Das Land Kant - Jochen Gerbershagen - E-Book

Das Land Kant E-Book

Jochen Gerbershagen

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Beschreibung

Noch immer ist das Land Kant reich an staunenswerten Landschaften sowie wundersamen Tieren, Pflanzen, magischen Geschöpfen. Doch seit Ewigkeiten sind die Zugänge zwischen den ober- und unterirdischen Reichen verschlossen. Nur die Draufkanter an der Oberfläche leben in Frieden, während unten die Höhlenwockler weiter danach streben, die Drumkanter zu versklaven. Joldur, ein junger Draufkanter, zieht bangen Herzens aus, den bösen Fluch zu bannen. Ximdi, ein Mädchen der Drumkanter, gerät ohne ihr Wissen auf den ihr vorbestimmten Weg, seine Begleiterin zu werden. Krassnack aber, als Soldat der Höhlenwockler so ehrgeizig wie skrupellos, wünscht der Held eines Vernichtungskriegs zu werden. Drei unheimliche Parallelgeschichten, vom Autor zu einer fesselnden Saga verknüpft.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis
PROLOG
MEIN NAME FÜR DICH IST JEFFGUR
DAS LOCH IN DER MAUER
WIND
AUF TOD FOLGTE WIND, DIE HELLBLAUE SCHLANGE
MOND
SEIN WEG BEGINNT, NOCH IST ER KIND
SAMMELN
DER HINTERHALT
ICH HABE IMMER GEAHNT, WER DU WIRKLICH BIST
MEER
ICH BIN HURAM, DER HÜTER DES STALAKTITEN
DIE ERSTE SCHLACHT
JALVA DELTA
MUSS DEN EINGANG FINDEN, SICH FALSCHEM EINDRUCK ENTWINDEN
DIE GEISELHAFT
UND ER VERSANK BIS ZUM HALS
WASSER
WENN EIN AUSSENWELTLER DURCH DIE PFORTE KOMMT
DER DOPPELTE VERRÄTER
GANZ ANDERS ALS IN SEINER WELT
HÖHLENWORTE
DIE GELEGENHEIT
MAN NENNT UNS DIE FUXILANER
HOLGATUR
BUNT MARKIERTE SCHRIFTEN, DIE SPRACHE DER SEELE
DER VORMARSCH
WALD
ICH BIN PYROSGUDUS, DER HÜTER DER BRÜCKE
KJELMISCH
DER NEUE HELD
XIMDI
DER SCHLACHTPLAN
AUSGERECHNET IM NORDEN
VERSCHWUNDEN
Danksagung
Glossar

© 2018 Fabulus Verlag, Fellbach

www.fabulus-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Lektorat: Joachim Güntner

Vorsatzpapier/Zeichnung der Landkarten: Gioia Hope

Umschlaggestaltung: Fabulus Verlag in Zusammenarbeit mit

r 2 | röger & röttenbacher, büro für gestaltung, Leonberg

Satz und Herstellung: r 2 | röger & röttenbacher, büro für gestaltung, Leonberg

Druck und Bindearbeiten: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN Print: 978-3-944788-64-7

ISBN E-Book: 978-3-944788-65-4

Dieses Buch ist Patrick Schank († 2018) gewidmet, der mir die Schöpfung und den Schöpfer wieder wertvoll gemacht hat.

PROLOG

Unsere Geschichte beginnt in dem längst vergessenen Land Kant. Es ist ein schönes Land mit großen Wäldern, weiten Ebenen, mit einem großen Binnenmeer, mit Wüsten und Sümpfen. Kant hat eine beeindruckende Steilküste und viele außergewöhnliche Tiere leben dort.

Auch ist das Land von Magie erfüllt, welche die bindende Kraft alles Lebenden und Geschaffenen ist. Von den Einwohnern wird sie »schöpfende Kraft« oder »höhere Macht« genannt.

Man könnte meinen, in diesem Land sei alles perfekt und die Einwohner führten ein glückliches und zufriedenes Leben. Doch dem ist nicht so. Die Einwohner des Landes Kant stehen seit Hunderten von Zyklen unter einem Fluch. Der Fluch des großen Krieges lastet auf ihnen. Einst lebten im Land Kant zwei Völker, eines auf der Oberfläche und eines in den weitläufigen Höhlen. Sie waren Freunde, trieben Handel, heirateten untereinander und hatten es gut.

Doch eines Tages brach im Höhlenvolk ein Streit aus. Eine Gruppe von jungen Männern fühlte sich bevormundet von ihren eigenen Leuten und dem Volk auf der Oberfläche. Es kam zu einem blutigen Krieg. Dieser Krieg dauerte über 100 Zyklen undam Ende wurde er durch die schöpfende Kraft beendet. Der Fluch aber blieb. Das Volk auf der Oberfläche, die Draufkanter, und das Volk in den Höhlen, die Drumkanter, haben keinen Kontakt mehr, da die Zugänge zwischen ihren Reichen verschlossen sind. Das Volk in den Höhlen hat der Fluch noch schlimmer getroffen. Da der Krieg in seiner Mitte ausgebrochen war, zerfiel es in zwei verfeindete Völker. Seitdem hören die Kämpfe in den Höhlen der Unterwelt nicht auf, und ganz Kant wartet auf den Auserwählten, der bestimmt ist, das Land zu erlösen und die Völker wieder zu vereinen. Hier beginnt unsere Geschichte. Sie handelt von Joldur, einem Jungen, der sich auf eine der ungewöhnlichsten Reisen machte, von denen im Land Kant je berichtet wurde.

Joldur lauschte Großvater Kjelmisch, er erzählte ihm seine Lieblingsgeschichte von den Höhlen der Drumkanter.

»Stimmt es, Großvater, dass die Drumkanter Stalagmiten essen und Stalaktiten melken««, fragte Joldur, der sich das einfach nicht vorstellen konnte.

»Oh ja«, sagte Großvater Kjelmisch, »und sie haben viele Geheimnisse dort in ihrer Welt unter der Erde.«

»Was für Geheimnisse?«, fragte Joldur.

»Das musst du schon selber herausfinden, denn davon ist nicht viel überliefert. Ich weiß nur das von den Stalagmiten und Stalaktiten, und dass es in unserer Welt vier Eingänge in ihr unterirdisches Reich gibt.«

»Wo sind diese Eingänge und hat sie schon jemand durchschritten?«

»Oh ja, es sind schon Draufkanter hindurchgegangen, doch nur durch den im Süden, und seit über 20 Generationen ist keiner mehr zurückgekehrt.

Die Eingänge sind über ganz Kant verteilt. Einer befindet sich im Westen, am Rand der Wüste Raubalt, die direkt ans große Pinke Meer grenzt. Er liegt in der Bucht der Fischschlucker Trummeln, mitten in einer Klippe. Man sagt, dass die Drumkanter über diesen Eingang den Trummeln Eier aus den Nestern holen und einmal im Jahr das große Ei-Fest feiern.

Der nördliche Eingang liegt im gewaltigen Eisgebirge Kratzer. Er ist geschützt durch ein großes Labyrinth, in dem es viele unbekannte Ungeheuer geben soll, welche den Eingang bewachen und von den Drumkantern verehrt werden. Sie bringen ihnen Opfer aus Fellrutteln dar, von denen sich die Ungeheuer ernähren.

Ein weiterer Eingang liegt im Osten auf dem Grund des großen Binnenmeers Holgatur, welches 10.000 Schritte tief ist. Durch diese Passage können nur die allerkühnsten Seeungeheuer, die Tiefschlaucher, tauchen.

Man sagt, dass die Drumkanter eines dieser Ungeheuer gefangen und gezähmt haben. Seitdem versorgt es den an den unterirdischen Ufern lebenden Drumkanter Clan der Überschiffler mit großen Mengen Fisch aus dem Binnenmeer. Gerüchten zufolge sind früher die Bewohner mit einer Art Glocke zum Eingang getaucht. Aber ich glaube, das ist nur eine Phantasiegeschichte.

Alle drei Eingänge sind unpassierbar für unser Volk und nicht zu erreichen. Aber wie ich schon sagte, es gibt einen weiteren Eingang im Süden, viele haben ihn durchschritten, doch keiner ist zurückgekehrt.

Nur der Berufene kann diesen Weg gehen. Er wird die Magie entfesseln, welche seit langer Zeit gebunden ist, er wird die Freundschaft zu den Drumkantern erneuern, er wird zurückkehren und das Band unserer Völker neu knüpfen. So deuten unsere Weisen die Prophezeiungen.

Sie sagen auch, dass er die Drumkanter von ihren Feinden,den Höhlenwocklern, die sich abgespalten haben, befreien wird. Außerdem wird er die drei anderen Eingänge wieder passierbar für unser Volk machen, damit die einstige Freundschaft unserer beiden Völker wirklich wiederaufleben kann.«

In dieser Nacht schlief Joldur sehr unruhig. Er lag lange wach und malte sich aus, wie die Drumkanter wohl aussahen und wie sie von ihren Feinden, den Höhlenwocklern, gepeinigt wurden.

Es war nur noch 2 Monde hin bis zu seinem Aufkanten. Dieses Ritual musste jeder Jugendliche durchlaufen, um anschließend als vollwertiger Erwachsener zu gelten. Doch das bedeutete nicht nur mehr Freiheit. Man bekam eine Lebensaufgabe und war von da an für seinen Weg selbst verantwortlich.

Vor diesem Ritual hatte er großen Respekt, da es das erste und wichtigste in seinem jungen Leben war. Nach frühestens 168 Monden konnte jeder junge Draufkanter für 7 Tage und Nächte in den Wald des Vergessens gehen und musste dort in einem 14 mal 14 Schritte großen heiligen Quadrat verweilen.

Er durfte nur 7 Gallonen Wasser mitnehmen. Für jeden Tag eine. Zwischen Untergang und Aufgang des doppelten Leuchtens, welches den Tag durchwanderte, durfte man nichts trinken.

Das war besonders hart, denn es war Halfta, die dunkle Jahreszeit nach dem Blattschwund. Es erwartete ihn eine bitterkalte Nacht im Wald des Vergessens.

Joldur durfte nur eine Schaukelmatte, ein Messer und seinen Feuerstein mitnehmen. Einmal am Tag würde er Feuerholz von den raunigen Schlichbäumen außerhalb des heiligen Quadrats sammeln, damit er nachts nicht fror. Den Rest der Zeit war es ihmverboten, das heilige Quadrat zu verlassen, außer, wenn er sich seiner Notdurft entledigen musste.

Es gab keinen Schutz gegen wilde Tiere und das Wetter. In diesen 7 Tagen und Nächten war er sich selbst und der Natur völlig ausgeliefert. Er musste einfach dieses Ritual bestehen, denn er wollte als Erwachsener gelten und eine Aufgabe übernehmen.

Zwei Monde später war es dann soweit und Großvater Kjelmisch nahm seinen Enkel an die Hand und führte ihn an den Rand des Waldes.

»Pass gut auf dich auf, mein Kleiner, und geh bis zum Untergang des doppelten Leuchtens in den Wald. Geh deinen eigenen Weg. Geh ihn, wie du ihn spürst und denke nicht darüber nach, sondern geh einfach. Du wirst wissen, wie du gehen sollst.

Wenn die Große Dunkelheit an der Schwelle steht, mache Halt, schreite die 14 Schritte ab, leg große Steine an jedes Eck und verbinde sie mit Ästen aus raunigen Schlichbäumen. Achte darauf, dass du nichts von diesem Holz für dein Feuer nimmst, denn dann würde der heilige Wall dir keinen Schutz mehr bieten. Spann deine Schaukelmatte zwischen zwei Bäume und leg dich zur Ruhe.

Mehr kann ich dir nicht sagen, denn alles andere wird sich ergeben und am Ende wirst du als Mann mit einer Aufgabe aus dem Wald herauskommen.«

Joldur schaute Großvater tief in die Augen.

Er hatte ihn aufgezogen, da ein Blitz seine Eltern erschlagen hatte. Joldur war noch ein Baby gewesen und seine Mutter hatte sich schützend über ihn gelegt und so konnte der Blitz ihm nichts anhaben. Großvater Kjelmisch hatte ihm alles beigebracht, wasman in der Natur wissen musste, um zu überleben, und sie hatten viele Nächte draußen in ihren Schaukelmatten verbracht. Doch nun sollte er für 7 Tage und Nächte allein in den Wald des Vergessens gehen, das war etwas ganz anderes. Er hätte lügen müssen, wenn er behauptet hätte, keine Angst zu haben.

Joldur wollte seinen Großvater nicht enttäuschen und ihn noch eine weitere Periode von 12 Monden warten lassen. Deshalb fasste er sich ein Herz und ging los, nachdem er den Blick von Großvater Kjelmisch gelöst hatte.

Der Tag begann gerade erst und das doppelte Leuchten näherte sich von Süden und Norden nur langsam an.

Die beiden Sonnen durchwanderten jeden Tag auf einem anderen Weg den Himmel. Er war gespannt, wo sie stehen würden, wenn er nach 7 Tagen aus dem Wald kam. Die Stellung der Sonnen zueinander würde seine Aufgabe als Mann festlegen.

Nun musste er erst einmal seinen Weg durch den Wald finden. Fast den halben Tag kämpfte er sich durch das Unterholz, bis er auf eine Lichtung kam. Als er am Rand stehen blieb, fiel ihm ein großes Tier auf. Es sah ihn und trottete langsam auf ihn zu.

Es war ein unglaublich großer Horga Hirsch mit 4 mächtigen Geweihschaufeln, welche sich 5 Schritt über ihn erhoben. Joldur hatte nur aus Geschichten von den Hirschen gehört und war überrascht, nun vor einem dieser wunderschönen Geschöpfe zu stehen. Er war gespannt, ob auch die anderen Dinge über diese sonderbaren Tiere, welche ihm zu Ohren gekommen waren, stimmten. Und tatsächlich, der Horga Hirsch fing an zu sprechen.

»Ich grüße dich, Joldur, Enkel des Kjelmisch. Wie geht es deinem Großvater?«

»Es geht ihm gut«, antwortete Joldur, »und er ist vor wenigen Tagen 120 Zyklen alt geworden. Er ist sehr rüstig für sein Alter und hat mich alles gelehrt, was ich im Wald wissen muss. Doch woher kennst du Ihn?«

»Auch er kam zu mir, als er 168 Monde alt war, und ich habe ihn an den heiligen Platz gebracht, wo er zum Mann wurde.«

»Wie alt bist du denn?«, fragte Joldur.

»Meine Monde habe ich nicht gezählt, denn es sind zu viele.

Komm, lass uns gehen.«

Joldur bestieg den Rücken des Hirsches und hielt sich an den zwei hinteren Geweihschaufeln fest, damit er nicht herunterfiel, da der Hirsch in einen schnellen Galopp wechselte.

»Wie ist dein Name?«, fragte Joldur, dessen Neugierde nun geweckt war.

»Ich habe viele Namen und jeder, der ein Mann werden will, bekommt nur einen genannt.

Mein Name für dich ist Jeffgur, was bedeutet: das Zusammentreffen.

Sehr sonderbar!«

»Warum sonderbar?«, wollte Joldur wissen.

»Das darf ich dir nicht sagen, doch es hat etwas mit deinem Großvater zu tun. Lenk mich, wohin du willst, ich werde jeden Weg gehen.«

Krassnack stolzierte durch die große Empfangshalle des dunklen Palastes. Er hatte gute Nachrichten für seinen Gebieter. Haurassack der 7. hatte ihn ausgesandt, um eine Schwachstelle in der Grenze der Drumkanter zu finden. Die Drumkanter lebten genau wie die Höhlenwockler in der Unterwelt von Kant. Und seit Krassnack denken konnte, versuchten seine Leute die Drumkanter zu besiegen und aus der Unterwelt zu vertreiben. Bisher allerdings hatten die Höhlenwockler nur geringen Erfolg gehabt und mussten den größten Teil der Unterwelt dem Gegner überlassen. Doch Krassnack war ehrgeizig und sein Zorn war groß. Er hatte sich vorgenommen, derjenige zu werden, der sein Volk zu einem vernichtenden Schlag gegen die Drumkanter anführte. Nun konnte er endlich mit Neuigkeiten aufwarten, Neuigkeiten, die ihm einen hohen Rang in der Armee der Höhlenwockler bescheren würden. Er hoffte, die Stoßtruppe kommandieren zu dürfen, welche stets die Angriffe auf die Grenze der Drumkanter einleitete.

Als er das große Portal mit seinen schweren und goldenen Scharnieren erreichte, nahm er eine gebückte Haltung ein, bevor die Diener die gewaltigen Flügel öffneten. Keiner durfte dem Herrn des Höhlenwockler-Reichs in die Augen schauen, ohne sofort zu erblinden. Das hätte bedeutet, fortan dem Herrscher im Palast dienen zu müssen und nicht mehr in der Armee kämpfen zu können. Dabei war doch der Kampf sein Leben. Er verachtete die Kreaturen, welche sich freiwillig vom Herrscher blenden ließen, um ihm den Rest ihres Lebens unterwürfig nahe zu sein. Er war ein echter Mann und wollte ein Held seines Volkes werden.

Nur Helden durften dem Herrscher Auge in Auge gegenüberstehen, ohne zu erblinden.

»Krassnack, ich freue mich, dich zu sehen, was hast du zu berichten?«

»Mein Gebieter, Herrscher des Reichs der Höhlenwockler, Herrscher der Dunkelwelt, ich habe euren Auftrag erfüllt und eine Schwachstelle in den Grenzen des Reichs der Drumkanter gefunden.«

»Ich habe nichts anderes von dir erwartet und wäre enttäuscht gewesen, wenn du versagt hättest.«

Krassnack wurde es flau im Magen, denn er wusste, dass das Wort »Enttäuschung« lediglich eine Umschreibung für seinen sicheren Tod war.

»Wo befindet sich diese Schwachstelle und wie kommen wir hindurch?«

»Mein Gebieter, sie ist direkt hinter dem Feuerportal am Feuersee. Die Hitze hat die Mauern der Drumkanter mürbe und brüchig gemacht. Da sie die Hitze scheuen, haben sie die Ausbesserung dieses Grenzabschnitts in den letzten 36 Feuerzyklen vernachlässigt, und nun dringt bereits so viel Hitze durch ihre Grenze, dass sie sich ihr nicht mehr nähern können.«

»Das sind gute Neuigkeiten! Als Belohnung darfst du in derStoßtruppe, welche von Russnack geführt wird, für die Eroberung der Grenze kämpfen und dir einen Namen machen.«

»Danke großer Gebieter, ich danke Euch.«

Mit diesen Worten ging Krassnack, seine Wut und Enttäuschung unterdrückend, langsam rückwärts aus dem Thronsaal. Ausgerechnet unter Russnack, seinem Erzfeind schon aus Kindertagen, sollte er seinen Dienst verrichten. Er musste einen Weg finden, ihn aus dem Weg zu schaffen.

Kaum hatte Krassnack, mit finsteren Gedanken beschäftigt, den Palast verlassen, da näherte sich Russnack durch den Eingang, der für die Helden vorgesehen war, und trat vor seinen Herrscher.

»Ihr habt mich gerufen, mein Gebieter.«

»Ja, Russnack, ich habe eine Aufgabe von höchster Wichtigkeit für dich. Wie du weißt, suchen wir seit langer Zeit nach einer Schwachstelle in den Grenzen zu unseren Feinden. Ich habe vor einiger Zeit Krassnack, den ich für sehr talentiert halte, deswegen ausgesandt. Er war lange fort und ist erst vor wenigen Tagen zurückgekehrt. Die Zeit seit seiner Ankunft hat er in unseren Archiven verbracht, um seine Entdeckung zu prüfen. Für heute bat er um Audienz. Dich habe ich rufen lassen, da er tatsächlich einen Weg gefunden hat, unbemerkt in das Land unserer Feinde einzudringen. Er ist sehr ehrgeizig, vielleicht etwas zu sehr, doch er hatte Erfolg. Ich wünsche, dass du die Truppen anführst und Krassnack mitnimmst. Vergesst eure Rivalitäten und erringt den Sieg über unsere Feinde gemeinsam.«

»Ich danke Euch, mein Gebieter«, sagte Russnack und sah Haurassack dem 7. tief in die Augen. »Es ist mir eine große Ehre, ein weiteres Mal Eure Stoßtruppen anzuführen, und ich werdewie immer siegreich sein, um Eure Macht und Euren Ruhm zu vermehren.«

Er war ein Held der Höhlenwockler!

Er hatte sich einen Namen gemacht, als er in einem großen Kampf gegen die Drumkanter die letzte Lücke in Haurassacks neuer Reichsgrenze im Alleingang verteidigt und geschlossen hatte.

Sein alter Feind Krassnack hatte auf seinen Tod gehofft und feige in den hinteren Reihen gestanden, doch er hatte gesiegt und erhielt die größte Auszeichnung.

Nun war er einer von 11 Helden des Volkes, welche sich das Recht erworben hatten, dem Gebieter Auge in Auge gegenüber zu treten.

Ausgerechnet Krassnack, den Feigling, hatte man nun seinem Stoßtrupp zugeordnet. Ausgerechnet er hatte die Lücke in den Grenzen gefunden. Doch Russnack hatte schon einen Plan, wie er ihn loswerden konnte.

Am nächsten Morgen sammelte er seine Truppen am Feuerportal, um die feindliche Grenze zu überschreiten.

Der Feuersee lag direkt hinter dem Portal. Er war 500 Schritt lang und 36 Schritt breit.

Am hinteren Ende befand sich eine gewaltige Brücke. Sie führte auf eine Straße, die abrupt an einer großen Mauer endete.

Früher hatte der Feuersee ganz anders ausgesehen.

Bevor die Höhlenwockler ihr Reich durch den letzten Krieg massiv ausgedehnt hatten, lag an diesem See eine große Stadt. Der See war voller Leben und der Fischreichtum versorgte viele Drumkanter mit Nahrung.

Es war ein großer Sieg für die Höhlenwockler, dass die Drumkanter den See aufgeben mussten und ihre Fischgründe verloren. Nach der Eroberung legten die Höhlenwockler die Stadt in Schutt und Asche. Sie verwandelten den See mit ihrer Feuermagie in ein brennendes Inferno, und den Drumkantern blieb nichts anderes übrig, als sich gegen die unerträglichen Temperaturen miteiner gewaltigen Mauer zu schützen.

Russnack wusste, dass seine Stunde gekommen war.

Er würde die erste Stellung aller Helden erlangen, wenn er die Drumkanter endgültig besiegte. Er hasste diese Kreaturen, bei denen die Frauen das Sagen hatten und stärker und wagemutiger waren als die Männer. In seinen Augen war es ein erbärmliches Volk, das keine Daseinsberechtigung hatte.

»Krassnack, du übernimmst mit 50 Mann die Vorhut«, sagte Russnack.

Das wird sein sicherer Tod sein, dachte er.

»Ihr werdet die Brücke überqueren und eine 5 Fuß breite Lücke in die Mauer schlagen. Räumt alles zur Seite und berichtet mir umgehend, wenn der Weg frei ist.«

Krassnack spürte unmittelbar, dass er in großer Gefahr schwebte, und sein Magen verkrampfte. Doch noch war es nicht zu spät, um seinen Widersacher zu besiegen. Nun galt es erst einmal zu überleben.

Er und seine Männer arbeiteten hart, dabei immer auf der Hut, um nicht von den Drumkantern überrascht und hinterrücks getötet zu werden. Seine Sorge war umsonst. Sie blieben allein, kein Drumkanter ließ sich blicken, und bald war das Loch in der Mauer groß genug. Er schickte einen Boten zuRussnack, der sogleich die gesamte Armee über die Brücke marschieren ließ.

Direkt nach Eintreffen der Truppen sandte man Krassnack mit einer Handvoll Männer in die angrenzenden Höhlengänge, um zu erkunden, wo die ersten Wachen der Drumkanter stationiert waren. Noch bot sich keine Möglichkeit, Russnack in einen Hinterhalt zu locken, doch die würde schon noch kommen. Er musste Geduld haben.

Ximdi wachte auf. Sie hatte schlecht geträumt. Heute war für sie ein großer Tag, denn sie sollte das erste Mal mit ihrer Mutter zu den Fischschlucker Trummeln gehen.

Schon bald war das alljährliche Trummel-Ei-Fest, und da sie vor kurzem ihren 168. Schattenwechsel vollzogen hatte, durfte sie endlich mitmachen beim Sammeln der Eier.

Die Fischschlucker Trummeln waren Vögel aus der Oberwelt, jedoch hatten die Drumkanter, über mehrere Höhlenausgänge ihres Reichs, Zugang zu den Nistplätzen dieser Tiere. Die Nester befanden sich in einer 2500 Schritt hohen Steilwand am Pinken Meer. Seit ihr Volk verflucht worden war, mussten die Drumkanter einmal im Jahr zu den Brutplätzen der Fischschlucker Trummeln gehen und ihnen Eier aus den Nestern stehlen, denn wenn sie nicht regelmäßig von den Eiern aßen, dann litten sie Mangel, wurden schwach und krank und zur leichten Beute der Höhlenwockler.

Ximdis Mutter wartete schon mit dem Frühstück. Wie bei allen Drumkantern bestand es aus Höhlenpilzen mit Stalagmitenkruste. Ximdi schlang ihr Frühstück runter, denn sie konnte es kaum abwarten, sich auf den Weg zu machen. Schnell trank sie,da die Mutter sie dazu anhielt, auch noch ihr Stalaktitenwasser. Nun aber los!

»Wie lange werden wir gehen müssen?«, fragte Ximdi.

»Je nachdem, wie schnell wir vorankommen, wird es 3 bis 4 Schattenwechsel dauern«, antwortete die Mutter. »Wir nehmen unsere Schlafjacken mit, denn je näher wir den Höhlen am Pinken Meer kommen, umso kälter wird es. Außerdem muss dein Vater uns noch den Handkarren ölen, denn wir werden einiges an Ausrüstung mitnehmen, und auf dem Rückweg haben wir dann ja auch noch die Eier dabei.«

Ihre Ausrüstung bestand aus langen starken Seilen, aus Haken und Ösen, Decken, Körben. Dazu die Schlafjacken. Die Kisten waren mit getrockneten Pilzfasern gefüllt. Darin konnte man die Eier sicher transportieren.