Das Leben der Catharina R. - Catharina Rehberg - E-Book

Das Leben der Catharina R. E-Book

Catharina Rehberg

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Beschreibung

Die junge Catharina Rehberg war schon immer anders. Sie leidet an einer unheilbaren Krankheit und wächst behütet bei ihrer Mutter in Bochum auf. Ihren Vater kennt sie nicht. Während der Pubertät merkt, das Mädchen, dass sie völlig anders ist als ihre Freundinnen in der Schule. Sie ist homosexuell und verliebt sich in ihre beste Freundin. Ausgerechnet an ihrem Geburtstag kommt es zu einem Kuss mit unangenehmen Folgen für sie. Fortan wird Catharina von ihren Mitschülern, Lehrern und sogar ihrer eigenen Mutter als krank bezeichnet. Niemand will mehr etwas mit der lesbischen jungen Frau zu tun haben. Sie verlässt ihr Elternhaus aufgrund der ständigen Anfeindungen. Nur einer steht zu ihr. Der zehn Jahre jüngere Karsten hilft ihr über den nahenden Suizid hinweg. Catharina ist gezwungen, ein neues Leben zu beginnen. Weit ab von ihrem gewohnten Umfeld beginnt sie ein neues Leben, fest entschlossen ihre eigene Sexualität zu verleugnen. Wird sich dort für sie alles zum guten wenden? Dieses Buch beschreibt Catharinas Erlebnisse und Erfahrungen von Anfang der 70er Jahre bis heute.

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Seitenzahl: 472

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Das Leben der Catharina R.

Mein Weg ins Lebensglück

Biografie

Catharina Rehberg

Copyright © 2022

Alle Rechte bei Catharina Rehberg

Union Road 42

Sint Maarten, Netherland Antilles

E-Mail: [email protected]

9783985106684

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Danksagung

Vorwort

Das vor­lie­gen­de Buch ent­spricht den Tat­sa­chen, wie sie sich wirk­lich ab­ge­spielt ha­ben. Die Pro­tago­nis­tin Ca­tha­ri­na Reh­berg stellt da­bei mich selbst dar und er­zählt aus ih­rer Per­spek­ti­ve die Ge­schich­te mei­nes Le­bens. Im Buch selbst wer­den sie im­mer wie­der den Be­griff ei­ner Krank­heit an­tref­fen, un­ter der ich wirk­lich lei­de. Da­mit sie be­reits vor­her et­was ge­nau­er in­for­miert sind, um was es sich da­bei han­delt, möch­te ich sie hier so weit be­schrei­ben:

Ich lei­de un­ter ei­ner Form der Ale­xi­thy­mie, ei­ne sel­te­ne Krank­heit, die man um­gangs­sprach­lich auch als Ge­fühls­blind­heit be­schreibt. Die­se Men­schen re­gis­trie­ren zwar be­stimm­te Vor­gän­ge in ih­rem In­ne­ren, kön­nen sie aber nicht be­schrei­ben oder er­klä­ren. Bei mir ist das ein biss­chen an­ders, fällt aber in die glei­che Ka­te­go­rie. Ich kann mei­ne Ge­füh­le bis zu ei­nem ge­wis­sen Punkt füh­len und auch be­schrei­ben, al­ler­dings nicht nach au­ßen hin zei­gen. Das be­deu­tet, ich füh­le zum Bei­spiel Freu­de, wenn man einen Scherz macht oder man mir einen Witz er­zählt, be­gin­ne al­ler­dings nicht zu la­chen. Auch wenn man mich mit ei­ner Waf­fe be­droht, wie es auch schon vor­kam, wie sie spä­ter le­sen wer­den, füh­le ich zwar Angst, mein Kör­per al­ler­dings zeigt kei­ne Re­ak­ti­on. Er rea­giert we­der mit ei­nem be­schleu­nig­ten Herz­schlag und er­höh­ter Schweiß­pro­duk­ti­on oder zeigt auf mei­nem Ge­sicht Sor­gen. Mei­ne Mi­mik, Ges­tik, die Spra­che und Be­we­gun­gen sind im­mer gleich.

Um das et­was ge­nau­er zu be­schrei­ben, nen­ne ich ih­nen ein Bei­spiel. Wir ken­nen al­le die Si­tua­ti­on von ei­nem Vor­ge­setz­ten, sei­en es Leh­rer, Chefs oder auch nur ein ein­fa­cher Ar­bei­ter in einen Streit ver­wi­ckelt zu wer­den. Die Stim­mung wird ge­reiz­ter, man schreit sich an und es fal­len ei­ni­ge Wör­ter, die man bes­ser nicht öf­fent­lich laut von sich gibt. In mei­nem Fall wür­de das un­ge­fähr so aus­se­hen, dass mir ge­gen­über bei­spiels­wei­se mein Chef steht, hat vor Auf­re­gung ein tiefro­tes Ge­sicht und die Adern tre­ten sicht­bar her­vor. Er kann schrei­en, to­ben und sie nach al­len Re­geln der Kunst zu­sam­men­fal­ten. Ich al­ler­dings be­sit­ze die­se Fä­hig­keit nicht. Mei­ne Ant­wor­ten könn­te man viel­leicht, mit der ei­nes Ro­bo­ters ver­glei­chen, der völ­lig emo­ti­ons­los die Zeit an­sagt oder einen Text vor­liest. Auch im größ­ten Tru­bel blei­be ich im­mer ru­hig und ge­las­sen. In mei­nem in­ne­ren tobt ein Sturm aus tau­sen­den Ge­füh­len, Emp­fin­dun­gen und Erin­ne­run­gen, aber es ist un­mög­lich für mich et­was da­von nach drau­ßen zu trans­por­tie­ren. Im Lau­fe der Jah­re ha­be ich vor dem Spie­gel ei­ni­ge Ge­fühls­re­gun­gen trai­niert. Es ge­lingt mir bei­spiels­wei­se seit ei­ni­gen Jah­ren ein freund­li­ches Lä­cheln auf­zu­set­zen oder auch die Au­gen zu­sam­men­zu­knei­fen um Wut und an­de­re Ge­füh­le we­nigs­tens ein biss­chen zei­gen zu kön­nen.

Das macht es schwer für mei­ne Mit­menschen zu er­ken­nen, was ich füh­le. Die Emp­fin­dun­gen ha­be ich al­ler­dings trotz­dem. Vi­el­leicht kön­nen sie sich ein biss­chen in mei­ne La­ge ver­set­zen. Be­son­ders die ers­ten Jah­re war es sehr schwer für mich. Durch mei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät wur­de ich an­ge­fein­det und muss­te jah­re­lang un­ter mei­nen Mit­schü­lern, spä­ter Ar­beits­kol­le­gen und Men­schen aus mei­nem nä­he­ren Um­feld lei­den. Das al­les ent­wi­ckel­te sich bis zu ei­nem Punkt, an dem ich we­der le­ben konn­te, noch über­haupt woll­te. In mei­nen jun­gen Jah­ren und den noch fol­gen­den in Deutsch­land war es bei­na­he ein Ver­bre­chen sich als Ho­mo­se­xu­ell zu ou­ten. Es war ei­ne re­gel­rech­te He­xen­jagd. We­der Frau­en noch Män­ner durf­ten sich auch nur auf je­man­den des glei­chen Ge­schlechts ein­las­sen. Be­son­ders ein Ve­rein stand da­bei an der Spit­ze und mach­te al­len von uns das Le­ben schwer, ob­wohl sie in ih­rer Ge­schich­te noch weit schlim­me­res zu ver­ant­wor­ten hat­ten und ha­ben. Die ka­tho­li­sche Kir­che, bzw. auch das Ge­gen­stück die evan­ge­li­sche Kir­che brand­mark­ten uns als krank. Es gab zum Bei­spiel auch tau­sen­de Ver­su­che uns be­trof­fe­ne zu hei­len! Ho­mo­se­xu­el­len Män­nern zum Bei­spiel zeig­te man Bil­der von Un­be­klei­de­ten des glei­chen Ge­schlechts, und so­bald sich An­zei­chen ei­ner Erek­ti­on zeig­ten, trak­tier­te man ih­re Ge­ni­ta­li­en mit Strom­stö­ßen. Man woll­te sie da­mit kon­di­tio­nie­ren. Auch heu­te gibt es zum Teil noch sehr große Vor­be­hal­te ge­gen Ho­mo­se­xua­li­tät z. B. in der Ka­tho­li­schen Kir­che, in evan­ge­li­ka­len Ge­mein­den, in mus­li­mi­schen Verei­nen und or­tho­do­xen jü­di­schen Ge­mein­den.

Zu mei­nem Glück hat­te ich einen gu­ten Freund an mei­ner Sei­te, der mich auf­ge­fan­gen hat und mir einen Weg aus dem Loch ge­eb­net in dem ich steck­te. Im Buch heißt er Kars­ten und er steckt bis heu­te noch weit mehr in Pro­ble­men als ich mir das über­haupt vor­stel­len mag. Sei­ne Ge­schich­te wird im Buch auch ein we­nig an­ge­schnit­ten, al­ler­dings muss ich sie doch ein biss­chen bes­ser aus­füh­ren. (M. Wenn du das liest, sei bit­te nicht noch bö­ser auf mich, aber es ge­hört ein­fach da­zu)

Kars­ten hat sich im zar­ten Al­ter von fast 14 Jah­ren in ei­ne Mit­schü­le­rin ver­liebt, die ihn, nach­dem er ihr sei­ne Lie­be ge­stan­den hat­te, mit ei­ner Back­pfei­fe und Flü­chen auf dem Schul­hof ste­hen ließ. Nach die­sem Tag be­ach­te­te sie ihn auch nicht mehr. Er al­ler­dings konn­te die­se jun­ge Da­me 30 Jah­re lang we­der ver­ges­sen, noch auf­hö­ren zu lie­ben. Er hat­te kei­nen Kon­takt zu ihr, konn­te nicht mit ihr ver­nünf­tig re­den und muss­te mit an­se­hen wie sie ihr Le­ben ver­brach­te. Das war für Kars­ten ei­ne ein­zi­ge Fol­ter und er hat mehr­fach ver­sucht sich das Le­ben zu neh­men. Da die­se Ver­su­che er­folg­los blie­ben, er­griff er ver­schie­de­ne Be­ru­fe, im­mer mit der Ab­sicht dar­an zu ster­ben. Un­ter an­de­rem ar­bei­te­te er als Bo­dy­guard, weil er hoff­te we­nigs­tens er­schos­sen zu wer­den. Die Lis­te an Ärz­ten, die er des­we­gen auf­such­te, wür­den ein ei­ge­nes Buch fül­len. Erst im Jahr 2019 wur­de es lang­sam bes­ser und er konn­te die jun­ge Da­me ver­ges­sen, aber sein Schick­sal hat­te ei­ne wei­te­re Über­ra­schung pa­rat. Er ver­lieb­te sich in ei­ne an­de­re Frau, der er auf drän­gen, sei­ne Ge­füh­le auch ge­stan­den hat. (Un­ter an­de­ren hat­te auch ich mei­ne Fin­ger im Spiel) lei­der war die­se Frau be­reits in ei­ner Be­zie­hung und hat im wei­te­ren Ver­lauf da­für ge­sorgt das er ne­ben sei­nem Job auch jeg­li­chen Kon­takt zu ihr un­ter­las­sen muss­te. Er ist dar­an furcht­bar zer­bro­chen und saß auf­grund ei­nes er­neu­ten Sui­zid­ver­suchs lan­ge Zeit in der Psych­ia­trie. Seit­dem ist aus dem quir­li­gen Jun­gen von da­mals ein psy­chi­sches Wrack ent­stan­den, dass kei­ner­lei Le­bens­mut oder Wil­le mehr auf­bringt.

Kapitel 1

Da stand ich nun al­so in mei­nem neu­en Le­ben. Die­se klei­ne In­sel soll­te al­so mei­ne neue Hei­mat sein. Ir­gend­wie hat­te ich sie mir deut­lich an­ders vor­ge­stellt. Was ich sah, war ei­gent­lich nicht groß an­ders als in mei­ner al­ten Hei­mat, dem Ruhr­pott. Gut, das Wet­ter war deut­lich bes­ser hier. Es war An­fang No­vem­ber, und als ich in Deutsch­land ge­st­ar­tet bin, zeig­te das Ther­mo­me­ter fros­ti­ge 8 Grad un­ter null. In Bo­chum, wo ich ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen war, lag noch Schnee. Hier stand ich nun vor dem Flug­ha­fen und vor mei­nen Au­gen dreh­te sich al­les. Als ich aus dem ver­glas­ten Flug­ha­fen­ge­bäu­de in die Frei­heit trat, um­fing mich so­fort ei­ne un­glaub­li­che Hit­ze.

Drin­nen war die Tem­pe­ra­tur noch an­ge­nehm und auch mein Kreis­lauf mach­te nicht die kleins­ten Pro­ble­me. Die Tür nach drau­ßen war für mich wie der Schritt in ein neu­es Le­ben und so­fort zeig­ten sich die ers­ten Ver­än­de­run­gen. Mir wur­de schwarz vor Au­gen und ich stand plötz­lich nicht mehr ganz so si­cher auf mei­nen kur­z­en Bei­nen. War mein Ni­ko­tin­spie­gel da­für ver­ant­wort­lich? In mei­ner Hand­ta­sche such­te ich nach ei­ner Zi­ga­ret­te und mei­nem Feu­er­zeug. Das hat­te man mir zum Glück bei der Si­cher­heits­kon­trol­le be­vor ich in das Flug­zeug ge­klet­tert war ge­las­sen. Schon der ers­te Zug lös­te einen lan­gen nicht mehr er­leb­ten Hus­ten­reiz aus. An­statt das es mir bes­ser ging, wur­de es noch deut­lich schlech­ter. Ne­ben mir stand vor ei­nem Blu­menkü­bel ei­ne Holz­bank. Ich muss­te mich drin­gend set­zen, be­vor ich gleich an mei­nem ers­ten Tag hier um­kipp­te. Die Holz­stre­ben der Bank wa­ren von der Son­nen­ein­strah­lung deut­lich zu warm. Das mel­de­ten auch mei­ne Hin­ter­ba­cken durch die Jeans, die ich für den Flug an­ge­zo­gen hat­te.

Auf­ste­hen klapp­te trotz­dem nicht mehr. Mir war schwin­de­lig und konn­te mich auf ab­so­lut nichts kon­zen­trie­ren. Mein großer Kof­fer ne­ben mir stand noch in der pral­len Son­ne. Ich brauch­te ein paar Mi­nu­ten, bis ich wie­der halb­wegs nor­mal aus den Au­gen se­hen konn­te. Erst dann er­schloss sich mir, wo ich ei­gent­lich ge­lan­det war. In Deutsch­land, die Hei­mat, die ich hin­ter mir las­sen woll­te, war es schon Win­ter und eis­kalt. Hier saß ich in mei­nen lan­gen Jeans und dem di­cken Pull­over auf ei­ner Holz­bank vor dem Flug­ha­fen. Es sah nicht wirk­lich groß­ar­tig an­ders aus als noch in Bo­chum. Nur die we­hen­den grü­nen Pal­men und die far­bi­gen Blu­men pass­ten über­haupt nicht ins Bild. Ich muss­te den Pull­over aus­zie­hen, denn der Schweiß lief mir schon in strö­men übers Ge­sicht.

Das ist al­so die Ka­ri­bik. Mei­ne neue Hei­mat. Fühl­te sich noch nicht da­nach an. Aber wie kommt ei­ne jun­ge Frau, mit ih­ren ge­ra­de mal 26 Jah­ren da­zu sich ein neu­es Le­ben auf ei­ner klei­nen In­sel in der Ka­ri­bik auf­zu­bau­en. Die Ant­wort lag in mei­ner Ver­gan­gen­heit be­grün­det. Als ich am 10. März 1967 das Licht der Welt er­blick­te, hat­te ich ei­ne schö­ne Kind­heit vor mir. Mei­ne Mut­ter war schon lan­ge vor mei­ner Ge­burt von mei­nem Va­ter al­lei­ne ge­las­sen wor­den. Er brach­te sein Geld mit Pro­sti­tu­ier­ten und Al­ko­hol durch. Ich ha­be ihn nie ken­nen­ge­lernt, aber durch die Er­zäh­lun­gen mei­ner Mut­ter konn­te ich mir dann doch ein ganz gu­tes Bild ma­chen. Mit ihr ver­brach­te ich die ers­ten paar Le­bens­jah­re in ei­ner klei­nen Woh­nung in Bo­chum.

Wäh­rend ich noch nicht mit­be­kam, was um mich her­um pas­sier­te, war auch al­les in Ord­nung. Mei­ne ers­te Erin­ne­rung setzt ein, als ich zar­te drei Jah­re alt war. Ich spiel­te im Sand­kas­ten mit Plas­tik­förm­chen, wäh­rend mei­ne Mut­ter sich mit den an­de­ren Müt­tern in der Son­ne sit­zend un­ter­hielt. Mor­gens wur­de ich dann zu Oma und Opa ge­bracht und mei­ne Mut­ter ging zur Ar­beit in ein großes Kauf­haus. Da­nach schob man mich in den Kin­der­gar­ten ab, wo ich dann bis zum Nach­mit­tag blei­ben muss­te. Mir ge­fiel das nicht wirk­lich. Ich durf­te zwar spie­len, wie ich woll­te, aber da wa­ren viel zu vie­le an­de­re Kin­der, mit de­nen ich nicht un­be­dingt et­was zu tun ha­ben woll­te. Die wa­ren mir viel zu laut und schri­en den gan­zen Tag nur her­um.

Zu Hau­se durf­te ich bei mei­ner Mut­ter in der Kü­che mit Teig mat­schen oder das frisch duf­ten­de Es­sen um­rüh­ren. Sie set­ze mich da­zu ne­ben den Herd auf die Ar­beits­plat­te, drück­te mir einen lan­gen Holz­stiel in die klei­ne Hand und ich durf­te dann rüh­ren. Das mach­te mir sehr viel Freu­de. Im Hin­ter­grund du­del­te ein Ra­dio und mei­ne Mut­ti schnitt Ge­mü­se, Fleisch oder sons­ti­ges Zeug, wäh­rend sie mir ver­such­te, den Text der Lie­der durch Mit­sin­gen bei­zu­brin­gen. Sin­gen konn­te ich aber nicht. Aber mein Le­ben war ei­gent­lich schön.

Mit zu­neh­men­dem Al­ter kam dann der Zeit­punkt, an dem ich ei­ne große aus Pap­pe zu­sam­men­ge­kleb­te Tü­te in die Hand ge­drückt be­kam und mit den an­de­ren Kids, die ich be­reits aus dem Kin­der­gar­ten kann­te, vor ein großes Ge­bäu­de ge­stellt wur­de. Man nann­te es Ein­schu­lung und in der Tü­te wa­ren je­de Men­ge Sü­ßig­kei­ten. Aber das große Ge­bäu­de soll­te ich nicht sehr lan­ge in gu­ter Erin­ne­rung be­hal­ten, da konn­ten auch die gan­zen sü­ßen Sa­chen in der Tü­te nichts dar­an än­dern. Ich muss­te mich mit an­de­ren Mut­tis her­um­schla­gen, die mir Buch­sta­ben und wei­te­ren Un­sinn zeig­ten. Wenn es we­nigs­tens beim Zei­gen ge­blie­ben wä­re, aber ich soll­te sie auch noch sel­ber auf Pa­pier ma­len. Die­ser gan­ze Un­sinn dau­er­te gan­ze vier Jah­re und ich durf­te kaum noch das ma­chen, was mir Spaß be­rei­te­te.

Al­ler­dings fiel an­de­ren Leu­ten in die­ser Zeit noch et­was an­de­res an mir auf. Die­ses klei­ne Mäd­chen mit den schwar­zen Haa­ren und den brau­nen Au­gen war ganz an­ders. Wäh­rend an­de­re Kin­der schri­en und kreisch­ten, mit hoch­ro­tem Kopf auf Mö­bel und Ein­rich­tun­gen ein­schlu­gen, saß ich im­mer wie völ­lig un­be­tei­ligt da­ne­ben. Auch hat­te man sie nie wei­nen se­hen. Ir­gend­was stimm­te mit dem Mäd­chen nicht. Als mei­ne Mut­ter dar­auf an­ge­spro­chen wur­de, konn­te sie sich auch nicht dar­an er­in­nern, mich wei­nend oder schrei­end ge­se­hen zu ha­ben. Es kam ein­fach nie vor.

Mut­ti schleif­te mich als Nächs­tes zu mei­nem Kin­der­arzt. Der stell­te mich ein­mal auf den Kopf, um da­nach fest­zu­stel­len, dass mir nicht das Ge­rings­te fehl­te. Kör­per­lich war ich kern­ge­sund. Aber wenn man ge­ra­de da war, spricht ja nichts da­ge­gen das Kind gleich noch ge­gen ir­gend­was zu imp­fen. Al­so Sprit­ze in die Hand, und dann rein da­mit in den Obe­r­arm. Erst da­bei fiel auch dem Arzt auf, dass mit dem Mäd­chen auf der großen Lie­ge et­was nicht in Ord­nung war. Je­des Kind rea­giert zwar an­ders auf Sprit­zen und Na­deln in der Haut, aber ei­nes ha­ben sie al­le ge­mein­sam, sie be­gin­nen zu wei­nen. Nur das klei­ne Mäd­chen zeig­te sich völ­lig un­be­ein­druckt und ließ al­les oh­ne einen Ton über sich er­ge­hen. Al­so gleich noch ein­mal. Nächs­te Sprit­ze ab in die Arm­beu­ge und ein biss­chen Blut aus den Adern ge­holt. Aber auch hier zeig­te ich kei­ne er­kenn­ba­re Re­ak­ti­on.

Vie­le Ärz­te spä­ter stand dann die Dia­gno­se fest. Die klei­ne Ca­tha­ri­na litt un­ter ei­ner be­son­de­ren Krank­heit, die man in Fach­krei­sen Ale­xi­thy­mie nennt. Um­gangs­sprach­lich nann­te man das auch Ge­fühls­käl­te. Im al­ten Grie­chen­land be­zeich­ne­te man es auch als Ata­ra­xie, ein Zu­stand, in dem es ei­nem völ­lig gleich­gül­tig war, was um einen her­um pas­sier­te. Ca­tha­ri­na konn­te man nicht auf­re­gen, egal was man auch an­stell­te. Das war für die jun­ge Mut­ter und die Gro­ß­el­tern ein großer Schock. Das nächs­te Pro­blem soll­te aber noch um ei­ni­ges hef­ti­ger aus­fal­len. Ich brach­te die ers­ten vier Jah­re auf der Grund­schu­le zu En­de und wech­sel­te dann auf ei­ne Ge­samt­schu­le, um noch mehr zu ler­nen.

Ir­gend­wann be­gan­nen mich mei­ne Mit­schü­ler zu är­gern, merk­ten aber ziem­lich schnell, dass es un­sin­nig war, so et­was zu ver­su­chen. Das mach­te nur Spaß, wenn sich das Mäd­chen auf­reg­te oder ei­ne Re­ak­ti­on dar­auf zeig­te. Ich zeig­te aber kei­ne der all­ge­mein üb­li­chen Wir­kun­gen dar­auf, son­dern blieb völ­lig ru­hig und ent­spannt. Auch konn­te man an mei­nem Ge­sicht nichts ab­le­sen, was auf Ge­füh­le hin­deu­te­te. Das brach­te al­so kei­nen Spaß für die an­de­ren und man ließ mich in Ru­he. Trotz­dem schaff­te ich es ir­gend­wann, Freund­schaf­ten zu schlie­ßen. Die Schu­le war mir ei­gent­lich egal aber es mach­te mir Freu­de mich mit mei­nen Freun­din­nen zu un­ter­hal­ten.

Mei­ne Gro­ß­el­tern star­ben dann auch ir­gend­wann kurz nach­ein­an­der und Mut­ti hat­te ei­ne Men­ge zu tun. Sie muss­te sich um die Be­er­di­gun­gen küm­mern und ich hör­te sie sehr oft et­was tun, was mir nie pas­sie­ren wür­de. Abends im Bett heul­te sie die Kis­sen voll. Ich fühl­te zwar auch Trau­er um mei­ne lie­be Omi und den lus­ti­gen Opa, konn­te es aber nicht zei­gen. Mei­ne Mut­ter mach­te das fast wahn­wit­zig. Wäh­rend sie je­den Tag am Wei­nen war, zeig­te ich nicht ein biss­chen Mit­ge­fühl. In­ner­lich zwar schon, aber an mei­ner Mie­ne konn­te man das nicht ab­le­sen. Al­les war wie im­mer für mich. Al­ler­dings be­gann Mut­ti mit et­was an­de­rem. Sie be­täub­te ih­ren Schmerz im­mer öf­ter in Al­ko­hol. Nach der Ar­beit be­gann sie Bier zu trin­ken und erst am spä­ten Abend hör­te sie wie­der da­mit auf. Sie war zu die­ser Zeit sehr lau­nisch und auch nicht mehr wirk­lich gut auf mich zu spre­chen. Ich war zwar noch ih­re Toch­ter, aber sie zeig­te mir ei­gent­lich nur noch die kal­te Schul­ter, schrie mich an wie ein Ir­re oder igno­rier­te mich ein­fach.

Die Wir­kung auf mich be­ein­fluss­te das ei­gent­lich kaum. Tief in mei­nem In­ne­ren war es mir zwar nicht völ­lig egal wie sie mich be­han­del­te, aber nach au­ßen hin konn­te ich es ein­fach nicht zei­gen. Als ich dann äl­ter wur­de und sich lang­sam die Ver­wand­lung vom Mäd­chen zur Frau ein­setz­te, fin­gen ganz an­de­re Pro­ble­me an. Ich wuss­te ein­fach nicht, was mit mir los war. Mei­ne Freun­din­nen in der Schu­le be­gan­nen sich lang­sam ih­rem Al­ter ent­spre­chend für die Jungs zu in­ter­es­sie­ren. Sie ver­such­ten, mir zu ent­lo­cken, wel­cher Mit­schü­ler mir ge­fiel. Ich konn­te es aber nicht be­nen­nen. Da pas­sier­te ein­fach nichts. Die Mit­schü­ler wa­ren mir völ­lig egal. Es war kei­ner da­bei der mich in­ter­es­sier­te oder den ich ir­gend­wie toll fand.

Mei­ne Freun­din­nen gin­gen die ers­ten Be­zie­hun­gen ein, mach­ten ih­re ers­ten zar­ten Er­fah­run­gen mit dem an­de­ren Ge­schlecht und ich stand wie ein Stein da­ne­ben. Die Jungs auf der Schu­le hiel­ten auch einen ge­wis­sen Ab­stand zu mir. Es war ein­fach für sie nicht zu er­ken­nen, ob ich ir­gen­det­was für sie emp­fand. Ei­ni­ge ver­such­ten zwar, bei mir zu lan­den, und mach­ten sich da­für auch re­gel­mä­ßig zum Af­fen, aber sie blitz­ten al­le ab. Ei­ne Freun­din von mir hat­te ei­ne be­son­de­re Schwä­che für je­den Ein­zel­nen. So­lan­ge er einen ge­ra­den Satz her­aus­brach­te, war sie von ihm be­geis­tert. Da­bei war es ihr auch völ­lig un­wich­tig, wie er aus­sah oder wie er sich be­nahm. Wenn da Te­stos­te­ron durch die Blut­bahn floss, war er für sie ge­nau rich­tig. Mit mir pas­sier­te al­ler­dings et­was völ­lig an­de­res. Ich be­gann mei­ne we­ni­gen Freun­din­nen auf ein­mal mit an­de­ren Au­gen zu be­trach­ten.

Das, was sie in den Jungs sa­hen, ent­deck­te ich im Stil­len bei ih­nen. Ich ge­noss es re­gel­recht, wenn wir uns zur Be­grü­ßung in den Arm nah­men. Das war für mich im ge­hei­men das Schöns­te am gan­zen Tag. Sie be­merk­ten das na­tür­lich nicht, denn mein Ge­sichts­aus­druck war im­mer der glei­che. Ei­ne da­von ge­fiel mir be­son­ders. Sie hat­te sehr hüb­sche leicht grü­ne Au­gen und ein wun­der­vol­les Lä­cheln. Em­ma hieß sie und war erst seit Kur­zem in Bo­chum. Ih­re El­tern wa­ren von Dort­mund nach Bo­chum um­ge­zo­gen, weil ihr Va­ter ei­ne bes­ser be­zahl­te Ar­beit ge­fun­den hat­te. Ihr schi­en es auch nichts aus­zu­ma­chen, das ich ganz an­ders war. Wäh­rend sich die an­de­ren Freun­din­nen ih­ren ge­lieb­ten Jungs wid­me­ten, blie­ben wir bei­den meist al­lei­ne zu­rück.

Im Lau­fe der Zeit wur­de Em­ma mei­ne bes­te Freun­din. Wir spra­chen über al­les Mög­li­che, was die Mäd­chen und jun­gen Frau­en da­mals in­ter­essant fan­den. Mu­sik, Mo­de, in ih­rem Fall auch ein oder zwei Jungs, al­ler­dings war sie viel zu schüch­tern um sie an­zu­spre­chen. Es ver­ging kaum ein Tag, an dem wir nicht wie zwei Glu­cken auf­ein­an­der sa­ßen. Die Jungs fand ich nicht an­zie­hend, da­für aber Em­ma. Mit der Zeit ent­wi­ckel­te ich sehr in­ten­si­ve Ge­füh­le für mei­ne Freun­din. Im­mer öf­ter er­tapp­te ich mich selbst da­bei, da­von zu träu­men, sie ein­fach zu küs­sen. Das, was die Mäd­chen von ih­ren Freun­den er­zähl­ten und wie sie sich da­bei fühl­ten, traf in er­schre­cken­der Wei­se auf mich mit Em­ma zu. Das war al­les völ­lig neu für mich und ich konn­te es nicht zu­ord­nen. Was stimm­te mit mir denn nicht?

Wäh­rend die an­de­ren aus mei­ner Cli­que mit ih­ren Freun­den er­leb­ten, woll­te ich mit Em­ma er­le­ben. Ich hat­te das drin­gen­de Be­dürf­nis, sie zu be­rüh­ren, zu um­ar­men oder zu küs­sen. Die gan­zen Jungs er­zeug­ten die­ses Ge­fühl­scha­os nicht in mir. Sie wa­ren mir zu­se­hends to­tal egal. Mei­ne Zeit ver­brach­te ich am liebs­ten mit Em­ma. Nach der Schu­le tra­fen wir uns bei ihr oder in der Stadt, hör­ten Mu­sik oder kauf­ten uns die Ju­gend­zeit­schrif­ten, die man in dem Al­ter eben so liest. Schlau­er wur­de ich da­durch aber nicht. Al­le Ar­ti­kel in je­der Zeit­schrift han­del­ten von Frau­en und Män­nern. Nir­gend­wo wur­de mir er­klärt, ob es die­se Ge­füh­le auch zwi­schen zwei Frau­en oder Män­nern gab. War das ein­fach nicht vor­ge­se­hen oder so­gar ver­bo­ten? Ich ver­such­te mit mei­nen, da­mals noch be­grenz­ten Mit­teln ir­gen­det­was, in die­ser Rich­tung zu fin­den, aber auch die Biblio­thek konn­te mir mei­ne Fra­gen nicht be­ant­wor­ten.

Kurz vor mei­nem vier­zehn­ten Ge­burts­tag wuss­te ich so ziem­lich al­les über mensch­li­che Fort­pflan­zung, aber nichts über mei­ne Ge­füh­le zu Em­ma. Ihr fiel das aber, auf­grund mei­ner Krank­heit, auch nicht auf, was ich für sie emp­fand. Ich durf­te al­so wei­ter träu­men, sie wie zu­fäl­lig be­rüh­ren und in den Arm neh­men. Um mir mehr Geld zu ver­die­nen, weil mein Ta­schen­geld sehr be­grenzt war, durf­te ich an Wo­che­n­en­den auf den vier­jäh­ri­gen Sohn un­se­rer Nach­barn auf­pas­sen. Der klei­ne Kars­ten war ein quir­li­ger Bur­sche. Wenn sei­ne El­tern un­ter­wegs wa­ren und ich auf ihn auf­pas­sen durf­te, um mir ein paar Mark da­zu­zu­ver­die­nen war ein rich­ti­ger Son­nen­schein. Er freu­te sich je­des Mal, wenn er mich an der Tür sah. Er wuss­te, dass sei­ne El­tern lan­ge weg wa­ren, und freu­te sich auch dar­auf, viel län­ger, als ge­wöhn­lich, wach blei­ben zu dür­fen.

Sei­ne El­tern durf­ten da­von na­tür­lich nichts er­fah­ren, aber Kars­ten war cle­ver und ver­lor kei­nen Ton da­von. Wir mach­ten vie­le Ge­sell­schaftss­pie­le, ver­such­ten uns an ei­ni­gen Puzz­les, de­ren Tei­le mit mehr Er­fah­rung auch klei­ner wur­den und spiel­ten Kar­ten. Dann mach­ten wir es uns auf der Couch ge­müt­lich und sa­hen fern. Ir­gend­wann konn­te er ein­fach nicht mehr die Au­gen of­fen hal­ten und schlief ein. Dann hab ich ihn ganz vor­sich­tig in sein Bett ge­tra­gen und zu­ge­deckt. Sei­ne Mut­ter war im­mer glück­lich, wenn ich auf ihn ach­te­te. Ihr raub­te er den letz­ten Nerv mit sei­ner stän­di­gen Fra­ge­rei und sei­nem Rum­ge­ren­ne in der Woh­nung. Mir mach­te das nicht das Ge­rings­te aus. Auf­re­gung war für mich ein Fremd­wort, das schaff­te auch der Kur­ze nicht. Mir mach­te das so­gar Spaß, auf ihn auf­zu­pas­sen und die paar Mark, die ich da­für be­kam, wa­ren mir auch sehr recht.

Am 10. März, mei­nem vier­zehn­ten Ge­burts­tag tra­fen mei­ne Freun­din­nen bei mir zu Hau­se ein. Mei­ne Mut­ti hat­te an die­sem Tag gnä­di­ger­wei­se so­gar auf Al­ko­hol ver­zich­tet, um nicht als schlech­te Mut­ter da­zu­ste­hen und so­gar einen Ku­chen für mich ge­ba­cken. Em­ma, die so­wie­so fast je­de freie Mi­nu­te mit mir ver­brach­te, war die Ers­te, die bei mir in der Tür stand. Sie schenk­te mir einen selbst ge­bas­tel­ten Ka­len­der und ei­ne Mu­sik­kas­set­te, die sie ex­tra für mich ge­kauft hat­te. Da wir al­lei­ne wa­ren und ich mich da­für be­dan­ken woll­te, drück­te ich sie an mich und gab ihr so­gar einen klei­nen Kuss auf die Wan­ge. Sie schrieb die­se große Ge­fühls­re­gung mei­nem Ge­burts­tag zu und dach­te sich nichts wei­ter da­bei. Für mich al­ler­dings war es et­was völ­lig an­de­res. Em­ma war für mich mehr, als nur ei­ne Freun­din, wie sie je­des Mäd­chen in dem Al­ter hat. Auch die an­de­ren Gäs­te tra­fen nach und nach ein. Wir hat­ten viel Spaß und fei­er­ten aus­ge­las­sen mei­nen Ge­burts­tag.

Der Tag soll­te aber für mich noch et­was ganz Be­son­de­res wer­den. Da ich wuss­te, dass Em­ma die Letz­te sein wür­de, weil sie den kür­zes­ten Weg nach Hau­se hat­te, woll­te ich sie end­lich küs­sen. Nach und nach gin­gen die an­de­ren, bis Em­ma und ich wie­der al­lei­ne wa­ren. Wir sa­ßen in mei­nem Zim­mer auf dem Bett, hör­ten ein biss­chen Mu­sik von der neu­en Kas­set­te und blät­ter­ten in ei­ner Zeit­schrift. Ich spür­te sie ganz eng ne­ben mir und be­kam lang­sam den Mut, den ich brauch­te. Nach ei­ni­gen Mi­nu­ten schenk­te sie mir einen wirk­lich auf­re­gen­den Blick aus ih­ren grü­nen Au­gen. Oh­ne noch wei­ter zu zö­gern, zog ich sie nä­her zu mir und küss­te ih­re Lip­pen. Al­ler­dings hielt das Glücks­ge­fühl in mei­nem In­nern nicht be­son­ders lan­ge an. Sie wich zu­rück, mach­te ein er­schro­cke­nes Ge­sicht und rann­te dann zur Tür hin­aus. Das ers­te Mal in mei­nem Le­ben hat­te ich ihr ge­gen­über mei­ne Ge­füh­le ge­zeigt und sie ließ mich al­lei­ne.

Da­mit be­gann aber ein ganz an­de­res Dra­ma, von dem ich noch kei­ne Ah­nung hat­te, wie sehr es mich ver­let­zen wür­de. Am nächs­ten Tag, vor der Schu­le war­te­te ich wie im­mer auf mei­ne bes­te Freun­din Em­ma. Ich er­kann­te sie schon von Wei­tem, aber sie lief, oh­ne mich ei­nes Blickes zu wür­di­gen, an mir vor­bei ins Schul­ge­bäu­de. Was am Tag zu­vor noch mei­ne bes­te Freun­din war, ließ mich jetzt ein­fach ste­hen. Ich lief ihr hin­ter­her und rief mehr­fach ih­ren Na­men. Sie be­ach­te­te mich nicht mehr. So­gar in der Klas­se, in der wir di­rekt ne­ben­ein­an­der­sa­ßen, be­ach­te­te sie mich nicht mehr. Der schlimms­te Schlag folg­te aber erst noch. Als un­se­re Leh­re­rin her­ein­kam, mel­de­te sich Em­ma als Ers­tes und bat dar­um, sich um­set­zen zu dür­fen. Mir tat das furcht­bar weh, konn­te es aber na­tür­lich nicht zei­gen. Der Tag soll­te aber noch viel schlim­mer wer­den, als ich mir das hät­te aus­ma­len kön­nen.

In der großen Pau­se stand ich al­lei­ne mit mei­ner Milch und dem Bröt­chen auf dem Schul­hof. Mei­ne gan­ze Cli­que, mei­ne Freun­din­nen tu­schel­ten mit Em­ma und hiel­ten sich von mir fern. Ich war den gan­zen Tag al­lei­ne und mei­ne Freun­din­nen zer­ris­sen sich hin­ter mei­nem Rücken den Mund über mich. Schlim­mer konn­te es ei­gent­lich nicht mehr wer­den, dach­te ich bei mir. Aber be­reits am nächs­ten Tag wur­de ich ei­nes Bes­se­ren be­lehrt.

Kapitel 2

Am 12. März er­leb­te ich mei­nen bis da­hin schlimms­ten Tag mei­nes noch jun­gen Le­bens. Vor Un­ter­richts­be­ginn hol­te mich mei­ne Klas­sen­leh­re­rin von mei­nem Stuhl und brach­te mich ins Leh­rer­zim­mer. Der Ge­stank nach Kaf­fee und kal­tem Rauch war ab­ar­tig. In dem Raum hät­te auch ein Af­fen­kä­fig aus dem Zoo nichts an der Luft än­dern kön­nen. Vor mir sa­ßen ins­ge­samt vier Leh­rer und der Di­rek­tor mei­ner Schu­le. Wie ei­ne Straf­ge­fan­ge­ne wur­de ich ver­hört, wie ich es hat­te wa­gen kön­nen ei­ne Mit­schü­le­rin zu küs­sen. Man be­schimpf­te mich als krank und ab­nor­mal. Die­se fünf Er­wach­se­nen vor mir re­de­ten fast ei­ne Stun­de wie auf ei­ne Schwer­ver­bre­che­rin auf mich ein. Durch mei­ne Krank­heit zeig­te sich na­tür­lich kei­ne Re­ak­ti­on auf mei­nem Ge­sicht, was ih­nen als Grund aus­reich­te, ein­fach wei­ter ver­bal auf mich ein­zu­schla­gen.

Je­de an­de­re wä­re wie ein wei­nen­des Häuf­chen in der Ecke ge­le­gen und hät­te dar­um ge­be­tet end­lich in Ru­he ge­las­sen zu wer­den. Da sich auf mei­nem Ge­sicht ab­so­lut nicht die ge­rings­te Re­gung zeig­te, von Reue oder ei­nem schlech­ten Ge­wis­sen ganz zu schwei­gen, ent­schied man sich da­zu, mei­ne Mut­ter an­zu­ru­fen und einen Ter­min für die klei­ne Ca­tha­ri­na beim Schul­psy­cho­lo­gen aus­zu­ma­chen. Mei­ne Mut­ti fiel na­tür­lich aus al­len Wol­ken als man sie be­reits mor­gens im Kauf­haus ans Te­le­fon be­stell­te und ihr na­he leg­te ih­re Toch­ter zum Psy­cho­lo­gen zu schi­cken.

An Un­ter­richt im klas­si­schen Sin­ne war an die­sem denk­wür­di­gen Tag nicht mehr zu den­ken. Wer aber glaubt, dass Er­wach­se­ne die Schlimms­ten sind und ver­bal auf jun­ge Frau­en ein­schlu­gen, hat noch nie die Gleich­alt­ri­gen ken­nen­ge­lernt. So­gar wäh­rend des lau­fen­den Un­ter­richts at­ta­ckier­ten mich mei­ne Mit­schü­ler. Ganz vor­ne mit da­bei mei­ne bes­te Freun­din Em­ma. Man glaubt gar nicht, wie schnell sich so et­was in der gan­zen Schu­le ver­brei­ten kann. Es dau­er­te ge­fühlt nur ei­ni­ge Se­kun­den, bis auch der letz­te Schü­ler auf dem Schul­hof über den kom­plet­ten Ablauf in­for­miert war. Selbst die nor­ma­len Mob­bin­gop­fer, die es an je­der Schu­le gab, hat­ten an die­sem Tag ei­ne Aus­zeit und wur­den in die Ge­mein­schaft auf­ge­nom­men. Ich war nur noch die kran­ke, völ­lig ver­rück­te klei­ne Sch­lam­pe, die mit Vor­lie­be Mäd­chen küsst. Zu mei­nem be­son­de­ren Glück stell­te sich auch noch die ein­zi­ge Lehr­kraft auf dem Schul­hof, die als so­ge­nann­te Pau­sen­auf­sicht, Strei­te­rei­en und An­fein­dun­gen von Schü­lern un­ter­ein­an­der un­ter­bin­den soll­te, auf die Sei­te mei­ner größ­ten Geg­ner.

So­gar die letz­ten Af­fen ka­men aus ih­ren Lö­chern ge­kro­chen und be­lei­dig­ten mich auf das Übels­te. Da­mals dach­te ich noch, es wür­de viel­leicht ein oder zwei Ta­ge dau­ern, bis sie sich wie­der be­ru­hi­gen wür­den und mich in Ru­he lie­ßen, aber auch nach ei­ni­gen Wo­chen än­der­te sich nichts dar­an. Ich war bis zu mei­nem Ab­schluss das be­vor­zug­te Op­fer al­ler At­ta­cken. Das be­zog sich aber nicht nur auf die Schu­le, denn im Pri­va­ten ging es di­rekt wei­ter. Dass man mich nur noch als die Kran­ke be­zeich­ne­te, setz­te sich die rest­li­che Schul­zeit fort. Ich durf­te je­de Wo­che an zwei Ta­gen nach der Schu­le zu ei­nem Psy­cho­lo­gen wan­dern, der mich hei­len woll­te. Ab­nor­mal war noch die harm­lo­ses­te Be­zeich­nung, die ich zu hö­ren be­kam.

Mei­ne Mut­ter zu Hau­se stand mei­nen Pei­ni­gern in nichts nach. Es­sen durf­te ich al­lei­ne. Mei­ne bis da­hin lie­be­vol­le Mut­ter wei­ger­te sich be­harr­lich, ih­ren Tisch mit ei­ner Ir­ren zu tei­len. Es dau­er­te auch nicht mehr be­son­ders lan­ge, bis ich mir mein Es­sen selbst ma­chen muss­te. Das fand sei­ne Fort­set­zung dar­in, dass ich mei­ne Wä­sche und al­les an­de­re al­lei­ne ma­chen durf­te. Ich war für mei­ne Er­zeu­ge­rin nur noch ein Klotz am Bein und sie ließ mich das auch je­den Tag spü­ren. Mein Ta­schen­geld be­kam ich ein­mal im Mo­nat in ei­nem Brief­um­schlag, den sie mir wie ei­ne schlech­te An­ge­wohn­heit auf dem Kü­chen­tisch lie­gen ließ.

Auch mei­ne sons­ti­ge Ein­nah­me­quel­le, die Ba­by­sit­ter­aben­de bei Kars­ten im Nach­bar­haus fie­len weg. Sei­ne Mut­ter woll­te ih­ren Sohn nicht ei­ner kran­ken Les­be über­las­sen. Der Klei­ne selbst hat­te aber an mir schon einen Nar­ren ge­fres­sen. Er be­schwer­te sich laut­stark über je­de an­de­re, die man ihm vor die Na­se setz­te. Ihm war es als Ein­zi­gem egal, ob man mich als krank be­zeich­ne­te. Der klei­ne Kars­ten, die­ser Gold­schatz, zeig­te al­len an­de­ren, dass ich nur ei­ne ein­fa­che jun­ge Frau war, die nichts Bö­ses ge­tan hat­te. Er war zu der Zeit noch im Kin­der­gar­ten ei­ni­ge Stra­ßen wei­ter und kann­te mei­ne Zei­ten wann ich, wo an­zu­tref­fen war. Im­mer wie­der dreh­te er es so, dass er ge­nau dann auf dem Spiel­platz sei­ner Mut­ter ent­wisch­te, wenn ich auf dem Weg nach Hau­se war. Dann rann­te er, so schnell er konn­te auf mich zu und drück­te mich an sich. Das wa­ren die ein­zi­gen schö­nen Mo­men­te, die ich noch hat­te.

Die­ses gan­ze Elend er­trug ich klag­los über ein Jahr. Mei­nen 15. Ge­burts­tag fei­er­te ich völ­lig al­lei­ne in mei­nem Zim­mer auf dem Bett. Von mei­nem Ta­schen­geld hat­te ich mir ein Stück Ku­chen ge­leis­tet, ei­ne Ker­ze an­ge­zün­det und den gan­zen Nach­mit­tag ein biss­chen Mu­sik lau­fen. Mei­ne Er­zeu­ge­rin, die be­trun­ken auf dem So­fa vor der viel zu lau­ten Flim­mer­kis­te lag, hielt es nicht für nö­tig einen Ton zu mir zu sa­gen. Ih­re ein­zi­ge Toch­ter hat­te Ge­burts­tag und ihr war es voll­kom­men egal. Sie ließ auch kei­ne Ge­le­gen­heit aus, mir im­mer wie­der Be­lei­di­gun­gen an den Kopf zu wer­fen. Selbst an mei­nem Ehren­tag be­zeich­ne­te sie mich noch als mensch­li­chen Ab­fall, den sie bes­ser ab­ge­trie­ben hät­te.

Als ich dann al­lei­ne in mei­nem Zim­mer saß und mei­nen Ku­chen an­starr­te, der mir nicht schme­cken woll­te, traf ich einen Ent­schluss. Ich war jetzt 15 Jah­re alt, mach­te mei­ne Haus­ar­beit al­lei­ne und muss­te mich, so gut es ging selbst ver­sor­gen. Was soll­te mich al­so noch hier hal­ten? Eben, es gab nichts mehr, was mich noch an die­sem Ort fest­hielt. Mei­ne Er­zeu­ge­rin lag so­wie­so nur noch im Al­ko­hol­rausch auf dem So­fa her­um und über­ließ mich mir selbst. Wie­so soll­te ich mir das ei­gent­lich noch län­ger an­tun. Sie gab mir ja so­wie­so nur noch zu ver­ste­hen, dass ich un­er­wünscht war. Ich öff­ne­te mei­nen Schrank und be­gann ei­ne klei­ne In­ven­tur. Die Klei­dung, die ich hat­te, pack­te ich in ei­ne Ta­sche und mei­ne per­sön­li­chen Wert­ge­gen­stän­de und klei­ne Erin­ne­run­gen, die ich be­hal­ten woll­te, lan­de­ten in ei­ner Tü­te. Bei­des leg­te ich ne­ben mei­ne Schul­ta­sche und leg­te mich dann schla­fen.

Am nächs­ten Mor­gen ging ich wie je­den Tag zur Schu­le, ließ mich wie­der be­lei­di­gen und an­fein­den, bis mei­ne Stun­den ab­ge­lau­fen wa­ren. Dann schrieb ich einen Zet­tel für den klei­nen Kars­ten und mach­te mich auf den Weg. Ich wuss­te, dass er an die­sem Tag auf mich am Spiel­platz war­te­te. Wie im­mer rann­te er fröh­lich auf mich zu und schloss mich in die Ar­me. Ich sah dem Jun­gen tief in die Au­gen und steck­te ihm mei­ne Nach­richt zu. Er ver­stand erst nicht, was das soll­te, aber ich er­klär­te ihm, dass auf die­sem Zet­tel mei­ne neue Adres­se stand. Kars­ten mach­te große Au­gen und hat­te Angst mich nicht wie­der se­hen zu kön­nen. Er war aber der Ein­zi­ge, den ich nicht al­lei­ne las­sen wür­de. Kars­ten ver­sprach mir, nie­man­dem zu er­zäh­len, wo ich war, und ich ver­sprach ihm im­mer wie­der an der Schu­le auf ihn zu war­ten. Dort hat­ten wir viel mehr Zeit und er brauch­te nicht sei­ner Mut­ter zu ent­wi­schen.

Als ich wie­der in die Woh­nung kam, stank es wie im­mer nach Bier und bil­li­gem Fu­sel, den mei­ne Er­zeu­ge­rin in rau­en Men­gen in sich hin­ein­schüt­te­te. Die Be­grü­ßung ließ nicht lan­ge auf sich war­ten. Der mensch­li­che Ab­fall, al­so ich, soll­te ver­schwin­den. Sie wuss­te gar nicht, wie schnell sich die­ser Wunsch er­fül­len soll­te. Ich ging nur kurz in mein Zim­mer, nahm mei­ne Ta­sche und die Tü­te und blick­te noch ein letz­tes Mal an die Wand mei­nes Kin­der­zim­mers. Dann ver­ließ ich die Woh­nung und mach­te mich auf zu mei­ner neu­en Adres­se. Das war ein al­tes Ab­bruch­haus, das schon seit ich noch Win­deln trug, et­was ab­ge­le­gen stand. Ir­gend­wann hat­ten wir das mal er­kun­det und es soll­te mei­ne neue Blei­be wer­den.

Be­tre­ten konn­te man es nur über ein Loch in der Au­ßen­mau­er. Die Fens­ter wa­ren mit Far­be be­schmiert und im un­te­ren Stock­werk roch es muf­fig und deut­lich nach Urin. Im obe­ren Stock­werk gab es ei­ni­ge Zim­mer, in de­nen Ob­dach­lo­se haus­ten. Die Räu­me, die leer stan­den, hat­te ich mir schon ein­mal an­ge­se­hen. Mei­ne Wahl fiel auf ein klei­nes Zim­mer an der west­li­chen Ecke mit ei­nem Aus­blick auf den ver­wil­der­ten Gar­ten hin­ter dem Haus. Dort be­gann ich mich häus­lich ein­zu­rich­ten. Ein Ob­dach­lo­ser sah mir da­bei in­ter­es­siert zu und frag­te mich, was ich denn hier woll­te. Ich er­klär­te ihm, dass ich ab so­fort in die­sem Zim­mer woh­nen wür­de. Lo­thar, so nann­te er sich, woll­te mir erst nicht recht glau­ben, aber als er sah, dass ich mir ei­ne De­cke als Nacht­la­ger aus­brei­te­te und mei­ne Schul­sa­chen in die Ecke stell­te, war er über­zeugt.

Wir un­ter­hiel­ten uns noch ei­ni­ge Stun­den. Er war sehr nett zu mir und spar­te nicht mit gu­ten Ratschlä­gen. Angst wä­re hier nicht be­son­ders hilf­reich. Ich er­klär­te ihm aus­führ­lich, dass ich un­emp­find­lich für Angst war. Mei­ne Krank­heit Ale­xi­thy­mie ver­hin­der­te ein Ang­st­emp­fin­den. Aber es gab auch Er­freu­li­ches zu hö­ren. Ein an­de­rer Ob­dach­lo­ser, der Har­ry hieß, und noch bis vor ei­ni­gen Mo­na­ten hier ge­lebt hat­te, war ein ehe­ma­li­ger Elek­tri­ker und sorg­te in ei­ner Nacht und Ne­be­lak­ti­on da­für, die­ses Haus wie­der mit Ener­gie zu ver­sor­gen. Heißt in mei­ner neu­en Woh­nung gab es so­gar ein biss­chen Strom für Licht und einen ge­mein­schaft­li­chen Herd, den sie vom Sperr­müll be­sorg­ten. Nur Was­ser war ein klei­ne­res Pro­blem. Das muss­te über Ka­nis­ter von ei­nem Brun­nen in der Stadt be­sorgt wer­den. Je län­ger ich mit Lo­thar re­de­te, um­so woh­ler fühl­te ich mich in mei­ner neu­en Blei­be.

Die ers­te Nacht war noch et­was un­be­quem und kühl. Schlaf be­kam ich nicht ge­ra­de viel. Drau­ßen war es be­reits kurz vor Mit­tag, als ich mich aus mei­ner De­cke schäl­te und in den Gar­ten sah. Es war An­fang März und die Son­ne war noch nicht stark ge­nug für ein biss­chen Wär­me zu sor­gen. Lo­thar war be­reits wie­der wach und rauch­te einen scheuß­lich rie­chen­den Zi­ga­ril­lo. Ich bat ihn, auf mei­ne Sa­chen auf­zu­pas­sen, wäh­rend ich weg war. Er be­ru­hig­te mich mit der Aus­sa­ge, dass hier nichts weg­kom­men wür­de, trotz­dem nahm ich die Tü­te mit mei­nen Wert­sa­chen vor­sichts­hal­ber mit. Ich hat­te ei­ne drin­gen­de Verab­re­dung mit dem klei­nen Kars­ten und woll­te ihn nicht ent­täu­schen. Gera­de noch recht­zei­tig er­reich­te ich die Grund­schu­le, be­vor der Un­ter­richt zu En­de war. Als er mich vor dem Schul­hof war­ten sah, blitz­ten sei­ne blau­en Au­gen. Sei­ne Ta­sche mit den Schul­sa­chen ließ er ein­fach fal­len und rann­te zu mir.

Auf der Stein­trep­pe re­de­ten wir län­ger mit­ein­an­der. Er woll­te wis­sen, was ich vor­hat­te und warum ich jetzt wo­an­ders woh­nen wür­de. Ich ver­such­te, es ihm so gut wie mög­lich zu er­klä­ren. Für ihn war ich im­mer noch die große Ca­tha­ri­na und er konn­te nicht ver­ste­hen, warum mich al­le für krank hiel­ten. Das Pro­blem war, dass ich es ihm selbst nicht rich­tig er­klä­ren konn­te. Ich er­zähl­te ihm, dass ich mei­ne Freun­din Em­ma ge­küsst hat­te, und dar­auf die Höl­le über mich her­ein­brach. Für Kars­ten war das ganz nor­mal. Mit sei­nem kind­li­chen Ge­müt er­klär­te er mir, das es doch ganz nor­mal sei, je­man­den zu küs­sen, wenn man ihn mag. Wel­ches Ge­schlecht spiel­te doch da­bei über­haupt kei­ne Rol­le. Er küss­te mich ja auch, weil er mich moch­te. Er konn­te noch nicht be­grei­fen, was jetzt so schlimm an ei­nem Kuss war. Ich be­glei­te­te ihn noch fast bis nach Hau­se. Dann mach­te ich mich wie­der auf den Weg zu mei­ner neu­en Be­hau­sung.

Dort war­te­te be­reits Lo­thar mit ei­ni­gen Freun­den auf mich. Sie al­le woll­ten die neue jun­ge Be­woh­ne­rin ken­nen­ler­nen. Sie wa­ren al­le über­aus nett zu mir. Wil­fried, ein an­de­rer Be­woh­ner des Hau­ses, ver­such­te zu er­fah­ren, was mich in die­se Ge­gend ver­schla­gen hat­te. Ich ver­such­te, ihm nur ein biss­chen mei­ner Si­tua­ti­on zu er­klä­ren, aber das ge­nüg­te ihm nicht. Ihm war nur auf­ge­fal­len, dass ich ganz an­ders war als die an­de­ren jun­gen Frau­en, die sich sonst mal hier­her ver­irr­ten. Es hat­te kei­nen Zweck ih­nen et­was vorzu­ma­chen. Sie wa­ren schon viel zu alt und er­fah­ren ge­nug um mich aus der Re­ser­ve zu lo­cken. Al­so be­gann ich zu be­rich­ten, was es mit mei­ner Flucht auf sich hat­te und wie sich al­les so weit ent­wi­ckel­te, bis ich schließ­lich hier in der Run­de der al­ten Män­ner lan­de­te. Lo­thar be­gann laut zu la­chen und die paar Zahn­stum­mel in sei­nem Mund wa­ckel­ten schon be­denk­lich. Je­der Ein­zel­ne von ih­nen konn­te mich nur zu gut ver­ste­hen. Nils, ein et­was jün­ge­rer Be­woh­ner, ver­drück­te ein paar Trä­nen. Er be­gann mich dar­über auf­zu­klä­ren, dass er, eben­so wie ich die fast glei­che Tor­tur über­ste­hen muss­te. Sein Pro­blem war aber sei­ne Spra­che. Man ver­höhn­te ihn Zeit sei­nes Le­bens als Stot­te­rer. Es war ihm nicht mög­lich, lang­sa­mer zu spre­chen, was dann den Sprach­feh­ler bei ihm aus­lös­te. Drau­ßen wur­de es be­reits wie­der lang­sam hell. An­statt zu schla­fen, hat­ten wir uns in der Run­de an­ge­regt un­ter­hal­ten.

Aber die al­ten Män­ner ver­such­ten auch nicht, mir mei­nen Weg aus­zu­re­den. Sie un­ter­stüt­zen mich eher, mel­de­ten aber ei­ni­ge Be­den­ken an. Ich war noch jung und un­er­fah­ren. Abstrei­ten konn­te ich das schlecht als ju­gend­li­che mit 15 Jah­ren. Sie schlu­gen mir einen an­de­ren Weg vor. Ich soll­te erst ein­mal hier­blei­ben, aber trotz­dem ir­gend­wie mei­ne Schu­le zu En­de brin­gen. Das Le­ben auf der Stra­ße war, be­son­ders in den Win­ter­mo­na­ten nicht ge­ra­de an­ge­nehm und vie­le sind schon dar­an ge­stor­ben. Dar­über hat­te ich mir in mei­nem blö­den Kopf na­tür­lich kei­ne Ge­dan­ken ge­macht. Der Früh­ling hat­te ge­ra­de erst be­gon­nen und dann käme der Som­mer, aber spä­tes­tens im Ok­to­ber wür­de es wie­der emp­find­lich kalt wer­den. Zu­min­dest nachts war es im Spät­jahr nicht ge­ra­de an­ge­nehm. Aber ich hat­te ja mei­ne Schul­sa­chen bei mir, da­mit könn­te ich ja ler­nen, oh­ne in die Schu­le zu müs­sen. Ich woll­te es mög­lichst ver­mei­den, wie­der den gan­zen Tag be­lei­digt zu wer­den, nur weil mich mein ei­ge­nes Ge­schlecht an­zog und mich von ei­ni­gen Psy­cho­lo­gen da­von hei­len zu las­sen.

Wil­fried zeig­te mir dann einen an­de­ren Weg auf. Ich soll­te ein­fach nach den Som­mer­fe­ri­en ei­ne an­de­re Schu­le be­su­chen. Mei­ne neu­en Freun­de wür­den mir da­bei hel­fen. Nils, der un­ge­fähr so alt wie mei­ne Er­zeu­ge­rin war, wür­de sich als mein Va­ter aus­ge­ben und das Auf­nah­me­ge­spräch an der an­de­ren Schu­le be­strei­ten. Al­les, was wir da­für be­sor­gen muss­ten, wa­ren ein paar an­stän­di­ge Kla­mot­ten und ein biss­chen Geld. Dusch­mit­tel könn­te auch nicht scha­den und einen ver­nünf­ti­gen Haar­schnitt warf ich noch in die Run­de. Mei­ne neu­en Freun­de muss­ten la­chen. Es war nicht ein­fach, sei­ne Klei­dung in Ord­nung zu hal­ten und re­gel­mä­ßig zu du­schen, so­lan­ge es drau­ßen noch kalt war. Hät­te mir auch selbst ein­fal­len kön­nen. Lo­thar bot sich an, Nils die Haa­re zu schnei­den. Er konn­te da­mit um­ge­hen und brauch­te nur einen ver­nünf­ti­gen Kamm und eben ei­ne gu­te Sche­re. Die hat­te ich aber zum Glück schon bei mei­nen Schul­sa­chen.

Ich wür­de dann bis En­de der Wo­che nicht mehr in die Schu­le ge­hen, einen Ent­schul­di­gungs­zet­tel schrei­ben, weil ich er­krankt war und dann die­ses Schul­jahr noch über­ste­hen müs­sen. Nur auf die Milch und das Bröt­chen auf dem Pau­sen­hof muss­te ich ver­zich­ten. Ta­schen­geld be­kam ich ja nicht mehr, aber Lo­thar und die an­de­ren wür­den mich schon noch ir­gend­wie er­näh­ren kön­nen. Sie be­ka­men über das So­zi­al­amt einen ge­wis­sen Ta­ges­satz an Geld. Ko­chen war ja in un­se­rer Woh­nung ein­ge­schränkt mög­lich und Wil­fried konn­te auch da­mit ein biss­chen um­ge­hen. Nur muss­te ich das al­les noch Kars­ten bei­brin­gen. Ei­gent­lich woll­te ich ihn ja nach der Schu­le täg­lich be­su­chen und mich mit ihm un­ter­hal­ten. Im­mer­hin war er der Ein­zi­ge, der zu mir hielt und mich nicht ver­ur­teil­te. Das war ich ihm ein­fach schul­dig.

Kars­ten war mir nicht bö­se, wenn ich nicht je­den Tag vor der Schu­le auf ihn war­te­te. Sei­ne ein­zi­ge Fra­ge war, auf wel­che Schu­le ich dann ge­hen wür­de. Das hat­te ich aber noch nicht ent­schie­den und muss­te ihn ver­trös­ten. Ob­wohl er ge­ra­de mal in der ers­ten Klas­se der Grund­schu­le war, ver­stand er mich bes­ser als je­der an­de­re. Der Klei­ne war ein­fach groß­ar­tig. Für die­se ei­ne Wo­che, die ich mir frei­ge­nom­men hat­te, durf­te er sich aber täg­lich auf mei­ne Be­su­che freu­en. Kars­ten freu­te sich je­den Tag aufs Neue, wenn er mich da vor sei­ner Schu­le ste­hen sah. Er war zwar nur der Sohn mei­ner ehe­ma­li­gen Nach­ba­rin, aber in mei­nen Au­gen war er so was wie ein klei­ner Bru­der, der für al­les, was ich mach­te, Ver­ständ­nis auf­brach­te.

Die nächs­te Wo­che be­gann für mich wie­der der blan­ke Hor­ror. Ich ließ Nils ei­ne Ent­schul­di­gung für mein Feh­len schrei­ben und fälsch­te die Un­ter­schrift mei­ner Er­zeu­ge­rin. Mei­ne Leh­re­rin ak­zep­tier­te den Zet­tel nach ei­nem kur­z­en Blick und küm­mer­te sich dann um den Un­ter­richt. In der Zwi­schen­zeit hat­te ich mich in dem Ab­bruch­haus schon ein­ge­lebt. Nur das Wa­schen, mor­gens be­vor ich los­muss­te, war schreck­lich. Ich hat­te zwar das Ba­de­zim­mer für mich al­lei­ne, aber das Was­ser war eis­kalt. Der Früh­ling hat­te ent­schie­den, noch ein biss­chen län­ger auf sich war­ten zu las­sen. Nachts la­gen die Tem­pe­ra­tu­ren nur leicht über dem Ge­frier­punkt und das Was­ser, das in dem Ka­nis­ter im Ba­de­zim­mer stand, könn­te auch im Kühl­schrank ste­hen. Ich ver­zich­te­te aus gu­tem Grund dar­auf, die Haa­re täg­lich zu wa­schen. Auf dem Schul­weg hat­te ich je­des Mal da­nach das Ge­fühl, als wür­den sie mir ab­frie­ren. Al­ler­dings wa­ren mei­ne Män­ner furcht­bar lieb zu mir. Sie ver­such­ten wirk­lich al­les mir die Ta­ge so an­ge­nehm wie mög­lich zu ma­chen.

Wenn ich nach dem täg­li­chen Hor­ror­trip wie­der nach Hau­se kam, stand Wil­fried schon am Herd und hat­te et­was zu es­sen für mich fer­tig. Nils und die an­de­ren spar­ten von ih­rem täg­li­chen Geld vom So­zi­al­amt im­mer wie­der klei­ne­re Be­trä­ge, da­mit ich mir auf dem Schul­hof ei­ne Milch kau­fen und ein­mal in der Wo­che in ei­nem Wasch­sa­lon mei­ne Klei­der wa­schen konn­te. In der frei­en Wo­che war ich noch ein­mal in mei­nem frü­he­ren Um­feld, als mei­ne Er­zeu­ge­rin bei der Ar­beit war. Ich nahm mei­nen Ra­dio­we­cker mit, plün­der­te den Kühl­schrank und such­te mir ein biss­chen Geld zu­sam­men, was sie in ih­rem Schrank ver­steckt hat­te. Au­ßer­dem ge­noss ich ei­ne war­me Du­sche. Wenn ich schon mal da war, konn­te man das auch aus­nut­zen. Dann fiel mir ein, dass ich nur ein Hand­tuch ein­ge­packt hat­te, als ich so über­stürzt ver­schwun­den war. Al­so steck­te ich noch ein paar wei­te­re ein und ließ den Föhn auch noch in mei­ner Ta­sche ver­schwin­den.

Für ein paar Wo­chen ging es uns rich­tig gut. Lo­thar hat­te so­gar ge­nug Geld zu­sam­men­ge­spart, da­mit wir uns einen Was­ser­ko­cher kau­fen konn­ten. Ab da konn­te ich mich vor der Schu­le mit war­mem Was­ser wa­schen und brauch­te die Haa­re nicht aus­zu­spa­ren. Al­ler­dings brauch­ten wir ein biss­chen mehr Geld. Ich konn­te nicht die Män­ner in die Pf­licht neh­men. Sie ta­ten schon mehr als ge­nug für mich. Ich muss­te ih­nen ja auch mal was spen­die­ren. Im­mer­hin leb­te ich ja nur auf ih­re Kos­ten. Ich be­sorg­te mir einen klei­nen Job und ver­teil­te don­ners­tags ei­ne lo­ka­le Zei­tung. Das brach­te auch deut­lich mehr Geld ein als mein frü­he­res Ta­schen­geld und den Ne­ben­ver­dienst als Ba­by­sit­te­rin für Kars­ten.

In den Som­mer­fe­ri­en be­rei­te­ten wir uns auf den Be­such in der neu­en Schu­le vor. Nils hat­te neue Kla­mot­ten, einen ver­nünf­ti­gen Haar­schnitt und war frisch ra­siert. Seit wir ge­nug war­mes Was­ser hat­ten, wu­schen sich auch die Män­ner. Nur Wil­fried ver­zich­te­te dar­auf, das Ba­de­zim­mer zu be­nut­zen. Er hat­te ei­ne an­de­re Mög­lich­keit für sich ge­fun­den. Hin­ter un­se­rem Haus war ver­steckt zwi­schen ei­ni­gen Bäu­men ein Teich. Im­mer­hin war es ja Hoch­som­mer und er be­nutz­te den klei­nen Tüm­pel ein­fach als sei­ne Ba­de­wan­ne. Das Auf­nah­me­ge­spräch mit dem Schul­lei­ter der neu­en Schu­le lief pro­blem­los und nach den Som­mer­fe­ri­en war ich dann mei­ne al­te Schu­le los.

Kapitel 3

Durch mei­ne Ar­beit und das Geld, was ich da­für be­kam, ging es uns rich­tig gut. Wir hat­ten es uns so­gar rich­tig ge­müt­lich ein­ge­rich­tet. Ich fühl­te mich rich­tig zu Hau­se. Die Män­ner um mich her­um ver­hiel­ten sich vor­bild­lich. Wäh­rend der Fe­ri­en war ich auch viel mit Kars­ten un­ter­wegs. Wir wa­ren zu­sam­men im Frei­bad und in der Eis­die­le. Aus dem klei­nen Bru­der wur­de lang­sam mein bes­ter Freund, auch wenn er zehn Jah­re jün­ger war als ich. Je äl­ter er wur­de, um­so ein­fa­cher war es auch, uns zu tref­fen.

In der neu­en Schu­le ver­zich­te­te ich dar­auf, ir­gend­was über mich preis­zu­ge­ben. Es dau­er­te auch nicht lan­ge, bis ich wie­der An­schluss ge­fun­den hat­te. Doch nach we­ni­ger als ei­nem Jahr ging es wie­der von vor­ne los. Ich hat­te kei­ne Ah­nung, wie es in der neu­en Schu­le je­mand in Er­fah­rung brin­gen konn­te. Ich war in ei­nem an­de­ren Stadt­vier­tel, nie­mand kann­te mich in der Schu­le und al­ler Vor­sicht zum Trotz be­gann mei­ne Tor­tur wie­der von Neu­em. Mei­ne neu­en Mit­schü­ler über­nah­men so­gar die al­ten Schimpf­wor­te. Ich war wie­der kom­plett nie­der­ge­schla­gen, als ich aus der Schu­le kam. Wil­fried sah es mir auf An­hieb an und statt et­was zu es­sen gab es ein in­ten­si­ves Ge­spräch. Er­neut war ich wie­der al­lei­ne. Über Um­we­ge kam ich dem Ge­heim­nis auf die Spur. Ei­ne mei­ne Mit­schü­le­rin­nen ver­brach­te ih­re freie Zeit au­ßer­halb von Bo­chum auf ei­nem Rei­ter­hof, auf der zu­fäl­lig auch ei­ne mei­ner ehe­ma­li­gen Freun­din­nen rei­ten lern­te. Die­se bei­den ka­men un­ter­ein­an­der auch ins Ge­spräch und stell­ten fest, dass ich von der einen Schu­le auf die an­de­re ge­wech­selt bin. We­nigs­tens blieb das an­de­re Ge­heim­nis im Dun­keln. Mei­ne Er­zeu­ge­rin kam nicht ein­mal auf die Idee nach mir zu su­chen. Ihr war es auch völ­lig egal, wo ich jetzt leb­te und was ich aus mei­nem Le­ben mach­te. Sie war glück­lich, mich los zu sein, und ver­schenk­te ihr Le­ben an den Al­ko­hol. Das Letz­te, was ich von ihr er­fah­ren ha­be, war, dass sie sturz­be­trun­ken bei der Ar­beit er­schi­en und dar­auf­hin ge­kün­digt wur­de. Dann lag sie nur noch auf ih­rem So­fa und hat ge­trun­ken. Ge­se­hen ha­be ich sie dann nicht mehr.

Mei­ne Män­ner ga­ben mir so viel Rück­halt, um das letz­te Schul­jahr noch zu über­ste­hen. Trotz­dem ka­men in mir selbst im­mer wie­der Zwei­fel auf, warum ich mir das über­haupt noch an­tun soll­te. Was hat­te ich denn da­von? Egal wo­hin ich auch in Bo­chum wech­seln wür­de käme es über kurz oder lang wie­der zu ei­nem ver­damm­ten Zu­fall und das gan­ze be­gann ge­ra­de wie­der. Trotz al­ler Wi­d­rig­kei­ten mach­te ich mei­nen Ab­schluss und such­te mir ei­ne Lehr­stel­le. Vor­sichts­hal­ber aber in ei­nem ganz an­de­ren Stadt­vier­tel, weit weg von dort wo ich auf­wuchs. Da ich gut mit Zah­len um­ge­hen konn­te, ent­schied ich mich zu ei­ner Aus­bil­dung als Bank­kauf­frau.

Der Weg zu mei­ner Ar­beits­stel­le war ex­trem lang und ich brauch­te da­für drin­gend ei­ne an­nehm­ba­re Lö­sung. Lo­thar brach­te mich auf die Idee ein oder zwei Mo­na­te den wei­ten Weg, in Kauf zu neh­men und mir in dem neu­en Stadt­vier­tel ei­ne güns­ti­ge Wohn­ge­le­gen­heit zu su­chen. Es fiel mir schwer, die Jungs al­lei­ne zu las­sen. Sie wa­ren wie ei­ne Er­satz­fa­mi­lie für mich ge­wor­den und ich hat­te ih­nen viel zu ver­dan­ken. Aber sie er­klär­ten mir, dass es nicht um sie ging, son­dern um mich und mein Le­ben. Sie kämen auch ganz gut oh­ne mich und die fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung zu­recht. Ich ließ mir von ih­nen ver­spre­chen, dass sie mich hin und wie­der be­su­chen wür­den. Es war ein schwe­rer Schritt in die Un­ab­hän­gig­keit und die Ein­sam­keit. Zum ers­ten Mal in mei­nem Le­ben wohn­te ich ganz al­lei­ne in ei­ner klei­nen Woh­nung mit nur ei­nem Zim­mer. Das Geld mei­ner Aus­bil­dung reich­te ge­ra­de so, um mich über Was­ser zu hal­ten. Um ein biss­chen mehr Geld zu ha­ben und mir auch mal et­was leis­ten zu kön­nen fing ich an für einen Prü­fungs­nach­weis nach § 34a der Ge­wer­be­ord­nung zu ler­nen. Da­mit war es mir dann mög­lich, trotz mei­ner ge­rin­gen Grö­ße am Wo­che­n­en­de im Si­cher­heits­dienst zu ar­bei­ten. Al­so lern­te ich tags­über in der Bank mei­nen Job und am Wo­che­n­en­de ar­bei­te­te ich dann abends bis in die Nacht hin­ein im Si­cher­heits­dienst ei­ner Dis­ko­thek.

Lu­xus war ich so­wie­so nicht ge­wohnt und brauch­te es auch nicht. Ich schlief auf ei­ner dün­nen Schaum­stoff­ma­trat­ze auf dem Bo­den und be­nutz­te Um­zugs­kar­tons als Tisch. Tel­ler hat­te ich kei­ne, aber ich be­sorg­te mir für klei­nes Geld aus ei­nem Kauf­haus Papp­tel­ler und be­nutz­te sie gleich mehr­mals, be­vor ich sie dann weg­warf. Der klei­ne Herd in mei­ner neu­en Woh­nung hat­te auch meh­re­re Zi­cken. Teil­wei­se rea­gier­ten die Plat­ten nicht oder ich stand im Dun­keln, weil die Si­che­rung durch­brann­te, als ich ihn ein­schal­te­te. Zu­min­dest hat­te ich ein funk­tio­nie­ren­des Ba­de­zim­mer und ei­ne Hei­zung. Man lernt, die klei­nen Din­ge zu schät­zen, wenn man lan­ge Zeit in ei­ner al­ten und kal­ten Woh­nung le­ben muss­te. Im Win­ter be­nutz­te ich bei mei­nen Män­nern teil­wei­se vier oder fünf De­cken, um nicht zu er­frie­ren, wenn es drau­ßen rich­tig fros­tig kalt war. In mei­ner ers­ten Win­ter­nacht in der Woh­nung han­del­te ich aus Ge­wohn­heit wie­der so. Es dau­er­te kei­ne zwei Stun­den, bis ich schweiß­nass wie­der auf­wach­te. Es war ein­fach viel zu warm.

We­nigs­tens be­kam ich öf­ter Be­such. Wil­fried, Nils und Lo­thar be­such­ten mich, so oft sie konn­ten, und blie­ben in den kal­ten Mo­na­ten auch mal ger­ne über Nacht. Je­des Jahr an mei­nem Ge­burts­tag stan­den pünkt­lich al­le mit klei­nen lie­be­vol­len Ge­schen­ken vor der Tür. Ich ließ es mir nicht neh­men für die gan­ze Meu­te zu ko­chen. Auch Kars­ten, der an­ge­fan­gen hat­te zu bo­xen, war öf­ter bei mir als zu Hau­se. Aus dem klei­nen Jun­gen, der noch an mei­nen Bei­nen hing, wur­de lang­sam ein rich­ti­ger Mann. Er wuchs zu ei­ner im­po­san­ten Er­schei­nung her­an. Ich bin ir­gend­wann kurz über Zwer­gen­grö­ße ein­fach nicht mehr wei­ter ge­wach­sen. Trotz sei­nes jun­gen Al­ters von 12 Jah­ren über­rag­te er mich schon um einen hal­b­en Kopf. Zu mei­nem 23. Ge­burts­tag schenk­te er mir auch noch ei­ne Fla­sche Pflan­zen­dün­ger. Auf der Kar­te stand lie­be­voll, ich sol­le da­mit du­schen, dann wür­den aus den 156 cm viel­leicht noch ein biss­chen mehr.

Die Aus­bil­dung in der Bank war al­ler­dings auch nicht wirk­lich er­bau­lich. Die jun­gen Frau­en an der Kas­se wa­ren auch nur ge­ring­fü­gig äl­ter als ich und in den Pau­sen­zei­ten oder vor der Öff­nung blieb im­mer noch viel Zeit über Pri­va­tes zu re­den. Au­ßer­dem ha­ben meh­re­re jun­ge Frau­en auf ei­nem Hau­fen im­mer die An­ge­wohn­heit ex­trem viel zu trat­schen. Ich er­fuhr mehr über das, was sie im Bett mit ih­ren Ker­len an­stell­ten, als mir lieb war und fast je­den zwei­ten Tag hör­te ich die Fra­ge, ob ich mir auch einen an­ge­lacht hat­te. Na­tür­lich hat­te ich nie einen Freund an mei­ner Sei­te. Was soll­te ich auch mit ei­nem. Ich emp­fand sie als ab­sto­ßend und es wä­re mir im Traum nicht ein­ge­fal­len mit ei­nem et­was an­zu­fan­gen. Brüs­te zo­gen mich ma­gisch an, vor al­lem wenn die Da­me, die sie vor sich her­trug, auch op­tisch ei­ne Au­gen­wei­de war. Aber ich war über­aus vor­sich­tig, da­mit kei­ne mei­ner Kol­le­gin­nen mit­be­kam, dass mich nur das ei­ge­ne Ge­schlecht an­zog.

Kurz vor Kars­tens 14. Ge­burts­tag wur­de auch er schwer ver­letzt. Er hat­te sich in ei­ne jün­ge­re Mit­schü­le­rin ver­liebt und an ei­nem Sep­tem­ber­mor­gen in der Schu­le ihr das auch ge­sagt. Ei­gent­lich er­war­te­te man ja nur zwei mög­li­che Re­ak­tio­nen. Ent­we­der wur­de man ab­ge­wie­sen oder das Mäd­chen emp­fand auch et­was Zu­nei­gung. Er er­leb­te aber ei­ne drit­te Op­ti­on, mit der nie­mand ge­rech­net hat­te. Wäh­rend der Som­mer­fe­ri­en wa­ren die bei­den fast un­zer­trenn­lich ge­we­sen. Stän­dig trie­ben sie sich zu­sam­men in der Stadt her­um, wa­ren Schwim­men und klet­ter­ten auf die Kirsch­bäu­me, die es da­mals noch gab. Ei­nen gan­zen Mo­nat lang war es fast un­mög­lich ihn al­lei­ne an­zu­tref­fen. Als er ihr aber sei­ne Lie­be ge­stand, brach­te ihm das ei­ne hef­ti­ge Ohr­fei­ge ein. Dann hat sie ihn ein­fach ste­hen las­sen und ist flu­chend ver­schwun­den. Der Korb war al­so mehr als deut­lich, aber sie hat­te noch et­was viel Ge­mei­ne­res für ihn auf La­ger. Sie be­ach­te­te ihn nicht mehr. Selbst als er noch ein­mal ver­such­te, mit ihr zu re­den, be­han­del­te sie ihn wie Luft. Mei­ne Er­fah­run­gen auf dem Ge­biet der Lie­be wa­ren mit nicht vor­han­den noch sehr wohl­wol­lend um­schrie­ben. Al­ler­dings war es nicht un­ge­wöhn­li­ches in jun­gen Jah­ren und es hieß, man sol­le ein­fach ei­ni­ge Wo­chen war­ten und dann wä­re das The­ma er­le­digt, weil die nächs­te schon auf einen jun­gen Mann war­te­te. In sei­nem Fall al­ler­dings half auch ei­ne War­te­zeit von sechs Mo­na­ten nicht. Ich ver­such­te, ihn zu trös­ten, aber das war ver­geb­lich. Sie war weg und er konn­te nicht auf­hö­ren sie zu lie­ben. Da­ran zer­brach er im­mer wei­ter. Von dem eins­ti­gen so fröh­li­chen Jun­gen blieb nur noch ein wei­nen­des Häuf­chen zu­rück.

Aber auch bei mir lief es nicht mehr rund. Das Ge­tu­schel der Kol­le­gin­nen in der Bank wur­de im­mer lau­ter. Es war viel zu un­ge­wöhn­lich, für ei­ne Frau mit 24 Jah­ren noch nie mit ei­nem Mann an der Hand ge­se­hen wor­den zu sein. Die Ver­mu­tun­gen nah­men im­mer mehr zu. Auch mei­ne De­men­tis än­der­ten dar­an nichts mehr. Aber was hät­te ich auch ma­chen sol­len? Mir ir­gend­ei­nen zu su­chen, der in mir we­der et­was aus­lös­te noch das ich ihn, als an­ge­nehm emp­fand und ihm et­was vor­spie­len? Mit Ge­füh­len spielt man nicht, den bes­ten Be­weis sah ich da­für in mei­ner Woh­nung mit Kars­ten. Er war schon lan­ge nicht mehr das, was er vor die­sem Mäd­chen war. Aber je län­ger ich dar­auf hoff­te, das Gan­ze wür­de sich mit ge­nü­gend Zeit im Sand ver­lau­fen, wur­de es im­mer schlim­mer. In den frei­en Mi­nu­ten war das schon längst zum be­lieb­tes­ten The­ma avan­ciert. Je­den Tag hör­te ich ei­ne neue Ge­schich­te, die durch die Bank wan­der­te.

Kars­ten brauch­te drin­gend Ab­stand zu sei­nem ge­wohn­ten Um­feld. Sei­ne Mut­ter, die mich noch im­mer als den An­ti­chris­ten an­sah, konn­te nicht ein­mal et­was da­ge­gen tun. Er pack­te ein paar Sa­chen zu­sam­men und zog vor­über­ge­hend zu mir. Trotz­dem wur­de er nicht mehr der Al­te. Kars­ten hat­te sei­nen Le­bens­mut völ­lig ver­lo­ren. So weit es mir mög­lich war, ver­such­te ich ihn et­was ab­zu­len­ken, aber es war ver­dammt schwer ihn auf an­de­re Ge­dan­ken zu brin­gen. Es war ein­fach nichts mehr da, auf das ich hät­te auf­bau­en kön­nen. Auch mei­ne Jungs hal­fen mit, ihn wie­der ein biss­chen in die Spur zu be­kom­men. Sie wa­ren in die­sen Din­gen ein­fach viel er­fah­re­ner als ich. Viel ge­bracht hat es aber nicht.

Mit der Zeit wur­de es bei mir auf der Ar­beit zu ei­ner rich­ti­gen He­xen­jagd. Die­se dau­ern­den Ver­däch­ti­gun­gen und Aus­sa­gen mei­ner Kol­le­gin­nen kratz­ten zu­neh­mend an mei­ner Lust, dort zu ar­bei­ten. Es wur­de höchs­te Zeit für ei­ne an­de­re Stra­te­gie. Hil­f­reich war in die­ser Zeit aus­ge­rech­net Kars­ten, der mit sei­nen ei­ge­nen Dä­mo­nen zu kämp­fen hat­te. Er ani­mier­te mich ein­fach die Flucht nach vor­ne an­zu­tre­ten. Al­so kei­ne De­men­tis mehr, son­dern ein­fach nur noch Zu­stim­mung. Egal, was sie auch ver­mu­te­ten. Mehr als schief­ge­hen konn­te es ja nicht. Da­nach gab ich ih­nen ein­fach recht. Was sie auch sag­ten, be­stä­tig­te ich ein­fach nur noch. Auf ein­mal war ich nicht nur les­bisch, ar­bei­te­te am Wo­che­n­en­de auf dem Strich, hat­te ein ei­ge­nes Bor­dell und nahm mehr Dro­gen zu mir als ei­ne kom­plet­te Rock­band. Bluf­fen war ja nicht mein Pro­blem. Durch mei­ne Krank­heit konn­te ja nie­mand an mei­nem Ge­sicht ab­le­sen, ob ich auch wirk­lich die Wahr­heit sag­te.

Dann be­gann ich aber da­mit ein­fach mein ei­ge­nes Ding durch­zu­zie­hen. Ich ar­bei­te­te nicht mehr nur durch­ge­hend, son­dern nahm mir auch Zeit aus­zu­ge­hen. Kars­ten half mir so­gar da­bei. Er hat­te sich wie­der ei­ni­ger­ma­ßen ge­fan­gen und gab mir ein biss­chen Hil­fe­stel­lung. Er war ge­ra­de 16 ge­wor­den, sah mitt­ler­wei­le aus wie Mi­ke Ty­son, wo­bei nur die Haut­far­be nicht ganz pass­te, und war re­la­tiv wort­karg. Die in­ter­essan­tes­te Ver­än­de­rung an ihm aber war sei­ne wirk­lich be­ein­dru­cken­de Beo­b­ach­tungs­ga­be. Zu­sam­men mit sei­nem her­vor­ra­gend funk­tio­nie­ren­den Kopf ei­ne rich­tig ge­fähr­li­che Kom­bi­na­ti­on. Lo­gik war ein­fach un­be­stech­lich und er war dar­in zu ei­nem Meis­ter mu­tiert. Durch sei­ne Beo­b­ach­tun­gen und die Lo­gik sei­nes Kop­fes er­kann­te er die Ge­schich­te hin­ter ei­nem Men­schen.