Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die junge Catharina Rehberg war schon immer anders. Sie leidet an einer unheilbaren Krankheit und wächst behütet bei ihrer Mutter in Bochum auf. Ihren Vater kennt sie nicht. Während der Pubertät merkt, das Mädchen, dass sie völlig anders ist als ihre Freundinnen in der Schule. Sie ist homosexuell und verliebt sich in ihre beste Freundin. Ausgerechnet an ihrem Geburtstag kommt es zu einem Kuss mit unangenehmen Folgen für sie. Fortan wird Catharina von ihren Mitschülern, Lehrern und sogar ihrer eigenen Mutter als krank bezeichnet. Niemand will mehr etwas mit der lesbischen jungen Frau zu tun haben. Sie verlässt ihr Elternhaus aufgrund der ständigen Anfeindungen. Nur einer steht zu ihr. Der zehn Jahre jüngere Karsten hilft ihr über den nahenden Suizid hinweg. Catharina ist gezwungen, ein neues Leben zu beginnen. Weit ab von ihrem gewohnten Umfeld beginnt sie ein neues Leben, fest entschlossen ihre eigene Sexualität zu verleugnen. Wird sich dort für sie alles zum guten wenden? Dieses Buch beschreibt Catharinas Erlebnisse und Erfahrungen von Anfang der 70er Jahre bis heute.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 472
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Das Leben der Catharina R.
Mein Weg ins Lebensglück
Biografie
Catharina Rehberg
Copyright © 2022
Alle Rechte bei Catharina Rehberg
Union Road 42
Sint Maarten, Netherland Antilles
E-Mail: [email protected]
9783985106684
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Danksagung
Das vorliegende Buch entspricht den Tatsachen, wie sie sich wirklich abgespielt haben. Die Protagonistin Catharina Rehberg stellt dabei mich selbst dar und erzählt aus ihrer Perspektive die Geschichte meines Lebens. Im Buch selbst werden sie immer wieder den Begriff einer Krankheit antreffen, unter der ich wirklich leide. Damit sie bereits vorher etwas genauer informiert sind, um was es sich dabei handelt, möchte ich sie hier so weit beschreiben:
Ich leide unter einer Form der Alexithymie, eine seltene Krankheit, die man umgangssprachlich auch als Gefühlsblindheit beschreibt. Diese Menschen registrieren zwar bestimmte Vorgänge in ihrem Inneren, können sie aber nicht beschreiben oder erklären. Bei mir ist das ein bisschen anders, fällt aber in die gleiche Kategorie. Ich kann meine Gefühle bis zu einem gewissen Punkt fühlen und auch beschreiben, allerdings nicht nach außen hin zeigen. Das bedeutet, ich fühle zum Beispiel Freude, wenn man einen Scherz macht oder man mir einen Witz erzählt, beginne allerdings nicht zu lachen. Auch wenn man mich mit einer Waffe bedroht, wie es auch schon vorkam, wie sie später lesen werden, fühle ich zwar Angst, mein Körper allerdings zeigt keine Reaktion. Er reagiert weder mit einem beschleunigten Herzschlag und erhöhter Schweißproduktion oder zeigt auf meinem Gesicht Sorgen. Meine Mimik, Gestik, die Sprache und Bewegungen sind immer gleich.
Um das etwas genauer zu beschreiben, nenne ich ihnen ein Beispiel. Wir kennen alle die Situation von einem Vorgesetzten, seien es Lehrer, Chefs oder auch nur ein einfacher Arbeiter in einen Streit verwickelt zu werden. Die Stimmung wird gereizter, man schreit sich an und es fallen einige Wörter, die man besser nicht öffentlich laut von sich gibt. In meinem Fall würde das ungefähr so aussehen, dass mir gegenüber beispielsweise mein Chef steht, hat vor Aufregung ein tiefrotes Gesicht und die Adern treten sichtbar hervor. Er kann schreien, toben und sie nach allen Regeln der Kunst zusammenfalten. Ich allerdings besitze diese Fähigkeit nicht. Meine Antworten könnte man vielleicht, mit der eines Roboters vergleichen, der völlig emotionslos die Zeit ansagt oder einen Text vorliest. Auch im größten Trubel bleibe ich immer ruhig und gelassen. In meinem inneren tobt ein Sturm aus tausenden Gefühlen, Empfindungen und Erinnerungen, aber es ist unmöglich für mich etwas davon nach draußen zu transportieren. Im Laufe der Jahre habe ich vor dem Spiegel einige Gefühlsregungen trainiert. Es gelingt mir beispielsweise seit einigen Jahren ein freundliches Lächeln aufzusetzen oder auch die Augen zusammenzukneifen um Wut und andere Gefühle wenigstens ein bisschen zeigen zu können.
Das macht es schwer für meine Mitmenschen zu erkennen, was ich fühle. Die Empfindungen habe ich allerdings trotzdem. Vielleicht können sie sich ein bisschen in meine Lage versetzen. Besonders die ersten Jahre war es sehr schwer für mich. Durch meine Homosexualität wurde ich angefeindet und musste jahrelang unter meinen Mitschülern, später Arbeitskollegen und Menschen aus meinem näheren Umfeld leiden. Das alles entwickelte sich bis zu einem Punkt, an dem ich weder leben konnte, noch überhaupt wollte. In meinen jungen Jahren und den noch folgenden in Deutschland war es beinahe ein Verbrechen sich als Homosexuell zu outen. Es war eine regelrechte Hexenjagd. Weder Frauen noch Männer durften sich auch nur auf jemanden des gleichen Geschlechts einlassen. Besonders ein Verein stand dabei an der Spitze und machte allen von uns das Leben schwer, obwohl sie in ihrer Geschichte noch weit schlimmeres zu verantworten hatten und haben. Die katholische Kirche, bzw. auch das Gegenstück die evangelische Kirche brandmarkten uns als krank. Es gab zum Beispiel auch tausende Versuche uns betroffene zu heilen! Homosexuellen Männern zum Beispiel zeigte man Bilder von Unbekleideten des gleichen Geschlechts, und sobald sich Anzeichen einer Erektion zeigten, traktierte man ihre Genitalien mit Stromstößen. Man wollte sie damit konditionieren. Auch heute gibt es zum Teil noch sehr große Vorbehalte gegen Homosexualität z. B. in der Katholischen Kirche, in evangelikalen Gemeinden, in muslimischen Vereinen und orthodoxen jüdischen Gemeinden.
Zu meinem Glück hatte ich einen guten Freund an meiner Seite, der mich aufgefangen hat und mir einen Weg aus dem Loch geebnet in dem ich steckte. Im Buch heißt er Karsten und er steckt bis heute noch weit mehr in Problemen als ich mir das überhaupt vorstellen mag. Seine Geschichte wird im Buch auch ein wenig angeschnitten, allerdings muss ich sie doch ein bisschen besser ausführen. (M. Wenn du das liest, sei bitte nicht noch böser auf mich, aber es gehört einfach dazu)
Karsten hat sich im zarten Alter von fast 14 Jahren in eine Mitschülerin verliebt, die ihn, nachdem er ihr seine Liebe gestanden hatte, mit einer Backpfeife und Flüchen auf dem Schulhof stehen ließ. Nach diesem Tag beachtete sie ihn auch nicht mehr. Er allerdings konnte diese junge Dame 30 Jahre lang weder vergessen, noch aufhören zu lieben. Er hatte keinen Kontakt zu ihr, konnte nicht mit ihr vernünftig reden und musste mit ansehen wie sie ihr Leben verbrachte. Das war für Karsten eine einzige Folter und er hat mehrfach versucht sich das Leben zu nehmen. Da diese Versuche erfolglos blieben, ergriff er verschiedene Berufe, immer mit der Absicht daran zu sterben. Unter anderem arbeitete er als Bodyguard, weil er hoffte wenigstens erschossen zu werden. Die Liste an Ärzten, die er deswegen aufsuchte, würden ein eigenes Buch füllen. Erst im Jahr 2019 wurde es langsam besser und er konnte die junge Dame vergessen, aber sein Schicksal hatte eine weitere Überraschung parat. Er verliebte sich in eine andere Frau, der er auf drängen, seine Gefühle auch gestanden hat. (Unter anderen hatte auch ich meine Finger im Spiel) leider war diese Frau bereits in einer Beziehung und hat im weiteren Verlauf dafür gesorgt das er neben seinem Job auch jeglichen Kontakt zu ihr unterlassen musste. Er ist daran furchtbar zerbrochen und saß aufgrund eines erneuten Suizidversuchs lange Zeit in der Psychiatrie. Seitdem ist aus dem quirligen Jungen von damals ein psychisches Wrack entstanden, dass keinerlei Lebensmut oder Wille mehr aufbringt.
Da stand ich nun also in meinem neuen Leben. Diese kleine Insel sollte also meine neue Heimat sein. Irgendwie hatte ich sie mir deutlich anders vorgestellt. Was ich sah, war eigentlich nicht groß anders als in meiner alten Heimat, dem Ruhrpott. Gut, das Wetter war deutlich besser hier. Es war Anfang November, und als ich in Deutschland gestartet bin, zeigte das Thermometer frostige 8 Grad unter null. In Bochum, wo ich geboren und aufgewachsen war, lag noch Schnee. Hier stand ich nun vor dem Flughafen und vor meinen Augen drehte sich alles. Als ich aus dem verglasten Flughafengebäude in die Freiheit trat, umfing mich sofort eine unglaubliche Hitze.
Drinnen war die Temperatur noch angenehm und auch mein Kreislauf machte nicht die kleinsten Probleme. Die Tür nach draußen war für mich wie der Schritt in ein neues Leben und sofort zeigten sich die ersten Veränderungen. Mir wurde schwarz vor Augen und ich stand plötzlich nicht mehr ganz so sicher auf meinen kurzen Beinen. War mein Nikotinspiegel dafür verantwortlich? In meiner Handtasche suchte ich nach einer Zigarette und meinem Feuerzeug. Das hatte man mir zum Glück bei der Sicherheitskontrolle bevor ich in das Flugzeug geklettert war gelassen. Schon der erste Zug löste einen langen nicht mehr erlebten Hustenreiz aus. Anstatt das es mir besser ging, wurde es noch deutlich schlechter. Neben mir stand vor einem Blumenkübel eine Holzbank. Ich musste mich dringend setzen, bevor ich gleich an meinem ersten Tag hier umkippte. Die Holzstreben der Bank waren von der Sonneneinstrahlung deutlich zu warm. Das meldeten auch meine Hinterbacken durch die Jeans, die ich für den Flug angezogen hatte.
Aufstehen klappte trotzdem nicht mehr. Mir war schwindelig und konnte mich auf absolut nichts konzentrieren. Mein großer Koffer neben mir stand noch in der prallen Sonne. Ich brauchte ein paar Minuten, bis ich wieder halbwegs normal aus den Augen sehen konnte. Erst dann erschloss sich mir, wo ich eigentlich gelandet war. In Deutschland, die Heimat, die ich hinter mir lassen wollte, war es schon Winter und eiskalt. Hier saß ich in meinen langen Jeans und dem dicken Pullover auf einer Holzbank vor dem Flughafen. Es sah nicht wirklich großartig anders aus als noch in Bochum. Nur die wehenden grünen Palmen und die farbigen Blumen passten überhaupt nicht ins Bild. Ich musste den Pullover ausziehen, denn der Schweiß lief mir schon in strömen übers Gesicht.
Das ist also die Karibik. Meine neue Heimat. Fühlte sich noch nicht danach an. Aber wie kommt eine junge Frau, mit ihren gerade mal 26 Jahren dazu sich ein neues Leben auf einer kleinen Insel in der Karibik aufzubauen. Die Antwort lag in meiner Vergangenheit begründet. Als ich am 10. März 1967 das Licht der Welt erblickte, hatte ich eine schöne Kindheit vor mir. Meine Mutter war schon lange vor meiner Geburt von meinem Vater alleine gelassen worden. Er brachte sein Geld mit Prostituierten und Alkohol durch. Ich habe ihn nie kennengelernt, aber durch die Erzählungen meiner Mutter konnte ich mir dann doch ein ganz gutes Bild machen. Mit ihr verbrachte ich die ersten paar Lebensjahre in einer kleinen Wohnung in Bochum.
Während ich noch nicht mitbekam, was um mich herum passierte, war auch alles in Ordnung. Meine erste Erinnerung setzt ein, als ich zarte drei Jahre alt war. Ich spielte im Sandkasten mit Plastikförmchen, während meine Mutter sich mit den anderen Müttern in der Sonne sitzend unterhielt. Morgens wurde ich dann zu Oma und Opa gebracht und meine Mutter ging zur Arbeit in ein großes Kaufhaus. Danach schob man mich in den Kindergarten ab, wo ich dann bis zum Nachmittag bleiben musste. Mir gefiel das nicht wirklich. Ich durfte zwar spielen, wie ich wollte, aber da waren viel zu viele andere Kinder, mit denen ich nicht unbedingt etwas zu tun haben wollte. Die waren mir viel zu laut und schrien den ganzen Tag nur herum.
Zu Hause durfte ich bei meiner Mutter in der Küche mit Teig matschen oder das frisch duftende Essen umrühren. Sie setze mich dazu neben den Herd auf die Arbeitsplatte, drückte mir einen langen Holzstiel in die kleine Hand und ich durfte dann rühren. Das machte mir sehr viel Freude. Im Hintergrund dudelte ein Radio und meine Mutti schnitt Gemüse, Fleisch oder sonstiges Zeug, während sie mir versuchte, den Text der Lieder durch Mitsingen beizubringen. Singen konnte ich aber nicht. Aber mein Leben war eigentlich schön.
Mit zunehmendem Alter kam dann der Zeitpunkt, an dem ich eine große aus Pappe zusammengeklebte Tüte in die Hand gedrückt bekam und mit den anderen Kids, die ich bereits aus dem Kindergarten kannte, vor ein großes Gebäude gestellt wurde. Man nannte es Einschulung und in der Tüte waren jede Menge Süßigkeiten. Aber das große Gebäude sollte ich nicht sehr lange in guter Erinnerung behalten, da konnten auch die ganzen süßen Sachen in der Tüte nichts daran ändern. Ich musste mich mit anderen Muttis herumschlagen, die mir Buchstaben und weiteren Unsinn zeigten. Wenn es wenigstens beim Zeigen geblieben wäre, aber ich sollte sie auch noch selber auf Papier malen. Dieser ganze Unsinn dauerte ganze vier Jahre und ich durfte kaum noch das machen, was mir Spaß bereitete.
Allerdings fiel anderen Leuten in dieser Zeit noch etwas anderes an mir auf. Dieses kleine Mädchen mit den schwarzen Haaren und den braunen Augen war ganz anders. Während andere Kinder schrien und kreischten, mit hochrotem Kopf auf Möbel und Einrichtungen einschlugen, saß ich immer wie völlig unbeteiligt daneben. Auch hatte man sie nie weinen sehen. Irgendwas stimmte mit dem Mädchen nicht. Als meine Mutter darauf angesprochen wurde, konnte sie sich auch nicht daran erinnern, mich weinend oder schreiend gesehen zu haben. Es kam einfach nie vor.
Mutti schleifte mich als Nächstes zu meinem Kinderarzt. Der stellte mich einmal auf den Kopf, um danach festzustellen, dass mir nicht das Geringste fehlte. Körperlich war ich kerngesund. Aber wenn man gerade da war, spricht ja nichts dagegen das Kind gleich noch gegen irgendwas zu impfen. Also Spritze in die Hand, und dann rein damit in den Oberarm. Erst dabei fiel auch dem Arzt auf, dass mit dem Mädchen auf der großen Liege etwas nicht in Ordnung war. Jedes Kind reagiert zwar anders auf Spritzen und Nadeln in der Haut, aber eines haben sie alle gemeinsam, sie beginnen zu weinen. Nur das kleine Mädchen zeigte sich völlig unbeeindruckt und ließ alles ohne einen Ton über sich ergehen. Also gleich noch einmal. Nächste Spritze ab in die Armbeuge und ein bisschen Blut aus den Adern geholt. Aber auch hier zeigte ich keine erkennbare Reaktion.
Viele Ärzte später stand dann die Diagnose fest. Die kleine Catharina litt unter einer besonderen Krankheit, die man in Fachkreisen Alexithymie nennt. Umgangssprachlich nannte man das auch Gefühlskälte. Im alten Griechenland bezeichnete man es auch als Ataraxie, ein Zustand, in dem es einem völlig gleichgültig war, was um einen herum passierte. Catharina konnte man nicht aufregen, egal was man auch anstellte. Das war für die junge Mutter und die Großeltern ein großer Schock. Das nächste Problem sollte aber noch um einiges heftiger ausfallen. Ich brachte die ersten vier Jahre auf der Grundschule zu Ende und wechselte dann auf eine Gesamtschule, um noch mehr zu lernen.
Irgendwann begannen mich meine Mitschüler zu ärgern, merkten aber ziemlich schnell, dass es unsinnig war, so etwas zu versuchen. Das machte nur Spaß, wenn sich das Mädchen aufregte oder eine Reaktion darauf zeigte. Ich zeigte aber keine der allgemein üblichen Wirkungen darauf, sondern blieb völlig ruhig und entspannt. Auch konnte man an meinem Gesicht nichts ablesen, was auf Gefühle hindeutete. Das brachte also keinen Spaß für die anderen und man ließ mich in Ruhe. Trotzdem schaffte ich es irgendwann, Freundschaften zu schließen. Die Schule war mir eigentlich egal aber es machte mir Freude mich mit meinen Freundinnen zu unterhalten.
Meine Großeltern starben dann auch irgendwann kurz nacheinander und Mutti hatte eine Menge zu tun. Sie musste sich um die Beerdigungen kümmern und ich hörte sie sehr oft etwas tun, was mir nie passieren würde. Abends im Bett heulte sie die Kissen voll. Ich fühlte zwar auch Trauer um meine liebe Omi und den lustigen Opa, konnte es aber nicht zeigen. Meine Mutter machte das fast wahnwitzig. Während sie jeden Tag am Weinen war, zeigte ich nicht ein bisschen Mitgefühl. Innerlich zwar schon, aber an meiner Miene konnte man das nicht ablesen. Alles war wie immer für mich. Allerdings begann Mutti mit etwas anderem. Sie betäubte ihren Schmerz immer öfter in Alkohol. Nach der Arbeit begann sie Bier zu trinken und erst am späten Abend hörte sie wieder damit auf. Sie war zu dieser Zeit sehr launisch und auch nicht mehr wirklich gut auf mich zu sprechen. Ich war zwar noch ihre Tochter, aber sie zeigte mir eigentlich nur noch die kalte Schulter, schrie mich an wie ein Irre oder ignorierte mich einfach.
Die Wirkung auf mich beeinflusste das eigentlich kaum. Tief in meinem Inneren war es mir zwar nicht völlig egal wie sie mich behandelte, aber nach außen hin konnte ich es einfach nicht zeigen. Als ich dann älter wurde und sich langsam die Verwandlung vom Mädchen zur Frau einsetzte, fingen ganz andere Probleme an. Ich wusste einfach nicht, was mit mir los war. Meine Freundinnen in der Schule begannen sich langsam ihrem Alter entsprechend für die Jungs zu interessieren. Sie versuchten, mir zu entlocken, welcher Mitschüler mir gefiel. Ich konnte es aber nicht benennen. Da passierte einfach nichts. Die Mitschüler waren mir völlig egal. Es war keiner dabei der mich interessierte oder den ich irgendwie toll fand.
Meine Freundinnen gingen die ersten Beziehungen ein, machten ihre ersten zarten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht und ich stand wie ein Stein daneben. Die Jungs auf der Schule hielten auch einen gewissen Abstand zu mir. Es war einfach für sie nicht zu erkennen, ob ich irgendetwas für sie empfand. Einige versuchten zwar, bei mir zu landen, und machten sich dafür auch regelmäßig zum Affen, aber sie blitzten alle ab. Eine Freundin von mir hatte eine besondere Schwäche für jeden Einzelnen. Solange er einen geraden Satz herausbrachte, war sie von ihm begeistert. Dabei war es ihr auch völlig unwichtig, wie er aussah oder wie er sich benahm. Wenn da Testosteron durch die Blutbahn floss, war er für sie genau richtig. Mit mir passierte allerdings etwas völlig anderes. Ich begann meine wenigen Freundinnen auf einmal mit anderen Augen zu betrachten.
Das, was sie in den Jungs sahen, entdeckte ich im Stillen bei ihnen. Ich genoss es regelrecht, wenn wir uns zur Begrüßung in den Arm nahmen. Das war für mich im geheimen das Schönste am ganzen Tag. Sie bemerkten das natürlich nicht, denn mein Gesichtsausdruck war immer der gleiche. Eine davon gefiel mir besonders. Sie hatte sehr hübsche leicht grüne Augen und ein wundervolles Lächeln. Emma hieß sie und war erst seit Kurzem in Bochum. Ihre Eltern waren von Dortmund nach Bochum umgezogen, weil ihr Vater eine besser bezahlte Arbeit gefunden hatte. Ihr schien es auch nichts auszumachen, das ich ganz anders war. Während sich die anderen Freundinnen ihren geliebten Jungs widmeten, blieben wir beiden meist alleine zurück.
Im Laufe der Zeit wurde Emma meine beste Freundin. Wir sprachen über alles Mögliche, was die Mädchen und jungen Frauen damals interessant fanden. Musik, Mode, in ihrem Fall auch ein oder zwei Jungs, allerdings war sie viel zu schüchtern um sie anzusprechen. Es verging kaum ein Tag, an dem wir nicht wie zwei Glucken aufeinander saßen. Die Jungs fand ich nicht anziehend, dafür aber Emma. Mit der Zeit entwickelte ich sehr intensive Gefühle für meine Freundin. Immer öfter ertappte ich mich selbst dabei, davon zu träumen, sie einfach zu küssen. Das, was die Mädchen von ihren Freunden erzählten und wie sie sich dabei fühlten, traf in erschreckender Weise auf mich mit Emma zu. Das war alles völlig neu für mich und ich konnte es nicht zuordnen. Was stimmte mit mir denn nicht?
Während die anderen aus meiner Clique mit ihren Freunden erlebten, wollte ich mit Emma erleben. Ich hatte das dringende Bedürfnis, sie zu berühren, zu umarmen oder zu küssen. Die ganzen Jungs erzeugten dieses Gefühlschaos nicht in mir. Sie waren mir zusehends total egal. Meine Zeit verbrachte ich am liebsten mit Emma. Nach der Schule trafen wir uns bei ihr oder in der Stadt, hörten Musik oder kauften uns die Jugendzeitschriften, die man in dem Alter eben so liest. Schlauer wurde ich dadurch aber nicht. Alle Artikel in jeder Zeitschrift handelten von Frauen und Männern. Nirgendwo wurde mir erklärt, ob es diese Gefühle auch zwischen zwei Frauen oder Männern gab. War das einfach nicht vorgesehen oder sogar verboten? Ich versuchte mit meinen, damals noch begrenzten Mitteln irgendetwas, in dieser Richtung zu finden, aber auch die Bibliothek konnte mir meine Fragen nicht beantworten.
Kurz vor meinem vierzehnten Geburtstag wusste ich so ziemlich alles über menschliche Fortpflanzung, aber nichts über meine Gefühle zu Emma. Ihr fiel das aber, aufgrund meiner Krankheit, auch nicht auf, was ich für sie empfand. Ich durfte also weiter träumen, sie wie zufällig berühren und in den Arm nehmen. Um mir mehr Geld zu verdienen, weil mein Taschengeld sehr begrenzt war, durfte ich an Wochenenden auf den vierjährigen Sohn unserer Nachbarn aufpassen. Der kleine Karsten war ein quirliger Bursche. Wenn seine Eltern unterwegs waren und ich auf ihn aufpassen durfte, um mir ein paar Mark dazuzuverdienen war ein richtiger Sonnenschein. Er freute sich jedes Mal, wenn er mich an der Tür sah. Er wusste, dass seine Eltern lange weg waren, und freute sich auch darauf, viel länger, als gewöhnlich, wach bleiben zu dürfen.
Seine Eltern durften davon natürlich nichts erfahren, aber Karsten war clever und verlor keinen Ton davon. Wir machten viele Gesellschaftsspiele, versuchten uns an einigen Puzzles, deren Teile mit mehr Erfahrung auch kleiner wurden und spielten Karten. Dann machten wir es uns auf der Couch gemütlich und sahen fern. Irgendwann konnte er einfach nicht mehr die Augen offen halten und schlief ein. Dann hab ich ihn ganz vorsichtig in sein Bett getragen und zugedeckt. Seine Mutter war immer glücklich, wenn ich auf ihn achtete. Ihr raubte er den letzten Nerv mit seiner ständigen Fragerei und seinem Rumgerenne in der Wohnung. Mir machte das nicht das Geringste aus. Aufregung war für mich ein Fremdwort, das schaffte auch der Kurze nicht. Mir machte das sogar Spaß, auf ihn aufzupassen und die paar Mark, die ich dafür bekam, waren mir auch sehr recht.
Am 10. März, meinem vierzehnten Geburtstag trafen meine Freundinnen bei mir zu Hause ein. Meine Mutti hatte an diesem Tag gnädigerweise sogar auf Alkohol verzichtet, um nicht als schlechte Mutter dazustehen und sogar einen Kuchen für mich gebacken. Emma, die sowieso fast jede freie Minute mit mir verbrachte, war die Erste, die bei mir in der Tür stand. Sie schenkte mir einen selbst gebastelten Kalender und eine Musikkassette, die sie extra für mich gekauft hatte. Da wir alleine waren und ich mich dafür bedanken wollte, drückte ich sie an mich und gab ihr sogar einen kleinen Kuss auf die Wange. Sie schrieb diese große Gefühlsregung meinem Geburtstag zu und dachte sich nichts weiter dabei. Für mich allerdings war es etwas völlig anderes. Emma war für mich mehr, als nur eine Freundin, wie sie jedes Mädchen in dem Alter hat. Auch die anderen Gäste trafen nach und nach ein. Wir hatten viel Spaß und feierten ausgelassen meinen Geburtstag.
Der Tag sollte aber für mich noch etwas ganz Besonderes werden. Da ich wusste, dass Emma die Letzte sein würde, weil sie den kürzesten Weg nach Hause hatte, wollte ich sie endlich küssen. Nach und nach gingen die anderen, bis Emma und ich wieder alleine waren. Wir saßen in meinem Zimmer auf dem Bett, hörten ein bisschen Musik von der neuen Kassette und blätterten in einer Zeitschrift. Ich spürte sie ganz eng neben mir und bekam langsam den Mut, den ich brauchte. Nach einigen Minuten schenkte sie mir einen wirklich aufregenden Blick aus ihren grünen Augen. Ohne noch weiter zu zögern, zog ich sie näher zu mir und küsste ihre Lippen. Allerdings hielt das Glücksgefühl in meinem Innern nicht besonders lange an. Sie wich zurück, machte ein erschrockenes Gesicht und rannte dann zur Tür hinaus. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich ihr gegenüber meine Gefühle gezeigt und sie ließ mich alleine.
Damit begann aber ein ganz anderes Drama, von dem ich noch keine Ahnung hatte, wie sehr es mich verletzen würde. Am nächsten Tag, vor der Schule wartete ich wie immer auf meine beste Freundin Emma. Ich erkannte sie schon von Weitem, aber sie lief, ohne mich eines Blickes zu würdigen, an mir vorbei ins Schulgebäude. Was am Tag zuvor noch meine beste Freundin war, ließ mich jetzt einfach stehen. Ich lief ihr hinterher und rief mehrfach ihren Namen. Sie beachtete mich nicht mehr. Sogar in der Klasse, in der wir direkt nebeneinandersaßen, beachtete sie mich nicht mehr. Der schlimmste Schlag folgte aber erst noch. Als unsere Lehrerin hereinkam, meldete sich Emma als Erstes und bat darum, sich umsetzen zu dürfen. Mir tat das furchtbar weh, konnte es aber natürlich nicht zeigen. Der Tag sollte aber noch viel schlimmer werden, als ich mir das hätte ausmalen können.
In der großen Pause stand ich alleine mit meiner Milch und dem Brötchen auf dem Schulhof. Meine ganze Clique, meine Freundinnen tuschelten mit Emma und hielten sich von mir fern. Ich war den ganzen Tag alleine und meine Freundinnen zerrissen sich hinter meinem Rücken den Mund über mich. Schlimmer konnte es eigentlich nicht mehr werden, dachte ich bei mir. Aber bereits am nächsten Tag wurde ich eines Besseren belehrt.
Am 12. März erlebte ich meinen bis dahin schlimmsten Tag meines noch jungen Lebens. Vor Unterrichtsbeginn holte mich meine Klassenlehrerin von meinem Stuhl und brachte mich ins Lehrerzimmer. Der Gestank nach Kaffee und kaltem Rauch war abartig. In dem Raum hätte auch ein Affenkäfig aus dem Zoo nichts an der Luft ändern können. Vor mir saßen insgesamt vier Lehrer und der Direktor meiner Schule. Wie eine Strafgefangene wurde ich verhört, wie ich es hatte wagen können eine Mitschülerin zu küssen. Man beschimpfte mich als krank und abnormal. Diese fünf Erwachsenen vor mir redeten fast eine Stunde wie auf eine Schwerverbrecherin auf mich ein. Durch meine Krankheit zeigte sich natürlich keine Reaktion auf meinem Gesicht, was ihnen als Grund ausreichte, einfach weiter verbal auf mich einzuschlagen.
Jede andere wäre wie ein weinendes Häufchen in der Ecke gelegen und hätte darum gebetet endlich in Ruhe gelassen zu werden. Da sich auf meinem Gesicht absolut nicht die geringste Regung zeigte, von Reue oder einem schlechten Gewissen ganz zu schweigen, entschied man sich dazu, meine Mutter anzurufen und einen Termin für die kleine Catharina beim Schulpsychologen auszumachen. Meine Mutti fiel natürlich aus allen Wolken als man sie bereits morgens im Kaufhaus ans Telefon bestellte und ihr nahe legte ihre Tochter zum Psychologen zu schicken.
An Unterricht im klassischen Sinne war an diesem denkwürdigen Tag nicht mehr zu denken. Wer aber glaubt, dass Erwachsene die Schlimmsten sind und verbal auf junge Frauen einschlugen, hat noch nie die Gleichaltrigen kennengelernt. Sogar während des laufenden Unterrichts attackierten mich meine Mitschüler. Ganz vorne mit dabei meine beste Freundin Emma. Man glaubt gar nicht, wie schnell sich so etwas in der ganzen Schule verbreiten kann. Es dauerte gefühlt nur einige Sekunden, bis auch der letzte Schüler auf dem Schulhof über den kompletten Ablauf informiert war. Selbst die normalen Mobbingopfer, die es an jeder Schule gab, hatten an diesem Tag eine Auszeit und wurden in die Gemeinschaft aufgenommen. Ich war nur noch die kranke, völlig verrückte kleine Schlampe, die mit Vorliebe Mädchen küsst. Zu meinem besonderen Glück stellte sich auch noch die einzige Lehrkraft auf dem Schulhof, die als sogenannte Pausenaufsicht, Streitereien und Anfeindungen von Schülern untereinander unterbinden sollte, auf die Seite meiner größten Gegner.
Sogar die letzten Affen kamen aus ihren Löchern gekrochen und beleidigten mich auf das Übelste. Damals dachte ich noch, es würde vielleicht ein oder zwei Tage dauern, bis sie sich wieder beruhigen würden und mich in Ruhe ließen, aber auch nach einigen Wochen änderte sich nichts daran. Ich war bis zu meinem Abschluss das bevorzugte Opfer aller Attacken. Das bezog sich aber nicht nur auf die Schule, denn im Privaten ging es direkt weiter. Dass man mich nur noch als die Kranke bezeichnete, setzte sich die restliche Schulzeit fort. Ich durfte jede Woche an zwei Tagen nach der Schule zu einem Psychologen wandern, der mich heilen wollte. Abnormal war noch die harmloseste Bezeichnung, die ich zu hören bekam.
Meine Mutter zu Hause stand meinen Peinigern in nichts nach. Essen durfte ich alleine. Meine bis dahin liebevolle Mutter weigerte sich beharrlich, ihren Tisch mit einer Irren zu teilen. Es dauerte auch nicht mehr besonders lange, bis ich mir mein Essen selbst machen musste. Das fand seine Fortsetzung darin, dass ich meine Wäsche und alles andere alleine machen durfte. Ich war für meine Erzeugerin nur noch ein Klotz am Bein und sie ließ mich das auch jeden Tag spüren. Mein Taschengeld bekam ich einmal im Monat in einem Briefumschlag, den sie mir wie eine schlechte Angewohnheit auf dem Küchentisch liegen ließ.
Auch meine sonstige Einnahmequelle, die Babysitterabende bei Karsten im Nachbarhaus fielen weg. Seine Mutter wollte ihren Sohn nicht einer kranken Lesbe überlassen. Der Kleine selbst hatte aber an mir schon einen Narren gefressen. Er beschwerte sich lautstark über jede andere, die man ihm vor die Nase setzte. Ihm war es als Einzigem egal, ob man mich als krank bezeichnete. Der kleine Karsten, dieser Goldschatz, zeigte allen anderen, dass ich nur eine einfache junge Frau war, die nichts Böses getan hatte. Er war zu der Zeit noch im Kindergarten einige Straßen weiter und kannte meine Zeiten wann ich, wo anzutreffen war. Immer wieder drehte er es so, dass er genau dann auf dem Spielplatz seiner Mutter entwischte, wenn ich auf dem Weg nach Hause war. Dann rannte er, so schnell er konnte auf mich zu und drückte mich an sich. Das waren die einzigen schönen Momente, die ich noch hatte.
Dieses ganze Elend ertrug ich klaglos über ein Jahr. Meinen 15. Geburtstag feierte ich völlig alleine in meinem Zimmer auf dem Bett. Von meinem Taschengeld hatte ich mir ein Stück Kuchen geleistet, eine Kerze angezündet und den ganzen Nachmittag ein bisschen Musik laufen. Meine Erzeugerin, die betrunken auf dem Sofa vor der viel zu lauten Flimmerkiste lag, hielt es nicht für nötig einen Ton zu mir zu sagen. Ihre einzige Tochter hatte Geburtstag und ihr war es vollkommen egal. Sie ließ auch keine Gelegenheit aus, mir immer wieder Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Selbst an meinem Ehrentag bezeichnete sie mich noch als menschlichen Abfall, den sie besser abgetrieben hätte.
Als ich dann alleine in meinem Zimmer saß und meinen Kuchen anstarrte, der mir nicht schmecken wollte, traf ich einen Entschluss. Ich war jetzt 15 Jahre alt, machte meine Hausarbeit alleine und musste mich, so gut es ging selbst versorgen. Was sollte mich also noch hier halten? Eben, es gab nichts mehr, was mich noch an diesem Ort festhielt. Meine Erzeugerin lag sowieso nur noch im Alkoholrausch auf dem Sofa herum und überließ mich mir selbst. Wieso sollte ich mir das eigentlich noch länger antun. Sie gab mir ja sowieso nur noch zu verstehen, dass ich unerwünscht war. Ich öffnete meinen Schrank und begann eine kleine Inventur. Die Kleidung, die ich hatte, packte ich in eine Tasche und meine persönlichen Wertgegenstände und kleine Erinnerungen, die ich behalten wollte, landeten in einer Tüte. Beides legte ich neben meine Schultasche und legte mich dann schlafen.
Am nächsten Morgen ging ich wie jeden Tag zur Schule, ließ mich wieder beleidigen und anfeinden, bis meine Stunden abgelaufen waren. Dann schrieb ich einen Zettel für den kleinen Karsten und machte mich auf den Weg. Ich wusste, dass er an diesem Tag auf mich am Spielplatz wartete. Wie immer rannte er fröhlich auf mich zu und schloss mich in die Arme. Ich sah dem Jungen tief in die Augen und steckte ihm meine Nachricht zu. Er verstand erst nicht, was das sollte, aber ich erklärte ihm, dass auf diesem Zettel meine neue Adresse stand. Karsten machte große Augen und hatte Angst mich nicht wieder sehen zu können. Er war aber der Einzige, den ich nicht alleine lassen würde. Karsten versprach mir, niemandem zu erzählen, wo ich war, und ich versprach ihm immer wieder an der Schule auf ihn zu warten. Dort hatten wir viel mehr Zeit und er brauchte nicht seiner Mutter zu entwischen.
Als ich wieder in die Wohnung kam, stank es wie immer nach Bier und billigem Fusel, den meine Erzeugerin in rauen Mengen in sich hineinschüttete. Die Begrüßung ließ nicht lange auf sich warten. Der menschliche Abfall, also ich, sollte verschwinden. Sie wusste gar nicht, wie schnell sich dieser Wunsch erfüllen sollte. Ich ging nur kurz in mein Zimmer, nahm meine Tasche und die Tüte und blickte noch ein letztes Mal an die Wand meines Kinderzimmers. Dann verließ ich die Wohnung und machte mich auf zu meiner neuen Adresse. Das war ein altes Abbruchhaus, das schon seit ich noch Windeln trug, etwas abgelegen stand. Irgendwann hatten wir das mal erkundet und es sollte meine neue Bleibe werden.
Betreten konnte man es nur über ein Loch in der Außenmauer. Die Fenster waren mit Farbe beschmiert und im unteren Stockwerk roch es muffig und deutlich nach Urin. Im oberen Stockwerk gab es einige Zimmer, in denen Obdachlose hausten. Die Räume, die leer standen, hatte ich mir schon einmal angesehen. Meine Wahl fiel auf ein kleines Zimmer an der westlichen Ecke mit einem Ausblick auf den verwilderten Garten hinter dem Haus. Dort begann ich mich häuslich einzurichten. Ein Obdachloser sah mir dabei interessiert zu und fragte mich, was ich denn hier wollte. Ich erklärte ihm, dass ich ab sofort in diesem Zimmer wohnen würde. Lothar, so nannte er sich, wollte mir erst nicht recht glauben, aber als er sah, dass ich mir eine Decke als Nachtlager ausbreitete und meine Schulsachen in die Ecke stellte, war er überzeugt.
Wir unterhielten uns noch einige Stunden. Er war sehr nett zu mir und sparte nicht mit guten Ratschlägen. Angst wäre hier nicht besonders hilfreich. Ich erklärte ihm ausführlich, dass ich unempfindlich für Angst war. Meine Krankheit Alexithymie verhinderte ein Angstempfinden. Aber es gab auch Erfreuliches zu hören. Ein anderer Obdachloser, der Harry hieß, und noch bis vor einigen Monaten hier gelebt hatte, war ein ehemaliger Elektriker und sorgte in einer Nacht und Nebelaktion dafür, dieses Haus wieder mit Energie zu versorgen. Heißt in meiner neuen Wohnung gab es sogar ein bisschen Strom für Licht und einen gemeinschaftlichen Herd, den sie vom Sperrmüll besorgten. Nur Wasser war ein kleineres Problem. Das musste über Kanister von einem Brunnen in der Stadt besorgt werden. Je länger ich mit Lothar redete, umso wohler fühlte ich mich in meiner neuen Bleibe.
Die erste Nacht war noch etwas unbequem und kühl. Schlaf bekam ich nicht gerade viel. Draußen war es bereits kurz vor Mittag, als ich mich aus meiner Decke schälte und in den Garten sah. Es war Anfang März und die Sonne war noch nicht stark genug für ein bisschen Wärme zu sorgen. Lothar war bereits wieder wach und rauchte einen scheußlich riechenden Zigarillo. Ich bat ihn, auf meine Sachen aufzupassen, während ich weg war. Er beruhigte mich mit der Aussage, dass hier nichts wegkommen würde, trotzdem nahm ich die Tüte mit meinen Wertsachen vorsichtshalber mit. Ich hatte eine dringende Verabredung mit dem kleinen Karsten und wollte ihn nicht enttäuschen. Gerade noch rechtzeitig erreichte ich die Grundschule, bevor der Unterricht zu Ende war. Als er mich vor dem Schulhof warten sah, blitzten seine blauen Augen. Seine Tasche mit den Schulsachen ließ er einfach fallen und rannte zu mir.
Auf der Steintreppe redeten wir länger miteinander. Er wollte wissen, was ich vorhatte und warum ich jetzt woanders wohnen würde. Ich versuchte, es ihm so gut wie möglich zu erklären. Für ihn war ich immer noch die große Catharina und er konnte nicht verstehen, warum mich alle für krank hielten. Das Problem war, dass ich es ihm selbst nicht richtig erklären konnte. Ich erzählte ihm, dass ich meine Freundin Emma geküsst hatte, und darauf die Hölle über mich hereinbrach. Für Karsten war das ganz normal. Mit seinem kindlichen Gemüt erklärte er mir, das es doch ganz normal sei, jemanden zu küssen, wenn man ihn mag. Welches Geschlecht spielte doch dabei überhaupt keine Rolle. Er küsste mich ja auch, weil er mich mochte. Er konnte noch nicht begreifen, was jetzt so schlimm an einem Kuss war. Ich begleitete ihn noch fast bis nach Hause. Dann machte ich mich wieder auf den Weg zu meiner neuen Behausung.
Dort wartete bereits Lothar mit einigen Freunden auf mich. Sie alle wollten die neue junge Bewohnerin kennenlernen. Sie waren alle überaus nett zu mir. Wilfried, ein anderer Bewohner des Hauses, versuchte zu erfahren, was mich in diese Gegend verschlagen hatte. Ich versuchte, ihm nur ein bisschen meiner Situation zu erklären, aber das genügte ihm nicht. Ihm war nur aufgefallen, dass ich ganz anders war als die anderen jungen Frauen, die sich sonst mal hierher verirrten. Es hatte keinen Zweck ihnen etwas vorzumachen. Sie waren schon viel zu alt und erfahren genug um mich aus der Reserve zu locken. Also begann ich zu berichten, was es mit meiner Flucht auf sich hatte und wie sich alles so weit entwickelte, bis ich schließlich hier in der Runde der alten Männer landete. Lothar begann laut zu lachen und die paar Zahnstummel in seinem Mund wackelten schon bedenklich. Jeder Einzelne von ihnen konnte mich nur zu gut verstehen. Nils, ein etwas jüngerer Bewohner, verdrückte ein paar Tränen. Er begann mich darüber aufzuklären, dass er, ebenso wie ich die fast gleiche Tortur überstehen musste. Sein Problem war aber seine Sprache. Man verhöhnte ihn Zeit seines Lebens als Stotterer. Es war ihm nicht möglich, langsamer zu sprechen, was dann den Sprachfehler bei ihm auslöste. Draußen wurde es bereits wieder langsam hell. Anstatt zu schlafen, hatten wir uns in der Runde angeregt unterhalten.
Aber die alten Männer versuchten auch nicht, mir meinen Weg auszureden. Sie unterstützen mich eher, meldeten aber einige Bedenken an. Ich war noch jung und unerfahren. Abstreiten konnte ich das schlecht als jugendliche mit 15 Jahren. Sie schlugen mir einen anderen Weg vor. Ich sollte erst einmal hierbleiben, aber trotzdem irgendwie meine Schule zu Ende bringen. Das Leben auf der Straße war, besonders in den Wintermonaten nicht gerade angenehm und viele sind schon daran gestorben. Darüber hatte ich mir in meinem blöden Kopf natürlich keine Gedanken gemacht. Der Frühling hatte gerade erst begonnen und dann käme der Sommer, aber spätestens im Oktober würde es wieder empfindlich kalt werden. Zumindest nachts war es im Spätjahr nicht gerade angenehm. Aber ich hatte ja meine Schulsachen bei mir, damit könnte ich ja lernen, ohne in die Schule zu müssen. Ich wollte es möglichst vermeiden, wieder den ganzen Tag beleidigt zu werden, nur weil mich mein eigenes Geschlecht anzog und mich von einigen Psychologen davon heilen zu lassen.
Wilfried zeigte mir dann einen anderen Weg auf. Ich sollte einfach nach den Sommerferien eine andere Schule besuchen. Meine neuen Freunde würden mir dabei helfen. Nils, der ungefähr so alt wie meine Erzeugerin war, würde sich als mein Vater ausgeben und das Aufnahmegespräch an der anderen Schule bestreiten. Alles, was wir dafür besorgen mussten, waren ein paar anständige Klamotten und ein bisschen Geld. Duschmittel könnte auch nicht schaden und einen vernünftigen Haarschnitt warf ich noch in die Runde. Meine neuen Freunde mussten lachen. Es war nicht einfach, seine Kleidung in Ordnung zu halten und regelmäßig zu duschen, solange es draußen noch kalt war. Hätte mir auch selbst einfallen können. Lothar bot sich an, Nils die Haare zu schneiden. Er konnte damit umgehen und brauchte nur einen vernünftigen Kamm und eben eine gute Schere. Die hatte ich aber zum Glück schon bei meinen Schulsachen.
Ich würde dann bis Ende der Woche nicht mehr in die Schule gehen, einen Entschuldigungszettel schreiben, weil ich erkrankt war und dann dieses Schuljahr noch überstehen müssen. Nur auf die Milch und das Brötchen auf dem Pausenhof musste ich verzichten. Taschengeld bekam ich ja nicht mehr, aber Lothar und die anderen würden mich schon noch irgendwie ernähren können. Sie bekamen über das Sozialamt einen gewissen Tagessatz an Geld. Kochen war ja in unserer Wohnung eingeschränkt möglich und Wilfried konnte auch damit ein bisschen umgehen. Nur musste ich das alles noch Karsten beibringen. Eigentlich wollte ich ihn ja nach der Schule täglich besuchen und mich mit ihm unterhalten. Immerhin war er der Einzige, der zu mir hielt und mich nicht verurteilte. Das war ich ihm einfach schuldig.
Karsten war mir nicht böse, wenn ich nicht jeden Tag vor der Schule auf ihn wartete. Seine einzige Frage war, auf welche Schule ich dann gehen würde. Das hatte ich aber noch nicht entschieden und musste ihn vertrösten. Obwohl er gerade mal in der ersten Klasse der Grundschule war, verstand er mich besser als jeder andere. Der Kleine war einfach großartig. Für diese eine Woche, die ich mir freigenommen hatte, durfte er sich aber täglich auf meine Besuche freuen. Karsten freute sich jeden Tag aufs Neue, wenn er mich da vor seiner Schule stehen sah. Er war zwar nur der Sohn meiner ehemaligen Nachbarin, aber in meinen Augen war er so was wie ein kleiner Bruder, der für alles, was ich machte, Verständnis aufbrachte.
Die nächste Woche begann für mich wieder der blanke Horror. Ich ließ Nils eine Entschuldigung für mein Fehlen schreiben und fälschte die Unterschrift meiner Erzeugerin. Meine Lehrerin akzeptierte den Zettel nach einem kurzen Blick und kümmerte sich dann um den Unterricht. In der Zwischenzeit hatte ich mich in dem Abbruchhaus schon eingelebt. Nur das Waschen, morgens bevor ich losmusste, war schrecklich. Ich hatte zwar das Badezimmer für mich alleine, aber das Wasser war eiskalt. Der Frühling hatte entschieden, noch ein bisschen länger auf sich warten zu lassen. Nachts lagen die Temperaturen nur leicht über dem Gefrierpunkt und das Wasser, das in dem Kanister im Badezimmer stand, könnte auch im Kühlschrank stehen. Ich verzichtete aus gutem Grund darauf, die Haare täglich zu waschen. Auf dem Schulweg hatte ich jedes Mal danach das Gefühl, als würden sie mir abfrieren. Allerdings waren meine Männer furchtbar lieb zu mir. Sie versuchten wirklich alles mir die Tage so angenehm wie möglich zu machen.
Wenn ich nach dem täglichen Horrortrip wieder nach Hause kam, stand Wilfried schon am Herd und hatte etwas zu essen für mich fertig. Nils und die anderen sparten von ihrem täglichen Geld vom Sozialamt immer wieder kleinere Beträge, damit ich mir auf dem Schulhof eine Milch kaufen und einmal in der Woche in einem Waschsalon meine Kleider waschen konnte. In der freien Woche war ich noch einmal in meinem früheren Umfeld, als meine Erzeugerin bei der Arbeit war. Ich nahm meinen Radiowecker mit, plünderte den Kühlschrank und suchte mir ein bisschen Geld zusammen, was sie in ihrem Schrank versteckt hatte. Außerdem genoss ich eine warme Dusche. Wenn ich schon mal da war, konnte man das auch ausnutzen. Dann fiel mir ein, dass ich nur ein Handtuch eingepackt hatte, als ich so überstürzt verschwunden war. Also steckte ich noch ein paar weitere ein und ließ den Föhn auch noch in meiner Tasche verschwinden.
Für ein paar Wochen ging es uns richtig gut. Lothar hatte sogar genug Geld zusammengespart, damit wir uns einen Wasserkocher kaufen konnten. Ab da konnte ich mich vor der Schule mit warmem Wasser waschen und brauchte die Haare nicht auszusparen. Allerdings brauchten wir ein bisschen mehr Geld. Ich konnte nicht die Männer in die Pflicht nehmen. Sie taten schon mehr als genug für mich. Ich musste ihnen ja auch mal was spendieren. Immerhin lebte ich ja nur auf ihre Kosten. Ich besorgte mir einen kleinen Job und verteilte donnerstags eine lokale Zeitung. Das brachte auch deutlich mehr Geld ein als mein früheres Taschengeld und den Nebenverdienst als Babysitterin für Karsten.
In den Sommerferien bereiteten wir uns auf den Besuch in der neuen Schule vor. Nils hatte neue Klamotten, einen vernünftigen Haarschnitt und war frisch rasiert. Seit wir genug warmes Wasser hatten, wuschen sich auch die Männer. Nur Wilfried verzichtete darauf, das Badezimmer zu benutzen. Er hatte eine andere Möglichkeit für sich gefunden. Hinter unserem Haus war versteckt zwischen einigen Bäumen ein Teich. Immerhin war es ja Hochsommer und er benutzte den kleinen Tümpel einfach als seine Badewanne. Das Aufnahmegespräch mit dem Schulleiter der neuen Schule lief problemlos und nach den Sommerferien war ich dann meine alte Schule los.
Durch meine Arbeit und das Geld, was ich dafür bekam, ging es uns richtig gut. Wir hatten es uns sogar richtig gemütlich eingerichtet. Ich fühlte mich richtig zu Hause. Die Männer um mich herum verhielten sich vorbildlich. Während der Ferien war ich auch viel mit Karsten unterwegs. Wir waren zusammen im Freibad und in der Eisdiele. Aus dem kleinen Bruder wurde langsam mein bester Freund, auch wenn er zehn Jahre jünger war als ich. Je älter er wurde, umso einfacher war es auch, uns zu treffen.
In der neuen Schule verzichtete ich darauf, irgendwas über mich preiszugeben. Es dauerte auch nicht lange, bis ich wieder Anschluss gefunden hatte. Doch nach weniger als einem Jahr ging es wieder von vorne los. Ich hatte keine Ahnung, wie es in der neuen Schule jemand in Erfahrung bringen konnte. Ich war in einem anderen Stadtviertel, niemand kannte mich in der Schule und aller Vorsicht zum Trotz begann meine Tortur wieder von Neuem. Meine neuen Mitschüler übernahmen sogar die alten Schimpfworte. Ich war wieder komplett niedergeschlagen, als ich aus der Schule kam. Wilfried sah es mir auf Anhieb an und statt etwas zu essen gab es ein intensives Gespräch. Erneut war ich wieder alleine. Über Umwege kam ich dem Geheimnis auf die Spur. Eine meine Mitschülerinnen verbrachte ihre freie Zeit außerhalb von Bochum auf einem Reiterhof, auf der zufällig auch eine meiner ehemaligen Freundinnen reiten lernte. Diese beiden kamen untereinander auch ins Gespräch und stellten fest, dass ich von der einen Schule auf die andere gewechselt bin. Wenigstens blieb das andere Geheimnis im Dunkeln. Meine Erzeugerin kam nicht einmal auf die Idee nach mir zu suchen. Ihr war es auch völlig egal, wo ich jetzt lebte und was ich aus meinem Leben machte. Sie war glücklich, mich los zu sein, und verschenkte ihr Leben an den Alkohol. Das Letzte, was ich von ihr erfahren habe, war, dass sie sturzbetrunken bei der Arbeit erschien und daraufhin gekündigt wurde. Dann lag sie nur noch auf ihrem Sofa und hat getrunken. Gesehen habe ich sie dann nicht mehr.
Meine Männer gaben mir so viel Rückhalt, um das letzte Schuljahr noch zu überstehen. Trotzdem kamen in mir selbst immer wieder Zweifel auf, warum ich mir das überhaupt noch antun sollte. Was hatte ich denn davon? Egal wohin ich auch in Bochum wechseln würde käme es über kurz oder lang wieder zu einem verdammten Zufall und das ganze begann gerade wieder. Trotz aller Widrigkeiten machte ich meinen Abschluss und suchte mir eine Lehrstelle. Vorsichtshalber aber in einem ganz anderen Stadtviertel, weit weg von dort wo ich aufwuchs. Da ich gut mit Zahlen umgehen konnte, entschied ich mich zu einer Ausbildung als Bankkauffrau.
Der Weg zu meiner Arbeitsstelle war extrem lang und ich brauchte dafür dringend eine annehmbare Lösung. Lothar brachte mich auf die Idee ein oder zwei Monate den weiten Weg, in Kauf zu nehmen und mir in dem neuen Stadtviertel eine günstige Wohngelegenheit zu suchen. Es fiel mir schwer, die Jungs alleine zu lassen. Sie waren wie eine Ersatzfamilie für mich geworden und ich hatte ihnen viel zu verdanken. Aber sie erklärten mir, dass es nicht um sie ging, sondern um mich und mein Leben. Sie kämen auch ganz gut ohne mich und die finanzielle Unterstützung zurecht. Ich ließ mir von ihnen versprechen, dass sie mich hin und wieder besuchen würden. Es war ein schwerer Schritt in die Unabhängigkeit und die Einsamkeit. Zum ersten Mal in meinem Leben wohnte ich ganz alleine in einer kleinen Wohnung mit nur einem Zimmer. Das Geld meiner Ausbildung reichte gerade so, um mich über Wasser zu halten. Um ein bisschen mehr Geld zu haben und mir auch mal etwas leisten zu können fing ich an für einen Prüfungsnachweis nach § 34a der Gewerbeordnung zu lernen. Damit war es mir dann möglich, trotz meiner geringen Größe am Wochenende im Sicherheitsdienst zu arbeiten. Also lernte ich tagsüber in der Bank meinen Job und am Wochenende arbeitete ich dann abends bis in die Nacht hinein im Sicherheitsdienst einer Diskothek.
Luxus war ich sowieso nicht gewohnt und brauchte es auch nicht. Ich schlief auf einer dünnen Schaumstoffmatratze auf dem Boden und benutzte Umzugskartons als Tisch. Teller hatte ich keine, aber ich besorgte mir für kleines Geld aus einem Kaufhaus Pappteller und benutzte sie gleich mehrmals, bevor ich sie dann wegwarf. Der kleine Herd in meiner neuen Wohnung hatte auch mehrere Zicken. Teilweise reagierten die Platten nicht oder ich stand im Dunkeln, weil die Sicherung durchbrannte, als ich ihn einschaltete. Zumindest hatte ich ein funktionierendes Badezimmer und eine Heizung. Man lernt, die kleinen Dinge zu schätzen, wenn man lange Zeit in einer alten und kalten Wohnung leben musste. Im Winter benutzte ich bei meinen Männern teilweise vier oder fünf Decken, um nicht zu erfrieren, wenn es draußen richtig frostig kalt war. In meiner ersten Winternacht in der Wohnung handelte ich aus Gewohnheit wieder so. Es dauerte keine zwei Stunden, bis ich schweißnass wieder aufwachte. Es war einfach viel zu warm.
Wenigstens bekam ich öfter Besuch. Wilfried, Nils und Lothar besuchten mich, so oft sie konnten, und blieben in den kalten Monaten auch mal gerne über Nacht. Jedes Jahr an meinem Geburtstag standen pünktlich alle mit kleinen liebevollen Geschenken vor der Tür. Ich ließ es mir nicht nehmen für die ganze Meute zu kochen. Auch Karsten, der angefangen hatte zu boxen, war öfter bei mir als zu Hause. Aus dem kleinen Jungen, der noch an meinen Beinen hing, wurde langsam ein richtiger Mann. Er wuchs zu einer imposanten Erscheinung heran. Ich bin irgendwann kurz über Zwergengröße einfach nicht mehr weiter gewachsen. Trotz seines jungen Alters von 12 Jahren überragte er mich schon um einen halben Kopf. Zu meinem 23. Geburtstag schenkte er mir auch noch eine Flasche Pflanzendünger. Auf der Karte stand liebevoll, ich solle damit duschen, dann würden aus den 156 cm vielleicht noch ein bisschen mehr.
Die Ausbildung in der Bank war allerdings auch nicht wirklich erbaulich. Die jungen Frauen an der Kasse waren auch nur geringfügig älter als ich und in den Pausenzeiten oder vor der Öffnung blieb immer noch viel Zeit über Privates zu reden. Außerdem haben mehrere junge Frauen auf einem Haufen immer die Angewohnheit extrem viel zu tratschen. Ich erfuhr mehr über das, was sie im Bett mit ihren Kerlen anstellten, als mir lieb war und fast jeden zweiten Tag hörte ich die Frage, ob ich mir auch einen angelacht hatte. Natürlich hatte ich nie einen Freund an meiner Seite. Was sollte ich auch mit einem. Ich empfand sie als abstoßend und es wäre mir im Traum nicht eingefallen mit einem etwas anzufangen. Brüste zogen mich magisch an, vor allem wenn die Dame, die sie vor sich hertrug, auch optisch eine Augenweide war. Aber ich war überaus vorsichtig, damit keine meiner Kolleginnen mitbekam, dass mich nur das eigene Geschlecht anzog.
Kurz vor Karstens 14. Geburtstag wurde auch er schwer verletzt. Er hatte sich in eine jüngere Mitschülerin verliebt und an einem Septembermorgen in der Schule ihr das auch gesagt. Eigentlich erwartete man ja nur zwei mögliche Reaktionen. Entweder wurde man abgewiesen oder das Mädchen empfand auch etwas Zuneigung. Er erlebte aber eine dritte Option, mit der niemand gerechnet hatte. Während der Sommerferien waren die beiden fast unzertrennlich gewesen. Ständig trieben sie sich zusammen in der Stadt herum, waren Schwimmen und kletterten auf die Kirschbäume, die es damals noch gab. Einen ganzen Monat lang war es fast unmöglich ihn alleine anzutreffen. Als er ihr aber seine Liebe gestand, brachte ihm das eine heftige Ohrfeige ein. Dann hat sie ihn einfach stehen lassen und ist fluchend verschwunden. Der Korb war also mehr als deutlich, aber sie hatte noch etwas viel Gemeineres für ihn auf Lager. Sie beachtete ihn nicht mehr. Selbst als er noch einmal versuchte, mit ihr zu reden, behandelte sie ihn wie Luft. Meine Erfahrungen auf dem Gebiet der Liebe waren mit nicht vorhanden noch sehr wohlwollend umschrieben. Allerdings war es nicht ungewöhnliches in jungen Jahren und es hieß, man solle einfach einige Wochen warten und dann wäre das Thema erledigt, weil die nächste schon auf einen jungen Mann wartete. In seinem Fall allerdings half auch eine Wartezeit von sechs Monaten nicht. Ich versuchte, ihn zu trösten, aber das war vergeblich. Sie war weg und er konnte nicht aufhören sie zu lieben. Daran zerbrach er immer weiter. Von dem einstigen so fröhlichen Jungen blieb nur noch ein weinendes Häufchen zurück.
Aber auch bei mir lief es nicht mehr rund. Das Getuschel der Kolleginnen in der Bank wurde immer lauter. Es war viel zu ungewöhnlich, für eine Frau mit 24 Jahren noch nie mit einem Mann an der Hand gesehen worden zu sein. Die Vermutungen nahmen immer mehr zu. Auch meine Dementis änderten daran nichts mehr. Aber was hätte ich auch machen sollen? Mir irgendeinen zu suchen, der in mir weder etwas auslöste noch das ich ihn, als angenehm empfand und ihm etwas vorspielen? Mit Gefühlen spielt man nicht, den besten Beweis sah ich dafür in meiner Wohnung mit Karsten. Er war schon lange nicht mehr das, was er vor diesem Mädchen war. Aber je länger ich darauf hoffte, das Ganze würde sich mit genügend Zeit im Sand verlaufen, wurde es immer schlimmer. In den freien Minuten war das schon längst zum beliebtesten Thema avanciert. Jeden Tag hörte ich eine neue Geschichte, die durch die Bank wanderte.
Karsten brauchte dringend Abstand zu seinem gewohnten Umfeld. Seine Mutter, die mich noch immer als den Antichristen ansah, konnte nicht einmal etwas dagegen tun. Er packte ein paar Sachen zusammen und zog vorübergehend zu mir. Trotzdem wurde er nicht mehr der Alte. Karsten hatte seinen Lebensmut völlig verloren. So weit es mir möglich war, versuchte ich ihn etwas abzulenken, aber es war verdammt schwer ihn auf andere Gedanken zu bringen. Es war einfach nichts mehr da, auf das ich hätte aufbauen können. Auch meine Jungs halfen mit, ihn wieder ein bisschen in die Spur zu bekommen. Sie waren in diesen Dingen einfach viel erfahrener als ich. Viel gebracht hat es aber nicht.
Mit der Zeit wurde es bei mir auf der Arbeit zu einer richtigen Hexenjagd. Diese dauernden Verdächtigungen und Aussagen meiner Kolleginnen kratzten zunehmend an meiner Lust, dort zu arbeiten. Es wurde höchste Zeit für eine andere Strategie. Hilfreich war in dieser Zeit ausgerechnet Karsten, der mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hatte. Er animierte mich einfach die Flucht nach vorne anzutreten. Also keine Dementis mehr, sondern einfach nur noch Zustimmung. Egal, was sie auch vermuteten. Mehr als schiefgehen konnte es ja nicht. Danach gab ich ihnen einfach recht. Was sie auch sagten, bestätigte ich einfach nur noch. Auf einmal war ich nicht nur lesbisch, arbeitete am Wochenende auf dem Strich, hatte ein eigenes Bordell und nahm mehr Drogen zu mir als eine komplette Rockband. Bluffen war ja nicht mein Problem. Durch meine Krankheit konnte ja niemand an meinem Gesicht ablesen, ob ich auch wirklich die Wahrheit sagte.
Dann begann ich aber damit einfach mein eigenes Ding durchzuziehen. Ich arbeitete nicht mehr nur durchgehend, sondern nahm mir auch Zeit auszugehen. Karsten half mir sogar dabei. Er hatte sich wieder einigermaßen gefangen und gab mir ein bisschen Hilfestellung. Er war gerade 16 geworden, sah mittlerweile aus wie Mike Tyson, wobei nur die Hautfarbe nicht ganz passte, und war relativ wortkarg. Die interessanteste Veränderung an ihm aber war seine wirklich beeindruckende Beobachtungsgabe. Zusammen mit seinem hervorragend funktionierenden Kopf eine richtig gefährliche Kombination. Logik war einfach unbestechlich und er war darin zu einem Meister mutiert. Durch seine Beobachtungen und die Logik seines Kopfes erkannte er die Geschichte hinter einem Menschen.
