Das Lamm - Jannie Regnerus - E-Book

Das Lamm E-Book

Jannie Regnerus

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Beschreibung

Gestern noch spielte Joris einen Ritter, der gegen Drachen kämpft. Er sammelte Kaulquappen in Einmachgläsern und malte lustige Bilder. Heute sitzt der Fünfjährige vor der Kinderonkologin auf einem Krankenhausbett. Diagnose: Nierentumor. Das Leben von Joris und seiner Mutter Clarissa wird von einem Tag auf den anderen komplett umgekrempelt.

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Seitenzahl: 97

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Gestern noch spielte Joris einen Ritter, der gegen Drachen kämpft. Er sammelte Kaulquappen in Einmachgläsern und malte lustige Bilder. Heute sitzt der Fünfjährige vor der Kinderonkologin auf einem Krankenhausbett. Diagnose: Nierentumor. Das Leben von Joris und seiner Mutter Clarissa wird von einem Tag auf den anderen komplett umgekrempelt.

Die Autorin

Jannie Regnerus, geb. 1971 in Oudebildtzijl, ist seit den 1990er Jahren als Künstlerin und Fotografin aktiv und erhielt für ihr Werk zahlreiche Preise, so 2007 den VPRO Bob-den-Uyl­-prijs für das beste Reisebuch des Jahres. Seit 2005 veröffentlicht sie zudem Romane, darunter »Het geluid van valende sneeuw« (2006), »Nachtschrijver« (2017) und »Het Wolkenpaviljoen« (2020). »Das Lamm« erschien 2018 auf Niederländisch.

Der Übersetzer

Ulrich Faure, geb. 1954 in Halle/Saale, lebt in Düsseldorf. Langjähriger Online­Chefredakteur beim Branchenmagazin BuchMarkt, Publizist, Lektor, Herausgeber und Übersetzer aus dem Niederländischen, u. a. von Simon Carmiggelt, Maarten Biesheuvel, Thomas Heerma van Voss, Rob van Essen, Paul Binnerts und Pieter Waterdrinker.

Jannie Regnerus

Das Lamm

Roman

Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure

Weidle Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Weidle Verlag, Göttingen 2025

Wallstein Verlag GmbH

Geiststr. 11, 37073 Göttingen

www.wallstein-verlag.de

[email protected]

Der Weidle Verlag ist ein Imprint der Wallstein Verlag GmbH.

Die Originalausgabe, Het lam, erschien 2013

© Jannie Regnerus, 2013

First published by Uitgeverij Van Oorschot

Published by special arrangement with Uitgeverij Van Oorschot in conjunction with their duly appointed agent 2 Seas Literary Agency.

This publication has been made possible with financial support from the Dutch Foundation for Literature.

Wir danken der niederländischen Literatur-Stiftung für die Förderung der Übersetzung.

In memoriam Oliver Selinka.

Lektorat: Stefan Weidle

Korrektur: Carlotta Seuthe

Gestaltung, Satz, Einband unter Verwendung eines Details aus dem Genter Altar von Jan van Eyck (Saint-Bavo’s Cathedral, www.artinflanders.be, photo Dominique Provost): Friedrich Forssman

ISBN (Print) 978-3-8353-7502-4

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-7711-0

Inhalt

Umschlag

Titel

Impressum

Inhalt

Jannie Regnerus: Das Lamm

Für Sierd

JORIS beugte sich über ein Lamm, das auf dem Platz zurückgeblieben war, nachdem der Markt längst geschlossen hatte. Das Tier lag irgendwo in einer Ecke, auf einem Altar aus zusammengekehrtem Schmutz und Kartonfetzen, und war mit ­Mandarinenschalen und vergilbten Kohlblättern übersät. Es hatte die Beine angewinkelt, als wäre es in forschem Trab plötzlich tot umgefallen. In diesem stummen Lamm vollzog sich noch einiges andere; das weißgelockte Fell wurde stumpf, Fliegen mit grünschillernden Leibern krochen in die Ohrmuscheln und ließen sich auf den weit aufgerissenen Augen nieder, die längst ihren Glanz verloren hatten und auf etwas zu starren schienen, das weit von dem Kind und den Pappeln rund um den Platz entfernt in der Luft trieb. Lange hatte Joris so dagestanden, mit rundem Rücken, die Hände auf die Knie gestützt, ebenso reglos wie das Objekt seiner Aufmerksamkeit. Auf einmal richtete er sich auf und rieb sich mit dem Handrücken die Augen, um dann zum Hotel de ­Tunis zu hüpfen, wo die Farbe von den Wänden blätterte und ockerfarbenes Wasser aus den Hähnen tröpfelte, eine passende Kulisse für eine erste Begegnung mit der Endlichkeit.

So aufmerksam, wie Joris sich in Tunis über das Lamm gebeugt hatte, genauso konzentriert hatte Clarissa in den ersten Wochen nach seiner Geburt an der Wiege gestanden und ihn betrachtet, als könne sie sein Wachstum in flagranti ertappen. Nach jedem Erwachen schien er sich ein wenig verändert zu haben, schien sich sein Nasenrücken einen zusätzlichen Millimeter weit aus dem runden Gesicht zu erheben, und nach jedem neuen Schlaf klärte sich das trübe Blau hinter seinen geschlossenen Augenlidern, und ein reines Ultramarin kehrte zurück.

In dem rostigen Gitterbett auf Zimmer 6 wollte der Schlaf nicht kommen; wenn ein Lamm starb, konnte er es dann auch? Die Tonhöhe seiner Stimme verriet leichte Panik, und Clarissa sah Ungläubigkeit in seinem Blick. Die Frage hatte sie überrumpelt, mußte das wirklich jetzt schon sein? Sie hatte noch keinen wasserdichten Plan, keine tröstliche Erklärung fürs Sterben, sie hatte angenommen, sich dafür noch alle Zeit der Welt lassen zu können. Eine Notlüge war nicht die Lösung, die Wahrheit würde doch einmal ans Licht kommen. Mit Vorsicht beschönigte sie das unausweichliche Schicksal, das Lamm auf dem Markt wurde zur Ausnahme von der Regel, denn Sterben, das war etwas für alte Leute. Sie listete auf, wer und was er zuerst noch werden mußte: Halbwüchsiger, Jugendlicher, Student, erwachsener Mann und Vater, Großvater und mit etwas Glück sogar Urgroßvater, genau wie der alte Joris, sein Namenspatron. Die Länge dieser einzelnen Lebensphasen demonstrierte sie mit weit ausgebreiteten Armen wie ein Angler, der seinen Fang schamlos übertreibt. Der Moment zu sterben wäre für ihn noch lange nicht absehbar, entschied sie laut und wies auf etwas hinter den abblätternden Wänden des Hotel de Tunis, unvorstellbar weit weg, jenseits der Wüste und Lichtjahre von seinem Bett entfernt.

OSTERSONNTAG im Wald. Clarissa stiefelt im Marschtempo vorneweg, sie braucht den Vorsprung. Mit zehn Metern Abstand folgt ihr Joris, der vornübergebeugt den Weg absucht; an seiner linken Hand baumelt ein Weidenkörbchen. Er sucht und findet die Schokoladeneier, die sie so unauffällig wie möglich durch die Finger gleiten läßt. Der Wald dampft; jetzt, da der Regenguß aufgehört hat, steigen feuchte Wölkchen aus dem Laub und von den Stämmen wie auch von den Sträuchern und Holzzäunen auf.

Früher am Morgen war der Himmel tiefschwarz gefärbt gewesen, und während in der Ferne die ersten Blitze mit spleißendem Krachen einschlugen, sog sich in der Stadt alles für einen Moment mit Farbe voll. Eine Minute, in der die Grachten nicht mit Wasser, sondern mit Quecksilber gefüllt zu sein schienen. Fahle Ziegeldächer begannen ein leuchtend orangefarbenes neues Leben, und die Dächer waren anstelle von Zink in Blattgold gefaßt. Laternenpfähle, versilbert in Reih und Glied. Über der Stadt segelten Möwen, schneeweiße Punkte, und auf den Straßen herrschte Verkehr, der nur aus nagelneuen Autos bestand.

Die Welt hinter dem Fenster wirkte wie ein Gemälde, dessen Farbschichten gerade erst aufgetragen worden waren, eine Farbexplosion, die Erinnerungen an Die Anbetung des Lamm Gottes weckte, das Altargemälde der Gebrüder van Eyck in Gent, das Clarissa als Kunststudentin mehrmals aufgesucht hatte. Bei jedem Besuch war sie aufs neue von der Vitalität der Farben beeindruckt. Das Ultramarin des Mantels der Maria, aus feingemahlenem Lapislazuli hergestellt, hell und tiefblau wie der Himmel. Das Zinnoberrot von Gottes Gewand, eine Mischung aus Quecksilberschwefel und Gold, der Farbe frischen Blutes. Und das Grün der Kutte von Johannes dem Täufer, das auch nach Jahrhunderten noch frisch und saftig wie Blätter im Frühling wirkt. Sie erinnert sich an das Lamm auf dem mittleren Tafelbild und wie es trotz der heftig blutenden Wunde in der Brust fest auf den Altar gepflanzt stand, von wo aus es dem Betrachter stolz, fast keck ins Auge blickte. In seiner Welt schillerten noch die kleinsten Details, als würde alles ständig von Unwettern heimgesucht.

Regenwasser sickert durch die Verzweigungen zum Stamm und findet von dort aus den kürzesten Weg nach unten, rinnt in schnurgeraden Linien wie schwarzer Sirup an der Baumrinde herab. Im Rhythmus eines Säers greift Clarissa den Rucksack, der vor ihrer Brust hängt, und läßt ihre Schätze auf und neben den Dünenweg fallen, eine Spur aus glitzernder Silberfolie. Bei jedem Fund stößt Joris Begeisterungsschreie aus, und mit Hingabe sucht er nach noch mehr Beweisen, mit denen er seinen Glauben an den Osterhasen rechtfertigen kann. Auf dem letzten Teil der Strecke hat sie noch so viele Eier übrig, daß sie sie großzügig ausstreuen kann. Nicht lange danach beginnt es mit dem Blut-Pinkeln.

HELLROT, man könnte es auch gerade noch als braun durchgehen lassen. Sie hört Joris sagen, daß es von all den Schokoladeneiern komme; er habe so viele davon gegessen. Er hat sie am Ärmel zur Toilettenschüssel gezogen. Während sie eng aneinander gedrückt in dem schmalen Raum stehen, rattert Clarissas Hirn, um zu einer unbedingt beruhigenden Erklärung zu kommen. Eine Blasenentzündung oder die verspätete Auswirkung der roten Bete, die sie vor zwei Wochen gegessen haben. Was nützt einem eigentlich ein derart beschönigungsbereites Gehirn, das alles tut, um die Welt wenigstens noch einen Augenblick als einen heilen Ort aussehen zu lassen? Genau wie in jener warmen Sommernacht, als sie von dem in seinen Nuten rappelnden Schlafzimmerfenster geweckt wurde, lauter, aber vor allem viel weniger gleichmäßig, als es normalerweise der Fall war, wenn der Wind daran rüttelte. Im Mondlicht hatte sie die Umrisse eines Mannes mit Baseballkappe erkannt, der mit beiden Händen den Schieberahmen vorsichtig immer ein Stückchen weiter nach oben stemmte. Clarissa hatte die Szene von ihrem Bett aus beobachtet, als ginge es nicht um ihr Schlafzimmer, sondern um ein Set in einem Filmstudio. Diese Version konnte sich freilich nicht lange behaupten und mußte bald einem zweiten Szenario weichen: Es konnte nur der Nachbar sein, der einen Ball aus dem Garten holen wollte, oder einer der Maler, der vielleicht einen Spachtel oder einen Pinsel liegengelassen hatte. Erst als der Mann sein linkes Bein über das Fensterbrett nach drinnen schwang, hatte sie ihn mit einem Edvard-Munch-Schrei zu Tode erschreckt und gehört, wie er katzenartig über den Zaun floh. Dann war es wieder still, als wäre nichts geschehen. Sie wußte nicht recht, was sie tun sollte: das Fenster schließen, sich umdrehen und weiterschlafen oder die Polizei rufen? Ihre Zweifel und ihr Bademantel standen in groteskem Kontrast zu der Hektik zweier uniformierter Polizisten, die nach diesem Fast-Delikt angestürmt kamen und Angst und Schrecken weiter schürten, so daß Clarissa die restlichen Stunden der Nacht damit verbrachte, sie mit Kaffee zu versorgen und ihre sinn­losen Fragen zu beantworten.

Sie wartet noch einen Augenblick, aber dann zieht sie beherzt an der Strippe, das Spülwasser verdünnt die rote Farbe, und die Pfütze gurgelt und fließt weg, als wäre nichts gewesen. Darüber hinaus ist Clarissas Hirn mit einem Farbregelknopf ausgestattet, mit dessen Hilfe sie alles in ein nicht weiter erwähnenswertes Rosa ausbleichen kann. Mit dem hartnäckigen Glauben an einen guten Ausgang machen sie mit ihren Oster­plänen weiter und sitzen an diesem Nachmittag nicht in der Notaufnahme, sondern bei Opas Geburtstagsparty, wo sie und Joris kein Schokoladenei mehr anrühren, als ob sich damit das Blatt noch wenden ließe. Am nächsten Morgen pinkelt Joris das Zinnoberrot der altniederländischen Maler.

ES scheint nicht ungewöhnlich zu sein, Szenarien zu erschaffen, die beruhigen sollen; selbst der Hausarzt bleibt lange gelassen und versucht das Übel mit Antibiotika zu bekämpfen. Erst eine Woche nach Ostern sitzt Clarissa im Kreiskrankenhaus mit einer halben Pobacke auf dem Stuhl neben Joris, der mucksmäuschenstill auf einer schmalen Pritsche liegt, auf einer eigens für den neuen Patienten ausgerollten, raschelnden weißen Papierunterlage. Unbehaglich reibt er die Spitzen seiner abgelatschten Turnschuhe aneinander.

In Clarissas Handtasche schmort ein Gluthaufen Panik; zehn durchsichtige Röhrchen, in denen sie normalerweise Filmrollen aufbewahrt, jetzt sind sie mit Joris’ Urin gefüllt. Kurz zuvor hatte sie die auf dem Schreibtisch des Kinderarztes aufgebaut, eine bunte Sammlung von rot, röter, am rötesten. Clarissa hat gesehen, wie der Arzt bei diesem Anblick zusammenzuckte, das konnte auch Joris nicht entgangen sein.