem Teller.

»Hey,«, mit einem fröhlichen Lächeln und strahlenden Augen sprang sie neben die Beiden, »Ich würde das hier empfehlen« und griff nach dem Teller vor ihm.

»Nä, das hier sieht auch ganz lecker aus«, breit strahlte er zurück.

»Ich lass euch zwei dann mal alleine – – wir sehen uns später.«

»Und was durftest du heute machen?«, begann sie das Gespräch, als sie sich an einen freien Tisch gesetzt hatten.

»Zahlen lesen.«

»Klingt entspannend.«

»Ja eben, es gibt spannenderes.«

Langsam führte er, ohne seinem Essen auch nur einen Blick gewürdigt zu haben, leise lachend, die Gabel zu seinem Mund.

»Was hast du denn heute gemacht?«

»M« – sie schluckte – »ich war im Navigationsraum.«

»Nein?! – also gehörst du zu den wenigen, die immer wissen, wo sie sind und wo sie hin wollen?«

»Naja, ich lese auch nur Zahlen ab«, sie lachte, »aber im Prinzip,«, machte eine kurze Pause und setzte dann, ihn im ironischen Ton nachahmend, hinzu, »jap, ich weiß immer wo ich bin und wo ich hin will.«

»Und wo willst du hin?«

»Jetzt oder im Allgemeinen«, erwiderte sie immer noch lachend.

»Beides.« setzte er schnell hinzu.

»Jetzt – will ich nirgendwo hin.«, sagte sie, ihm verträumt in die Augen blickend.

»Aber wir sind doch ständig wo anders –«

»Ja, aber ich bin ja nicht alleine.«, antwortete sie, ihn immer noch mit ihren Augen festhaltend.

»Mh, also willst du immer da sein, wo du nicht alleine bist?«

»Ich will immer da sein, wo die Menschen sind, die mir etwas bedeuten, die mir das Gefühl geben, nicht alleine zu sein ... Zuhause zu sein.« Sie hatte ihren Ton geändert. Auch ihr Blick hatte sich jetzt verändert. Jetzt schaute sie ihn mit großen warmen Augen an. Das fröhliche Lächeln, das sich so fest in ihrem Gesicht eingenistet hatte, war verschwunden. Stattdessen schien sie ihn etwas traurig anzuschauen, als wenn sie Mitleid mit ihm hatte. Eine merkwürdige Stille setzte sich zwischen die Beiden. Fest schauten sie sich gegenseitig in die Augen. Dann brach sie die Stille: »Und du? – Wo willst du hin?«

›Weg‹ – – wäre die ehrlichste Antwort gewesen. »Nirgendwo – Ich will erst mal da sein, bevor ich woanders hin will.«

Sie lachte. Endlich hatte er sie verstanden. Hatte er? Schnell, nachdem er geantwortet hatte, nahm er eine große Gabel, um seinen Gesichtsausdruck zu verschlüsseln und lächelte dann mit fröhlichen und glasigen Augen zurück.

»Ich hab gehört, dass wir morgen schon den nächsten Hafen erreichen werden. Vielleicht hast du ja Lust … also nur irgendwohin gehen … uns verlaufen?«, frage er plötzlich, etwas aus dem Nichts.

»Ja, das wäre Super. Wir könnten ja in eine Bar oder so gehen.«

»Oder so,« antwortete er, einfach nur froh über ihre schnelle Antwort. Doch trotzdem schien er seine Enttäuschung nicht vollständig vor ihr verbergen zu können.

»Ich darf doch mal probieren oder?« Ohne auf eine Antwort zu warten, stand sie plötzlich auf und griff mit ihrer Gabel über den Tisch zu seinem Teller.

»Dann will ich aber auch bei dir.«

Da standen sie nun, beide über den Tisch gebeugt, Kopf an Kopf, mit ausgestreckten Armen im Essen des Anderen herumstochernd. Und kaum hatten sie die Gabeln in ihre Münder gesteckt, sahen sie sich in die Augen … und fingen an zu lachen.

(Kapitel 3 – Der graue Regenbogenfisch)

Gibt es ein Lachen, das ohne Angst auskommt? Un Soleil qui ne veut pas de rire c'est un soleil, qui ne rire jamais, mais un soleil qui rit toujours est un soleil qui comprise rien du rire. Warum sehen sich Lachen und Weinen bloß so ähnlich?

Eine graue Wolkendecke erdrückt die Stadt. Heftig schlägt der Regen auf die dunkle Straße. Wir laufen, unsere Hände schützend über unseren Köpfen, durch die nassen Straßen – unser verzweifelter Versuch dem kalten Regen zu entkommen. Laut platschen unsere Füße auf dem Asphalt, während der Wind uns immer wieder nass und kalt ins Gesicht schlägt. Kaum ein Licht schafft es, die Wolkendecke zu durchdringen, wie ein dunkler Schleier hat sie sich über die Stadt gelegt. Nur die kleinen Lichter der Laternen bewahren die Stadt vor der totalen Finsternis, doch selbst ihr Licht wird so stark vom strömenden Regen verzerrt, dass sie kaum gegen die Nacht anleuchten können.

Wir lachen, unbeeindruckt von der kalten Atmosphäre.

Dann sehen wir ein gelbes Licht, das aus einer Ecke aus dem Boden hervorragt. Wie ein kleiner gelber Funke dringt es an die Öffentlichkeit – ein kleiner Funke mit einem gewaltigen schwarzen Schatten. Laute Musik schallt aus dem Boden, tanzt in der kleinen Lichtkegel. Das Licht führt uns drei steinerne Stufen hinunter. Hinter der letzten liegt eine weit geöffnete Tür aus rotem Metall. Vor ihr steht ein großer, breiter Mann. Kaum treten wir auf die erste Stufe –

»Wir sind voll.«

hatte er einen Schritt auf uns zu gemacht und seine Hand uns entgegengestreckt, als wollte er uns davon abhalten näher zu kommen.

»Wie? Voll? – Es regnet in strömen!«

»Wir sind voll. Es tut mir Leid, aber im Moment darf ich niemanden hier reinlassen.«

Wir steigen die Stufe wieder hinauf, zurück in den kalten Regen. Dumpf und gedrückt dröhnt die Musik zu uns heraus. Du stehst mir gegenüber, deinen Kopf tief in deinen hochgezogenen Schultern versteckt, deine Hände in deinen Hosentaschen vergraben und schaust zu Boden.

Heftig prasselt der Regen jetzt mit seiner ganzen Kraft auf uns nieder, während das Licht des Kellers matt in unsere Gesichter scheint. Langsam durchweicht der Regen deine Haare. Kleine nasse Tröpfchen klettern deine Strähnen herab, bevor sie langsam zu Boden tropfen. Frierend und durchnässt stehen wir in der goldenen Kegel, die die Dunkelheit von uns fernhält – ein ironisches Bild. Starr und steif stehst du da, bewegst dich nicht, lässt den Regen einfach auf dich niederschlagen. Du könntest auch weinen, ich würde es nicht bemerken –

»Hey – «

Du siehst auf. Schief lächelnd halte ich dir meine Hand entgegen.

Wir tanzen im strömenden Regen, ohne unsere Verbindung auch nur einmal zerbrechen zu lassen. Wir haben keinen Takt, keine Form, kein Ziel. Wir haben nur uns, zwei durchnässte Körper, fest aneinander geschmiegt, einsam tanzend, zu einer aus der Tiefe dröhnenden, kaum erkennbaren Musik. Leicht schwebt unser Schatten verschwommen über den nassen Asphalt. Dieses vierbeinige Kind aus Licht, das immer wieder, an die Grenzen ihrer Existenz getrieben, in der Dunkelheit verschwindet.

Die Musik stoppt – wir fallen aus unserem taktlosen Tanz, stolpern kurz, bevor auch wir zum Stillstand kommen. Tief schauen wir uns an, aus Angst vor der Stille, aus Angst wieder in die einsamen Arme der Dunkelheit zurückgestoßen zu werden. Doch wir liegen sicher, halten uns gegenseitig fest.

Dann setzt wieder verschwommen die Musik ein. Leise, fast vor ihrer eigenen Stimme zitternd, flüstert sie uns zu. Noch fester schmiegen wir uns aneinander, greifen nach unseren Körpern. Kopf an Kopf, unsere Wangen aneinander geschmiegt, auf unseren Schultern ruhend, verlieren wir uns. Kalt läuft der Regen unsere Gesichter hinab, tropft von unseren Haaren in den Rücken des Anderen. Wir schauen uns an. Leicht zittern unsere Wimpern von den harten Schlägen des Regens. Doch wir lächeln, nein, wir lachen, sanft und ruhig. Warm spüre ich deinen Atem, der ganz seicht meine Wange streichelt. Sanft streichelt meine Nase ein letztes Mal, als würde sie sich verabschieden wollen, die Spitze deiner. Kalt rinnt der Regen an unseren heißen sich-suchenden Lippen hinab. Leicht schiebt sich deine Zunge hervor, streichelt die kleinen Regentropfen auf deinen sich langsam öffnenden Lippen. Ich spüre deinen warmen Atem

»Heach« – mit weit aufgerissenen Augen schreckte er, nach Luft suchend, auf. Kurz stand er vom Schreck gehalten in der Luft, bevor er, mit einem leichten Stöhnen, die gerade panisch eingesogene Luft wieder ausatmete und sich erschöpft zurück auf das Kissen fallen ließ.

»Ah«, seine Lippe brannte. Vorsichtig tastete er nach der brennenden Stelle. Blut – er hatte sich im Schlaf die Lippe aufgebissen. Er stöhnte und schloss, in der Hoffnung noch etwas Schlaf zu finden, sofern sich das überhaupt Schlaf nennen ließ, erneut seine Augen – – ohne Erfolg, der Schlaf war vorbei. Müde und schlapp richtete er sich auf, fuhr sich übers Gesicht und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn.

»He! Ah« – er hatte es schon wieder vergessen.

An der Bettkante sitzend, versuchte er sich zu erinnern – – aber es kam nichts, der Traum schien plötzlich ganz weit weg. Seine Ellenbogen auf seine Oberschenkel gestützt starrte er auf den glatten Boden. Er schielte zur Uhr, die auf der Kommode neben seinem Bett stand – zu früh, zwei Stunden, bevor er hätte aufstehen müssen. »Ouh« – er keuchte, drehte seinen Kopf wieder zurück und starrte, ruhig atmend, zur Decke, bevor er mit einem Satz aufstand und ins Badezimmer tappte.

Ein rauer Wind wehte vorne am Deck. Immer wieder schossen kleine salzige Spritzer zu ihm hinauf. Es war kalt. Nichts erinnerte an diesem Morgen noch an die Wärme der letzten Tage. Seine Kapuze über die Mütze auf seinem Kopf gezogen, die Arme tief in den Jackentaschen vergraben, die Schultern steif angezogen, starrte er regungslos aufs Wasser.

»Ich hab schon gehört, dass wir einen Romantiker an Bord haben sollen.«

Erschrocken von der plötzlichen Stimme in seinem Rücken, drehte er sich um.

»oder hab ich Sie in Ihrer Ruhe gestört.«

Er zögerte, immer noch leicht erschrocken – die Müdigkeit hielt ihn gefangen.

»Nein, mich hat mehr der Schlaf erschreckt, als die Sehnsucht nach der blauen Tiefe.«, gab er endlich zur Antwort. Die Müdigkeit hielt ihn auch noch vom Nachdenken ab, es war der Kapitän, mit dem er sprach. Er biss sich auf die Zunge.

»Oha, große Worte. Na ich seh schon, dat Meer spricht zu Ihnen. Aber seien sie vorsichtig, es ist viel kälter und tiefer als die Oberfläche preisgeben mag.«

»Vielleicht ist es gerade das, was mich so an ihr reizt.«

Darauf lachte der Kapitän, mit einem kontrollierten, sehr bewussten Lachen, klopfte ihm väterlich auf die Schulter und ging in Richtung der Tür. Doch kurz bevor er hinter dieser verschwand – die Türklinke schon fest in der Hand hielt – drehte er sich noch einmal um.

»