Das Land am Vulkan - Franz Müller-Wendling - E-Book

Das Land am Vulkan E-Book

Franz Müller-Wendling

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Beschreibung

Der Himmel über Afrika ist nicht immer blau. Ein deutscher Arzt und Entwicklungshelfer schildert die Nachwehen des entsetzlichen Völkermords in Ruanda von 1994. Dabei erspart uns der Autor die furchtbarsten Details. Sein Erfahrungsbericht, immer wieder von erschütternden Augenzeugenschilderungen durchbrochen, ist ein eindringliches Plädoyer für Menschlichkeit, Mitgefühl und Respekt vor dem Fremden, Andersartigen. Ein christliches Bekenntnis im besten Sinne.

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Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Impressum

Aufbruch nach Goma

Der Beginn des Genozids April 1994

Fahrt zu den Lagern

In den Lagern

Rückkehr nach Afrika nach vielen Jahren

Die Erinnerung eines Tutsis, der seine Familie verloren hatte

Ruanda, Kibuye

Nach dem Genozid

Schlussbemerkungen

Abschied von Ruanda

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Cover

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

2. Auflage

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-188-1

ISBN e-book: 978-3-99131-189-8

Lektorat: Volker Wieckhorst

Umschlagfotos: Smileus, Szefei | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Franz Müller-Wendling

www.novumverlag.com

Aufbruch nach Goma

Im August 1994 suchte der deutsche Zweig der internationalen Hilfsorganisation „Care“ in allen deutschen Medien (Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen) medizinische Fachkräfte zum Einsatz in einem riesigen Flüchtlingslager im Osten der Republik Kongo/Zaire in Zentralafrika. Die Ursachen des Konfliktes in diesem Land waren den meisten Fernsehzuschauern wenig oder gar nicht bekannt.

Nach einem furchtbaren Bürgerkriegsgemetzel in Ruanda und den darauffolgenden Flüchtlingsströmen hatte sich nach dem 20.Juli 1994 eine verheerende Choleraepidemie ausgebreitet. Nach wenigen Wochen waren tausende Opfer zu beklagen. Bilder und Filme von der grassierenden Epidemie erschreckten Fernsehzuschauer in der ganzen Welt, täglich sah man wie die Leichen mit Hubladern in Massengräber transportiert wurden.

Wenn auch die meisten Fernsehzuschauer durch tägliche Schreckensbilder, die andere Ursachen hatten, abgestumpft waren, so überstiegen doch die nun gezeigten Bilder aus den Flüchtlingslagern für die meisten Zuschauer alles Erträgliche. Landauf -landab stellte sich eine nie gekannte Welle von Hilfsbereitschaft ein, die sich aus dem Entsetzen über das Gesehene ergab. Wer die Möglichkeit hatte, zögerte nicht, Geld an eines der gezeigten Spendenkonten zu überweisen. Einige entschlossen sich aber dem Ruf von Hilfsorganisationen zu folgen und sich, wenn es die Lebensumstände erlaubte, nach Afrika aufzumachen.

Ich selbst fragte mich, ob es für mich einen wichtigen Grund gäbe, dem Hilferuf von CARE nicht zu folgen, und ich entschloss mich nach kurzem Überlegen zur Teilnahme an dieser Hilfsaktion.

Wenige Tage vor dem geplanten Reisetermin erreichten uns aus den afrikanischen Flüchtlingslagern noch Schreckensmeldungen von gewalttätigen Übergriffen von Lagerinsassen auf Helfer und von katastrophalen Arbeitsbedingungen vor Ort, so dass Einige, die zunächst fliegen wollten, ihre Bereitschaft widerriefen. Mein Entschluss stand aber fest, ich würde mit nach Afrika reisen.

Die Zeit zur Abreise war knapp, ich konnte mir noch die erforderliche Gelbfieberimpfung in der Universitätsklinik Essen geben lassen und mir ein Medikament zur Malariaprophylaxe besorgen.

Für weitere Impfungen, die ebenfalls notwendig gewesen wären, fehlte mir die Zeit.

Mein Sohn fuhr mich zum festgesetzten Zeitpunkt zum Flughafen Köln- Bonn. In der Abflughalle mussten wir Ärzte von uns noch ein Passfoto für die schriftliche Erlaubnis anfertigen lassen uns in der Republik Kongo ärztlich zu betätigen.

Bild von kongolesischer Ärztekammer

Zum Abschied umarmte ich meinen erwachsenen Sohn, der mir mit einiger Besorgnis noch alles Gute für den bevorstehenden Einsatz wünschte.

Die Art unseres voraussichtlichen Einsatzes in Afrika war ungenau und bruchstückhaft beschrieben, wie in der Kürze unserer Vorbereitungszeit kaum anders zu erwarten. Im Flugzeug nach Goma erhielten wir in wenigen DIN-A 4- Seiten Informationen über die wichtigsten Krankheiten, die in den Flüchtlingslagern zu erwarten waren. Es gab auch eine Liste von Medikamenten, die uns zur Behandlung zur Verfügung stehen würden.

Zu meiner Überraschung war ich als ärztlicher Leiter der Inneren Abteilung eines Krankenhauses vorgesehen, welches israelische Hilfsorganisationen vor ihrem Heimflug angeblich zurückgelassen hatten. Dass es diese Klinik gar nicht gab, konnten wir später vor Ort feststellen. Dies war eines der Beispiele für eine überstürzte Vorbereitung der Hilfsorganisation CARE, deren Leiter -so wie wir später feststellen mussten – mit der genauen Planung eines Einsatzes dieser Größenordnung überfordert war.

Umso erstaunlicher war es, dass wir vor Ort an einem unserer Arbeitsplätze in der kurzen Zeit unseres Einsatzes eine halbwegs zufriedenstellende Arbeit geleistet haben.

Ich werde zunächst die Ereignisse schildern, die unmittelbar den Genozid ausgelöst haben.

Der Beginn des Genozids April 1994

Am Abend des 6. April 1994 befand sich gegen 20Uhr30 in der Nähe des Internationalen Flughafens von Kigali das französische Dassault-Falcon 50 Flugzeug im Landanflug. Die Maschine war ein Geschenk des französischen Präsident Mitterrand an die Regierung von Ruanda. Insassen waren neben der französischen Flugzeugbesatzung der ruandische Präsident Juvénal Habyarimana nebst seinem burundischen Amtskollegen Cyprien Ntaryamira.

Beide waren auf dem Weg zurück von Arusha in Tansania, wo Friedensverhandlungen zur Lösung des Konfliktes zwischen den Volksgruppen der Hutus und Tutsis in Ruanda stattgefunden hatten. Teilnehmer an den Verhandlungen waren neben den Präsidenten Habyarimana und Ntaryamira der ugandische Präsident Yoweri Museveni und sein tansanischer Kollege Ali Mwinyi. Habyarimana hatte seinem burundischen Kollegen einen Air-Lift angeboten, da die Falcon mit ihren Düsentriebwerken wesentlich schneller war als das propellergetriebene Flugzeug aus Burundi. Es war vorgesehen, dass Habyarimana in Kigali aussteigen würde, um seinem Kollegen den nur 25 Minuten währenden Weiterflug nach Bujumbura zu ermöglichen.

Wenige Minute vor der Landung wurde die Falcon 50 von 2 Bodenluftraketen getroffen und stürzte brennend auf das Grundstück des ruandischen Präsidenten Habyarimana in den Masaka-Hills ab. Es gab keine Überlebende.

Dies war der furchtbare Schluss- und Höhepunkt eines seit Jahren fortbestehenden Konfliktes zwischen den Bevölkerungsgruppen der Hutus und Tutsis. 3 Monate dauerte das Massaker, dem in diesen 100 Tagen zwischen 800 tausend und 1 Millionen Menschen das Leben kostete. Es war der traurige Rekord an Opfern, denn nirgendwo auf der Welt wurde in der Neuzeit in so kurzer Zeit eine derartige Masse an Menschen in einer Tötungsraserei umgebracht.

Lange Zeit wurde gerätselt und diskutiert, wer die Präsidentenmaschine abgeschossen hatte und warum dies geschehen war.

Tatsache ist, dass 1 Stunde nach dem Flugzeugabschuss die Interahamwe-Garden, welche als die Génocidaires angesehen wurden, in der Hauptstadt Kigali die ersten Straßensperren (roadblocks) einrichteten. Hier wurden alle zu Fuß oder mit einem Fahrzeug passierenden Ruander aufgefordert, ihren Personalausweis vorzuzeigen. Das Wort „Tutsi“ bedeutete das Todesurteil für den/die Ausweisbesitzer.

Das Morden endete erst 3 Monate später, als die RPF des Generals Kagame die Hauptstadt Kigali einnahm.

Dies alles erfuhren wir in Einzelheiten erst, als wir uns bereits auf dem Weg nach Goma an Bord der ljuschin-Maschine befanden.

Wir waren auf dem Weg nach Afrika, um die furchtbare Cholera-Epidemie in den Flüchtlingslagern zu behandeln und -nach Möglichkeit- zu beseitigen.

Nach dem Sieg der RPF flohen die Menschen kopflos und in Panik aus dem Land, weil die Milizionäre das Gerücht verbreiteten, dass die xTruppen des Generals Kagame aus Rache alle Hutus umbringen würden.

Die Hutus flohen überwiegend in die Republik Kongo/Zaire. Dort bevölkerten sie die riesigen Flüchtlingslager, in denen diese furchtbare Choleraepidemie ausbrach.

Im Flugzeug nach Goma frischten die Ärzte ihre tropenmedizinischen Kenntnisse für die Behandlung der Cholera auf, obgleich die Epidemie bis zu unserem Eintreffen durch die kundige Intervention anderer Helfer bereits weitgehend beendet war.

Nachdem wir unser Ziel in Goma nach einem 12stündigen Flug erreicht hatten, trafen wir die Mannschaft noch an, welche wir ablösen mussten. Es schien, dass unsere Vorgänger erleichtert waren, dass sie endlich nach Hause fliegen konnten. Sie hielten uns Schilder vor das Gesicht, auf denen geschrieben stand : „don’t care“. Was heißen sollte, wir sollten besser nicht mit Care nach Goma fliegen. Sprechen konnten wir mit der Gruppe, die zurück nach Deutschland.

Die 4 Triebwerke der Iljuschin liefen auch während des kurzen Aufenthaltes der Maschine weiter, sodass jede Verständigung mit der Mannschaft, die wir ablösen sollten, unmöglich war.

Das Schulgebäude, welches man uns in Goma als Quartier zugewiesen hatte, war eine verlassenen Grundschule, die während der Sommerferien leer stand. In jedem der Klassenräume waren für uns 14 Feldbetten aufgestellt, unter denen wir unsere Gepäckstücke unterbringen konnten.

Unterhalb der Decke waren Seile aufgespannt, an denen die Moskitonetze hingen, 1 Netz für jedes Feldbett. Morgens um 7 Uhr war Wecken. Danach versammelten die Männer sich vor trog-ähnlichen Wasserbecken, um sich Oberkörper und Gesichter zu waschen, für die Frauen gab es einen seitlich gelegenen Raum mit Sichtschutzmatten.

Zum Frühstück aßen wir Toastbrot mit Marmelade zu Tee und Instant-Kaffee. Diejenigen, die hinauf zu den Flüchtlingslagern fahren wollten, verteilten sich auf die 6 weißen Geländewagen, die an den Türen das blaue Logo von Care trugen.

Das Gelände war durch 6 Meter hohe Eisenpforten verschlossen. Ob diese Eisentüren auch schon vorhanden waren, als noch die Schulkinder hier unterrichtet wurden, weiß ich nicht. Ganz sicher aber hatte die Zairische Regierung jetzt neuerdings zu unserem Schutz vor das Tor eine Handvoll uniformierter, mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten kommandiert. Dass dieser Schutz nicht überflüssig war, konnten wir in den kommenden Wochen häufiger feststellen.

Gegen 8 Uhr verließ unsere Wagenkolonne unser Quartier und fuhr durch die Stadt Goma hinauf zu den Flüchtlingsquartieren. In der früheren Morgenstunde herrschte in Goma bereits ein lebhaftes Treiben. In der Marktstraße drängten sich die Kunden vor den zahlreichen Verkaufsständen. Die Verkäufer priesen mit lautem Rufen ihre Waren an, die Kunden trugen ihre Einkäufe in breiten Körben oder Schüsseln auf den Köpfen nach Hause, viele Frauen hatten ihre kleinen Kinder in Tüchern an ihren Rücken gewickelt. Wir sahen auf den Tischen ein reichhaltiges Angebot an allen möglichen Produkten. Fische aus dem Kivusee lagen neben Früchten, Gemüse und Backwaren, Metzgereiprodukte hingen neben oder über den Verkäufern und waren meistens mit Scharen von Fliegen übersät. Mit lautem Rufen wurde über den Preis verhandelt, Lachen und Schimpfen ertönte überall. Als die Menschen unsere Wagenkolonne entdeckten, ließ einen Augenblick lang der Lärm nach. Die Blicke, die unsere Fahrzeuge verfolgten, waren nicht immer freundlich, manchmal blickten die Menschen ärgerlich oder zuweilen auch wütend auf unsere Autos, denn die Anwesenheit der Flüchtlinge in den Lagen wurde von den Einwohnern von Goma keineswegs durchweg begrüßt. Über den Bürgerkrieg im Nachbarland waren nur die Wenigsten genau informiert. Häufiger betrachtete man die Flüchtlinge in den Lagern als Störenfriede, die sich ungerufen in ihrem Land breit machten und nicht selten auch in die Stadt hinunterkam, um hier zu stehlen. Die riesigen LKWs, die Trinkwasser für die Lager aus dem See tankten, stellten überdies eine Gefahr für die Passanten in den Straßen dar. Viele Einwohner von Goma waren auch der Überzeugung, dass die Hilfsorganisationen viel eher den armen Einwohnern von Goma helfen sollten als den Flüchtlingen in den Lagern.

Diese wurden nach Ansicht der Einwohner Gomas offenbar mit Hilfsgütern überschüttet, während man die Einwohner von Goma zu vergessen schien.

In der überbevölkerten Stadt mit ihren heruntergekommenen, ärmlichen Häusern herrschte oft eine eifersüchtige Abneigung gegenüber den Neuankömmlingen in den Lagern, die sich immer wieder in Gewaltausbrüchen entlud.

Wir ließen den Trubel der Marktstraße von Goma hinter uns und fuhren mit unseren Geländewagen hinauf über die mehrere Kilometer langen Serpentinen zu den Flüchtlingscamps. Ich saß neben dem Fahrer, auf der andren Seite kauerte die schweigsame junge Frauenärztin, die zu unserer Mannschaft gehörte. Der Fahrer war selbst vor wenigen Tagen aus Ruanda gekommen. Ich sprach mit ihm französisch, da er neben seiner Landessprache nur diese Sprache in dem frankophonen Ruanda beherrschte.

Goma liegt ungefähr 1° südlicher Breite am Rand der Virunga-Berge, dem Habitat der letzten Berggorilla-Population der Erde. In enger Nachbarschaft zu Goma befindet sich auch der 3400 Meter hohe Vulkan Nyiragongo, der zu den aktivsten Vulkanen Afrikas gehört.

In Europa erfuhr ich, dass der greise französische Präsident Mitterand in einem Interview behauptet hatte, die Bürgerkriegswirren in Afrika seien nur eines der üblichen Massaker auf diesem Kontinent, man kenne das ja bereits seit vielen Jahren. Der französische Historiker und Afrikakenner Gérard Prunier äußerte später seine Beschämung und Fassungslosigkeit über diese gefühllosen Äußerungen seines fast 80jährigen Präsidenten.

Die Mehrheit der Hutus sprach, neben ihrer Landessprache Kinyawanda, französisch. Die Soldaten der RPF, die aus dem nördlich gelegenen Uganda gekommen waren, sprachen hingegen englisch.

Dies 2-Sprachlichkeit stellte sich als weiteres Problem dar, denn die im Land befindlichen Franzosen mit ihrem Präsidenten Mitterand wollten auf keinen Fall, dass die Landessprache nicht weiter Französisch werden sollte.

Dieses Problem schilderte der französiche Historiker Gérard Prunier in seinem Buch „The Rwanda Crisis“.

Er hatte dem französischen Präsidenten als Berater gedient.

Das Morden in Ruanda war in der Geschichte der Neuzeit beispiellos und wurde nur durch den Genozid der Deutschen an den Juden 50 Jahre zuvor übertroffen.

Während des Genozids befand sich ein Blauhelmkontingent der Vereinten Nationen unter der Leitung des kanadischen Generalleutnants Roméro Dallaire im Land. Er durfte auf Befehl des damaligen Uno-Generalsekretärs Boutros-Boutros Ghali in die Gefechte nicht einschreiten. Dies erschien dem Kanadier völlig unverständlich. Durch seine erzwungene Untätigkeit litt er deshalb in der Folgezeit an Depressionen und spielte sogar mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Er hatte Jahre später seinen Zustand in seinem Buch „Shake Hands With The Devil“ beschrieben. Nach seinen Erinnerungen hätte es damals völlig ausgereicht, das Massaker in Ruanda mit einer ausreichend bewaffneten Truppe von 4000 Blauhelmsoldaten sofort zu unterbinden.

Der damalige UNO-Generalsekretär, der Ägypter Boutros Boutros Ghali hat sich nach vielen Jahren für diese Fehlentscheidung entschuldigt, welche 1 Million Tutsis das Leben gekostet hatte.

Entschuldigt hat sich später auch der damalige amerikanische Präsident Bill Clinton, weil er in Ruanda jede militärische Intervention durch amerikanische Soldaten untersagt hatte. Die Amerikaner hatten im April 1993 ein für sie desaströses Gefecht mit somalischen Rebellengruppen ausgefochten, bei dem 19 amerikanische Soldaten (neben 1000 Somaliern) ihr leben verloren.

Der auf Tatsachen beruhende Film „Black Hawk Down“ schildert diese dramatischen Ereignisse. Der amerikanische Präsident wollte danach kein zweites afrikanisches Abenteuer erleben.

Fahrt zu den Lagern

Die schmale, gut asphaltierte Straße zog sich in endlosen Serpentinen von der Stadt Goma den Hügel hinauf zu den riesigen Flüchtlingscamps. Buschwerk säumte den Weg, zu beiden Seiten neben der Straße lag Bimssteingeröll als Erinnerung an einen der letzten Ausbrüche des tückischen Nyiragongo.

Der letzte Ausbruch des 3400 Meter hohen Vulkans lag zur damaligen Zeit 17 Jahre zurück und hatte 600 Menschenleben gefordert.

Abends sahen wir nach Einbruch der Dunkelheit von unserem Quartier aus die hundert Meter hohe Feuersäule über dem Kratermund. Ihr heller Schein ließ die Sterne der Tropennacht verblassen.

In den Flüchtlingslagern

Während wir uns dem Hochplateau näherten, auf dem die Organisation UNHCR der Vereinten Nationen ein riesiges Flüchtlingslager errichtet hatte, kamen uns von oben in zunehmender Zahl Flüchtlinge entgegen, die mit Macheten links und rechts der Straße Bäume und Buschwerk abholzten, um damit ihre kleinen Hütten in den Lagern zu errichten. Diese wurden anschließend mit den blauen Planen des UNHCR als Schutz gegen den Regen abgedeckt.

Bevor wir unseren Arbeitsplatz erreichten, passierten wir die unzähligen Niederlassungen von Hilfsorganisationen aus aller Welt, von denen die meisten von ihren Regierungen geschickt worden waren. Es war ein buntes Gemisch von Ambulanzen und kleinen Krankenstationen, die rasch seitlich der ansteigenden Straße aufgebaut waren und die in ihrer Buntheit an eine orientalische Bazar-Straße erinnerten. Die Ansammlung von bunten Zelten und behelfsmäßig aufgebauten Hütten hinter Holzzäunen und Drähten wirkte auf mich deplatziert angesichts der Massen von Flüchtlingen in ihren Elendsquartieren.