Das Leben ist eine Windmühle - Ben Bergner - E-Book

Das Leben ist eine Windmühle E-Book

Ben Bergner

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9,99 €

Beschreibung

In seinen erotischen Wunschträumen hatte sich Gabriel das Eheleben ganz anders vorgestellt. Während Gattin Nuki als Käse verkaufende "Frau Antje" Karriere macht und eher nebenbei Nachwuchs auf die Welt bringt, läuft bei ihm gar nichts mehr. Erfolg im Beruf – Fehlanzeige. Auch müsste man erst mal einen haben. Den Hausmann geben wäre nicht schlecht, doch der ist im holländischen Familienmodell nicht vorgesehen. Im Liebesleben herrscht völlige Flaute, die Großfamilie nervt, ganz zu schweigen von den durchgeknallten Nachbarinnen …

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EPUB

Seitenzahl: 231

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Besuchen Sie uns im Internet unter

www.langen-mueller-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook:

2013 LangenMüller in der

F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung und Illustration: www.atelier-sanna.com, München

Satz und eBook-Produktion:

Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

www.Buch-Werkstatt.de

ISBN 978-3-7844-8172-2

Inhalt

Alles Käse!

»Besser als krank!«

Lekker ding

»Als Mama noch ’ne Frau war«

An der Nordseeküste…

Mr. Lover Loverchen

Tauziehen um Remco

Meine neue beste Freundin

Huzarensalade

Masterplan auf Holländisch

Mein erster Einsatz

Freunderabatt

Die vla-Verschwörung

Michelle Hunziker

»Binnen en buiten«

Doopfeest

»Appeltje, Appeltje!«

Frittendiesel

»Hartelijk felicitiert«

Familie

Karriere

Huub, die »Mädelsrunde« und ich

Hanneke

Die Prophezeiung

Einmal Tracht, bitte!

Pommeskönig

Sex

Das Leben ist eine Windmühle

Kleine holländische Namenskunde von A–Z

Alles Käse!

Es ist das letzte Mal, dass ich an Sex denke. Richtig lekkeresex. Nicht nur ein vluggertje, ein Quickie, sondern das ganze Programm, mit ganz viel Vorspiel, Nachspiel und eben Tatütata. Aber leider handelt es sich bei meinem Ausblick nur um eine Fata Morgana. Eine optische Täuschung, die genau vor mir in unserem Schlafzimmer steht. Ich liege im Bett, und meine kleine Frau Antje macht sich für ihren letzten Arbeitstag vor der Geburt fertig. Sie hat ihre Tracht angezogen, sich zwei Zöpfe geflochten, den Ausschnitt ganz tief nach unten gezogen und setzt dann noch zur Krönung ihren lustigen weißen Volendam-Hut auf. An dieser Stelle müsste jetzt eigentlich die Schulmädchennummer folgen. Tut sie aber nicht, denn mit einer Fata Morgana hat man keinen Sex. Das klappt noch nicht mal in Holland. Anouk, Pardon, Frau Antje, muss jetzt auf einer Messe Umsatz machen. In Holland verdient man mit einer Illusion viel Geld. Meine kleine Nuki hat die Branche gewechselt und ist jetzt nicht mehr Key-Account-Managerin für Bier, sondern für Käse.

Anouk steht vor dem Spiegel und ist kreuzunglücklich. Wenn gilt, Sex sells, dann ist das nicht nur ihr letzter Arbeitstag vor der Geburt, sondern auch ihr letzter für immer und ewig in ihrer Firma. Nach acht Monaten Schwangerschaft und Arbeitswochen von durchschnittlich 60 Stunden sieht meine Nuki ganz schön mitgenommen aus. Die Beine sind durch das viele Wasser in Venen und Gewebe angeschwollen, ständig rennt sie aufs Klo, dann die Rückenschmerzen oder das Taubheitsgefühl in Händen und Füßen und natürlich die Sehschwäche. Noch schlimmer als die ständige Unzufriedenheit mit den Folgen der Schwangerschaft sind für sie nur ihre Kollegen! Die werden wieder ordentlich über mijn lief herziehen, wenn sie in ihrer Tracht auf der Messe auftaucht, nur weil ihr Chef das lustig findet– so als Frau Antje am Käsestand. Als Anouk letzte Woche statt um 19 Uhr mal um 17 Uhr nach Hause gehen wollte, bekam sie zu hören: »Na, wieder den halben Tag freimachen!« Ja, knüppelhart die Käsebranche. Keine paradiesischen Zustände wie in ihrer alten Bierfirma, wo die Kollegen nachmittags schon besoffen unter dem Tisch lagen. Ihr jetziger Chef hat sich bereits mit ein paar netten Worten in den Urlaub verabschiedet: Sie solle doch bis zur Geburt noch, wenn möglich, erreichbar sein, ihre Mails checken und die Firma bei Rückfragen nicht länger als einen Tag warten lassen. Dazu muss man wissen, dass Frauen in Holland nach der Geburt grundsätzlich nur drei Monate pausieren. Danach erwartet die Firma, dass Mami wieder zu hundert Prozent einsatzfähig ist. Dafür gibt es für Frau Antje & Co. aber auch immer genug freie Krippenplätze und keine Endloswartelisten wie in Deutschland.

Auch was das Wohnen betrifft, haben wir uns verändert. Unser Hausboot mussten wir aufgeben. Es war durch den Unfall bei unserer Hochzeit nicht mehr zu reparieren. Wir wohnen jetzt in Averecht, einem Dorf in der Provinz Limburg, in einem kleinen Backsteinhaus in einer Reihenhaussiedlung, Tür an Tür mit Trilliarden gut gelaunter Nachbarn. Statt Nukis gezelliger Großfamilie terrorisiert mich nun die noch viel gezelligere Nachbarschaft.

»Besser als krank!«

Holländerinnen bekommen Kinder noch so richtig– ohne technischen Schnickschnack und dieses ganze Pipapo. Anders als in Deutschland gehen die Frauen in den Niederlanden nicht zu ihrem Gynäkologen, um sich während der Schwangerschaft untersuchen und betreuen zu lassen, sondern hier kümmern sich in den neun Monaten bis zur Niederkunft ausschließlich Hebammen um die werdenden Mütter. Die Geburtshelferinnen kann man sich in Holland jedoch nicht aussuchen, sie werden einer Schwangeren einfach zugeteilt, und damit basta! Holländische Hebammen machen kein unnötiges Bohei um so ein bisschen Kinderkriegen. Hier gilt die Regel: »Zwanger zijn is een gezonde toestand!«, was so viel heißt wie: »Schwanger sein ist keine Krankheit, sondern ein normaler, gesunder Zustand!« Und wer nicht krank ist, braucht auch nicht zum Arzt. So einfach ist die Welt in den Niederlanden, und nach dieser Maxime wird eine Schwangere auch behandelt. Ultraschall und Fruchtwasseruntersuchungen während der Schwangerschaft werden nur in Notfällen durchgeführt, Periduralanästhesien sind in Holland verpönt. Nur jede zwanzigste Frau bekommt bei der Geburt eine solche PDA. In Holland kriegt frau ihr Kind auch gerne zu Hause. 40 Prozent aller Holländerinnen gebären in den eigenen vier Wänden. Anouk selbstverständlich auch! Allerdings hat die ganze Sache in unserem Fall einen Haken. Es sind gar nicht unsere eigenen vier Wände. Es sind die von Mam und Pap!

Anouk hat auch ihren letzten Arbeitstag rumbekommen und befindet sich nun im Schwangerschaftsurlaub. Wir besuchen, wie fast jeden Tag, auch heute die liebe Verwandtschaft. Als die Fruchtblase bei Mam und Pap platzt, geht die ganze Sauerei auf den lila Teppich, der 40 Jahre und fünf Geburten fast unbeschadet überstanden hat. Und nun das! Ich allerdings deute das Zeichen für die nahende Ankunft meines Stammhalters falsch und unterstelle meiner besseren Hälfte die übliche ungezügelte Inkontinenz, von der sie seit Beginn der Schwangerschaft heimgesucht wird.

»Nuki!«, zische ich sie an und fluche, »potverdorie, der Teppich!«

Mijn lief und der Rest der Verwandtschaft dagegen registrieren den Blasensprung mit großer Begeisterung und Freude. Eine Hausgeburt. Gezellig!

»O de vliezen zijn gebroken!«, stellt auch Tante Marijke fest, und natürlich wollen alle dabei sein. Niemand kommt auf die Idee zu gehen. Auch Nuki schickt niemanden raus. Es wäre einfach zu unhöflich, diesen intimen Moment mit niemandem teilen zu wollen. Und Tante Wilhelmina, die gerade im Moment des Malheurs das Haus betritt, findet für holländische Verhältnisse fast tröstende Worte: »Besser als krank!«, brummt Tante Willi und streicht Anouk über den Kopf.

Im Kreise der lieben Verwandtschaft und vor den Augen des halben Dorfes bekommen wir unser Kind. Weil Mam und Pap wie alle guten Holländer keine Gardinen vor den Fenstern haben, findet die Hausgeburt in aller Öffentlichkeit statt. Anouk liegt auf der Couch, die Beine gespreizt und auf Kissen gebettet. Sie leidet, stöhnt und presst mit einer Selbstverständlichkeit, als ob sie sich im Fitnesscenter an den gefürchteten Beinhebelapparaten abquälen würde. Tante Marijke assistiert zur rechten, Tante Wilhelmina zur linken Seite, Mam Frieke steht hinter Nuki, stützt und streichelt ihr den Kopf. Den schönsten Tag im Leben nach der Hochzeit verbringen wir mit der halben Verwandtschaft. Genau genommen gilt das nur für Nuki, denn mir wird schlecht. Ich kann kein Blut sehen! Während unserer Zeit auf dem Hausboot war ich nicht einmal seekrank, und auch sonst wird mir nicht schnell übel. Aber wenn ich Blut sehe, mache ich einfach schlapp oder übergebe mich sofort. Ich verlasse das zum Kreißsaal umgebaute Wohnzimmer! Sicher ist sicher!

Pap Frans ruft die Hebamme an, was Nuki aber auch nicht viel helfen wird, denn in der Aufregung wählt er zwar die richtige Nummer, vergisst aber zu erwähnen, dass wir gar nicht zu Hause gebären, sondern bei Mam und Pap, schlappe 30Kilometer von unserem Haus entfernt. Dass dies mal wieder eine Do-it-yourself-Geburt wird, ahnt in diesem Moment niemand. Keiner hat Paps Missgeschick bemerkt. Die liebe Verwandtschaft zieht das hier mit holländischer Entschlossenheit durch. Tante Wilhelmina ist eine erfahrene Geburtshelferin und hat schon so manchem Neffen oder mancher Nichte auf die Welt geholfen. Weil ich vor der halben Verwandtschaft nicht wieder als Lutscher dastehen will, beschließe ich, trotz meiner Hämatophobie wieder ins Wohnzimmer zurückzukehren, und schaue alles mit an. Na ja, ich gucke gar nicht wirklich hin, sondern eher weg, konzentriere mich auf Nukis erschöpftes Gesicht.

»Alles O. K. bei dich, schatje?«, stöhnt Nuki.

»Alles total supertoll!«, lüge ich und drücke ihre Hand ganz fest. Natürlich ist nichts total supertoll. Mir ist schlecht, kotzübel, denn Blut kann man auch riechen, und dies verursacht eine Übelkeit, die mir sagt: Der Held kotzt gleich und zwar im hohen Bogen vor der Familie. Ich wollte ja auch gar nicht wieder rein, aber nach der ichweißnichtwievielten Frage der Nachbarn, die draußen vor dem Haus auf die Ankunft meines Erstgeborenen warten, warum ich denn, bitte schön, nicht meiner Frau beistehen würde, habe ich todesmutig beschlossen, mal kein Weichei zu sein. Nuki dagegen scheint das Ganze zu genießen. Alle dürfen dabei sein. Auch die zehnjährigen Zwillinge Henrike und Huibert, die Kinder von Anouks Bruder Hein, drängen ins Wohnzimmer und schauen ganz genau hin.

»Kijk, ik zie het hoofdje«, jubelt die Zehnjährige, »Gab, kijk!« Klein Henrike sieht schon den Kopf, ach, wie schön, aber der kleine Gab wird sicher nicht den Kopf drehen und hinschauen, sonst muss er kräftig reihern. Mir wird immer schlechter und schlechter. Schließlich werde ich ohnmächtig. Ich mache schlapp und verabschiede mich kurzzeitig aus dieser schmerzgeplagten Welt.

Das Nächste, was ich mitbekomme, ist der laute und kräftige Schrei eines Babys. Ich mache die Augen auf und habe echt Pech. Statt meines Sohnes sehe ich, wie Nuki die Nachgeburt ausscheidet. Wäre ich doch nur ohnmächtig geblieben! Einmal kurz gewürgt und mit einem großen Schwall beende ich mein kurzzeitiges Heldendasein. Nuki schaut mich vorwurfsvoll an, dabei habe ich doch fast durchgehalten. Ich war dabei, irgendwie auf jeden Fall anwesend, und habe nach der ins Wasser gefallenen Hochzeit den nächsten schönsten Tag in meinem Leben mit Nuki zusammen mit der kompletten holländischen Verwandtschaft erlebt.

Mijn lief ist nicht lange böse. Sie ist durchflutet von Endorphinen. Stolz hält sie unseren Sohn in den Armen! »Remco«soll er heißen, was auf der nach unten offenen Schmerzskala für holländische Jungennamen noch die beste gemeinsame Lösung ist. Da wir uns wie alle guten Holländer von der Hebamme vor der Geburt nicht das Geschlecht haben sagen lassen, mussten wir also einen Mädchennamen und einen Jungennamen auswählen. International, aber doch irgendwie holländisch sollte er sein. Meinen Vorschlag, den potenziellen Stammhalter namenstechnisch ein bisschen multikulturell einzudeutschen, hielt Nuki für totalen Mist: Sean-Marcel oder Bernd-Justin wollte mijn lief unseren Sohn partout nicht nennen. Also einigten wir uns auf Remco, was so ein bisschen wie Raymund klingt, aber doch irgendwie männlich. Bei Mädchennamen hatten wir uns auf Valerie geeinigt. Nuki wollte partout Chantal, ein in den Niederlanden durchaus populärer Name, der aber gar nicht geht, falls man irgendwann wieder nach Deutschland zieht und nicht in Rostock, Leipzig oder Erfurt seine Zelte aufschlägt.

Remco geht schon kurz nach der Geburt als Holländer durch. Seine Haut, die kleinen, faltigen Hände und Füße und vor allem das Gesicht sind komplett orange. Er sieht aus wie eine Apfelsine. Schon wegen seines oranje Teints erklärt die anwesende Verwandtschaft Remco mal schnell zum Staatsbürger der Niederlande.

Auch das nächste Ritual ist nicht zu verhindern. Alle Anwesenden müssen»beschuit met muisjes« essen. Ein traditioneller Brauch, mit dem Freunde und Verwandte in Holland jeden Neuankömmling auf dieser Erde begrüßen. Cousin Arjen ist während der Geburt schnell in den Supermarkt gefahren und hat zwiebackähnliches Brot gekauft, auf das jetzt rosa Aniskörnchen gestreut werden– unter heftigem Protest von Nachbarn und Verwandtschaft. Die Hälfte der Kügelchen landet auf dem Boden, aber nicht das führt zu gespielter, lautstarker Empörung, sondern die Farbe der Aniskörnchen. Schließlich ist Remco ein Junge und kein Mädchen. In der Aufregung hat Arjen danebengegriffen und ist statt mit blauen mit rosa Körnchen nach Hause gekommen. Nukis Bruder Leenert kippt eine der Packungen über Arjens Kopf aus, und die Sache ist erledigt. Remco bekommt von alledem nichts mit und nuckelt sich friedlich an Nukis Busen in den Schlaf.

»Und wie hat es dich gefallen?«, will mijn lief von mir wissen und tut so, als würde sie von der Einweihungsparty unseres neuen Hauses sprechen.

»Wie meinst du das jetzt?«

»Na, wie war der erste Mal für dir, schatje?«

»Aufregend und das viele Blut. Sorry, mijn lief, aber ich konnte einfach nicht an mich halten.«

»Aber, Gab, ich meine doch nicht dein große Brecheinlage!«

»Meinst du nicht?«

»Ach, schatje, du warst doch der ganze Zeit bewusstlos. Deine erste Mal »beschuit met muisjes«. Aufregend, oder? Und dann nimmt Arjen doch echt der falsche Sorte, diese Tollpatsch!«

»Ah ja! Und das mit dem Ohnmächtigsein und so?«

»Liefschatje, ich weiß doch, dass dir Blut schlecht werden lässt! Du hättest nicht extra wieder in die Zimmer reinkommen müssen.«

»Hätte ich nicht?«

»Hättest du nicht!«

»Aber ich konnte dich doch nicht alleine lassen!«

»Ach, schatje!«

»Und die vielen Leute!«

»Gezellig!«

»Gezellig?«

»Ja, schatje, heel gezellig!«

Ja, so ist das in Holland. Einfach mal schnell im wichtigsten Moment des Lebens umkippen und alles verpassen ist nur halb so schlimm, wie die Party danach zu versauen. Man muss halt Prioritäten setzen.

Lekker ding

Ich stehe am Fenster und beobachte meine Nachbarn. Ich habe einen völlig ungehinderten Blick auf alle anderen Bewohner unserer Wohnanlage. Dabei wären Vorhänge meine einzige Bedingung gewesen, als wir beschlossen haben, ein Haus in einer typischen holländischen Schuhkartonstapelhaussiedlung zu kaufen. Unser Stapelhaus, in der bloemstraat 38, ist holländischer Standard: Unten das Wohnzimmer, darüber das Schlafzimmer, eins weiter oben das Kinderzimmer und über dem Kinderzimmer das Büro. Pro Stockwerk ein Zimmer, plus einem Bad, alles frei einsehbar, weil keine Gardinen. Das Ganze in rotem Backstein gehalten. Haus an Haus, Straße für Straße, Viertel für Viertel. In Holland wird einfach in der Breite Platz gespart, und den Stapelturm nennt man dann Haus. Ganz Amsterdam sieht so aus, und was in der holländischen Hauptstadt funktioniert, klappt auch bei uns in der Provinz Limburg. Schöner Wohnen auf Holländisch! Schon vor unserem Hausbootabenteuer wollte Nuki in so ein Schuhkartonstapelhaus. Jetzt hat sie es endlich geschafft. Nuki will mir aber trotz meiner Bereitschaft, in die Schuhkartonstapelhaussiedlung zu ziehen, keine Gardinen gönnen.

»Wir sind Holländer!«, sagt sie immer, wenn ich als deutscher Ehemann und Teilzeit-Misanthrop etwas haben möchte, was in Holland gar nicht geht. Das bekomme ich auch zu hören, wenn ich mich übers holländische Wetter oder über holländische Schlagermusik aufrege.

Wetter ist in Holland immer scheiße. Wenn man es genau nimmt, haben wir hier gar kein Wetter, denn in Holland ist der Himmel immer grau, irgendwie gar nicht vorhanden. Man sieht keinen Himmel, sondern lebt unter einer Art milchigweißer Glocke. Wolken oder einfach nur Konturen von Wolken sind nicht zu erkennen. Holländer sind geizig, die sparen sogar am Himmel! Wenn schon kein Wetter, dann auch keinen Himmel. Dann braucht man sich auch nicht darüber aufzuregen, über das Wetter, so wie in Deutschland. Wenn in meiner alten Heimat im Sommer nicht jeden Tag 30 Grad sind, dann schreien alle: »Klimakatastrophe«. Dauert der Winter bis Mitte März: »Klimakatastrophe«. Regnet es an Pfingsten: »Klimakatastrophe«. In Holland redet kein Mensch vom Klima. Man hat ja keines. Holländer sind auch anders als die Deutschen nicht schlecht gelaunt, wenn es im Juli regnet oder im Winter monatelang sieben Grad hat. Immer sieben Grad ist natürlich schon Mist, aber man kann sich darauf einstellen. Also verbreitet man statt schlechter Stimmung immer gute Laune und das meistens mit Musik. Besonders beliebt ist der sogenannte nederpop, so eine Art Schlager, alles auf Holländisch natürlich! Schlagersänger sind in Holland echte Stars, füllen die Amsterdam ArenA mit 60 000 Leuten und sind in allen Altersklassen und vor allem in allen sozialen Schichten populär. Würde man in den Niederlanden die holländische Andrea Berg einfach aus einer Preisverleihung im Fernsehen rausschneiden, würde die Sendezentrale gestürmt. Schlagersänger werden in Holland verehrt und nicht verspottet! Dafür tragen die dann aber auch nicht gefühlte 1500 Freundschaftsbändchen am Handgelenk oder Oberlippenbärte, nennen sich nicht Flippers oder Amigos und singen keine Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Texte wie »Ichwill dir gerne noch so viel sagen /Du weißt, mein Herz wird nur für dich schlagen«!Wenn ich das meiner Nuki ins Ohr summen würde, gäbe es die Standardantwort von mijn lief:»Wir sind Holländer!«

Ich vermisse aber nicht nur Vorhänge, echtes Wetter und ordentliche Musik, sondern auch unser altes Hausboot. Damals brauchte ich keine Gardinen. Wir hatten ja auch keine Nachbarn. Jetzt schon!

Unsere direkten buurmannen und buurvrouwen sind Mieke und ihr Mann Huub. Mieke ist selbst für holländische Verhältnisse zu dick, hat braune Locken, lacht immer und hat es geschafft, drei Kinder in ihrem Stapelhaus unterzubringen. Miekes Mann Huub ist Tatortreiniger und wird von Mieke immer nur lekker ding gerufen.

Gegenüber von uns wohnen Jeroen und Juultje. Die beiden sind das genaue Gegenteil von Mieke und Huub: in allen Dingen des Lebens sehr liberal und tolerant, machen tolle Urlaube und reden offen über ihre sexuellen Vorlieben. Jeroen arbeitet als Investmentbanker, Juultje ist Geistheilerin. Kinder haben sie keine.

Alle Nachbarn haben eines gemeinsam. Sie feiern gerne. Ständig gibt es buren feestjes, also Nachbarschaftsfeiern. Jeder ist mal Gastgeber und lädt die anderen ein. So sitzt man immer mit derselben Clique zusammen. Wird jemand vergessen, lädt er sich selbst ein und kommt einfach dazu. In Deutschland würde in so einem Fall hinter dem Rücken des Betreffenden getuschelt, dass er sich aufdrängt. Hier wird mit überbordender Leutseligkeit jeder geherzt, der ganz spontan und irgendwie jeden Tag beim anderen vorbeischaut und eine Feier organisiert. Grill und Fritteuse laufen auf Hochtouren. Im Keller gibt es Extrakühlschränke für frikandellen (Pferdefleischwürstchen), bitterballen (Matschfleischbällchen) en lekkere biertjes. Der Super-Gau in holländischen Haushalten ist es, wenn die lieben Nachbarn vorbeikommen und es gibt nicht ausreichend zu frittieren und zu trinken.

Heute sind wir ganz »spontan« bei Jeroen und Juultje auf ein kleines feestje. Remco schläft im Kinderwagen, was ein Wunder bei dem Lärmpegel ist, aber er scheint mir wirklich schon mehr Holländer als Deutscher zu sein. Mijn lief umarmt mich und gibt mir einen extra dikken kus.

»Ich liebe dir wie an die erste Tag von unsere Begegnung, schatje!«, flüstert mir Nuki ins Ohr. »Und ich bin so stolz auf dich, dass du dir für mir und Remco und unsere super gezellige Leben in Holland entschieden hast! Ik finde het heel leuk mit dich hier.«

Ich freue mich ja auch und würde mich noch mehr freuen, wenn ich wenigstens ein kleines bisschen Deutscher bleiben könnte und mir meine kleine Nuki nicht ständig Hup Holland Hup! vorsingen würde. Ich bin ja gerne hier und quasi akklimatisiert. So ein paar Sachen aber würde ich noch beibehalten wollen. Ab und zu ein bisschen einsam sein, Vollkornbrot einmal die Woche und die deutsche Sprache, zumindest zu Hause. Dafür sage ich Nuki auf Holländisch minimum einmal am Tag, dass ich sie liebe– akzentfrei und nicht genuschelt.

»Ik hou ook van jou!«, flüstere ich mijn lief ins Ohr. Nuki strahlt, wird dann aber für ihre Verhältnisse fast ernst.

»Schatje, wir müssen uns für dir um einen Job kümmern. Du brauchst ein Arbeit. Remco kommt mit drei Monaten schon in der Krippe. Ich finde, du solltest dich jetzt schon mit die Suche beginnen.«

»Aber, Nuki, das hat doch noch Zeit!«

»Nein, das hat überhaupt kein Zeit. Wieder Möbel verkaufen kannst und willst du nicht bei die Ikea, Kaugummiautomaten befüllen war auch nichts für dir, also schaust du dir in Ruhe um und findest eine schöne Arbeit, die dich Spaß macht.«

»Ich kann doch auch erst mal zu Hause bleiben und mich um den Haushalt kümmern, einkaufen und…!«, versuche ich einzuwenden, aber Nuki lässt keine Widerrede gelten.

»Ach, schatje, sei doch nicht lustig. Du bist immer noch so deutsch. Hier arbeiten alle, wenn das Kind ein Vierteljahr alt ist. Die anderen werden dir so hochnehmen. Einfach zu Hause bleiben gibt es bei uns nicht! Alle arbeiten! Du wirst schon etwas finden, was dich Spaß macht, schatje!«

Mittlerweile hat sich Nachbarin Mieke zu uns gesellt und mischt sich gleich ein, denn sie weiß schon eine Lösung für meine Jobsuche. Sie winkt Huub zu sich, und ihr Mann trottet im Zeitlupentempo auf uns zu. Mieke tätschelt Huub die Wange und vermittelt mir meinen ganz persönlichen Traumjob.

»Hör mal, lekker ding, ihr sucht doch immer Mitarbeiter in eurer Reinigungsfirma. Kannst du Gab nicht als Tatortreiniger vermitteln?« Na, das ist ja mal eine tolle Idee für jemanden, der kein Blut sehen kann. »Also natürlich nur, Gab, wenn dir so was nichts ausmacht?«, führt sie in perfektem Deutsch aus.

»Gab kann keine Blut sehen!«, erklärt Nuki der kleinen Feiergemeinde.

»Ach, da fließt auch nicht immer Blut!«, versucht Mieke mich zu beruhigen. »Wenn Menschen unbemerkt von Freunden und Familie sterben und längere Zeit in der Wohnung liegen, verliert der Leichnam so ein bisschen Körperflüssigkeit. Tatortreiniger kümmern sich nicht nur um Mordopfer. Es heißt halt einfach ›Tatortreinigung‹, auch wenn niemand gewaltsam ums Leben gekommen ist.«

Mieke redet. Huub schweigt. Er ist kein Mann großer Worte. Lekker ding sagt nichts. Nicht mal »lekker Blut« oder so. Eigentlich ein super Kumpel. Quatscht kein dummes Zeug, und mit meiner Kundschaft würde ich ja auch nicht direkt sprechen müssen. Ich müsste halt nur sauber machen, wo Mörder oder Maden ganze Arbeit geleistet haben. Hört sich gruselig an, aber für einen Misanthropen wie mich eigentlich ein Traumjob. Und das Beste kommt zum Schluss:

»Die zahlen Huub 70 Euro die Stunde! Nur Anwälte und Banker verdienen mehr!«, hat Mieke noch ein letztes überzeugendes Argument auf ihrer Seite.

Und die müssen auch noch den ganzen Tag reden, die Anwälte und Banker, denke ich mir und bin gar nicht mehr so abgeneigt. Eigentlich sind lekker ding und ich die Ideallösung für so einen Job.

»Huub fragt seinen Chef und nimmt dich mal mit«, beschließt Mieke die Diskussion, dreht ab und nimmt lekker ding ins Schlepptau.

Auch Nuki und ich veabschieden uns von Jeroen und Juultje und gehen mit Remco im Kinderwagen nach Hause.

»Wie schön, dass du dir so schnell mit den neuen Nachbarn anfreundest. Goed zo, schatje!«, flötet mijn lief. »Und mit den Job schauen wir mal!«

»Ich mache es, wenn du mir meinen größten Wunsch erfüllst!«

»Und das wäre, schatje?«

»Ich bekomme meine Gardinen!«

»Wir sind Holländer!«

»Im ganzen Haus!«

»Das können wir nicht schaffen. Wir haben uns gerade erst mit die Nachbarn angefreundet!«

»Im Wohnzimmer, im Schlafzimmer und in allen anderen Zimmern auch, mijn lief!«

»Das geht nicht!«

»Ansonsten werde ich noch deutscher und bleibe wie meine Landsfrauen einfach drei Jahre zu Hause. Dann darfst du Alleinverdienerin spielen, und ich falle dir, wenn du Homeoffice hast, furchtbar auf die Nerven!«

»O. K., Gardinen sind doch gar nicht so übel!«, findet mijn lief mit einem Mal. Als wir nach Hause kommen, stellt sie sich an unser Wohnzimmerfenster und brummt: »Ongezellig!«

»Als Mama noch ’ne Frau war«

Kinder sehen Mamas nicht als richtige Menschen an. Lady Gaga, Harry Potter, Cristiano Ronaldo, das sind richtige Menschen. Vielleicht auch noch Papst Franziskus oder Tine Wittler. Richtige Menschen sind verkleidet, können singen, zaubern, Fußball spielen, haben irgendetwas mit Weihnachten, Gott und so zu tun oder sie verschandeln Wohnungen derart gelungen, dass diese nach der Renovierung noch schäbiger aussehen als vorher. Mamas also sind niemals richtige Menschen! Sie singen nur Hänschen klein, verarschen einen mit billigen Zaubertricks (»Und da war die Schokolade weg!«), blamieren dich auf dem Fußballplatz mit totaler Ahnungslosigkeit, drohen, dass der Weihnachtsmann keine Geschenke bringt, und stellen Kinderzimmer mit Holzspielzeug voll, das niemals wirklich Spaß macht, sondern immer nur pädagogisch wertvoll ist. Mütter sind Neutra. Das weiß jedes Kind. Auch Henrike und Huibert, die Kinder von Anouks Bruder Hein, haben das der Verwandtschaft bei unserem letzten Familientreffen mitgeteilt.

»Als Mama noch ’ne Frau war, ist sie am Wochenende in die Disco gegangen und sie hatte Papa sehr lieb. Jetzt ist sie immer zu Hause und hat Papa nicht mehr lieb, weil ja keine Babys mehr aus ihrem Bauch kommen!«

Ja, so ist das! Ob Papas richtige Menschen sind, will ich von Henrike und Huibert lieber gar nicht wissen, denn Kinder schrecken mit ihren Wahrheiten vor gar nichts zurück.

»Onkel Gab ist schon steinalt. Ihm wachsen Haare aus den Ohren, und ich sehe auf seinem Kopf eine Läuserutsche!«

So viele Haare fehlen eigentlich gar nicht auf meinem Kopf, aber man kennt das ja. Kindermund tut Wahrheit kund. Das mit dem Sex stimmt natürlich schon irgendwie. Vier Monate sind seit Remcos Geburt vergangen, und Anouk ist immer noch eine Fata Morgana, was Vorspiel, Nachspiel und Tatütata angeht. Nicht mal an vluggertjes ist zu denken. Aber auch bei anderen Paaren sieht es nicht besser aus. Nukis Arbeitskolleginnen Roos, Maud, Tess, Sanne und Lieke sind da. Seit vier Wochen ist Nuki wieder als Frau Antje unterwegs und arbeitet Vollzeit als Key-Account-Managerin und Käseclown. Heute wird mal nicht über die Arbeit abgelästert, sondern über Männer. Kaffeeklatsch auf Holländisch. Statt Cappuccino und Latte macchiato gibt’s Heineken, Weißwein und Käsehäppchen. Ich darf beim Frauentratsch auch dabei sein, weil Nuki und Co. glauben, ich würde sie eh nicht verstehen, da sie nicht nur Holländisch sprechen, sondern auch noch alles im lokalen Limburgs-Dialekt verschlüsseln.

Roos, Maud, Tess, Sanne und Lieke haben ebenfalls Kinder. Die sind zwar schon alle älter als Remco, aber der Sex ist bei keiner der Frauen so, wie er eigentlich sein sollte. Das heißt, so, wie Frauenzeitschriften ihn ihren Leserinnen einreden wollen. Zweimal die Woche, mal auf dem Küchentisch oder der Waschmaschine oder ganz spontan im Wintergarten; atemberaubend nicht nur die Akrobatik, sondern alles total aufregend und lasziv. Roos, 36, Maud, 34, Tess, 37, Sanne, 33 und Lieke, 38, sehen typisch holländisch aus. Nicht zu dick, nicht zu dünn, eben lekker. Gut Essen und Trinken ist in Holland nicht die Erotik des Alters, sondern das macht man schon in jungen Jahren, wenn man theoretisch noch Sex hat. Trotz Dialekt verstehe ich natürlich alles.

»Und was macht der Sex bei euch?«, will Maud von mijn lief wissen.

»Ich fühl mich mit meinen Rollis noch nicht bereit.«

»Ach, mach dir keine Illusionen«, mischt sich Tess ein. »Auch ohne Rollis ist nichts mehr, wie es vorher war!«

»Nein?«

»Nein!«

»Rein und raus und fertig. So ist das bei uns. Ein Trauerspiel!«, leistet jetzt auch Sanne ihren Beitrag zum Thema. »Das Leben ist ein vluggertje, wenn überhaupt!«

»Also Jannis gibt sich wirklich Mühe«, erklärt Roos und nimmt gelangweilt ein Stück Gouda von der Käseplatte. »Er ist wenigstens immer auf der Suche!«

Maud ahnt bereits, worauf Roos hinauswill. »Der Arme, ich tippe mal auf den G-Punkt!«

»Ach Gottchen. Als ob er ihn je finden würde!«, versucht Tess alle Hoffnungen auf ein Happy End im Keim zu ersticken.

Und auch Lieke hat da so ihre Erfahrungen. »Jan sucht genauso verzweifelt. Er lässt sich dabei auch nicht von mir abbringen. Er sucht und sucht und sucht!«

»Dieser beknackte G-Punkt.«

»Die dümmste Erfindung seit dem Gouda!«

»Am besten, du drückst deinem Mann eine Bedienungsanleitung in die Hand!«

»Genau, am besten auf Chinesisch, dann hat er nachher eine Ausrede, warum er ihn nicht gefunden hat!«

Meine Nuki ist schockiert über die Erfahrungen ihrer meisjes und sagt jetzt gar nichts mehr. Lieke, ihre älteste Freundin, will nicht darauf antworten, ob ihr Mann Jan noch fündig wurde. Sie hat ganz andere Pläne, um ihr Liebesleben anzukurbeln.

»Also ich will mit Jan jetzt mal Polyamorie ausprobieren.«

»Was ist das denn schon wieder?«, will Tess wissen.

»Das ist mit in Folie einwickeln und so. Kenn ich, habe ich schon mal im Fernsehen gesehen. Darauf steht mein Mann!«, ruft Roos ganz begeistert, liegt damit aber leider vollkommen falsch.

»Polyamorie heißt Vielliebe!«, belehrt Lieke sie. »Also, wenn du feststellst, dass man nicht nur einen Menschen lieben kann, sondern mehrere gleichzeitig!«

»