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In diesem Buch beschreibt der Autor, dass auch für einen Inder, der inzwischen in Deutschland völlig integriert ist und wie ein Deutscher denkt, so manches im täglichen Leben in Indien zum Abenteuer wird. Er beschreibt die Freude mit Verwandten, Nachbarn und Freunden, aber auch die Probleme mit Handwerkern und wie man mit diesen mit Humor umgehen kann.
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Seitenzahl: 58
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Und andere, selbst erlebte
Geschichten aus Indien
Ludwigsburg, Mai 2017
Das Leben am Karamana
Ballett Break Bollywood
Der Strand und die Mango-Verkäuferin
Gestrandete Gespräche
Das ist eine Bremse und kein Mensch
Feuer am Ufer
Kala kam am Abend
Das Recht erst nach der Pflicht
Der Karamana Fluss in der südindischen Stadt Thiruvananthapuram erwacht. Es ist sechs Uhr früh am Morgen. Aufgeweckt von Nachbars treuem Hund, der so laut bellt, fasse ich den Entschluss, mich auf die Terrasse zu setzen und nichts anderes zu tun, als die Natur zu beobachten.
Eine winzig kleine schwarze Ameise ist flink, sie ist gerademal 3 mm lang, aber laufen kann sie schnell. Sie läuft zickzack über den 1,20 Meter langen Tisch, von einem an das andere Ende, innerhalb von Sekunden und ich stelle eine Rechnung auf. Sie läuft, sagen wir mal, 1 Meter in der 4 Sekunde, also 1000 Meter in 4000 Sekunden, das sind 4000 : 60 also 66 Minuten, genau 1,1 Stunden.
Was mache ich hier? Wollte ich nicht nichts tun?? Stattdessen berichte ich über die Trainingsstunden oder Morningwalking einer Ameise? Habe ich etwa Ameisen im Kopf? Ich glaube, ich sollte ins Bad unter die kalte Dusche.
Guten Morgen.
Nun bin ich vollkommen wach und horche genau, was die Natur zu sagen hat. Ein Eichhörnchen ruft. Ob es wohl seinen Partner sucht? Für so ein kleines Wesen hat es eine ziemlich laute Stimme und überragt alle anderen Twitter.
Die Krähen melden sich mit lautem Krah, Krah, kha, kha, kaa…, vielleicht heißen sie deswegen ‚Kha Kha‘ in den Sprachen Tamil und Malayalam.
Irgendwo bellt ein Hund. Als Echo bellt der Nachbarshund lautstark und kündigt seine Revieransprüche an. Vögel, die eine dunkelbeige Farbe haben, verlassen lautlos ihre Nester und breiten ihre großen Flügel aus. Es sieht so aus, als ob sie auf der Stelle ohne Anstrengung gleiten und elegant empor steigen. Durch ihre leicht gleitenden Schwingen sehen sie aus wie große weiße Vögel. Voller Bewunderung frage ich die Mutter Natur: "Wie hast du sie gemacht, all diese Wunder? Sie sind einfach genial."
Am Himmel zersplittern die Wolken und sehen aus wie Wattebäusche. Strahlend blauer Himmel schimmert durch die weißen Wolkenknäuel wie in einem Gemälde.
Ein mir unbekannter Vogel schreit in regelmäßigen Abständen ‚Hoough‘ ‚Hoough‘ und am Schluss, so als ob er sich entschuldigen würde, kurz und leise ‚Hoough‘. Dann hört er auf für ca. 57 Sekunden und legt wieder los. Einmal möchte ich ihn sehen, diesen hoffnungsvollen und zugleich entschuldigend singenden Flieger.
Die Bambusbäume am anderen Ufer schwenken ihre langen, gelbgrünen, federnden Bambusblätter gemächlich hin und her. Ab und an lassen sie ihre Blätter los, so dass diese dann von ihren Mutterbäumen wie in Spiralen schnell wegfliegen, um auf der Erde und dem Wasser unsanft zu landen.
Der Fluss übt Stillstand, die darauf schwimmenden Blätter und Äste bewegen sich kaum. Auch meine roten, weißen, gelben, orange- und pinkfarbenen, zarten Topfblumen bewegen sich kaum, so als ob sie etwas Ruhe demonstrierten oder meditieren sie etwa?
Ein Dreistreifenhörnchen zeigt sich auf der Mauer und schwenkt seinen Kopf hastig hin und her. Es bewegt sich blitzschnell einen Meter nach links, bleibt stehen, analysiert sachte die Umgebung und rennt wieder zurück.
Ich erinnere mich an meine Kindheit, als meine Verwandten und meine Eltern mir die altindischen Epen ‚Ramayana‘ erzählten. Als Rama, der König von Ayodhya, seine Frau aus der Gefangenschaft befreien wollte, musste er das Meer zwischen Indien und Sri Lanka überqueren. Die Hanumans, aus dem Königreich der Affen, die größer als die Menschen waren, halfen, eine Brücke zu bauen, indem sie große Steinbrocken ins Meer warfen. Ein Eichhörnchen wollte nicht nutzlos daneben stehen und half mit winzig kleinen Steinen, die es tragen konnte, auch mit. Rama war sehr angetan, nahm das Eichhörnchen und strich ihm mit seinen drei Fingern über das Fell. Seit dieser Zeit haben die indischen Eichhörnchen drei Streifen. Nun wissen es auch die Botaniker und IT-Leute!
Nun entdecke ich die roten Ameisen, die kleiner als die schwarzen, aber besser in Gruppen organisiert sind. Einige von ihnen entdecken ein paar Krümel Essensreste und rufen mit ihren geheimen Signalen weitere Kameraden für den Abtransport herbei. Es ist eine meisterhafte logistische Leistung und ein hoch begabtes Team. Versuchsweise lege ich ein paar Zuckerkristalle auf einen Hocker, weit und breit keine Ameisen in Sicht. Nach einer Weile sehe ich eine Ameisenkolonie, die die winzigen Zuckerstücke sachte und schnell abtransportiert.
Als ich jedoch meine Frühstücksflocken holen will und sehe, dass die Roten in der Tüte wuseln, schlägt meine Bewunderung für diese kleinen Viecher schlagartig in Wut und Verärgerung um. Dabei habe ich mich so darauf gefreut und habe 499,00 indische Rupien dafür berappen müssen, das sind über sieben Euro! Ich denke, dann freuen sich eben die Krähen und will ihnen eine Freude machen, aber nein, sie mögen es nicht. So etwas!
Also gut, ich habe noch die Kekse und Oats (so heißen die Haferflocken hier) und finde sie lose mit Klammern verschlossen. Und wie schön, keine einzige Ameise! Wieso haben die Ameisen sie nicht angerührt, frage ich mich. Es könnte damit zusammenhängen, dass sie auf einem Edelstahlteller stehen. Warum die roten Ameisen Sachen, die auf glänzenden Edelstahltellern stehen, nicht ausstehen können, ist mir ein Rätsel, aber nun kenne ich eine sichere offene Aufbewahrungsstelle!
Da fällt mir ein, was ist aus den Ameisenkolonien geworden, die ich vor vier Wochen am Küchenfenster entdeckte und mit ‚No Bite‘, einer Chemiekeule, besprühte? Nun, an dieser Stelle ist nix, null Komma nix. Das ist ja teuflisch!
Ein paar Krähen schreien im Chor, allerdings nicht das übliche ‚Krah‘ ‚Krah‘, sondern ein heftiges, klagendes, drohendes Lied. Langsam steigert sich diese Kräherei in der Gruppe und es kommen immer mehr Krähen von überall her. Auf einmal ist das Blau des Himmels über diesen Bäumen voll mit schwarzen Punkten. Sie alle stürzen sich auf die Bäume wie die Starfighter.
Das schillernde Geschrei eines Vogels erweckt meine Aufmerksamkeit. Erschreckt und auf der Flucht fliegt dieser hastig aus einem der Bäume nebenan scheinbar stolpernd in die Luft, gefolgt von mehreren Krähen, die ihn jagen. Er sieht aus wie ein Adler, aber nein, es ist ein weißbrauner Uhu. Die Krähen verfolgen ihn dicht hintereinander und jagen den verängstigten Uhu in den gegenüberliegenden Wald.
Ein Stück eines Seils aus Kokosnussfasern liegt an der Mauer. Aber es hat sich bewegt oder täusche ich mich etwa? Nein, es bewegt sich doch. Es ist ein Tausendfüßler. Ich stehe auf, hole ein Stück Papier, um ihn zu retten und genau zu beobachten, wie er mit seinen ‚tausend‘ Füßen klar kommt. Er klettert treuherzig auf das Papier und denkt sich sicher, dass es ein fliegender Teppich ist. Ich halte das Papier senkrecht und es macht ihm nichts aus. Er läuft munter und fleißig weiter mit seinen zwei Beinreihen, eine links, die andere rechts. Wie elegant und geschmeidig er läuft, ich bewundere die Natur für die Erschaffung dieser Kreatur. Bravo, Natur, ich verneige mich vor dir.
