Das Leben auf der anderen Seite - Jörg Nitzsche - E-Book

Das Leben auf der anderen Seite E-Book

Jörg Nitzsche

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Beschreibung

Auch ich war damals berauscht von dem Mauerfall, den vielen Meldungen und Enthüllungen über das mir so fremde Land, und der Möglichkeit nun endlich ohne komplizierte Einreiseformalitäten das andere Deutschland kennen zu lernen. Mit meinem roten Ford Fiesta, der in der grauen DDR aussah wie ein buntbemaltes Osterei in einem S/W-Film, habe ich die Chance wahr genommen, die DDR zu einem Zeitpunkt kennen zu lernen, als es noch die DDR war. Wie anders als wir sind die Menschen da drüben in der DDR, hatte ich mich damals oft gefragt. Für mich spielte nicht die Politik die wichtigste Rolle, sondern der Mensch. Wie reagieren sie auf mich, wie emotional sind sie. Ich stolperte dabei über Kuriositäten, die aber in Wahrheit überhaupt nicht so kurios gewesen sind, weil sie in der DDR den Alltag darstellten. Und wegen dieser intensiven Eindrücke begann ich dieses Tagebuch zu schreiben. Ich schrieb meine spontanen und subjektiven Gedanken, meine Gefühle und Vorstellungen über das gerade Erlebte und das mir so fremderscheinende nieder.

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Seitenzahl: 745

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jörg Nitzsche

Das Leben auf der anderen Seite

Und nur scheinbar ist die Enttarnung

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Urlaub in Bulgarien

Mein erster Trip geht nach Wismar

Endlich auf nach Ost-Berlin

Leipzig wartet auf mich, oder?

Mein Erlebnis beim russischen Militär

Leipzig ruft

Der Wahnsinn der Halle-Neustadt heißt

Es lockt die Nixe in Elbflorenz

Kurze Abstecher nach Meißen und ins Elbsandsteingebirge

Back to Merseburg

Mein Verwandten in Thüringen

Ab ans Meer

Mühlhausen – die 2te

Karl-Marx-Stadt

Cottbus und Schwarze Pumpe

Und wieder geht’s in den Norden

Und 25 Jahre danach

Impressum

Vorwort

Vor gut einem Jahr hatte ich meine alten und persönlichen Erinnerungsstücke separat in eine speziell dafür angeschaffte Aufbewahrungsbox umgräumt, um so immer darauf zugreifen zu können. Es ging dabei um Anstecknadeln von Jugend-Sportabzeichen, diverse Urkunden aus meiner Kindheit, alten Postkarten, Schreibhefte noch aus meiner Grundschulzeit und viele weitere persönliche Erinnerungsstücke. Beim Zusammenkramen all dieser Dinge fand ich überraschenderweise auch einen gewaltigen Stapel von Briefen von ehemaligen Brieffreunden. Ja, es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der man sich noch per Hand geschriebene Briefe zugesendet hat. Heute kaum noch vorstellbar, dabei ist das nicht eine Sache aus einer längst vergangenen Epoche, sondern gerade mal 15 Jahre her. Obwohl ich genau wußte, daß es mir schon immer schwer fällt mich von Liebgewonnenem zu trennen, habe ich all diese Briefe überhaupt nicht mehr im Sinn gehabt. Schon verrückt wie spannend es sein kann diese alten Briefe wieder zu lesen. Vieles, überhaupt nicht mehr bewußt in meiner Gedankenwelt verankert, ist plötzlich wieder überraschend frisch und lebendig vor mir auferstanden. Jetzt im Nachhinein finde ich es direkt schade, daß ich von meinen selbst geschriebenen Briefen nicht auch eine Kopie habe. Viele dieser Briefe sind auch von Brieffreundinnen aus der ehemaligen DDR. Und beim Lesen dieser Briefe fiel mir plötzlich auch wieder ein daß ich ja mal ein Tagebuch geschrieben hatte. Ein Tagebuch, beginnend im Jahr 1989, über meine Erlebnistouren in der damaligen Noch-DDR. Ich kramte es also hervor und so ließ ich beim Lesen alle meine Touren wieder vor meinem geistigen Auge aufleben. Alles war noch handgeschrieben. Und da ich nach Mundart geschrieben habe, also so, wie meine Gedanken damals aus mir heraus sprudelten, ist meine Wortwahl . . . na ja . . . wie bestimmt jeder weiß, halten sich die eigenen Gedanken nie an bestimmte Regeln, und so wiederholen sich manche meiner Gedanken und Eindrücke in den einzelnen Kapiteln auch immer wieder mal. Ich beließ es in meiner damaligen Schreibweise, weil ich damals bei weitem noch nicht so aufgeklärt war mit dem Hintergrundwissen das wir heute alle so selbstverständlich über die Medien bekommen haben. Ich bin damals 29 Jahre alt gewesen. Mit meinem roten Ford Fiesta, der in der grauen DDR aussah wie ein buntbemaltes Osterei in einem S/W-Film, habe ich die Chance wahr genommen, die DDR zu einem Zeitpunkt kennen zu lernen, als es noch die DDR war. Wie anders sind die Menschen da drüben in der DDR, hatte ich mich damals oft gefragt. Wir Westdeutschen hatten doch ein sehr verklärtes Bild von den Ostdeutschen. Sie waren uns fremder als Menschen aus anderen Ländern. Nun, das hat sich teilweise auch heute noch nicht geändert hat. Ich empfand es jedenfalls damals so. Für mich spielte dabei weniger die Politik die erste Geige, sondern die Menschen waren mir wichtig. Sie wollte ich kennen lernen, weil sie für mich tatsächlich so was wie Fremde gewesen sind. Wie reagieren sie auf mich, wie emotional sind sie, was treibt sie an oder interessiert sie. Viele solcher ganz persönlichen Dinge wollte ich ausloten. Ich stolperte dabei über viele Kuriositäten, die aber in Wahrheit überhaupt nicht so kurios waren, weil sie in der DDR ganz normaler Alltag gewesen sind. Aber auch die Architektur in den Städten, die Kulturgeschichte und die Naturlandschaften interessierten mich sehr. Und wegen dieser intensiven Eindrücke, die ich während meiner verschiedensten DDR-Touren zu dieser besonderen Zeit gemacht habe, begann ich dieses Tagebuch zu schreiben. Ich habe damals alles wie in einem Roadmovie erlebt und schrieb meine spontanen und subjektiven Gedanken, Gefühle und Vorstellungen und das viele mir so fremderscheinende nieder. Auf keinen Fall wollte ich menschliche Werturteile fällen, auch wenn das gelegentlich so erscheinen mag. Denn von guten oder schlechten Menschen soll hier keine Rede sein. Meine Erlebnisse in diesem Buch sind nun schon 25 Jahren alt, und wie im letzten Kapitel nachzulesen ist, hat sich wahnsinnig viel verändert, höchstens in den Köpfen der Menschen ist da auf beiden Seiten manches Mal noch Nachholbedarf! Aber auch das kann natürlich subjektiv jeder anders empfinden. Manche meiner Darstellungen mögen etwas oberflächlich erscheinen. Das tatsächliche Leben in der DDR mit all seinen Verlockungen und Irritationen konnte ich natürlich nicht wirklich kennenlernen, aber ich hoffte es so intensiv wahrnehmen zu können, daß ich für manche Vorurteile, die auch heute noch viele mit sich herum tragen, viel mehr Verständnis aufbringen kann. Aber ich habe immerhin auch erfahren, daß das Leben in der DDR sehr viel facettenreicher gewesen ist als daß man es immer nur auf dieses vermaledeite Kadersystem reduzieren müßte. Ich sollte vielleicht noch erwähnen, daß jedes einzelne Kapitel eine eigene kleine Geschichte darstellt und nie direkt im Zusammenhang mit dem vorangegangenen oder nächsten Kapitel steht. Die Frage, warum ich meine Erfahrungen nun doch veröffentlicht habe kann ich objektiv gar nicht beantworten. Nachdem ich nun recht viel Zeit in das Buch gesteckt habe, ist es für mich doch ganz interessant mal zu erfahren wie andere das empfinden was ich als Wessi da drüben erlebt habe. Und vielleicht fühlt sich der eine oder andere Leser auch einfach nur gut unterhalten.

Jörg Nitzsche

Urlaub in Bulgarien

Vorgespult:

Auch ich, aufgeputscht durch die sich täglich überschlagenden Nachrichten über die Menschen und das mir völlig fremde Land da drüben, daß sich DDR nennt, will endlich mal hinter den Zaun gucken und mit eigenen Augen sehen was dort abgeht. Vor allem, weil ich nun tatsächlich ohne komplizierte Einreiseformalitäten viele Bekannte aus meinem Bulgarienurlaub wieder sehen kann. Zwar hatte ich mir schon im November und Dezember Tagestrips nach Berlin gegönnt doch mein Erlebnisbericht in diese mir so fremde Welt beginnt heute dem letzten Sonntag im Januar 1990. Es ist regnerisch und trübe, es könnte kaum ungemütlicher sein . . .

. . . aber der Reihe nach.

Denn beginnen muß ich meine Geschichte zu einem ganz anderen Zeitpunkt an einem ganz anderen Ort. Und zwar hat alles mit meinem Bulgarienur­laub im September vergangenen Jahres angefangen. Die Reisen für Kurzentschlossene waren gerade sehr günstig und ich hatte Urlaub dringend nötig. So glaubte ich jedenfalls, bin ich doch seit drei Jahren nicht mehr verreist. In dieser Zeit habe ich in Garmisch-Partenkirchen meine Hotelfachausbildung absolviert. Bei meiner Urlaubsplanung wäre ich wohl so ziemlich auf jeden Ort innerhalb Europas gestoßen, aber Bulgarien? Kannte ich das Land gerade noch vom Hörensagen, wo Bulgarien aber genau liegt entzog sich mir zu diesem Zeitpunkt jeder Kenntnis. Obwohl ich es eigentlich gewöhnt bin individuell zu verreisen, so mußte ich dieses Mal pauschal buchen. Ich machte mir deshalb auch keinen Kopf über Land und Leute, es sollte einfach nur ein Spaßurlaub werden. Ich glaube, selbst nachdem ich wieder in Hamburg eintraf, wußte ich nicht genau wo Bulgarien eigentlich liegt. Irgendwie schon peinlich, daß ich mir das überhaupt zu sagen traue. Aber es interessierte mich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht. Bulgarien ist es nämlich nur deshalb geworden, weil zwei Freunde von mir es ebenfalls gebucht hatten, und ich dieses Mal absolut keine Lust verspürte allein zu verreisen. Jedenfalls nicht zwei ganze Wochen an einem Ort. Mir war es also ziemlich egal wohin, Hauptsache Sonne und ein bißchen Vergnügen. Zum Sonnenstrand oder besser bekannt als Sunny Beach sollte es für uns 3 gehen. Da ich aber nachträglich und als Single gebucht hatte habe ich ein anderes Hotel erwischt, und auch eine ganz andere Reisegesellschaft. An einem Donnerstag ging es dann los. Wir 3 saßen auch noch im gleichen Flieger aber auf dem Airport in Burgas sah ich meine beiden Kumpels fürs erste ein letztes Mal, dann ging es in verschiedenen Bussen zu unseren Hotels. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir noch nicht viel dabei gedacht, denn in der Regel hat jede Reisegesellschaft seine eigenen Busse. Wenig junge Leute, bemerkte ich sofort als ich meine ersten Eindrücke aufsog. Und echt viel Proll-Volk, also, Proletarier im wahrsten Sinne des Wortes. Als ich so im Bus saß ahnte ich noch nichts Schlimmes. Was ich damit meine, darauf komme ich noch. Ich wollte nur ankommen und die Zimmerübergabe an der Rezeption möglichst schnell hinter mich bringen. Im Hotel welches sich hochtrabend „Continental“ nennt wurde alles ordentlich und schnell abgewickelt. Auch diese blöde Geldumtauscherei ging eigentlich recht problemlos über die Bühne. Und das, obwohl es immer ein paar Deppen gibt die zu begriffsstutzig sind und somit die anderen Gäste unnötig aufhielten. Mein Zimmer war sehr karg aber funktionell eingerichtet. Ein komplett mit Fließen verlegter Boden, man könnte theoretisch mit einem Wasserschlauch das ganze Apartment einmal abspritzen und es wäre sauber. Einzig die Scheißerei in der Hocke entlockte mir doch ein etwas erstauntes Gesicht. Schnell bin ich im Beachdress und immer noch nichts Böses ahnend machte ich mich auf die Suche nach meinen Kumpels. Ich halte mich mit solchen Dingen wie Klamotten einräumen selten lange auf. Zahnpasta und-bürste kann ich auch dann noch raus holen wenn ich abends zu Bett gehe. Also auf zum Strand den ich ja direkt vor der Haustür hatte. Das war schon ein nettes Gefühl nur mit Sandalen und T-Shirt dieses Gespür von Urlaubsfeeling einzuatmen. Ich kenne meine Beiden nur zu gut um zu wissen, daß die noch ewig brauchen bis die in die Pötte kommen und wie ich am Strand umherspannen. Und so schaute ich mich zwar nach ihnen um, schaute mir aber auch gerne die Brathühner hier am Strand an. Merkwürdig ruhige Szene hier, kam es mir gleich in den Sinn. Ich merkte recht schnell was Bulgarien eigentlich ist, ein trauriges, nichtssagendes Elend. Was ich bis zu diesem Zeitpunkt auch nicht wußte ist, daß auch Bulgarien zum Warschauer Pakt gehörte, also ein sozialistischer Staat ist. Ehrlich gesagt, mich hatte das bisher nie wirklich interessiert. Nach Stunden der Erkundung zu sagen ich wäre total entnervt gewesen von der Suche nach meinen Kumpels und meinen Eindrücken in dieser merkwürdigen Welt, ich würde stark untertreiben. Denn ich bekam nicht nur nicht raus wo die beiden steckten, sie ließen sich einfach nicht blicken, es war irgendwie auch alles recht öde hier. 14 Uhr hatte ich eingecheckt, und nun haben wir’s schon 18 Uhr und es beginnt zu dämmern. Bin dann auch erstmal wieder zurück in’s Hotel um mich für den Abend ein wenig umzuziehen. Wollte mich jetzt nicht dramatisch heraus putzen, denn es war ja angenehm mild am Abend. Dann machte ich mich wieder über den Strand auf in die City. Na ja, was man eben in Sunny Beach als City bezeichnen konnte. 2 – 3 kleine Straßenbereiche in der der übliche Schnickschnack für Urlaubsgäste angeboten wird. Hier und da mal ein Portraitzeichner, wo ich mir ein bißchen die Zeit totschlagen konnte. Im Ort sprachen alle deutsch. Merkwürdig, aber irgendwie waren hier alle so anders. Ich begriff das zuerst überhaupt nicht. All­mählich wurde mir bewußt, daß ich meine Kumpels unter Umständen heute nicht mehr treffen werde, also konzentrierte ich mich wieder mehr dem gemeinen Fußvolk zu. Alles wirkte so artig, kein lautes Wort, kein Gelächter, nichts Überstürztes, keine überschäumende Freude. „Orwell's 1984“ kam mir in den Sinn, so 'ne Art programmatische Urlaubs­stimmung. Für mich hatte das ganze schon beinahe was von einer Untergangs- als von einer Urlaubsstimmung. Man könnte mir jetzt entgegenhalten, ich hätte mir das im Nachhinein ausgedacht. Aber ich empfand das tatsächlich so. Doch sicherlich mag mein persönliches Dilemma dieses Gefühl ein wenig begünstigt haben, hier mutterseelenallein gestrandet zu sein. Ich pflanzte mich völlig resigniert auf die erstbeste Bank und verfluchte schon jetzt den ganzen Urlaub. Nach einer gewissen Zeit ging ich wieder mal zum Strand und schlenderte gelangweilt in Richtung meines Hotels. Mein Hotel liegt ganz am südwestlichen Ende des Ortes und so war es jedesmal ein ganz schöner Marsch. Zwei junge hübsche Mädchen gingen plötzlich unmittelbar vor mir her. Sie sprachen deutsch und ich sprach sie einfach an. Zu meinem Erstaunen reagierten sie überhaupt nicht unwirsch. Zu diesem Zeitpunkt merkte ich noch überhaupt keine Einschläge, soll heißen, ich bemerkte gar nicht, daß sie Ostdeutsche sind. Wir redeten einfach drauf los, wo sie hier wohnen, wie lange sie bleiben, und, und, und. Nach ein paar Minuten setzten wir uns. Und jetzt schlug es bei mir ein wie eine Bombe, als sie mir sagten, daß sie aus Cottbus, der DDR stammen. Ich bekam so was wie Schnappatmung, so verdattert war ich. Daß die beiden aus der DDR sind, konnte ich mir einfach nicht ins Gehirn einpflanzen. Zwei so lebenslustige Mädels, das waren sie wirklich. Aber aus der DDR? Meine merkwürdige Reaktion fiel ihnen schon auf. Wie konnte das denn angehen. Wo bin ich hier nur gelandet? Doch nun dämmerte es so langsam in mir. Ich mußte mich wieder Mal über meine eigene Dämlichkeit wundern. Jetzt wurde mir erst klar, daß dieses merkwürdige Volk alles DDR-Urlauber sind. In meinem Hirn begann es nur so zu rattern, und ich dachte mir was haben die hier nur zu suchen. Ich meine, wieso können die hier sein. Aber eigentlich war es diese merkwürdige Atmosphäre die mich erstaunte. Was hatte ich doch im Allgemeinen für ein merkwürdiges Bild von den Ostzonern. Ein bißchen zurück in der Entwicklung, leben wie Tiere im Zoo und so einiges mehr dachte ich alles im gleichen Moment. Gut, ich übertreibe ein bißchen. Nun war mir auch klar, warum ich so eine merkwürdige Stimmung empfand. Aber nun die beiden Mädels hier, wir sitzen gemeinsam auf einer Bank, beide haben eine sehr angenehme Art. Ich wollte nun alles über sie erfahren und bombardierte sie regelrecht weiter mit Fragen. Wie sie sich drüben fühlen, Freizeitangebote, Schule und Beruf, Freunde und Verwandte im Westen. Ich konnte mir nämlich nie richtig vorstellen, wie das Leben in der DDR so ist. Cottbus gehörte zudem auch zu einer Region in der DDR, die für mich auch bei China hätte liegen können. Wußte nur entfernt etwas von dieser Region, eben was man so hören und lesen konnte darüber. Nun, immerhin können sie ja doch raus aus der DDR, bis nach Bulgarien sogar. Hmmm, so ganz eingesperrt waren sie dann wohl doch nicht, oder? "Kulturell wird nichts geboten, das ist ziemlich trostlos bei uns", sagen sie ungerührt. Sie leben im Ruhrpott der DDR – dort, wo ganze Dörfer und Landschaften wegen der Kohle platt gemacht wurden und wohl auch noch werden. So viel Pessimismus aus dem Munde der beiden überrumpelte mich direkt, wußte ich zuerst gar nichts drauf zu erwidern. Statt dessen versuchte ich mich in ihre Lage zu versetzen oder sie mir vorzustellen, was mir beim besten Willen nicht gelang. Ich hätte mir ja nicht mal vorstellen können wie das Leben in Duisburg oder den anderen Bergbaugebieten so ist. Das Interesse an der DDR war bei uns im  Allgemeinen nie besonders groß. Wirklich neugierig war kaum jemand wenn man auf drüben zu spre­chen kam. Fragen darüber wurden eher unbequem und mit lapidarem „so ist es nun mal“, abgewunken. Denn jeder von uns hatte seine eigene Vorstellung vom real existieren­den Leben in der DDR. Bei mir sind es diese Bilder vom gesellschaftlichen System, diesen ganzen uniformierten Auftritts- und Blödsinngelabber-Schnickschnack, von antiquierten Auslagen der Schaufenstern bis hin zu bröckelnden Hausfassaden. Tatsächlich kam es nie vor, daß man bewundernd über etwas über die da drüben redete, sondern eher wie grausig da drüben alles ist. Wie ist das dort zu leben und zu arbeiten? Das habe ich mir schon hin und wieder gedacht, denn wir haben ja auch Verwandte dort drüben. Schon in diesen kurzen Momenten wurde mir klar, wie anders Westdeutsche über ihr Leben erzählt hätten, und wie überraschend klar die Menschen drüben ihr Schicksal beim Namen nennen. Dabei spüre ich keine Abgestumpftheit bei ihnen um solche Entbehrungen ertragen zu können. Nein, die beiden sagten mir frei heraus wie traurig das Leben bei Ihnen bestellt ist, wie wenig ihnen geboten wird. Sie erzählten mir sogar über die permanente Angst, irgendeiner könnte der Stasi angehören. War das vielleicht so eine Art Wink mit dem Zaunpfahl? Tatsächlich – ich konnte mir beim Zuhören einen Lacher nicht verkneifen als sie mir anvertrauten, daß sie nicht ganz sicher seien ob ich nicht einer von der Stasi sein könnte. Ich, einer von der Stasi? Ich mußte schon wieder lachen. Tja, bin wohl wahrscheinlich der einzige der hier so behämmert ganz alleine rum hängt und Frauen auf der Straße anquatscht. Meine Gehirnwindungen liefen derweil heiß, mit dieser Angst konfrontiert zu werden, ich hätte ein IM von der Stasi sein können das ist schon echt abgedreht. Wenn wir West­deutschen Bulgarien belagern und den DDR-Bürgern unsere Übergröße vorleben, weil wir die begehrten Devisen mitbringen, sind wir da nun andere oder bessere Deutsche? Für die Bulgaren allemal. Doch auch die Ostdeutschen sprechen deutsch, denken deutsch und leben bestimmt auch deutscher als andere Staaten und sind doch komplett andere als wir Westdeutschen. Nur wie anders? Bei allen Gesichtspunkten, wie vorzüglich (na ja?) wir hier und wie unerhört beleidigend die anderen Deutschen behandelt werden, sollte man einmal Honecker demonstrieren. Die Frage, ob er sein blöddreistes Gequatsche von Freundschaften zu den anderen Sozialistischen Brüderstaaten selbst überhaupt ernst genommen hat, kam mir bei meinen bisherigen Eindrücken in den Sinn. Mir fiel zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich viel Intelligentes ein. Ich mußte das Erlebte auch erstmal verdauen. Ich habe mich nicht lange mit den beiden unterhalten können da ihr Bus in wenigen Minuten abfährt, und so kam etwas Panik bei den beiden auf. Meine gut- aber nicht ernstgemeinten Sprüche wie "... ihr könnt notfalls bei mir pennen, wenn ihr den Bus verpaßt", zeigten wenig Resonanz, leider. Schade, denn nun war ich wieder alleine, mit mir und meinen Gedanken über diesen blöden Urlaubsanfang. Ihr Camping­platz lag irgendwo bei Burgas. Bei meinen geographischen Kenntnissen war es wenig verwunderlich wenn ich schon nicht mal mehr wußte ob Burgas westlich oder östlich von hier aus lag. Den Bus erreichten wir aber locker, ich begleitete sie. Der Kathrin gab ich noch meine Visitenkarte. Auch nach ihrer Abfahrt beschäftigte mich das Gespräch noch, aber gleichzeitig schlug mir die Unauffindbarkeit meiner beiden Kumpels fürchterlich auf das Gemüt. Und dann diese ungewohnte Umgebung, wie eingesperrt fühlte ich mich. Meine Hoteladresse hatte Manfred wenigstens, beruhigte ich mich etwas. Jetzt beobachtete ich die Menschen noch bewußter und war noch sprachloser, denn nun murmelte ich immer wieder vor mich hin, „man, das sind alles Ossis“. Ich bekam Hunger, und bequem und verwöhnt wie man als Westeuropäer ist, ging ich recht locker in das erstbeste Restaurant hinein, zumindest was man als solches ausmachen konnte. Völlig farblos war das Innere dieser Lokalitäten hier, Kellner und Kellnerinnen hatten wenig Gespür für Service. Na ja, selbst gerade in der Hotelfachausbildung, kann ich das wohl einschätzen. Überall bekleckerte Tischtücher und überhaupt keine typische Restaurantatmosphäre. All das fiel mir sofort auf. Und dann stand man meistens irgendwo in einer Warteschlange – na ja, nicht ganz. Das eigentlich noch viel Unangenehmere daran war, daß man mich jedesmal aus dieser Schlange heraus pickte und ich vor allen anderen einen Tisch zugewiesen bekam. Das war echt der Alptraum. Es war ja immer voll.. Es war durchgehend und überall so wie auf einer Kur wo alle zu einem festgesetzten Zeitpunkt die Kantine stürmten. Man, kam ich mir blöd vor als ich zu den anderen Tischen hin schaute. Aber irgendwo mußte ich ja hingucken, und weil die meinen Blicken alle so merkwürdig auswichen mußte ich nun andauernd an diesen Stasi-Scheiß denken. Die anderen Tage probierte ich völlig entnervt auch mal die Imbißbuden aus, von allem ein bißchen eben. Also eine Freude wurde die Fresserei für mich den ganzen Urlaub nicht. Aber das Schlimmste war für mich immer noch die Scheißerei. Die wurde für mich echt zu einem Fluch. Nirgends Klos, und wenn, dann wieder ewig in einer Schlange rumstehen. Und auf was habe ich dann in der Schlange gewartet, auf völlig versüffte Plumpsklos. Ich glaube ich habe mehr Zeit damit verbracht die Stellen zu reinigen die ich möglicherweise berühren konnte, als mein eigentliches Geschäft zu verrichten. Nur ein einziges Mal konnte ich es nicht mehr aushalten und die Natur mußte herhalten. Alles ist hier gewöhnungsbedürftig. Überhaupt beobachtete ich alles mit Argwohn. Richtig wohl fühlte ich mich, glaube ich, den ganzen Urlaub nicht. Hier passierte überhaupt nicht mal etwas Spontanes. Daß vielleicht mal irgendwo spontan gelacht wurde, überall nur liebe, artige Pärchen. Ein bißchen gespenstig war das. Ich suchte dann noch eine Bar auf, die man bei uns so wohl nicht als Bar bezeichnen würde und beendete damit meinen ersten Tag und Abend. Ich schlenderte zurück zu meinem Hotelkomplex. Das waren mir für den 1.Tag genügend Eindrücke. Aber oh graus, von schlafen konnte ebenfalls keine Rede sein. Die hoteleigene Disko geht bis vier Uhr früh, und die machte einen Wahnsinns Lärm. Irgendwie ging es dann doch. Am nächsten Morgen dann Frühstück, wieder eine Katastrophe. Ein Büffet, aber jede Stulle mußte extra bezahlt werden. Umständlich, Erholung für die Gäste bzw. der Gast ist König – ich glaube, das kennen die hier nicht, muß ein Fremd­wort sein. Und dazu dieses elende Kindergeschrei. Vielleicht haben die Kinder noch am ehesten gespürt, was das hier für ein Alptraum ist. Für mich auch etwas peinlich, das war nie zu übersehen, wie sich die Bundies (Bundesrepublikaner) manches Mal aufspielten. Als seien sie in einem First-Class-Hotel. Um mir das „Continental“ allerdings auch nur ansatzweise als solches vorstellen zu können hätte man mich schon unter Hypnose stellen müssen. Jedenfalls, hier haben unsere Jungs genug Geld, um auch mal die Sau raus lassen zu können. Gut, ich finde ja auch, und das kann man keinem verübeln, jeder soll so leben dürfen wie es ihm gefällt. Aber bitte mit Respekt und Anstand und Rücksicht auf andere Urlauber, und nicht auf gleiche Weise zurückzahlen, wie man vielleicht selber als kleiner Angestellter zu Hause behandelt wird. Leider ist das hier eine alltägliche Show gewesen und nicht wert tiefgründiger behandelt zu werden. Nun, der Freitag verging ähnlich wie der Donnerstag, mit zwei Ausnahmen allerdings. Einmal stand eine Erkundungsfahrt mit anschließendem Essen auf dem Programm. Das war ganz nett, zeigte mir aber nur noch deutlicher wie trostlos selbst die Natur hier ist. Wo ist die Natur jemals reizlos, doch hier ist selbst die Natur ein Reinfall. Ich weiß noch, in Griechenland, wenn ich da ein wenig auf Abwege ging zeigten sich plötzlich Reliquien vergangener Jahrtausende. Einmal war ich sogar dabei als in einer X-beliebigen Gegend auf Kreta ein tönernes Gefäß vorsichtig ausgegraben wurde. Das fesselte mich, regte meine Fantasie an. Aber hier ist nichts außer einer kargen Steppenlandschaft, die einfach nur trostlos aussieht. Die andere Ausnahme an diesem zweiten Tage war nun die endgültige Gewißheit, daß meine beiden Kumpels ganz woanders gelandet sind als ich. Und zwar in das achtzig Kilo­meter entfernte Düni. Da stand ich nun in meinem bescheuerten Kaff, hatte keine Sau mit der ich reden konnte. Ich hätte fast noch zu heulen ange­fangen, so mies fühlte ich mich für einen Moment. Verlorener bin ich mir noch nirgends vorgekommen. Und dabei habe ich noch die ganzen zwei Wochen vor mir, die mir mit einem Mal tödlich lang erschienen. Der Bewegungsspielraum war gleich null, eine traurige Situation, der ich mich ausgesetzt fühlte. Ich murmelte permanent irgendwelche Flüche vor mir her, oder machte verkrampfte Scherze wie: „verdammt, jetzt bin ich eingesperrt wie in der DDR“, während ich tatsächlich ein bißchen diese trostlose Landschaft erkundete. Unterhaltungsmäßig fühlte ich mich auch ziemlich eingeengt. Die Disko­theken waren ein Witz, na ja, ich gewöhnte mich dran. Öffnungszeiten kannte man hier nicht, also konnte man 24 Stunden in die Disko gehen. Und dann die Ostdeutschen die oftmals in langen Schlangen davor standen um eingelassen zu werden. Und das eigentliche Dilemma war, daß ich ihnen nie auf Augenhöhe begegnen konnte. Immer wieder wurde ich mit so einer unangenehmen Bescheidenheit angesprochen, ob es mir denn recht wäre wenn sie sich mir zugesellten. Sie wollten ja gerne auch hinein kommen in die Disko. Und ich kam ja immer sofort rein, und das, obwohl ich meisten nicht mal rein wollte in diese Kaschemmen. Wollte mir eigentlich nur die Leute angucken die da rein wollten. Rein aus Unterhaltung und Zeit totschlagen. Auf so eine blöde Beschäftigungsidee kann natürlich nur ich kommen, aber viel Aufregendes gab es für mich dort eben nicht. Ich kam natürlich überall rein. Ich war mehr als perplex darüber, konnte innerlich nur den Kopf schütteln über dieses Gebaren der Bulgaren. Vor allem, woran sie mich bloß immer gleich als Wessi ausmachten? Besondere Klamotten hatte ich jedenfalls nie an. Die Ostdeutschen dagegen jammerten mir immerzu vor wie schlecht es ihnen drüben geht. Und auch, wie schlecht sie hier behandelt werden. Aber daß es für sie immer noch einer der schönsten Urlaube ist die sie machen können. Da denkt man ja unweigerlich an ein Leben in der Hölle. Ich kam mir schon vor wie so ein Wackeldackel, innerlich schüttelte ich wohl öfter den Kopf als in meinem ganzen Leben vorher, über das was ich zu sehen und zu hören bekam. Aus meiner  Selbstverständlichkeit heraus konnte ich mich überhaupt nicht in solch eine Lebenssituation hinein versetzen. Wie man überhaupt so ein Leben im real dahin vegetierenden Sozialismus führen konnte, diese Fragte stellte ich mir immerzu. Auch wenn ich jetzt so überheblich darüber schreibe, sie taten mir immer Leid, denn sie waren alle sehr nett. Es war auch immer sehr angenehm in ihrer Mitte, ich fühlte mich immer zugehörig. Ja, ich gehörte immer zu ihnen. Wenn sie mit rein gekommen sind, dann wurde ich nicht auf einmal wieder ein Fremder für sie. Ich kam mir manchmal schon wie Papa vor, der sich jetzt mal um das Problem hier kümmert. Schön zurechtmachen konnten sie sich aber wirklich, alle Achtung.

Den Strand entlang Strand bewegte ich mich meistens ziemlich linkisch rauf und runter und wieder zurück und das gleich mehrmals am Tag. Ich kann nicht lange wie ein Braten und auf einem Fleck festgenagelt liegen, das langweilt mich dann auch schnell. Also blieb nur Fratzenschauen. Alleine am Strand rum zu hängen war schon irgendwie komisch aber ganz alleine auch noch Mädels anzuquatschen bedurfte schon einiger Überwindung. Ich machte es aber trotzdem, unter anderem auch 2  Ostberlinerinnen. Sie waren sehr freizügig. So halbnackt, wie sie waren, empfand ich es noch blöder sie anzuquatschen. Konnte ja so rüber komme, als hätte mich ihr Anblick aufgegeilt und nun gehe ich zum Angriff überging. Nun, so ganz falsch ist es ja nicht, wenn ich ehrlich bin. Sie sahen schon sehr attraktiv aus. Ich mußte immer daran denken was die wohl von mir denken wenn ich so behämmert über den Strand pflüge. Am Samstag, meinem 3.Tag, erblickte ich also Petra und ihre Freundin, die Ostberlinerinnen. Petra schoß wirklich den Vogel ab, sie sah sehr sexy aus. Ungehemmt mit freiem Oberkörper war ihre super Figur schon nett anzuschauen. Doch am schon am gleichen Abend hätte ich ihr wahrscheinlich hinterher gepfiffen weil ich sie kaum wiedererkannt habe. Sie war jetzt nicht mal sehr auffällig geschminkt, konnte sich aber komplett verwandeln. 

Beide waren sie sehr aufgeschlossen. Aber ich muß zugeben, worüber wir gequatscht haben weiß heute schon nicht mehr. Es waren wie so oft in diesem Urlaub ganz andere als die sonstigen Gesprächsinhalte. Habe ich sie etwa gar nicht so ausgefragt? Ist jedenfalls nichts bei mir hängen geblieben. Bei den beiden war  mein Gefühlserlebnis gar nicht so viel anders als wenn ich sie bei uns am Ostseestrand, z.B. am Timmendorfer Strand, kennen gelernt hätte. Hier am Strand sind alle 100 – 200m solche kleinen, vielleicht 2,5m hohen Wachttürme ohne irgendwelchen Sonnenschutz. An diesen Gebilden hängen sich die Einheimischen und Badewächter ran um ihre Körper zu stählen. Klimmzüge und sowas. Gerade zum Abend hin kann man die Bulgaren gut kennen lernen. Dann sind sie fast an der Überzahl hier am Strand. Blöderweise haben sie, natürlich nur die Männer, dann in ihren Plastikbeuteln nicht nur ihre Badesachen drin sondern, irgendwelche Sachen zum Tauschen. Denken, daß sie uns Wessis mit Kaviar heiß machen können. Diese blauen Dosen kennt ja jeder. Das scheint hier schon so ein tägliches Ritual zu sein. Zurück zu meinen Ostberlinern. Tatsächlich scheinen Ostberliner doch wieder anders zu ticken als der Rest der Ostdeutschen. Ich verbrachte den Nachmittag weitestgehend mit ihnen und wir verabredeten uns dann auch für den Abend. Wir trafen uns vor der Disko wieder. Wir 3 kamen sofort rein und ich hatte ihnen zuliebe 2 Packungen Davidoff-Zigaretten mitgebracht. Eigentlich gehörten sie Manfred Manfred und Thomas, aber weil mir klar war, daß den Sackgesichtern mein Schicksal am A..... vorbei geht, kann ich die Zigaretten auch so verschenken. Wir hatten viel Spaß in dieser Nacht und vor allem vermißte ich meine Kumpels nicht. Verwundert war ich ein bißchen über diese Selbstverständlichkeit mit der sie sich zu allem einladen ließen. Schlimm fand ich es nicht, was kostete mich der Abend schon. Tatsächlich waren die Preise ein Witz. Aber diese besondere Eigenart sollte kein Einzelfall bleiben, wie ich später noch öfters erfuhr. Gut, vielleicht werden die Frauen in der DDR generell eingeladen, es ist also ganz normal für sie. Was mich enttäuschte war eher, daß überhaupt kein Dank rüber kam. Ich traf sie auch am nächsten Tag am Strand und wir hatten einen schönen Tag zusammen. Vor allem Karin hatte es mir angetan, von ihr machte ich sogar ein paar Bilder am Strand. Und ich erfuhr von ihr auch wo in Ostberlin sie arbeitet. Zu dem Zeitpunkt eigentlich unbedeutend, denn daß ich mal nach Ostberlin kommen könnte war völlig abwegig. Ich lernte dann am Montag Abend auch noch 2 weitere Mädels kennen. Spazierten ebenfalls vor mir her und ich sprach sie wieder mal einfach so auf der Straße an. Obwohl ich es hätte ahnen können habe ich wieder erstaunt reagiert, als sie mir ihre Herkunft offenbarten. Genauso erstaunt wie ich über ihre Entscheidung war mit mir mitzukommen. Ich konnte nämlich beide überreden für ein paar Tage mit mir nach Djuni zu fahren. Beide sind aus Leipzig – obwohl, stimmt eigentlich nicht. Sie studieren nur in Leipzig. Wir nahmen uns am nächsten Morgen ein Taxi nach Djuni und so sah ich Burgas das erste Mal live. Also so was Verrücktes von Stadt habe ich noch nie vorher gesehen. Da schien mir selbst die New Yorker Bronx einladender. Riesige Wohnblockhochhäuser in der City, die so aussahen, als würden sie gleich in sich zusammenbrechen. Die Balkons wirkten absolut baufällig, und trotzdem hing überall Wäsche und mittendrin lugte eine runde Fernsehantenne hindurch. Nach der Stadt ging die öde Landschaft weiter. Nichts, was das Auge irgendwie zum Leuchten gebracht hätte. Ich dachte währenddessen über diese merkwürdige Bescheidenheit nach, mit der sich Ostdeutsche immer wieder bemerkbar machten. Mußte ich auch dieses Mal bei den Leipzigern wieder schmunzeln. Da frage ich sie nun schon ob sie Lust haben mich zu meinen beiden Kumpels zu begleiten, und sie fragten mich zurück ob es mir denn recht wäre, wenn sie mich begleiten dürften. Was soll man bitteschön darauf noch antworten? Außer ne etwas schräge Grimasse zu ziehen, ob ich sie jetzt richtig verstanden habe, fiel mir wohl tatsächlich nichts ein. Als ich mit den Mädels in Djuni eintraf waren wir alle 3 wirklich angenehm überrascht von diesem Urlaubsdorf. Ein wirklich schönes Touristendorf westlicher Prägung ist hier aus dem Boden gestampft worden. Das hört sich jetzt sehr gediegen an, das war es nicht. Es war einfach nur sauber und machte einen guten Eindruck. Hochhäuser sucht man hier vergebens. Nur maximal zweistöckige Apartments plus einer Hoteloase. Für Familie mit Kindern  wirklich eine ideale Gegend. Für Thomas und Thomas eher weniger passend, denn im Grunde war es hier einfach nur noch öder als bei mir. Es gab hier keine weiteren Singles. Es war alles so überschaubar, aber auch todlangweilig angeordnet, daß wir regelrecht über Manfred und Thomas stolpern mußten. Zum Glück. Ich war direkt ein bißchen erleichtert. Sie empfingen uns beide schon mit heraus hängender Zunge, ich hatte immerhin Corina und Catharina im Schlepptau. Da war in Sunny Beach entschieden mehr Leben vorhanden. Hier sucht man allerdings DDR-Bürger vergebens.

Die Begrüßung mit meinen Kumpels fiel aus als hätten wir uns gerade an unserer Kieskuhle getroffen. Die Blödmänner mußten aber lachen und machten Scherze über mein Schicksal. Das war ihnen natürlich sofort klar gewesen weil sie ganz woanders gelandet sind. Sie waren gerade dabei sich strandfertig zu machen und so gingen wir alle zusammen an ihren Strand. Natürlich freuten sie sich über meine Leipzigerinnen, denn hier war überhaupt nichts los. „Das ist ja noch bekloppter als bei mir“ kam es gleich aus mir heraus geschossen. Am Strand waren die beiden Mädels ausgesprochen freizügig. War für uns alle 3 direkt ungewohnt, daß Corina und Catharina gleich blank zogen. Meine beiden Leipzigerinnen sind Medizinstudentinnen, und einen Satz von der Kathrin werde ich nie vergessen: "Honecker ist unsere letzte Hoffnung", sagte sie im Zusammenhang über die momentane politische Lage in Ungarn. Meine beiden Kumpels und ich schauten uns nur blöd an, auf diese Aussage war keiner von uns vorbereitet. Aber eigentlich interessiert es weder Manfred noch Thomas was sich da drüben tut. Sich gedanklich mit diesem Thema „DDR-Flüchtlinge in der Deutschen Botschaft in Ungarn“ auseinandersetzen, so wie ich, tun die beiden nicht. Die beiden Leipzigerinnen hätten auch aus Duisburg kommen können, Manfred und Thomas hätten sich ähnlich emotional verhalten. Wir hatten aber einen tollen Tag zusammen, an einem sehr gepflegten und sauberen Strand verlebt. Mir war es schon fast wieder zu langweilig hier. Aber Corina und Catharina genossen es hier sehr und spielten immer mal wieder Wasserball. Auch die beiden nahmen alles gerne in Anspruch. Sie blieben ganze 2 Tage. Das mit der Übernachtung klappte ausgezeichnet, denn Manfred und Thomas hatten recht großzügig geschnittene Apartments. Doch über ein Dankeschön der beiden konnte sich keiner von uns erinnern. Immerhin wurde ihnen von der Unterkunft, bis zum Essen und Getränke alles bezahlt. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern warum sie schon einen Tag früher abhauten als ich. Vielleicht mußten sie wegen ihrer Reisegesellschaft zurück, oder sie mußten zeitnah abreisen, keine Ahnung mehr. Aber was heißt schon einen Tag früher abhauen? Im Grunde reichte es mir auch schon nach 2 Tagen hier. Eigentlich ist das sowieso nicht meine Art von Urlaub gewesen. Ich erlebe gerne was, reise dabei gerne Stück für Stück weiter herum. Ich blieb jedenfalls einen Tag länger. Ich hätte auch noch länger bleiben können, aber wie gesagt es war einfach nicht besonders aufregend bei meinen Kumpels. Doch wir verabredeten, daß Manfred und Thomas mich gleich am nächsten Tag besuchen kommen. Auf meiner Rückfahrt im Taxi bekam ich die Stadt Burgas noch einmal hautnah zu Gesicht. Ein echter Alptraum wenn man solche Häuserschluchten noch nie gesehen hat. So etwas Heruntergekommenes habe ich tatsächlich noch nie gesehen. Bestimmt 15-20stöckige Wohnsilos, wo jeder Balkon wie von Kugeln beschossen  aussah. Was treibt diese Menschen hier an, was motiviert sie? Diese Frage bleibt wohl unbeantwortet. Ich habe eine Menge Leute aus Burgas kennengelernt, die wirkten ganz normal, waren lustig, hatten ihren Spaß. Waren alles sehr angenehme Menschen. Sogar ein bißchen lustiger und befreiter als die Ostdeutschen. Die Frauen erzählten mir immer wieder von den guten Einkaufsmöglichkeiten in Burgas Zentrum. Wie trist die Geschäfte eingerichtet sind, das übersehen die Bulgarinnen wahrscheinlich deshalb, weil sie nie was anderes gesehen haben. Und die Ostdeutschen Mädels, weil es vielleicht auch bei ihnen nicht viel besser aussieht, es aber hier viel mehr zu kaufen gab. Die neueste Mode kam aus der Türkei rüber. Damals war mir gar nicht klar wie nah wir an der Grenze zur Türkei waren. Die Exquisit­geschäfte, dessen Produkte aus dem Westen sowieso nur mit harter Währung zu erstehen waren, waren das höchste ihrer Gefühle. Was wir vielleicht als eintönig verstehen ist für die Menschen hier das ganz normale Leben. Man kann dazu stehen wie man will, völlig kalt lassen kann es eigentlich keinen. Nun hat es mich schon immer interessiert, wie Menschen in anderen Kulturen denken und leben. Und was sie selber wiederum über uns wissen und denken. Doch hier bekommt man auch einen Hauch von Heuchelei zu spüren. Hier mögen sie vor allem uns Westdeutsche, natürlich weil wir Devisen mitbringen. Unsere Arroganz, die einige allerdings auch völlig unbewußt zur Schau stellen weil unsere Lebensart sie so geprägt hat fällt natürlich auch den Bulgaren auf. Und wenn ich mir wiederum die Bulgaren beim Beobachten unserer Landsleute anschaue wird mir durch ihre Gestik und Mimik untereinander auch klar was die Bulgaren wirklich über uns denken. Die haben ihre Blicke dermaßen geschärft, daß nicht nur die Bademeister uns mühelos zum Schwarztauschen aus der Masse heraus picken. Diese Schwarztauscherei empfand ich überhaupt als eine üble und nervige Angelegenheit. Irgendwie brauchte ich den Kram wie Kaviar überhaupt nicht, aber den Bulgaren zu Liebe kaufte man diesen Mist dann doch. Das Gefühl hier ein Schnäppchen gemacht zu haben, hatte ich schon deshalb nicht, weil ich mir das Zeug sowieso nicht gekauft hätte, geschweige denn gefuttert hätte. Vielleicht habe ich noch nie guten Kaviar gegessen, ich jedenfalls hätte mir statt dessen auch ne Prise Salz aufs Ei machen können.  Allerdings stellte ich manches Mal spaßeshalber die Frage, ob man für den Service und das kulturell gebotene nicht noch Geld zurückerstattet bekommen müßte. Wofür sollte man hier sein Geld verprassen wollen, außer für Alkohol, weil man alles um sich herum vergessen wollte. Man hätte bestimmt das ganze Lokal mit einladen können und hätte trotzdem nie Ebbe in der Urlaubskasse gehabt. Aber vielleicht hätte ich mir ein Gemälde kaufen sollen. Daran habe ich später öfter gedacht. In Burgas habe ich ja Bilder von bulgarischen Künstlern gesehen, die gefielen mir ganz gut. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich scheinbar nicht den Kopf dafür gehabt. Ich hatte mir sonst immer etwas mitgebracht, ein Andenken daß diese Lebenskultur widerspiegelt. Das Leben in dieser Kultur, die Menschen und ihre Inspirationen, von denen ich im Laufe der zwei Wochen doch ein bißchen was gelernt habe, hat wenigstens ein paar Spuren bei mir hinterlassen. Absolut nicht unsympathisch die Bulgaren. Vor allem die Frauen, die ich kennen gelernt habe haben mir sehr gefallen. Ich habe nette Menschen aus Pamporovo, einem bekannten Skisportort in Bulgarien, und auch aus Sofia kennengelernt. Ich hatte sogar eine Freundin aus Tiflis, Georgien gehabt. Eine ganz süße aus Burgas, aber leider viel zu jung, lernte ich in dem Barackendorf direkt hinter dem Strand kennen. In Bulgarien gibt es ausgesprochen schöne Frauen. Aber es blieb meistens beim Anschauen. Mal ein Küßchen, mal ein bißchen mehr. Immer wieder bekam ich zu hören "wir sehen uns ja doch nie wieder", gepaart mit einem traurig dreinschauenden, resignierten Gesichtsausdruck. Das war in solchen Momenten sehr hart, und beendete jede Gefühlsduselei. Jeder hätte sich an meiner Stelle gewünscht, daß mehr daraus hätte werden können. Ein wenig habe ich Land und Leute also kennen und verstehen gelernt. Und vor allem sind sich die Menschen insgesamt viel näher als es wohl die politischen Systeme je sein werden. Ein Blick in die Gesichter verrät es sofort, die charakteristischen Gesichtszüge der Deutschen Urlauber erkenne ich sofort heraus. Die Bulgarinnen haben sehr exotische Gesichtszüge und sind ausgesprochen hübsch. Da fällt mir gerade was Schräges ein. Ein Bulgare meinte einmal zu mir, er wäre schon oft im Ausland gewesen aber immer wieder froh in Bulgarien zu sein. Wegen dem Essen hier, das hätte er überall vermißt. Ich dachte zuerst der tickt nicht ganz richtig, danach haben wir aber nie wieder miteinander gesprochen. Doch am meisten habe ich über unsere direkten Nachbarn nachgedacht. Ich lernte in diesen 2 Wochen Menschen aus allen Gegenden der DDR kennen. Und ich muß sagen, es ist ein Urlaub mehr für den Kopf als für den sonnengebräunten Körper geworden. Erholung ist dieser Urlaub nur bedingt gewesen, aber dafür höchst interessant. Verrückt, wenn ich heute darüber nachdenke, mit was allem ich konfrontiert wurde in diesen 2 Wochen. Vielen sollte ich bei ihrer Flucht helfen, sie waren wirklich fest entschlossen aus Bulgarien zu flüchten. Dieser ganze Flüchtlingsstrom über Ungarn ist auch bei den DDR-Bürgern nicht unbemerkt geblieben. Und dann wurden 2 Monate später die Grenzen geöffnet. Sie sind Deutsche wie wir, aber doch völlig andere, mir irgendwie fremder als Japaner, Amerikaner oder Skandinavier es je waren. Ich traf Leute aus Ostberlin, Dresden, Cottbus, Jena, Leipzig und Magdeburg, und irgendwo aus dem Harz. Doch, so richtig glücklich wirkte keiner von ihnen auf mich. Zuhause gab es keinen Tag an dem nicht irgend etwas von den Flüchtlingen in der BRD-Botschaft in Prag berichtet wurde. Am 30. September dann die befreiende Nachricht von Minister Hans-Dietrich Genscher. Und schon knapp einen Monat später, am 9.November die befreiende aber auch unerwartete Meldung von der neuen Reisefreiheit der DDR-Bürger, die Günter Schabowski proklamierte. Der deutsch-deutsche Wahnsinn ist beendet und beginnt auch gleichzeitig und hat mich bis heute nicht losgelassen. Und so verwende ich mal wieder die typische Redewendung, ich fahre heute mal rüber in die DDR. 

Mein erster Trip geht nach Wismar

Es ist regnerisch und trübe, es könnte kaum ungemütlicher sein im Januar, eigentlich kein Tag um an einen Ausflug zu denken. Zudem geht zu dieser Jahreszeit die Sonne entsprechend früh unter. Ich fahre trotzdem erst gegen Mittag los, und dabei weiß ich noch nicht einmal ob ich Wismar oder Schwerin anfahren soll, geschweige denn erreichen werde. Genauso wenig habe ich mit einem Stau vor Schlutup gerechnet. Da ich nicht absehen kann, wo genau die Grenze passiert wird, hoffe ich natürlich daß es nicht so lange dauern wird. Es dauert eine ganze verdammte Stunde, schon etwas blöd. Wieder habe ich dieses mulmige Gefühl, wenn ich diese Grenze passiere, denn es wird immer noch kontrolliert. Obwohl ich auch von Durchwinken sprechen kann, denn Papiere will keiner mehr sehen. Ob die Grenzer überhaupt genau wissen was sie hier noch tun sollen? Dieses trübe, schmuddelige Wetter unterstreicht die ungewohnte Umgebung nach der Grenze, eine irgendwie bedrückende Atmosphäre. Bei Grenzübergängen in die DDR muß ich immer unwillkürlich denken, mich lassen die nicht durch. Aber alles geht gut. Gleich hinter der Grenze sehe ich zwei junge Leute von hier. Daß sie von hier sind erahne ich schon anhand ihrer Klamotten. Der eine heißt Bernd, und der andere ... habe ich vergessen.

Sie versuchen zu trampen, und so nehmen mir die beiden die Entscheidung ab, wohin es für mich heute gehen soll. Sie wohnen in Wismar. Das kommt mir ganz gelegen, denn Schwerin wäre ohnehin jetzt zu weit gewesen. Und ich habe von beiden Städten keine Vorstellung, also ab nach Wismar. Wir passieren gelegentlich Befestigungsanlagen, die direkt an der Straße entlang führen. Wir sind noch im Sperrgebiet. AIIgegenwärtig sind hier die schlechten Straßenverhältnisse und die Farbe grau. Hier täuscht das Regenwasser über die Tiefe so mancher Schlaglöcher hinweg. Dazu dieses atmosphärisch ideal passende kalte Schmuddelwetter. Um sich die DDR vorzustellen einfach die perfekte Stimmung. Alles wirkt nur noch karger, meine Vorstellung vom Leben der Menschen hier wird in allem bestätigt. Meine beiden Anhalter sind ausgesprochen nett, so kenne ich sie mittlerweile, die Ossis. Ihr Unterhaltungston mir gegenüber ist leicht untertänig, ich muß ihnen deshalb auch alles aus der Nase ziehen, wie man so schön sagt. Zwei Jugendliche, die sich auf das Abenteuer Hamburg eingelassen haben. Ich frage sie über Steinmetze und Schmieden aus, weil ich mir gerade so ein HiFi-Rack gezeichnet habe. Aber das Thema ist bei der Materialfrage beendet. "Hier gibt's ja nichts", sagt mir Bernd. Stimmt, den Satz kenne ich von irgendwoher. Wir durchfahren kleine, unscheinbare Dörfer. Früher konnte man hier die Autos zählen, die in einem Monat durchfuhren, heute bewegen die Dorfbewohner ihre Köpfe wie auf einem Tennisplatz. Die Mülldeponie Schönberg soll hier rechts abgehen, der Geruch beweist es. Mein Gott, denke ich, hier ist das also wovon so oft berichtet wurde. Hier wurde wie überall über den Köpfen der Bevölkerung hinweg Entscheidungen getroffen. Keiner käme hier auf den Gedanken über Umweltverschmutzung zu klagen oder zu protestieren. Mit vollem Wissen darüber stimmen mir die beiden zu. Viele wußten über vieles bescheid, duldeten es schweigend, hatten aber Augen, Ohren und Mund verschlossen gehalten, haben sich so mit vielem abgefunden. Ich muß gerade daran denken, daß auch unsere Gesellschaft an vielen solcher Art Problemen einfach vorbeirauscht. Wir Westdeutschen sind so gesättigt und hier ist man um jede Erneuerung, um jedes Ereignis dankbar. Ich weiß, typische Phrasen die mir passender oder unpassender Weise gerade einfallen. Und trotzdem hämmern die sich permanent in mein Hirn bei diesem trostlosen Anblick links und rechts. Während dieses Grau an uns vorbei rauscht wird mir plötzlich bewußt was ich doch alles habe um eigentlich glücklich sein zu können. Wieviel muß ich noch haben? Muß da an „Haben oder Sein“ von Erich Fromm denken. Gutes Buch. Und meine Freunde im Fond glauben noch an diese Verheißung zu der sie vielleicht als neues deutsches Wirtschaftswunder beitragen. Die Fahrt ist unsäglich, will kein Ende nehmen. Recht dunkel ist es geworden, ich ahne schon, daß ich wohl nicht mehr allzu viel von Wismar haben werde. Zu beiden Seiten eine Baumreihe wie in einer Allee, ich beachte sie kaum. Ich sehe nur alte Häuser, verwahrlost, dreckige Betriebshallen mit verrosteten Schrottteilen, unordentlich über das Betriebsgelände verteilt, eingefallene Dächer, kleine graue Dörfer, wo mal ein menschlicher Schatten vorbeihuscht, den ich mit meinem Scheinwerfer einfange, um ihn gleich wieder zu verlieren. Es riecht falsch, überall hier. Es hieß immer, man könne sofort riechen, daß man in der DDR sei.Eine ungemütliche Stimmung ergreift mich, macht aber auch neugierig auf mehr. Endlich in Wismar angekommen begrüßen uns die typischen Mietskasernen. Die Kinder auf den verkrüppelten Gehwegen schauen uns mit Gesichtern an als kommen sie gerade aus einem Kohleschacht. Ernst und abgeklärt verfolgen ihre Blicke uns, bis auch wir sie im kalten, grauen Nebel verlieren. Gleich das zweite Haus ist eine Schmiede," informiert mich Bernd, "da kannst Du mal fragen." Einen HiFi-Ständer für meine HiFi-Anlage geschmiedet bekommen, und so denke ich, fragen kostet nichts. Doch außer erstaunten Blicken und Sätze wie "Wahnsinn, früher wäre das alles nicht möglich gewesen", muß ich mich vertrösten lassen, denn der Papa ist nicht zu Hause. Ist nicht weiter wild, also weiter. An der ersten Kreuzung müssen wir links abbiegen, zu Bernd's Eltern.Wismar grüßt uns gleich zu Beginn mit seinen Einheitswohnbunkern.Eine interessante Entdeckung mache ich, nach rechts kann ich immer abbiegen, selbst bei Rot. Dieser grüne Pfeil, wie in Amerika. Eine sehr sinnvolle Einrichtung. Außerdem steht direkt auf der Kreuzung ein gläserner Turm, also mittig auf der Kreuzung. Na ja, vielleicht heißt das Ding ja auch Ampelturm, keine Ahnung. Und in dem steht doch tatsächlich ein VoPo auf gut 3m Höhe und regelt den Verkehr in dem er die Ampel entsprechend schaltet. Immerhin, er steht im Trockenen. Finde ich wohl nur deshalb so kurios, weil ich so etwas noch nie gesehen habe. Wie ich das finde? Interessant, oder doch komisch? Egal, das gibt Pluspunkte für die DDR, denn hier wird nach Bedarf geregelt. Wir fahren nun links ab zu den Wohnbunkern. Dort wohnen die beiden.Oh man, sieht die Gegend hier trostlos aus. Ob das bei schönem Wetter besser zu ertragen ist? Irgendwo lese ich auf einem Plakat was von Demokratischer Frauenbund. War wohl so was wie die FDJ, nur für Frauen. In der Rudolf-Breitscheid-Straße wohnt Rainer. Das 10-stöckige Wohnhaus, daß wie das „Empire State Building“ aussieht, erkennt man schon auf der Landstraße. Es mag ja idiotisch klingen, aber ich glaube fast, daß ich den Trabbigestank vermissen werde wenn es keine Trabbis mehr geben wird. Aber das wird sicherlich nicht so schnell passieren. Er gehört zur DDR wie ... na ja, egal.

Seit Bestehen der DDR sind in Wismar mehr Wohnungen gebaut worden als in 7 Jahrhunderten zuvor. 42% aller Wohnbauten in der Stadt sind Neubauten und in denen lebt 45% der Bevölkerung. Erfahre ich alles von Bernd.Dieses Wohnviertel erblüht in grau, grauer gehts nimmer. Ich kneife die Augen zu, reibe mir die Augen, ich kann's nicht fassen, als wäre ich durch eine Filmleinwand gerauscht und stecke plötzlich in einem SW-Film. Grauer geht's beim besten Willen nicht mehr. Nicht einmal die blauen Trabbiwolken bilden hier noch einen Kontrast. Die Stimmung, wie in einem Agententhriller. Ich muß jetzt echt mal wissen, ob es bei Bernd in der Wohnung auch so grau aussieht. Also frage ich ihn, ob ich mit zu ihm kommen kann. Kein Problem für ihn. Auch sein Freund kommt noch mit hoch. Er wohnt noch bei seinen Eltern.Im Hochhaus stinkt es total muffig. Nach der ersten Tür ist noch mal eine Glastür, d.h. ein Vorraum. 30 Briefkästen hat es alleine in diesem Wohnbunker.

Ganz oben haben wir eine fantastische Aussicht auf die Werft und auf die gesamte Stadt. Wismar hat viel grün, viele freie Plätze mit Schrottablagerungen. Und hier wohnt er auch.Wir begrüßen seine Eltern. Fußball läuft in der Glotze. Große Freude, daß die beiden heil aus Westdeutschland entlassen wurden und Erstaunen bei mir, wie toll die Wohnung eingerichtet ist. Wirklich geschmackvoll. Steht in keiner Weise hinter den Einrichtungen westdeutscher Wohnungen zurück. Ich schaue mich in alle Himmelsrichtungen um und in noch ein paar Ecken zusätzlich. Dreck ist hier nicht auszumachen. Ich bin ein willkommener Gast und auch das Gespräch mit den Eltern gerät nicht ins Stocken. Ob ich Kaffee haben möchte, ich bejahte. Er schmeckt miserabel, aber das liegt weniger an Mutter's Zubereitungskunst als vielmehr am Grundwasser, wie ich dann auch von der Mutter erfahre. Hat irgendwas mit dem Kali-Exportumschlag im Wismarer Hafen zu tun, eine Spezialität des Wismarer Hafens. Keine Ahnung was sie damit meinte. Der Kaffee selbst schmeckte nämlich, das konnte ich eigenartigerweise herausschmecken. Peinlich, ich konnte es mal wieder nicht für mich behalten. Aber die Eltern reagieren ganz natürlich, und so wird keine Affäre daraus. Ich fühle mich hier recht wohl, so lange ich nicht aus dem Fenster schaue.Ich muß direkt schmunzeln alsich plötzlich diese 3-Affen-Figur in ihrem Wohnzimmerschrank entdecke. Drei Affen, die nichts hören, nichts sehen und nichts sagen. Echt kurios und amüsant zugleich. Sinnbildlich heißt es wohl, wenn du in Frieden leben willst, dann machst du es genau so. Und vielleicht ist es sogar sinnbildlich für den DDR-Bürger geworden, diese Scheuklappenmentalität – bloß nichts hören und sehen und wissen. Eingesperrt wie Affen sind sie ja ebenfalls gewesen. Ich überlege noch ober ich mehr über meine kleine Gedankenreise lachen muß als über die Figur selbst, als ich auch schon die vielen kleinen Meißner Figuren und Schalen im Schrank. Für diese Porzellankunststücke konnte ich mich schon immer sehr begeistern.Bernd will mir noch etwas von Wismar zeigen. Schon verdammt dunkel draußen, aber die Stimmung wird dadurch auch immer gruseliger und reizvoller. Als wir wieder auf der Straße sind entläßt ein Bus gerade ein paar Schatten, dunkle Umrisse wie sandgestrahlt, die Tiefe einzelner Objekte ist nicht mehr auszumachen, die Dimensionen gehen verloren, die Schatten verschwinden mit einem Mal, ihre Bewegungen wie bei einem länger belichteten Bild. Dieser ganze Nebel ist nicht naturgegeben sondern ist eine Mischung aus Abgasen und den Kohleheizungen. Alle heizen hier wohl noch mit Kohle und die Rauchfahnen sind auch nicht zu übersehen. Seinen Freund wollen wir um die Ecke bringen, natürlich nicht sinngemäß. Also steigen wir wieder in meinen roten Flitzer. Ist aber eine lange Ecke, die wir da fahren müssen. Dabei brettere so blöde in ein Straßenloch, daß das Kupplungsgestänge von irgendeinem Teil bedrängt wird, nun klappert es recht merkwürdig und ich kann nicht mehr richtig schalten. Ich bekomm schon Panik. Ich wollte eigentlich heute noch zu Hause ankommen. So ein Scheiß. Aber noch geht es. Ich versuche meine Panik zu verdrängen, was mir bei diesen neuartigen Eindrücken in Wismar auch nicht schwerfällt. Ich habe einen guten Führer in Bernd gefunden. Vieles, was er mir erklärt, hätte ich übersehen, bestimmt nie gesehen. Zumindest heute nicht. Er zeigt mir während der Fahrt Stadtteile, die, ich werde diese Bilder nicht vergessen, mich an Ansichtskarten vor dem 2.Weltkrieg erinnern.Aus Schornsteinen qualmt es, überall liegt wahllos Müll rum.Backsteinbauten, über und über mit schwarzem Ruß bekleidet, verrosteter Abfall, alte LKW-Hänger gammeln vor sich hin. Die schwachen, rotscheinenden Straßenlaternen vermischen sich mit dem Nebel und geben der gespenstigen Szenerie eine dunkle Rostfarbe. Eine Arbeitersiedlung erscheint und verschwindet wieder, gelegentlich vereinzelte Schatten, die sich durch die Nebelwogen drängen die sich hinter ihnen wieder schließen und den Schatten dann ganz verschwinden läßt. Endlos scheinen die Giebel, und tausende Schornsteine zeichnen ein undurchdringliches Labyrinth. Das erinnert mich stark an die BilderHans Baluschek’s. Ich liebe seine atmosphärisch dichten Bilder, in denen ähnlich wie hier in Wismar die Menschen nur Schatten in einem industriellen Alptraum sind. Wie die hoch aufragenden Schornsteinen der Industrie ihren Smog in den dunkelgrauen Himmel pusten wo der sich mit dem Rauch der vielen Kohleöfen aus diesem Meer von Schornsteinen der Wohnhäuser verbündet, immer größer werdend, langsam erkaltet um dann wieder zu Boden zu sinken, und mittendrin durchstößt noch eine Dampflok diese Nebelszene und hinterläßt ihre ballonförmigen Dampfwölkchen. Wow, was für ein Satz.Die vielen Westautos stören in diesem Bild ein bißchen. Ich stelle mir einen Thriller vor, der im vernebelten London spielt und ich sitze gemütlich in meinem Sofa. Statt dessen werde ich von Schüttelfrost geplagt und kann mir direkt vorstellen in diesem Film mitzuspielen. Immer wieder habe ich die irrige Vorstellung, die Wende hat es nie gegeben und ich lebe hier. Die Westautos, ich weiß nicht warum, lassen mich aufatmen, fühle mich dadurch nicht ganz so verloren. Was benebelte mich nun mehr, der eigenartige Kaligeruch, oder der Kohlensmog, der in riesigen Wattebäuschen aus den Schornsteinen kriecht? Wir fahren auf einer Brücke über eine Eisenbahnanlage. Wieder muß ich unwillkürlich an diese überaus stimmungsvollenBaluschek-Bilderdenken. Es sind Bilder, die das Arbeitermilieu Berlins zu Anfang dieses Jahrhunderts, immer mit Bezug auf die Eisenbahn, zeigen. Auch die vielen privaten Kohleöfen haben in seinen Bildern zu dieser Atmosphäre beigetragen, und machen hier zudem auf diesen speziellen Geruch aufmerksam, den ich noch von den Dampflokmotiven kenne. Ich mag diesen Kohlegeruch eigenartigerweise richtig gerne. Einzig diesen beschissenen Trabi-2-takter-Geruch kann ich überhaupt nicht ertragen.Bernd's Riechkolben scheint davon nicht mehr viel mitzubekommen. Für ihn sind das hier und heute die normalsten Begebenheiten. Nachdem wir meinen Fiesta abgestellt haben bewegen wir uns hautsächlich auf Pflastersteinen. In Wismar ist vieles so, wie ich es mir vorgestellt habe. Dieser alte Hansestadt-Flair ist noch in vielen Straßen der Altstadt zu spüren. Ab 1648 gehörte die Stadt zu Schweden, bis 1803. Ist jetzt aber nichts so Besonderes, Hamburg-Altona gehörte immerhin bis 1937 noch zu Dänemark. Also auch die Reeperbahn. Am Hafen trinken wir einen Grog. Schmeckt irgendwie auch beschissen, und ich bekomme nur noch mehr Schüttelfrost davon. Von Seefahrerromantikhat sich Wismars alter Hafen nur wenig bewahrt.Das Wassertoram Hafen von1450 ist als einziges von fünf einstigen Stadttoren erhalten. Wir reden plötzlich über Frauen. Muß man wohl unter Männern, ist so ein Naturgesetz. In diesem Punkt scheint der antifaschistische Schutzwall versagt zu haben. Er zeigt mir ein Foto von seiner Freundin. Sieht ganz süß aus. "Es gibt schon schöne Frauen hier, aber die Frauen bei euch kann man mit unseren gar nicht vergleichen" sagt er direkt bescheiden. Was'n das für'n Unsinn, kann ich mich gerade noch zurückhalten. "Eure Mädchen haben viel besseres Make up", bemerkt er, als müsse er sich für alle DDR-Frauen entschuldigen. Ich habe an diesem Tag, der jetzt um achtzehn Uhr zur Nacht wird, kaum Frauen gesehen. Dafür quält mich aber der Hunger um so intensiver. Ich habe mit Bernd 1:1 getauscht. Wie viel war das jetzt? Man hatte ja allgemein Mitleid mit den Ossis, und gutmütig wie wir Wessis nun mal sind, wollen wir die armen Ossis ja nicht noch spekulativ über den Tisch ziehen. Und immerhin kann ich so auch mal Essen gehen. Oder nehmen die auch D-Mark? Wir schlängeln uns durch den alten Stadtkern.Erst der Altstadtkern lockert diese Trostlosigkeit etwas auf. Meine Eindrücke sind etwas zwiegespalten.Eigentlich ein ziemlich trostloses Pflaster von Einkaufsstraßen, andererseits sind diese Auslagen in den Schaufenstern auch faszinierend gruselig. Ich komme mir vor wie in einem Freilichtmuseum, wohl seit dem Krieg sind die Auslagen unverändert. Die Produkte können keinen Westeuropäer ernsthaft hervorlocken. Die Krönung sind die Uhren- und Schmuckgeschäfte. Ich kann es mir nicht verkneifen, in die Schaufenster zu blicken, jeder Dokumentarfilm verblaßt dagegen. Jeder sollte es gesehen haben, wie soll man das sonst je jemandem vermitteln. Trotz meiner interessierten Blicke in diese Altstadtromantik, an diesem erbärmlichen Mief hat sich nichts geändert. Er durchzieht jede Gasse, jede noch so kleine Nische, tief Durchatmen ist eine Qual. Unsere Schritte verhallen schnell in dieser nebligen Suppe. Alles wird vom Smog aufgesogen. Wir kommen zurSt. Nikolai,einem gigantischenBacksteingotik-Monument.Von den drei gotischen Kirchen der Innenstadt ist nur St. Nikolai der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg entgangen. Um 1370 begonnen und zu Beginn des 16. Jahrhunderts vollendet.36m erhebt sich das wuchtige Mittelschiff von St. Nikolai über die Häuser.Ich schaue mir die Sturmschäden der Kirche an die Bernd mir zeigt. Habe ich in der Zeitung davon gelesen. Ist ganz schön was herunter gekommen und hat einige Wohnhäuser mit abgedeckt. Soll aber nur Verletzte gegeben haben.Der Kirchturm ist aus schlichten Backsteinen aufgebaut. Feingliedrige Rosetten, zierliche Spitzbogenportale aus schweren Ziegelsteinen sehr filigran geformt. Das Bier, daß hier während der Blüte der Hanse gebraut wurde, war sehr gefragt und brachte der Stadt erheblichen Wohlstand ein. "Brauhaus der Hanse" wurde Wismar daher früher auch genannt. Bis zu 180 Bierbrauer produzierten im Mittelalter das begehrte Produkt. Die Bürger der Hansestadt schufen damit Reichtum, den viele prachtvolle Bürgerhäuser noch heute demonstrieren.Die wunderschönen alten Häuser in derKrämerstraßesind wirklich sehenswert.Auch die Marienkirche zeigt Bernd mir. Da, wo früher das Kirchenschiff stand, ist heute ein Parkplatz. Was ist denn ein Archidiakonat? Ah ja, eine kirchliche Verwaltungseinheit. Ist durch Bomber 1945 zerstört worden und 1960 wieder aufgebaut. Ein gotisches Kleinod, bereits 1450 als Wohnhaus aus schwarzen und roten Backsteinen erbaut. Woher ich das weiß? Da hängt so eine massive Steinplakette mit diesem Inhalt. Solche alten Gemäuer kann ich mir stundenlang angucken.Die „Backsteingotik" - hier ist sie zu Hause. Doch leider ist hier und heute viel davon vom Verfall bedroht oder schon ganz verschwunden. Wismar wurden im Krieg schwer zerstört.Zwischen der Marienkirche und St. Georgen, wo jetzt im Januar der Nordgiebel eingestürzt ist befindet sich die Untersuchungshaftanstalt. In den Gassen hängen noch viele alte Ladenschilder aus Holz, und auch so schöne alte Laternen. „Kringel, Semmel, Koken und Brood – Hier gifft dat gode Backwoor“ lese ich auf einem dieser wunderschönen gestalteten Ladenschilder. Hätte sich ruhig reimen können. Oder habe ich mir den Text falsch notiert? Überall hängt der Putz an den Hauswänden herunter. Trotzdem sind die Gassen niedlich, einige allerdings, oder besser leider, schon geteert. Aber es hat wirklich seinen Reiz diese altehrwürdige Hansestadt zu bestaunen. Angeblich soll seit dem Jahre 1967 ein Bereich Denkmalpflege existieren als nachgeordnete Einrichtung der Abteilung Kultur des Rates der Stadt, aber davon sieht man nicht viel. Also ich sehe davon nicht viel, und das ist vielleicht auch den aktuellen Witterungsverhältnissen geschuldet. Das Kreisgericht der Stadt residiert in einem schönen Hänsel und Gretels-Haus, schaut aus wie ein Lebkuchenhäuschen mit seiner verzierten Backsteinornamentik. Die Fenster 2m hoch und auch die Fensterrahmen aus verzierten Backsteinen. Das Stasigebäude steht direkt neben der Volkspolizei. Auffallend ist nur eine Mauer am hinteren Gebäudeteil. Sowie ein massives Metalltor und ein Rolltor ähnlich dem eines Büroschrankes. Ansonsten so unauffällig, daß ich glatt dran vorbei gegangen wäre. Nur die Volkspolizei hat einen großen Empfangsmast, das mit Kabeln zum Stasigebäude verbunden ist. Ebenfalls ein Backsteinbau. Ich bin begeistert was Bernd mir alles zeigt. Das hätte ich alleine niemals alles erleben können. Er gehört zu dem Ausnahmepersonenkreis, die auch ihre eigene Umgebung wirklich gut kennen. Endlich erreichen wir auch denMarktplatz. Der ist wirklich beeindruckend groß. Eine der vier Seiten nimmt das nicht gerade unscheinbare Rathaus ein. Zwischen 1817 und 1819 erbaut. Noch ein paar Jahrhunderte älter ist der „Alte Schwede“, eineGaststätte. Das gotische Backsteingebäude mit dem stufenförmigen Pfeilergiebel wurde 1380 errichtet.Ich bestaune die wunderschöne spätgotische Fassade, die an die glorreiche Hansezeit erinnert. Aber vom Namen her eben auch an Schweden. Nur wenige Schritte vom „Alten Schweden" steht eine Augenweide, die im Stil der niederländischen Renaissance erbauteWasserkunst.In den Jahren 1579 bis 1602 erbaut, versorgte dieses mittelalterliche Schöpf- und Pumpwerk noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die meisten Häuser hier in Wismar mit Wasser.