Das Leben ist ein Rosinenbrötchen - Sigrid Minrath - E-Book

Das Leben ist ein Rosinenbrötchen E-Book

Sigrid Minrath

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Beschreibung

Mit scharfer Beobachtungsgabe und feinem Sprachwitz erzählt Sigrid Minrath von Freuden, von großen und kleinen Missgeschicken, von Freundschaft, Liebe und Familie.

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Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Grünkohl

Ein ganz normaler Samstag

Freundinnen

Mein Meer

Der Morgen danach

Weißt du noch?

Fleisch ist ein Stück Lebenskraft

Besuch auf See

Brief an Hanna

Meine Straße

Schwimmen lernen 1

Schwimmen lernen 2

Schwimmen lernen 3

Ferienjob auf der Insel

Ich liebe das Ende der Saison

Ausgebüxt

Meta und Emil

Kind Diverdine

Dank

Grünkohl

Ich habe meine Oma lieb. Aber heute nicht.

Schon an der Ecke beim Bäcker kann ich es riechen: Heute gibt es Grünkohl. Ich gehe extra langsam, aber es nützt nichts. Schultasche in die Ecke, Hände waschen, Haare kämmen, ordentlich hinsetzen. Meine Oma ist streng.

Sie hat viel Arbeit gehabt. Man muss in den Garten gehen und den Grünkohl pflücken, ganz oft waschen, denn Raupen mögen Grünkohl gerne. Dann muss man ihn hacken und kochen, Graupen und Speck und Wurst dazugeben und lange rühren und aufpassen, damit ja nichts anbrennt. Sie schiebt eine große Menge Kohl in dem alten Kochtopf hin und her, der vom vielen Rühren schon ganz dünn geworden ist. Es ist viel zu warm in der Küche, aber das Fenster darf man nicht aufmachen, weil wir heizen. Ich stelle meine Nase ab und hole nur noch durch den Mund Luft, damit ich die saure, speckige Luft nicht riechen muss. Das ist anstrengend und geht eine Weile gut, bis Oma mich fragt, ob ich erkältet bin.

Dann stellt sie mir den Teller hin – darauf ist ein riesiger Berg dunkelgrüner, matschiger Kohl, der fettig glänzt und viel Dampf macht. Auf einem großen Stück gestreiftem Wabbelspeck liegt eine gepunktete Wurst, die bestimmt gleich platzt, die Kartoffeln kann ich gut leiden. Meine Oma sagt, ich soll jetzt tüchtig essen, damit ich groß und stark werde, da sind ganz viele Vitamine drin, ich soll mal sehen, dass ich ordentlich was auf die Rippen kriege, ich bin ja viel zu dünn. Nur wenn der Teller leer ist gibt es Nachtisch und scheint morgen die Sonne. Den leckeren Saft kriege ich erst, wenn ich fertig bin, denn sonst ist in meinem Bauch kein Platz mehr für den Kohl, der mir beim Wachsen hilft.

Die Schwarte vom Speck darf ich abschneiden, da sind noch Borsten dran vom toten Schwein. In der Wurst ist auch was vom Schwein drin und ich möchte gerne wissen, wo beim lebendigen Schwein die vielen festen Fettklümpchen waren. Ich schiebe etwas Kohl auf die Gabel und puste ganz lange und piekse dann vorne noch ein Kartoffelstück drauf, damit der Kohl nicht so alleine ist. Alleine schmeckt er nämlich am schlimmsten. Ich ziehe die leere Gabel aus dem Mund und versuche zu schlucken. Wenn ich nicht kaue und meine Nase abgestellt lasse, schmecke ich den Kohl nicht so doll. Aber im Mund weiß der glibschige Kohl nicht, wo er hinsoll, auf dem Weg in den Bauch bremst er und kommt zurück. Ich muss würgen und das macht so ein Geräusch, dass meine Oma mich ganz böse anguckt. Deswegen gebe ich mir jetzt noch mehr Mühe und schlucke, bis der Kohl im Bauch angekommen ist. Davon kriege ich eine Gänsehaut, meine Augen brennen und ich bin ganz müde. Ich schiebe den Kohl auf meinem Teller hin und her, baue kleine Berge, von denen grüngelbes Fett kullert, in dem Kartoffelstücke baden. Meine Oma schimpft, es ist eine Sünde, so mit Essen rumzumatschen und andere Kinder auf der Welt müssen hungern. Ich muss froh sein, dass ich immer einen vollen Teller habe.

Jetzt ist das Essen kalt.

Es ist schon spät, ich muss so lange am Tisch sitzen bleiben, bis alles aufgegessen ist. Meine Oma wäscht längst ab und murmelt mit dem Geschirr. Sie hat ihren Teller immer leer gemacht, sie hat einen breiten Rücken und dicke Arme. Jetzt geht sie in den Keller, wo der Nachtisch steht. Ich bin alleine mit meinem verschmierten, halbvollen Teller und dem unbewachten Grünkohltopf auf dem Herd. Ich halte die Luft an, traue mich kaum. Was passiert, wenn sie jetzt zurückkommt? Aber die Anstrengung hat mich mutig gemacht. Ganz leise stehe ich auf, nehme meinen Teller und schiebe den kalten Kohl und die Fettwurst in den Topf zurück und fühle mich ganz leicht.

Der Pudding ist süß und weich und ich habe meine Oma wieder lieb.

Ein ganz normaler Samstag

Wahrscheinlich kann ich meinem Fahrrad die Schuld für meine Abneigung gegen Quark in die Felgen schieben.

Ein träger Samstag schleicht durch das Haus, Vorbote eines noch müderen Sonntags. Die Mutter auf dem langen Sofa, die Oma auf dem Sofa mit den vielen Kissen – Mittagsruhe. Von ein Uhr bis halb vier sollte ich mich besser nicht bemerkbar machen, diese Pause ist ihnen heilig. Mein Rucksack ist schnell gepackt: die kleine Decke, ein Buch, ein Apfel, eine Capri-Sonne – ausnahmsweise.

Auf Zehenspitzen gehe ich in die Küche und lege einen Zettel auf den Tisch: „Bin mit dem Rad unterwegs, komme pünktlich wieder.“

Durch den Keller gelange ich geräuschlos zu meinem Rad. Ganz langsam öffne ich das quietschende Gartentörchen, atme tief durch und kann dann endlich losfahren. Der Wind ist frisch, die Wolken fliegen und ich fliege auch. Schnell, immer schneller lasse ich die Häuser hinter mir. Streckenweise nehme ich die Hände vom Lenker und lege sie zufrieden vor den Bauch. Hier auf dem Land riecht die Stille ganz natürlich, nach frisch gemähtem Gras, nach dem Fluss hinter dem Deich.

Ich trete schneller in die Pedale, als ich die zwei langgezogenen Signale eines Schiffes höre, das ich noch nicht sehen kann. Oben auf dem Deich angekommen - ziemlich aus der Puste - wandern meine Augen über den Fluss, der flott zur Nordsee unterwegs ist. Vor der Emsbrücke dümpeln zwei große feine Segelboote, für die der Brückenwärter die beiden Flügel der Brücke nach oben fahren muss.

Im Schneidersitz auf meiner Decke genieße ich den Blick über die Polder, Felder und den glitzernden Fluss bis hinüber zum Deich auf der anderen Seite. Die Deichschafe haben keine Scheu, einige von ihnen rupfen das Gras rings um meine Decke ab. Ich beiße in meinen dicken Apfel und schmatze mit ihnen um die Wette. Was die können, kann ich auch.

Die würzige Luft, der Westwind und meine Fantasiereise, die mich auf die Boote führt, vertreiben den Mief aus meinem Kopf. Die Segel ziehen unter der Brücke hindurch, langsam schließt sie sich wieder. Die Boote nehmen Fahrt auf und werden immer kleiner. Mit geschlossenen Augen liege ich auf meiner Decke und höre den Kiebitzen und Möwen zu. Die späten Wellen der Boote schlagen ans Ufer, auf dem Schornstein der verfallenen Bauernkate klappert ein Storchenpaar im Nest aus den Vorjahren.

Kalte Füße habe ich von der feuchten Luft, als ich aus einem Traumland wieder am Deich, an der Ems, auf meiner Decke in den Himmel blinzle. Wattewölkchen mahnen zum Aufbruch, ich versuche wirklich immer pünktlich zu sein. Aufstehen, recken. Ich schaue mich noch einmal um, sauge auf, was mir hier geboten wird und nehme es mit. Auf der Fahrt nach Hause pflücke ich noch einen Strauß Blumen für meine Mutter. Ich habe Rückenwind, leider.

Zu spät für den Tee, zu früh für das Abendbrot, der unausgesprochene Vorwurf klebt in der Luft. Bevor ich mein Fahrrad in den Schuppen stellen kann, nimmt meine Mutter mir die Blumen ab und drückt mir fünfzig Pfennig in die Hand. Für das Abendbrot soll ich Sahnequark beim Anton holen. Manchmal gibt sie mir einen zusätzlichen Groschen für eine Portion Sahne in der Waffel. Heute nicht.

Anton ist unser Milchmann. Jeden Vormittag um die gleiche Zeit kommt er mit seinem großen Wagen durch unsere Straße, bimmelt mit einer Glocke die Nachbarschaft herbei und verkauft Milch, Gouda und Tilsiter, Quark und Eier. Aus vielen Häusern kommen die Frauen, in Schürzen, mit Kannen und Schüsseln, um Antons Ware und seinen neuesten Tratsch einzukaufen. Hier trifft sich die Nachbarschaft, ein kurzer Schnack, aufgewärmte Gerüchte, ein Hast-du-schon-gehört.

Anton ist bekannt wie ein bunter Hund, er kommt viel rum im Ort und weiß mehr als in der Zeitung steht. Vor ein paar Wochen hatten seine flinken Augen mein verschwundenes Fahrrad in der Nähe vom Friedhof entdeckt. Er befestigte es einfach an seinem Wagen und lieferte es am nächsten Tag bei mir ab.

Anton wusste, jeder wusste, dass dieses besondere Rad zu mir gehörte. Es hatte mich viele Stunden Arbeit und rissige Finger gekostet. Sorgfältig hatte ich das Gestell rundherum angeschmirgelt, die pudrigen Überbleibsel mit einem Lappen abgewischt und dann alles mit einem saftigen Grün angemalt. Die getrocknete Farbe bekam unzählige gelbe Punkte, alle nicht größer als ein Pfennig, oberhalb des meistens funktionierenden Vorderlichts befestigte ich einen Kerzenhalter. Und darin eine Kerze, versteht sich.

Wenn man sich auch nicht nach mir umdrehte – nach meinem Fahrrad schon!

Also mache ich mich noch einmal auf den Weg, es ist nicht weit bis zu Antons Milchgeschäft auf dem rumpeligen Kopfsteinpflaster.

„Na, was darf’s denn sein, Sigrid? Deine Mama hat mich heute Morgen wohl vergessen, was?“

„Moin, Anton, ich soll für fünfzig Pfennig Quark holen.“

Anton nickt, im weißen Kittel steht er hinter dem Tresen und wiegt den Quark auf einem kleinen Pappteller ab, den er dann mit einem Stück Papier umwickelt.

„Keine Sahne heute?“, fragt er mit schief gelegtem Kopf.

Meine Antwort wartet er nicht ab. Die Sahnemaschine spuckt eine ordentliche Portion in die Waffel, die Anton mir mit dem Quarkpäckchen über den Tresen reicht.

Artig bedanke ich mich. Mit dem Quark im Fahrradkörbchen schiebe ich mein Rad bis ich den letzten Waffelkrümel und den letzten Sahnegeschmack von der Oberlippe geleckt habe.

Oh, jetzt aber dalli nach Hause, ich habe ganz schön getrödelt. Da rasselt mir die Kette vom Rad, mal wieder! Das Theater kenne ich schon, das ist blöd, aber ich weiß mir schnell zu helfen. Das Rad schiebe ich auf den Gehweg, das Quarkpäckchen nehme ich aus dem Körbchen, lege es auf den Boden und drehe mein Rad auf den Kopf. Lenker und Sattel halten es so, dass ich gut an die Kette kommen kann, die ich mit spitzen Fingern hin- und herziehe, bis sie sich gut auf das Zahnrad legen lässt. Dann drehe ich das Rad wieder um, hocke ich mich daneben und bewege die Pedale noch einmal hin und her, schiebe das Rad ein kleines Stück vor und zurück – Kette sitzt. Nur schmierige Finger habe ich, sonst ist jetzt alles wieder in Ordnung.

Bis ich das Quarkpäckchen auf dem Bürgersteig entdecke.

Mitten durch das kleine Paket habe ich mein Fahrrad geschoben, an beiden Seiten der Packung quillt die weiße Masse auf den Boden. Nein, so ein Mist! Da wird meine Mutter garantiert ziemlich sauer auf mich sein.

Der Abendbrottisch ist gedeckt, meine Mutter trägt nun eine weiße Schürze, denn es geht ja auf Sonntag zu.

Ich könnte sagen, dass der Quark alle war, aber dann hätte ich ja das silberfarbene Geldstück auf den Tisch legen müssen. Außerdem kriegt meine Mutter sowieso immer alles heraus. Mein banger Versuch, zu erklären was passiert war, verfängt sich in den blickdichten Gardinen und hallt von den holzgetäfelten Wänden wider.

Wenn sie doch wenigstens einmal laut werden, mal so richtig schimpfen würde. Ihr enttäuschter Mutterblick schrammt in mein Herz und ich wünsche mir eine Ohrfeige oder zwei, damit ich diesen Schmerz in mir nicht spüren muss.

„Es ist einfach so passiert“, versuche ich es noch einmal. „Es tut mir leid, dass ich den Quark überfahren habe.“

Kopfschüttelnd setzt sie sich an den Tisch: „Du bist zu dumm zum Milchholen.“

Freundinnen

Wie viele Jahre war ich schon nicht mehr hier gewesen! Manchmal vermisse ich sie noch: ihre blaublauen Augen, ihren Witz, ihre Kreativität, ihre giggelnde Freundschaft. Weggezogen ist sie schon vor langer Zeit, vielleicht ist sie glücklich mit dem alten Mann, den sie geheiratet hat. Die Brücken zum Gestern hat sie abgerissen. Alle.

Die Klingel an der Tür scheppert wie früher und hallt durch die geräumige Diele. Als ich von der Haustür aus auf der Fensterbank des Wohnzimmers die Plastik-Ostereier im kränkelnden Weihnachtsstern entdecke, ist es für einen Rückzug schon zu spät. Ihre Mutter öffnet mir, braucht einen Moment, um mich nach den vielen Jahren als die zu erkennen, die ich damals war: Elkes beste, allerbeste Freundin.

Sie zieht mich ins Haus, drückt mich an sich und dann in einen Sessel.

„Ich hol‘ uns was zu trinken, bin gleich wieder da.“ Schneller als sie eigentlich kann, geht sie zur Küche, dreht sich auf halbem Weg zu mir um: „Was ist das schön, dass du mich besuchst! Ich freu‘ mich so!“

Eingesunken in die Kissen blicke ich mich im Zimmer um, nichts hat sich hier verändert seit damals.

Wir waren vierzehn, fünfzehn Jahre alt und Elkes Mutter, diese laute, distanzlose Nervensäge störte uns gewaltig. Zwar versorgte sie uns mit Kakao und Saft, mit Keksen und Salzstangen, aber immer wieder drängelte sie sich unter einem neuen Vorwand in Elkes Zimmer. Elke schimpfte ihre Mutter dann meistens ziemlich laut vor die Tür – ich bewunderte sie für ihren Mut! Manchmal schlossen wir von innen ab.

Nur hier bei Elke hatten wir genug Platz, um unsere Radtouren zu planen. Sechs alberne Mädchen mussten Karten ausbreiten, Notizen machen, Listen anfertigen, Aufgaben untereinander aufteilen. Elke war die einzige aus unserer Gruppe ohne Geschwister, sie hatte ein riesiges Zimmer - sogar mit Fernseher. Als einzige von uns ließ sie sich regelmäßig die Haare beim Friseur schneiden, hatte immer Geld in der Tasche, ging mit ihren Eltern jeden Sonntag in ein Restaurant.

Unser Motto: sieben Tage, sieben Nächte. Über die Strecke waren wir uns schnell einig. Hauptsache fahren, Hauptsache zusammen sein, raus hier. Am liebsten nach Holland, denn das war schließlich ein Reiseabenteuer im Ausland. Direkt nach der Ausweiskontrolle an der Grenze war schon alles ein bisschen anders – nicht nur die Sprache, das Geld und der Brotbelag aus Schokoladenstreuseln. Wir fühlten uns erwachsen, die Welt wartete auf uns.

Auf die ersten Überlegungen und Planungen (wohin, wann, wer, was) folgte der praktische Teil: Ausweise für die Jugendherberge mussten beantragt und die leider oft notwendigen Regenhosen angefertigt werden. Nicht nur, weil uns das Geld für eine solche Hose von der Stange fehlte, sondern vor allem, weil wir so viel Spaß daran hatten, stellten wir uns vor jeder neuen Tour ein Unikat her.

Schere und Tacker, Begeisterung und viel Gegacker. Und bald hatten wir aus einer Sammlung großer Einkaufstüten aus Plastik Regenhosen angefertigt, die sich später in der Praxis erstaunlich gut bewährten. In der Hoffnung auf ein kleines Sponsorengeld schickten wir einmal der Firma Wiesenhof ein Foto von sechs Mädchen in Tütenhosen mit Hähnchenlogo. Wir bekamen noch nicht einmal eine Antwort, leider.

Ohne Kopfbedeckung ging gar nichts. Die beiden Doros waren flink mit Nadel und Faden, für unsere Gruppe nähten sie Kopftücher aus blauem, mit weißen Fahrrädern bedrucktem Stoff. Wir banden sie im Nacken zusammen und fanden uns damit sehr schick. Bei Touren im Herbst trugen wir alle eine graue Pudelmütze.