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Zwei Welten mit je eigenen Gesetzen stoßen aufeinander: In der einen wird gehorsam befolgt, was MAN sagt. Versprechungen verführen zu Bequemlichkeit. Alle Bedürfnisse werden befriedigt, Probleme nivelliert. Eine Macht baut sich auf, verkörpert in SIRR, die sich in der Erfindung und dem Bau eines immer größer werdenden Karussells manifestiert. Wer einsteigt, folgt der Verheißung eines umfassend glücklichen Lebens. Dagegen steht die Welt, in der seit Jahrtausenden Menschen – im Einklang mit der Natur – ihre existentiellen Fragen stellen nach Freiheit, Selbstbestimmung, Verantwortlichkeit, Liebe. Rem, ein begnadeter Musiker, ist die Schlüsselfigur dieser eigentlichen Welt. In diesem Spannungsfeld entwickeln sich menschliche Geschichten und Schicksale. Das Ende bleibt offen.
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Seitenzahl: 583
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-871-2
ISBN e-book: 978-3-99131-872-9
Lektorat: Mag. Angelika Mählich
Umschlagfoto: JaromÃ-r Ondra | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Widmung
Für Rainer
Vorwort
Die Augen weit aufgerissen tippt SIRR
auf einen grünen Punkt und lacht.
Es scheint alles wie erwartet zu funktionieren!
I
1
So geschieht es nach wie vor –, noch.
Die Revierverteidigung im Morgengrauen liegt hinter ihr. Jetzt kümmert sie sich um den Nestbau. Mit Strohhalmen, Moosstückchen und anderem Material verschwindet sie in dem dichten Geäst einer Ligusterhecke. Gefahr droht, von Anfang an. Die schwarz-weiß gesprenkelte Katze sitzt in Lauerstellung im Schatten darunter. Entweder wird es ein Nest oder eben nicht.
Die Katze wird es rechtzeitig merken.
Ein Morgen gleicht dem anderen. Der Vogelgesang als natürlicher Wecker zu dieser Jahreszeit. Die Turteltaube mit ihrem nervig jämmerlich klingenden, unermüdlichen Ruf verdirbt den eigenwilligsten Nachteulen endgültig den Morgenschlaf.
Auch die Hähne haben längst ihren Krähwettbewerb ausgetragen, das eine oder andere Huhn zieht sich schon zeitig zurück ins Nest, während die anderen Hühner gleichmütig vor sich hin picken. Sie übersehen keinen Grashalm im Gelände, finden reichlich ausgestreute Körner und Salatblätter und hier und da angeln sie sogar noch einen Regenwurm. Dass der Fuchs immer wieder am Zaun entlangschleicht, ahnen sie nicht.
Frühling ist gerade. Die Natur kommt wieder in Gang. Die Blütenblätter der Kirsch- und Apfelbäume sind längst zerfallen und in den Naturkreislauf zurückgekehrt. Fruchtansätze warten auf Wärme. Lange Triebe ragen aus dem Boden der weiten Hopfengärten. Bald reihen sich Saisonarbeiter/innen aneinander und schlingen im Uhrzeigersinn die willigen Triebe um die Drähte. Wenn Rankenköpfe müde runterhängen, muss nachjustiert werden. Der Hopfen wächst schnell, ist fast Live-Sendung-tauglich.
Gelbe Teppiche aus Löwenzahnblüten sind auf den Wiesen ausgebreitet. Die Bäuerin Vroni treibt am Morgen nach dem Melken regelmäßig die Kühe die Anhöhe hinauf. Mit einem kleinen Stöckchen hält sie die Tiere durch leichte Schläge auf die breiten Rücken auf Kurs. Sie begleitet ihren gemächlichen Schritt mit Zischlauten oder auch mal mit einem energischen „Hehehe“ oder „Auffauffauff“. Irgendwann ist ihr buntes Kopftuch das Letzte, was hinter der Hügelkuppe verschwindet.
Auf ewig scheint dieses Ritual angelegt zu sein. Doch in ihrem Kopf gespenstern bereits Gedanken an ein bequemeres Leben.
Der Vogelgesang am Morgen ist noch vieltönig und reich an Variationen.
Für die schwatzenden Spatzen wird der Wohnraum aber bereits knapp. Die Dächer auf Häusern und Scheunen sind gründlich saniert worden. Auch die Schwalben müssen um ihre Nistplätze bangen. Neue Ställe werden sorgfältig abgedichtet: Wer kann noch vollgekackte Wände dulden?
Auch der Lebensraum der Buchfinken, Rotschwänzchen und Amseln wird zunehmend enger. Brutplätze werden knapp. Mais prägt das Landschaftsbild. Heckenreihen gelten als Platzverschwendung. Wohnhäuser und Gärten sollen sauber und ordentlich sein. Steinwüsten, verziert mit kümmerlichen Pflanzen, ersetzen blühende Gärten und locken nur wenige Vögel an. Es ändert sich gerade sehr viel.
Kinder entdecken zunehmend andere Spiele. Versteckenspielen und sich gegenseitig fangen oder abschlagen sind aus der Mode gekommen. Hoftore sind keine Fußballtore mehr. Öffentliche Spielplätze werden gebaut. Auf grob verschraubten, sicherheitsgeprüften Geräten wird gewippt, geschaukelt oder hochgeklettert und die Mutter verhindert den Übermut.
Viel Verkehr gibt es zeitweise auf den Dorfstraßen. Riesige landwirtschaftliche Maschinen fordern Platz und vertreiben dörfliche Bummelei.
Motorengedröhn übertönt häufig Vogelstimmen.
Alte Prägungen werden zunehmend unscharf, bis sie eines Tages völlig verschwinden.
Das Überpinseln vollzieht sich schnell und scheint endgültig.
An manchen Balkongittern oder in Fensterlaibungen blühen noch die üppigen roten und weißen Geranien. Ihr Statussymbol aber haben sie bereits an mächtige Balkonbalustraden oder hohe imposante Gartenzäune abgegeben.
Zunehmend wird messbar, was Beachtung findet und Bedeutung hat.
Für das Gespräch am Gartenzaun bleibt noch hier und da Zeit; für das Reden mit der Nachbarin über die Kinder, den Kindergarten, die Schule, die kranke Großmutter oder den mäkelnden Großvater. Aber immer seltener. Die Alten werden in Heimen zur Ruhe gesetzt und Kinder gibt es nicht mehr so viel.
Großmutter und Großvater gelten ab und zu noch als Säulen der Familie. Viele Kinder können diese Säulen aber häufig nicht mehr entdecken.
Die Männer tauschen sich schon noch aus über das Alltägliche. Aber immer seltener geschieht das im Wirtshaus. Das verschwindet einfach. Sie halten an, irgendwo unterwegs auf einem Feldweg, wenn ein anderer vorbeikommt. Es geht da schon seit Generationen um das fachkundige Beurteilen der augenblicklichen Situation. Über alltägliche Notwendigkeiten, z. B. den Regen oder Sonnenschein für das Gedeihen der Feldfrüchte.
Doch Zeit ist Geld! Wer hat die noch?
Auch die Kirchen werden leerer. Gottesdienste werden seltener. Geistliche fehlen. Die Religion verliert ihre Bindekraft zugunsten neuer, heißbegehrter Bindungen. Mit ihr verschwinden auch viele Bräuche und Gewohnheiten. Das gesellige Leben verliert sich selbst allmählich.
Das Nach-wie-vor wird immer mehr vom Noch ersetzt, bis auch das eines Tages verschwinden wird.
Die Mühlhäuser-Bäuerin, 81 Jahre alt, bekommt glänzende Augen, wenn jemand sich die Zeit nimmt, ihr zuzuhören. Sie schwärmt
– von der Schönheit der Landschaft, den vielen Farben und Formen, die jeder bewundern konnte, wenn er von der Anhöhe auf die Felder hinunterschaute, bei jeder Jahreszeit anders,
– von der Freundlichkeit und der Hilfsbereitschaft der Menschen,
– von vielfarbigen Bräuchen, die die Gemeinschaft zusammenhielten und das Jahr gliederten.
Das Aufstellen des Maibaums am ersten Mai und das feuchtfröhliche Feiern danach.
Die Vorbereitung und Gestaltung der Fronleichnamsprozession mit frischgrünen Birkenzweigen.
Das Binden der Kräuterbuschen für Maria Himmelfahrt am 15. August…
Nostalgie pur. Sagen bereits viele.
2
SIRR taucht im Dorf auf wie ein grauer Fisch zwischen Goldfischen in einem Biotop.
Zuzüge, Umzüge, Neuansiedlungen gehören selbstverständlich schon immer zum großen Thema „Veränderung“, wo auch immer, auf dem Land und in der Stadt. In Letzterer sind sie eher normal, auf dem Land dagegen werden sie oft noch als Einbruch verstanden, als langnachwirkendes großes Thema am Stammtisch, dem Dorfladen oder in der Dorfwirtschaft.
Hier gibt es das alles noch.
Zwar sind fremde Autokennzeichen im Ort keine Seltenheit, sie tauchen flüchtig, unregelmäßig auf und verschwinden wieder. Es gibt immer jemanden, der es beobachtet hat. Eines Tages registrieren die Aufmerksamsten aber eine beunruhigende Regelmäßigkeit. Ein Auto mit dem immer gleichen Kennzeichen fährt, erst einmal die Woche, dann fast täglich langsam die Dorfstraßen entlang.
Eine einzelne Person sei es, nur eine am Steuer. Sie sei sehr neugierig, sie schaue aufmerksam nach rechts und links, hielte auch hier und da kurz an.
Da hat jemand etwas vor!
Manche haben sich gleich die Nummer auf einem Zettel auf dem Küchentisch notiert und machen nach jeder Wiederholung einen Strich.
Es kommen Tage, da hält der Wagen länger an einem Ort. Immer der gleiche Mensch steigt aus, schaut sich flüchtig um, geht ruhig beobachtend in den Hof, verschwindet einmal kürzer, einmal länger, erscheint wieder, steigt ein und fährt wieder weg.
Öffentlich äußert sich noch niemand über diese Beobachtungen. Auch die Gesprächigsten halten sich noch zurück und die Betroffenen lassen sich keine Information entlocken. So bleiben nur Spekulationen und im Untergrund wild wuchernde Gerüchte am Stammtisch oder Küchentisch.
Auf der Straße begegnen sich die Leute einsilbiger.
Alles, was jetzt folgt, geschieht am Rand.
Das fremde Auto wird im Dorf nicht mehr gesehen. Auch die Kessel der Gerüchteküche im Untergrund hören für eine Weile zu dampfen auf.
Der Maxerhof ist ein Einsiedlerhof, umgeben von weiten Feldern, Wiesen und Hopfengärten. Er gehört zum Dorf dazu und ist doch am Rande. Hans Maxer ist der Besitzer, was selbstverständlich klingt, doch eine Ausnahme ist. Seit über hundert Jahren gibt es den männlichen Nachfolger auf diesem Hof. Er trägt den Namen weiter.
Bei anderen Gehöften hat hier ein Mayer, dort ein Graber, oder Rotti eingeheiratet, sodass es, was Außenstehende nur schwer durchschauen können, zwei Namen gibt, einen für den Besitzer und einen für den Hof. Der Ansässige hat damit keine Probleme.
Im Maxerhof stand das fremde Auto mehrere Tage hintereinander.
Wiederholt hat es hier eine längere Zeit verbracht und die Insassin, wie sich herausstellte, hat einen interessierten Zuhörer gefunden. Dazu sollte gesagt werden, der Maxer ist ein anderer. Seine Vorfahren, seine Familie und er selbst genießen zwar die Rechte der Tiefeingewachsenen. Sie kennen die Landschaft genau und wissen Bescheid über die Besitzverhältnisse im Dorf, sind im Althergebrachten verwurzelt. Doch er selbst ist ausgebrochen. Schon äußerlich und im Umgang fehlen ihm die bäuerlichen Klischees, Hände mit Furchen und tiefen Rissen, die gewisse Sturheit, die nur das Bekannte zulässt, was Menschen und Dinge betrifft. Auf die Probe gestellt, ginge er als sogenannter „Stadtmensch“ leicht durch. Einerseits sagt er von sich selbst, er sei mit Herz und Seele Bauer, er sei geprägt von der Landschaft und von seiner bäuerlichen Arbeit. Andererseits geht sein Blick weit darüber hinaus. Er ist zum Beispiel der einzige im Dorf, der das Wort Urlaub beherzigt und ihm in seinem Leben einen Platz eingeräumt. Mit seiner Frau unternimmt er Reisen, z. B. nach Ägypten, nach Jerusalem oder zu den Stränden der Kanaren, und darüber hinaus sucht ein Blick in sein Wohnzimmer vergebens ein geschmücktes Kruzifix, einen sogenannten „Herrgottswinkel“. Und in seinem Schlafzimmer hütet kein Heiland die Schafe.
Wo sein Vater einst die hübsche Italienerin, seine Mutter, aufgegabelt hat, blieb sein Geheimnis. Jedenfalls war die Hochzeit damals eine Sensation im Dorf. Alle waren eingeladen, und Mattia, mit ihrem tiefschwarzen Haar und den Augen wie funkelnde Edelsteine eroberte die Herzen der Alteingesessenen schnell, was eigentlich eine Unmöglichkeit war für eine „Zugereiste“, dazu noch für eine aus einem fremden Land.
Sie prägt bis heute die Gesichter und die Stimmung auf dem Hof.
Der Hans Maxer ist das jüngste der vier Maxer Kinder. Als Einziger ist er auf dem Hof und damit an seinem Geburtsort geblieben. Wo seine Geschwister gelandet sind, ob sie geheiratet, eine Familie gegründet haben, ob sie in der Stadt leben, irgendwo im Ausland oder auf dem Land. Solche häuslichen Geschichten haben den Maxerhof nie verlassen.
Der Hans trägt das Erbe weiter. Er hat die funkelnden Augen seiner Mutter geerbt, ihre tiefdunklen Haare, ihre Fröhlichkeit und Offenheit. Seine immer gebräunte Gesichtshaut hat im Laufe der Jahre mancherlei Falten bekommen, bunt durcheinander. Sie machen es schwer, sein Alter abzuschätzen.
Und er ist einfach anders, aber nie ist er abgehoben und unzugänglich. Seine Andersartigkeit hat sich ins Dorf einigermaßen eingewöhnt, weil er selbst jedem offen und freundlich gegenübertritt. Er hat keine Feinde, aber, das gehört auch zu dem Bild, auch keine wirklichen Freunde im Dorf. Gespräche mit ihm finden, aus seiner Warte gesehen, auf Augenhöhe statt. Jeder, der will, ist schnell mit ihm in einen Austausch über alltägliche Themen verwickelt, den er reichlich ausweiten kann durch seine Reiseerfahrungen. Er weiß einfach viel mehr und bringt Neuigkeiten ins Dorf über fremde Länder und Gewohnheiten und er erzählt von den landwirtschaftlichen Besonderheiten dort. Dabei beschreiben seine schönen schlanken Hände die Form exotischer Früchte oder Landschaftsformationen. Eine gewisse Scheu ruht aber auf jeder Begegnung mit ihm und es rutscht schon einmal der Satz heraus: „Jetzt red halt net so gscheit daher.“
Seine fünf Kinder, drei Buben und zwei Mädchen, (der normale Bauer hat nur noch zwei, höchstens drei Kinder) spielen schon hin und wieder mit den anderen Kindern Fußball auf dem Sportplatz, haben aber doch eher Freunde von außerhalb, dürfen schon sehr jung allein mit dem Fahrrad zur Schule im Nachbarort fahren oder zu ihren Freunden, einige Kilometer weit. Im Schulbus sitzen sie nur bis zur dritten Klasse.
Bestärkt wird die Ein-bisschen-Außenseiter-Rolle durch die Kirchenferne der Maxers. Die ganze Familie ist aus der Kirche ausgetreten, sie fehlen also beim sonntäglichen Plausch auf dem Kirchplatz, was die Distanz vor allem zu den Männern verstärkt. Bei Festtagsfeierlichkeiten oder bei jährlichen Reinigungsarbeiten in der Kirche aber sind zumindest die Kinder regelmäßig dabei. An Beerdigungen hingegen nimmt die ganze Familie teil und sie zeigen den Trauernden ihren Respekt und ihre Teilnahme.
Der Hans Maxer auf der Straße ist nicht alltäglich und nur selten wird er um Rat gefragt, obgleich doch jeder davon überzeugt ist, der Maxer weiß mehr. Selten, fast nie, besucht einer aus dem Dorf den Hof am Rande.
Seine mollige Frau Lissi aber ist die beste Kundin im Dorfladen, der vielleicht, wären die Maxers nicht da, längst zugemacht hätte. Lissi kauft alles Mögliche dort ein, vom Waschmittel über Lebensmittel bis zum Klopapier. Fleisch und Milch haben sie selbst, auch Eier natürlich. Und zur Frau Kramer hat sie ein freundschaftliches Verhältnis.
„Die müssen viel Geld haben“, wird schon hier und da gemunkelt, ohne einen Millimeter weiterzudenken.
Die Landung des fremden Autos beim Maxer wird erst durch die Wiederholungen publik, wird dann aus der Ferne misstrauisch beäugt und als große Neuigkeit verbreitet. In der Gerüchteküche beginnt es wieder heftig zu brodeln.
Als dann Landvermesser ihre Arbeit aufnehmen, liegt die Kombination auf der Hand:
Der Maxer hat Grund verkauft.
Der verkauft Grund! Ein Bauer verkauft doch keinen Grund an Fremde!
Vier rote Stangen ragen bald aus einer Wiese, aus der Himmelsperspektive gesehen markieren sie genau ein Quadrat.
Unterschiedliche Meinungen, gegensätzliche Standpunkte gibt es häufig im Dorf, sie werden aber nicht groß an die Glocke gehängt, solange sie nicht im praktischen Leben aufeinanderprallen und viele davon betroffen sind, was bei der Anzahl der Tiere im Stall und dem damit unter Umständen verbundenen Gestank, bei der Errichtung von Zäunen, beim Wegebau durchaus möglich sein kann. Ansonsten bleiben sie eher im allgemeinen Geraune hängen, können schon mal Thema am Stammtisch sein, ohne an jedes Ohr zu gelangen.
Aber jetzt das !
Plötzlich genießt der Dorfladen ein Umsatzplus. Manch einer versucht, Lissi oder eines der Kinder dort zufällig zu erwischen. Wer will einfach nur neugierig sein! Doch die Befragten lassen sich nur vorgefertigte Antworten entlocken: „Ja, Grund wurde verkauft.“ „Ja, es würde ein Haus gebaut.“
Aber: Wer? Warum? Wie? Wieso?
Das verkaufte Stück Land ist umgeben von Maxerland, was heißt, eine formale Einwilligung seiner Nachbarn braucht er nicht einzuholen. Kein Nachbar hat ein Mitspracherecht.
Was, es wäre auch verwunderlich, einen öffentlichen Widerstand nicht auszuschließen vermag. Der formiert sich eher allgemein ohne tragfähiges Argument. Immerhin wird ein kurzer Text formuliert und eine Unterschriftenliste mit fast allen Mitbürgern landet beim Landratsamt, wird dort zum Thema bei einer Versammlung. Der Bürger soll wissen, seine Anliegen werden ernst genommen. Am Ende wird der Antrag fast einstimmig abgelehnt. Und der Maxer hat seine Ruhe.
Die Dorferweiterung kann nicht verhindert werden.
„Da macht jetzt plötzlich einer von uns ganz für sich sein Ding!“
„Der war ja schon immer ein Außenseiter!“
Einige Wochen laufen dahin. Die Zeit hat ihren Trott, nichts Auffallendes geschieht.
War alles nur ein Traum?
Dann aber, eines Tages geht es los.
Was jetzt passiert, vollzieht sich so schnell, dass es nur relativ ungenau beschrieben werden kann.
Ein Bagger rollt an, ein Loch wird im markierten Raum ausgehoben. Ringsherum bleiben einige Quadratmeter für eine mögliche Gartenfläche stehen.
Dann wird eine Baugeschichte abgespult, ungehemmt schnell, offenbar fehlerfrei.
Einige Wochen später steht da bereits ein sehr ordentliches, sehr symmetrisches Gebäude, fremd und ungewöhnlich, ziemlich klein, ein vollendeter Würfel. Drei Seiten kann jeder einsehen, die vierte nur bei einem Spaziergang auf dem weitflächigen Acker – und Wiesenland von Hans. Drei Wandflächen haben je vier Fenster, zusammengesehen auch ein Quadrat, die Haustür an der abgewandten Seite erlaubt nur zwei Fenster im ersten Stock. Oben, dem Himmel zugewandt, vollendet ein Flachdach den Würfel, ohne Dachrinnenüberschuss. Ein Lineal, senkrecht und waagrecht angelegt, hätte den Beweis liefern können.
Ein Würfel! Zum Glück nicht mitten im Dorf!
Als sollte ein Wettbewerb gewonnen werden, so schnell sind die Fenster fast über Nacht eingebaut, leuchtet bereits abends Licht durch die Fensterscheiben, ist das Haus weiß angestrichen.
„Wo kommen so schnell all die Arbeitskräfte her?“
„Kein Handwerker im Dorf hat einen Auftrag erhalten.“
„Muss da jemand keinerlei Auflagen beachten?“
„Baut ein so fremdartiges Haus!“
„Darf der das überhaupt? Hier!“
„Immerhin ziemlich klein. Vielleicht nur für eine Person?“
Die Diskussionen entzünden sich hier und da, viele bleiben noch in den vier Wänden, manche dringen nach draußen zum Krämer, dem Wirt, dem Gartenzaun. Vielfältige Verzweigungen und Blüten treiben, ohne sich in einem Protest zusammenzuballen.
Gut für unser Dorf – Publicity – ein Schub – eine architektonische Sensation – Wut über Sonderrechte – Unruhestifter – Fremde im Dorf usw.
Die Stimmung geht hin, die Stimmung geht her. Letztendlich bleibt nichts anderes übrig, als alles geschehen zu lassen.
3
Um Neues einzuleiten, braucht es nicht mehr als den Flügelschlag eines Schmetterlings.
Die Sonne scheint durch das Fenster auf ihre Füße und, um einen ersten Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen, widmet sie sich, auf der Bettkante sitzend, ein paar Sekunden lang dem einströmenden Licht. Dann richtet sie sich mit einem Ruck auf und beginnt, zielstrebig und konsequent, heute zum ersten Mal in den eigenen neuen vier Wänden, ihre Morgentoilette.
Die folgt einem eingespielten Ritual. Nach dem Zähneputzen stellt sie sich, nur hier leistet sie sich ausnahmsweise Nacktheit, unter die Dusche. Sie schrubbt den Bauch, die Beine und die Arme, zwischen die Beine, da langt sie nicht so gerne hin, da genügt der Wasserstrahl. Abspülen, flink abtrocknen und rein in die Unterwäsche und vor den großen Spiegel an der Badezimmerwand.
„Nach wie vor gar nicht so schlecht“,befindet sie auch an diesem Morgen. „Da lässt sich alles noch geschickt formen mit dem elastischen Stoff.
Ist ohnehin jetzt nicht mehr so wichtig.“
Zufrieden schreitet sie zum Höhepunkt der morgendlichen Tradition. In sauberer Unterwäsche mit rosafarbenem Frisierumhang über den Schultern umgreift sie ihre noch fast makellos schwarzen kräftigen Haare, zügelt sie zu einer dicken Strähne und wickelt diese geschickt um den Zeigefinger, zaubert blitzschnell aus ihr eine Art Schneckenhaus und fixiert es mit zwei langen Hornhaarnadeln am Hinterkopf, spannt ein feinlöchriges Netz darüber, um möglichst jedes widerspenstige Haar mit ihm einzufangen. Dann betrachtet sie das Kunstwerk im Rückspiegel und lacht, heute lauter und länger als gewöhnlich und aus vollem Herzen.
„Alles ist gut.“
Den Frisierumhang schüttelt sie sorgfältig am offenen Fenster aus und hängt ihn an den vorbereiteten Haken neben dem Spiegel auf.
Damit ist ihr Tag aufgeschlossen.
Genau so. Täglich neu und regelmäßig wie das Amen in der Kirche. Sie selbst hat nie darüber nachgedacht. Doch ein unaufgeschlossener Tag bleibt ein unaufgeschlossener Tag ohne festes Fundament. Die Zeit schwebt, die Füße sind nicht verwurzelt, der Mensch hat keinen Halt, der Tag kann weggeschickt werden wie ein Staubsaugerverkäufer, einfach übergangen werden, ignoriert. Ein solch unaufgeschlossener Tag ist umsonst.
Damit möglichst kein Tag verloren geht, entwickeln Menschen ihre eigenen fest gefügten Gewohnheiten:
Das Schweigen überhaupt z. B., auch wenn der Partner gesprächig ist, das wachsweich gekochte Ei oder das frische Croissant auf dem Frühstückstisch. Sportlich Veranlagte brauchen den immer gleichen Waldlauf oder ein paar Yogaübungen. Manchen genügt die kalte Dusche. Der Espresso, das Müsli mit geriebenem Apfel, die Morgenzeitung oder die stoffliche Befreiung auf dem Klo können auch die notwendigen Schlüssel für einen Tag sein und für SIRR ist es der vollendete Knoten.
Fertig angekleidet, mit Schürze natürlich, setzt sie sich an den am Vorabend bereits gedeckten Frühstückstisch, lässt einen kräftigen Lacher ertönen, wie Menschen es zu tun pflegen, die sich sehr sicher sind, auf dem richtigen Weg zu sein.
Zur richtigen Zeit das Richtige tun und Gott wird es lenken.
So steht das Motto, in schönen Druckbuchstaben geschrieben, auf einem weißen Blatt vor ihr, angelehnt an eine noch leere Blumenvase. Später wird es den Hausaltar krönen.
Damit überlassen wir eine Weile SIRR sich selbst. Sie wird die vielen Kisten auspacken, die Möbel zurechtrücken, die Schränke einräumen, bis all das erfüllt und erledigt ist, was sie in allen Einzelheiten in ihren handgeschriebenen Plänen vorgesehen hat.
Am Abend steht der Würfel in der Dunkelheit. Nur schwaches Licht schimmert durch die zugezogenen Gardinen. Das ist alles. Zu hören ist nichts.
Wer hat da beim Maxer gebaut und ist sogar schon eingezogen?
SIRR steht in Leuchtbuchstaben an der Eingangstür. SIRR? So ein komischer Name!
Wer ist diese Frau? Woher kommt sie? Was will sie hier? Wie kommt sie darauf, sich einen Würfel, tatsächlich einen Würfel, am Rande unseres Dorfes zu bauen?
Diese und noch viele andere Fragen schwirren durchs Dorf in mancherlei Variationen, und sie bleiben lange Zeit unbeantwortet. Weil aber auch ein leichter Dauerregen zur Gewohnheit werden kann, ohne Regenschirm verlässt keiner mehr das Haus, verwandelt sich die Aufgeregtheit allmählich in ein Achselschütteln, in eine kleine Dauerunsicherheit, die ganz gut auszuhalten ist, wozu die Frau selbst ihren einschlägigen Beitrag leistet durch ihre Unauffälligkeit. Sie schaut immer grau aus, streitet niemals und mit niemandem, sie ist zu jedem freundlich, passt sich in ihren Grenzen an das alltägliche Leben der Menschen im Dorf an, sie bietet kein Ärgernis, schwimmt als grauer Fisch im imaginären Dorfweiher mit.
So kann sie sich im Verborgenen mächtig entfalten und irgendwann überzeugend ihre Berechtigung offenbaren.
An irgendeinem Sonntagmorgen um 8.45 Uhr. Die Kirchenglocken läuten wie üblich zum ersten Mal, was heißen soll: Heute ist Gottesdienst! Mach dich auf den Weg!
SIRR hat für diesen Sonntagmorgen den Wecker eine Viertelstunde vorgestellt. Es soll, so ganz langsam soll sich etwas ändern, es soll eine allgemein beachtete Premiere werden, ihr erster offizieller Kirchgang in diesem Dorf. Beim ersten Glockenton ist sie schon unterwegs. Keiner hat hier einen langen Weg zur Kirche, für sie sind es ein paar Schritte mehr. Auf dem Kirchplatz angekommen, grüßt sie höflich in die Männergruppe, die sich wie üblich neben der Kirchentreppe versammelt hat. Zwei oder drei von ihnen wenden sich um, beantworten den Gruß zögerlich, ihr Blick kehrt schnell zu den anderen zurück. Eher scheu, nicht feindlich ist er gewesen.
Sie geht schnurstracks die Treppenstufen hoch in den Kirchenraum und setzt sich an den Rand der vorletzten Kirchenbank rechts, was einen bescheidenen Eindruck machen soll. Was sie nicht wissen kann, hier in der Kirche sind eigentlich fast alle Plätze besetzt, auch wenn kein Mensch anwesend ist. Sie hat den Platz von der Bäuerin Lisa erwischt und dabei auch Glück gehabt. Die ist eine Nette und keine Renitente, steht kurz vor neun neben ihrem angestammten Platz und faltet die Hände. SIRR kapiert sofort, steht schnell auf, lacht Lisa entwaffnend an, die lacht mit und sie setzen sich nebeneinander. Noch ein paarmal wiederholt sich das Spielchen „aufstehen, lachen, setzen“, bis alle, auch in der Mitte der Bank, ihren Platz gefunden haben. Es ist diesmal zwar enger als gewöhnlich, doch es fällt kein böses Wort. Alle folgen andächtig der Liturgie und der Predigt, bei den Chorälen singt SIRR alle Verse auswendig mit und beim Vaterunser ist sie etwas hintendran.
Beim Hinausgehen drückt sich Lisa neben SIRR.
„Einen schönen Knoten haben Sie! So akkurat!“
SIRR lacht sie an, nickt und läuft ein wenig schneller, weil sie es jetzt kann auf dem fast leeren Kirchplatz.
An den folgenden Kirch-Sonntagen erscheint SIRR etwas verspätet im Kirchenraum. Während die Gemeinde schon das erste Lied intoniert, bleibt sie bescheiden im Hintergrund stehen. Hin und wieder setzt sie sich auch unauffällig auf einen freien Platz. Lisa geht sie aus dem Weg, vermeidet auch allgemein jeglichen Augenkontakt.
Unauffällig fügt sie sich ein, ohne je eingefügt zu sein.
Niemals geht sie mit erhobenem Kopf durchs Dorf. Sie wirkt fröhlich und zugewandt, ohne sich zuzuwenden und grüßt lachend, wem immer sie begegnet, ohne jemals ein Gespräch anzuzetteln.
Eine stets fröhliche Frau. Ein wenig wortkarg schon!
Im Dorfladen kauft sie fleißig ein. Dort halten Kunden sich auch mal länger auf, suchen einen Artikel oder treffen einen Bekannten, was bedeutet, hier fühlt sie sich gezwungen, hier und da ein paar Worte fallen zu lassen.
Die Leute sprechen sich hier mit Vornamen an und so reagiert sie auf den fragenden Blick an der Kasse:
„Ich heiße SIRR.“ Und sie erntet allgemeine Fröhlichkeit.
„SIRR, irr, Irre“, lacht ein kleiner Junge an der Hand der Mutter.
„Nein SSSIRR“, zischt sie lachend, „nicht IRR“ und rollt das R mit zum Gaumen hochgeklappter, zitternder Zunge, bezahlt schnell und ist auch schon durch die Tür verschwunden.
„Die IRRE kommt!“, heißt es jetzt häufig, wenn jemand sie auf der Straße entdeckt.
„Die IRRRRE“, rufen die Kinder ihr nach.
Das könnte beleidigend sein. Für SIRR nicht.
Sie lacht munter mit, verbessert auch nicht mehr, und die Kinder spotten fröhlich weiter.
Besonders Frau Kramer freut sich über die neue Dorfbewohnerin. SIRR kauft reichlich bei ihr ein, aktiviert sie sogar, neue Ware in ihr Sortiment aufzunehmen. Sie ist die einzige, die von SIRR wirklich profitiert und auch die Kinder hier und da ermahnt, sie sollen doch aufhören mit der Spotterei. Das bewirkt nicht viel. Irgendwann wird sie ohnehin langweilig, weil SIRR sie lächelnd an sich ablaufen lässt. Und die Kinder hören ganz von selbst damit auf.
Zum Gesprächshotspot macht SIRR den Laden aber leider nicht.
SIRRs Lachen ist das Einfallstor für Sympathie. Ihr Lachen ist ansteckend. Ihr Lachen löst Spannungen auf und erhellt triste Gesichter. Ist aber auch eine perfide und geschickt getarnte Waffe. Fröhlichkeit, Leichtigkeit täuscht es nur vor.
Doch auf solch feinen Unterschied sind die Dorfantennen nicht ausgerichtet.
4
Peters kleine Fäuste liegen im Schoß, sein Blick stiert glasig geradeaus, zerquetschte Salatblätter hängen in seinen Mundwinkeln. Vor seinem Mund warten immer wieder lauernd, manchmal auch ungeduldig schubsend eine derbe Hand und eine Gabel mit aufgehäuftem grünen Zeug, hier und da auch mit Kartoffeln oder einem Stückchen Fleisch. Mühsam zwängt sich die Gabel durch die Lippen und lädt ab, um geschwind erneut aufzuladen. Das Kind kaut wenig, hat volle Backen, würgt, schluckt irgendwann notgedrungen.
Spuckt vor allem nicht mehr aus!
Die Bäckchen fallen zusammen wie kleine Ballons und schon wieder wartet die nächste Gabel wie ein vor dem Heuspeicher gebremstes bäuerliches Gerät.
„Der erste frische Salat aus dem Garten! Der malt dir rote Backen!“ Eine freundliche männliche Stimme erklingt aus dem Hintergrund. Leider hat sie nicht mehr in ihrem Gepäck.
So ein Quatsch!,denken die Kinder,grüner Salat und rote Backen.
Die größeren Geschwister Irmi und Günter essen inzwischen fast immer anstaltslos ihren Teller leer. Resignation hat sie zu Fast-Verlierern gemacht.
„Teller müssen immer leer sein, leer sein. Bei jedem am Tisch, Tisch!“
Endlich geschafft. Si schraubt das festgefahrene Lächeln in ihrem Gesicht frei, holt tief Luft und ein kurzer Stoß Lachen wie das Amen nach dem Gebet beendet die Aktion. Mit einem weißen Tuch wischt sie um den Mund des Kindes und auf dem Tisch alle verstreuten Reste zusammen, legt ihre Hände kurz gefaltet in den Schoß, steht auf und geht in die Küche.
Die Hände sind das alles ergreifende Werkzeug dieser Frau.
Nur hier und da gönnt sie ihnen Ruhe. Am liebsten und am längsten vor ihrem eigenen Hausaltar. Hier verweilt sie mehrmals am Tag stehend mit gefalteten Händen, blickt auf die weißen Blätter, die sie mit gestochen schöner Schrift mit ihren ganz persönlichen Grundsätzen beschriftet hat:
Zur richtigen Zeit das Richtige tun und Gott wird es lenken
Sinnvoll handeln und das Ziel stets im Blick behalten.
Um die Bedeutung und die Potenz dieser Gedanken zu verstärken, hat sie ein Plastikkruzifix darüber gehängt, in den Sommermonaten mit frischen Blumen geschmückt, im Winter mit einem Tannenzweig.
Der große Arzthaushalt fordert die Hände heraus. Da ist das Füttern des jüngsten Kindes nur ein kleiner, aber für sie wichtiger Teilbereich. In der Küche walten sie in kaltem und heißem Wasser, spülen und trocknen Geschirr und Gläser, bearbeiten Kartoffeln und Gemüse, staubige Kommoden und Fensterbretter im Haus sollen glänzen, Wäsche will gewaschen, Strümpfe wollen gestopft und Hemden gebügelt werden, Schuhe geputzt und Kinder gezüchtigt werden.
Ihr Arbeitsraum ist groß, ihr Arbeitsfeld weit, ihre Möglichkeiten und ihre Freiheiten fast unbegrenzt. Keiner redet ihr rein.
Und da ist ganz besonders noch vom Garten zu erzählen. Ihm gilt Sis ganz besondere Liebe und Aufmerksamkeit. Hier lassen sich Erfolg und Misserfolg am besten und weithin unbehelligt kalkulieren. Pflanzen wehren sich nur sehr still. Wenn die eine oder andere nicht so will, wie die Hände es wollen, liegt schnell eine plausible Entschuldigung bereit. Da ist entweder höhere Gewalt im Spiel, zu viel Regen, zu viel Trockenheit oder Hitze. Oder Schnecken haben ihren Appetit gestillt, oder sie hat Pech gehabt beim Einkauf von Samen oder Pflänzchen. Hier, fast nur hier ist Si bereit, ein kleines Maß Ohnmacht zuzugeben.
Im Frühjahr ist er am häufigsten draußen zu beobachten. Der gebückte Körper, grau umhüllt – nur der stattliche schwarze Knoten im Nacken belebt ein wenig farblich das Bild – durchmisst langsam den schmalen Weg zwischen zwei Beeten, geschickt und flink versenken die Hände Pflanze um Pflanze in den aufgelockerten Boden, oder sie bedienen eine kleine Hacke oder ziehen das Unkraut heraus. Am Ende des Beetes richtet sich die Gestalt kurz auf, geht um die Schmalseite herum, und in anderer Richtung wird die Arbeit vollendet. Hochkonzentriert ohne Blick nach rechts oder links vollzieht sie sich wie eine Zeremonie, bis Si das fertige Beet – in geraden Reihen mit kleinen Pflanzen bestückt oder von allem Unliebsamen gesäubert und gründlich aufgelockert– zufrieden anlächeln kann.
H. ist eine Landgemeinde mit etwa 4000 Einwohnern. Im Ortskern stehen schöne Fachwerkhäuser um den Marktplatz und in einigen Seitenstraßen. Reste einer alten Stadtmauer gibt es und ein Stadttor ist auch noch erhalten.
Als Si im Arzthaushalt Haushaltshilfe, Kinderfrau und Gärtnerin wurde, gab es noch zwei Ärzte, zwei Bäcker, eine Metzgerei, einen kleinen Supermarkt und zwei Gastwirtschaften im Ort. Fremde Gesichter fielen noch auf, vor allem, wenn sie auffallen wollten. Und Si legte es darauf an. Für ihre besondere Nase, einer Kartoffel mitten im Gesicht ähnlich, konnte sie nichts, doch der schwarze Knoten am Hinterkopf, ihre stets graue Kleidung waren frei gewählt und stachen heraus aus der Buntheit allgemeiner Moden und Haartrachten.
Und jetzt seid einmal ehrlich: Wer kennt einen Menschen, der immer fröhlich ist, immer lächelt oder lacht den ganzen Tag, ob bei anstrengender Arbeit, ob unterwegs auf der Straße oder ob er Kinder ermahnt oder gar ausschimpft oder schlägt?
Und wie es damals noch war: Die neuesten Nachrichten wurden beim Bäcker oder Metzger ausgetauscht.
Über so einen Menschen reden die Leute.
Auch wenn es sich abflachte, im Laufe der Zeit sich das Interesse an ihr im Ort abschwächte, in den Köpfen der Leute blieb Si immer gegenwärtig, nicht als Störung, eher als Haken, an dem sich nach wie vor so manches Gespräch aufhängen konnte. Als auffällig unauffällige Person nahm sie regelmäßig am Gottesdienst teil. Sie war präsent, ohne sich für die Allgemeinheit zu engagieren. Bei gemeinschaftlichen Arbeiten, wie z. B. dem Reinigen der Kirche, oder bei besonderen Festen und Zusammenkünften, ließ sie sich nicht blicken.
Allgemein wusste jeder, sie war die Neue in der Quellstraße 7. Eine Adresse, die fast jeder im Dorf aus der eigenen Erfahrung kannte.
Kam sie zum Einkaufen, hatte sie immer zwei Kinder an der Hand: „Lauf, lauf nicht weg, weg!“, „Bleib, bleib halt hier, hier!“, „Schrei, schrei nicht so so rum, rum!“, „Sag guten Tag, Tag!“, gehörten zu ihrem täglichen Repertoire. Ihre Stimme klang streng im Gegensatz zu ihrem Lächeln oder Lachen nach rechts und links. Doch sie ging ja nur die Kinder etwas an.
Die Zeitungsannonce damals war der Auftakt zur Wende.
An einem sonnigen Mainachmittag pünktlich um drei saßen sie zu dritt im Wartezimmer der Arztpraxis mit bestimmt ganz anderen Gefühlen als die Patienten, die gewöhnlich sich in diesem Raum wartend aufhielten. Drei Frauen waren zum gleichen Termin zum Bewerbungsgespräch eingeladen worden, Iris, Petra und Si. Tatsächlich war das ganz bewusst so eingefädelt worden. Drei zum gleichen Termin waren eingetroffen, um eine Art atmosphärisches Einleben im Vorfeld möglich zu machen, in diesem Raum, der so ganz anders war als ein übliches Wartezimmer beim Arzt. Ausgewählt schöne Blumenbilder hingen an den Wänden, das Mobiliar war funktionell, doch in besonderem Design und aus weißem Kunststoff, auf dem runden Glastisch stand ein prächtiger Tulpenstrauß, der Fußboden war aus glänzendem Eichenparkett.
Während Iris und Petra, auffallend modisch gekleidet, sichtlich nervös waren, für den Raum keinen Blick hatten, nur mit sich selbst beschäftigt waren, an ihren Frisuren fummelten, immer wieder einen kleinen Handspiegel aus der Tasche zogen, noch schnell etwas Puder auf die Wange tupften, die Lippenfarbe mit einem kleinen Pinsel korrigierten, einen Duft unter ihre Achseln sprühten, sich beschnüffelten und darüber leise diskutierten, wer von ihnen beiden wohl das bessere Händchen gehabt hatte, erfasste Si den Raum und ihre Mitbewerberinnen mit sicherem berechnenden Blick.
Sie hatte die Fenster im Rücken, saß da mit ihrem eingefrorenen Lächeln, stand auch mal zwischendurch auf, um ein Bild genauer zu betrachten, setzte sich wieder, ohne mit ihrem Mienenspiel irgendetwas zu verraten, schlug die Beine übereinander, faltete die Hände im Schoß. Sie mimte die Ruhige, Unbeteiligte, hatte aber peripher alles im Blick. Die offensichtlich verächtlichen Blicke ihrer Konkurrentinnen nahm sie genüsslich zur Kenntnis.
Sie täuschte geschickt. Sehr wohl war sie auch nervös, verbarg ihre Unruhe aber hinter der Sicherheit, die eine gewinnt, die sich sehr gut vorbereitet hat. Die offensichtliche Nervosität ihrer Mitbewerberinnen buchte sie auf ihr Konto. Was die beiden jetzt erst zu erledigen schienen, hatte sie längst abgeschlossen und schon im Vorfeld nichts dem Zufall überlassen. Sie hat keine Kosten gescheut und eine professionelle Beratung in Anspruch genommen. Das dezente Make-up in den gerade aktuellen Farben betonte Augen und Lippen, die Haut hatte den gepflegten, passenden Ton, war fast faltenlos. Bei einem ihrer seltenen Frisörbesuche hatte sie sich leichte Wellen ins Haar legen lassen, was ihrer Frisur etwas die Strenge nahm und dem Knoten noch mehr Fülle gab. Ein weites Übungsfeld für sie war die straffe, selbstsichere Körperhaltung gewesen, die sie trainieren sollte und, was ihr besonders ans Herz gelegt wurde, die Beherrschung ihres Gesichtsausdruckes. Mit einem auf Dauer eingestellten Lächeln lassen sich auch kniffelige Situationen mit Leichtigkeit meistern, wurde ihr erklärt. Schließlich müsse sie auch den Sprechduktus berücksichtigen. Immer überlegt und kontrolliert antworten, lieber kleine Pausen einlegen als sich zu verhaspeln. Inhaltlich wurde ihr ein ausführlicher Katalog mit den möglicherweise zu erwartenden Fragen und Antworten geliefert, den sie auswendig lernen und zur Beruhigung in ihre Handtasche legen sollte, auch wenn sie, wie sie immer wieder betonte, sich grundsätzlich auf ihr Gedächtnis verlassen kann.
Überflüssig ist es zu erwähnen, wie unermüdlich Si vor ihrem großen Wandspiegel geübt und wie streng sie sich dabei kritisiert und korrigiert hatte.
Auf keinen Fall Gewohnheiten zu Fehlerquellen werden lassen!
So ließ sie sich auch dazu überreden, die bewährte Kleiderordnung zu durchbrechen.
Langweilig sei nicht erfolgversprechend, wurde ihr ziemlich direkt gesagt. Hätte verletzen können. Si aber ging zielgerichtet in ein angesehenes Modegeschäft und erstand ihre erste blütenweiße Bluse, durchbrach mit ihr die gewohnte Harmonie aus Grautönen, zeigte Mut für einen Kontrast.
Und so präsentierte sie sich jetzt: Die modische weiße Bluse (nach der Aktion wurde sie umgehend entsorgt) formte weich die Brustpartie, das tiefgraue gut geschnittene Sonntagskostüm ließ ihren Körper weiblich vollendet erscheinen, leicht erhöhte Absätze (auch das ein Zugeständnis) gaben ihrer Erscheinung einen Touch Eleganz und der eingeübte sichere Schritt beseitigte Zweifel an ihrem Durchsetzungsvermögen.
Si kam als Letzte dran, was ihrer Sammlung zugute kam.
Ruth, die Arztgattin, etwas müde und abgespannt wirkend und vermutlich schwanger, bat sie in ein nüchternes Behandlungszimmer. Dort kam Lothar auf sie zu, begrüßte sie freundlich und sie setzten sich um den aufgeräumten Schreibtisch.
„Ein besonders schönes Wartezimmer, Wartezimmer haben Sie, und die herrlichen Tulpen“, bemerkte Si lächelnd, bevor noch eine erste Frage gestellt werden konnte. Lothar schaute seine Frau kurz an und dann ging es los mit dem Fragen in abwechselnder Folge, wobei die Frau etwas fordernder wirkte. Si antwortete flüssig und gewandt und erkannte sehr schnell eine Tendenz. In einer kurzen Pause ergriff sie forsch das Wort: Sie sei hervorragend ausgebildet bildet, (Zeugnisse liegen ja vor), sie scheue vor keiner Arbeit zurück, zurück, sie sei voll einsatzfähig, ja einsatzfähig, sagte sie in mehr oder weniger einem Atemzug, und sie trage, ja trage nur wenn unbedingt notwendig notwendig notwendig eine Uhr, Uhr. Auch könne sie umgehend anfangen, anfangen, wenn gewollt sogar schon heute, heute, gleich jetzt, jetzt.
Da waren alle weiteren Fragen überflüssig geworden!
Zwar bemängelte Ruth ihre etwas umständliche Sprechgewohnheit, fragte, warum sie immer Wörter wiederholen müsse, was im Blick auf die Kinder und deren Sprachentwicklung nicht so gut sei, und, was sie noch sehr gerne wüsste, wie Si zu ihrem ungewöhnlichen Namen gekommen sei.
Die Getroffene musste sich kurz sammeln, ließ eine kleine Pause zu, bat dann, innerlich sehr erschrocken, vielmals um Entschuldigung. Selbstverständlich würde ihr so etwas nicht mehr passieren passieren, das sei einzig und allein der Aufregung geschuldet, der Aufregung und was ihren Namen beträfe, sie sei Siglinde Siglinde getauft worden, doch da der Name Name damals sehr in Mode war, und mehrere Siglinden in der Klasse Klasse waren, sei ihr dieser Spitzname gegeben worden worden.
(Das stimmte nicht. Sie hatte sich sehr bewusst diesen kurzen Namen in dieser Schreibweise, selbst gegeben und was die Kritik von Ruth betraf, machte sie sich große Vorwürfe:Doch nicht genug geübt, geübt, gab sie in ihrem erregten Inneren ärgerlich zu.)
Ruth aber hatte längst entschieden.
Das seien nur Nebenbemerkungen gewesen, relativierte sie, der Name sei kurz, prägnant und gut zu merken und im Grunde auch egal, und das mit der Sprache auch nicht so wichtig. Der gute Gesamteindruck sei entscheidend. Der sei sehr positiv! Sie sei herzlich willkommen!
Sie sei eingestellt!
Si sprang auf, stand sicher auf ihren ungewohnten Schuhen:
„Danke! Danke! Und ich fange gleich an, an!“, sagte sie gelöst und lachend, verließ schnell und mit sicherem Schritt, ohne dass die beiden Zurückgelassenen noch etwas sagen konnten, das Zimmer und zur großen Überraschung ihrer neuen Arbeitgeber kam sie in Windeseile mit zwei prall gefüllten braunen Ledertaschen zurück. Das Taxi hatte solange gewartet.
Sie bezog umgehend das für die neue Haushaltshilfe vorbereitete Zimmer oben unter dem Dach, lautes Möbelrutschen war zu hören und später waren die bunten Bilder von den Wänden im Flur vor der Tür senkrecht hintereinander aufgestellt.
Und sie stand nach kurzer Zeit angriffslustig vor Ruth.
Was denn zu tun sei, tun sei, sie wolle gleich anfangen.
Ruth fühlte sich schon ein wenig überrumpelt.
Aber da sie so dringend auf Hilfe gehofft hatte, müde war und lustlos die viele unerledigte Arbeit vor sich sah, zeigte sie Si fast mechanisch die Küche mit dem ungespülten Geschirr und den ausgekratzten Töpfen, das unaufgeräumte Wohnzimmer, die anderen Räume alle. Si sah den vollen Wäschekorb, registrierte den muffelnden Geruch im Bad und durchs Fenster sah sie die große Gartenfläche und die unzähligen leuchtenden Löwenzahnblüten.
Und Si war gleich voll in ihrem Element.
Sie übertraf alle Erwartungen. Ihr Fleiß und ihr Ordnungssinn durchwehten von nun an das Haus. Sie sang häufig ein Lied beim Kochen und lächelte, wenn sie den Staubsauger durch das Wohnzimmer schob. Sie war nie mürrisch oder schlecht gelaunt. Lächelnd führte sie ein strenges Regiment. (Das war notwendig bei Menschen!) Lächelnd hielt sie den Kindern lange Reden, wenn sie es für notwendig hielt. Irmi und Günter gehorchten irgendwann, endlich! Auf Peter, der bald geboren werden sollte, wartete sie schon ungeduldig.
Sie putzte, räumte auf, bügelte unermüdlich, und was für die Familie zusätzlich ein Glücksfall war, sie kochte gut und sparsam und die Forderung nach Freizeit war kein Thema für sie.
Schweigend verräumte Ruth später irgendwann einmal die bunten Bilder oben vor Sis Tür, sah durch die stets angelehnte Tür die Veränderungen im Raum. Die verschobenen Möbel, die nackte Tapete und ein einziges weißes Blatt mit Reißzwecken befestigt über dem Bett:
Sinnvoll handeln, das Ziel stets im Blick behalten!
„So ist es jetzt nun mal“, sagte sie zu sich selbst. „Hauptsache, ich fühle mich wieder frei und kann wieder wirklich zu leben anfangen und am Abend öfter einmal abhauen!“
Warum war diese Wende so sehnlich gewünscht und erwartet worden?
Ganz einfach und in kurzen Worten: Ruth war ungeplant wieder schwanger geworden. Sie wollte auf keinen Fall noch einmal neu anfangen müssen mit Wickeln, Fläschchen füllen und regelmäßig füttern. Nicht noch einmal so abhängig sein! Will ich überhaupt nicht! Aber abtreiben? Nicht noch einmal! Es muss eine andere Lösung her!
Sie entschied ganz allein. Setzte eine Anzeige in die Tageszeitung! Lothar wird schon einverstanden sein.
Und Si war also diese Lösung.
Dass diese die Zügel straff in die Hand nahm, im Laufe der Zeit alles veränderte, viel ästhetischen Schnickschnack, Staubfänger wie sie befunden hatte, einfach verschwinden ließ, die Möbel verrutschte, die Wäsche neu einsortierte, den Garten zügelte, die Kinder streng und konsequent erzog, war zwar gewöhnungsbedürftig, aber auf alle Fälle viel besser als zuvor und im Blick auf die Kinder letztendlich im Sinne des Paares.
Und für Ruth war es die Chance für einen neuen Lebensabschnitt. Endlich wieder auszubrechen, ein Stück weit zurück in vergangene, glückliche Welten einzutauchen, aus dem Pflichtzwang entlassen zu sein, freier zu atmen und immer öfter einfach verschwinden zu können.
Und Lothar, der tief drinsteckte in seiner Arbeit, fand nur lobende Worte für diese Frau, die das Essen pünktlich auf den Tisch stellte, für ausreichend Socken und Hemden in den Schränken sorgte und die Kinder in Schach hielt.
Er übersah dabei, wollte oder konnte er es nicht sehen?
Seine Kinder verloren im Laufe der Wochen, Monate, Jahre mehr und mehr ihre Mutter, und er seine Ehefrau.
Die so Gelobte kalkulierte ihren Wert und rechnete sich mit anwachsendem Schwung beste Zukunftschancen aus.
Ihre wirkungsvolle, geschickt aufgesetzte Fröhlichkeit beflügelte jede Tätigkeit, ließ ihren Fleiß glänzen und ihr bedingungsloser Ordnungssinn lieferte das perfekte Bild. Was ihr strenges, konsequentes, zielgerichtetes Regiment in den Kindern bewirkte, kümmerte sie nicht. Ihre Heiterkeit mache sie letztendlich auch für sie unwiderstehlich, so dachte sie und es schien sogar einigermaßen zu funktionieren. Mit Lachen bemalte sie jede Erziehungsmaßnahme, lachend verpasste sie Irmi einen Hausarrest oder eine Ohrfeige für ein zerbrochenes Glas, lachend riss sie aus Günters Schulheft Seiten raus: „So ein Geschmier!“ Lachend versohlte sie Peter, wenn er wieder einmal ins Bett gemacht hatte. Keiner traute sich zu weinen, wenn Si lachte. Keiner traute sie zu unterbrechen, wenn sie ihre ausführlichen Erklärungen ausgoss. Sie schaffte es immer wieder, wunderbare Harmonie vorzutäuschen. Letztendlich ging es ihr um die entspannte Atmosphäre im Haus, wovon vor allem Lothar profitieren sollte. Wenn der ab und zu beim Essen erschien, stimmte er mit ein in die fröhlichen Erziehungsmaßnahmen, ja verstärkte sie sogar noch mit eigenen, witzigen Kommentaren. Dass Irmi immer wieder stumm mit hängendem Kopf in ihrem Zimmer verschwand und den Teller mit Spinat und Spiegelei einfach auf dem Tisch stehen ließ, wurde mit verständlicher Müdigkeit kommentiert und verminderte nicht das allgemeine Harmoniegefühl.
Jede so wunderbar gemeisterte, gemeinsame Mahlzeit mit dem Hausherrn goss frisches Wasser auf Sis Hoffnungsmühle!
Und grundsätzlich kann gesagt werden, so viel Fröhlichkeit in diesem geschäftigen Haus war kaum auszuhalten.
In H. indessen vollzogen sich Stück für Stück einschneidende Veränderungen. Aktuelle Entwicklungen wucherten an jeder Ecke, neue Wohngebiete entstanden, viele Menschen zogen zu, ein großer Supermarkt auf der grünen Wiese machte alle kleinen Läden im Ort überflüssig, so nach und nach schlossen die Bäcker, der Metzger und auch der innerörtliche Markt konnte sich nicht mehr halten. Allgemein wurde das Leben anonymer, die Menschen liefen, geschäftig mit den Händen hantierend, mit gesenktem Kopf die Straßen entlang, redeten vor sich hin, ohne sichtbare Zuhörer zu haben. Ihnen schien die Zeit, vielleicht auch die Lust zu fehlen, auf andere Menschen zu achten, sie zu grüßen und sich mit ihnen zu unterhalten.
Die Gesprächshotspots waren längst gänzlich abgekühlt.
Und jetzt kam der Tag, an dem eine Entscheidung fallen sollte.
An einem Abend im Mai, Irmi hatte Küchendienst und Si kratzte die Reste der Mahlzeit in kleine Schüsselchen. „Nichts darf umkommen!“
Ruth war, wie meist am Abend, nicht da.
Da erschien unerwartet Lothar in der Küche.
„Si, heute ist ein besonderer Tag. Rufen Sie bitte die Kinder herbei und kommt dann alle ins Wohnzimmer.“
Jetzt endlich, endlich, jetzt ist es so weit!
Si ließ alles stehen und liegen, löste hastig die Schleife hinten am Rücken, warf die Schürze fast unwillig auf den Boden und rief: „Peter Peter, Günter, Peter, Günter!!“
Kurz darauf standen vier erwartungsvoll mitten im Zimmer, und es dauerte nicht lang, da erschien auch Lothar und schloss den Kreis.
Er hatte einen schönen blütenreichen Strauß in der Hand.
Sein Blick wanderte ruhig von einem zum anderen und landete schließlich bei Si. Die hatte ihre Hände hinten am Rücken gefaltet, hatte glühende Wangen und aus ihren Augen blitzte Triumph.
„Heute ist ein besonderer Tag! Was könnte es sein? Ratet mal!“, begann der Hausherr bedeutungsvoll.
Die Kinder bewegten leicht die Schultern rauf und runter, oder auch nicht, Irmi, die Älteste schüttelte den Kopf und Si kämpfte mit ihrer Gesichtsmuskulatur.
„Dann sag ich es euch“, fuhr er feierlich fort. „Heute, heute genau vor zehn Jahren haben Sie, Si, zum ersten Mal unsere Schuhe geputzt, unsere Jeans gewaschen, unsere Hemden gebügelt. An diesem Tag sind Fröhlichkeit und Ordnung in unser Haus eingezogen. Kaum vorstellbar, wie es ohne Sie weiter gegangen wäre. Si, wir sind Ihnen sehr dankbar dafür! Und zum Zeichen unserer Dankbarkeit will ich Ihnen, auch im Namen meiner Frau Ruth, die Ihnen bestimmt selbst auch noch danken wird, diesen Blumenstrauß überreichen.“
Er machte einen Schritt auf Si zu, die plötzlich blass und versteinert einen Schritt zurückgewichen war.
„Ihr Fleiß, Ihre Zuverlässigkeit, Ihre Pünktlichkeit und große Sparsamkeit sind uns ein großes Vorbild, tausend Dank!“, schloss er ab und übergab ihr den Strauß.
Keine Blöße zeigen, nur keine Blöße!
Si beugte sich leicht vor, nahm das Geschenk, wechselte es aus der rechten in die linke Hand, richtete sich gerade und stolz auf und fing urpötzlich schrill zu lachen an. „Danke, vielen Dank! Das ist aber sehr freundlich, freundlich von Ihnen! Wäre wirklich nicht nötig, nötig gewesen wesen! Danke! Vielen Dank!“
Lothar war ein paar Schritte zurückgetreten und lachte fröhlich mit. Irmi und Günter hielten sich die Fäuste vor den Mund und Peter war bereits verschwunden.
Geschäftig wie Si immer war, ließ sie Lothar stehen, lief Richtung Küche mit den Worten: „Die schönen Blumen brauchen dringend Wasser, Wasser“.
Während sie die Blumen in eine Vase ordnete, wirbelten die Gedanken in ihrem Kopf:
Was habe ich nicht alles getan getan, alle mir verfügbare Zeit verschenkt freiwillig verschenkt, geopfert geopfert und alles umsonst umsonst alle Hoffnungen in einem Augenblick Augenblick weggewischt wie Wassertropfen auf einer Glasscheibe Scheibe, was habe ich nicht alles getan, der Einsatz so vieler Lebensjahre -jahre jetzt ist aber Schluss Schluss Schluss!
Jetzt gibt’s ein neues Ziel! Neues Ziel! Ein großes Ziel! Ein sehr groß angelegtes neues Ziel!!
Seit diesem Maiabend ging es großzügiger zu im Arzthaushalt. Wohlkontrolliert, in kleinen Häppchen, kehrten Unordnung und Disziplinlosigkeit ins Haus zurück. Mal blieb eine gebrauchte Espresso Tasse längere Zeit einfach auf der Kommode stehen, Lothar entdeckte Löcher in den Socken, es fehlte ihm eines Tages sein Lieblingshemd, Schuhe standen ungeputzt im Flur herum, zum Essen gab es häufig etwas aus der Konserve und wenn Lothar am Abend seine gewohnte Ruhe haben wollte, drehte Günter auch mal ganz laut die Musik auf.
Si hörte sich die Vorwürfe hämisch lächelnd an, äußerte sich auch mal kurz entschuldigend, in etwa so: Es sei gerade besonders viel Wäsche Wäsche gewesen wesen, am kommenden Samstag sei das Hemd Hemd wieder im Schrank Schrank.
Oder: Günter sei jetzt groß groß genug, er müsse müsse auch mal seine Freiheit Freiheit haben.
Und sie verfolgte weiter konsequent die allmähliche Auflösung der Ordnung im Haus.
Im Garten wuchs Unkraut zwischen den Salatköpfen, Löwenzahn blühte in der Wiese, Socken mit Löchern landeten im Müll, Nachtisch gab es nur noch am Sonntag.
Sie käme käme gerade nicht dazu.
Ein paar gelbe Flecken Flecken in der Wiese seien doch schön.
Es sei doch genug Geld Geld da, um neue Socken neue Socken zu kaufen.
Zucker sei ungesund, ungesund.
So wurde der Protest immer wieder eloquent besänftigt und stets von ihrer inbrünstigen Lach-Litanei begleitet, bis sich eine gewisse Gewöhnung einstellte und er schließlich sogar fast aufhörte.
Sie selbst änderte in ihrem äußeren Auftreten wenig, sie war immer beschäftigt, blieb nach wie vor fröhlich, lachte und summte ihre Lieder, behielt die Fäden fest in der Hand und sie verließ sich auf die Trägheit der Masse und ihrer notwenigen Entladung irgendwann.
Der Tageslauf der Kinder hatte ein gut eingespieltes Raster, in das sich eine gewisse Zeitspanne lang ihre sich mehrenden Abwesenheiten problemlos einpassen ließen.
Gewöhnung hin und her, irgendwann wurde die zunehmende Schlamperei im Haus und im Garten aber unerträglich.
Eines Tages stand sie in der Küche, öffnete einen Briefumschlag und hielt das Kündigungsschreiben in der Hand. Sie las es sich laut vor und fing schallend zu lachen an.
Ihr neues Ziel strahlte bereits in ihrem Planungsrausch.
Ein absoluter Neubeginn sollte es werden. Kraftstrotzend sah sie ihrer Zukunft entgegen.
„Von nun an heiße ich SIRRRRRRRRRR“, und ihre Zunge zitterte kräftig.
Der Würfel war bereits fertiggestellt.
5
Geschichte fließt in ein riesiges Fass mit elastischen Wänden. Die schwerfällige Masse wird hin- und hergewalkt, wobei sich bei dieser trägen Bewegung mal das eine, mal das andere an die Oberfläche schiebt.
Gerade kommen zwei Personen zum Vorschein und mit ihnen entwickelt sich eine lange Geschichte:
Herta und Fred
Beim Tanzen haben sie sich kennengelernt in einem Club, in dem Männer noch die Frauen aufforderten, wo Jugendlichkeit und Attraktivität als eine Art Eintrittskarte galten. Anfangs in den ersten Wochen, ging es noch durcheinander. Beide suchten, wechselten die Tanzpartner. Was sie aber von Anfang an auszeichnete, beide tanzten begeistert und sehr gut. Und so bewegten sie sich fast zwangsläufig immer häufiger miteinander. Schnell wurde ihr Tanz inniger, sie schmiegten sich immer enger aneinander und bald gab es für sie keine oder keinen anderen mehr. Schließlich trieben ihre aufeinander zugetakteten Bewegungen sie energisch ins Bett und weil die Konventionen noch streng waren, schlossen sie bald darauf den Bund fürs Leben. Begünstigt durch das, was so allgemein Sympathie und Großzügigkeit genannt wird, versammelten sie einen feiernden Freundeskreis um sich herum, die verfügbaren Geldmittel erlaubten sorglose Jahre in einem eigenen, frei stehenden Haus mit schönem großen Garten. Bis sich eines Tages ungeplanter Nachwuchs ankündigte, wodurch die sorglose Zeit umgehend ein Ungleichgewicht bekam.Ein Kind im Haus, das geht gar nicht!, so dachte Fred. Die notwendigen Eingriffe in den Alltag, die unvermeidbaren Einschränkungen, die weiter gestreute Aufmerksamkeit und vor allem die drohende Verantwortlichkeit widersprachen grundsätzlich seiner Lebensplanung und umgehend sprossen die Gedanken für die einfachste, schnelle Lösung aus seinem Gedankengebäude hervor. Nur ein vorsichtiges Antippen dieser Möglichkeit aber erntete empörte Zurechtweisung und Ablehnung von seiner Frau.
Was kann es Schöneres für uns zwei geben als ein gemeinsames Kind!
Herta war glücklich über das Ereignis in ihrem Körper und die Reaktion ihres Mannes war ihr völlig unverständlich.
Die neue Situation beschäftigte die beiden also sehr unterschiedlich und weil die Frau ihre eindeutige Haltung verteidigte, bereitete Fred seinen Rückzug vor, vorsichtig, Schritt für Schritt. Eine offene Wunde wollte er nicht riskieren, wenigstens vorerst einmal nicht. So ließ er während der Schwangerschaftsmonate alles noch weitgehend offen, was die Zukunft betraf. Nicht verhindern aber konnte er die sensible Ausrichtung von Hertas Antennen. Die registrierten die anfangs subtilen Veränderungen genau und machten in ihr das Bedürfnis immer dringlicher, mit dem Mann, der sie, wie sie geglaubt hatte, zur glücklichsten Frau auf der Welt gemacht hatte, die neue Situation genau zu durchdenken und zu besprechen und durch das Gespräch und den Austausch der Gefühle das gemeinsame Leben zu retten.
Da traf sie aber auf taube Ohren.
„Du willst das Kind bekommen, okay, du sollst es haben. Was gibt es da noch zu reden!“
Ein wenig kämpfen musste er trotz allem schon. So versuchte er, den kleinen inneren Zwiespalt durch halbherzige Ablenkungsmanöver zu verschleiern. Vielleicht, das soll ihm zugute gehalten werden, verband er damit auch die Illusion, das alte Leben doch noch irgendwie zu retten.
Da gab es zum einen die Wiederaufnahme ihrer Tanzleidenschaft.
Ein neues Kleid wurde gekauft und an einem Samstagabend gingen sie in ihr Tanzlokal.
Die gewohnten Räume, auch manche alte Bekannte waren da und sie zwei, wie damals in ihrer Hoch-Zeit am Tisch in der Ecke. Sie tanzten. Herta war glücklich. Aber sie war nicht mehr so gewandt und spritzig jetzt mit schwangerem Leib. Fred aber forderte sie heraus, wollte mehr von ihr, das Gewohnte von ihr, mehr als ihr guttat. Atemlos verweigerte sie ihm einige Tänze. Das hielt er nicht aus, sah sich anderweitig um und ließ sie allein da sitzen. Auf die schöne, einsam dasitzende Frau fielen begehrliche Blicke. Sie gab nach, ließ sich auffordern, fand mehr Rücksichtnahme, aber, es war eben nicht Fred.
Ein kurzes Gespräch über diesen Abend gab es dann doch mit dem Ergebnis, Tanzen ist vielleicht jetzt nicht mehr das Richtige, gehen wir wieder einmal Pizza essen!
Wieder die gewohnten Räume, doch kaum hatte er sich hingesetzt, legte Fred ein rechteckiges Ding neben sein Besteck und dieses Ding fesselte ihn stärker als der Blick und die Worte seiner Frau. Nicht, dass er tatsächlich telefoniert hätte. Er wischte mit dem Zeigefinger über die milchige Oberfläche oder spielte mit den Fingern auf einer Art Tastatur. Die Frage, was das zu bedeuten habe, überspielte er mit einem Griff nach Hertas Hand. Diese Reaktion kannte sie bereits gut. Sie wiederholte sich in fast allen Krisensituationen. Er streichelte und liebkoste ihre Hand und sah sie dabei an und Herta reagierte darauf, war sie doch sehr empfänglich für jede Form der Zuwendung. Da war viel warme Erinnerung in ihr. Den tiefen, verliebten Blick konnte er gut spielen. Recht schnell aber war er wieder weg von ihr bei dem fremden Ding und widmete sich immerhin dann als Ersatz nebenbei dem Spiel der Füße unter dem Tisch. Herta machte auch da mit, weil sie hungrig war, erlebte aber immer schmerzhafter die Entfremdung, kämpfte, wollte nicht alles verlieren, fand sich schließlich mit der geteilten Aufmerksamkeit ab, schaute ihm zu, beobachtete ihn, fragte ihn auch mal etwas dazu, und hier antwortete er ihr sogar freundlich erklärend.
Die unsichtbare Hecke zwischen ihr und ihrem Mann aber wuchs unerbittlich.
Die neun Monate bis zu der Geburt hielt er, in seinen Maßen gemessen, noch einigermaßen liebevoll durch.
Bei dem großen Ereignis selbst täuschte er eine dringende dienstliche Reise vor, kam aber immerhin so rechtzeitig zurück, um Herta noch einen Rosenstrauß ins Krankenhaus zu bringen und sich das Kind dort anzuschauen. Den Namen Ruth hatten sie bereits vor längerer Zeit gemeinsam ausgewählt. Ob das Kind ihn auch wirklich bekommen hatte, kontrollierte er am Bändchen um den kleinen Arm.
Der Scheidungsprozess verlief ohne verletzende Auseinandersetzungen. Er versprach, regelmäßig zu zahlen und sich um die Tochter zu kümmern. Das eine tat er regelmäßig, das andere erst später.
Ein heimliches Glücksgefühl nahm Fred mit aus der Vergangenheit mit Herta:Eine Tochter habe ich – und wenn die mal im Teenageralter ist!
Er konnte warten und alles vorbereiten.
Damit verschwand er einige Jahre mehr oder weniger aus dem familiären Gesichtsfeld.
Dass er erwartungsgemäß weiter mit den Party-Freunden feierte, dass er so sein Leben fast lückenlos fortsetzte, dass er vermutlich schon in den letzten gemeinsamen Jahren mit Herta nicht treu gewesen war, all das ist hier nicht von Interesse.
Ruth, später einmal, wird ihn wieder an die Oberfläche holen.
Fred war mit seinem persönlichen Hab und Gut eines Tages ausgezogen, hatte Herta das schöne Haus mit Garten überlassen, ihren lange vernachlässigten Beruf auch irgendwann wieder möglich gemacht und ihr eine neue, andere Freiheit gegeben.
Sie war jetzt Mutter, schöner noch als zuvor, ohne den Mann, den sie einmal so geliebt hatte.
Das hatte Konsequenzen für sie. Ihm hatte sie sich damals mit Haut und Haaren hingegeben. Das ging nicht ein zweites Mal. Sie war tief verletzt und fest entschlossen, nicht mehr nach einem neuen Partner Ausschau zu halten. Aus der unfreiwillig gewonnenen Freiheit aber erwuchs ihr eine neue Kraft, die sie voll und ganz ihrer Tochter widmen wollte. Mit allen ihr verfügbaren Möglichkeiten und Mitteln wollte sie die richtigen Weichen stellen, damit aus ihrem Kind einmal ein glücklicher Mensch wird.
Längere Zeit schien das auch gut zu funktionieren.
Herta und Ruth setzen die Geschichte fort:
Herta lebte jetzt mit ihrer Tochter Ruth in dem schönen Haus.
Mit dem Vater war damals auch die „moderne Zeit“ ausgezogen, d. h. nicht ganz. Den Internetanschluss hatte Herta behalten und in der Folgezeit die Fähigkeit kultiviert, mit diesem Medium im Sinn eines Werkzeuges umzugehen. Ja, Werkzeug nannte sie es, eine Hilfe zur Vereinfachung im täglichen Leben, wie Hammer und Meißel es sind. In diesem Sinn lernte sie es nutzen, mit eindeutigen Grenzen für sich selbst und vor allem für Ruth, die sie am liebsten ganz davon ferngehalten hätte. Sie hoffte ernsthaft, sich vor Abhängigkeiten schützen zu können.
Die Realität sah schnell anders aus.
Das Smartphone aber war vorläufig wieder raus aus dem Haus.
Ihr Weltbild und ihre Werte prägten ihren Erziehungsstil. Möglichst unangeknabbert von technischen Neuerungen und scheinbaren Notwendigkeiten sollte die Tochter in ihrem Raum aufwachsen, eine kindgerechte Entwicklung erleben, wie sie es nannte, mit viel Spielen, Puppen, Bausteinen, Bilderbüchern. Das Kinderzimmer sollte ein Raum zum kreativen Spiel und zur Konzentration sein und kein buntes Spielzeuglager. Sie kaufte der Tochter Schuhe mit Schnürsenkeln, was zunehmend schwieriger wurde, schenkte ihr Bastelbücher zum Ausschneiden der Figuren, Scheren, Malkasten, Pinsel und bunte Stifte. In der Küche und im Wohnzimmer füllten sich allmählich die Wände mit schönen bunten Kinderbildern. Ruth malte mit kräftigen Farben und erzählte so ihre Geschichten.
Kindliches Fragen nahm Herta ernst und beantwortete es ausführlich und angemessen ehrlich. Schon mit zwei Jahren wollte Ruth wissen, wo denn ihr Vater sei, und sie deutete dabei auf einen Mann im Bilderbuch.
„Dein Vater hatte mich nicht mehr lieb und ist weggegangen“, hat sie damals so ungefähr geantwortet, aber schnell hinzugefügt: „Du wirst ihn kennenlernen, musst halt noch ein bisschen größer werden.“
„Warum?“, wollte Ruth weiter wissen. „Weil er weit von hier weg wohnt“, antwortete sie darauf, was so nicht ganz stimmte. Immerhin war sein neues Haus nicht fußläufig zu erreichen.
Unermüdlich und immer wieder stellte Ruth diese Frage nach dem Vater. Sie wurde zur Belastung für Herta, einmal, weil sie zunehmend in Verlegenheit geriet, beruhigende und einigermaßen ehrliche Antworten zu finden, zum anderen, weil Ruth, je mehr sie heranwuchs, dem Vater immer ähnlicher wurde.
„Sie ist ihm aus dem Gesicht geschnitten“, sagte einmal eine Nachbarin.
Ruth entwickelte sich zu einem selbstständigen, in gewissem Sinn auch eigenwilligen Kind.
Bei der Kleiderwahl z. B. gab ihr Herta viel Freiheit und die Tochter bewies schon früh den sicheren Blick für das, was ihr gut zu Gesicht stand. Sie war wählerisch beim Essen und erlebte da nie einen Zwang. Lügen wurden bestraft, aber nicht ohne Erklärung, Teilen und Kompromisse sollten das Verhältnis zu Freunden gestalten. Herta kaufte ein Klavier, nachdem Ruth die Flöte energisch abgelehnt hatte, und freute sich über den großen Eifer des Kindes an dem Instrument.
Fred zahlte, wie versprochen, pünktlich und solange Herta noch nicht wieder in die Buchhandlung ging, sogar mehr, als von ihm gefordert wurde.
Alles lief gut auf den ersten Blick.
Ruth genoss das, was eine glückliche Kindheit genannt werden kann, eng verbunden mit der Natur und dem Garten. Sie durfte schon sehr früh ihr eigenes Beet bepflanzen, lernte viel über den Jahresverlauf, die Namen der Blumen und Vögel. Freundinnen und Freunde wurden eingeladen, sie bevölkerten die Wiese und das Kinderzimmer, und als eines Tages die betagte Nachbarin starb, ging Herta mit ihr in die Leichenhalle, wo zu der Zeit noch die Toten hinter einer Glaswand aufgebahrt lagen.
Warum die so still und bleich daliegen, wollte Ruth wissen.
„Sie atmen nicht mehr, sie lachen nicht mehr, sie können nicht mehr aufstehen. Bald sind sie für immer unter der Erde in einem Grab verschwunden und dann haben sie es ganz still, wenn die Erde darüber aufgehäuft wird. So wird es jedem Menschen einmal ergehen.“
„Warum?
Warum?“
„Das ist nun einmal so.
Auch du und ich werden irgendwann einmal so daliegen. Wir haben aber noch viel Zeit, wir dürfen noch …“, und sie zählte ganz viel von dem auf, was Ruth gerne tat und sie gingen fröhlich plaudernd weiter, zum Eis essen und anschließend auf den großen Spielplatz ein Stückchen weit weg von ihrem Zuhause.
Ruth ließ sich trotz allem, immer wieder gut mit sich und der Welt in Einklang bringen.
Draußen entwickelten sich indessen neue Medien schnell und die Kommunikation zwischen den Menschen wurde zunehmend unsichtbar. Der Alltag musste neu organisiert werden. Briefe landeten mehr und mehr im elektronischen Postfach, Bankvorgänge wurde mit dem „neuen Werkzeug“ erledigt, Einzelhandelsgeschäfte verschwanden und die neue Situation zwang die Menschen, zunehmend von zu Hause aus mit Klicks einzukaufen. Verweigerung wurde mit Verlust quittiert und Herta blieb nichts anderes übrig als sich zu fügen.
Als Ruth in die Kita kam, stellte sie andere Fragen.
Und mit dem Schulbeginn war endgültig Schluss mit der Bewahrung.
Hertas Ventil, das Schreiben von Briefen, war jetzt fast durchgehend offen. Ihre Gedanken flossen ungehindert, auch wenn die Antworten ihrer Freundinnen nicht mehr im Briefkasten aus Metall landeten, sondern auf dem Bildschirm, und sie von der einen oder anderen auch gar nicht mehr verstanden wurde.
„Liebe Ina,
