Das Leben ist ein Blaues Buch mit Eselsohren - Gerhard Engbarth - E-Book

Das Leben ist ein Blaues Buch mit Eselsohren E-Book

Gerhard Engbarth

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Beschreibung

Lange schon sucht Sebastian die Pension zum Glück. Als er unvermittelt vor ihr steht und gerne für immer dort bleiben möchte, erfährt er von der Empfangsdame, dass die maximale Verweildauer drei Tage beträgt - und ist enttäuscht. Doch mit dem Zimmerschlüssel überreicht sie ihm ein blaues Buch, in dem Reisen an Orte des Glücks verzeichnet seien. Beim Lesen macht Sebastian die überraschende Entdeckung, dass er an allen Orten schon gewesen ist und dass die Geschichten seine eigenen sind. Als er die Pension nach drei Tagen verlässt, sieht er sich und sein Leben in neuem Licht.

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Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Prolog: Der Alltag als unser Lehrer

Pension zum Glück – die Ankunft

Der Geschichtenerzähler

Fritz Rau

– und der Zauber der Begegnung

Ditmar und die Düssel

– von Schuhen und Schritten

Erde

– New York, 1970

Papa und Mama

– und die eine Religion

Das Engbarthsche Gesetz

Nasrudins Esel

– was uns nährt

Leo, wir leben

– von einem Barometer, das besseres Wetter macht

Jimmy Rogers' Rat

– von Freunden und Sparringspartnern

Das Engbarthsche Gesetz

– von Maxi-Pellets und Geistesblitzen

Nie stimmt immer alles

Am richtigen Platz

– warum es auch unfreundliche Menschen geben muss

Die Beerdigung

– vom Namen und Terminen

Die Um-Gehung

– von Ordnungen und Menschen

Einen im Tee

– von doppelten Verwechslungen

Der Wunschbaum

Die Wunschquelle

– und der Wunschbaum

Kastanien

– von einem Jungbrunnen auf dem Friedhof

Der Wind des Lebens

– und ein rosa Elefant

Was das Herz begehrt

– von Anrufen aus dem Call-Center

Begegnung heisst, ein Fenster öffnen

Ein Kind schaut in die Welt

– vom Zauber der Begegnung

Das Kirchturm-Koan

– eine Begegnung in vier Worten

Der König

– eine Begegnung mit Joachim »Jo« Deckarm

Die Farbe der Haut

– Begegnung mit Hubert Sumlin

Cappuccino mit Hoffnung

Die schönste Widmung meines Lebens

– auf Tour mit den Zydeco Farmers

Cappuccino mit Hoffnung

– vom Glück, nicht im Lotto zu gewinnen

Geschenkte Zeit

– und zweihundert Helden

Das Trutschel-Training

– profesionell entschleunigen

Menschen wie Medizin

Der Engel vom Walldorfer Kreuz

– von Kupplungen und kurzen Wegen

Schmerz und Liebe

– Hut ab vor Schwester Shery

Bammel im Bauch

– und heilende Worte

Der Engel bei der Bank

– die rettende Begegnung

Zum Glück gibt es Freunde

Mein Freund Guxuan

– vom Zauber einer neuen Freundschaft

Das Geschenk

– eine Taschenlampe für die Seele

Mein Freund Johnny

– schwarzer Minnesänger Johnny Young

Ein Märchen

– und ein Satz wie eine ausgestreckte Hand

Dankbarkeit für Fortgeschrittene

Bandscheiben und Kumpelinen

– auf Tournee mit Blue Sister

Danke für die Wertschätzung

– vom Was und Wie

Das Federweißer-Schild

– Dankbarkeit für Fortgeschrittene

Günter Brambier

– ich war sein Chef und Schüler

Ein Baum voll Glück

Kleine, große Jolina

– und die Haarspende

Das Glück

– vom Echo, das lauter als das Rufen ist

Ein Baum voll Glück

– Geschichten als Medizin

Louisiana Red’s Trinkgeld –

von Hunden, Herren und Roadies

Mr. Spocks Vermächtnis

Lina

– ein Lächeln

Von einem Freund fürs Leben

– und vom Sterben

Ich hab dich zu viel lieb

– das große Fest der Cilly Peiser

Mr. Spocks Vermächtnis

– von vollkommenen Momenten und Mist

Ich und Bill Gates

Ich und Bill Gates

– ein verlockendes Angebot

Mit Marmelade und Liebe

– vom besten Brot der Welt

Liebe für ein ganzes Leben

– Lena und Hans

Die Möhre und das Glück

– was uns nährt

Pension zum Glück: Dialog im Krähennest und Abreise

Epilog: Um was es geht – Blues und Alltag

Danksagung

Urheber der Zitate und Fotos

»Noch in meiner Kindheit saßen die Menschen um den Küchentisch herum und erzählten sich ihre Geschichten. Heutzutage tun wir das kaum mehr. Dabei ist es nicht nur ein Zeitvertreib, am Küchentisch geben wir unsere Lebensweisheit an die anderen weiter. Das Erzählen hilft uns, ein der Erinnerung wertes Leben zu leben.

Hinter all diesen Geschichten steckt eine große Geschichte. Je besser wir zuhören, umso deutlicher kristallisiert sich diese Geschichte heraus. Sie handelt davon, wer wir sind, warum wir hier sind und was uns trägt. Und in allen Geschichten geht es um dieselben Dinge, um das Besitzen und Verlieren, den Schmerz und das Staunen, um Mut, Hoffnung und Heilung, um die Einsamkeit und die Erlösung von der Einsamkeit.«

Rachel Naomi Remen

Prolog: Der Alltag als unser Lehrer

Hat Ihnen schon einmal jemand einen Tausendmarkschein Trinkgeld in die Hand gedrückt? Sind Sie schon einmal auf der falschen Beerdigung gewesen? Beides habe ich erlebt.

Auch wenn diese beiden Begebenheiten spektakulär sind, so sind es doch Geschichten, die sich im Alltag ereignet haben, und obwohl sich das Mosaik unseres Lebens aus tausend Alltäglichkeiten zusammensetzt, gebrauchen wir das Wort »Alltag« in der Regel negativ, reden vom »grauen Alltag« und »Alltagsroutine«, von »Alltagsstress« und »alltäglichem Wahnsinn« – und nennen die Ferien »Urlaub vom Alltag«.

Ich aber sehe im Alltag einen Lehrer, der uns rund um die Uhr zur Verfügung steht. Keiner arbeitet konsequenter und effizienter als er. Das müssen Sie mir nicht unbesehen glauben. Setzen Sie sich zu mir an den Küchentisch. Ich will Ihnen von einem Haus erzählen und was ich dort erlebt habe.

Pension zum Glück – Die Ankunft

Nie werde ich den Augenblick vergessen, als ich in N. unvermittelt vor der »Pension zum Glück« stand. Wie lange hatte ich vergeblich nach ihr gesucht, und nun, da ich gar nicht auf der Suche war, stand ich plötzlich vor ihr.

Das Äußere des Hauses und die Fotos der Zimmer im Schaukasten an der Hauswand waren so einladend, dass ich wusste: Hier will ich bleiben. Im Schaukasten war zu lesen: Nähere Informationen an der Rezeption.

Ich öffnete die Tür. Im Eingangsbereich stand eine Empfangstheke mit zwei voneinander getrennten Bereichen, über dem linken das Schild REZEPTION, auf der Theke eine Messingglocke. Ich betätigte sie. Eine Dame, nicht mehr ganz jung, doch keinesfalls alt zu nennen, öffnete den Veloursvorhang hinter der Theke und trat nach vorne.

»Herzlich willkommen. Was kann ich für Sie tun?«

»Sagen Sie mir bitte, was Ihre Zimmer kosten?«

»Gerne. Drei Übernachtungen sind frei«, antwortete die Dame, »Sie sind für 72 Stunden unser Gast.«

»Wie schön! Doch ich möchte gerne länger bleiben.«

»Da muss ich Sie leider enttäuschen. Längere Aufenthalte sind bei uns nicht vorgesehen.«

»Wieso nicht? Ich zahle selbstverständlich dafür. Warum nur drei Tage?«

»Weil unser Haus einzigartig ist. Reisende aus aller Welt wollen hier logieren und für immer bei uns bleiben. Wenn wir dem stattgäben, wäre nicht Platz für alle.«

»Aber das ist doch … «, ich rang um Worte.

Die Dame nickte: »Ich weiß. Jeder ist erst einmal enttäuscht, bis ich an unser Reisebüro verweise.«

»Sie haben auch ein Reisebüro?«

»Gleich nebenan.« Sie wies auf den zweiten Schalter, lächelte und verschwand hinter dem Vorhang.

Ich wandte mich nach rechts und betätigte die dort liegende Glocke. Durch den Vorhang an der Rückwand des Schalters erschien dieselbe Dame und trat vor.

»Was kann ich für Sie tun?«

»Sie haben mich doch gerade abgewiesen.«

»Aber nur in puncto Daueraufenthalt in der Pension. Im Reisebüro kann ich für Sie tätig werden.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Dabei ist es so einfach. Julius Stinde hat es so ausgedrückt: ›Das Glück hat keine Stätte und wir sind nur glücklich, solange wir es suchen.‹«

»Und wie wollen Sie für mich tätig werden?«

»Ich kann Ihnen bei der Suche helfen, Ziele vorschlagen, Verbindungen heraussuchen, Fahrpläne ausdrucken.«

»Gibt es eine Liste der Reiseziele?«

»Aber sicher.« Sie zog ein Buch mit blauem Einband aus dem Regal, nahm einen Schlüssel vom Schlüsselbrett, legte ihn auf das Buch und schob mir beides hin: »Zimmer eins im ersten Stock.« Sie wies auf das Treppenhaus und verabschiedete sich mit einem Kopfnicken. Ich ging die Stufen hoch und schloss die Zimmertür auf. Dann machte ich mich frisch, ließ mich im Ohrensessel nieder und begann zu lesen.

Der Geschichtenerzähler

Fritz Rau – und der Zauber der Begegnung

Menschen sitzen im Kreis. Einer erzählt, die anderen hören zu. Der Erzähler ist 81 und sitzt im Rollstuhl. In seinem Berufsleben ist er der erfolgreichste Konzertveranstalter Europas gewesen.

Fritz Rau nennt das Rezept für seinen Erfolg: Jeden Morgen eine Stunde früher aufstehen als die Konkurrenz und jeden Abend mehr als eine Stunde länger arbeiten.

Wenn er erzählt, was er mit Bob Dylan, Mick Jagger und Michael Jackson erlebt hat, interessiert das besonders diejenigen Zuhörer, die früher seine Konzerte besucht haben.

Doch nicht nur von seinen Erfolgen erzählt Fritz Rau, sondern auch von den Fehlern, die er gemacht hat, von seinem Scheitern, dass er den beruflichen Erfolg mit sträflicher Vernachlässigung seines Familienlebens bezahlt hat, dass ihm nach dem Eintritt in den Ruhestand die Decke auf den Kopf gefallen ist und er Depressionen bekam, aus dem Gefühl heraus, das Leben sei vorbei, es käme nun nichts Neues mehr, und er könne nur noch auf den Tod warten.

Als er das sagt, ist es mucksmäuschenstill. Jeder merkt: Was er von sich offenbart, hat auch mit mir zu tun. Der Mann ist echt, weil er die Schattenseiten nicht ausspart. Dunkel und Angst sind Teil auch unseres Lebens. Manchmal stehen wir am Abgrund und kein Rang, kein Titel, keine Verdienste, die wir vielleicht erworben haben, sind noch von Belang, nichts, was wir jemals waren, hat Gewicht, es zählt allein, was wir jetzt sind und wie wir zu unserem Schicksal stehen, ob wir es annehmen oder mit ihm hadern – und die Beziehungen zu jenen zählen, deren Wege wir kreuzen.

Menschen sitzen im Kreis und erzählen einander Geschichten seit tausend Generationen, früher in Felle gehüllt, um ein Feuer herum auf der Erde kauernd, heute in geheizten Räumen, auf gepolsterten Stühlen sitzend.

Geschichtenerzähler sind erfahrene Männer und Frauen, die ihren Schatz an Lebenserfahrung weitergeben an die Jüngeren. Sie sind existentiell wichtig, weil sie trotz Dunkel und Angst »dennoch« sagen, einen Lobpreis auf die Liebe singen und das Lied der Dankbarkeit anstimmen.

Eine Zuhörerin aus dem Kreis sagt hinterher, sie habe das Gefühl, der 81-jährige Fritz Rau sei beim Erzählen immer jünger geworden und sie hätte ihm noch stundenlang zuhören können – sie hat den Zauber echter Begegnung erlebt.

Während des Lesens hatte ich die Empfindung, ein Déja-vu zu erleben. Es klopfte.

»Herein.«

Die Dame öffnete die Tür einen Spaltbreit: »Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber ich hatte vergessen, Ihnen mitzuteilen, dass um zwölf Uhr im Speisesaal das Mittagsmenü serviert wird.«

»Oh ja, danke für die Information, ich werde da sein.«

Ich blätterte im Blauen Buch und blieb an folgender Geschichte hängen.

Ditmar und die Düssel – von Schuhen und Schritten

Im Juni 1969 machte ich Abitur. Im Juli wurde ich 19 und hatte keine Ahnung vom Leben. Das Studium sollte im Herbst beginnen. So nahm ich im Sommer an der »Ökumenischen Aktion 69« teil, zu der sich 120 junge Menschen aus aller Welt in Düsseldorf trafen, um mit Sozialarbeitern vor Ort die sozialen Brennpunkte einer Großstadt in praktischer Arbeit kennenzulernen. Ich hatte mich für die Gruppe entschieden, die drei Wochen lang mit Kindern aus der Notunterkunft Tichauer Weg Ferienaktivitäten unternehmen wollte: Ausflüge machen, ins Schwimmbad gehen, ein Kinobesuch, ein Zoobesuch; bei schlechtem Wetter würden wir basteln.

Für einen strahlend heißen Julitag hatten wir ein Picknick vorbereitet und alles besorgt, das es braucht, Kinderherzen höher schlagen zu lassen: Grillwürste, Senf, Ketchup, Mayo und drei Körbe voller Brötchen und Getränke. Unser Ziel war eine Wiese am Waldrand, auf der die Kinder nach Herzenslust spielen konnten: toben, verstecken, Fußball spielen und Holz für das Grillfeuer sammeln.

Durch die Wiese lief ein Bach, den die Kinder »de Düssel« nannten. Ich muss erwähnen, dass für die Kinder jedes Gewässer »Düssel« hieß. Sie zogen die Schuhe aus, plantschten im Wasser und spritzten sich nass, dass es die helle Freude war. Für uns Betreuer war der Bach ideal, weil er einerseits so flach war, dass kein Kind darin ertrinken konnte, andererseits strömte er so frisch und flott dahin, dass niemandem langweilig wurde.

Mit seinen blonden Locken sah der achtjährige Ditmar wie ein Barockengel aus, ein stiller Junge, ein Denker, von den anderen oft gehänselt, doch ließ er sich nicht unterkriegen. Er baute ein Wehr in die Düssel hinein.

Nach und nach kamen die Kinder aus dem Wasser, nur Ditmar baute düsselaufwärts noch an seinem Wehr. Max versteckte einen von Ditmars Schuhen und rief: »Ditmaaar, deine eine Schuh is in de Düssel jefallen.« Ditmar sprang aus dem Wasser, rannte zu uns her und suchte mit den Augen die Düssel nach seinem Schuh ab, doch kein Schuh war zu sehen. Max rief: »Zu spät! Deine Schuh is fortjeschwommen.«

Für Momente war Ditmar starr vor Schreck, dann zuckte er die Achseln: »Jeschimpft krieg ich sowieso, watt soll ich noch mit die andere Schuh?«, nahm ihn und warf ihn ins Wasser. Sprachlos starrten alle dem Schuh nach, den die Düssel mit sich forttrug, bis Max den ersten Schuh aus dem Versteck holte: »Is doch nur Spaß jewesen, Ditmar.«

Der Scherz hatte eine tragische Wendung genommen. Ditmar schluckte, Tränen liefen ihm übers Gesicht, er weinte. Ich nahm ihn in den Arm, um ihn zu trösten. Wir überlegten und fanden schließlich die Lösung: Wir würden Ditmar neue Schuhe kaufen. Auf dem Heimweg machten wir an einem Schuhgeschäft Halt, und er durfte sich das Paar aussuchen, das ihm am besten gefiel. Wie war er stolz, als ihm alle, halb bewundernd, halb eifersüchtig, dabei zuschauten, wie er sich für ein Paar quietschgrüner Sandalen entschied.

Vom Sommer 1969 ist mir zweierlei in Erinnerung geblieben: Neil Armstrongs erster Schritt auf dem Mond, den er kommentierte, es sei »ein kleiner Schritt für einen Menschen und ein riesiger Sprung für die Menschheit« – und Ditmars erster Schritt in den grünen Sandalen. Für die Menschheit mag er von geringer Bedeutung gewesen sein, doch für Ditmar und uns alle, die es miterlebten, war es der riesigste Sprung, der sich denken lässt.

Die Empfindung des Déjà-vu war stärker geworden. An der Stelle mit den grünen Sandalen war es so intensiv, dass ich nicht nur die Schuhe vor Augen hatte, sondern auch das Leder riechen und die Zwirnsnähte unter den Fingerspitzen spüren konnte. Ich legte das Blaue Buch aufgeklappt auf die Lehne des Ohrensessels und ging zum Speisesaal, in dessen Mitte ein einziger Tisch eingedeckt war. Neben dem Teller standen ein Kristallglas und zwei Karaffen, die eine mit Rotwein, die andere mit Wasser gefüllt. Ich setzte mich. Als die Dame an meinen Tisch trat, erwartete ich, dass sie mir die Speisekarte vorlegen würde, doch sie stellte einen Teller dampfend heißer Suppe vor mir ab.

»Ich wünsche guten Appetit«.

»Danke.«

Die Kürbiscremesuppe schmeckte köstlich. Als Hauptspeise gab es Gnocchi Gorgonzola – ich liebe Gnocchi Gorgonzola. Zum Nachtisch luftig-leichte Orangencreme, garniert mit Wibele, Mini-Plätzchen aus Eiweißschaum, die mich regelmäßig in Ah- und Oh-Rufe ausbrechen lassen, wenn ich Freunde im badischen Pforzheim besuche.

Nach dem Essen kehrte ich in mein Zimmer zurück und ließ mich im Sessel nieder. Ich nahm das Blaue Buch von der Lehne und las.

Erde – New York, 1970

Der Mann ist alt und schwarz. Er hebt die Bierdose und nickt mir zu: »Cheers!« Ich proste zurück, ihm und den anderen drei Männern auf der Parkbank mir gegenüber. Wir trinken. Lagerbeer. Zu kalt und zu leicht, um sich zu betrinken, wenn man deutsches Bier gewohnt ist.

Die Bänke stehen auf dem Grünstreifen, der den Broadway in New York teilt: Rechts von mir vier Straßenspuren in Richtung Norden, links vier nach Süden.

August 1970, und ich bin zwanzig. Lori und Linda wollten mich mitnehmen ins Kino, zu zwei Kultfilmen mit W. C. Fields und Mae West. Die am Broadway gesehen zu haben, sei cool. Ich habe ihnen gesagt, sie sollten ohne mich ins Kino gehen. Ich wollte lieber einen Sixpack Bier kaufen und mir draußen auf der Straße den Live-Film anschauen.

Der alte Mann sieht mich an. »Hast du jemals Erde gerochen, wenn sie gerade gepflügt worden ist?«

Ich schüttele den Kopf.

»Unten in Mississippi ist sie schwarz. Gute, schwarze Erde! Und du weißt nicht, wie sie riecht, Mann? Da bist du arm dran.«

Ich zucke die Achseln und der alte Mann schließt die Augen: »Großvater hatte zwei Maultiere zum Pflügen, Lula und Belle. Ich war fünf oder sechs, und jeden Morgen bei Sonnenaufgang bin ich mit ihm raus aufs Feld gegangen. Kannst du dir vorstellen, wie sehr ich den Duft der schwarzen Erde vermisse?« Ich nicke impulsiv, na klar, kann ich das. »Yes, I can.«

Der alte Mann sieht mich prüfend an. Dann schüttelt er den Kopf: »No, you cannot!« Ruhig und fest sagt er das – und ich weiß, er hat recht. Und er spricht weiter: »Wenn die Sonne aufgeht, dampft die Erde, und sie erzählt dir ihre Geschichte. Wenn du gut zuhörst, kannst du dabei ’ne Menge über dich selbst erfahren, aber du musst still sein und den Schnabel halten. Die Erde spricht nicht zu Schwätzern.«

Wir trinken unsere Bierdosen leer. Der alte Mann hat nichts mehr zu mir gesagt.

o

Gestern habe ich vier Rosenstöcke gesetzt, in dem Beet entlang der Mauer zur Haustür. Da ist mir diese Begegnung in New York wieder eingefallen. 50 Jahre ist das her.

In meiner Heimat an der Nahe ist die Erde nicht schwarz wie in Mississippi; rotbraun und lehmig ist sie hier. Ich habe die Rosenstöcke auch nicht bei Sonnenaufgang früh am Morgen gepflanzt, es war später Nachmittag, bei leichtem Nieselregen. Aber gerochen habe ich die Erde, und sie hat zu mir gesprochen. Sie hat mir gesagt, dass ich reich bin.

Als ich gähnte und merkte, wie müde ich war, legte ich die Füße hoch und las die nächste Geschichte auf dem Bett liegend.

Papa und Mama – und die eine Religion

Etliche Jahre schon esse ich meinen Döner bei Nurettin Durmus. Manchmal fragt er, ob ich einen Tee mit ihm trinken möchte. Ich mag das türkische Nationalgetränk im Allgemeinen, mit Nurettin trinke ich es besonders gerne. Er bringt die zwei tulpenförmigen Gläser, setzt sich zu mir, und wir tauschen Mosaiksteine unserer Biografien aus. So hat sich mit der Zeit mein Bild von seinem Leben zusammengesetzt.

1960 ist Nurettin in Ankara zur Welt gekommen. Als er zehn war, ging sein Vater Ahmed nach Deutschland. Zwei Jahre später kam die Familie nach. Als 1973 alle zum ersten Urlaub in die Türkei fuhren, starb der Vater am ersten Urlaubstag an einem Herzinfarkt. Die Familie kehrte zurück nach Deutschland, und Nurettin machte in Oberdiebach eine Lehre als Bauschlosser. Danach fuhr er jahrelang Omnibusse mit Reisegesellschaften quer durch Europa. Des Reisens müde, wurde er Mitarbeiter im Restaurant »Sultan« in Bad Kreuznach und zog Ende der 90er Jahre nach Sobernheim, wo er sein eigenes Restaurant »Bella Türkiye« eröffnete.

Als wir dort zusammensitzen, sagt er: »Ich freu’ mich so. Heute kommen Papa und Mama zum Kaffeetrinken.«

Ich stutze: »Papa und Mama? Ich denke, dein Vater ist schon lange tot.«

Nurettin sagt: »Heute kommen meine deutschen Eltern.«

»Das musst du mir erklären«, antworte ich.

Er lacht: »Sei zum Kaffeetrinken hier, dann lernst du sie kennen und hörst die Geschichte.«

Als ich komme, sind Manfred und Wilma Hoffmann schon da. Nurettin stellt mich vor und bietet mir Platz an. Ich setze mich. Die Hoffmanns sind hoch in die 80 und waren im Beruf Gymnasiallehrer, Manfred in Kirn und Wilma in Bad Kreuznach. Als sie im »Sultan« aßen, wurden sie von Nurettin bedient. Er war ihnen auf Anhieb sympathisch, und die Hoffmanns wurden Stammgäste. Nurettin erinnert sich mit einem Lächeln: »Sie haben immer das Gleiche gegessen: Papa einen Dönerteller mit Reis, viel Knoblauchsoße und Brot und Mama eine türkische Pizza.«

Nurettins Frau Fatma bringt ein Kind zur Welt, Tochter Günseli. Nurettin erzählt vom freudigen Ereignis. Die Hoffmanns besuchen Fatma im Krankenhaus, um ihr zu gratulieren und bringen Obst und Schokolade mit. Als die-Ärzte feststellen, dass Günseli einen Herzfehler hat, wird das sechswöchige Kind zweieinhalb Monate in der Uniklinik behandelt. Nurettin muss jeden Tag eine Flasche Muttermilch nach Mainz bringen. Weil er kein eigenes Auto hat, leiht er sich eines bei seinem Arbeitgeber. Die Hoffmanns hören das – und handeln: Manfred Hoffmann übergibt Nurettin seine Autoschlüssel und sagt: »Du kannst das Auto so lange haben, bis das Kind gesund ist.« Nurettin ist überglücklich und fragt die beiden, die keine eigenen Kinder haben: »Darf ich Papa und Mama zu euch sagen?«